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Das Gebet ohne Unterlaß von Jakob Ganz
dieses und mehr von Jakob Ganz zu beziehen bei: Christlicher Schriftenversand - Rolf Wolters, http://christlicher-schriftenversand.de/
1. Betet ohne UnterlaßSeid allezeit fröhlich, Beim ersten Anblick dieser Worte könnte man glauben, du forderst zu viel, seliger Apostel! Aber nein, du sprichst damit eine reine Wahrheit aus, die sich in allen Geschöpfen ankündigt und ausspricht, wie wir weiterhin klar sehen werden. Du machst deinem göttlichen Meister Ehre, als der das gleiche bezeugt, wenn Er sagt: "Wachet und betet allezeit." Das Gebet ist die Nahrung der Seele, das heilige Feuer vom Himmel, welches Tag und Nacht auf dem Altar unseres Herzens brennen sollte; ein Rauchwerk, das unaufhörlich himmelwärts steigt, und alles dahin mitzieht, was sich davon anziehen lässt. Es ist wie ein Magnet, der die Seele wieder in Berührung mit ihrem Ursprung setzt, und sie nötigt, sich beständig dahin zu neigen, woher sie gekommen ist, bis sie wieder völlig dahin gebracht, und mit ihrem ewigen Ursprung vereinigt ist. Sobald sie davon berührt und angezogen ist, findet sie nirgends keine wahre Ruhe mehr, in äußeren Dingen und Kreaturen, sie wird in einem fort von einem unendlich großen Bedürfnis nach einem unbekannten Etwas verfolgt. Sie fühlt in sich eine unbeschreibliche schmerzliche Leere, die nach etwas sich sehnt, und ausgefüllt werden will. Allein es findet sich nichts Geschaffenes weder im Himmel noch auf Erden, um dieses große Bedürfnis gründlich zu befriedigen. Nun fängt die Seele an, nach Gott, dem höchsten Gut, sich zu sehnen, zu verlangen, um Ihn allein über alles zu besitzen. Denn sie fühlt, dass sie nur in Ihm Ruhe und Friede findet, und das was ihre Leere, diesen unergründlich tiefen Raum, erfüllen kann! Also ist das Gebet ohne Unterlass mit wenigen Worten das immerwährende Sehnen, Verlangen und Streben der Seele nach ihrem Gott! Er allein erfüllt ihr Bedürfnis. Er spricht durch seine Propheten: "Alle Täler sollen erhöht und ausgefüllt werden." Alle sind fähig, ohne Unterlass zu beten. Keine Kunst noch Wissenschaft, keine besonderen Mittel werden dazu gebraucht. In allen Ständen und zu allen Zeiten, in allen Lagen und Verhältnissen können alle beten, ohne Unterlass. Sie müssen nur auf die Stimme ihres Herzensbedürfnisses hören, das in ihnen liegt, und gerne wieder nach seinem Ursprung sich neigt. Dieses Bedürfnis ist wie ein entlaufenes Kind, das nirgends bei Hause, nirgends an seinem natürlichen Platz sich befindet, und daher unaufhörlich nach seiner himmlischen Mutter seufzt, nach ihr fragt, und dahin strebt. Daher der allgemeine Grundtrieb und das allgemeine innerliche Streben der Menschen nach etwas Höherem und Besserem, das sie selbst noch nicht kennen. Sie fühlen, dass sie nicht an ihrem Platz sind, dass ihnen immer etwas Wesentliches fehlt. Und wenn sie tausend und tausenderlei Vergnügen genossen, so ist doch keine wahre Zufriedenheit in ihrem Inneren. Alles was neu und herrlich ist in seiner Art, überrascht sie, rührt sie einige Augenblicke, und gewährt ihnen ein vorübergehendes Vergnügen, hat aber dann schon keinen Reiz mehr für sie. Sie sehnen sich immer nach etwas Höherem, die Begierden sind unendlich, und darum ist nur Gott, der Unendliche allein, der sie stillen, ersättigen und befriedigen kann. Betet ohne Unterlass! Gebt dem Bedürfnis Gehör, das in euch liegt, und immer schreit, sucht und herausstreben will, um etwas zu finden, das seinen verzehrenden Hunger stillt. Gebt diesem Verlangen die einzig gerade Richtung, nämlich nach Gott, wohin es sich neigt und den es begehrt! Er selbst hat das Verlangen nach Ihm angezündet, und kann und will es auch allein stillen. Darum heißt es dort: "Zu Gott den Sinn, durch alles hin!" Betet ohne Unterlass! Lasst diesem Bedürfnis freien Lauf, lasst das Kind ungehindert in den Schoss seiner Mutter eilen. Dann seid ihr ewig selig, und habt ewige Ruhe und Frieden! Alles andere Beten aus Büchern und nach vorgeschriebenen Formen, sowie die Herzensergießungen in fließenden Worten, samt allen Andachtsübungen, sind gut und nützlich. Sie helfen der Seele fort und geben ihr für eine gewisse Zeit Nahrung, aber sie sind noch nicht dieses erhabene Gebet ohne Unterlass. Denn wie könnte einer immer das Gebetsbuch in Händen haben, auf den Knien liegen, sich in Worten ergießen? - Er hat seinen Stand und Beruf, womit er sich beschäftigen muss, und kann also unmöglich immerwährend auf eine äußerliche Weise beten. Er wird oft unterbrochen durch Geschäfte oder Krankheit, oder es mangelt ihm die Kraft; und doch heißt es: "Betet ohne Unterlass." Es soll also ein solches Gebet sein, das sich Tag und Nacht, zu allen Zeiten, an allen Orten, in allen Lagen und Verhältnissen ununterbrochen fortsetzt, und sich sogar bis in die Ewigkeit hinein erstreckt! So kommt denn alle, und lernet dieses ewige Gebet. Derjenige, der beständig ehrfurchtsvoll, mit Vertrauen und Demut vor dem Angesicht des Herrn wandelt, betet ohne Unterlass. Wer nur darauf bedacht ist, den göttlichen Willen immerdar zu tun, und zu der Ehre Gottes leben möchte, betet ohne Unterlass. Wer bei sich selbst spürt, dass das Innere sich immer mehr nach Gott neigt, Ihn allein über alles lieben, und Ihm nur wohl zu gefallen wünscht, betet ohne Unterlass! Wer gerne von allem Bösen erlöst sein möchte um Gottes willen, der betet ohne Unterlass. Kurz derjenige, dessen Hauptzug und unaufhörliches Sehnen nur nach Gott allein gerichtet steht, und Ihn allein zum einzigen Endziel sich vorgesetzt hat, betet ohne Unterlass, und ist im inneren Tempel und Gottesdienst begriffen. Darf ich wohl sagen, dass alle Kreaturen, ja alle Wesen im Grunde beten? O ja, es ist Wahrheit, denn ihr immerwährendes Sehnen und ängstliches Harren, ihr Mitseufzen nach der Offenbarung der Freiheit der Kinder Gottes ist ein laut redender Beweis ihres unablässigen Gebets um Auflösung und Freiheit. Sie sind in einem ebenso unnatürlichen Zustand wie wir, und seufzen mit uns! O welch ein Geheimnis entwickelt sich da dem erleuchteten Beter ohne Unterlass! Welch ein reichhaltiger, fast unerschöpflicher Gegenstand! Ja alle Wesen beten ohne Unterlass, aber ein jedes nach seiner Art, zufolge seiner Bestimmung. Aber das sehnliche Verlangen und tiefe Streben ist in allen dasselbe. Für den Menschen nimmt sein unablässiges Gebet alsdann gleichsam eine neue Gestalt an, wenn ihn sein Streben in Gott hineingebracht und zum Ziel geführt hat. Denn er hört deswegen nicht auf, nach Ihm zu streben, aber nicht mehr aus einem schmerzlichen Bedürfnis, sondern es ist dann vielmehr ein ruhiges, liebliches Weiterschreiten in eben diesem Gott bis ins Unendliche! Gleich wie einer, der zu einem prächtigen Garten geht, nicht aufhört zu gehen, wenn er schon dort angekommen ist, sondern in demselben allenthalben umhergeht, und alles mit Verwunderung und Vergnügen betrachtet. Ebenso wandern wir in Gott fort und beten so in alle Ewigkeit. O welche unendliche Stufenfolge dieses Gebets! Was ließe sich alles darüber sagen, aber man muss schon weit und tief in Gott gegründet und befördert sein! Durch dieses unablässige Gebet kommt der Mensch in Umgang und Gemeinschaft mit Gott, lernt alles andere nach seinem Wert schätzen, von allen Dingen ausgehen, und in seinen Ursprung wieder eingehen. Er erfährt, dass das Gebet ohne Unterlass gleichsam die Mutter und Königin aller Tugenden ist, denn er wird gelassen und still, alle seine Leidenschaften und bösen Neigungen verlieren sich. Er wird mit Sanftmut und Herzensdemut, gleich wie sein Meister bekleidet; er liebt rein, sein Herz ist mit Ruhe und Frieden erfüllt. Kurz, er wird himmlisch gesinnt, führt seinen Wandel in heiliger Gottesfurcht und fährt beständig nach seinem inneren Menschen gen Himmel! Geliebte Seele! Wer du immer sein magst, wenn du bei dir selbst gewiss bist, dass dein Grundzug nur nach dem Herrn geht, dass du nach reiner Wahrheit aufrichtig dich sehnst, also dass dein ganzes Herz stets nach Gott gerichtet steht; so kannst du versichert sein, dass du ohne Unterlass betest, auch wenn du weiter kein Wort sagst, keine besondere Übung der Andacht, des Lebens usw. anstellst. Das Herz kniet, betet und liegt zu den Füssen des Herrn, wenn auch dein äußerer Mensch arbeitet oder leidet. "Denn wir wissen ja nicht, was wir beten sollen, aber der Geist hilft unserer Schwachheit auf, und vertritt uns mit unaussprechlichen Seufzern." Einem geübten Beter entschwinden alle Formen, als die nur der Schwachheit gestattet sind. Derselbe bindet sich an kein bildliches Wesen mehr, er entweicht allem Bildlichen und Geschaffenen, allem falschen Wesen, und lässt so mit dem keuschen Joseph diesen Mantel dem Weib (das ist Welt und Eigenliebe) zurück, obgleich sie ihm um seines reinen Sinnes willen Schmach und Schande, Kreuz und Leiden bereitet. Dieses innere Herzensgebet ist von so hohem Wert und großem Nutzen, dass weder Zunge noch Feder es beschreiben können. Wessen Herz sich unaufhörlich nach Gott hin neigt, der ist schon auf dem Rückweg nach seinem seligen Ursprung, nach der Ewigkeit, wozu er anfänglich erschaffen worden und bestimmt ist. Je treuer er dieser Zuneigung zu seinem allenthalben allgegenwärtigen Gott ist, desto eher erreicht er dieses alleinige Ziel! Auch wird er einen heilsamen Einfluss auf alles verbreiten, was ihn umgibt. Er leuchtet wie eine helle Sonne, er strömt die Luft des Friedens auf seine Umgebungen aus, die Weisheit entwickelt in ihm den Wiederbringungsgeist, der allen Dingen um sich her himmlisches Wohl tun mitteilt, jedes an seinen natürlichen Platz stellt, rechtes Gewicht, Maß und Ordnung beobachtet, alles zu beleben und in die edle Freiheit zu versetzen sucht. Er verwandelt das Böse in Gutes und trachtet alles zu erneuern. O wahrhaft allgemein nützlicher und liebeswürdiger Mensch, wie hoch und edel ist deine Bestimmung, obgleich schwer und mühsam, denn du musst allenthalben die Wage halten, aus Krieg Frieden machen, die Unruhe und den Zorn in Ruhe und Liebe verwandeln, und die Erde in ein Paradies umschaffen! Alle Kreaturen sprechen und flehen dich um Hilfe an, denn sobald du wieder in deine ursprüngliche Ordnung eingehst, so folgen sie dir alle nach. Es hängt, möchte ich sagen, nur von dir ab, und die ganze Schöpfung, die jetzt in ringendem Gebets- und Leidenszustand ist, zeigt sich bald wieder in ihrer ursprünglichen Schönheit. O Mensch! wer du immer sein magst, und noch nicht ohne Unterlass betest, erbarme dich aller Kreaturen, aller Geschöpfe und Wesen. Sieh, die ganze Schöpfung betet, erhöre sie doch und komme ihr zu Hilfe durch deine vollkommene Umkehr und Wiedereinsetzung in deinen paradiesischen Zustand! Wie ist es möglich, dass du noch ein Geschöpf seines Lebens oder seiner Freiheit berauben, oder ihm sonst wehe tun kannst! Fühlst du nichts, und merkst du nicht, was du tust? Wer ihr immer seid, die ihr Tag und Nacht so ängstlich sucht, nirgends mehr Ruhe findet, kein Bleiben habet; die ihr euch mit vielen und in mancherlei frommen Übungen überladet und abmattet, und euch quält, wenn ihr keine Worte zum Gebet hervorbringen könnt; haltet einen Augenblick stille und merket, wohin denn euer Sehnen geht. Findet ihr, dass es nach Gott zielt, und Ihn allein umfassen und rein lieben möchte, so gehet in ein äußeres und inneres Stillschweigen ein und wisset, dass ihr ohne Unterlass betet. Wenn ihr schweiget, so kann das ewige Wort zu und in euch sprechen, denn sein Sprechen ist zugleich Tun! Stellet doch alle eigenen Wirkungen und die Gemütskräfte ein, alles werde in euch und um euch stille, gleich als wäret ihr nicht mehr vorhanden. Überlasset euch da in gänzlichem Vertrauen dem unsichtbaren und reinen Gut, welches Gott ist, und wollet nichts mehr, als was Er will. Da werdet ihr seine alles durchdringende Kraft empfinden, und Er wird Wunder der Ewigkeit in eurer Seele wirken. Er selbst wird dann erst recht euer Gebet sein, und Er erhört sich selbst immer! Jener bekannte, sehr erleuchtete Lopes (Siehe Tersteegen, Leben heiliger Seelen, 1. Band), ein Spanier, hatte drei Jahre lang nacheinander diese Worte gebetet: "Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel! Amen, Jesus." Dieses Gebet wiederholte er gleichsam mit jedem Atemzug, und mattete sich damit sehr ab. Seine Treue wurde ihm dann damit vergolten, dass ihm die göttliche Stimme dieses Gebet untersagte, alle seine Gemütskräfte so sehr einnahm, und alles in ihm zum Schweigen brachte, dass er von jenem Augenblick an in das innere Gebet ohne Unterlass einging. Er kam in einen stillen Umgang und sogar in die Vereinigung mit Gott, und somit in Friede und Ruhe. Er betete nicht mehr auf die frühere Art, sondern verharrte in einem tiefen, ehrfurchtsvollen und innigen Stillschweigen, und betete den Vater im Geist und in der Wahrheit an. Er lebte so eingezogen und in sein alleiniges Heil so versunken, dass er fast nichts mehr geredet hat während sechsunddreißig Jahren, die er in diesem herrlichen Stand verlebte. Die Natur wurde davon so ausgeschlossen, dass er ihr nicht einmal gestattete, ein Ach oder sonst einen lauten Seufzer auszulassen, so streng wusste er den inneren Menschen von dem äußeren zu unterscheiden. Einige nennen ihn einen Seraph im Fleisch, einen vergötterten Menschen. Kein Wunder, dass er am Ende seines Lebens, kurz vor seinem Tode ausrufen konnte: "Nun ist nichts mehr verborgen, alles ist klar, es ist ein voller Mittag für mich." Das Gebet ohne Unterlass führt also schon auf dieser Erde zur reinen Liebe, womit die Seraphinen immerdar erfüllt sind und darin brennen gegen Gott! Welch eine große Arbeit ist es um das Stillwerden, welch eine Macht ist doch nötig, um den Worten, ungestümen Begierden und unruhigen Gedanken das gänzliche Stillschweigen zu - gebieten, dass es auf diesem Meer eine große Stille wird! Jesus Christus, der allein wahre und große Beter, erleuchte, belebe, bewirke und regiere uns durch seinen Geist, den Geist der Gnade und des Gebets.
Anmerkung zum Gebet ohne Unterlass. Das Gebet ist überhaupt von so großem und weitem Umfang, dass man nicht weiß, wo anfangen davon zu reden, noch zu schreiben. Es ist das vornehmste Stück der Religion und des Gottesdienstes. Niemand mache sich aus eigener Macht eine Regel, auf diese oder jene Art zu beten, oder sich nach jemandem zu richten. Ein jeder bleibe treu, wie er berufen ist, und von dem inneren Bedürfnis dazu angetrieben wird, sei es in Seufzern oder in Worten, oder auch im Stillschweigen. Alles kommt zuletzt auf Eines hinaus, wenn nur gebetet wird aus der Tiefe des Herzens, und wie es der Geist gibt auszusprechen. Je näher der große und entscheidende Kampf des Lichts und der Finsternis in uns heranrückt, desto nötiger und unentbehrlicher wird das Gebet, um das Feld zu behaupten. Der göttliche Wille sei immerdar das Grundziel aller Gebete, der königliche Ring (so zu sagen), womit dieselben versiegelt, vollgültig und kräftig gemacht werden. Welchen Zweck sollen wir nun im Gebet stets im Auge haben? Darf ich es wohl aussprechen, und wird man es verstehen? - Es ist die Wiederherstellung unseres verlorenen göttlichen Ebenbildes, das seit dem Fall in uns begraben liegt, wie der Schatz im Acker. Das ist eigentlich der Hauptgegenstand, der uns alle beschäftigen und zum ernsten und feurigen Gebet auffordern soll. Ach, wenn der Mensch über den Sündenfall erleuchtet und mit einem lebendigen Gefühl davon durchdrungen wäre, wenn er einsähe, wie alle ihm anerschaffenen Seelenkräfte und himmlischen Eigenschaften wie im Tode schlafen, wie er durch diese bejammernswürdige und traurige Lage so tierisch, so entsetzlich entstellt, und von seinem Ursprung entfernt, also in allen Rücksichten höchst unglücklich geworden ist; wie würde er seine noch übrigen Kräfte zusammenraffen, schreien und rufen, dass er wieder aus dem Abgrund erlöst und wiedergebracht würde, zumal da ihm der Wiederbringer den Weg dazu aufgeschlossen, und ihm das Rettungsmittel in den Händen gelassen hat. Sein verzehrendes Bedürfnis würde ihm tausend Seufzer, Tränen und Gebete auspressen, denn die Not lehrt beten. Unter den Millionen Gebetsseufzern würden folgende von ihm ausgehen: "Ach mögen doch alle meine durch den Sündenfall entschlafenen Kräfte aufwachen durch den allmächtigen Ruf von oben. - Jesus Christus lebe und regiere allein in mir, als ein unumschränkter König! Möge mein Verlangen, mein Wille mit dem Deinigen in vollkommenem Einklang stehen! O ewiger Ursprung und Ursache aller Dinge! Entflamme es mit Deinem reinen Feuer, und durchdringe damit mein ganzes Wesen! Mache Dir freien Durchzug und durchziehe alle Regionen meines Innern, alle Feinde des Heils müssen vor Deiner Gegenwart weichen und überwunden zu Deinen Füssen sich legen. - Ach schlage doch mit allmächtiger Kraft das Innerste meiner Seele auf, und komm herein Du Gesegneter des Herrn, um ewig bleibende Wohnung bei mir zu machen. - Zerbrich die Pforten des Todes und aller Eigenheit, sei alleiniger Besitzer Deines Eigentums, alleiniger Herrscher in diesem Deinem Königreich. - Ach lass Dich durch meine Sünden und Unvollkommenheiten nicht abhalten, überwinde in mir Tod und Sünde, Teufel und Hölle. - O ewiges Wort! möge ich Dich doch bald aus dem Grabe meiner selbst hervorgehen sehen, und Deine Auferstehung feiern, mit ewigen Lobopfern und Hallelujah! Ach säume nicht länger, alles wartet auf Deine Erscheinung und Triumph über alle Feinde. - Erbarme Dich, sprich Dich aus in voller Kraft, lebe, rede, wirke Du allein in mir und aus mir, dass nur Du allein in mir gefunden werdest! So wird alles um mich her von Deinem Ausfluss belebt. - Lebendiger Strahl der Gottheit! Durchdringe doch allmächtig mein ganzes Wesen! Dein Licht vertreibe alle meine Finsternisse, Deine Weisheit und Wahrheit meine Torheit und Lügen. O stelle, mit einem Wort, Dein eigenes Bild, Deine Ehre, in mir wieder vollkommen her. Bringe mich wieder an meinen früheren Platz, den ich durch meine eigene Schuld verlor. Setze mich wieder an meinen ehemaligen herrlichen Posten und in mein Amt ein (denn das ist dein Wille), dann werde ich abhängig von Dir, und unter dem Einfluss Deines Geistes treu an dem großen Werk der Wiederbringung und Erlösung aller Dinge, aller Geschöpfe und aller Wesen arbeiten, deren Heil alles in mir in Bewegung setzt, und alle Liebe und alles Erbarmen anspricht. Solche erhabene Gesinnungen erfüllen denjenigen, der im Licht der Wahrheit die hohe Würde und Bestimmung des Menschen, so wie dessen Fall einsehen und erkennen lernt. Er wird gleichsam ganz Gebet für die ganze Menschheit, ja für die ganze Schöpfung. Möge daher ein jeder zuerst auf das erste natürliche Grundgesetz achten, das er in seinem Innern allenthalben mit sich herumträgt, so wird ihn dieser göttliche Leitstern und Führer in alle Wahrheit leiten, ihn beten lehren, und nach dem göttlichen Ebenbilde wieder erneuern, damit er dann tüchtig sei, sein ehemaliges Amt wieder anzutreten und zu begleiten; welches ist, als ein Repräsentant Gottes, dessen Namen, Wunder und Macht auszubreiten, Ihn zu verherrlichen, und alle Kreaturen zu beseligen. Doch hier soll abgebrochen und die Feder auf die Seite gelegt werden. Aus tiefem Respekt für diese großen Wahrheiten darf ich für diesmal nicht weiter dringen, und sie der Entweihung aussetzen Wer es fassen mag, der fasse es! Die Erfahrung wird dieses alles unendlich besser verstehen lehren. Ich bin glücklich genug, dass ich Winke davon geben darf
2. Und Maria setzte sich zu Jesu Füssen und hörte seiner Rede zu Und sie hatte eine Schwester, Wer zu dem Besitz des höchsten Guts gelangen, und in der Tat selig sein will, der komme mit Maria in die innere Schule, setze sich wie sie zu des Meisters Füssen, und höre seiner Rede zu. Dazu ist weder Kunst noch Wissenschaft, noch sonst mühsames Forschen, noch viel weniger unruhiges Treiben nötig, sondern ein Herz, das sich aller Dinge entschlagen, und den göttlichen Willen umfassen, und Ihn allein über alles, und in Ewigkeit lieben will, koste es was es wolle. Sich hinsetzen heißt, sein Herz von allen irdischen und vergänglichen Dingen, von allen Kreaturen und allem, was von dem einen Notwendigen entfernt, abziehen, sich in gelassener Stille dem Willen des Herrn ergeben, und mit demselben zufrieden sein, wie er auch sei, und was er der Seele mitbringen möchte, Freud oder Leid, Nichts oder etwas. Kurz es heißt: In die Gelassenheit ersinken, zu Jesu Füssen, dh. sich in tiefster Demut und Abhängigkeit unter Ihn beugen und erniedrigen, wie denn dieses stets die Unterwerfung unter eines Macht und Willen bedeutet. In einer solchen Abziehung des Willens von allen Dingen und in gelassener Gemütsstimmung befand sich Maria. Ihre Sinne waren gleichsam wie tot und geschlossen für alles Äußere, und hingegen offen für das Innere, mit einem zu Jesu zugekehrten Herzen! Und was tut sie denn in dieser herrlichen Stimmung? Nichts - als seiner Rede zuzuhören. Dieses Nichtswollen, Nichtswirken, sondern das bloße aufmerksame Zuhören war genug, den göttlichen Lobspruch zu vernehmen, dass sie den besten Teil erwählt habe, welcher nimmermehr von ihr werde genommen werden. Sie hörte seiner Rede zu. Unsere Übersetzung gibt es durch Rede, aber das Grundwort ist das, womit Johannes sein Evangelium anfängt, und bedeutet also das Wort, nämlich das ewige Wort, wodurch wir und alle Dinge sind geschaffen worden, das unerschaffene Wort des Vaters, welches im Anfang bei Gott, ja Gott selbst war, und ist und ewig sein wird! Diesem ewigen Wort hörte Maria zu, mit inniger Aufmerksamkeit und in der tiefsten Stille ihres ganzen Wesens. Denn dasselbe redet immer, spricht sich aus, und teilt sich denjenigen gerne mit, die nach Ihm von Herzen verlangen, alles in ihnen zur Stille bringen, und in die Gelassenheit eingehen, mit einer ruhigen Einkehr in das Herz, um so mit Samuel sagen zu können: "Rede, o Herr! denn dein Knecht hört." Wie viel an diesem Zuhören des Wortes gelegen sei, davon zeugt die ganze Heilige Schrift, und alle Heiligen zu allen Zeiten durch ihr Beispiel, und hier die fromme Maria. Schon auf Tabor rief die Stimme vom Himmel: "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören." Die beständige ruhige Einkehr ins Herz, und Sammlung aller Sinne und Gedanken, das Stillschweigen und sich versenken im dunklen Glauben in die heilige Allgegenwart macht die Seele zur Gemeinschaft mit Ihm fähig, und seines Einflusses empfänglich. Sie zieht auch solchen Einfluss in sich, wie die Rebe den Saft aus dem Weinstock, und wie eine Pflanze den Einfluss des Himmels. Dadurch wird sie immer mehr von allem Äußeren abgezogen, und in das Ewige versetzt. Sie wird himmlisch gesinnt, und nach und nach zu ihrem ursprünglichen Adel wieder erhoben. "Dieses Wort ist schärfer denn ein zweischneidendes Schwert und durchdringt, bis dass es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und ist keine Kreatur vor Ihm unsichtbar, es ist aber alles bloß und entdeckt vor seinen Augen, von dem reden wir." O wer so mit Maria diesem allgegenwärtigen und alles durchschauenden Gott- Wort in tiefer Stille und Ehrfurcht zuhören, sich unter seine Macht erniedrigen, und mit größter Scheu vor Ihm einherwandeln würde! Wie bald würde ein solcher ein anderer Mensch werden! Wie viel unnütze Worte, überflüssige Gespräche, und leichtsinnige Äußerungen würden durch die Kraft des Wortes verschwinden. Wie würden hingegen alle Worte eines solchen Zuhörers Geist und Leben sein, weil sie aus der Quelle, nämlich von dem Wort des Lebens selbst hervorkommen, und nicht umsonst wieder zurückkehren würden! Denn es wird eigentlich kein Wort verloren, sei es gut oder böse. Jedes Wort, das wir aussprechen, wird zum Wesen, und wird uns einst wieder vorgestellt werden. Da werden wir ernten, was wir gesät haben, und so die Früchte unserer Aussaat einsammeln und genießen. Darum heißt es: "Aus deinen Worten, o Mensch, wirst du gerecht gesprochen, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden." Es sind wenige, die das verstehen, und an das denken, was sie aussprechen, ob es auch wahr, und dem Gott-Wort angemessen sei. Denn das Gott-Wort vereinigt sich nur mit dem, was von Ihm herkommt, alles andere wird auf unsere Rechnung geschrieben, und wir werden müssen Rechenschaft geben von jedem unnützen Wort, sofern wir nicht hier in der Zeit von allem aus- und in das Gott- Wort eingehen, durch welchen Eingang allein andern die Macht und das Recht, uns zu verdammen, genommen wird. Dieses Wort spricht unaufhörlich in unserem Innern, es bestraft, warnt, belehrt und ermahnt uns; kurz, es ist ein beständiger Prediger und begehrt nur, dass wir Ihm wie Maria in stiller Aufmerksamkeit zuhören und seiner Stimme folgen, die sich in unserem Gewissen ankündigt. In aller Menschen Herzen steht dies Gesetz geschrieben, in allen ist dies Wort eingepflanzt, welches man mit Sanftmut aufnehmen soll. Es ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Weg, es rügt alles, nichts entgeht ihm, es durchforscht Herz und Nieren, verweist uns alles, was mit ihm nicht bestehen kann, und was uns schädlich ist. Die aufrichtigen, gewissenhaften Seelen sind sehr geschickt demselben zuzuhören. Sie üben dieses wichtige Geschäft aus, auch ohne besonders den klaren Verstand davon zu haben, sie finden, dass wenn sie dem inneren Ruf im Gewissen folgen, sie dadurch in Frieden gesetzt, wenn sie aber widerstreben, in Unruhe versetzt werden, gequält von den Vorwürfen, so ihnen dieses Wort macht. Und so steht der göttliche Wille in eines jeden Herzen mit unauslöschlichem Charakter geschrieben. Keiner kann sich entschuldigen, und niemand hätte eigentlich nötig, dass man ihm diesen Willen von außen kundtäte. Er wird ihn vernehmen, wenn er in gelassener Stille und Willenlosigkeit dem Gott-Wort zuhören und folgen wird! "Denn es ist dir gesagt, was der Herr, dein Gott, von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott!" Ach, wie sind die Menschen so äußerlich und fleischlich und voll von Bildern geworden! Wie sehr sind sie in die sinnlichen Dinge zerstreut. Ihr Herz und ihre Lust ist ganz in dieselben ergossen. Ihre Sinne sind auswärts, statt einwärts gekehrt, und leben gleichsam in einer beständigen Betäubung. Sie sind fast nie zu Hause bei ihnen selbst, und hören also dem ewigen Wort nicht zu, dass sie weise würden! Wer demselben hingegen beständig zuhört und folgt, hat keine anderen Prediger nötig, er ist immer in der Kirche, denn der Herr lehrt noch täglich im Tempel des Innern, wie Er sich ehemals im Äußern vernehmen ließ. Wollen wir nun das Wort in uns hören und vernehmen, so müssen wir stillschweigen. Diese Stimmung wird erfordert und unter dem Sitzen zu Jesu Füssen verstanden. Denn da müssen schweigen sogar unsere Gedanken, Begriffe und Bilder, alle unnützen und unruhigen Sorgen, kurz alles in uns, und zuletzt die Seele selbst, wie der fromme Kirchenvater Augustinus ausrief: "Alles in mir und um mich schweige, ja meine Seele selbst gehe in ein gänzliches Schweigen ein, ohne an etwas anderes mehr zu gedenken noch zu wollen." In dieses tief verborgene Schweigen musst du eingehen, wenn du die göttliche Einsprache vernehmen willst. "Denn der Herr ist in seinem heiligen Tempel, darum schweige vor Ihm, oder sei stille in seiner Gegenwart, du ganze Erde!"
O göttlich tief verborg'nes Schweigen, Der Autor dieser Verse kann vor ungefähr 120 Jahren gelebt und dieselben geschrieben haben, und ihr seht, dass es bei ihm so wie bei allen erleuchteten Seelen immer die gleiche harmonische Sprache der Wahrheit ist! Alle gehen durch gleiche Schulen, und machen gleiche oder ähnliche Erfahrungen. Selig sind also, die dieses Wort Gottes hören und es bewahren! Sie genießen mit Maria eine innere Zufriedenheit und liebliche Ruhe, die nur erfahren aber nicht beschrieben werden kann! In dieser inneren Schule werden alle himmlischen Tugenden gelehrt und gelernt, es ist eine Erziehungsanstalt, worin die Seelen für die Ewigkeit erzogen und gebildet werden. Hier aber ist mir, als höre ich die Seelen sich bitterlich beklagen und sagen: "Ach, wie gerne wollte ich mich sammeln und einkehren in mein Inneres, um die Stimme des Wortes zu hören, dem inneren Gebet und dem Umgang mit Gott mich zu widmen; aber sobald ich mich dazu anschicke, so durchkreuzen eine Menge lästiger Gedanken mein Gemüt. Ich werde von allerlei Zweifeln und Überlegungen angefochten, mit Zerstreuung geplagt, und mit einem rauschenden Sinnenheer überfallen. Ich bin hingerissen von dem Strom, sehe und empfinde nichts von Gott, kann nicht beten, noch mich sammeln, fühle mich trocken, leer und jämmerlich zerstreut, und weiss nicht mehr was werden soll. Dazu kommt der Feind mit Pfeilen der Anfechtungen, und wirft mich in Angst und quälende Unruhe, kurz, diese Einkehr und inneres Gebet des Herzens ist ein peinigendes Martertum für mich, usw."
O Seele! die du dich wirklich so fühlst, gib die Sache deswegen nicht auf, weiche nicht von deinem Posten, er ist viel zu wichtig. Es ist ein Feld, das muss umgepflügt, bereitet und besät werden, wenn es dir edle Früchte tragen soll, deren du dich noch in der Ewigkeit zu erfreuen hast. Wisse, dass auch dieses geistliche Brot, die Nahrung deiner Seele, im Schweiße deines Angesichts erworben und gegessen wird. In jenem peinlichen Zustand ist kein besseres Mittel, als stilles, geduldiges Leiden in Ergebung an Gott. Je stiller, je besser! Aller Anfang ist schwer, die Treue erleichtert den Fortgang. In der Folge wird es dir so leicht, so gesegnet, so natürlich, wie die Luft, die du jeden Augenblick einatmest, ohne nur daran zu denken. Die Geduld und Treue, gelassenes Leiden und beständiges Fortwandeln auf diesem dornenvollen Pfad, das ist der heilsamste Rat, den man dir geben kann. Die meisten finden die Zeit zu lang und übel angelegt, wenn sie nichts fühlen noch sehen, noch irgendeine Gewissheit haben. Sie wollen sogleich Früchte von ihrer Arbeit sehen, da doch kein Landmann denkt, dass er von der heutigen Aussaat am folgenden Morgen schon Früchte einsammeln werde. Jene Seelen wollen immer, dass man ihnen versichere, dass es gut mit ihnen stehe. Alle Tritte und Schritte sollte man ihnen vorweg beleuchten, und sie so von allen Seiten unterstützen, oder sie geben diese heilsame Übung der Einkehr und des Stillschweigens auf. Tausende begeben sich auf den Weg in das Innere, aber sie beharren nicht lange darauf, denn sie wollen sogleich für ihre Mühe und Leiden bezahlt sein! Aber das ist nicht reine, sondern eigennützige Liebe, die nicht Gott allein, sondern sich selbst nur sucht. Ihr aber, die ihr mit Maria Ihn allein suchen, sein Wort hören, und Ihm aus Liebe und um seinetwillen gehorsam sein wollt, haltet standhaft im dunkeln Glauben und Vertrauen auf Ihn aus. Er wird kommen und nicht verziehen, seine Stimme wird sich hören lassen zu eurem ewigen Trost. Je stützenloser euer Glaube ist, desto größer, reiner und erhabener ist er. Wollet nichts, so werdet ihr eine immerwährende Zufriedenheit gemessen. Die Geduld und Stille mit ruhiger Übergabe macht, dass alle Schwierigkeiten überwunden, und sich nach und nach zu den Füssen Jesu setzen und legen werden. Alle jene lästigen, unreinen und bösen Gedanken, drückenden Anfechtungen, Zweifel, Überlegungen, Zerstreuungen und andere Beschwerlichkeiten werden weichen. Wenn ihr stille bleibt, so wird euch geholfen werden. Alles kommt schließlich darauf an, dass wir dem anbetungswürdigen Gott-Wort innerlich stille zuhören, um seinen Willen an uns zu vernehmen und Ihm treu zu folgen. Das ist der rechte Weg zum einzig Notwendigen, es ist der Eingang in das inwendige Leben, die Pforte zum Himmel, der Schlüssel zur wahren Vollkommenheit und allen Heilsgütern. Die zwei Worte: Zuhören und gehorchen, beschreiben gleichsam die ganze Religion oder Wiederbringung des Menschen mit Gott!
3. Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte. Aber das ist meine Freude, Solange der Mensch an der Quelle seines Daseins hing, kannte er nur vollkommene Freude. Heiter und froh verlebte er seine Tage, und konnte nur Glück und Wonne um sich her verbreiten. Dies war seine hohe Bestimmung, deren sich mit der Zeit alle Geschöpfe zu erfreuen gehabt hätten. Allein bald nach seiner Erscheinung auf dem Schauplatze einer paradiesischen und wundervollen Erde, blickte der Mensch abwärts, und hörte auf, seinen Wonnegenuss und sein ganzes Glück aus jener erhabenen Quelle zu schöpfen. Er brach die Ehe, indem er seine reine Lust von seinem Schöpfer abwandte, und sie niedrigen Geschöpfen preisgab, die ihn auch sogleich fingen, und an denen er noch jetzt mit unordentlicher Liebe hängt. Aber ach! wie sehr hat sich der Mensch getäuscht! Reine, vollkommene Freude ist nicht mehr sein Anteil, weil er sich von derselben trennte und nur die sumpfige Quelle der gegenwärtigen Sinnenwelt zur Befriedigung seiner ausgearteten Lust eröffnete. Die heiteren Wonnetage sind für ihn verschwunden. Düster und traurig sieht er nun, dass alles hienieden für ihn Wermut und bittere Galle ist. Alles stimmt sein Gemüt mehr oder weniger zum Unmut und Missvergnügen, weit entfernt, ihn zu befriedigen und zu erheitern. Die Sinnengenüsse beschweren diesen frei geschaffenen Geist, und hindern ihn am Aufschwung zur Quelle reiner Freuden, aus welcher er entsprang, und die eigentlich nie für ihn, wohl aber er für sie, aufhörte zu sein.
Armer Mensch! wie lange willst du noch irregehen und in einem fort dich täuschen? Wie lange noch die edelste Neigung deines für Gott geschaffenen Herzens dem Schlamme sinnlicher Lüste opfern, die nur Reue und Schmerz zurücklassen? Erhebe deinen Blick aufwärts und knüpfe wieder da an, wo du abgebrochen hast. Merke auf den geheimen Zug deines freudenleeren, deines sehnsüchtigen Herzens nach dem seligen Umgang mit Gott, der alles mit sich selbst erfüllend, auch dich umschwebt, und seine Arme nach dir ausbreitet, um dich aufs neue in seinen liebreichen Schoss aufzunehmen. Gib diesem schönen Gedanken Raum, und dein umwölkter Gemütshimmel wird sich von Stund an wieder aufheitern. Die Scheidewand der Sünde wird niedergerissen, die Kluft aufgehoben werden, die dir deinen Ursprung mit einem undurchdringlichen Dunkel verhüllte, und ihn für dich unzugänglich machte. O wie doch alles für den Menschen eine liebliche Gestalt gewinnt, sobald er seine Lieblingsneigung aus den unseligen Sklavenketten der Sinnlichkeit zurücknimmt, und sie neuerdings jenem großen und unaussprechlichen Gegenstande zuwendet, der sie ihm gab, um Ihn damit zu lieben, und worauf Er allein den ausschließlichen Anspruch hat! Ist dies nicht höchst billig? Fordert es nicht schon, wenn man so sagen darf, unser eigenes Interesse, unsere ganze Wohlfahrt, dass wir uns zu demselben hinneigen, es für die größte Ehre halten, für unser höchstes Glück achten, denselben lieben und Ihm anhangen zu dürfen? Auf diesem heilsamen Wege wandelte einst auch der fromme Asaph, Dichter und Sänger am Hause des Herrn zu Jerusalem, wenn er, überzeugt von der Nichtigkeit des scheinbaren Weltglücks, ausruft: "Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte." Das zeitliche Glück der Bösen und das trübselige Leben der Frommen erregte in seinem Gemüt Zweifel an Gottes Güte und Gerechtigkeit, bis dass er, darüber tief bekümmert, ins Heiligtum Gottes oder in das Innerste seines eigenen Herzens einging, den endlichen Ausgang beider Teile betrachtete, und erkannte, wie das scheinbare Glück der Gottlosen hienieden nur von augenblicklicher Dauer ist. Auch verschwinden sie oft durch einen plötzlichen Tod, und gehen dann ein in die endlosen Qualen, die sie sich selbst bereitet haben. Das unglücklich scheinende Leben der Frommen aber geht endlich in ein reines, ewig dauerndes Glück über. Diese Betrachtung machte einen beruhigenden Eindruck auf Asaphs Gemüt, und bewog ihn, sein Vergnügen, seine Freude und seine ganze Seligkeit in Gott allein zu suchen durch stetes Anhangen an demselben und durch den verborgenen Umgang mit Ihm. Darum sagt er: "Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte." Freude insgemein ist der Ausdruck eines von lebhaftem Vergnügen und inniger Zufriedenheit ergriffenen Gemüts, wie denn das Anschauen und der Genuss eines herrlichen Gegenstandes das ganze Spiel unserer Sinne und Affekte in frohe und vergnügte, ja freudig zitternde Bewegung setzen kann. Unser Herz erweitert sich, und eine gewisse Heiterkeit ergießt sich in den Kreis unserer Empfindungen, die dann wieder in Blicken, Worten und Gebärden sich äußern. Kurz, das Äußere zeugt von einem froh bewegten und vergnügten Innern. Dies heißt Freude im eigentlichen Sinn des Worts. Wenn irdische, sinnliche Freuden diesen Charakter anzunehmen und auf gleiche Weise sich zu äußern scheinen, so ist doch ein großer Unterschied zwischen solchen Freuden, die bloß aus dem Umgang mit den Kreaturen, und denen, die aus der Gemeinschaft mit Gott her fließen. Jene sind stürmisch, geräuschvoll und schnell veränderlich. Es ist mehr eine Betäubung als eine eigentliche Freude. Sie beruhen nicht auf dem wahren Grund, und daher sind sie unhaltbar, und wechseln bei erster Widerwärtigkeit mit mürrischem Trübsinn und finsterer Unzufriedenheit wieder ab. Ihr Ende ist Traurigkeit. Hingegen die Freude an und in Gott ist rein, solid und beständig, die sich auch zur Zeit der Trübsal als solche bewährt, wie Paulus sagt: "Als die Traurigen und doch allezeit fröhlich." Dieser göttlich-zufriedene, frohe und vergnügte Sinn erweitert das beklommene, beengte Herz, und lässt ein gewisses liebliches und freundliches Wesen im Äußern hervorleuchten, das wie ein wohltätiger Balsam auf unsere ganze Umgebung sich ergießt, und ebenfalls zum Anhangen an Gott einladet. Darum ist glücklich, wer seine Lust und Freude an dem Herrn hat, Herz und Geist stets zu Ihm erhebt, sich nur an Ihn anschließt, und so durch dieses treue Anhangen an demselben zuletzt ein Geist mit Ihm wird! Stille Freude wird sein Inneres durchströmen, sooft er an diesen unaussprechlich Nahen denkt, und sich sogar mit Ihm verbunden fühlt durch das Band der treuen Liebe und festen Anhänglichkeit. Und so ist Gott allein der Gegenstand und Grund der Freude eines lebendigen Christen. In Freude und Leid, im Glück und Unglück, im Leben und Sterben wandelt er voll Zuversicht an diesem großen Stabe, der, wenn alles ihm entschwindet, unwandelbar bleibt, und ihm auch die Aussicht in die Ewigkeit erheitert, wo reine, ungetrübte Freude und vollkommenes Vergnügen seiner wartet; darum, weil er schon in diesem Leben an seinem Gott hing, und an Ihm allein seines Herzens Freude hatte.
Jakob Ganz, den wir wohl mit Recht den Tersteegen der Schweiz nennen dürfen, wurde am 6. März 1791 in Embrach, Kt. Zürich, als das Kind armer Eltern geboren. Ursprünglich zum Schneiderberuf bestimmt, dem er auch mehrere Jahre oblag, empfand er schon früh einen tiefen Zug nach etwas Höherem, als diese Welt bietet, verbunden mit eigentümlichen inneren Anfechtungen, aus welchem sich je länger je mehr das Verlangen, in den geistlichen Stand zu treten, entwickelte. Nach mehreren vergeblichen Versuchen nahmen sich endlich christliche Freunde seiner an und ermöglichten es ihm, in Basel Theologie zu studieren, wo er auch das theologische Examen bestand. Nachdem er ein halbes Jahr in Seengen amtiert hatte, wurde er auf Ostern 1816 als Vikar nach Staufberg bei Lenzburg berufen. Dort wurde durch seine Predigten jene mächtige Erweckung hervorgerufen, welche wohl noch manchem in Erinnerung ist. Aus mehr als 30 der umliegenden Ortschaften strömten die Leute Sonntag für Sonntag nach Staufberg, um Ganz zu hören und ihm ihr Herz auszuschütten. Diese Erweckung machte Aufsehen und rief den Neid wach. Schon im Februar 1817 wurde Ganz auf ebenso heimtückische als gewalttätige Weise von Staufberg entfernt, und ihm durch obrigkeitlichen Befehl ein für allemal die Funktionen auf Staufberg und im ganzen Kanton verboten. Von da an hat Ganz in seiner Heimat die Kanzel nicht mehr betreten. Er begab sich zunächst zu Pfarrer Oberlin ins Steintal, der sich seiner väterlich annahm, begleitete sodann eine Zeitlang Frau von Krüdener auf ihren Missionsreisen durch die Schweiz und Baden, zog sich aber bald, dem ihm eigentümlichen Zug zur Stille folgend, ganz von aller öffentlichen Tätigkeit zurück, und wirkte fast nur noch durch persönliche Besuche, die er machte und empfing, sowie durch seine ausgebreitete Korrespondenz in zwar verborgener, aber um so nachhaltigerer Weise. Gibt es doch heute noch hin und her in der Schweiz viele Seelen, die ihm viel, die ihm alles verdanken, was sie an innerem Leben besitzen. Und heute noch wirken seine hinterlassenen Schriften nach, wie wenige aus früherer Zeit. Sein Leben war von da an eine Kette von Schmach und Verkennung, Armut und Not. Wiederholt wurde er ausgewiesen und musste bald da, bald dort Unterkunft suchen, bis ihn der Herr in der Christnacht 1867 in Winterthur, wo er die letzten Jahre seines Lebens zubrachte, heimrief. Seine Briefe, von welchen im Jahre 1870 eine erste Sammlung erschienen ist, zeugen von reicher Erfahrung des inneren Lebens, und spiegeln ganz seine reine, von der Welt und allem Eigenen abgezogene, Gott ergebene, nur in Gott lebende und ruhende Seele ab. Es weht eine eigentümliche Luft in diesen Briefen, Sie sind, wie wenige solcher Schriften, geeignet, dem Leser Aufschluss über sein Inneres und über den göttlichen Zweck seiner äußeren Lebenserfahrungen, namentlich der Leiden, zu geben, ihn von der Welt abzuziehen, zu beruhigen, zu stillen, zu trösten und zu stärken. Dabei sind sie einfach, klar und leicht verständlich, so dass wir sie jedem Liebhaber einer ernsteren, erbaulichen Lektüre, und namentlich angefochtenen Seelen, dringend empfohlen haben möchten. Präsentation zum Thema : »Betet ohne Unterlass« als Powerpoint-Datei Präsentation zum Thema »Betet ohne Unterlass« als Webseite
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