»Gebet um Segnung der Menschheit«

 

O Herr, Du langmütiger, liebevollster Vater aller Menschen! Laß Deinen Geist der Liebe herabströmen auf uns und auf dies ganze verirrte Menschengeschlecht, welches wie trunken von weltlichen Begierden Deiner fast völlig vergessen hat! Laß ihnen leuchten das Licht Deiner Liebe und Erbarmung! Verleihe ihnen Einsicht in Deine unwandelbaren Gesetze der materiellen und geistigen Natur, auf dass sie nicht fortwährend gegen dieselben sündigen und sich Unheil und Not bereiten! Laß sie begreifen, dass Bruder- und Schwesternliebe, als ein schwaches Echo Deiner unendlichen Vaterliebe, sie zusammenbinden soll, und dass nicht Haß, Ehrgeiz, schnöde Gewinnsucht die Triebfedern ihres Handelns sein sollen, die ihnen allzeit nur zur Quelle bitterer Leiden werden. Laß allen voll und rein Dein Licht der Erkenntnis leuchten, damit die Finsternis verschwinde, in die falsche Erziehung und falsche Religionsbegriffe die Welt gestürzt haben. O Vater, segne die verirrten Menschen! Denn, wenngleich verirrt, so sind es dennoch Deine Kinder. Führe sie alle auf Deinen weisen, wunderbaren Wegen zu Dir und in Dir zum ewigen Leben. Gib ihnen Ruhe und Frieden, auf daß ihnen leuchten möge das ewige Licht Deiner Liebe. Amen.

Gebete, bei welchen der Mensch seine eigenen Verhältnisse vergisst und nur das Wohl der andern im Auge hat, - solche Bitten kommen leider selten zu Meinen Ohren. Denn solcher Herzen, die so weit in der reinen Liebe zu Gott und den Menschen gereift sind, gibt es wenige auf Erden. Die Menschen beschäftigen sich zu sehr nur mit sich selbst , und es genügt ihnen, wenn sie für sich Ruhe und Frieden erbeten haben, weiter geht ihre Sorge nicht. So aber, wie solch ein geistig gereifter Mensch für die andern betet, beten auch Meine Engel, welche als Meine Diener nur das geistige Wohl aller ihnen anvertrauten Wesen wünschen. Ein solcher Mensch hat von solchem Gebet aber auch den größten Nutzen für sich selbst, weil er eine Gewissensruhe in sich verspüren wird, die ihn weit über alles Materielle emporhebt und alle kleinen Mißhelligkeiten des menschlichen Lebens vor ihm in Nichts zerfließen lässt. Wer so für die Menschen zu beten imstande ist, wer solches alle Tage tun kann mit gleicher Liebe, mit gleicher Inbrunst, und wessen Handlungen während des ganzen Tages immer diese Richtung haben, der betet stündlich und ohne Unterlaß zu Mir, errichtet sich in seinem Innern einen Friedenstempel, den niemand zerstören kann, und übt so die Menschenliebe aus, wie Ich sie einst gepredigt und gezeigt habe.


[Aus „Heilige Zwiesprache“ Gebet um Segnung der Menschheit, Seite 96]

Die meisten Christen, die den Herrn mit dem Munde bekennen, leben in dieser Zeit, als hätten sie ewiglich hier zu leben; sie suchen nach Geld und Gut, ringen um Ehre und wollen es mit der Welt halten, damit sie stets geachtet sein möchten. Wer darauf baut, von Menschen geehrt zu sein, der möge sehen, ob er einst auch dem Herrn Jesus gefällt. O werdet doch Christen, welche man dort brauchen kann und denen dies allein vor Augen steht: die Seele zu retten, ihr Heil zu schaffen und die Welt mit ihren Lüsten, mit ihren Sorgen und Mühen zu verlassen. Suchet im täglichen Leben dem Herrn Treue zu beweisen, da will Er gepriesen sein. Wenn du dich demütigen kannst; wenn du dir harte Reden sagen lassen kannst, ohne es übel aufzunehmen; wenn du in Geduld verharrst gegen deinen Mitmenschen, welcher dich übt vom Morgen bis zum Abend; wenn du das, was du hast, teilst mit dem, welchen der Herr dir schickt; wenn du betest für den Nächsten, auch wenn er dich beleidigt hat; wenn du täglich vergeben kannst: das will dein Heiland von dir.

O kommet zu dem Liebreichen, kommet zu Dem, welcher geduldig ist und langmütig, wenn ihr Ihn noch so oft beleidigt; kommet zu dem Weisen, der Rat hat für alles, der alles wunderbar hinausführt, wenn auch oft durch tiefes, tiefes Dunkel; kommet zu dem mächtigen Herrn, ohne welchen nichts geschehen kann und der die Seinigen behütet und bewahrt, zu dem Herrn, der, wenn Er auch zur Läuterung etwas über Seine Kinder kommen läßt, dennoch das rechte Maß und Ziel weiß; welcher nicht hört auf Verleumdungen der Menschen, sondern das Herz ansieht und bis in den tiefsten inneren Grund hineinblickt. Wer kann noch zagen, wenn er Jesum hat; Sprechet doch in allen Nöten: Herr, du bist mein Fels, meine Burg, ich verlasse mich auf Dich, Du bist mein Retter in den Nöten des Leben! Sprechet, wenn ihr gefehlt habt: Schaffe in mir, o Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen Geist, reinige mich durch und durch und heilige mich, auf dass ich Dich einst schauen kann.

[Zitiert aus: "Lebendiges Wasser" Karl-Rohm-Verlag - Bietigheim]

 

 

 

 

 

Und hier wird zitiert aus:  Lebendiges Wasser  

 

Vorwort

Johannes Gommel wurde am 16. Oktober 1811 zu Heimerdingen in Württemberg geboren. Er war klein von Gestalt, hatte blaue Augen, gelbblonde Haare, war schwächlich und unbegabt. Als Kind hielt man ihn für blödsinnig. In der Schule lernte er nichts, konnte aber stundenlang für sich allein nachdenkend sein oder bei etwas zusehen. Mit größter Mühe brachte es sein Privatlehrer (der Lehrgehilfe an der öffentlichen Schule) dahin, dass er die gedruckten Konfirmationsfragen, die er herzusagen hatte, auswendig lernte. Lesen und Schreiben konnte man ihn nicht leeren, und er wäre nicht konfirmiert worden, hätte man nicht auf seinen Vater, der Ortsvorstand (Bürgermeister) war, Rücksicht genommen. Lesen lernte er später durch den häufigen Gebrauch des heiligen Gotteswortes und den Beistand des Heiligen Geistes. Im Schreiben brachte er es nicht weiter als zu seinen Namenszug. Sein irdisch gesinnter, in geistlichen Dingen unerfahrener Vater behandelte ihn hart, was Johannes bei dem immer mehr hervortretenden inneren Leben umso schwerer empfand. Sein Stiefvater nahm jedoch keine Rücksicht darauf. Unter der schweren Landmannsarbeit, welcher die schwache Kraft Johannes Gommels nicht gewachsen war, rief er manchmal aus: "Herr wirst du nicht ein Ende machen?!"

 

Obgleich er äußerlich etwas Einfältiges, Unansehnliches und eine stammelnde Zunge hatte, konnte er doch, wenn er aufwachte, mit hinreißender Beredsamkeit Versammlung fesseln. Sein Antlitz strahlte einer himmlischen Liebe, sein Auge lebendig von einem milden Glanz, ja sein ganzes Wesen wurde Liebe. Die unscheinbare Gestalt verwandelte sich so sehr, als wenn er ein anderer Mensch geworden wäre. Seine Worte klangen anfangs schüchtern, aber dabei so eigen lieblich, aus einem so innigen Ton, daß man unwillkürlich an den Geist Gottes denken mußte, der aus ihm rede. Sie waren höchst einfach, aber voll Geist und Leben, und wurden immer belebter, bis es kam, als ergösse sich ein Strom von Feuer und Geist aus ihm, so daß es nicht nur ein unbeschreiblicher Geistesgenuß war, ihm zuzuhören, sondern daß man mit fortgerissen wurde nach dem Himmel, ja bis vor den Thron Gottes selbst. 

 

Sein Herzensfreund und erster Biograph, der längst heimgegangene Pfarrer Schwarz von Botenheim, schreibt über einen in der Adventszeit des Jahres 1839 bei ihm gemachten Besuch Johannes Gommels wörtlich: „Er bezeugte sich bei uns mit einer Demut, wie wir vor- und nachher keine mehr sahen, der man aber anspürte, daß sie von Herzen kam. Gleich dieser erste Besuch ließ einen großen Segen bei uns zurück, obgleich wir nachher uns kaum mehr sagen konnten, was wir gehört hatten, denn es waren die einfachsten Worte der Schrift gewesen; aber wir hatten die Kraft des Wortes Gottes erfahren und hatten mit Augen eine ganze dann von und Herzen gesehen, wie es Geist und Leben werden kann, so daß wir am andern Tag, dem Adventsfeste, wo wir auch zu Gottes Tisch gingen, einen so innigen und seligen Genuß von dem Heil in Christo hatten, wie noch nie, und dies dauerte auch die ganze Woche fort. 

 

Am Dienstag darauf kam er wieder zu uns und blieb den ganzen Tag, hielt auch in einer kleinen Versammlung bei uns eine Ansprache, in der er hauptsächlich darauf drang, daß man in der Gnade Gottes allem absagen und mit allem Ernst nach dem Loswerden von aller Sünde ringen soll, weil ja nichts Gemeines noch Unreines ins Reich Gottes eingehe. Alles müsse weg, was noch im Fleisch sei. Darum habe der Herr den Weg so schmal gemacht. Es wäre nicht gut, wenn etwas vom Fleisch noch mit hinüber käme, denn das müßte uns vom Lichtsreiche abstoßen in die Finsternis zurück, weil ja im Tod nicht die Seele sterbe, sondern so wie sie sei, mit ihren Trieben, Neigungen und Gewohnheiten in die Ewigkeit eintrete. Und auch auf der Welt gelange die Seele nicht zum völligen und bleibenden Frieden in Christo, wenn sie nicht alles Sündliche darangegeben habe. 

 

Und dazu dürfen wir ja nur den lieben Heiland bei seinem Worte fassen; wenn wir mit dem die Sünde recht angreifen, so müßte der Teufel und die Hölle erzittern. Es sei ein einfacher Weg, aber ernstlich müsse man darauf bleiben, sonst könne einem Christus nicht helfen, noch seine Gaben mitteilen, und diese seien so groß. Wenn man ihn recht habe, so komme es zuletzt, daß man in einem Reichtum von Seligkeit schwimme. Man habe es ja so gut beim Heiland (und das konnte man recht gut glauben, weil man von ihm den Eindruck erhielt, daß er aufs innigste mit Jesu verbunden und ganz unbeschreiblich selig sei)." –

 

In seinen Jünglingsjahren erfuhr Johannes zwar auch durch mancherlei Versuchungen, daß er Fleisch und Blut hatte; aber durch die Gnade blieb er dem Herrn fortwährend treu. Er besuchte die Versammlung der Gläubigen, blieb aber in seiner Demut so schweigsam, daß niemand wußte, was für ein Werk Gottes in ihm war. Was da für sein inneres Wachstum vorkam, nahm er stille auf, das andere ließ er liegen. So machte er es auch beim Besuch des Gottesdienstes in der Kirche, die er ohne Not nicht versäumte. In dieser Vorborgenheit, die er 13 Jahre hindurch behauptete, kam er in eine immer innigere Geistesgemeinschaft mit Jesu hinein und zog die Kraft seines Lebens zur Ernötung des alten Menschen und seiner Begierden, Lust und mächtigen Eigenart immer mehr an. Und da er also stets hatte, so ward ihm auch je mehr und mehr gegeben, daß er die Fülle hatte, und die Gabe des Heiligen Geistes in ihm wahrhaft schriftgemäß ein ununterbrochener Lebensstrom wurde.

„So wurde er", wie Pfarrer Schwarz berichtet, „auch mehr und mehr ins himmlische Wesen gezogen, da lebte er eigentlich, auf Erden blieb er ein Fremdling. Da er zudem schwächlich war und sein Beruf das Bauernwesen nicht sein konnte - obgleich er immer, so viel es ihm physisch (körperlich) möglich war, seinem Vater und seinen Brüdern in allen Arbeiten an die Hand ging - wurde er immer mehr seines himmlischen Berufs teilhaftig und erfuhr die Kraft des göttlichen Wortes, das seine fortwährende und teuerste Seelenspeise war, auf eine ganz außerordentliche Weise. Er erzählte uns zum Beispiel in seiner unverdorbenen Kindlichkeit (die ihn neben aller empfangenen Weisheit bis zum Tode nicht verließ), er habe früher, als er in der Bibel von den großen Verheißungen für die Überwinder gelesen habe, zum lieben Heiland sagen müssen: „Was sind denn das für Leute, die Überwinder, daß Du denen so Großes verheißen hast?" 

 

Aber später, da er erfahren habe, was es koste, wenn man zum Leben eingehen wolle, nämlich alles, den Tod des g a n z e n alten Menschen, da habe er nicht mehr gefragt. Und in Wahrheit, wenn es überwinder gibt, d. h. solche, die in der Tat den Sieg über den alten Menschen durch die Kraft des Lebens Christi errungen haben - und daß es solche geben müsse, erfahren wir wenigstens aus dem Wort Gottes: - so ist er als ein Überwinder vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. So heftig und reizbar auch sein alter Mensch von Natur gewesen war, von der Zeit an wenigstens, wo wir ihn kennen lernten und in dem Umgang von zwei Jahren, während welcher er wohl sechsmal auf kürzere oder längere Zeit bei uns war, konnten menschliche Auge keine Empfindlichkeit, keine Heftigkeit, keine Ungeduld, keine Reizbarkeit, keine Regung von Stolz oder Selbstgefälligkeit und ebensowenig eine Augenlust oder Fleischeslust oder hoffärtiges Leben, noch weniger eine Unlauterkeit oder etwas Gemachtes an ihm bemerken. 

 

Er dachte sich über niemand hinauf, so schlecht es auch sein mochte, denn er sagte: „Der Heiland kann morgen aus ihm einen Heiligen machen, dcssen ich nicht wert wäre, nur der Türhüter zu sein." Voll ungeheuchelter Herzensdemut und lauterer Herzenseinfalt, in einer alle umfassenden Liebe, im Frieden Gottes, so daß er ihn umschloß und umwehte, in herzlicher Freundlichkeit Gütmütigkeit, und selbst noch in kindlicher Arglosig gegen jedermann, in einer herzgewinnenden Sanftmut, mit herzlichem Erbarmen über Verirrte und Gottes oder Jesu Widersacher, immerwährend in sich gesammelt und eingekehrt, in stiller Ruhe, der man den ununterbrochenen Gebetsumgang mit seinem Lebensquell Jesu wohl anspürte, in der kindlichsten Arglosigkeit - als er später die Falschheit der Menschen in etwas erfuhr - in einer zuvorkommenden und weisen Liebe gegen Arglistige, in der bescheidensten Niedrigkeit, in der aufmerksamsten Dienstfertigkeit, in der ernstesten Selbstverleugnung aller Bequemlichkeit und Weichlichkeit und dergleichen, in der weisesten Vorsicht in Wort und Tat (wie der lebenserfahrenste Greis, aber ganz kindlich), und in der ungezwungensten Freudigkeit: so wandelt er dahin, als ein Licht der Welt. 

 

In Wahrheit, es war eine ganz außerordentliche Erscheinung, wie man sie in alten Lebensbeschreibungen, zum Beispiel der heiligen Seelen von Tersteegen, noch liest, aber nirgends mehr sieht oder hört. Das war ein wahrer Christ, denn er war ein Bild Jesu Christi, eins wie und keit n e u e K r e a t u r , die wahrhaftig aus Gott geboren war, und in der die Kraft der Gnade, die Kraft des Lebens Jesu wirklich zum Sieg über die Sünde im Menschen hindurchgedrungen war. Jesus war sein Leben, seine Liebe, sein einziger Magnet, sein ein und alles.

 

Mit dieser s i t t 1 i c h e n Durchleuchtung seines ganzen Wesens war aber auch ein hohes G e i s t e s 1 i c h t verbunden. Je weniger er von der Weisheit dieser Welt in sich aufnehmen konnte, um so mehr konnte die göttliche Weisheit in ihm eingehen und sich ihm offenbaren. Und da kam es dann auch nach und nach dahin, daß er empfing, was unser Herr seinen ersten Jüngern verhieß: „Sie werden den Himmel offen sehen" (Joh. 1, 51). Er hatte den geöffneten Blick in die Regierung Gottes im Himmel und auf Erden, so daß, wenn er seinen Vertrautesten und Gefördertsten etwas davon mitteilte, die heiligsten Geheimnisse des Waltens Gottes mit seinen Kreaturen, und zwar ganz in Übereinstimmung mit den Aufschlüssen des heiligen Gotteswortes, enthüllt wurden. Ebenso blickte er in den Geist dieser Welt und dessen Entwicklung, ob er gleich keine Zeitung las, noch sonst irgendwoher eine äußere Belehrung über Weltkunde erhielt, mit einer Schärfe und Tiefe des Geistes hinein, daß einen oft Staunen und Schauder ergriff.

 

Wenn er von dem Verderben dieser Christenheit sprach, die er (außer den Wenigen, die ihre Knie vor dem Baal nicht gebeugt haben) in ihrem Abfall helle erkannte, weinte er oft Tränen des Erbarmens über ihre Blindheit und ihr schreckliches Gesicht, durch das Fallen in das Reich und die Macht des Antichrists.

 

Ebenso dagegen, wenn er auf die Seligkeit der Überwinder kam, wurde seine Rede die Sprache heiligen, himmlischen Entzückens, das uns unser Zurücksein aufs schmerzlichste fühlen ließ und das heftigste Verlangen nach solcher Durchdringung vom Geist Gottes erregte. Er hatte wie Oberlin den hellsten Blick in die Zustände der Seelen nach dem Tode (ohne je somnambül gewesen zu sein). Namentlich sagte er, es sei ein schrecklicher Irrtum, daß man glaube, wenn man nur im Glauben an den Heiland sterbe, so komme man gleich ohne Unterschied zum Anschauen Jesu; es stehe ja klar in der Schrift, daß man ohne Heiligung, ohne ein gereinigtes Herz, nicht Gott schauen könne, nur die Überwinder können eingehen in die Stadt Gottes; darum sei es sehr wichtig, daß wir hier los werden von allem Unreinen, Sinnlichen, nach Geist, Seele und Leib; auch der Leib muß geheiligt werden, d a s V e r w e s 1 i c h e (es heißt nicht das Verweste im Grab, noch das Verwesende) müßte in d i e s e m Leben das Unverwesliche anziehen, und das geschehe hauptsächlich durch den Genuß des Fleisches und Blutes Christi, wenn die hier mitgeteilten gottmenschlichen Kräfte nicht wieder durch Sichgehenlassen, durch Ausbrechenlassen der Sünde, besonders durch gelüstiges, unheiliges Essen und Trinken - wodurch das Fleischesleben wieder Kräfte anziehe - vergeudet, sondern durch das fortwährende Bleiben an Jesu und durch das treueste Wachen über sich selbst bewahrt, werden; denn sonst könne man in der ersten Auferstehung zum tausendjährigen Reiche nicht auferstehen und müsse die tausend Jahre warten, bis zur allgemeinen Auferstehung der Toten (Offenb. 20, 4-6), was ein unbeschreiblicher Schmerz für die sei, die zurückbleiben müssen. Und je mehr man in diesem Leben vom Wort der Gnade gehört und es nicht zu seinem Heil angewendet habe, um so weiter müsse man drüben zurück, und die Heiden kommen einem vor. 

 

Es gebe zwar sehr viele Grade und Wohnungen im Himmel, aber die Seligen kommen doch nur sehr langsam vorwärts, weil die G n a d e n z e i t nur hier auf Erden sei. Wer also nicht mit einem rechten Sieg über die Sünde in ihm hinüber komme, habe noch drüben zu kämpfen und abzulegen, was er noch Unreines in sich habe. Ach, viele Seelen, die auf der Erde nicht zur rechten Selbsterkenntnis gekommen seien, müssen drüben mit Schrecken entdecken, was sie noch für Sünde in sich gehabt, und sagen: „Was! das ist auch in mir gesteckt?" Und nun hebe erst die Not bei ihnen an, eben weil's drüben viel schwerer sei, von etwas los zu werden. Und doch sei es aller abgeschiedenen Seligen eifrigstes Bestreben, zur Stadt Gottes zu gelangen, um den Heiland, der dort in seiner verklärten Menschheit regiere, von Angesicht schauen zu können, was ja erst mit dem verklärten Leibe möglich sei. Darum müsse die Seele vom Heiligen Geist so durchleuchtet werden, daß sie nach dem Sterben die Kraft habe, den Leib an sich zu ziehen, alsdann sei man erst zu seiner Vollendung gelangt. Und die Seligen bestreben sich deswegen mit größtem Eifer, vollendet zu werden, weil sie wissen, daß die Zeit nicht mehr lang sei bis zum Anbruch des tausendjährigen Reiches.

 

Ebenso kannte er die Zustände derer, die ohne Jesum abgeschieden sind, und machte eine erschreckende Beschreibung von ihnen. Er kannte diese Zustände beiderlei Art darum so genau, weil zahlreiche Abgeschiedene allerlei Grade sich, wie es bei dem Prälaten Ötinger der Fall war, an ihn wandten, die durch sein Gebet und seinen Beistand zum Heiland kommen wollten. In späteren Jahren nahm er sie jedoch nicht mehr an, sondern wies sie immer nur an den Heiland selbst.

Solche Blicke in das Reich der Geister - von dem wir, wie er sah und erfuhr, überall umgeben sind - eröffnete er aber nur Vertrauten. In weiterem Kreise, wo solche Dinge anstatt zum Antrieb zur Heiligung nur zum Vorwitz gebraucht wurden, schwieg er davon wie Paulus (2. Kor. 12). Alle aber forderte er immer und überall auf, sich von allem los zu machen und los machen zu lassen, was noch zur Sünde und zur Welt gehöre, und sich recht und ganz dem Heiland zu übergeben, ohne den wir eben gar nichts vermöchten. Wie oft sagte er da: „Fass` uns an, o süßer Jesus, führ uns auf der Pilger-Straß!" usw. Und der Heiland sei so treu und machte einen los, wenn's einem recht ernstlich darum zu tun sei, und wenn man dem Himmelreich Gewalt antue, es an sich zu ziehen; da solle man nur recht ernstlich bitten: „Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz." Er sagte einem alles wie mit Namen; „Das muß noch weg, sieh, jenes muß noch weg." Und wenn ein Wort Gottes einen treffe, da solle man nur bitten, daß der Heiland es einem bewahre und recht kräftig mache, damit es in uns Frucht bringe zum Tode des alten und zur Läuterung des neuen, aus Gott geschaffenen Menschen; denn nur die Überwinder erlangen die Krone, diejenigen, die im gewöhnlichen alltäglichen Leben durch Verleugnen, durch Geduld, durch Liebe das Fleisch kreuzigen und Christum wahrhaft anziehen.

Auch ermahnte er oft, man sollte dem Heiland viel mehr Freude machen, es sei ja so gut bei ihm, wenn man von allem los sei und habe ihn ganz allein und sei getreu bis in den Tod. Er deckte die innersten Tiefen des Herzens und seines eigensüchtigen Wesens auf, aber ebenso die Tiefen des Meeres der Gnade, der Macht und Weisheit Gottes, und das mit einer Fülle von Geist und Kraft, mit einer Innigkeit und Liebe und mit einem Ton, so aus der innersten Quelle, daß es eben ganz anders war, als bei jedem andern, noch so erleuchteten und gesalbten Christen. Bei diesen allen hörte und vernahm man noch den Menschen, bei ihm aber war's als ein reiner Kanal, durch den uns Gottes lauteres Wesen selbst zufloß; es war, als hörte man einen Propheten Gottes. Ihm war auch der Blick in die Zukunft geöffnet, nach seiner Einsicht in die Regierung und in die Rechte Gottes. 

 

 

Und wenn er den Vertrautesten , von der Braut Christi, von den Jungfrauen des Lammes, Offenb. 14, oder von den Säulen des Reiches Christi in der jetzigen Zeit, vom Wiederoffenbahrwerden der Geistesgaben und Kräfte in denselben und allen seinen Auserwählten und von andern tiefen Geheimnissen sprach, so war's wieder eben nicht anders, als höre man einen Propheten Gottes, der uns das heilige, ewige Wort Gottes aufschließen und dessen Macht uns ans Herz legen soll. Er selbst war verwundert, als nach der langen Verborgenheit mit einem Male ihm gleichsam der Mund geöffnet wurde, in den Versammlungen zu reden, eben bei dem ersten Besuch in Brackenheim; es sei ihm gewesen, als sei ihm zugerufen worden: „Jetzt brich hervor, du Schwert des Herrn und Gideon!" Und seine Reden flössen ihm alle zu, es sei, wie wenn`s auf einer Tafel vor ihm mit goldener Schrift stände, daß er's nur ablesen dürfe. Der Heiland nehme es auch da genau; was nicht v o n I h m komme, gelte auch nicht und habe keine Frucht; habe er etwas aus dem Eigenen geredet, so habe ihm der Heiland das zurückgegeben.


So lebte er ganz in Jesu und aus ihm; was ihm vorkam, bezog er aufs Himmlische. Sah er z. B. etwas von der Herrlichkeit der Großen dieser Welt, so wandte er es sogleich auf die Herrlichkeit im Reiche Jesu an, und so wurde es ihm zum Leben, daß er ganz himmlisch davon belebt wurde. Er wurde einmal von meiner Schwester (die Kammerfrau einer Tochter der damaligen Königin von Württemberg war) im Schloß in Stuttgart umhergeführt, und als er in den Thronsaal kam, stand er eine Weile vor dem Thron still. Dann strömte eine Rede von seinen Lippen über die Herrlichkeit vor Jesu Thron, die ihn so tief bewegte, daß er unter Tränen wie verklärt dastand. Diese Durchdringung und Erfüllung mit dem Geiste Jesu, im ganzen Leben wie in der Wortverkündung dieses Mannes Gottes erkennbar, war denn auch den Seelen sehr zum Segen, die ein völliges, wahres Eigentum ihres Jesu zu werden verlangten und sich als arm im Geist wußten. Und die Ewigkeit wird's klar machen, was für ein Heil einzelne Seelen durch ihn empfingen, indem ihnen erst aufging, was der Herr Jesus uns ist, und was der Mensch durch ihn erlangen kann. 

 

Aber ebenso wurde er auch anderen Seelen ein Geruch des Todes zum Tode, besonders solchen, die etwas sein wollten im Geistlichen, namentlich Stundenhältern (den Hauptsprechern in den Versammlungen der Gläubigen) und gläubigen Pfarrern. Es ergingen die lügenhaftesten Gerüchte über ihn; sie wurden geglaubt und er damit verdächtigt, mochten sie auch noch so ungereimt sein. Aber gerade da offenbarte sich die Herrlichkeit seines Jesuslebens; voll Milde, Schonung und Erbarmen war er gegen seine Verleumder. Wir erlebten persönliche Angriffe auf ihn von berühmten Gläubigen, Geistlichen und Nichtpfarrern, als ob er ein fluchwürdiger Verführer und sie Diener der päpstlichen Inquisition wären; er aber blieb im Frieden Gottes und bezeugte sich als ein echter Nachfolger seines Jesu. Uns aber war es sehr schwer, gelassen zu bleiben und für die verblendeten Feinde der Wahrheit, die wider Gott streitend auf ihn losstürmten, zu beten. Ihm aber, der ein göttliches Leben führte und als wahrer Jünger Jesu sich er dies, wurde auch das zu neuer Gotteskraft wie alle seine Leiden.



Er hatte von Kind auf eine große, sozusagen eine naive Ehrfurcht vor dem Pfarramt, aber diese Feindschaft der Pfarrer gegen das 'Wort der Wahrheit überzeugte ihn von dem wahren Wesen so mancher selbstgemachter „Diener Christi", so daß er nach und nach ein wahres Grauen vor manchen bekam.



Und daß die ganze Christenheit dem Gericht anheim falle, anstatt der von ihren falschen Propheten, den „Friedens-Propheten" ihr geweissagten herrlichen Vollendung entgegen zu gehen, war ihm ganz klar und erfüllte ihn oft mit tiefer Betrübnis. Man kann eigentlich nicht in Worten darstellen, was für eirn mächtiger himmlischer Geist in ihm war; und noch mehr, als an ihm offenbar wurde, verleugnete er und entäußerte sich desselben. Alles war wie ein reiner Genuß aus der Lebensmacht Christi und besonders aus seiner Liebe. Es war keine angelernte und lehrhafte Verstandes-Erkenntnis, die er besaß, sondern unmittelbares, durch Geistesmitteilung überkommenes Wissen; von ihm selbst wußte er nichts, wie er auch nichts von ihm selbst, sondern alles aus Jesu war. So h a n d e 1 t e er auch nie aus sich, er machte keinen Ausgang aus eigenem Willen, keinen Besuch aus eigener Überlegung, sondern er war so mit Jesu verbunden, daß er sich von Seinen Augen leiten ließ und bei allem S e i n e Stimme hörte, oder daß die Liebe ihn also drängte. Er führte auch nie etwas selbst herbei, sondern es mußte so werden, daß es sich also begab. - 

 

 

So war sein Leben ein wohl geordneter Fluß aus dem Lebensstrome Jesu, der allen wieder zum Leben war, die den Segen davon aufnahmen. - Ebenso war es auch in seinen häufigen Krankheiten (besonders litt er an Brustkrampf und Brustentzündungen). Da litt er auch in den heftigsten Schmerzen wie ein Lamm, und sobald die Schmerzen nachließen, war sein Blick, anstatt M i t 1 e i d erwartend, strahlend von Freundlichkeit und wie Liebe a u s g i e ß e n d, und besonders erfuhr er da Jesum als den Todesüberwinder, in großen inneren Erfahrungen. Immerwährend war er nicht allein auf den Tod vorbereitet, sondern er freute sich jeden Abend, daß er wieder um einen Tag dem herrlichen Ziele näher gekommen war; denn obgleich er sich zu den Allergeringsten der Angehörigen Jesu zählte, wußte er doch gewiß, daß er zu seinem Heiland komme, wenn er nicht dessen nahe Wiederkunft erleben werde."

Bei einem Besuche, den er auf Einladung des ihn hochschätzenden Majors a.D. Freiherrn Karl von Göler-Ravensburg in Heidelberg machte, wurde Johannes Gommel vom Typhus ergriffen und ist am 21. Dezember 1841, den er als seinen Todestag vorausverkündigt hatte, von seinem schweren Leiden erlöst worden. Sein Herzensfreund, Pfarrer Schwarz, der bei seinem Sterben anwesend war, berichtete: „Unter Gebet war der Geist heimgegangen und hinein zu seines Herrn Freude. In diesem Augenblick war es uns, denen dieser Verlust so schmerzlich war, so unaussprechlich wohl, als ob wir laut Halleluja singen sollten und von unsichtbaren Wesen umgeben wären. Wir konnten nicht anders, als den Ewigliebenden loben und preisen."

Pfarrer Schwarz schließt die von ihm verfaßte Lebensbeschreibung Johannes Gommels mit dem Worten: „Ja, es war uns und ist uns, allen seinen Vertrauten, heute noch ein großer Verlust; denn so haben wir alle seither keinen Menschen mehr gefunden. Bei allen noch so geförderten Christen, die wir kennen, kann man nicht vergessen, daß sie Adamskinder sind, aber hier war eine neue Kreatur; hier war, was der Apostel von sich sagen konnte (1. Kor. 11, 1; Phil. 3. 17), was er aber, der ja kein Apostel war und viel zu gering von sich dachte, nicht sagte, ein Bild dessen, der uns zum alleinigen Urbild und vollendeten Vorbild gegeben ist; und was er 1 e h r t e, eine solche neue Geburt aus Jesu, das w a r er. Darum lassen wir uns seine Lehre auch nicht wegstreiten, es mag da kommen, wer will, und einen Namen haben, welchen er will; entweder ist er auch so vom Geist Gottes erfüllt, dann wird er unserem Johannes nicht widersprechen, oder ist er's nicht in dem Grade, dann ist er uns keine Lehr-Autorität wider ihn. 

 

Hier haben wir gesehen mit unseren Augen und gehört mit unseren Ohren die Macht des Lebens Christi, und der Herr sagt selbst: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen"; und da Jesus ihm alles war, und er alles, was er lehrte, uns in der Schrift zeigte, und der von Jesu seinen rechten Jüngern verheißene Lebensstrom und das ihnen verheißene rechte Freigewordensein da war, und er s t e t s im Geist und im Licht wandelte, so bleibt uns seine Lehre unerschütterlich fest, nämlich was er selbst war, daß durch langes in Gebet, Gehorsam und Treue geübtes Anhangen an Jesu der Mensch dahin hier auf Erden gelangen kann, daß er sich so völlig selbst beherrscht, daß jede Versuchung zu einer Sünde durch die Kraft des Lebens Christi in ihm sogleich angegriffen und überwunden wird, daß man an Christo bleibt, dem Feind widersteht, das Feld behält und alles wohl ausrichtet und also den Willen Gottes in Wahrheit tut und, so viel Menschen sehen können, nicht mehr sündigt (1. Joh. 3, 3), sondern daß man, in das Bild Jesu umgewandelt, eine Gestalt von Ihm geworden ist; und daß das allein der Weg zur wahren und völligen Seligkeit, daß das die wahrhafte Wiedergeburt, das wahre Christentum ist, nach der Schrift. (1. Joh. 3, 9. 10. 18; 1. Joh. 5, 18; Matth. 7, 21; Joh. 15, 10; 14, 21. 23; 5, 42; 17, 17. 21. 23 u. s. f.)."

 

Bilder

 


Weitere Mitteilungen über Johannes Gommel enthält das Büchlein: „Der Geisterhannesle", das seine Freunde zusammengestellt haben. Die Verlagsbuchhandlung.


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