Erzählung im Geiste der Neusalemsschriften
von
Walter
Lutz
Erstes bis viertes Jahrtausend
1931
Diese Erzählung habe ich ohne jede Vorarbeit nach
der
Stimme des Geistes niedergeschrieben. Ich habe
nichts
gesucht, selber geplant und ausgedacht, sondern
alles wurde
mir in einem unwiderstehlichen, lebendigen Flusse
innerer
Worte in kürzester Zeit gegeben. In meinem Herzen
danke ich dieses Geschenk dem Geber aller guten
Gaben.
Von der Neu-Salems-Gesellschaft in Bietigheim
wurde diese Erzählung herausgegeben, weil sie den
Leser mit den in den Werken des Sehers und Gottes-
boten Jakob Lorber verkündeten Lehren des Neu-
Salemslichtes in anschaulicher Weise bekannt macht.
Walter Lutz
1. Kapitel
Es ist kaum zu glauben, wie bös der alte Sauerbrot
Zeit seines Lebens war. Wenn man ihn so dahinschlurfen sah, hager, schwächlich,
mit einer hängenden Schulter und bleicher grünlicher Gesichtsfarbe, da konnte
man freilich sich fast denken, daß von diesem Menschen nicht viel Gutes kommen
konnte.
Sauerbrot arbeitete in einer Maschinenfabrik.
Früher, in jüngeren Jahren, war er als ein recht intelligenter, brauchbarer
Mensch Meister gewesen. Aber seine Bosheit hatte es mit sich gebracht, daß er
rasch eine gute Stelle nach der anderen verlor und schließlich froh sein
mußte, in einer ganz einfachen Arbeitsstelle als gewöhnlicher Fräser
unterzukommen.
In einem Winkel des großen, rasselnden
Arbeitssaales war seine Maschine. Da stand er Tag um Tag, Jahr um Jahr und ließ
den scharfen, gierigen Stahl die gewünschten Formen aus dem Metall der rohen
Werkstücke herausfressen – und diese sozusagen erbarmungslose Arbeit schien
Sauerbrots einzige Lebenslust zu sein. So wie der Stahl ins Metall, so liebte er
es ja auch, in die Seelen seiner Mitmenschen Löcher und Furchen
hineinzureißen.
Im übrigen war der harte, selbstgerechte Egoist,
der nie eine Schuld und einen Fehler an sich selber suchte, durch den
absteigenden Verlauf seiner Lebensverhältnisse und beruflichen Geschicke sehr
verbittert. Er war dadurch anscheinend ganz zu Galle geworden, besonders gegen
alle diejenigen Menschen, die er in glücklicheren, aufsteigenden Verhältnissen
sah und die mit ihrem Los zufrieden waren.
Die „Giftspinne" hießen den unguten
Gesellen die Arbeitskollegen. Keiner wollte mit ihm etwas zu tun haben. Man
ließ ihn möglichst unberührt und unangefochten in seiner Ecke und war froh,
wenn er nicht hervorkam. Denn immer wenn er sich zeigte und unter die anderen
Arbeiter trat, war es jedesmal nur Streit, Ärger und gehässiges Wesen, was er
durch allerlei giftige Bemerkungen ausstreute.
Eine Lust war es ihm, auch durch Bemängelung der
Arbeit anderer, durch Beschuldigungen und Verdächtigungen, durch lügenhafte,
entstellende Zwischenträgereien die Leute gegeneinander aufzuhetzen, auch
zwischen Meister und Arbeitern oder gegen die Fabrikleitung zu schüren. Wenn
dann die Gemüter recht aufgebracht waren und es im Arbeitssaale vor geheimen
Spannungen und Entladungen drunter und drüber ging, dann zog sich die
Giftspinne wieder in ihren Winkel zurück und ließ mit einer wahren Wollust den
harten, scharfen Stahl in das weichere Material laufen. Er hatte sich wieder an
der Menschheit gerächt und beobachtete mit Schadenfreude, wie sich das „dumme
Pack", wie er die ganze Welt in seinem Herzen nannte, seelisch und oft auch
leiblich zerraufte und Wunden schlug.
Darum galt denn aber auch im ganzen Betriebe die
Losung, den Sauerbrot in Frieden zu lassen und ihm, wenn irgend möglich, als
wie einem bösen Geist aus dem Weg zu gehen. Und der gefürchtete Mann hatte
während der ganzen zehn Jahre, welche er in der von ihm zuletzt übernommenen
Arbeitsstelle zubrachte, unter seinen Arbeitsgenossen keinerlei Anschluß,
geschweige denn einen Freund.
Aber auch daheim, im Schoße seiner zahlreichen
Familie, war für ihn keine Stätte der Liebe und reinen Freude. Auch da lastete
Sauerbrots arger, finsterer Geist, indem er Weib und Kinder auf die
abscheulichste Weise tyrannisierte.
Martha, Sauerbrots Frau, war nach
fünfzehnjähriger Ehe von dem ewigen Gezänk und Gerechte und den
willkürlichen, herrischen Ansprüchen ihres Mannes wie auch von den zahlreichen
Geburten, die sich Jahr um Jahr folgten, so heruntergebracht, daß sie eines
Winters an der Auszehrung starb, als kaum die beiden ältesten Kinder, ein Sohn
und eine Tochter, aus der Schule waren. Der Sohn, von Haß und Verachtung gegen
den Vater erfüllt, brannte sofort nach Amerika durch, als die Mutter im kühlen
Erdboden lag.
Die Tochter Lydia, ein zartes, blasses,
lilienhaftes Kind, in dem aber eine große, der Mutter nachartende und im Leiden
früh geübte Liebesseele glühte, übernahm die Haushaltung sowie die Pflege
und Erziehung der vier jüngeren Geschwister. Sie wurde unter dem Druck des
Vaters und der durch die große Familie verursachten Not bald ein tragsames,
reifes Weib. Und als die jüngeren Geschwister endlich alle aus der Schule waren
und bis auf die Kleinste das Nest sobald als möglich verlassen hatten – da
reichte sie einem braven Mann, einem jungen Lehrer, die Hand zum Ehebund und zog
mit ihm aus der düsteren, brausenden Großstadt in die Stille eines
Gebirgsdörfchens, wo ihr Gatte seine Anstellung hatte.
Dem nun schon fast sechzigjährigen Sauerbrot wurde
bei dieser Gelegenheit anheimgestellt, mit Lydia in ihr neues Heim umzuziehen.
Aber der alte Eigenbrödler verschmähte dieses Angebot, obwohl in einer unfern
gelegenen Werkstätte für ihn auch Arbeit zu finden gewesen wäre. Er zog es
vor, an seinem bisherigen Orte einsam weiterzuleben und von der jüngsten
Tochter, die freilich keine duldsame Lydia war, sich den Haushalt weiterführen
zu lassen.
Die kleine Sibylle aber zog bald, als sie merkte,
daß der Vater nun mehr oder weniger von ihrem guten Willen, ihrer Pflege und
Sorgfalt abhängig war, ganz andere Saiten auf, als der Alte gedacht hatte. In
dem weniger günstig veranlagten Kinde hatte die böse Tyrannei des Vaters ganz
andere Mächte und Gegenkräfte entwickelt als in Lydia. Sibylle hatte des
Vaters Bequemlichkeit, Schlauheit, Rechthaberei und heimliche Gewaltsamkeit sich
zu eigen gemacht. Und als Sauerbrot bei zunehmendem Alter an Leber, Milz und
Nieren stark zu kränkeln begann, nahm sie unbedenklich das Heft in die Hand,
indem sie den Alten im Zanken, Schimpfen und Rechthaben noch überbot und ihm
bei jeder Gelegenheit drohte, ihn im Stiche zu lassen und fortzugehen, wenn er
nicht klein beigebe.
Sauerbrot, der wohl wußte, daß, wenn diese
Tochter ihn auch verlasse, für ihn, die Giftspinne, niemand mehr sorgen werde,
mußte sich denn auch wohl oder übel fügen. Aber dieses Geschick, dieses
Sichbeugenmüssen vor dem eigenen Fleisch und Blut, vergällte und verwüstete
ihn innerlich vollends ganz. Das von Milz und Leber ausgehende Leiden machte
reißende Fortschritte. Es war, als ob eine schon immer als Keim vorhandene
schwarze höllische Macht ihn immer mehr ergreife und schließlich die ganze
Person erfülle. Eine unsägliche, grenzenlose Wut, ein geradezu höllischer
Zorn erfaßte den bald andauernd bettlägerigen Mann, wenn er diese seine Lage
bedachte – sein nutzloses, erfolgloses Leben, seine schmerzhafte Krankheit,
seine Hilflosigkeit und dazu jetzt noch das freche Kind, das ihn, den
ohnmächtigen Vater, höhnte und von dessen Aufmerksamkeit und Gnade er mit
jedem Tässchen Milch, jedem Stückchen Brot, jedem frischen Lufthauche
abhängig war!
Eines Nachts, gegen die Mitternachtsstunde, als die
junge Sibylle gerade mit Freunden und Freundinnen im Lichtspielhause war und ihn
vergebens auf die für die Nachtruhe nötigen Wartungen und Handreichungen
harren ließ, nahm jene Macht, der Sauerbrot sich in seinem Leben Schritt für
Schritt immer mehr übergeben hatte, ganz von ihm Besitz.
Er sah es in der Stube wie einen schwarzen
gespenstischen Schatten auf sich zukommen. Er senkte sich über sein Bett,
setzte sich ihm auf die Brust, daß ihm der Atem fast verging. Der Gepeinigte,
in Angstschweiß gebadet, schrie um Hilfe. Aber niemand war da, der ihn hörte
oder hören wollte.
Aus dem mächtigen Schatten schienen ihn zwei
feurige, kohlschwarze Augen anzuschauen. Zwei krallenbewehrte Hände schienen
sich zu formen. Und diese entsetzliche Gestalt sprach: „Du bist mein! Ich bin
dein Dämon!" - und machte sich daran, ihm die Seele aus dem Leibe zu
reißen. Was weiter geschah, konnte Sauerbrot nicht mehr klar unterscheiden. Vor
Schreck und Grauen schwanden ihm die Sinne. Rasch wie auf einem Blitzstreifen
flog noch sein ganzes Leben in einem Nu an ihm vorüber. Dann wurde es um ihn
Nacht, und er hatte das Gefühl, in einer tiefen Ohnmacht wie in einen
finsteren, bodenlosen Abgrund zu versinken.
Das war Sauerbrots letztes irdisches Stündlein und
zugleich in dem namenlosen Grauen des höllischen Erlebnisses – sein Jüngstes
Gericht. Als seine vom Schreck in ihre Atome zerspellte Seele sich wieder
sammelte und das Bewußtsein zurückkehrte, war sie nicht mehr in ihrem
irdischen, fleischlichen Leibe. Der Todesengel hatte sein Amt verrichtet und die
Löse vollzogen.
Jetzt war Sauerbrot im geistigen Reiche – als ein
Geistmensch, freilich nicht von reiner, himmlischer und seliger Art, sondern als
ein Wesen mit ganz genau den gleich argen Gedanken, Gefühlen, Begierden,
Leidenschaften und Bestrebungen, die im leiblichen Leben seine Seele erfüllt
und durchbebt hatten.
„Wie der Baum fällt, so liegt er", hatte
einst ein erleuchteter Bote Gottes gesprochen. Und so war es auch mit Sauerbrot.
Der gleiche böse, von einem bereitwillig
aufgenommenen schlimmen Geist beherrschte Mensch, als der er im leiblichen Leben
gestanden hatte, war er nun auch in jenem anderen, dem fleischlichen Auge
unsichtbaren Lebensreiche. Er hatte die ewige, unsterbliche Seele nach dem
Willen und Machtgebote Gottes nur ihre zeitliche Hülle, das fleischliche
Gewand, ausgezogen, um auf neuer Seinsstufe ihrer weiteren Entwicklung
entgegenzugehen.
Das irdisch-leibliche Leben war ein unglückliches,
ein arges gewesen. - Und – was nun??
2. Kapitel
Als Sauerbrot nach dem schrecklichen Geschehnis
seines Hingangs wieder zu sich gekommen war, wußte er zunächst nicht, was sich
eigentlich mit ihm begeben hatte.
Er hatte keine Ahnung, daß er die von ihm immer so
mit kaltem Schauder gefürchtete Pforte des Todes durchschritten hatte. Er sah
sich noch immer in seiner Schlafstube im Bett, von wo er durch die offene Türe
einen Blick in die Wohnstube hatte. Fremd und bedrückend kam ihm nur vor, daß
alles, obwohl die Lampe brannte, in einer schwärzlichen Dämmerung nur wie
durch einen Schleier zu sehen war.
Auch wollte Sibylle endlos lange nicht nach Hause
zurückkehren. Und als sie endlich heimkam mit ihren Freunden und Freundinnen,
da war die Gesellschaft beim eigenartig dickroten Schein des elektrischen
Lichtes merkwürdig fröhlich und ausgelassen. Sie bereiteten, ohne um ihn,
Sauerbrots sich im geringsten zu kümmern, eine Punschbowle, stießen lustig an
und feierten sein, Sauerbrots, Ableben und Sibylles glückliches Erbe!
Das war doch allerhand an herzloser
Unverschämtheit! Sauerbrot wollte rufen und schelten. Aber merkwürdig – er
brachte kein lautes Wort aus der Kehle! Auch kein Glied konnte er rühren
.
Er war wie in Bett festgenagelt. Auch
der eigenartige Dunkelheitsschleier wollte nicht weichen. Und was ihm ebenfalls
auffiel war, daß er wohl die übermütigen Stimmen der Festgesellschaft hörte,
die ihm wie ins Herz schnitten – aber sonst keinen Laut, kein Gläserklingen,
kein Stuhlrücken, keinen Tritt vernahm und daß die Wanduhr gerade gegenüber
seinem Bette zwar schwang, daß aber die Zeiger unbeweglich still standen auf
Mitternacht und keine Stunde mehr schlug. War er denn nicht mehr recht im Kopf?
Oder träumte er denn? Mit bangem Alpdruck dachte es Sauerbrot.
Da erhob sich aus der Gesellschaft im Wohnzimmer
ein junger Mann, schlug ans Glas und hielt eine kleine Rede. Er sprach, wie
Sauerbrot deutlich vernahm, etwa folgendes:
„Da der alte
Plagegeist und Tyrann, die tückische „Giftspinne", endlich dahin ist und
meine liebe Sibylle ihre Freiheit erlangt hat, so gestatten wir uns, liebe
Freundinnen und Freunde, als Erben eines Häufleins von Glücksscherben, euch
unsere Verlobung ergebenst anzuzeigen. Wir haben die Absicht, das vom alten
Ränkeschmied in tausend Atome zersplitterte Familienleben in diesen Räumen
wieder aufzubauen und erhoffen dazu günstige Aspekte und Gestirne unter
weiterem treuem und fröhlichem Beistand von Seite der alten Freunde! - Ein
Prosit der neuen, rosigen Zukunft! - Und ein Pereat – ein hols-der-Teufel dem
tristen Geist der Vergangenheit, den wir – je eher, desto besser – in die
Grube der Vergessenheit versenken wollen! - Der alte Sauerbrot war ein
Pfuschwerk und ein Fluch! - Wir wollen neue Brötlein backen aus einem
blütenreinen, blonden, süßen Weizen! - Sibylle, meine liebe Braut, lebe
hoch!" Mit fröhlicher Begeisterung stimmte die ganze Gesellschaft in die
schwungvolle Leichen- und Verlobungsrede mit ein.
Das ist doch die Höhe, dachte Sauerbrot. Feiern
die ein Freudenfest, als ob ich gestorben wäre und im Sarg läge und die
größte Erbschaft ihnen zufiele! Und diese Urteile, die er über sich hören
mußte! - Das konnte er sich nicht gefallen lassen! Er wollte sich erheben,
hinaustreten, die ganze Sippschaft zur Türe hinausjagen. Aber die Glieder
versagten ihm völlig den Dienst. Keinen Finger konnte er rühren und keinen
Laut brachte er über die Lippen. Es war zum Verzweifeln, zum Rasendwerden –
diese Ohnmacht, diese Demütigung! Eine solche Wut ergriff den hilflos
Festgebannten, daß das Feuer des Zorns ihm gleichsam aus den Augen und aus den
Poren sprühte. Und es schien Sauerbrot, als ob plötzlich sein Bett in Flammen
stünde. Schier von Sinnen schrie er um Hilfe, brachte aber keinen Ton heraus.
Und die Gesellschaft im Wohnzimmer draußen schien nur immer lustiger zu werden
und von seiner entsetzlichen Not nicht den geringsten Vermerk zu nehmen.
Da, als Sauerbrot schon zu verbrennen und zu
ersticken glaubte, standen plötzlich, wie durch die Wand gekommen, zwei Männer
von eindrucksvoller Gestalt und ernsten, durchdringenden Mienen vor ihm. Sie
dämpften mit einer Handbewegung das zügelnde Flammenmeer seines Bettes. Und
während die Gesellschaft im Wohnzimmer wie auf ein Zauberwort verschwand,
sprach der eine, etwas ältere der Männer:
„Freund und Bruder! Wir sind Boten jener
höchsten Lebensmacht, welche du in deinem irdischen Sein wohl geahnt und
gefürchtet, aber doch stets mit dem Verstande geleugnet und in deinem Tun und
Lassen allezeit tief mißachtet und schwer gekränkt hast. Diese Grundmacht
alles Lebens ist die ewige Liebe, welche alles, was da ist, werden ließ und
auch dich aus der heiligen Fülle ihrer Urgedanken und Urkräfte geschaffen hat.
Sie hat dir auf deinen Lebensweg Seelenkräfte des Guten und des Bösen, der
reinen göttlichen Liebe und der unlauteren Eigenliebe mitgegeben in einer
weisen, wohlabgewogenen Mischung. Und es wäre dir bei gutem Willen durch die
Belehrung und Führung, welche dir dein Gott und Vater angedeihen ließ, zu
deinem großen, seligen Glücke möglich gewesen, die argen Funken der
Selbstsucht, des Neides, der Bosheit in deiner Seele durch die dir ebenfalls
verliehenen guten Funken reiner Demut und Liebe zu überwinden und dein Wesen
als ein geläutertes, gereiftes und vollendetes dem himmlischen Vater
zurückzubringen.
Aber deine Trägheit und deine Selbstliebe wollten
das nicht, du hörtest nicht auf die warnende, belehrende, antreibende Stimme
des göttlichen Geistes in deinem Herzen und gabst dich den versuchenden
Einflüsterungen höllischer Wesen hin, welche in dir den Neid, die
Gewaltsamkeit, die Lüge, die Bosheit verstärkten und dich immer mehr und mehr
in ihrem Bann zogen. Dadurch aber entferntest du dich immer mehr aus der
gesegneten, aufbauenden Lebensordnung Gottes und gerietest in die Bezirke
zerstörender, zersetzender, vernichtender Gewalten.
Du wurdest selber ein Zerstörer, Vernichter und
gefürchteter Gewaltmensch voll Gift und Galle. Und da du selbst niemanden mehr
liebtest als dich selbst und statt Liebe nur Zorn und Haß ausstreutest, so
wurdest du selber auch von niemand geliebt, sondern nur von allen gehaßt und
gemieden. An deiner Arbeitsstätte wie in deiner Familie bist du vereinsamt und
schufst um dich ein Trümmerfeld und eine Öde.
So bist du dieser Tage gestorben und dein Leib ist
schon der Erde übergeben als eine Speise der Würmer!"
„Was!?" schrie da Sauerbrot - „was faselt
ihr da, ihr verdammten Gaukler!? Habt ihr mich zum Narren!? Wollt ihr zwei
verkappten Stadtmissionare oder Heilsarmeeler machen, daß ihr augenblicks aus
meiner Stube und Wohnung hinauskommt! Hier wohnt ein Freidenker, ein Mensch, der
über eure Ammenmärchen längst hinaus ist!"
„Du irrst dich, lieber Freund", erwiderte
der ältere der beiden Männer ruhig und bestimmt, „wir sind nicht von jener
irdischen Welt, von der du immer noch träumst. Wir sind, wie wir dir schon
sagten, Boten der neuen, von dir jetzt betretenen geistigen Welt, gesandt von
deinem Gott, Schöpfer und liebevollsten himmlischen Vater, um dich noch einmal
zu ermahnen und zu warnen. Lasse du dich um deines ewigen Heiles willen von uns
zum wahren geistigen Sein erwecken und (auf den jüngeren Gefährten weisend)
von diesem hier zu den Stufen eines höheren, besseren Lebens emporführen!"
„Ich will nichts wissen von eurem höheren
Leben!", rief Sauerbrot heftig, in schärfstem, bissigstem Tone. „Wenn
ich schon gestorben bin, so laßt mich gestorben sein und bleiben! Ich habe
nichts da droben verloren bei einem angeblichen Gott und Vater, der mir, wenn
irgend etwas, nur das allerelendeste, verdammteste Leben mit nichts als Ärger,
Mühsal und Kummer gegeben hat! Ich will bleiben wo ich bin, auf dieser Erde!
Und ich will sehen, was dieses Menschengeschlecht, dieses elende Gezücht noch
alles anstellt.
Und wenn ihr mir von eurem Gott und himmlischen
Vater eine Gnade geben wollt, so erbittet und gebet mir die, daß ich hier unten
bleiben und das Menschenpack weiter, ja noch viel mehr als bisher, züchtigen
und piesacken darf. Denn mich hat das elende Chor so schandbar verdrossen und
verärgert und giftgrün gemacht, daß ich verbrennen muß vor gerechtem
Rachedurst, wenn ich mich nicht einmal ganz bis auf den Grund satträchen und an
dem Ärger und der höllischen Wut der Satansbrut sattrinken kann!"
„Bedauernswerter", entgegnet der ältere der
Männer, indes der jüngere sein Gesicht verhüllte, „satt werden wirst du nie
an diesem Gluttranke. Nur immer gräßlichere Höllenflammen wirst du dadurch in
dir entzünden. Aber es wird leider wohl auch keinen anderen Weg geben, um dir
das Aussichtslose und Unselige deiner Richtung durch Erfahrung zu bekunden. Und
so geschehe denn nach deinem uns unantastbaren freien Willen. Die Augen der
Seele sollen sich dir wieder öffnen für die irdische Welt! Du sollst frei in
deren Bereichen schweifen können, wohin es dir beliebt. Und es soll auch deinem
Tatwillen in einem gewissen, von Gott bestimmten Maße die Freiheit und
Möglichkeit des Wirkens gegeben sein!
Die endlose Gnade und Erbarmung der ewigen Liebe
begleite dich unglücklichen, bedauernswerten Bruder!"
Damit verschwanden die beiden Männer. Sauerbrot
fühlte sich in stockdunkler Nacht und in völliger, eisiger Einsamkeit.
3. Kapitel
Als der nun doch immerhin recht bang Bestürzte so
im Finsteren lag, da vernahm er plötzlich gleichsam in sich selbst wieder die
Stimme jenes unheimlichen höllischen Wesens, das in der Todesstunde mit ehernen
Krallen von ihm Besitz genommen hatte.
Die Stimme sprach: „Fürchte dich nicht! Ich bin
bei dir und führe, leite und beschütze dich auf deinen Wegen. Was du nach
deines Leibes Tode bis jetzt geschaut, gehört und erlebt hast, waren Bilder und
Ausgeburten deiner eigenen Phantasie und nur ein matter, verwirrter und
entstellter Abglanz der Wirklichkeit. Jetzt wirst du durch mich und meine Hilfe
die irdische Welt wiederum richtig hören, schauen, riechen, schmecken und
greifen können, und du wirst dich hinbegeben können, wohin du nur willst. Und
die Wohnstätten, Häuser und Herzen der Menschen werden dir offen stehen, und
du kannst unter ihnen und in ihnen wirken nach deiner freien Lust, wie du nur
immer willst und begehrst. - Warte nur in Geduld! Die Nacht wird bald
verschwinden, der Tag wird grauen und du wirst die Wahrheit dessen, was ich dir
sagte, sehen und erleben!"
In der Tat, wie die Stimme es verkündet hatte, so
war es denn auch!
Sauerbrot hatte nach seinem Tode zufolge des
Hinwegfalls seiner leiblichen Sinne zunächst nur im Eigenreiche seiner aus sich
selbst schaffenden Phantasie ein traumartiges Innenleben gehabt, das von den
Engeln Gottes durch geistige Einfließung und Leitung mit jenen belehrenden
Schauungen und Erlebnissen erfüllt worden war und ihm einen Abglanz höherer
Wahrheiten und Wirklichkeiten gab. - Jetzt wurde auf sein beharrliches,
unseliges Verlangen nach dem großen, im ganzen Wesenreiche Gottes geltenden
Grundgesetze der geistigen Freiheit vom Herrn alles Lebens, - nicht von jenem
lügenhaften, höllischen Dämon, der sich als Gewaltherrscher der Seele
bemächtigt hatte – dem neuen, weltsüchtigen Bürger des Jenseits die Sehe
für die diesirdische Welt wieder eröffnet und es ward im zugelassen, sich
schauend, vernehmend und wirkend hinzuwenden, wohin die arge Lust und Liebe
seines Herzens ihn nur immer zog.
Zunächst trieben Neugierde, Zorn und Wut den
Unseligen natürlich zurück nach der zu Lebzeiten innegehabten Wohnung. Er
wollte sehen, ob Sibylle wirklich sich verlobt hatte und mit seinem, Sauerbrots
Andenken einen so abscheulich kurzen Prozeß gemacht habe.
Als die Nacht wich, wie der schwarze Dämon
vorausgesagt hatte, und der Tag in den ihm wohlvertrauten Stuben dämmerte, da
bemerkte Sauerbrot zu seinem weidlichen Entsetzen und Ärger, daß die wahre
Wirklichkeit womöglich noch schlimmer war als das von ihm in den inneren
Phantasiebildern Geschaute. Sibylle und ihr Freund lagen schon als Gatten in den
einstigen Ehebetten der Eltern. Als sie aufwachten, waren sie lustig und guter
Dinge. Nur das große Bild des Vaters, das neben dem der Mutter in einem
vergoldeten Rahmen in der Wohnstube hing und durch die Schlafzimmertür zu ihnen
hereinschaute, störte sie noch, und sie beschlossen, es demnächst aus dem
Rahmen zu nehmen und zu verbrennen.
„Wartet nur", sagte Sauerbrot, „euch
Lumpenchor will ich schon einen Denkzettel geben, daß ich, wenn auch
unsichtbar, doch noch da bin!" Bemerkend, daß er nach dem bloßen Drang
und Zuge seines Willens sich in die Luft erheben und, wo er nur wollte, sich
hinverfügen konnte, stieg er empor, machte sich hinter das Bild, löste mit der
Kraft seines Willens einen schadhaften Knoten der Schnur, an welcher der Rahmen
hing, und im nächsten Augenblicke stürzte das Bild mit lautem Krachen zu
Boden, daß das Glas im viele Stücke zersprang und der Rahmen zersplitterte.
Erschrocken sprang Sibylles Gatte aus dem Bett,
eilte zu dem Bild, hob es auf und betrachtete Rahmen und Schnur um und um. „Es
ist doch merkwürdig", sagte Sibylle, „daß gerade in dem Augenblicke, wo
wir davon reden, das Bild fortzutun, die Schnur von selbst sich löst, das Bild
herniederstürzt und in tausend Stücke fährt! - Ganz sicher ist es also des
Himmels Wille, daß das Bild fortkommt und als letztes Erinnerungszeichen der
traurigen Vergangenheit verschwindet." „Des Himmels Wille oder nicht –
das mag sein wie es will", entgegnete der Mann. „Ich glaube nicht an
höhere Mächte, solang ich nichts davon höre und sehe! - Eine Motte hat die
Schnur zerfressen, das sehe ich ganz genau an der Bruchstelle. Und was das Auge
sieht, das glaubt das Herz!" Daraufhin wurden von Sibylle die Glassplitter
zusammengekehrt, das Lichtbild wurde von ihr zerrissen und verbrannt. Der Rahmen
wurde von ihrem Ehegatten zusammengefügt, geleimt und für bessere Zwecke
hinten den Kasten gestellt.
So war die erste Kundgebung Sauerbrots aus dem
Jenseits im Diesseits verlaufen und – verpufft. Und mit neuem großen Ärger
mußte der Unglückliche sehen, wie geringschätzig sein Andenken behandelt
wurde und wie ohnmächtig sein Wille war, in die Herzen der Menschen, die er im
Leibesleben mißhandelt und sich zum Feinde gemacht hatte, von drüben aus
andere, achtungsvollere Gedanken und Empfindungen zu pflanzen. Sauerbrot
beschloß, diesen Ort der Enttäuschung und des Zornes zu verlassen. - Aber
wohin? - Wo war es für ihn besser? Wo konnte er Licht und Freuden finden?
Nirgends, das wußte er wohl! - Überall war für
ihn die Welt eine Hölle! Da fiel ihm wieder seine Tochter Lydia ein – der
einzige Mensch auf Erden, dem er zeitweilig ein wenig gewogen war, zu dem er
dann und wann Anwandlungen von Dank und Liebe empfunden hatte. Denn Lydia war
tatsächlich ein Engel gewesen. Niemand hatte, wie sie, so geduldig, so still,
so hingebend alle seine Launen und Gewalttätigkeiten getragen.
Diese Tochter wollte er aufsuchen, sehen wie sie
lebte, sich ihr womöglich kundtun, seinen Ärger, seinen Zorn und sein Leid ihr
klagen, um sie womöglich ganz in seine Gewalt zu ziehen und für ewig an sich
zu ketten.
4. Kapitel
Kaum hatte Sauerbrot so recht diese Gedanken und
Wünsche in sich zur vollen Klarheit und Macht reifen lassen, da fühlte er sich
auch schon gleichsam wie von unsichtbaren Fittichen in die Luft gehoben. Er
schwebte, ohne daß ihn Decke, Wände und Dach aufhalten konnten, aus dem Hause,
über das wirre Meer der Großstadt hinweg ins Grüne und immer fort und fort
über Ebenen, Hügel, Täler, Flüsse und Seen – bis er über jene
Gebirgsgegend kam, die man „Auf dem Walde" nannte.
Dort wurde er, wiederum wie von Geisterhänden,
abgesetzt und befand sich bald im Gärtchen beim Schulhause, wo soeben seine
Tochter Lydia Küchengemüse holte zum Mittagkochen. Sie war etwas blaß und,
wie ihm schien, stärker gealtert, als die seit ihrer Verheiratung verflossenen
zehn Jahre hätten vermuten lassen. Hatte sie Unglück in der Ehe? Sorgen? - Die
kurzen, bräunlichen Kräusellöckchen auf der zarten Stirne, den Schläfen und
im Nacken, die ihm stets so gefallen, hatte sie aber immer noch. Sauerbrot
hätte gerne zu ihr geredet. Aber soviel er sich auch Mühe gab und sich ihr
näherte, so konnte sie ihn doch offenbar nicht vernehmen. Nur als er ihr ganz
nahe kam und, während sie die vom Gartenbeet gepflückte Petersilie
nachdenklich zu einem Sträußchen ordnete, den Arm um ihre Schultern legte, da
schauerte sie plötzlich wie von einem kalten Friesel zusammen, schüttelte
sich, seufzte tief auf und eilte dann rasch ins Haus an den warmen Herd.
Bis zur Zeit des Mittagessens schaute sich
Sauerbrot das Gärtchen und das ganze Schulhaus von außen und innen an und
hörte dann dem Lehrer, dem Ehemann Lydias, eine Weile beim Unterricht seiner
zahlreichen Kinder zu. Da gerade biblische Geschichte vorgetragen, gebetet und
gesungen wurde, hielt er es aber hier nicht lange aus und begab sich schwebend
hinaus in die Umgebung des Schulhauses, musterte flüchtig das benachbarte
Pfarrhaus, die Kirche, das Rathaus, das ländlich behäbige Gasthaus zur „Traube"
und nach und nach alle die großen und kleinen Häuser der Bauern und wenigen
Handwerker des Dorfes. Beim Schlosser und beim Schmied hielt er sich etwas
länger auf, weil dieses Handwerk mit Stahl und Eisen ja in sein irdisches Fach
schlug.
Zur Mittagszeit kehrte Sauerbrot wieder ins
Schulhaus zurück und kam eben dazu, wie die ganze Lehrersfamilie zu Tische saß
und der Vater nach dem Tischgebet die Suppe heraus schöpfte. Es saßen mit den
Eltern vier Kinder am Tisch, zwei Mädchen und zwei Knaben. Es ging ruhig und
geordnet zu. Der Vater, ein mittelgroßer, gesunder, vollblütiger Mann von etwa
35 Jahren, mit klugen, energischen Zügen und kühn gewelltem, braunen
Haupthaar, schien ein strenges, aber gerechtes Regiment zu führen.
Ihm gegenüber, am anderen Ende des Tisches, saß
aber noch jemand, ein altes, etwas krummes Männchen, gut siebzig Jahre alt, mit
einem seitlich geneigten, immer freundlich-ernst lächelnden Gesicht. Wer war
denn das? Seine wasserblauen Augen strahlten und blitzten über die
Tischgesellschaft hin und waren bei den Winkeln an den Schläfen von vielen
sonnenartigen Fältchen umsäumt. Das mußte der Vater des Lehrers sein, denn
die Kinder sagten zu ihm Großvater. Dieses alte, krumme Männchen schien
übrigens der einzige von der ganzen Familie zu sein, der von seiner,
Sauerbrots, Anwesenheit etwas Bestimmtes bemerkte. Er warf plötzlich, als
Sauerbrot sich in der einen Zimmerecke auf die Bank beim großen grünen
Kachelofen setzte, einen raschen, starren Blick nach diesem Platze, schreckte
ganz leicht zusammen, legte dann den Löffel weg, wischte sich den Mund und
sagte nach einer Weile, in seinen Stuhl zurückgelehnt: „Ob wohl der
Großvater Sauerbrot seine ewige Ruhe nun gefunden hat!?"
„Es ist merkwürdig, daß du jetzt auch an den
Vater denkst", sagte wie aus tiefen Gedanken heraus Lydia, die inzwischen
den Gemüsegang herein gebracht hatte. „Die ganze Zeit muß ich bei ihm sein.
Und diesen Morgen im Garten, da war mir ganz sonderbar. Wie ein kühler Hauch
ging es über mich. - Es war aber auch von Sibylle zu arg, uns von seinem Tod
eine so späte Nachricht zu geben, daß ich nicht einmal mehr zum Begräbnis
kommen konnte! - Das wird mich jetzt", so setzte sie bedrückt hinzu, „mein
Leben lang verfolgen!"
„Es kommt nicht darauf an, ob und was wir den
Toten zu Ehren erweisen", entgegnete, mit Eßlust die Schüssel ergreifend,
der Lehrer Liebhardt, „sondern darauf, was wir ihnen im Leben Gutes getan
haben. Und da kannst du ja ruhig sein. Du hast dem grämlichen Mann gedient wie
eine Ruth, ja wie er es an euch Kindern und an eurer Mutter nie verdient hatte
– und wie er es auch in der ganzen Ewigkeit nie mehr finden wird, wenn er sich
nicht noch von Grund aus drüben ändert".
„Wir wollen zu Gott hoffen", seufzte Lydia,
„daß er in der großen Erbarmung Gottes auch noch Gnade findet!" „Amen,
ja, ja! Walt's Gott!" sagte das alte Großväterchen, indem er heimlich
immer wieder nach der Ofenbank schaute, wo er den unseligen Geist des alten
Sauerbrot leibhaftig sitzen sah.
Der Großvater Liebhardt, seines Berufes einst
Schreinermeister, hatte nämlich das sogenannte zweite Gesicht. Er konnte die
merkwürdigsten Dinge schauen, von denen andere Menschen keine Ahnung hatten.
Und seine Erlebnisse auf dem geistigen Gebiete waren so sonderbar und
ungewöhnlich und klangen für die Mitwelt so unglaubhaft, daß er sich längst
angewöhnt hatte, davon gegen jedermann zu schweigen und alles bei sich zu
behalten. Nicht einmal seinem Sohne, der übrigens ein in geistigen Dingen
ziemlich aufgeklärter Mann war, mochte er sich erschließen. Denn was der
Mensch nicht selber sieht, das betrachtet und erklärt er eben doch immer gerne
als Hirngespinst und zum mindesten als etwas Ungesundes. Und so führte auch der
Sohn über diese Erscheinungen und Erfahrungen und Fragen nicht gern ein
Gespräch, zumal er fürchtete, dadurch bei den Leuten im Dorf und schließlich
auch beim Pfarrer und bei seiner Behörde mit seinem ganzen Hause in Verruf zu
kommen. Geister und Geistererscheinungen durfte es nach der landläufigen
Ansicht der gebildeten Menschen nicht geben und vor allem natürlich nicht im
Schulhaus, von wo ein geordnetes, bestimmtes Wissen und eine nüchterne, klare
Lebensauffassung ins Volk getragen werden sollte und nicht ein mystisches Wesen
und Geraune seinen Sitz und seine Brutstätte haben durfte.
„Und wenn es gleich hundertmal so ist,
Vater", hatte der Sohn zum Alten gesagt, „wenn die Welt auch voll Teufeln
und Geistern sitzt, wie Paulus sagt – so dürfen wir's doch nicht wahrhaben
und ausposaunen. Die Wissenschaft, die Gelehrtenwelt und der natürliche,
weltlich-sinnliche Mensch sieht's und glaubt's nicht. Und wir können und
dürfen uns nicht der allgemeinen Anschauung widersetzen und uns mit derartigen
Dingen lächerlich machen. Ich in meinem Beruf und Stand am wenigsten! Denn
vielen Neidern und Gegnern, die man hat, wäre es ein willkommenes Fest, einen
auf diesem Gebiete, auf welchem es keine strikten Beweise gibt, auf Grund der
landläufigen Anschauungen zu Fall zu bringen. Ich bin daher meiner Stellung,
meiner Frau und Kinder wegen zur Vorsicht und Zurückhaltung verbunden.
Gegen diese Auffassung und Stellungnahme läßt
sich, so dachte das Väterchen Liebhardt, natürlich nichts einwenden. Und so
behielt er denn alles, was er so durch die seelisch-geistige Sehe erlebte,
streng für sich.
Er wußte es in aller Stille, wenn jemand im Orte
bald sterben solle. Da sah er allemal einen grauen Schatten, der bei der
betreffenden Person sich aus der Brustgrube löste und, durch ein dünnes Band
mit dem Todeskandidaten verbunden, immer mehr menschliche Gestalt annahm, je
näher die Todesstunde rückte. Im Tode sah er das heftig vibrierende Band
zerreißen und die aus dem seelischen Lebensinhalt des sterbenden Menschen
gleichsam gespeiste und aufgebaute Schattengestalt sich erheben, um dann ganz in
den Formen des einst lebenden Menschen, nur freilich als ein zarter Ätherleib,
zu entschweben. Bei manchen Menschen sah er freilich auch andere,
unvollkommenere, ja häßliche und abstoßende Gestalten sich entwickeln, die
nicht selten geradezu tierische Formen annahmen.
Den alten Sauerbrot erschaute er zu seinem
Schrecken leider auch in solch einer bedauernswerten, unseligen Mißgestalt. Er
war in seinem Kerne ganz schwarz, in den seelischen Leibesformen skelettartig
mager und glich mit dem kahlen Schädel, den glotzenden Augen, den abstehenden
Ohren und den spinnendürren Armen und Händen mehr einer großen Fledermaus,
einem Vampir, als einem Menschen, zumal um seine Schultern eine Art schwarzen
Mantels wie ein Schwingenpaar sich legte.
So saß der Geist des Vaters, um dessen Heil das
Herz der Tochter bangte und seufzte, in der gleichen Stube mit der ahnungslosen
Familie auf der Ofenbank.
Dem Väterchen Liebhardt wollte es diesmal doch
fast das Herz zersprengen. Er warf zornige Blicke nach dem ungebetenen Gast,
schalt ihn in stummer, heftiger Zwiesprache des Herzens einen Eindringling,
forderte ihn in Jesu Namen auf, das Haus augenblicklich zu verlassen und suchte
ihn zu belehren über die wahren Wege des Heils, welche den Menschen und Seelen
des Diesseits und Jenseits gewiesen sind durch die trostvolle Frohbotschaft des
Herrn und Heilandes Jesus Christus. Allen, auch dem ärgsten Sünder, sei ja die
erbarmende Gnade der ewigen Liebe in Gott verheißen.
Diese noch bei Tisch still im Innersten des Herzens
vorgetragene Predigt des alten Mannes, die Sauerbrot in seinem Gemüte
merkwürdigerweise Wort für Wort ganz hell und klar verstand, war dem
leichterregbaren zornmütigen Gaste schon wieder ein großes Ärgernis. Er
hätte am liebsten dem redseligen, unverschämten „Betbruder" den großen
Gemüselöffel um den Kopf geschlagen. Aber schwere, stoffliche Gegenstände wie
solch einen metallenen Löffel zu heben, wollte ihm leider bei aller Anstrengung
nicht gelingen. So mußte sich Sauerbrot damit begnügen, wütende, versengende
Blicke nach dem Alten zu schießen und unter den greulichsten Schimpf- und
Fluchworten ihm Pest und Tod an den Hals zu wünschen.
Das Väterchen Liebhardt sah und hörte freilich
wohl alles und fühlte den höllischen Einfluß – aber ihm konnte dies alles
– wie Sauerbrot zu seinem erhöhten Ärger merkte – nichts anhaben. Denn
dieser herzensgute, im Geiste frommer reiner Liebe gereifte Greis war wirklich
in Gott wie in einem unzugänglichen Lichte geborgen und saß unangreifbar unter
dem Schirme des Höchsten. Er lächelte wissend und hörte nicht auf, während
der ganzen Mahlzeit für Sauerbrot, für Lydia und für das ganze Haus still im
Herzen zu beten.
Nach dem Essen aber zog er Lydia, seine ihm gar
teuere Schwiegertochter, in das freundliche Stübchen, das man ihm nach
Aufgebung seiner Schreinerei für einen friedlichen Lebensabend im oberen Stocke
eingeräumt hatte, und forderte die immer noch Bekümmerte auf, doch ja nicht
nachzulassen im eifrigen, kindlich liebevollen Gedenken an den Verstorbenen.
„Hast du etwas gesehen?" fragte die Tochter
rasch.
„Es ist schon recht!" antwortete ausweichend
der Alte. „Auch er wird noch mit Gottes Hilfe zur Ruhe kommen! - Aber jetzt
steht es noch ernst um ihn, und wir müssen alle stark auf der Gebetswache
sein!"
5. Kapitel
Dieser Empfang und Anfang im Schulhaus bei den
Lehrersleuten paßte dem giftigen Sauerbrot ganz und gar nicht. Da war er scheint's
vom Regen in die Traufe gekommen. Dieser Frömmelgeist! Diese Beterei! Und
dieses Predigen! Das wehte ihn ganz widerlich an. Eine rasende Wut ergriff ihn
über diesen elenden Stundenbruder, der sich da im Hause seiner Tochter breit
gemacht hatte und ihm den Eintritt und das Verweilen verbieten wollte. Das war
ja noch einmal schöner, so ein schiefes krummes Knochenmännchen, das den Kopf
trug, als hätte das Schicksal einmal ein Kräftiges in den Nacken gewischt.
Ja, allerdings, das Geschick hatte diesen zarten
Menschen in dem gebrechlichen Körper schon gar oft und schwer getroffen. Man
sollte es nicht meinen, daß unser Gott und himmlischer Vater auf einen
Gerechten, der gegen alle Mitgeschöpfe, Mensch und Tier, immer voll
Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft war und der allezeit Gottes Wege zu gehen
aufrichtig sich bestrebte, seine Hand so bitterschwer legen könne. War denn
dieses Menschen Herz im Innersten immer noch nicht so, wie Gott nach Seinem
Ratschlusse es haben wollte? Waren immer noch geheime, versteckte
Unvollkommenheiten da, welche im Feuer des Leidens hinausgeläutert werden
mußten? Oder handelte es sich schließlich nur noch um eine Bewährungsprobe,
eine Vollendung im gläubigen Tragen, im hingebungsvollen, unerschütterlichen
Vertrauen, in der höchsten, himmelsreifen Geduld?
Nach einer kurzen, glücklichen Ehe war dem
Väterchen Liebhardt vor bald vierzig Jahren die geliebte, unersetzliche Frau
durch den Tod entrissen worden. Von den drei hinterlassenen Kindern starben bald
darauf zwei, ein Knabe und ein Mädchen, und nur noch Karl Gotthilf, der jetzige
Lehrer blieb übrig. Sein mit eigener Hand und viel saurem Schweiß aufgebautes
Haus verzehrte samt aller irdischen Habe eines Nachts eine Feuerbrunst. Und was
an Geldvermögen bei einer Bank übrig geblieben war, verschlangen später
ungünstige wirtschaftliche Verhältnisse. Damals war Vater Liebhardt nun aber
schon so alt geworden, daß er, durch ein Gichtleiden geschwächt, nicht mehr
die Unternehmungslust und -kraft hatte, seinen Schreinerbetrieb im früheren
Umfange wieder aufzubauen, zumal dazu kostspielige Maschinen gehörten.
Er betrieb daher in dem Landstädtchen, wo er
geboren war und wo er bis ins Alter gewirkt hatte, schließlich nur noch ein
kleines Geschäft ohne Gehilfen. Es ernährte ihn ganz wohl. Alle Familien im
Ort wollten für ihre abgeschiedenen Lieben nur vom guten Meister Liebhardt den
Sarg, das letzte Hüttchen dieser Erde. Doch als dem Alten auch diese Arbeit
wegen der zunehmenden Gicht in den Beinen und Schultern zeitweilig zu schwer
fiel, auch der einsame Witwer eine bessere Versorgung benötigte, da mußte
Vater Liebhardt vollends alles irdische Eigentum aufgeben, und, der Einladung
seines Sohnes und seiner Schwiegertochter folgend, nach dem Dorfe auf dem Walde
in das Ausdingstübchen im Dachstock übersiedeln.
Dort hatte er es ja nun auf den Lebensabend
freilich herrlich-schön. Ein friedliches Wiesenbild mit fruchtbaren
Obstbäumen, ein Kranz wogender Felder, in naher Ferne umrahmt vom immergrünen
Tannenwald, lag vor ihm, wenn er oben zum östlichen Fenster hinaus schaute.
Für sein leibliches Wohl war in jeder Hinsicht trefflich gesorgt. Die
Schwiegertochter und auch der Sohn ließen es an nichts fehlen. Auch an den
Kindern hatte er viel Freude. Und so hätte der nun über siebzigjährige
Erdenpilger den Verlust aller irdischen Habe leicht verschmerzen können. „Mein
himmlischer Vater", konnte er sagen, „hat mich ganz ausgezogen wie eine
Mutter ihr Kind, das sie zu Bett bringen will. Ich denke und hoffe, Er wird mich
auch bald schlafen legen."
Und doch war im Friedensbilde dieses Lebens ein
dunkler, schmerzlicher Fleck, der dem Großvater Liebhardt wie auch der
Schwiegertochter viel Kummer und Sorgen machte, und der ihm auch diese
Endstation seines irdischen Daseins zu einer Schule des Leidens und des
unerschütterlichen, gläubigen Vertrauens gestaltete. Es war dies die traurige
Sache mit seinem Sohn! Dieser sonst gute, fleißige, rechtschaffene Mensch, der
als Lehrer im ganzen Dorfe von jung und alt geachtet und geliebt war, hatte
einen großen Fehler, eine verderblich, das ganze Familienleben zeitweilig
schwer zerrüttende Schwäche. Von Vierteljahr zu Vierteljahr kam der
vollblütige, lebenssprühende Mann in einen eigenartigen Spannungs- und Erregungszustand,
in dem er mit unwiderstehlicher Macht und allen guten Vorsätzen zum Trotz sich
betrank und tage- ja wochenlang aus dem Alkoholrausch nicht mehr herauskam.
Veranlassung dazu gaben ihm seine hervorragenden
geselligen und musikalischen Gaben, welche die Natur verschwenderisch auf ihn
ergossen hatte. Den Lehrer Liebhardt wollte man im Dorf und weit umher in allen
Ortschaften als Vereinsvorstand, als Gesangs- und Musikleiter, als Festgast
haben. Und bei jeder Veranstaltung mußte Liebhardt mit seinem frohen,
hinreißenden Temperament, seinem Geist und Witz mit dabei und mittendrin sein.
Und an Feiern und Festen mit fröhlichem Betrieb
fehlte es in dieser Gegend nicht. Unfern des Wohnortes von Liebhardt waren
Dörfer, in denen auf den Südhängen des Gebirges ein guter, schwerer –
heißem Basaltboden entspringender Wein wuchs. Das war ein gefährlicher Boden,
und besonders der Herbst mit den Winzerfeiern und Kirchweihen eine schwierige
Zeit für Liebhardt! Wenn diese Tage des neuen Weines nahten, dann war es, als
ob auch in dem flotten, lebensfrohen Manne gärende Naturgeister sich aus den
fleischlichen Regionen erhöben und brausend in die Nerven, in Herz und Kopf
stiegen und nun unbedingt ihren bacchantischen Tribut haben müßten. - Bald
nach dem Herbst kam die Weihnachtszeit mit ihren vielen musikalischen und
geselligen Feiern, bei denen Liebhardt als Leiter ebenfalls unentbehrlich und
fast Abend für Abend in Anspruch genommen war. Und kaum, daß die Weihnachts-
und Neujahrsfeiern verklungen waren, da strömte im heidnischen Geist unserer
Zeit die Menschheit genußgierig schon wieder in den Trubel des Karnevals.
So ging wirklich der ganze Winter dahin, ohne das
der Lehrer Liebhardt recht zu sich kommen konnte. Und sobald der Kuckuck im
Maienwalde rief, ging es mit den Vereinsausflügen und den Sängerfahrten an,
die wiederum heiße Tage, viel Durst und glühende, hemmungslose Weinlaune
brachten und mit den alten Jahrgängen so lange gefeiert wurde, bis der Herbst
wieder den „Neuen" schenkte.
Ja, das war ein buntbewegter, für den Lehrer
Liebhardt verhängnisvoller Jahreskreislauf! Immer wieder, von Zeit zu Zeit
brachten ihn seine Freunde – meist bei Nacht, damit es niemand sah – schwer
betrunken nach Hause. Der Mann, der den ganzen Tag über mit seinem Geist und
seinen Gaben die ganze Festgesellschaft ergötzt, den ganzen Ort belebt hatte,
wurde wie ein Stück Vieh dahergeschleppt, keines Sinnes, keines vernünftigen
Wortes mehr mächtig, unverständlich lallend und mit kraftlosen Gliedern.
Es waren für Lydia furchtbare Zeiten, wenn diese
Festlichkeiten nahten, und entsetzliche Stunden und Augenblicke, wenn man ihr
den Mann in solchem Zustand, als ein Opfer höllischer Geister, heimbrachte.
Nächtelang mußte sie oft, während die ganze Gegend im Festrausche schwamm,
wie auf einer Seelenfolter harren und bangen, bis der Gatte und Vater ihrer
Kinder nach Hause kehrte, in Furcht und Zittern des Anblicks gewärtig, in dem
er sich ihr zeigen würde. Was war es für eine Schmach vor den Nachbarn und der
ganzen Einwohnerschaft des Dorfes! Und was für ein Jammer vor den eigenen
Kindern, denen die Schande des Vaters oft nicht ganz verborgen werden konnte!
Seit der Großvater im Hause war, hatte Lydia doch
wenigstens einen Gehilfen für die leibliche Pflege und Versorgung des in seine
schweren Betrunkenheit mit Atemnot und Herzbeschwerden heftig ringenden Mannes.
Auch war nun doch jemand da, mit den sie über dieses bittere Leid sich
aussprechen und ausweinen konnte, und der ihr die so furchtbare Seelenbürde zu
tragen half.
Aber das Schlimme war, daß in den letzten Jahren
bei zunehmender gesundheitlicher Zerrüttung die Trunkenheit Karls stets mehr
mit großer Reizbarkeit und Zornmütigkeit verbunden war. Während der
Allerwelts-Festleiter früher bis zum letzten Augenblicke des Bewußtseins von
gutmütigem Witz übergeströmt war, wurde er nun oft gar sehr ärgerlich, bös
und händelsüchtig. Die überreizte Seele fühlte sich rasch verletzt. Und ganz
plötzlich und unerwartet konnte die beste Stimmung und Laune umschlagen in den
gräßlichsten Zorn und in eine rasende Wut, in welcher höllische Mächte den
Bedauernswerten ganz in die Gewalt zu ziehen schienen und nach irgendeiner
unheilvollen Tat als Auslösung ihres finsteren Willens drängten.
Ganz besonders auch auf dem Heimwege oder zu Hause
gegenüber der hilflosen, unglücklichen Frau entluden sich diese Ungewitter.
Als ob sie diejenige wäre, die ihm ein unschuldig fröhliches Leben mißgönne,
die ihn bedrücke und beenge mit ihrem ängstlichen Wesen.
Wozu den Seufzen und Tränen, wenn er heimkam? Oder
dieses schweigsame, wortlose Dulden, das ihn noch mehr reizte, als die größte
Tränenflut. Und warum bekam er nichts zu trinken mehr? Er hatte Durst, der
gelöscht sein wollte! Warum brachte sie ihn zu Bett, anstatt ihn noch einmal zu
den Freunden zu lassen?
So begann jedesmal der Hader, wenn Liebhardt
betrunken nach Hause gebracht wurde. Und die Gereiztheit, die sich einigemal bis
an die Grenze von Tätlichkeiten steigerte, setzte sich unter den Nachwehen des
Rausches meist tagelang fort und zeigte ihre Wirkung auch in der Schule, wo die
sonst sehr an ihrem Lehrer hängenden Schüler wie auch die eigenen Kinder
darunter viel zu leiden hatten.
Erst wenn einige Tage dahingegangen waren und ein
Gang in die frische Waldluft oder einige Stunden tüchtiger Gartenarbeit die
Kräfte des Leibes und der Seele wieder einigermaßen in Ordnung gebracht
hatten, wurde es besser. Und dann war dem geplagten Opfer seiner Leidenschaft
das Vorgefallene bitter leid und besonders schämte er sich der Lieblosigkeit
gegen seine engelsgute Frau.
Aber bei nächster Gelegenheit zog die Versuchung
ihn doch wieder in ihre Gewalt und schlugen die Flammen unwürdiger Lust und
argen, zerstörenden Zornes doch wieder, und zwar immer höher, über ihm
zusammen. Dies alles mußte der alte Vater Liebhardt zu seinem großen Schreck
im Schulhause bald innewerden und mit Sorge und Gram immer wieder miterleben. Es
war doch nirgends in der Welt ein ungetrübtes Glück. Überall war ein offener
oder heimlicher Fleck im Bilde, überall eine Wunde, die da blutete, überall
ein Pfahl im Fleisch, den Menschen von Gott gegeben, damit sie sich nicht
überheben und damit sie es lernten, nach Gott zu suchen und zu schreien und Ihn
um Seine allein wirksame und segensvolle Hilfe anzuflehen.
Das letztere tat dann auch Vater Liebhardt im
treuen Bunde mit der Tochter Lydia reichlich. Aber es wollte dennoch keine
sichtbaren Früchte reifen. Ja, es war gerade jetzt wieder offenbar eine gar
schlimme Zeit im Anzuge.
Ein warmer Sommer und Frühherbst hatte einen
ausgezeichneten Jahrgang gereift. Schon hatte die Lese da und dort begonnen.
Bald würde das neue Erzeugnis in einem Strom schwerbeladener Lastwagen aus der
Weingegend die die Ortschaften und Städte der Umgebung sich ergießen und die
Herbstferien mit Volksfestgetriebe, Feuerwerk und langen, feuchten Sitzungen
ihren Anfang nehmen. Die Vorbereitungen der Vereine und Gesellschaften nahmen
schon Liebhardts ganze Freizeit in Anspruch. Und schon zeigten seine geröteten
Mienen und etwas stechenden, harten Blicke und die gespannte Stimmung, daß in
ihm diesmal etwas Besonderes wallte und wühlte.
6. Kapitel
Was sagte denn nun aber zu diesen Verhältnissen,
als sie ihm bei längerem Verweilen so nach und nach innewurden – der alte
Sauerbrot, der als ein unsichtbarer Gast trotz aller Beschwörungen und
Predigten des Großvaters Liebhardt sich im Schulhaus festgesetzt und die
Ofenbank sowie eine halbdunkle Obstkammer im Untergeschoß zu seinem
Lieblingsort gemacht hatte!?
In diesem streit- und ränkesüchtigen Geist
erweckte es eine große, hämische Schadenfreude, als er bemerkte, daß der Sohn
des ihm verhaßten frommen Alten ein solcher Säufer und Unhold war. Ja, ja, so
geht’s mit diesen Kopfhängern, philosophierte Sauerbrot. So setzen sie Kinder
in die Welt und müssen froh sein, wenn sie im Alter bei ihnen ein Unterkommen
und eine Futterstelle haben! - Die Lydia saß ja in einer schönen Patsche! Aber
so hatte sie es auch verdient. Warum war sie ihm damals davongelaufen!? Sie
hätte es so schön bei ihm gehabt. Aber wenn's der Geiß zu wohl ist, dann
scharrt sie! Und so war das einfältige Ding in dieses Elend hineingerannt und
da saß sie nun mit vier Kindern und hatte einen Säufer samt seinem alten
Nörgelgreis von Vater auf dem Halse! Recht so! Es müßte noch viel schlimmer
kommen! Es ging denen im Schulhaus noch viel zu gut! Da mußte erst noch so
recht der Teufel dreinfahren, um diese ganze scheinheilige Sippschaft, die nach
oben und nach außen hin so ehrsam und bieder tat, durcheinanderzubringen und an
den Pranger zu stellen!
Ja, das wollte er, Sauerbrot, sich zur Aufgabe
machen, das sollte hier sein Werk sein, wie er es auch zu Leibeslebzeiten
gemacht hatte – die Brandfackel in dieses Lotterwerk zu werfen, damit die
ganze, wahre Natur ans Licht käme und sich zeige, was an solchen Frömmlern
dran sei.
Er wollte die kommende Herbstzeit schon ausnützen,
um den Schulmeister in seiner noch immer nicht genug hervorgekehrten Schwäche
gründlich zu entlarven und ihn, wenn irgend anhängig, in seinem Berufe
unmöglich zu machen. Denn das war doch wirklich eine Schmach – solch ein
Trunkenbold als Lehrer der Jugend! Wie konnte da der Pfarrer und die
Schulbehörde tatenlos zusehen!? Das war doch unglaublich so ein Mißstand!
Da mußte man auch den Pfarrer, den Dekan und den
Schulrat bearbeiten, dachte Sauerbrot, in seiner Kammer im Untergeschoß auf
einem Bündel Obstsäcken kauernd, das kann doch nicht so weitergehen. Der Kerl
muß vom Amt, muß von Haus und Hof! Wie er mir die Lydia genommen, nehme ich
ihm sein Weib und seine Kinder! Und der Großvater, der alte Knochensack, muß
auch mit ins Elend!
In eine ganze Raserei steigerte sich der arge Geist
in seiner Wut und Rachsucht hinein. Er vergrößerte in Gedanken maßlos die
Fehler und Schwächen der ihm verhaßten Menschen, übersah völlig deren
Vorzüge und gewann so ein Zerrbild ihres wahren Wesens, das ihn immer wieder in
wilden Zorn wie in ein Flammenmeer hüllte, in welchem er keinen anderen
Gedanken mehr fassen konnte, als dieser Sippschaft sobald als nur immer möglich
den größten Schaden zufügen. Mit Wonne bemerkte Sauerteig, wie der Lehrer
Liebhardt mit beginnenden Herbsttagen wieder auf sein Verhängnis zusteuerte. Er
hatte die Erfahrung gemacht, daß es ihm, wenn er sich dem Lehrer körperlich
enger näherte, möglich war, mit einer Art hypnotischer Kraft dem erregbaren
Manne gewisse Bilder, Gedanken und Begierden einzuhauchen oder wenigstens die in
der Seele des Lehrers vorhandenen Keime zu solchen Dingen zur Entwicklung und
zur vorherrschenden Geltung zu bringen.
Über diese Macht und Gewalt seines Denkens und
Wollens, die er ja in ähnlicher Weise schon im Leibesleben oft erprobt und
bewährt gefunden, hatte Sauerbrot eine große Freude. Und auf diese, von der
ganzen Familie ungeahnte Ursache war es denn auch zurückzuführen, daß diesmal
des Lehrers Augen so besonders funkelten, daß sein ganzes Wesen eine solche
Spannung und Erregung zeigte und daß von ihm in der Vorbereitung der Feste
vieler Vereine und Gesellschaften ein solch großer Eifer entwickelt wurde. Es
kann ja gut werden, dachte Sauerbrot, und beschloß, seine Erfahrungen mit den
Willensproben gegenüber anderen Personen in Anwendung zu bringen. Das ganze
Dorf wollte er durcheinander rühren, nicht nur das Schulhaus.
Vor allem wollte er mal ins benachbarte Pfarrhaus
hinüber! Die Geistlichen waren dem alten einstigen Freidenker und Häckelianer
sowieso ein Ärgernis und ein Dorn im Auge. Und diesen Pfarrer brauchte er als
Werkzeug zum Untergang des Lehrers. Auch den im Nachbarstädtchen wohnenden
Dekan wollte er zu diesem Zwecke sich noch vornehmen und, wenn es sein mußte,
auch die Schulbehörde, den Schulrat, der demnächst zur Herbstvisitation kommen
würde. Ja, alle Menschen, die gegenüber dem Schulmeister irgend etwas zu sagen
hatten, sollten von ihm, Sauerbrot, aufgesteift und mobil gemacht werden. Vor
allem auch der Ortsvorsteher, der Schultheiß, samt den Gemeinderäten. Alle
sollten und mußten herhalten!
Er hatte ja bei seiner örtlichen Freizügigkeit in
der geheimen Macht der Beeinflussung ein wunderbares Mittel für solch ein
Unternehmen! Wie gesagt, zuerst sollte nun aber mal der Pfarrer dran! - Was war
denn das für einer? Man sah ihn selten. Er schien viel zu Hause zu sitzen -
wohl an seiner Predigt oder an den Büchern – und nur wenig seelsorgerische
Besuche zu machen. Er mochte ein Mann von annähernd 40 Jahren sein. Ziemlich
groß, breit von Statur, rötlichblond, mit einem bleichen, etwas aufgedunsenen
Gesicht und in sich gekehrten Wesen.
Seine Frau war eine schlanke Blonde, die viel
Handarbeiten machte, sich wenig um ihren Beruf als Pfarrfrau kümmerte und
lieber Romane las oder Wanderfahrten mit ihren zahlreichen Bekannten machte.
Der Pfarrer, der Loschmann hieß, schien sie in all
dem gern gewähren zu lassen. Es bestand eine Art guter Kameradschaft zwischen
den beiden Gatten. Kinder waren keine da, Und eine pfarrfrauliche Wirksamkeit,
Krankenbesuche, Abhalten der Sonntagsschule und dergleichen, wie solches sonst
auf dem Lande üblich ist, erwartete und verlangte Loschmann von seiner Frau
nicht – weil er selber für derartiges nicht sehr eingenommen war, sei es aus
einer gewissen unbehilflichen Leutscheu, sei es aus Bequemlichkeit, sei es aus
einer leidigen Herzenskühle.
Loschmann betrachtete als Hauptaufgabe seines Amtes
eine schöne, wohlgeschliffene Predigt am Sonntag, eine Predigt mit guten,
klaren, vernünftigen Gedanken, die ihm und seiner Frau gefielen und die sich
vor einem jeden gebildeten Menschen hören lassen konnten - Gedanken über das
Wesen und Leben des Menschen und über gesunde, mit der Schrift im Einklang
befindliche sittliche Richtlinien. Loschmann war ein sogenannter Lieberaler, ein
Freund und Verehrer der Wissenschaften und vertrat das Recht der
wissenschaftlichen Forschung auch in der Bibelkritik. Das Alte Testament war ihm
ein im Laufe eines Jahrtausends aus vielen, teils geschichtlichen, teils
erbaulichen Volksschriften der Israeliten zusammengestelltes Buch der
Gotteslehre und Moral, zeitgeschichtlich entstanden und zeitgeschichtlich
gefärbt in seinen Berichten, Lehren und Auffassungen. Im Neuen Testament
schätzte er die Evangelien als spätere, menschliche Zeugnisse über das
legendär ausgeschmückte Leben eines ungewöhnlich weisen und liebevollen
Propheten Jesus von Nazareth. Und in den Paulusbriefen sah er die Fortbildung
der Lehren Jesu durch den feuertrunkenen Heidenapostel und dessen ekstatische,
schwärmerische Gemeinden.
An die wirkliche Gottheit Jesu glaubte Loschmann in
seinem Herzen nicht so recht, wenn auch der Mund oft und viel davon sprechen
mußte. Für ihn war der Heiland und Welterlöser ein Prophet und ein Mensch wie
andere, nur daß in ihm die wahrhaft göttliche Liebe und Liebesweisheit einen
besonderen Grad angenommen hatte, sodaß man noch heute sagen kann, in Ihm
wohnte wie in keinem anderen Menschen die Fülle der Gottheit. Die
jungfräuliche Geburt, die Wunder und Heilungen verwies er in das Reich der
Fabel oder erklärte er wohl auch die letzteren rein vernunftmäßig nach den
bekannten, allgemein gültigen Naturgesetzen.
So stand es also mit dem Pfarrer in diesem Orte!
Er war nun schon fast zehn Jahre da, hielt jeden
Sonntag seine Predigt, kümmerte sich im übrigen, in seine Bücher und
Zeitschriften vergraben und als ein solider Morgenschläfer, um seine Gemeinde
nicht so gar viel und ließ der Welt ihren unvermeidlichen Lauf. Auch den
betrübenden Vorkommnissen im Schulhause sah er, wenn auch mit großer inneren
Mißbilligung, durch die Finger. Wozu Lärm und Streit anfangen über eine
Sache, die doch eigentlich in erste Linie die Schulbehörde anging und über die
im Ort sonst alles bereitwillig beide Augen zuzudrücken schien!? Dieser
Gesinnung kam Sauerbrot bald auf die Spur, als er anfing, dem benachbarten
Pfarrhause seine ungesehenen Besuche zu machen.
Was gab es da alles zu beschauen und zu betasten
und zu beschnuppern in diesem alten, geistlichen Hause. Da roch es ordentlich
nach hundertjährigem Moder in den hohen, weiten und kahlen Räumen. Widerlich
war der scharfe Tabakgeruch in der Studierstube. - Und die Pfarrerin in der
Wohnstube am Nähtisch bei den altbackenen Blattpflanzen und dem Aquarium mit
dem Goldfisch – was las denn die für Romane!? Aha! - Sauerbrot fuhr ganz
entsetzt zurück, als er ihr über die Schulter ins Buch sah! - Zola! - „Das
Evangelium der Fruchtbarkeit!" - Pfui Teufel, dachte Sauerbrot, ist das so
eine!? Zola, das ist doch der französische Schmierfink!? - Gehört denn so
etwas in ein Pfarrhaus!?
Nein, da müßte auch ein schöner Geist herrschen!
- Da mußte er näher zusehen in diesem Hause! ...Was trieb den der Pfarrer zu
dieser Nachmittagstunde um halb vier Uhr? Der Pfarrer war auf seiner
Studierstube. Er hatte bis zwei Uhr seinen Kaffee getrunken und eine mit
studentischen Abzeichen gezierte Pfeife geraucht. Er lag nun auf dem Diwan und
schlief immer noch. Das war einmal ein gesunder Schlaf! Einige Fliegen, die sich
ihm auf die Stirne gesetzt hatten, wurden nicht einmal weggescheucht. Mit
offenem Mund wurde tief Atem geholt, als müßte eine starke Mahlzeit mit Mühe
verdaut werden! O weh, o weh, war das ein Priester Gottes!
Sauerbrot strich ein paarmal mit Zorn und Abscheu
kalt über den Schlummernden. Er konnte mit seinem Willen die Luft zu diesem
Zwecke in eine rasche Bewegung setzen, und dies gab ihm die Möglichkeit,
Menschen wie mit Geisterhänden zu berühren, zu schrecken, aufzurütteln und,
wenn es sein mußte, auch in Angst zu versetzen. Pfarrer Loschmann fühlte sich
denn auch beim Erwachen ganz bang. Es war ihm, als wäre ein unangenehmer Traum
durch seine Seele gehuscht. Ein Mißbehagen hatte ihn berührt, einer jener
kalten, unangenehmen Todesgedanken, die ihn, den Herz- und Nierenleidenden,
öfter beschlichen. Wie lange würde es noch mit ihm gehen, bis der Totengräber
ihn für ewig zuschaufelte!? Würde er dann wirklich ein Jenseits sehen, wie die
Schrift lehrte und die Kollegen anscheinend so überzeugungsvoll predigten? Das
waren Loschmanns Gedanken, als er sich erhob und gähnend und vor sich
hinstierend, noch einige Augenblicke auf dem Diwan sitzen blieb.
Dann stand er auf, öffnete das Fenster, strich
sich die leicht klebrigen, etwas groben Haare aus der Stirne hinaus, trank einen
Schluck Wasser, setzte sich an den Schreibtisch und wollte eben die Feder
ansetzen zum Konzept eines Vortrags, den er demnächst bei der Pfarrerkonferenz
über das Thema „Fortleben" halten wollte, als aus der Nachbarschaft vom
hinteren, kleinen Saal der Traube die Musikkapelle des Vereins Landlust bei
offenen Fenstern ihre Übungen begann.
Ja, ja, am Sonntag war ja Kirchweih! Da mußten
diese Narren, meist jüngere Burschen, aber auch etliche ältere
Handwerksmeister und einige Bauernsöhne natürlich am mitten Wochennachmittag
unter der Leitung des Lehrers Liebhardt, fleißig drangehen und den reinsten
Höllenspektakel einüben!
Ein Sichsammeln und Arbeiten war bei diesem Lärm
nicht möglich. Mißmutig ob der Störung erhob sich der Geistliche vom
Schreibtisch und verfügte sich aus der im Ergeschoß liegenden Kanzlei ins
Wohnzimmer im ersten Stock zu seiner Gattin. „Das kann ja wieder schön
werden, diesen Herbst", polterte er beim Eintreten, „wenn der Liebhardt
wieder mit seinen Musik- und Gesangsorgien weitermacht und Tag und Nacht das
Gedudel in der Traube nicht mehr aufhört!"
„Ja", sagte die noch junge und im Lesen
erglühte Pfarrerin, ihr Buch unter ihrer Häckelarbeit versteckend, mit
seltsamem Eifer, „ich will nur sehen, wie lange du diesem Mann und seinem
Treiben noch durch die Finger schaust! Das ist ja ein Skandal, dieses wüste
Wesen und Leben! - Wenn das in diesem Herbst und Winter wieder ebenso
weitergeht, wie im vorigen, dann mußt du unbedingt endlich einschreiten und der
Schulbehörde einen ganz nachdrücklichen Wink geben! Wie kann denn da eine
Jugend ersprießlich unterrichtet und erzogen werden, wenn der Lehrer nur Musik
und Allotoria im Kopf hat, in seiner ganzen Freizeit über und über mit
Nebenbeschäftigungen in Anspruch genommen ist und bei jeder Kegelbrüderfeier
sich betrinkt wie ein Schwein! Das Ansehen des ganzen Ortes ist gefährdet und
ganz besonders auch dein Ansehen, als des geistlichen Hirten! Denn zuletzt sagt
doch alles, der Pfarrer hätte das nicht dulden dürfen!"
Wie ein lang angestauter Bach war diese Rede ihrem
Munde entsprudelt. Der Pfarrer wunderte sich im Stillen über diese jähe,
explosionsartige Zustimmung zu seinen Gedanken. Er wußte freilich nicht, daß
er selbst an der Schärfe dieser angestauten Gefühle seiner Ehegattin mit
schuldig oder wenigstens mit die Ursache war. Ihre Romanlektüre hatte der
jungen Frau Pfarrer schon öfter Veranlassung gegeben, Vergleiche anzustellen
zwischen ihrem kränklichen, trockenen und etwas kühl-leblosen Gatten und
anderen Männern – wie zum Beispiel dem vollsaftigen, sprühenden Lehrer. War
dieser auch ein Trinker, ein Quartalssäufer, wie ihn manche nannten, so hatte
er doch ein offensichtliches, von Kraft und Witz überquellendes Leben in sich.
Was hatte die Lehrersfrau bei allem zeitweiligen Kummer doch zu genießen an der
Seite dieses Ehegenossen – ganz abgesehen von den vier lieben, blühenden
Kindern! Sie, die junge Pfarrerin dagegen hatte keine Kinder, mußte ohne diese
Frucht der Ehe einsam durchs Leben gehen. War sie denn überhaupt richtig
verheiratet? Sie wußte es oft selbst nicht oder mußte die Frage verneinen.
Denn dieses temperament- und freudlose Zusammenleben mit dem von ihr auf
mütterlichen Rat geheirateten ewigen Studiosus der Theologie und der
Wissenschaften war doch mindestens in den letzten, durch das Leiden des Mannes
sich verdüsternden Jahren eigentlich keine wahre Ehe gewesen.
So sprach denn die unzufriedene junge Frau, wenn
sie so scharf gegen den Lehrer losging, mehr in einer geheimen Erbosung gegen
ihren Mann, dem sie seine Lässigkeit unter die Nase reiben wollte. Aber auch
eine Art Eifersucht gegen die Lehrersfrau wirkte mit und schließlich eine ihr
selbst fast unverständliche Gereiztheit gegen den Lehrer selbst, der ihr, der
jungen Frau Pfarrer, doch nie das geringste Unfreundliche angetan hatte, als
höchstens das, daß er nicht ihr, sondern Lydias Mann war.
Sauerbrot, der dem Pfarrer in das Wohnzimmer
nachgefolgt und Zeuge dieser Szene geworden war, bemerkte mit Wonne diesen
Unmutsausbruch der Frau wie auch die aufreizende Wirkung der Rede bei dem
Ehemann. Er machte sich rasch hinter die Frau und flößte ihr mit der ganzen
Macht tückischer Überredung und Aufhetzung allerlei weitere üble Gedanken,
Bilder nd Gefühle ein, die dazu angetan waren, ihren und ihres Mannes Verdruß
über den Lehrer noch weiter zu erhöhen.
„Diese Lehresleute", sagte Frau Pfarrer
Loschmann nach kurzer Weile fortfahrend, „leben drauf los und machen sich
breit und wichtig, als ob wir gar nicht da wären. Weit und breit in der ganzen
Gegend spielt er eine erste Rolle und spricht man von ihm. Und vom Pfarrer
spricht man gar nicht. Der Pfarrer spielt gar keine Rolle, gilt gar nichts und
ist gar nicht da. Der sitzt nur hinter seinen Büchern und macht seine Predigt,
während der Lehrer der Schnittlauch auf allen Suppen ist!"
„Darauf lege ich ja nun gerade keinen besonderen
Wert, der Schnittlauch auf allen Suppen zu sein", entgegnete der Pfarrer.
„Aber vom Lehrer kannst und darfst du sich auch
nicht bei allen Gelegenheiten in den Hintergrund drängen und dir auf der Nase
herumtrampeln lassen! Und sein wüstes Trinkbruderleben kannst du, wenn es
diesen Winter wieder so weitergeht, auch nicht länger schweigend dulden! Man
meint ja wahrhaftig, wir hätten den Mut und die Kraft nicht, gegen solch ein
Unwesen aufzutreten! - Wir sind doch kein morsches, saft- und kraftleeres
Nichts, das man einfach an die Wand drückt!"
Nun, das genügte für Pfarrer Loschmann, um einen
tüchtigen Stachel in sein Herz zu bohren. Er wollte seiner Frau und anderen
Leuten bei nächst bester Gelegenheit schon zeigen, daß er, wenn auch lange
geduldig und nachsichtig, doch zur gegebenen Zeit mit Energie und Nachdruck
aufzutreten vermöge.
Sauerbrot hatte für den Augenblick ebenfalls genug
gehört und erreicht. Er war hochbefriedigt von dem Vernommenen und gab seiner
guten Stimmung dadurch Ausdruck, daß er in den Bücherschrank der Frau
Pfarrerin schlüpfte, mit den ätherisch feinen Elementen seines Geistleibes die
Ritzen des Holzwerks erfüllte und sich dann plötzlich durch die Macht seines
Willens bedeutend ausdehnte. Dadurch konnte er, wie er aus jüngsten Erfahrungen
wußte, jenes seltsame, überraschende Krachen der Möbelstücke hervorbringen,
von dem er in der Zeit seines Leibeslebens als von einem bekannten Geisterspuke
öfter gelesen hatte. So machte es Sauerbrot denn auch jetzt im Bücherschranke
der Frau Pfarrer. Es erfolgte dreimal hintereinander ein mächtiges Knacken –
gerade in jener Ecke, wo die französischen Romane standen.
Die Pfarresleute schauten sich um, ein wenig
betroffen über dieses ungewöhnliche Geräusch am helllichten Tage. Und die
junge Frau sagte rasch: „Es wird anderes Wetter!"
7. Kapitel
Ja ja, es sollte bald anderes Wetter geben. Aber
nicht, wie die Frau Pfarrer meinte, im naturmäßigen, sondern in einem anderen
Sinne.
Der Kirchweihsonntag kam heran. Im ganzen Dorfe, in
allen Häusern duftete es nach Obstkuchen, den die Hausfrauen am Samstag aus
blütenweißem, neuem Mehl mit den köstlichen Früchten des Herbstes gebacken
hatten. Obwohl das Fest „Kirchweih" hieß, waren an diesem Sonntagmorgen
noch weniger Menschen in dem einfachen, ländlichen Gotteshaus als sonst. Auf
der Männerseite waren nur einige unentwegte Kirchgänger zu sehen, die ganz
vereinzelt und verlassen in den weiten Bänken saßen. Ein wenig besser war es
auf der Frauenseite. Aber auch da war nur ein kleiner Teil der Bänke besetzt.
Der Pfarrer hatte dem weiblichen Geschlecht zu wenig fürs Herz zu geben. Er
sprach zu „hoch". Das war nicht so anziehend – und heute erst recht
nicht, wo das Fest so viele Anforderungen im Hauswesen stellte. Und so war der
Name dieser Feier „Kirchweihe", der früher in gläubigeren Zeiten einen
guten Sinn gehabt haben mochte, eigentlich ein Hohn geworden. Denn dieses ganze
Fest spielte sich nicht mehr in der Kirche, sondern in anderen, weltlichen
Räumen ab.
Der Hauptbetrieb war in unserem Orte abends in der
Traube. Dort versammelte sich die Einwohnerschaft des Dorfes und der ganzen
Umgebung. Denn hier war unter der Leitung des Lehrers Liebhardt und unter
kräftiger Mitwirkung des Ortsvorstehers, der Gemeinderäte und vieler Freunde
des Lebensgenusses jedes Jahr bei Herbstlaternenbeleuchtung unter den alten
Kastanienbäumen des Wirtschaftsgartens die heiterste Volksbelustigung, welche
die Leute von weit und breit herbeilockte.
Dieses Jahr hatte man auf der an den
Wirtschaftsgarten unmittelbar anschließenden Festwiese aus leeren Ölfässern,
aus denen der Boden und Deckel herausgenommen war, einen hohen Turm oder Schlot
gebaut und diesen mit teergetränktem Reisig und anderen leicht brennbaren
Stoffen angefüllt. Als es Nacht geworden war und die tanzlustigen Paare, die
von roten, grünen und gelben Herbstlaternen schummrig beleuchteten Sitzplätze
unter den Kastanien verließen, um auf der Festwiese nach den Klängen der
Kapelle sich zu wiegen – wurde der Inhalt des gewaltigen Fässerturms von
unten in Brand gesetzt. Im Nu fuhr die Flamme im Innern des Schlotes empor und
lohte oben wie eine mächtige Fackel hinaus, das Dunkel der Nacht mit einer
geisterhaft zuckenden rötlichgelben Helle erfüllend.
Ein lauter Ruf der Bewunderung und des Entzückens
entrang sich den Kehlen der vielen Zuschauer, als sie den wunderbaren Erfolg und
Eindruck dieses neuen Gedankens des Lehrers ersahen. Ja, das war doch ein
Hauptgescheiter! Auf was der alles kam! Aus den alten Ölfässern des Kaufmanns
konnte er doch die allerschönste, weit hinaus bis in die fernsten Dörfer, ja
bis in das Kreisstädtchen sichtbare Beleuchtung schaffen! Und wie schön ließ
es sich da tanze um die riesige Fackel her! Die Musikkapelle spielte eine wilde
Weise. Das zuckende, flackernde rötliche Licht gab einen ganz einzigartigen,
aufregenden Schein. Dazu hatte man schon viel Wein getrunken. Und die Hitze der
Flammensäule machte noch mehr und immer mehr Durst. Hastig wurde getrunken und
heftig und in ausgelassener Freude getanzt.
Es war, als hätte der Fürst der Unterwelt ein
mächtiges Fanal aufgerichtet, um aus der Nacht alle Schwarmgeister der
Finsternis herbeizulocken und die Menschen im rasenden Taumel irdischer Lust in
seinen Abgrund zu ziehen. Diese Absicht der unsichtbaren satanischen Mächte,
die denn auch tatsächlich hinter den Veranstaltungen solcher Art zu stehen
pflegen, merkte die von allen Seiten immer reicher hinzuströmende Menschenmenge
nicht. Das Staunen und die Lust wurde immer größer, je majestätischer die Riesenleuchte,
von den Teerstoffen gespeist, oben zu dem hohen Schlot wie eine mächtige
Kerzenflamme hinauslohte.
Allmählich begannen, besonders am oberen Teile des
Turmes, die Flammen auch zwischen den einzelnen Fässern hinauszuschlagen und
die Hülsen selber zu verzehren. Und nun erhob sich unter der stark erhitzten
und vom Wein benebelten Festleitung plötzlich aus nichtigem, kindischen Anlasse
ein heftiger Streit. Liebhardt war dafür, man solle die brennende Säule
nunmehr der Länge nach über die Festwiese umstürzen. Sie werde dann am Boden
vollends abbrennen, und dann sollte für die Jugend noch ein Hauptspaß dadurch
bekommen, daß die Paare miteinander über die verglimmenden, nur noch schwach
züngelnden Trümmer springen,
Dieser Vorschlag schien dem Schultheiß und
verschiedenen anderen Festleitern jedoch nicht so schön, wie wenn man die
Fackel stehen und vollends bis auf den Grund abbrennen ließ. Das
Flammenspringen der Jugend schien auch vielen älteren Leuten, besonders den
Elternpaaren, doch zu gefährlich. Und so gab es, als der kritische Augenblick
herankam, in welchem die Fackel hätte umgestürzt werden müssen, ein heftiges
Hin und Her der Meinungen und Absichten.
Liebhardt, der sich alles so schön und
zweckmäßig ausgedacht hatte und durch das Menschgebrause und Stimmengewirr wie
auch den schon genossenen Wein aufgeregt war, geriet jählings in einen
maßlosen Zorn. Er zerbrach, als man ihn aufforderte, die Kapelle mit der
Tanzmusik weiterspielen zu lassen, sein Dirigentenstäbchen, nannte den
Schultheiß einen Dickkopf, der nichts verstehen und immer nur dreinschwatzen
wolle.
„Entweder", rief Liebhardt, „habe ich die
Leitung und wird’s gemacht wie ich sage – und dabei seid ihr alle bisher am
besten gefahren - oder habt ihr das Wort auf der Festwiese wie auf dem Rathaus!
Ich aber kümmere mich dann um euch keinen Deut mehr, weil ihr von diesen Dingen
nichts versteht und weil ich mir überhaupt von euch nichts sagen lassen
brauche. Und wenn mir niemand hilft, die Säule jetzt zur rechten Zeit und in
der rechten Richtung umzuwerfen, dann laßt sie halt zusammenbrechen. Mir aber
steigt den Buckel hinauf! Ihr könnt mir alle gestohlen werden! Mir ist die
ganze Lumperei zu dumm!"
Damit warf er sein zerbrochenes Dirigentenstäbchen
dem Schultheiß vor die Füße und stürmte zur jähen, ärgerlichen Bestürzung
aller vom Festplatz fort und begab sich in ein am anderen Ende des Ortes
gelegenes kleines, etwas verrufenes Wirtshaus, wo er sich kochend vor Wut zu
einem Schoppen Wein in die Ecke setzte. Der Wirt zum Lamm, ein alter,
schmieriger Bäckermeister mit rotumränderten Augen, schlurfte nach einer Weile
herbei und wollte mit dem in diesem Lokal etwas seltenen Gaste ein Gespräch
anfangen und ihn über seine sonderbare Flucht vom Festplatze ausfragen. Aber
Liebhardt ging auf nichts ein.
Erst gegen Mitternacht, als der Lehrer im Unmut
einen Schoppen nach dem anderen hinuntergestürzt hatte und schlaftrunken auf
dem Stuhle hing, kamen einige Freunde aus dem Gesangverein, die ihren Leiter
überall gesucht hatten und ihn nun endlich hier in dieser Kneipe offensichtlich
wieder stark betrunken auffanden. Die Sangesbrüder sahen wohl, daß mit diesem
Dirigenten heute nichts mehr anzufangen war und daß man ihn aus Christenpflicht
nur noch nach Hause und in Sicherheit bringen konnte. Sie redeten ihm zu, mit
ihnen zu gehen, faßten ihn unter den Armen, zahlten seine Zeche und gingen mit
ihm auf Seitenwegen durch die Gärten, damit es kein Aufsehen gab, dem
Schulhause zu. Unterwegs beklagte sich Liebhardt bitter über die ihm angetane
Kränkung, daß man seine wohlausgedachten Anordnungen nicht befolgt habe und
daß Leute, die nichts verstehen, sich auf einmal wichtig machen und in solche
Sachen dreinmischen wollen.
Fort und fort raunzte, lallte und schimpfte er in
dieser Weise, während ihn die Freunde mühsam die gewundenen Wege von einer
Ausruhstelle zu anderen schleppten. Das heulende Elend wollte ihn ankommen, wenn
er bedachte, wie es ihm dieser Schultheiß, dieser aufgeblasene
Bauerndickschädel, allmählich machte. Aber sein Lebtag werde er kein
Kirchweih- oder sonstiges Fest mehr in die Hand nehmen. Alles werde er ablegen,
die Musik- und Gesangvereine, die Kegelgesellschaft, den Waldwanderverein, den
Bürger- und Landwirtverein. Alles müsse sich nach einem anderen Dirigenten und
Vorstand umsehen. Es sei sein fester Entschluß. Er habe alles satt.
Die Sangesbrüder wußten schon, was sie von
solchen Reden und Vorsätzen im Alkoholrausch zu halten hatten, ließen den
Freund reden, trösteten ihn auf Morgen und auf eine bessere, lichtere Zeit und
lieferten ihn an der Haustüre der unglücklichen Lydia ab, die mit dem
Großvater seit Stunden am Fenster mit Bangen geharrt und das Kommen der
Gesellschaft mit bebendem Herzen gehört hatte. „Gute Nacht Frau Lehrer",
sagten die Freunde mit einem Anfluge echten Bedauerns. „Kommen Sie gut mit ihm
hinauf! - Sollen wir nicht helfen?" fügten sie insgeheim leise hinzu. Frau
Lydia schüttelte den Kopf. „Der Großvater ist ja da!", sagte sie,
dankte und ließ die Freunde und Genossen des Unheils ihres Mannes in die
mondhelle Nacht hinausziehen, aus der sie wie Nachtvogelgeschmeiß mit ihrem
Opfer einhergeflattert waren.
8. Kapitel
Liebhardt hatte sich inzwischen auf die Steintreppe
bei der Haustüre gesetzt. Er redete und schimpfte nach Art betrunkener Menschen
mit nach vorn hängendem Oberleib und Kopf fortgesetzt vor sich hin. Und als
Lydia und der inzwischen von oben nachgekommene Großvater sich ihm näherten,
um ihm aufzuhelfen und ihn die Treppe hinauf ins Bett zu führen, da schaute er
wütend auf, schlug um sich und sagte, hier auf der Treppe in der frischen Luft
wolle er bleiben und übernachten. Und alle Leute müßten es sehen, wie man ihn
behandle!
„Hat dir denn jemand etwas zuleid getan?",
fragte Lydia. - „Wir meinen es doch alle nur gut mit dir!"
„Geht zum Henker – auch hier – alle
miteinander!! Ich will nichts wissen von euch!" sprudelte Liebhardt. „Ihr
steckt mit den anderen unter einer Decke! Ihr zwei seid überhaupt schuld daran!
Ihr schreit mich überall herum als Auserhauser und Säufer! - Ich will keine
Flennerei und keine Klagen, wenn ich ums liebe Brot schaffe Tag und Nacht und
heimkomme, kaputt von lauter Mühsal, Verdruß und Ärger!" Liebhardt
steigerte sich, je länger er sprach und je mehr er das ängstlich betrübte
Gesicht seiner Frau und des Großvaters ansah, in einen immer heftigeren Zorn
hinein, indem er schließlich aufsprang und mit Ellbogen und Fäusten heftig um
sich stieß.
Da er sich bei Lydias hilfsbeflissener Annäherung
nur um so mehr erregte, zog sich diese schließlich, die Tränen verbergend, in
den dunkleren Hausflur zurück. Was hatte er nur diesmal für unsinnige
Gedanken! Noch nie hatte sie gegenüber irgendwem über ihren Mann geklagt! Nur
dem Großvater, der ja selber alles mit ansah, hatte sie ihr Herz eröffnet. Und
dieser war, wie sie wohl wußte, still wie das Grab. Wer hatte ihrem Karl auch
diese Gedanken in den Kopf gesetzt!?
Lydia konnte die dunkle Nebelgestalt nicht sehen,
welche sich dem unglücklichen Mann wie ein Schatten angehängt hatte und
zuweilen wie ein Gewölk ihn umgab. Es war Sauerbrot, der sein Opfer heute den
ganzen Tag nicht verlassen hatte.
Er war es auch gewesen, der auf dem Festplatz die
jähen, sinnlosen Händel heraufbeschworen hatte. Zu seiner Freude hatte er die
Fähigkeit entdeckt, bis zu einem gewissen Grade in den Gemütern der Menschen
die Gedanken und Begierden zu lesen und selbst Leuten wie dem Schultheiß seine
eigenen, sauerbrotschen, unseligen Gedanken und Wünsche einzuflößen. Nicht
alle Menschen freilich gingen auf diese geheimen Einflüsterungen der Bosheit
ein. Bei einigen, die gleichsam in einem Lichtmantel standen, schienen sie gar
nicht durchzudringen oder wurden die lieblosen, bösartigen Gedanken und Bilder
gleich wieder aus- und abgestoßen. Aber bei den meisten drang doch immer etwas
ein, blieb mehr oder weniger haften, verband sich mit eigenen, ähnlichen
Gedanken und Bildern der betreffenden Menschen, verstärkte, verdichtete und
entwickelte sich zu festen Anschauungen und Neigungen und ward so schließlich
zu Worten und Taten.
Auf diese arge Weise hatte Sauerbrot heute beim
Fest, als die Gemüter vom Wein erregt und verwirrt waren, mit leichter Mühe
jenen Streit heraufbeschworen und diese abscheuliche Störung der ganzen
Kirchweihfreude verschuldet.
Und nun war es ebenfalls wieder er, der dem
trunkenen Liebhardt jene Zorn- und Haßgedanken gegen seine Frau und seinen
Vater einimpfte und mit seinem Willenshauche ihn gegen die beiden unschuldigen
Menschenkinder, die ihm nur helfen und ihn zu Bett bringen wollten, in solche
Wut versetzte.
Dem Großväterchen Liebhardt war dieser unselige
Begleiter seines Sohnes nicht entgangen. Er hatte ihn mit dem ersten Blicke
erkannt und wußte, woran er war. Er sprach denn auch alsbald in seinem Herzen
ein kurzes Gebet zu Jesus, dem Herrn und mächtigen Gebieter aller Geister,
erflehte Dessen Hilfe und ging dann, seine ganze Kraft zusammennehmend, mit
einem festen, strengen Blicke auf Sauerbrot zu, der vor Zorn und Haß ganz
schwarz wurde und wie ein Raketenfeuer funkelte. Der altem glaubenstarke Mann
sagte kurz zu und halblaut – damit sein Sohn es nicht hörte – nichts als:
„In Jesu Namen, weiche!" Da mußte Sauerbrot in großem Groll von
seinem Opfer zurücktreten.
Liebhardt, der Sohn, wurde nun sogleich
offensichtlich ruhiger. Er ließ sich von seinem Vater unter den Arm fassen und,
wenn auch immer noch protestierend und schimpfend, die Steintreppe zur Haustüre
hinaufführen. Im Flur trat Lydia hinzu und stützte ihn auf der anderen Seite.
Und so begannen sie, ihn im Hausinnern die Treppe nach dem ersten Stock, wo die
Lehrerswohnung sich befand, hinaufzuführen. Unterwegs begann es freilich bald
wieder weniger gut zu gehen.
Sauerbrot oder vielmehr der Dämon in ihm, der von
seiner Seele Besitz genommen hatte, schien Verstärkung an sich gezogen zu
haben. Sein Ruf in die Nacht der niederen Geisterwelt war nicht ungehört
verhallt. Hatte er ja doch auch nicht weit zu dringen und zu suchen gebraucht.
Volksbelustigungen wie solche Kirchweihfeiern mit Trinkgelagen und
Tanzlustbarkeiten ziehen allezeit Schwärme ungeläuterter Wesen an, deren Lust
und Liebe auch im jenseitigen geistigen Reiche noch immer mit der alten, heißen
Begier an solchen Dingen und Vergnügungen hängt. Können solche Geister mit
ihren ätherischen Leibern auch nicht mehr unmittelbar an den leiblichen
Genüssen der Menschen teilnehmen, so können sie doch im Mitempfinden der Lust
der Menschen selber eine gewissen Mitlust genießen, besonders wenn sie den
Menschen sich möglichst nähern oder womöglich ganz von deren Leib Besitz
ergreifen.
So gab und gibt es denn allezeit gerade bei
derartigen festlichen Gelegenheiten, bei welchen viele Menschen zu einem
roheren, unedleren Genießen zusammenkommen, einen großen, argen
Geisterklüngel, der solche Versammlungen wie eine Wolke überlagert, die
Menschen anreizt und aufstachelt zu allerlei Bösem und seine finstere Lust hat,
wenn es bei solchen Feiern recht toll und unmäßig zugeht, die Unschuld fällt
und das Laster triumphiert. Auch Eifersucht, Neid, Scheelsucht, Zorn, Haß und
Streit wird von ihnen angefacht und mit Lust geschürt, als Gegenstück und
häufige Begleitfolge unedlen, widergöttlichen Genusses.
Niemand kann sich denn auch wundern, daß aus
dieser Atmosphäre dem Dämon Sauerbrots schnell und mit Freuden ein ganzer
Schwarm ähnlichgesinnter, unheimlicher Luftgesellen zu Hilfe eilte. Heißt es
doch in der Schrift: „Dann gehet er hin und nimmt sieben Geister zu sich, die
ärger sind denn er selbst."
Mit dieser Rotte der Finsternis drang Sauerbrot in
das Haus des Lehrers ein. Und wie ein Schwarm Hornissen umschwirrte und
umbrauste die höllische Meute die beiden hilfreichen Menschen, die da auf der
Treppe sich bemühten, den betrunkenen Mann in den ersten Stock hinauf zur Ruhe
zu führen. Der Großvater Liebhardt fühlte und sah ihr Kommen. Aber in der
Aufregung verlor auch er den Kopf und die Überlegung. Er trieb und zerrte an
seinem Sohne, um ihn vollends die letzten Stufen hinauf zu bringen. Auch Lydia,
in neuer Bängnis, tat ihr Möglichstes. Aber gerade diese gutgemeinten
Anstrengungen brachten den Trunkenen sogleich wieder aufs mächtigste in
Harnisch.
„Weg", rief er, „weg!! Ihr glaubt wohl,
ich sei ein Stück Vieh!? Ich bin katzennüchtern und weiß genau, was ich will
und tu!! Aber auch was ihr denkt und wollt weiß ich!! »Wenn wir nur erst das
Schwein in Sicherheit hätten!!« denkt ihr! »Wenn ihn doch einmal der Teufel
holte!« Aber weg!! Nichts da!! - Ich will zu Trinken! Zu Trinken will ich!! Ich
habe Durst!! Und wenn ihr mir nichts zu Trinken gebt, dann geh und hol ich mir's
selber!!"
„Karl, Karl!" flehte Lydia. - „Um deiner
Kinder willen – komm! - Du sollst etwas haben für den Durst! - Nur sei ruhig,
wecke die Kinder nicht!"
„Was wirst du mir haben für den Durst!? Eine
Heulerei! Oder Predigten oder sieben Tage Trutz und Regenwetter! Ich will nichts
von all dem wissen!! Und wenn ich hier nichts zu Trinken kriege, dann schlag das
Wetter drein! - Weg!! Laßt micht!! Ich muß in die Traube! Der Gesangchor muß
nochmal singen! - Ich bin doch nicht euer Esel, den man in den Stall bindet! -
Auf! - - Luft!!!" Damit stieß er den Vater und Lydia von sich und wollte
sich zurückwenden und die Treppe wieder hinuntersteigen, um das Haus zu
verlassen.
Voll Wonne sah dies Sauerbrot mit seinen Kumpanen.
Die Rotte betrachtete es siegesfroh als ihr Werk, daß in Liebhardt solch ein
Geist zum Durchbruch kam. Die fremden, zur Hilfe herbeigerufenen Gesellen hatten
mit grimmigem Zorn und Haß den Lichtschein gesehen, der um die Gestalt der
engelhaften Lydia wie auch um den unscheinbaren, schmächtigen Alten floß. So
etwas war ihnen ein Abscheu und erregte ihre Wut. Das waren, so empfanden und
dachten sie, solche hochnasige, fromme Gottesreichler, die sich besser dünkten
als andere Seelen. Die mußte man zwiebeln! Denen mußte man Schaden tun und das
Leben sauer machen soviel als möglich! Denn von dieser Lichtseite geschah ja
ihrer Seite, dem Reiche der Finsternis, ständig Abbruch! Also drauf und dran,
beschloß die ganze mörderische Horde.
Und als Lydia in der größten Angst und Not ihres
Herzens ihren Gatten mit beiden Armen umschlang, um ihn von der verderblichen
Umkehr abzuhalten, da erfüllten sie die Brust und das ganze Wesen des Mannes
mit ihrem eigenen, finsteren Zorn und Haß. Wie eine wilde, höllische Glut und
Flamme durchschoß es Herz, Adern und jede Fiber des schutzlos den Mächten des
Bösen preisgegebenen Mannes. Eine grenzenlose Wurt erfaßte ihn, daß dieses
Weib mit seinem stummen Willen und seinen klammernden Armen ihn in der Freiheit
seines Willens und Handelns hemmen, fesseln und um seine, ihm zum Bedürfnis
gewordenen Lebensgewohnheit bringen wollte.
Mit einer urplötzlich in allen seinen Nerven und
Muskeln aufsteigenden unmenschlichen Kraft entwand er sich, auf einer der
obersten Treppenstufen stehend, der Umklammerung Lydias, faßte das entsetzte
Weib um den Leib, erhob sie und schleuderte sie rückwärts in besinnungsloser
Raserei die Treppe hinunter. Der Großvater tat einen lauten Schrei. Es gab
einen dumpfen Fall, als der Körper unten auf den Steinfliesen aufschlug.
Der mächtige Schwarm in der Luft stiebte mit einem
grellen für Menschen unhörbaren Lachen auseinander und verschwand. Der Täter
Liebhardt stand wie eine Bildsäule, reglos, fahl auf der Treppe und stierte
starr in der Richtung, wo sein Weib im Dunkel des unteren Flurs ohne Laut und
– anscheinend – ohne Zeichen des Lebens lag.
9. Kapitel
Der erste, der wieder aus dem Banne des Schreckens
zu sich kam, war der Großvater. Er tastete sich am Treppengeländer, so rasch
ihn seine bebenden Knie trugen, zu der Unglücklichen hinunter. Zur gleichen
Zeit öffnete sich die Schlafzimmertüre der Kinder, und in den Nachthemden
stürzten die beiden ältesten, Bernhard und Irmgard, heraus, während das
Weinen der beiden jüngeren aus dem Schlafzimmer drang.
Irmgard blieb mit gefalteten Händen oben an der
Treppe stehen und starrte mit entsetzten Augen bald in die Tiefe des unteren
Flurs, bald den Vater an, der mit verglasten Blicken, keine Regung und keines
Wortes mächtig, immer noch mit aufgestützten Händen am Treppengeländer
stand, bis ihm die Glieder, wie von Eiseskälte gelähmt, den Dienst versagten
und er langsam auf die Treppe herniedersank.
Der kleine Bernhard dagegen, der mit der Mutter
immer besonders innig und hingebend verbunden war, stürmte, ohne für den Vater
einen Blick zu haben, die Treppe hinunter und sah mit Entsetzen die geliebte
Mutter wie leblos in ihrem Blute auf den Fliesen liegen. Vom Hinterhaupte
rieselte ein dunkelrotes Bächlein und bildete eine Lache auf dem Fußboden. Die
Augen waren geschlossen. Ein Arm schien gebrochen. Der andere war wie zum Schutz
über den Kopf gebogen. Der Großvater suchte den Oberkörper zu erheben, hielt
die Hand auf die blutende Wunde und rief nach Hilfe, Wasser und dem Arzt.
Dies alles sah der kleine Bernhard in einem Nu. Es
wurde ihm auch alles klar, was geschehen sei. Er hatte ja die Stimmen gehört.
Er dachte: „Fort zum Arzt!?" . Ja, das wollte er. - Aber er war ja im
Hemd! - Er wollte nur rasch die nötigen Kleider anlegen. Ob es noch half? Die
Mutter war gewiß schon tot! - Eine furchtbare, wilde Zorneswut flammte jäh in
dem jungen Gemüte auf. Er ergriff den dicken, eichernen Hackenstock, den der
Großvater beim Ausgehen zu benützen pflegte und der immer hinter der Haustüre
stand. Damit bewaffnet rannte er in wenigen Sprüngen die Treppe hinauf. Faßte
das untere Ende des Stockes und schlug mit dem derben Werkzeuge in gewaltigen
Streichen auf den immer noch tatunfähig am Boden sitzenden Vater ein und schrie
mit einer gellen, kreischenden Gerichtsstimme: „Muttermörder!! Lump!! Lump!!
Muttermörder!!!"
Liebhardt ließ es reglos über sich ergehen. - Es
war ihm eine Art Genugtuung oder Erlösung.
Erst als der junge Mann den gräßlichen Zorn also
ausgetobt hatte, warf er den Stock weg, eilte weiter in Schlafzimmer hinauf,
kleidete sich fliegend an und stürzte fort zum Doktor, der in der Nähe wohnte.
Auch Liebhardt kam nun wieder zu sich. ER stand auf, eilte die Treppe hinunter
und sah mit Grauen, was er angerichtet hatte.
„Lydia!!" schrie er und umklammerte sein
Weib. „Lydia!! Komm zu dir!! Hör mich!! Hör mich!! Lydia!!! Lydia!!!"
Etwas anderes konnte er nicht herausbringen. Droben
im oberen Gang weinten und schrien die Kinder. Auch die beiden Kleinsten waren
in den Hemdchen zu Irmgard herausgekommen und hatten gehört, was geschehen sei.
Der Großvater ging hinauf, suchte sie zu beschwichtigen und schloß sie in ihr
Zimmer. Dann ging er wieder hinunter, gab seinem Sohn mit leiser Stimme
Anweisungen, was zu tun sei. Und nun trugen die beiden Männer die Frau, die
noch immer kein Lebenszeichen von sich gab, eine dünne Blutspur hinterlassend,
die Treppe hinauf und legten sie im Schlafzimmer der Eltern auf das weiße Bett.
Der Alte holte in einer Schüssel Wasser, wusch ihr
das Blut von Gesicht, Händen und Kleidern und lief nach Essig. Der Sohn konnte
nicht viel helfen. Er war am Fußende des Bettes auf einen Stuhl niedergesunken,
schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte – furchtbar ernüchtert –
tränenlos in heftigen Stößen. Inzwischen kam, von Bernhard geholt, der Arzt,
ein bejahrter, silberhaariger Mann, der schon seit Jahren selber an einem
schmerzhaften inneren Leiden krankte und durch diese Schule der Pein eine fein
empfindende Natur und ein stiller, nachdenklicher Mensch geworden war. Er war
durch Bernhard schon über das Nötigste unterrichtet und stellte nach wortloser
Untersuchung eine Gehirnerschütterung, einen Armbruch und verschiedene
Rippenbrüche fest. Lebensgefährlich war nur die Gehirnerschütterung. Aber die
Hoffnung schien nicht verloren. Das Leben war noch da und konnte, so Gott es
gab, neu gestärkt werden.
In freundlicher, ruhiger Weise tat der alte Doktor
Winfried, der seine Werkzeuge mitgebracht hatte, alles Erforderliche. Mit Hilfe
der beiden Männer verband er die Kopfwunde, schiente den Arm, legte heilsame
Umschläge auf die gebrochenen Rippen und flößte der immer noch Ohnmächtigen
immer wieder ein Löffelchen belebender Arznei ein, welche schließlich die
Wirkung hatte, daß Atem und Herz wieder in eine etwas kräftigere Tätigkeit
kamen.
Was Liebhardt, der Gatte, in dieser furchtbarsten
Stunde seines Lebens durchmachte, ist nicht zu ermessen. Eine Höllenflamme um
die andere bestürmte ihn. - Ob sie wiedererwachte!? Ob sie ihm und den Kindern
am Leben blieb!? Und ob und wie es mit ihnen beiden, Karl und Lydia, weitergehen
könne und werde – nach diesem Geschehen?! - Das waren Fragen, die dumpf und
wild in seinem Kopf und Herzen durcheinander tobten.
Endlich war es – gegen Morgen – so weit und
Doktor Winfried konnte mit dem ruhigen Bewußtsein, daß alles Notwendige und
Mögliche geschehen war, seiner Wege gehen. Er verließ das Haus, als das erste
Taggrauen dämmerte und gerade die letzten unersättlichen Gäste vom Festplatz
bei der Traube heimkehrten und und ihren Wohnungen zustrebten. Ja, der Mensch,
dachte der kundige Mann, ist nahe an den Abgrund des Todes und des Verderbens
gebaut! - Wie wenige bedenken es im Rausche des Lebens! Und wie viele versäumen
um trügerischen Scheingenusses wegen das wahre, ewige Ziel dieser kurzen
irdischen Daseinsspanne!
10. Kapitel
Lydia lag noch die ganze Nacht und zwei weitere
Tage und Nächte bewußtlos. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am Morgen nach
der Tat im Ort die Schreckenskunde, der Lehrer habe im Rausch seine Frau die
Treppe hinuntergestoßen, so daß sie bewußtlos und schwer verletzt sei und an
ihrem Aufkommen gezweifelt werden müsse.
Alles war entsetzt. Denn allgemein liebte und
achtete man Lydia als eine ruhige, besonnene, freundliche Frau, die jedermann
gerne Gutes tat. Gegen den Lehrer dagegen mehrten sich die Stimmen des Unmuts.
Dieses Trinken in den letzten Jahren war doch nicht mehr recht! So etwas
schickte sich nicht für einen Lehrer der Jugend! Und seine Streiterei, die er
in letzter Zeit mit Gott und der Welt in seinem aufgeregten Temperament anfing,
das kam sicher alles auch nur vom Alkohol! - So mußte das ja immer enden, wenn
ein Mensch sich nicht zügeln und zusammennehmen konnte!
Die Frau, ein purer Engel, war sicher ganz
unschuldig! Da hatte er, der Lehrer, natürlich nur seinen Unmut ausgelassen
wegen der unsinnigen Händel mit dem Schultheiß – und so war diese
entsetzliche Tat als Ausgeburt unmäßigen, argen Geistes geschehen!
Besonders auch im Pfarrhause wurden derartige
Betrachtungen angestellt und Worte der Entrüstung laut. Die Frau Pfarrer war
dafür, daß ihr Mann sofort einen schriftlichen Bericht an das Dekanat
einzureichen habe, damit dieses die weiteren Schritte bei der Schulbehörde
unternehme. Denn mit einem solchen Lehrer, der seine Frau im Rausch ums Leben
bringe, könne doch unter keinen Umständen weitergemacht werden.
Pfarrer Loschmann war etwas besonnener und milderer
Meinung. Er sagte, solange die Frau noch bewußtlos zwischen Tod und Leben
schwebe, könne er nicht vorgehen. Das widerstrebe seinem Gefühl. Und wenn der
Mann auch offensichtlich über und über schuldig sei, so müsse man doch
zunächst abwarten, wie sich das Geschehnis in seinen Folgen auswirke.
Nun, dagegen war schließlich auch nichts
einzuwenden, und so blieb man im Pfarrhaus sozusagen Gewehr bei Fuß.
Am Abend des ersten Tages erfuhr dann Frau Pfarrer
Loschmann, die zur Erkundigung einen Besuch im Schulhaus machte, vom alten
Liebhardt, der allein zu sprechen war, daß die Verletzte immer noch nicht zum
Bewußtsein zurückgekehrt sei. Am zweiten Abend lautete es ebenso. Erst gegen
Morgen in dieser zweiten Nacht, als der Tag graute, ließ Lydia Anzeichen des
zurückkehrenden Bewußtseins erkennen.
Der Großvater hatte am Abend einen Teller frischen
Obstes in das Zimmer gebracht und auf das Tischchen neben dem Bette gestellt,
wundervolle Birnen und Äpfel. Und der lebendige Duft dieser Früchte schien der
Kranken gut zu tun. Sie holte einige Male tief Atem, und Liebhardt, ihr Gatte,
der die ganze Zeit Tag und Nacht unverweilt bei ihr gesessen, ließ kein Auge
mehr von ihr. Er brachte ihr die herrlichen Früchte ganz nahe, flößte ihr
auch in regelmäßigen Zeitabständen nach den bestimmten Angaben des Arztes die
stärkende Arznei ein und wartete unter Bangen, Hoffen und Beben auf den seligen
und doch so furchtbaren Augenblick, da sie die Lieder aufschlagen und ihn, den
Frevler, erkennen werde.
Was würde sie denken – was würde sie, wenn sie
es vermochte, sagen!?
War es ein Vernichtungswort für ihn und ihr
ferneres Zusammenleben? Ein Todesurteil für ihr Familienglück? - Oder gab es
da noch ein Verzeihen?? - Er wagte letzteres kaum zu hoffen und machte sich auf
das Schlimmste gefaßt, denn es war ja nicht eine einzige, einmalige Entgleisung
gewesen! Dieses Trinkerunwesen war immer wieder gekommen und hatte in
fortgesetzter Steigerung das ganze, einst so ungetrübte Familienleben im
innersten Kern zerrüttet und schließlich fast naturnotwenig zu dieser
furchtbaren Katastrophe geführt.
Er war, das wußte nun Liebhardt klar und fest, ein
Trinker, ein notorischer, unrettbarer Schwächling, der immer wieder diesem
Laster anheimfiel und bestimmt sich und Weib und Kinder noch zu Grunde richtete.
Er war ein richtiger Lump und nun auch noch ein Verbrecher, und für ihn gab es
keine Hilfe, keine Rettung und – mit Recht – auch keine Vergebung mehr!
Er wollte nur noch abwarten, bis Lydia wieder die
Augen aufschlug und dann sein Urteil in Empfang nehmen. Er wollte sie nur noch
gesundpflegen und dann ihres Wegen mit den Kindern ziehen lassen. Seine
Lehrerstellung würde er nach diesem Vorfalle ja doch verlieren. Was dann aber
weiter mit ihm und Weib und Kindern werden sollte, das vermochte er sich gar
nicht auszudenken. Da wurde es einfach schwarz vor ihm, da klaffte ein Abgrund
ohne Boden mit Höllenflammen der Reue und Verzweiflung.
Endlich, als schon das Tageslicht zwischen den
Läden und Vorhängen gespenstisch hereindrang und das verhängte Lampenlicht
entbehrlich wurde, tat Lydia nochmals einen tiefen Atemzug, stieß, gleichsam
wie von einer anderen, höheren Welt in dieses irdische, schwere Dasein
zurückkehrend, einen Seufzer aus und schlug, ohne sich weiter zu rühren, noch
matt aber hell und ruhig die Augen auf. Sie blickte in das gespannte, von
Freude, Furcht und Schuldgefühl durchpflügte Gesicht ihres Mannes, der sich,
jede ihrer Regungen scharf bewachend, über sie gebeugt hatte.
„Lydia"!" hauchte er mit bebender
Stimme - „Lydia! Erkennst du mich?? - - Kannst du mir - - vergeben?"
setzte er hinzu, als ihre Augen seine erste Frage zu bejahen schienen.
Lydia fühlte ihren gebrochenen Arm unbeweglich in
einer Schiene liegen. Der Rücken und Brustkorb schmerzte und schien ebenfalls
unbeweglich. Die Glieder waren wie zerschlagen. Auch der Rücken und Hinterkopf
schmerzten brennend und konnten nicht vom Lager erhoben werden. Sie fühlte, sie
war wie zermalmt.
Da füllten sich ihre Augen, während sie wortlos
dalag und auf ihren von Reue und Schmerz zerwühlten Gatten blickte, langsam mit
Tränen und zwei Perlen liefen über ihre Wangen hernieder in das Schlafgewand.
„Lydia! Lydia!!" schrie Liebhardt auf,
schlug die Hände vors Gesicht und barg seinen Kopf, indes ein gewaltiges,
urtiefes Schluchzen aus ihm hervorbrach und seinen ganzen Leib erschütterte, an
der Brust der Weinenden. - „Du kannst es nicht vergeben, das weiß ich",
stieß er hervor. „Das weiß ich und kann's auch nicht erwarten. Aber verstoß'
mich jetzt nicht! Laß mich an deinem Lager bleiben, bist du wieder gesund
bist!"
Als er so schluchzte unter heftigem Beben seines
ganzen Körpers und Wesens und bettelte wie ein Kind, legte Lydia ganz still und
ohne ein Wort zu sprechen, den gesunden, freien Arm um seine Schultern und
preßte ihn stumm und schmerzvoll mit tiefer, innig fraulicher Inbrunst an sich.
Das war ein Empfinden für den armen, verirrten und verlorenen Menschen Karl
Gotthilf Liebhardt!! Er wähnte, in ein Flammenmeer der Reue und zugleich des
Danks, der Liebe und der Inbrunst zu versinken. Er konnte nichts mehr sagen, nur
mit tausend heißen Küssen bedeckte er Brust, Kehle, Gesicht und Hände der
Geliebten.
„Es kommt jetzt ein anderes Leben, Lydia!"
schwor er.
„Ja", nickte sie - „mit des himmlischen
Vaters Hilfe!"
11. Kapitel
Mit dieser Wendung, diesem Sieg
unerschütterlicher, himmlischer Liebe war im ganzen Hause nur einer durchaus
gar nicht zufrieden und einverstanden – der geheime, unsichtbare und
unerbetene Gast Sauerbrot. Er hatte alles, draußen im Wohnzimmer auf der
Ofenbank sitzend, durch die offene Schlafzimmertüre mit angesehen und
angehört. Das war doch einmal eine furchtbare Gans, diese Lydia! Anstatt den
elenden Lumpen bei dieser Gelegenheit sich vom Hals zu schaffen, ihn aus dem
Haus ins Elend zu jagen und ins verdiente Gefängnis zu bringen, hat sie ihm
nicht einmal ein einziges Wort des Vorwurfs! Als ob nichts geschehen und er ihr
nur Liebes und Gutes getan hätte, legte sie den Arm um ihn und zieht ihn nur
wortlos an die Brust! Das war doch die verkehrte Welt selber! Zu solch einem
Narren machte die christliche Lehre den Menschen – daß er nicht mehr wußte,
ob fünfe grad sei oder ungerad, und daß er jeden Rohling und Wüstling auf
sich herumtrampeln ließ!
Nein, so etwas war ihm, Sauerbrot, denn doch in
seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Und daß er dies auch noch erleben
mußte an seinem eigenen Fleisch und Blute! Wie kam nur so ein Geist in diese
Tochter? Von ihm hatte sie's doch nicht – das war ihm gewiß- Aber natürlich,
seine verstorbene Selige, die Mutter Lydias, war eine ähnliche gewesen. Da war
auch die Bibel von morgens bis abends auf dem Arbeitstischchen beim Fenster in
der Wohnstube gelegen. Allerlei Sprüche von der Schul- und Jugendzeit her waren
noch in ihrem Herzen zu Hause und nur gar zu oft, zu seinem großen Ärger, auch
über die Lippen der vielbeschäftigten, vielgeplagten Frau geströmt. Da mußte
Lydia diesen Sinn herhaben! - Oder hatte sie es von irgendeinem Stern
mitgebracht!? - Von ihm, Sauerbrot selber, das stand fest, hatte sie solch einen
verrückten, die Dinge, Menschen, Verhältnisse und Gesetze dieser Welt völlig
auf den Kopf stellenden Geist nicht!
Was war nun da zu machen?! - Die Törin hatte ihm
das fein angelegte, schlau ausgesponnene und kühn durchgeführte Konzept ganz
und gar verdorben.
Er hatte sicher damit gerechnet, daß es nun nach
dieser mit Hilfe der unsichtbaren Freunde ins Werk gesetzten Tat einen scharfen,
unheilbaren Riß und Bruch zwischen den Ehegatten gebe und daß sich dann das
Weitere ganz von selber zwangsläufig abwickle. Der Pfarrer und die
Schulbehörde konnten doch zu einem solchen nicht mehr schweigen! Man konnte
diesem Unhold von Lehrer doch nicht länger mehr durch die Finger sehen, einem
Verbrecher, der die eigene Frau im Rausch und Jähzorn die Treppe
hinunterschleuderte, so daß nur wie durch ein Wunder das Leben noch gerettet
wurde! Solch einem Menschen konnte man doch nicht länger die Unterrichtung und
Erziehung der Jugend anvertrauen! Wo wäre denn da die nötige Achtung der
Kinder gegenüber dem Lehrerstande geblieben und wo das Vertrauen der Eltern in
den Geist eines solchen Jugenderziehers?!
Und nun ging diese Lydia her und tat – von
mehrtägiger Ohnmacht aufwachend, noch mit frischen Wunden unbeweglich wie ein
Scheit Holz im Bett liegend – als ob nichts geschehen, als ob alles in Ordnung
wäre, als ob höchstens eine kleine, unschuldige Unpäßlichkeit sie
überfallen hätte!
Aber noch war „Polen nicht verloren!"
befeuerte sich Sauerbrot in seinen wogenden, argen Gedanken. Wenn das
einfältige, dumme Weib sich diese Unflätigkeit, diese Rohheit, gefallen ließ,
nun gut, so war dies für ihre Person ihre Sache. Aber er, Sauerbrot selber,
wollte sorgen, daß den Dingen und Menschen in einer natürlichen Vernunftfolge
ihre Gerechtigkeit widerfahre. Er wollte der gestörten Rechtsordnung einen
Vergelter und Rächer machen!
Ja, er wollte sogleich hinüber zum Pfarrer gehen
und diesen zu den nötigen Schritten bei den Behörden veranlassen, daß der
große Rumpler für den nichsnutzigen Lehrer und sein Haus doch noch kommen
mußte. Gesagt, getan! Alsbald war Sauerbrot drüben im Pfarrhaus in der
Studierstube. Dort war aber der Gesuchte nicht anzutreffen. Er saß noch oben im
Wohnzimmer und schlürfte, die Morgenzeitungen lesend, den duftenden Kaffee. Die
frisch zurechtgeputzte, noch jugendlich hübsche Frau Pfarrer saß ihm
gegenüber und las, nachdem sie ihr Frühstück ihrer Gewohnheit entsprechend
rasch beendet hatte, einige Briefe von Verwandten und Freundinnen, die mit der
Morgenpost eingetroffen waren.
Da pochte es sacht an die Türe, und auf das Herein
der Frau Pfarrer trat ein Bauernkind, ein Mädchen von etlichen zwölf Jahren
ein und brachte die Milch für den kommenden Tag. „Wissens Sie's schon, Frau
Pfarrer," sagte das plauderfrohe Mädchen, „die Frau Lehrer ist heut'
morgen wieder lebendig geworden. Sie ist auf einmal aufgewacht, und alles sei
wieder ganz gut. Im Bett muß sie natürlich noch lange bleiben!"
„So, so!?" sagte Frau Pfarrer Loschmann und
erkundigte sich, während auch ihr Gatte, aufmerksam geworden, die Zeitung
weglegte, was das Kind weiter wisse, wie es drüben stehe im Schulhaus, was die
Frau Lehrer gesagt habe, als sie zu sich kam. Das Kind wußte darüber freilich
nichts weiteres. Die Frau Lehrer sei bald darauf wieder eingeschlafen. Sie sei
natürlich sehr schwach und bedürfe der Ruhe. „Nun ja," sagte die Frau
Pfarrer. „das kann man sich ja denken!" Äußerlich scheinbar unberührt
von der Sache, gab sie dem Kind vom Tisch weg ein kleines, schmackhaftes
Brötchen und entließ die knixende Kleine mit einem wohlwollenden Kopfnicken.
Energisch wandte sich aber die erregbare Frau, als
das Kind draußen war, an ihren Gatten „So, jetzt weißt du ja, wo du dran
bist! Und es wird für dich Zeit sein zum Handeln! Du kannst nicht warten, bis
andere rührigere und besorgtere Leute dir zuvorkommen, zur Schulbehörde rennen
und diesem Lehrer Liebhardt und seinem Treiben ein Ziel setzen. Oder soll auch
über diese Untat Gras wachsen? Willst du es drauf ankommen lassen, ob diese
gutmütige, ängstliche und jedenfalls auch etwas einfältige Frau in ihrer Art
sich auch diese Mißhandlung gefallen läßt und am Ende auch der Schultheiß
und der ganze Ort sagt: »Nun, wenn die Frau nichts dagegen machen will, dann
wollen wir auch nichts tun?!« - Soll auch dieses Wasser wieder den Bach
hinunter, ohne ein Mühlrad zu treiben? - Meine Ansicht nach gehört jetzt,
nachdem die Frau offenbar über die gefährliche Wende hinweg, die Sache aber
noch frisch in aller Leute Mund ist, vorgegangen! Und du solltest sofort, noch
heute Morgen deinen schriftlichen Bericht an das Dekanat einreichen mit der
Bitte, um weitere Veranlassung bei der vorgesetzten Schulbehörde!"
„Nun ja, nun ja," erwiderte Pfarrer
Loschmann auf die eifrige Rede seiner Gattin etwas gedehnt - „so gar eilig und
hitzig ist die Sache ja aber doch wohl nicht! Man soll nichts so gar heiß
essen, wie es gekocht ist, das verdirbt Zähne und Magen. Und schriftlich will
ich diese Sache auch nicht machen. Man braucht sich nicht unnötig und schwarz
auf weiß in solch einer doch immerhin nicht gewöhnlichen und dazuhin
persönlichen Sache ohne Not ein- und aussetzen.
Ich gehe heute Mittag, wo ich sowieso für einen
Spaziergang Zeit habe, in die Stadt, verfüge mich selber zum Herrn Dekan und
berichte ihm die Sache mündlich. Dann habe auch nicht ich die Verantwortung und
liegt auch nicht auf mir das Gehässige und Unangenehme dieser Sache. Vielmehr
kann dann der Dekan sich selber zu den weiteren Schritten entschließen und hat
auch ganz allein die Verantwortung dafür im Innern wie nach außen. Ich selbst
bin auf alle Fälle gerechtfertigt und gerettet. Es braucht so von diesem meinem
Schritt überhaupt niemand etwas zu wissen. Er ist nicht amtlich, sondern privat
und führt doch zum selben Ziele. Und das ist sicher besser, als wie du in der
etwas schnellen Hitze meinst. Denn wir beide legen ja keinen Wert darauf, mit
dem Schulhaus in offenen Konflikt zu kommen, zumal man ja in voraus gar nicht
weiß, wie die Schulbehörde zu dem Falle sich stellt. Ob sie eine Versetzung
oder gar Entlassung vornimmt oder ob sie in Anbetracht der sonstigen
unbestreitbaren Fähigkeiten und Vorzüge des vielseitig beliebten Lehrers doch
noch einmal ein Auge zudrückt."
„Das wäre in solch einem Falle ja noch einmal
schöner!" erwiderte die Frau. Aber gegen die diplomatische Vorsicht ihres
Gatten konnte sie im Grunde doch nichts einwenden. Vielmehr freute sie sich in
ihrem Herzen, daß er doch auch einmal wirklich weltklug gewesen – was bei
diesem Bücherwurm und Schriftgelehrten leider gar so selten der Fall war. Daß
bei ihrem Manne hinter seiner scheinbaren Diplomatie weiche, bessere
Herzensregungen des Mitleids mit der Lehrerfamilie die eigentlichen Beweggründe
seines zögernden Handelns waren und daß er, das eigene Wesen und die
Gedankengänge, Triebe und Regungen seiner Frau wohl kennend, diese klugen
Erwägungen und vorsichtigen Umwege in ihrem Sinne nur vorgetäuscht hatte, um
nach seiner Art schonender vorgehen zu können, ahnte sie freilich nicht. Aber
der Kleinkrieg der Ehe macht erfinderisch. Und wenn ein Ehegatte mit Gradheit
und Heftigkeit rücksichtslos drauflosgeht und um seine Geltung kämpft, so muß
sich oft der mehr duldende, ruhigere Teil mit irgendeiner Kriegslist zu helfen
suchen.
So war denn das Ergebnis dieser von Sauerbrot vom
Nähtischsessel aus belauschten Morgenunterredung im Pfarrhause das, daß sich
Pfarrer Loschmann am Nachmittag nach zeitig eingenommenem Kaffee auf dem
schönen Fußweg durch das Wiesental und den Wald nach dem kleinen
Kreisstädtchen aufmachte, wo der Dekan seinen Amtssitz hatte und wo auch
Schulrat Moser als Vorstand der Kreisbehörde wohnte. Loschmann erzählte dem
noch in mittleren Jahren stehenden Dekan, einem beweglichen, weltgewandten
Junggesellen, der ein ausgezeichneter Kanzelredner und auch ein tüchtiger
Verwaltungsmann war, von dem im Schulhaus in der Kirchweihnacht Vorgefallenen
und verschwieg auch nicht, daß leider alkoholische Entgleisungen bei dem Lehrer
Liebhardt eine häufige Erscheinung geworden seien. Im Interesse des Ansehens
der Schule wie auch der ganzen geistigen Atmosphäre des Ortes könne vom
Standpunkt der Kirche aus dieser betrübenden Tatsache wohl nicht ohne Weiteres
mehr zugesehen werden und es sei daher dem Herrn Dekan zu überlassen, ob er ein
Einschreiten beim Herrn Schulrat für zweckdienlich erachte.
Dekan Winter war über diesen Bericht hoch
entrüstet. So eine bodenlose Rohheit, seine Frau Hals über Kopf die Treppe
hinunterzuwerfen, daß sie zwei Tage bewußtlos liegen blieb! Da mußte doch
aber unverzüglich eingeschritten werden! Wenn solch ein Geist in einer Gemeinde
ungehindert und ungesühnt um sich griff, wenn die Jugend an ihrem eigenen
Lehrer solche Beispiele sah – wohin sollte das mit der Zeit – auch für die
Kirche – führen!? Kein Wunder war das Gotteshaus immer mehr als zur Hälfte
leer!
Ja, der Alkohol, das war eine böse Sache! Was
forderte der in dieser Waldgegend für Opfer, wo der Kirschen- und
Heidelbeerschnaps im Schwange war und aus den benachbarten südlichen
Weindörfern das verführerische Naß der Reben in Fluten herüberströmte!
Der Lehrer, der bei allen Festivitäten den
Oberzeremonienmeister des Höllenfürsten machte, mußte nach diesem Vorfalle
weg, das war klar! Hier war ein Anlaß gegeben, in welchem kein anständiger
Mensch der Behörde etwas entgegenhalten konnte.
Der Dekan dankte Pfarrer Loschmann für seine
freundliche, gewissenhafte Mitteilung, unterhielt sich mit ihm noch über dies
und jenes aus dem Sprengel, auch über sein gesundheitliches Befinden und über
Familienverhältnisse und begab sich dann, als der Pfarrer sich wieder auf den
Heimweg gemacht hatte, ohne Verzug zu Schulrat Moser, mit dem er schon von der
Hochschule her als Bundesbruder gut befreundet war.
12. Kapitel
Die Schulratseheleute Moser, ein schon bejahrtes
Paar, dessen Kinder alle aus dem Nest geflogen waren, wohnte einsam und schlicht
in einem freundlichen, ihnen selbst gehörenden Landhause vor der Stadt.
Sie waren soeben daran, ein genügsames, aus selbst
angebauten Gartengemüsen, Früchten und gutem Weizenbrot bestehendes Abendmahl
mit bestem Appetit zu verzehren, als Dekan Winter eintrat und natürlich sofort
von der überaus liebevollen, etwas stark beleibten, gutherzigen Frau Schulrat
zum Mithalten freundlichst eingeladen wurde.
Diese trefflichen Gelegenheitsimbisse bei der Frau
Schulrat schlug der Dekan, der als Unverheirateter auf Gasthauskost angewiesen,
niemals aus, da man hier, nebst der frohsinnigen Unterhaltung, statt der ewigen
Fleischkost eine mit Hilfe einer Magd von der Frau Schulrat selbst aufs
sorgfältigste zubereitete Pflanzenkost bekam.
So war denn auch an diesem Abend der sympatische
Zirkel bald um die drei eng befreundeten Personen geschlossen. Und beim
Nachtische, der aus prächtigen Spalierbirnen, Pflaumen und Nüssen bestand,
konnte Dekan Winter in aller Ruhe und Bequemlichkeit seine große, wenn auch
höchst bedauerliche Tragödie aus der benachbarten Kirchen- und Schulgemeinde
auskramen. Ganz entsetzt hörte die Frau Schulrat diese schauerliche Märe. Ja
war den so etwas einem gebildeten Mann überhaupt möglich – so eine
fürchterliche Rohheit!? Seine Frau im Rausch die Treppe hinunterzuschleudern!
War denn das auch noch ein Christenmensch!?
„Im Rausch"
,
sagte der Dekan, der ein großer Gegner des Alkohols war, „ist eben alles
möglich. Da wird der Mensch zur Bestie! Oder vielmehr weniger als ein Tier.
Denn ein Tier folgt dem inneren Instinkt, der Stimme Gottes, und bleibt beim
natürlichen Maße während der Mensch sich in satanischem Trotz und Übermut
über die Gottesordnung hinwegsetzt und, indem er nach den falschen Sternen
trügerischer Lust greift, in die Urgründe vormenschlicher Kreaturformen
zurückstürzt – immer wieder im kleinen, menschlich-irdischen Maßstabe das
im endlos Großen abgerollte Geschick Luzifers wiederholend.
„Was nun aber anfangen mit solch einem Menschen
und Familienvater?" seufzte Frau Moser, indem sie ängstlich bald auf den
Dekan, bald auf ihren Gatten schaute. „Das wird die Sache ihres lieben Mannes,
d. h. wohl zunächst gründlicher Untersuchung sein! Denn solch einer Geschichte
können wir weder vom kirchlichen noch vom schulrätlichen Standpunkte aus ihren
freien Lauf lassen. Da erwartet jedermann mit Recht von den Behörden ein
ahnendes und vorsorgliches Eingreifen."
„Du liebe Zeit – aber die Frau und die
Kinder!" sagte Frau Moser, die keinen Bissen von den köstlichen Früchten
mehr hinunterbrachte. „Die tun mir ja furchtbar leid. Die sind ja auch
verloren, wenn der Mann infolge dieses unseligen Schrittes seine Stellung
verliert! Das bedenken sie, Herr Dekan, als Junggeselle wohl gar nicht!?"
„Es muß ja nicht gleich zum Äußersten gegangen
werden unter Umständen", ließ sich nun der Schulrat vernehmen, „Wir
wollen auf alle Fälle sehen. Es muß natürlich der Fall streng und gründlich
untersucht werden und besonders auch das ganze, dieser Schlußkatastrophe
vorangegangene Vorleben. Der Mann ist sonst in der ganzen Gegend beliebt und
auch ein recht tüchtiger, ja ausnahmsweise gut begabter Lehrer. Daß er leider
seit einigen Jahren trinkt, ist mir wohl auch zu Ohren gekommen. Aber man hat es
ihm allgemein nachgesehen im Hinblick auf seine pädagogischen, musikalischen
und sonstigen Talente. Die Musikseelen haben ja alle, wie bekannt, eine
trockene, durstige Kehle! Es gehört sozusagen zum Handwerk. Und wenn man so im
hitzigen Getümmel des Festbetriebes steht, da geht man leicht über das
eigentliche Bedürfnis hinaus. Das kann ich nachfühlen, obwohl ich selber
persönlich ja kein Freund von Alkohol und von derlei Massenbelustigungen und
Vereinsfeiern bin und auch die großen Volksgefahren der leidigen Trinksitte
nicht unterschätze, sondern tiefst bedauere.
Daß es mit dem Lehrer Liebhardt gar so schlimm
steht, wußte ich allerdings bis jetzt nicht. Und diese ungeheuerliche
Entgleisung macht unbedingt eine Sühnung und vorbeugende Schritte notwendig.
Solch einem Menschen, der sich selber so wenig mehr in der Herrschaft hat und zu
solchen Exzessen und bestialischen Rohheiten fähig ist, kann doch die Erziehung
der Jugend nicht weiter anvertraut werden! Da ist unter Umständen bei aller
Nachsicht, Geduld und Wertschätzung sonstiger Vorzüge ein straffes,
rücksichtsloses Durchgreifen notwendig. Denn es ist besser, einer sterbe denn
ein ganzes Volk!"
„So etwas ist mir wenigstens," fügt der
Dekan beifällig an, „in meinem ganzen Leben und meiner ganzen Amtstätigkeit
von einem Lehrer nicht zu Gehör gekommen, daß er in der Trunksucht sich so
weit verging, an das Leben seiner Frau, der Mutter von vier Kindern, wegen
nichts und wieder nichts die Hand zu legen". Da muß die Macht der
Finsternis wahrlich weit gediehen sein in einer Seele, und da muß mehr faul,
morsch und todgeweiht sein, als wir denken."
„Allerdings," sagte der Schulrat, „solch
eine Frucht fällt von einem sehr, sehr kranken Baume!"
Unruhig und innerlich sehr durcheinander gebracht
durch diese Eröffnung des Dekans schob Moser den Teller zurück und mochte an
diesem Abend auch nichts weiter genießen. Es war ihm peinlich, daß die
Kirchenbehörde ihm diesen Fall hatte zur Kenntnis bringen müssen und daß er
selbst mit dem von ihm immer besonders geschätzten Lehrer Liebhardt besser auf
dem Laufenden gewesen war, Er wollte in dieser Sache gleich in den nächsten
Tagen streng nach dem Rechten sehen.
Mehr hatte der Dekan vorläufig auch nicht gewollt,
und so war man rasch und ohne daß noch viele Worte über die Angelegenheit
gewechselt worden wären, miteinander im Reinen.
Nur die gute Frau Schulrat seufzte, als man in der
Nacht gegen zehn Uhr sich verabschiedete, noch einmal tief auf und sagte, dem
Dekan die Hand drückend: „Gehen Sie mit einem verirrten Bruder nicht zu
streng ins Gericht – und bedenken Sie seine Frau und seine Kinder!"
Der Dekan zuckte die Achseln und sagte ausweichend:
„Wir stellen es in Gottes Hand!"
Der Schulrat aber konnte in dieser Nacht wenig
schlafen. Das Schicksal eines Menschen, ja, einer ganzen Familie, lag wieder in
seiner Hand und stellte ihn zwischen Gesetz und Milde, zwischen Ordnung und
Nachsicht, zwischen die strengen, unabweislichen Anforderungen der Welt und die
Botschaft Jesu von Nazareth. - So etwas war ihm immer das Allerschwerste und
schmerzvollste in seinem ganzen, vielseitigen und weitverzweigten Amte.
13. Kapitel
An einem der nächsten Tage, in der Frühe eines
herrlichen Herbstmorgens, wanderte der Schulrat auf dem gleichen Pfade, auf
welchem Pfarrer Loschmann gekommen war, durch den Wald und das Wiesental nach
dem Dorfe auf der Höhe. Wie köstlich war die taufrische Natur! Wohl gilbten
die Bäume und war der Sommerflor dahin; aber der Prunk der herbstlichen Astern
und Sonnenblumen in den ländlichen Gärten, das rotglühende Laub des wilden
Weines an den Häusern und Zäunen hob sich unter dem tiefblauen, glanzvollen
Himmel prächtig vom immer noch kräftigen Grün der Wiesen. Und im Walde wirkte
sich das jetzt schon ganz gelbe Blättergewand der Buchen und Birken wie
Goldbrokat ins ernste Samtgrün der Tannen. O wie hätte man heute, durch den
lebendigen Dom der Gottesnatur schreitend, die Seele baden und zur Schönheit
und Seligkeit des ewigen Ursprungs all dieser Schöpfungsgebilde erheben
können!
„Aber – mein Geschäft ist heute - - der
Mord!" sprach bei sich der Schulrat Moser, an das Selbstgespräch Wilhelm
Tells in der Gasse zu Küßnacht denkend.
Ja, so eine Dienst-Strafsache eignete sich gar
nicht in die Klarheit und den heiligen Frieden eines solchen wolkenlosen, reinen
Herbsttages, an welchem der Schöpfer über alles naturmäßig Unvollkommene und
Vergehende nochmals die besondere Strahlenfülle seiner Liebe wie aus einem
unversieglichen Füllhorne auszugießen schien, als wollte er sagen: »Seid
getrost, mein Wesen ist ewig und unendlich, mein Reichtum unerschöpflich, meine
Macht ohne Grenzen, und selbst im Tode segne und reife ich nur das Leben, um ihm
in neuen Formen die seligste Vollendung zu geben!«
Im Walddorfe angekommen, begab sich der Schulrat
zuerst aufs Rathaus, um den Schultheiß als erfahrene und in solchen
öffentlichen Dingen maßgeblichste Persönlichkeit über den Fall zu hören.
Der fleißige Ortsvorsteher war schon seit mehreren Stunden auf dem Amte. Er
hatte neben dieser behördlichen Tätigkeit auch seiner nicht unbedeutenden
Landwirtschaft zu leben, die in der Hauptsache zwar von Frau und Töchtern
besorgt wurde, aber doch seine Überwachung und Mithilfe benötigte. Und so
waren bei ihm in der Regel die ersten Morgen- und dann die Abendstunden dem
Gemeindeamt geweiht.
Eben war der etwa sechzigjährige, große, hagere
Mann mit stark ergrautem Haar und ausrasiertem Kinn dabei, die Rechnungen des
Gemeindepflegers über Ausgaben des Gemeindehaushalts nachzuprüfen, als der
Schulrat eintrat. Die beiden einander sehr gewogenen Herren begrüßten sich wie
gute, alte Freunde. Und der Schulrat kam sofort auf das Anliegen zu sprechen,
das ihn herführte. Der Schultheiß hatte es sich ja auch gleich gedacht. Und so
war man rasch im Bild und lenkte die Erörterung auf das, worauf es ankam.
War das betrübende Vorkommnis eine einmalige,
unselige Entgleisung oder hatte das Trinken des Lehrers sich zu einer solchen
Gewohnheit ausgewachsen, daß diese rohe Tat sozusagen eine zwangsläufige,
naturnotwendige Ausgeburt darstellte, welche die Größe und Schwere des Lasters
offenkundig machte und im Interesse der Schule nun unbedingt ein Einschreiten
erforderte? - Das war die Frage, auf die der Schulrat vom Ortsvorsteher
Aufschluß wünschte.
Der Schultheiß stützte in seinem Ratssessel beide
Ellbogen auf die Lehne, holte tief Atem und sagte, vor sich hinschauend: „Ja,
was soll man da sagen!? - Man möchte dem Mann keinen Schaden zufügen. Er tut
einem leid. Er hat in mancher Beziehung sich seit Jahren hier allgemein beliebt
gemacht; aber wenn ich von Ihnen, Herr Schulrat, nun in dieser Weise amtlich
gefragt werde, muß ich wohl bei der Wahrheit bleiben! - Das Trinken ist bei
unserem Herrn Lehrer seit mehr als zwei Jahren ein gar großes und verderbliches
Laster geworden. Es vergeht kein Fest, wo er nicht mit einem kräftigen, oft
gehagelten Rausch nach Hause kommt oder – gebracht wird. - Freilich ist ja
für ihn auch die Versuchung groß! Alles ruft und verlangt nach ihm und nötigt
ihn mit wahrer Gewalt zum Trinken! Da heißt's von allen Seiten: »Herr Lehrer,
zu uns! Kommen Sie zu uns! Tun Sie uns Bescheid! Und helfen Sie mit! Sie müssen
dirigieren!« - Wo Musik und Gesang ist, da holt man halt ihn schier aus dem
Bett. Und wenn er grad' nicht will – er muß vorne dran! Von allen Ortschaften
ringsherum – auf Stunden hin – wird er gerufen! - Er klagt oft selber
darüber und könnt' gar freilich, wenn er ernstlich wollte, auch wohl einen
Riegel vorschieben und sich versagen: aber dazu hat er den Willen, die
Entschlußkraft nicht! Er kann nicht Nein sagen, wo er's notwendig sollte. - Und
so ist er denn auf diese Weise immer tiefer in den Schwall und Trubel
hineingeraten, in dem es schließlich zu dem bösen Ende kommen mußte, wie
wir's nun sehen. Jetzt ist es so, daß es kaum schlimmer werden kann, ja, daß
die Spitze nun wohl erreicht ist.
Der Schultheiß schwieg betrübt. Es war ihm selber
dies Geschick des ihm persönlich trotz allen nicht unlieben Mannes ein großes
Kreuz.
„Und wie kommt er denn nun zu solch einer
unerhörten, rohen Tat gegen seine Frau, die doch, wie ich sie kenne, der
reinste Engel von Geduld und Nachsicht ist und ihm gewiß nicht den geringsten
Grund für solch ein gräuliches Vergehen gegeben hat?" forschte der
Schulrat weiter.
„Ja, das ist auch wieder so ein Kapitel!"
sagte der Schultheiß. „Es heißt, und man hat es auch nicht selten
beobachtet, daß der Lehrer, je mehr er ins Trinken kam, desto weniger auch der
gemütliche Mann von früher mehr war. Er wurde, wie man öfter bemerkte, durch
den Alkohol, das Bier und den Wein so erhitzt und reizbar, daß es bei den
Geselligkeiten am Schluß wunderselten ohne Streit und Händel abging. Das tat
seiner Beliebtheit zwar ziemlich Abbruch; aber die Leute brauchten und holten
ihn doch immer wieder. Und je mehr es Liebhardt merkte, daß er trotz allem
überall unentbehrlich sei, umso mehr nahm er sich auch heraus und wurde beim
geringsten Anlaß grob und gewaltsam."
Daß der Schultheiß selber an der Kirchweih mit
dem Lehrer zuletzt auch noch einen Zusammenstoß gehabt, berührte der
gutmütige Mann nicht. Er wollte den Unglücklichen nicht noch weiter
hineintunken. Der Schulrat konnte es sich ja nun vollends selber denken, wie's
zu der argen Sache gekommen war.
Ja, ja, das war allerdings ein böser Fall! Das war
keine einmalige, verzeihliche Entgleisung! Da war ein Geschwür an einer gar
kranken Seele aufgebrochen! - Ob solch ein Mensch die Jugend weiter lehren und
erziehen konnte, der sich selber so ganz und gar nicht in der Hand hatte und zum
vernunft- und zügellosen Tier geworden war!?
Kopfschüttelnd, bang und unruhig erhob sich der
Schulrat zum Gehen. „Und was sagt den die Bevölkerung nun zu diesem Fall und
dem Mann?" fragte er, bevor er sich zur Tür wandte.
„Die Leute sind natürlich entsetzt",
erwiderte der Schultheiß. „Die meisten sagen, so etwas hätte nicht vorkommen
dürfen. Da kann ja kein Mensch mehr eine Achtung haben, wie's für den Lehrer
doch so wichtig ist! - Nur wenige, seine besonderen Freunde, zucken schweigend
die Achseln. Aber fürzusprechen wagen auch sie nicht. Da ist eben der Fall doch
zu schwer!"
Das hatte gerade noch gefehlt in der Waagschale des
amtlichen Urteils! - Schwerbedrückt ging der Schulrat nach kurzem
Abschiedsgruß und verließ das Rathaus.
Unten auf dem freien Platz, in der grellen, jetzt
schon nahe dem Zenit stehenden Sonne, mußte er sich eine gute Weile besinnen
– was nun tun? - Sollte er ins Pfarrhaus gehen? - Weitere Erkundigungen
einziehen? - Oder den Lehrer Liebhardt selber, persönlich, ins Gebet nehmen?
Weitere Nachfragen waren ja eigentlich nicht Not! - Der Schultheiß hatte
offenbar in aller Kürze von der Sache ein höchst klares, völlig zutreffendes
Bild gegeben! - Man konnte sich den ganzen Werdegang des Lehrers und die
Entwicklung seiner tragischen Katastrophe nun sehr gut denken! - Vom Pfarrer war
wohl auch kaum noch Neues und Maßgebendes zu erfahren, da dieser ein
zurückgezogenes Leben führte und gerade von jener Seite am wenigsten wußte,
auf welcher dieses betrübende Drama spielte.
Da durchfuhr es den Schulrat plötzlich: - Wie
wäre es denn, wenn er dem bedauernswerten Opfer, der Lehrersfrau selbst, die er
ja persönlich kannte, einen Besuch machte – um zu sehen, wie es ihr ging, und
zu hören, was sie selbst zu der Sache sagte!? Sollte er das Urteil über den
Lehrer, ihren Mann, aus ihrem Munde empfangen? - Sie mußte es am besten wissen,
ob dieser Mensch noch heilbar war oder nicht!
Merkwürdig, dachte Moser, als er auf die Wohnung
des Lehrers zusteuerte – was ihn nur so bestimmt zu diesem Besuch bei der
Lehrersfrau antrieb!? War es denn eigentlich nicht lächerlich – nachdem der
Schultheiß ihm so deutlich seine Auffassung und die des ganzen Dorfes
kundgegeben hatte, jetzt noch die Ansicht und Gesinnung der Frau ergründen zu
wollen, die doch von den erlittenen schweren Verletzungen gewiß noch benommen
und jedenfalls auch von Furcht vor ihrem Mann erfüllt war und für ihn, seine
Stellung und die Familie bangte!? Dennoch, - es war wie ein geheimer, innerer
Zwang, daß Schulrat Moser die Schritte nach dem Schulhause lenken mußte und
– ohne im Erdgeschoß beim Lehrer, der dort gerade Schule hielt, sich
anzumelden – sogleich in den ersten Stock zur Wohnung hinaufging.
Unterwegs sah er aufmerksam den Ort der Tat , die
hohe, steile Treppe an. Und es schauderte ihn der Gedanke, daß hier ein Mann
seine Frau, mit der der zehn Jahre lang in anscheinend glücklicher Ehe gelebt
und mit der er vier Kinder gezeugt hatte, in gewalttätiger Absicht
hinunterschleudern konnte. - Entsetzlich! dachte er. - Ein furchtbarer Sturz
mochte das gewesen sein – da unten auf den harten Steinfliesen! Und ein
Wunder, daß die Frau überhaupt noch lebte! - Was mußte sie durchgemacht
haben, wie mußte sie leiblich und seelisch leiden!
Ja, ja,! - Ein grausames Spiel war doch oft das
Leben auf dieser Welt.
14. Kapitel
Oben an der zur Wohnung führenden Glastüre kam
der alte Vater Liebhardt zum Öffnen heraus und war nicht wenig erschrocken, als
er den Herrn Schulrat vor sich sah. Da war also schon das Schicksal in Person
erschienen! Jetzt konnte es ja recht werden! - Was die himmlische Vorsehung wohl
bringen würde!?
Mit diesen Gedanken führte der Alte den
Vorgesetzten seines Sohnes mit Ehrerbietung, aber dennoch als Christ und
Gottesmensch mit Würde und Fassung in die Wohnstube. Der Schulrat erkundigte
sich, ohne der Einladung entsprechend Platz zu nehmen, nach dem Befinden der
Frau Lehrer und fragte, als er hörte, daß es befriedigend ergehe, ob der
Zustand es erlaube, sie kurz zu begrüßen. Der alte Liebhardt meinte, daß dem
gewiß nichts entgegenstehe, ja, daß es seine Schwiegertochter ohne Zweifel
hoch schätzen werde, mit dem Herrn Schulrat einige Worte austauschen zu
können. Er bitte, ihn nur geschwind anmelden zu dürfen.
Lydia war gerade von einem Morgenschläfchen
erwacht. Die Läden, gegen welche die Sonne schien, waren noch halb geschlossen,
als der Großvater ihr klopfenden Herzens sagte, der Herr Schulrat sei draußen
und wolle ihr „Grüß Gott" sagen. Schnell sammelte sich die junge Frau
in ihrem jäh aufgeschreckten Gemüte, ließ die Läden öffnen, überprüfte
mit den Blicken noch einmal die musterhafte Ordnung des Schlafzimmers und ließ
dann, nachdem ein Sessel zum Bett gerückt war, den Schulrat bitten zu ihr
einzutreten.
Schulrat Moser legte außen im Wohnzimmer Hut und
Stock ab und trat in das saubere, freundlich kühle Schlafzimmer. Er reichte der
Leidenden die Hand und begrüßte sie mit herzlichen, teilnehmenden Worten,
fragte wie es gehe, ob sie Schmerzen habe, was der Arzt sagte, ob man mit dem
Fortschritt der Heilung zufrieden sein könne und so fort.
Auf alles gab ihm Frau Lydia eine ruhige,
freundliche Antwort. Der Arzt, Doktor Winfried, sei recht sehr zufrieden mit dem
Ergebnis seiner Bemühungen. Die Schmerzen seien erträglich. Gefahr sei nicht
mehr vorhanden. Nun müsse sie sich wohl noch auf ein längeres Geduldslager
gefaßt machen, bis alles wieder gut sei. Nachdem der Schulrat sich in den vom
Großvater bereitgestellten Sessel gesetzt hatte und das Väterchen nach diesem
Höflichkeitserweis aus dem Zimmer verschwunden war, entstand in der
Unterhaltung der beiden eine kleine Pause. Keines fand so recht den Rang, von
den mehr äußerlichen Fragen und Belangen zu der eigentlichen, beider Herz und
Gemüt so sehr bewegenden Hauptsache überzugehen. Lydia wollte dem Vorgesetzten
ihres Mannes nicht vorgreifen. Und der Schulrat wußte nicht recht, ob er die
sehr angegriffene, wachsbleiche Frau einer aufregenden Erörterung aussetzen
durfte.
Da wollte es die Fügung, daß dem Schulrat das
Hochzeitsbild des Ehepaares Liebhardt, das beim Bette der Frau hing und beide in
innige Glücksverbundenheit zeigte, in die Augen fiel. Sie folgte seinem Blick
und bemerkte dessen Ziel, errötete und senkte die Augen. Hätten Sie damals
wohl gedacht, Frau Liebhardt, als dieses Bild hier aufgenommen wurde – daß es
zwischen ihnen je so gehen könnte?" fragte der Schulrat mit Bedauern.
„O nie hätte ich damals nur denken können, daß
sich unser Glück je einmal trüben könnte!" erwiderte Lydia mit leiser
Stimme. „In den ersten Jahren war unsere Ehe ja auch wirklich ein wahrer
Himmel!" setzte sie hinzu.
„Warum ist denn das mit der Zeit dann so anders
geworden?"
„O Gott, Herr Schulrat, die Welt, die Menschen,
und der leidige Wein bei den vielen Einladungen und Festen – das hat meinem
Mann mit der Zeit ganz aus den Fugen gebracht!"
„Hätte er denn nicht mit etwas festerem Willen
seine Persönlichkeit bewahren, mehr Zurückhaltung üben und seiner Familie und
Stellung mehr Rechnung tragen können?"
„Die Menschen sind arg und gar aufdringlich, Herr
Schulrat! Wie mir scheint, hier besonders, in unserer Gegend, wo so viel
Versuchung ist! Sie glauben es nicht, wie man meinem Mann seiner frohen Laune
und Gaben wegen von allen Seiten zusetzt! Die Verführer sind immer in Scharen
um ihn her und bedenken nicht, daß sie einen Familienvater ins Verderben
stürzen mit ihrem ungestümen Fordern. Wenn sie nur ihren Willen und ihr
Vergnügen haben; ob mein Mann mit seinen Kräften nach und nach erliegt, ob er
verwüstet und zu Grunde gerichtet wird – das ist ihnen gleich! Die Meute
heftet sich an seine Fersen und saugt ihn aus bis zum letzten Tropfen guten
Geistes. Und wenn dann in der Überspannung und Überreizung ein Vergessen und
Vergehen stattfindet, dann will niemand die Schuld bei sich selber finden,
sondern nur bei ihm – und da brechen dann die über ihm zuerst den Stab, die
ihn verlockt und verleitet haben! - Glauben Sie doch nur nicht alles, Herr
Schulrat", rief Lydia unter Tränen, „was über meinen Mann von
Übelwollenden leichtfertig geredet wird! Die Menschen kennen ihn nur von der
einen, der äußeren Seite! Ich kenne ihn, wie er im Innern ist – als wirklich
nur allzu guten Menschen, der niemand etwas abschlagen kann und aller Welt gern
zu Dienst und Willen ist, selbst auf Kosten seines eigenen Wohlergehens! - Und
wie er in seinem Beruf als Lehrer ist, wie gewissenhaft und verständig und
darum auch bei jung und alt so sehr beliebt – das weiß ja der Herr Schulrat
selbst am besten!"
Gewiß, der Schulrat wußte wohl, es war auch noch
im letzten Jahr keine Schule auf dem Wald in einem besseren Zustand als die
Liebhardts. Die Kinder hingen mit leidenschaftlicher Liebe an ihrem Lehrer, so
daß selbst die kranken oft noch mit Teppichen und Kissen in die Schule kamen
– und das war ja immer das beste Zeichen. Und in den Kenntnissen war nirgends
eine Klasse gründlicher unterrichtet und weiter voran.
Und daß in dem Manne ein guter Gemütskern stecke
mußte, das hatte der Schulrat auch immer wider mit Freuden in dem von Liebhardt
erteilten Religions- und Naturunterricht gesehen. Mit welchem Verständnis für
die kindliche Seele wurde von ihm die biblische Geschichte den Kleinen
dargebracht, und wie führte er sie in die Wunder der Natur ein, immer wieder
auf die Größe, Güte, Weisheit und Macht des Schöpfers hinweisend. Es war
jammerschade, daß gerade solch ein Mensch mit einem derartigen Fehler behaftet
war.
„Gewiß, sagte der Schulrat aus diesen Gedanken
heraus, „es ist ewig schade um diesen Mann mit seinen unbestreitbaren guten
Gaben. Aber was sollen denn da wir, die Schulbehörde, hoffen, wenn es unter
diesen Umständen mit ihm immer mehr und mehr bergab ging – bis zu solch einer
Katastrophe!? - Ich habe gehört und weiß, daß Sie eine stille Dulderin sind,
Frau Liebhardt, und denke, daß Sie in den letzten Jahren sicher Furchtbares
durchgelitten haben in diesem Absturz aus der Höhe der vollsten Hochachtung
für ihren Mann. Was mußte es für ein Erleben für Sie sein, den Gatten, den
Vater ihrer Kinder von Stufe zu Stufe hinuntergleiten zu sehen bis zum
willenlosen Spielball seiner Leidenschaft! - Aber wenn es nun so schlimm, so
hoffnungslos steht, daß Sie jetzt selbst als ein bedauernswertes Opfer hier im
Bette liegen und vielleicht auf Monate hinaus einen schweren Schaden zu tragen
haben – können dann wir, die Behörde, noch Hoffnung, Geduld und Nachsicht
haben!? Wird eine Versetzung helfen können, wenn der arge Geist mitzieht, weil
das Übel in einer leidigen Schwäche des Willens sitzt!?"
Schulrat Moser hatte dies alles eigentlich mehr zu
sich selbst gesprochen, um seiner inneren Ratlosigkeit Luft zu machen und für
seine notwendigen Entschlüsse die erforderliche Klarheit und Kraft zu gewinnen.
Lydia aber hatte wohl begriffen, um was es sich
handelte – daß es hier um das Schicksal ihres Mannes, ihrer Kinder ging, daß
in der Brust dieses Mannes, der da so undurchdringlich wie ein Gott und doch
auch wie ein schwacher, unschlüssiger Mensch vor ihr saß, die Räder des
Geschicks arbeiteten und die Lose des Lebens für sie und ihre teuren Lieben
fielen.
Sie schaute auf, suchte mit den Augen die Blicke
dieses ihr trotz aller Furcht so hochgeschätzten, liebwerten Mannes, der ja
auch Ehegatte und Familienvater war, schob die Hand ihres gesunden Armes etwas
vor, legte sie leicht auf die Sessellehne, auf welcher die Rechte des Schulrats
aufgestützt war, und sagte in einem heiß flehenden Tone leis und eindringlich:
„Vernichten Sie nicht eine ganze Familie, Herr Schulrat! - - Haben Sie mit ihm
ein freundliches Nachsehen und etwas Geduld! - Es wird mit Gottes erbarmender
Liebe nach diesem Vorfall sicher besser mit ihm werden!"
In diesem Augenblicke wurden Schritte im Flur und
dann im Wohnzimmer laut. Der Unterricht in der Schule im Erdgeschoß hatte sein
Ende erreicht. Lehrer Liebhardt, vom Großvater über die Anwesenheit des
Schulrates verständigt, war hinaufgeeilt und trat nun hochklopfenden Herzens,
zwischen Röte und Blässe des Gesichts wechselnd, in das Zimmer. Der Schulrat
erhob sich, begrüßte ihn ernst und gemessen und sagte nach kurzer Pause: „Das
sind ja schöne Geschichten, was ich da von ihnen hören – und (auf die Frau
blickend) sehen muß, Herr Liebhardt!"
Aber schon bereute er den etwas scharfen,
vorwurfsvollen Ton mit dem er das gesagt hatte. Denn Frau Lydia verfärbte sich
und verhüllte das tränenfeuchte Gesicht mit der Hand. Und Liebhardt selbst
machte einen solch tief vernichtenden, aufrichtigst betrübten Eindruck, daß
der alte Menschenkenner gar wohl sah, daß hier Gericht, Urteil und Strafe schon
im vollsten Maße ergangen war. Er konnte nicht mehr viele Worte finden.
Liebhardt aber bedeckte ebenfalls die Augen und fing an, vom Schulrat abgekehrt,
schmerzlich zu weinen.
Endlich brachte der Lehrer, indem er sich mit aller
Macht zusammenraffte, heraus: „Ich erhoffe, erwarte und erbitte keine Geduld
und Nachsicht für mich selbst, Herr Schulrat – aber für meine Familie bitte
ich um Gnade! Ich möchte den Herrn Schulrat und die Oberbehörde um eine
Bewährungsfrist bitten. Ich verspreche mit allem, was noch an Kräften zum
Guten in mir ist, daß die Frist nicht verloren sein wird! Es wird nicht mehr
vorkommen, daß ich trinke! Ich werde allen Vereinen und Gesellschaften, in
denen ich eine Vorstands- oder Leiterstelle innehabe, absagen und mein Amt und
meine Mitgliedschaft niederlegen und habe dazu schon die vorbereitenden Schritte
getan. Und es soll mit der Hilfe des Himmels und meines Weibes und aller guten
Menschen anders und besser werden!"
Damit ergriff Liebhardt heiß und stürmisch des
Schulrats Hand, drückte und schüttelte sie und rief: „Ich verspreche es
Ihnen, Herr Schulrat! Ich verspreche und beschwöre es vor Gott! Ich bin in
diesen Tagen und Nächten, als meine Frau hier zwischen Tod und Leben schwebte,
durch Höllenfeuer gegangen, die mich geglüht und geläutert haben. Ich weiß,
daß ich frevelhaft, verbrecherisch mit den Werten und Gütern des Lebens
gespielt und im Genußtaumel den Zweck des Erdendaseins, den Weg Gottes, den Weg
der Ewigkeit völlig verfehlt habe und daß ich nahe daran war, ein Mörder
meiner eigenen Seele, ein Mörder meines Weibs und meiner Kinder zu werden! Ich
will umkehren, Herr Schulrat! Ich will mich aufmachen und heimkehren zu meinen
Lieben!"
Mit diesen Worten stürzte sich Liebhardt vor dem
Bett seiner Frau nieder, umklammerte deren Hand und bedeckte sie mit heißen
Tränen und Küssen.
Der Schulrat selbst mußte sich abwenden und seine
große Bewegung verbergen. Er hatte genug gehört und gesehen. Sein Urteil und
Entschluß stand fest. Er sprach sich zwar nicht weiter aus, um der Oberbehörde
in ihrem Entscheide nicht vorzugreifen. Aber er reichte Frau Lydia beim Abschied
ruhig, fest und trostvoll die Hand, sprach ihr Mut zu, wünschte ihr eine
baldige gesundheitliche Wiederherstellung und ließ sich dann von Liebhardt die
Treppe hinunter und aus dem Haus geleiten.
„Machen Sie denn nun eben einmal ruhig weiter in
der Schule, bis der Entscheid der Oberbehörde kommt. Ich hoffe und denke, daß
man ihrer Bitte um eine Bewährungsfrist Rechnung tragen wird. Den Rücktritt
von den Vereinen führen Sie in tunlichster Bälde aus und berichten mir, sobald
er vollzogen ist."
„Gewiß, gewiß, Herr Schulrat!" sagte
Liebhardt eifrig.
Damit verabschiedeten sich die beiden. Der Schulrat
ging zu einer Stärkung in die Traube. Dann fuhr er mit einem kleinen
ländlichen Gefährt nach Hause, tief versunken in die Geheimnisse, Irrungen und
Wirrungen der menschlichen Brust. Und ein Seufzer entrang sich ihm in dem
Gedanken an die Schwäche, das ewige Fallen, Aufstehen und Wiederfallen des
Menschen, die unheimliche Macht des Bösen, der sogenannten Sünde und
Sündenschuld. Und er fragte sich, ob der Lehrer Liebhardt, der so heiß und
inbrünstig Besserung geschworen hatte, wohl aus sich die Kraft finden werde,
den heillosen Hang, der in ihm entfacht und jahrelang gepflegt worden war, zu
überwinden.
Seine Gattin, die gute Frau Schulrat, vernahm von
dem nach Hause Zurückgekehrten mit größter Teilnahme den Verlauf und das
Ergebnis der Untersuchung. Die kundige Seele sagte: „Aus sich kann er es
nicht! - Da kann nur Einer helfen – den wir bitten wollen - - J E S U S!"
15. Kapitel
Ja, so war es denn auch. Die Durchführung dieser
guten, so heiß und inbrünstig gefaßten Vorsätze war auch einem so schwer
geprüften Manne wie Liebhardt nicht möglich ohne die Hilfe von oben. Und diese
Hilfe war nur zu erlangen durch das innigste Gebet aller um den Gefährden
stehenden Getreuen.
Die Finsternismächte waren ja durchaus auch nicht
still und müßig. - Was hatte doch Sauerbrot, der heimliche Zeuge all dieser
Vorgänge, in leidenschaftlicher Anteilnahme an dem Geschehenden durchgemacht
seit der Ankunft des Schulrats im Lehrerhause! Von der Unterredung mit dem
Schultheiß hatte er freilich keine Kenntnis erlangt. Soweit reichte Sauerbrots
Gesichtskreis nicht, daß er von seinem gewöhnlichen Aufenthaltsort im
Schulhaus aus alles im Ort Geschehende hätte überblicken oder doch ahnend
mitempfinden können. Eine solche weitreichende Fähigkeit besitzen auch im
Jenseits nur die höheren Geister. Freilich war es ihm, als ob der Schulrat
unterwegs sein müsse; und so war er hocherfreut, aber doch nicht eigentlich
überrascht gewesen, als der Mann wirklich im Schulhause erschien.
Anfänglich war er auch mit der im Schlafzimmer
zwischen dem Schulrat und Lydia sich anspinnenden Unterhaltung nicht
unzufrieden. Aber dann, als er den Schulrat weich und mitleidig werden sah, und
vollends, als Liebhardt kam und seine Bekenntnisse und Vorsätze sowie seinen
Fristantrag mit Erfolg „zum Besten gab" - da war Sauerbrot in helle Wut
geraten.
„Was!? Sollte auch diese Mine fehl gehen!? Sollte
auch dieser Schulrat als ein Trottel sich übers Ohr hauen lassen!?
Richtig, die Tränen und Schwüre des Ehemannes und
die stummen Seufzer der Frau schienen auf den alten Esel zu wirken! - Das war
doch zum aus-der-Haut-fahren! - So ein Skandal! - So ein Kamel von einem
Schulrat! So eine Blamage für eine Behörde!
Ja, was ließ sich da noch machen!? Sollte er das
Feld räumen? dachte Sauerbrot, und diese Sippschaft sich selbst überlassen!?
Nein! Nie und nimmer! Jetzt erst recht nicht! - Noch war ja die Bewährungsfrist
da! Noch waren das nur gute Vorsätze, was Liebhardt vorgebracht hatte. Noch war
dieser ja der alte, schwache Mensch! Noch konnte da viel ausgerichtet, ja, jetzt
konnte erst der Hauptvernichtungsschlag geführt werden! Denn wenn der Lehrer in
dieser Bewährungsfrist auch nur ein einziges Mal fiel, dann war für ihn alles,
das ganze Spiel für immer verloren. Dann konnte er einpacken und mit seiner
Familie sein Brot auf der Straße suchen.
Also galt es, eifriger und nachdrücklicher als je
eine jede schwache Minute, jede Anwandlung zu erspähen, in jede Ritze der Seele
einzudringen, wo nur immer das Wesen des verhaßten Menschen der Versuchung
zugänglich erschien – so erwog Sauerbrot die Lage, das war sein Sinn und sein
Ziel für die nächste Zeit. Und dafür entflammte er auch alle jene finsteren
Gesellen, die ihm in der Kirchweihnacht zu der großen Untat zu Hilfe geeilt
waren.
Auch diese Rotte hatte an den Geschicken im
Schulhause weiterhin ein lebhaftes Interesse genommen. Wie würde dieser feine,
prächtige Schlag, den sie da in der lustigen, herzhaften Feststimmung
miteinander unternommen hatten, auslaufen!? Würde er schöne Früchte für die
Hölle zeitigen!? Würde man diesen kopfhängerischen Himmelsanwärtern, diesen
scheinheiligen Gottesparteilern einen rechten Schlag beibringen?! - Ja, da
wollte man kräftig und einmütig zusammenwirken, daß diese Geschichte zu einem
guten Ziele käme. Und daß ja der einfältige Lehrer in seiner großspurig
bedungenen Bewährungsfrist auf die richtigen Wege, d. h. die glänzendsten
Abwege käme, die seinen Fall unvermeidlich zustande brächten – das wollte
man nun mit ganzer, vereinter Macht durchdrücken! Da war ja eine schönste
Gelegenheit, dem großen Fürsten der Finsternis eine ganze Familie zuzuführen!
In diesem Geiste und mit diesem Zweck und Ziele zog
die arge Bande alsbald, nachdem der Schulrat sich verabschiedet hatte,
geschäftigen Eifers in das Lehrerhaus ein und nahm mit Sauerbrot Wohnung in
jener Kammer im Untergeschoß, von wo aus sie ihr Opfer am besten im Auge zu
behalten und sicher in ihre volle Macht zu bekommen hofften.
Aber die guten Geister und Engel Gottes waren auch
auf dem Plane, Denn wo die Hölle mit ihren tückischen Anschlägen rührig ist,
da ist auch die andere Seite, das göttliche Lichtheer wachsam und tätig. Ja,
wenn die Menschen die Hilfe Gottes in vertrauensvollem Gebet und in nimmermüde
Liebe suchen, da werden die Kräfte der Himmel umso mächtiger und bereiten
Wonne und Sieg denen, die eines guten Willens sind.
Auch im Schulhause fehlten diese guten
Gottesmächte nicht. Lydia und der Großvater ahnten, was im Unsichtbaren nun
für ein Kampf um den heißtgeliebten Gatten und Sohn entbrannte. Der Großvater
schaute auch mit den Augen seiner geistigen Sehe den gewaltig angeschwollenen,
rabenschwarzen Schwarm, der sich dem unseligen Sauerbrot angeschlossen hatte und
ihm wie eine Wolke umgab. Er bekannte es Lydia, und sie beschlossen, unablässig
und inständig zusammenzustehen und die Hilfe des Himmels gegen diese Unholde,
diese Eindringlinge und Belagerer herabzurufen.
Das Gebet dieser beiden reinen Liebesmenschen hatte
denn auch einen großen Widerhall bei den oberen Sphären. Besonders Lydia, die
stillleidend, ihre körperliche Gebundenheit mit Ruhe und Frieden tragend, zu
Bett lag und die ihr angetane Unbill mit so viel heiliger, unerschütterlicher
Liebe erwidert hatte, wurde aus den Himmeln mit großer Gnade angeschaut. Ja um
dieses Herz, um dieses vergebende, vertrauende und hingebende Weib, das voll
Gläubigkeit zum Lenker der Geschicke aufblickte, stellten sich die höchsten
Engel mit flammendem Schwerte. Ihr durfte nichts Böses sich schädigend nahen.
Und auch den Lieben, die sie auf flehendem Herzen trug, sollte Rat, Hilfe und
Kraft werden. Denn wenn auch Gottes weise Vorsehung und Erbarmung unendlich ist
und allezeit über allen Wesen waltet, so schüttet Er doch über die
Bedürftigen um der besonderen Liebe Seiner wahren Kinder willen zur rechten
Zeit gerne das ganze Füllhorn Seiner Gnade aus.
Und was bei Menschen unmöglich erschien, ward denn
auch hier in diesem Falle bei Gott und in Gott möglich. Trotz der wilden,
drohenden Finsterniswolke unter dem Dache seines Hauses war es dem mit einer
schwachen Natur veranlagten Lehrer Liebhardt gegeben, unerschütterlich und ohne
Entgleisung und Niederlage den vorgesetzten Weg der Nüchternheit und
göttlichen Ordnung zu gehen. Er sagte allen seinen Vereinen und Gesellschaften
ab. Es gab dies ja wohl einen Sturm. Die Vorstände und Ausschußmitglieder
waren bestürzt und zum Teil bös und außer sich. Knall und Fall einen so im
Stich zu lassen! Auch noch jetzt vor Weihnachten und Neujahr! Nein, das konnte
und durfte nicht sein! Das mußte sich der Lehrer noch einmal überlegen! Er
sollte doch mal eine Zeit über das unliebsame Vorkommnis hingehen lassen. Es
werde auch dieses Wasser den Bach hinunterlaufen. Und in einem halben Jahre, da
denke kein Mensch mehr an die weinselige, dusselige Sache.
Nein, auf alle diese und ähnliche Reden ging
Liebhardt nicht ein. Er blieb unweigerlich bei seiner Absage und trat aus allen
jenen sogenannten Geselligkeitszirkeln aus. Nicht als ob alle derartigen Dinge
und Unternehmungen unbedingt wider die von ihm nun erkannte bessere
Lebensordnung verstießen und von jedermann zu meiden wären; aber für ihn
waren sie eine Gefahr und eine Quelle des Verderbens geworden. Und darum
gänzlich mit der Wurzel heraus und – hinweg damit. Das war und blieb – mit
der Hilfe aus den Höhen – seine Gesinnung.
Die meisten Leute im Ort, und zu ihnen gehörte vor
allem der Schultheiß, gaben ihm darin auch vollkommen und mit Freuden recht.
Ja, das war er seiner Frau und seinen Kindern schuldig! Und es wurde der
entsagungsvolle Austritt aus den alten Freundes- und Sangesbruderkreisen auch
als eine Art Sühne für die an seiner Frau begangene Untat, ja als eine
vollkommene Schuldtilgung angesehen. Niemand erlaubte sich nunmehr, hämisch
oder richterisch urteilend davon zu sprechen. Die Sache war abgetan, die Schuld
war ausgelöscht durch diesen mannhaften Schritt, der nach außenhin sichtbar
einen neuen Sinn und ein neues Leben bekundete.
Eine Woche nach dem Besuche des Schulrates kam von
der Schulbehörde ein von den Lehrerseheleuten längst mit Bangen und doch auch,
im Hinblick auf die tröstlichen Worte Mosers, mit Fassung erwartetes Schreiben.
Es enthielt eine scharfe Verwarnung Liebhardts, machte ihn auf das Ungehörige,
Unmögliche seiner Lebensführung aufmerksam, stellte im Wiederholungsfalle
strengste Strafmaßregeln in Aussicht, schloß aber mit der Erklärung, daß die
Oberbehörde im Hinblick auf die sonstigen Verdienste und Leistungen Liebhardts
vorläufig von Weiterem absehen wolle und sich der Hoffnung hingebe, daß
Liebhardt sich das Vorgefallene zur Warnung dienen lasse und zu einem seinen
Amts- und Familienpflichten und seinem Ansehen besser entsprechenden Leben
zurückkehren werde.
Mit glühender Scham übergoß dieser Verweis den
durch seine Irrwege vor sich selbst gedemütigten Mann. Aber er war dankbar,
daß der Schulrat diese Worte gefunden hatte und ihm die Einsicht, den Willen
und die Kraft zur Änderung seiner Lebensrichtung zutraute. Dieses Vertrauen
sollte nicht enttäuscht werden – das nahm sich Liebhardt mit heiligstem
Ernste von ganzem Herzen vor. - Und auch für Lydia war es ein Ansporn, ihren
Gatten noch mehr als bisher mit dem geistigen Kraftfelde ihres Gebetes zu
umhüllen.
So verging der Herbst und nahte sich die
Adventszeit. - Im Schulhause herrschte Ruhe, Friede und stilles Glück. Die
schwarze Rotte hatte keine Macht. Der Großvater sah sie sich immer mehr wie zu
einer Kugel eng zusammenziehen und verdichten, gleichsam wie wenn eine eisige
Kälte sie umklammerte und erstarrte. In diesem Hause war für sie leider also
doch nicht mehr viel zu machen. Aber den Posten verlassen wollten sie noch
nicht. Vielleicht gab es, so dachten sie, doch noch mit der Zeit eine gute
Gelegenheit. Berharrlichkeit führt zum Ziel, und wer zuletzt lacht, lacht am
besten. Der Lehrer würde, wenn die Weihnachts- und Neujahrsfestlichkeiten
herankamen oder schließlich gar der Karneval, doch noch weich werden – das
war ja gar nicht anders zu erwarten. Mensch bleibt Mensch und vor allem am
meisten so ein schwacher!
Aber auch diese Hoffnungen und Träume der
Schwarzen erfüllten sich gottlob nicht. Als die Weihnachtszeit herannahte,
berief der Lehrer die besten Sänger und Sängerinnen des Ortes, soweit sie auch
ernste, gediegene Menschen waren, eines Abends zu sich ins Schulhaus und
unterbreitete ihnen den Vorschlag, einen Kirchenchor zu gründen, der bisher im
Dorfe fehlte und der die kommende Feste verschönern und auch sonst das Jahr
über in der Kirche edle, geistliche Chöre zum Vortrag bringen sollte.
Damit war alles herzlich gerne einverstanden. Mann
hatte eine große Freude, daß der Lehrer seine guten Gaben in den Dienst einer
solch schönen, guten Sache stellen sollte. Und gleich am selben Abend noch
begann Liebhardt mit den ihm wohlbekannten Stimmen die Einübung klassischer Chorgesänge,
indem er für den Anfang die einfachsten Tonstücke der großen Meister wählte.
Ah, das war nun eine ganz andere Auswirkung der
Kunstpflege für die Herzen der Menschen! Während bei den früheren, weltlichen
Gesangsproben ein leichtfertiger, oberflächlicher Geist geherrscht und dem
Leiter viel Mühe und manchen Verdruß, den Teilnehmern außer spaßiger,
zeitausfüllender Unterhaltung aber keinen tieferen, nachhaltigen Gewinn
gebracht hatte, trugen aus diesen, von himmlischen Klängen, Gedanken und
Empfindungen durchglühten Übungsstunden Leiter und Sänger eine große innere
Bereicherung und eine nachhaltige Erquickung mit nach Hause. Auf das ganze
Denken, Wollen und Streben der Woche strömten diese neuen Gesangsproben, diese
enge, lebendige Verbindung mit dem reinen Seelenleben großer, dem ewigen
Urquell verbundener Tonschöpfer ihre beglückende, klärende und belebende
Wirkung aus.
Man sah und fühlte: alles – auch die Musik und
der Gesang – kann auf zweierlei Weise getan und geübt werden – auf eine
ungesegnete oder eine gesegnete, eine widergöttliche oder eine göttliche, eine
weltliche oder eine himmlische – je nachdem der Mensch sich einstellt, je
nachdem er das Tier oder den Gott in seiner Brust zur Geltung und zum Worte
kommen läßt. An sich ist kein Ding und kein Tun böse oder gut. Entscheidend
ist nur die Liebe, die da als Kernmacht darinsteckt. Ist diese widergöttlicher,
höllisch selbstsüchtiger Art, so wird auch das Werk und dessen Auswirkung
böse und verderblich. Ist die Liebe göttlicher, selbstlos reiner Art, so wird
das Werk gut aufbauend und beseligend.
16. Kapitel
Eine besondere Freude machte die Gründung des
Kirchenchores dem Pfarrer Loschmann wie auch seiner Frau, die eine gute
Sängerin war und sich gerne gleich angeschlossen hätte, wenn nur die
Beziehungen zwischen dem Pfarrhaus und dem Schulhaus engere und bessere gewesen
wären.
Als im Laufe der letzten Wochen die beiden sich
überzeugt hatten, wie sehr der Lehrer Liebhardt sein früheres, ausschweifendes
Leben und seinen Fehltritt bereute und es ihm ernst war mit der neuen, besseren
Einstellung – da wurde es ihnen doch recht leid, damals nach dem unheilvollen
Geschehen bei der Behörde sozusagen den Angeber gemacht zu haben. Besonders der
Pfarrer war sehr bedrückt von diesem für ihn jetzt beschämenden Gedanken.
Hatte er nichts besseres tun können, als diesen irrenden Menschen gleich bei
den Vorgesetzten zu verschwatzen und auch noch in einer verdeckten,
unaufrichtigen und unmännlichen Weise!? War solch ein Verhalten, solch ein
Angriff aus dem Hinterhalt, der die Vernichtung der ganzen Familie nach sich
ziehen konnte, nicht auch eine Art Mordversuch, ja durch die kühl überlegte
Ausführung vor den Augen des ewigen Richters, dem Gotte der Liebe, vielleicht
schlimmer als die unüberlegte, in der Hitze und Trübung der Seele
vorgenommene, jähe Zornestat des Lehrers?!
Den also sich selbst anklagenden Pfarrer suchte
seine Gattin zu trösten und zu rechtfertigen. „Du hast doch nur, und zwar in
der mildesten und schonendsten Form, deiner Amtspflicht genügt!" sagte
sie. „Konntest du wissen, daß der Lehrer sich aus dem Vorgefallenen eine
Lehre ziehen, sein zügelloses Leben und Wesen bereuen und sich auf die Umkehr
machen werde!? Das war doch damals noch durchaus nicht zu erkennen und
anzunehmen! Denn solche Trinker sind tief und fest verwurzelt in ihrem Hange.
Und wenn sie zeitweilig nach großen Ausschweifungen auch bessere Vorsätze
fassen, so gelingt ihnen meistens die Ausführung und Durchhaltung nicht, und
bei nächstbester Gelegenheit fallen sie wieder zurück in ihre Untugend. Daß
es wirklich bei Liebhardt in diesem Falle anders ist, wollen wir zwar herzlichst
wünschen und hoffen, aber bestimmt wissen können wir es leider wohl auch heute
noch nicht. Und noch viel weniger konnte man es damals sagen, als du mit dem
Bericht der ohnedies bald allbekannten Sache zum Herrn Dekan gingst. Nach der
damaligen Sachlage mußtest du einfach so handeln, wenn du nicht gegen dein Amt
dich einer Lässigkeit schuldig machen wolltest!"
„Ich hätte noch warten, hätte, statt auf
Menschwort und die eigene Stimme des blinden Weltverstandes zu hören, die
Stimme des Herzens, die Stimme von oben erbitten und erlauschen sollen!"
erwiderte Loschmann. „Dann wäre ich nicht zum Angeber und Richter geworden an
einem schwachen und im Grund höchst bedauernswerten Mitbruder, dem nunmehr der
Herr sichtlich so wunderbar hilft, und den ER mit Klarheit erleuchtet und mit
Kraft ausgerüstet hat, daß sich jedermann nur freudig verwundern muß. Wir
Menschen sollten immer mehr nach dem Herzen, nicht nach dem Verstand leben! Dann
wären wir auch immer viel enger und gesegneter mit den himmlischen Mächten und
Heerscharen verbunden und würden den Weg durch die irdischen Wirrnisse leichter
und fröhlicher finden und am Ziele eine viel größere Fülle des Segens
antreffen können."
Gegen diese Überzeugung konnte Frau Pfarrer
Loschmann ihrem Gatten nichts Weiteres entgegnen. Die Erlebnisse der jüngsten
Zeit hatten auch sie bedenklich gemacht, ihr manche Untergründe ihres eigenen
Wesens tiefer erschlossen und ein neues Licht in ihr Denken und Fühlen
geworfen. Wie stand doch der selbstsichere Mensch, auch der klügste,
begabteste, jederzeit so nahe am Abgrund! War es nicht doch höchst notwendig,
immer wieder nach der Hand Dessen zu greifen, der gesprochen hatte: „Ich bin
der Weg, die Wahrheit und das Leben" - und der durch und durch nur reine,
nimmermüde Liebe und Aufopferung uns Menschen vorgelebt hatte!?
War es denn nicht handgreiflich – konnte
irgendeine andere Wahrheit und ein anderer Weg in das Himmelreich, das Reich der
höchsten, allumfassenden, niemand richtenden Liebe führen – als eben jener
opferbereite, unermüdliche, reine Geist, der im Gottmenschen Jesus von Nazareth
so unaussprechlich herrlich in vollkommenster Fülle sich verkörpert hatte, den
Menschen dieser Erde und den Engeln und Wesen aller Welten zu einem
unvergleichlichen, hinreißenden Beispiele!?
Ja, das Beispiel Jesu, der die Ehebrecherin nicht
verdammt, den Schächer selig gesprochen hatte – das gab zu denken!
Als die Nachricht sich verbreitete, daß der Lehrer
einen Gesangchor ins Leben gerufen habe, der in der Kirche singen wolle, ging
Pfarrer Loschmann, noch bevor ihm der Lehrer auf Grund der ersten Aussprache mit
den Sängern eine förmliche Mitteilung machen konnte, eines Nachmittags in das
Schulgärtchen hinüber, wo er den rüstigen, wieder froh gestimmten Mann mit
Gartenarbeit beschäftigt sah. Er setzte sich mit ihm in die Laube und
eröffnete ihm hier sein Herz – daß es ihn so sehr bedrücke, damals bei der
Untersuchungssache den Angeber im Dekanat gemacht zu haben.
Liebhardt ließ den Geistlichen nicht ausreden und
sagte: „Lieber Herr Pfarrer, das war ja einfach Ihre Amtspflicht. Und in
Wahrheit haben Sie mir damit nur einen großen Dienst geleistet. Dadurch kam der
Schulrat Moser gerade zu der Zeit und in der rechten Weise, wie es damals für
mich gut und nötig war, zu mir, um mich vollkommen zu klären und mir zum
Durchbruch zu verhelfen. Die Dinge werden oft von höherer Warte aus besser
gelenkt, als wir Menschen es ahnen und sogleich beim Geschehen begreifen. Erst
hinterher geht uns ein Licht auf und verstehen wir, daß wir da und dort, wo wir
es nicht glaubten, ein Werkzeug höheren Willens sein durften."
„Sie sehen, was ich getan habe, sehr freundlich
an!" entgegnete Pfarrer Loschmann. „Aber ich bin nun doch sehr froh, mich
mit Ihnen jetzt ausgesprochen und Ihnen gesagt zu haben, was mich bedrückt. Das
Verhältnis zwischen dem Pfarr- und dem Schulhaus, in welchem ich keine Trübung
sehen möchte, scheint mir nun geklärter und die gute Beziehung wieder
gefestigter. Und ich möchte nun vor allem auch meine Freude zum Ausdruck
bringen über die mir bekannt gewordene Neuigkeit, daß Sie einen Chor für
Kirchengesang gründen wollen."
„Damit wollte ich eigentlich," sagte
Liebhardt, „sobald die Sache sich als durchführbar erwies, zu Ihnen kommen
und ihnen unsere Mitwirkung bei den kommenden Weihnachtsfestlichkeiten und auch
zur Verschönerung des sonstigen Gottesdienstes anbieten – in der Hoffnung,
daß Ihnen in dieser Form und zu diesem Zwecke die musikalischen Darbietungen
nicht unwillkommen sein würden."
„Sie erfüllen damit einen von mir und besonders
auch von meiner Frau längst gehegten Wunsch! Und meine Frau hat mich
beauftragt, Ihnen zu sagen, daß sie mit ihrer recht guten Sopranstimme gerne
mitsingen würde, wenn Sie sie zu den schon vorhandenen Sängerinnen noch
brauchen können".
„Natürlich, mit tausend Freuden!" rief
Liebhardt. Und so wurde denn auch Frau Pfarrer Loschmann ein Mitglied des neuen
Gesangchors und eine Schülerin von Liebhardt. - Auch der Pfarrer, der freilich
keine hervorragende Stimme hatte, tat mit – allerdings mehr als ein Vertreter
des allgemeinen guten Willens der Bevölkerung und als Leiter der
geschäftlichen Angelegenheiten des Chors. Auf diesem glücklichen Wege wurde
das Verhältnis zwischen dem Pfarrhaus und dem Lehrerhause nach und nach ein
wirklich enges und herzliches.
Anfang Dezember, als Lydias Verletzungen unter der
Pflege Doktor Winfrieds fast ganz ohne Narben geheilt waren, galt der erste
Ausgang der wieder aufblühenden Frau dem Pfarrhause, dessen Bewohner sie mit
großer Freude begrüßten und aufnahmen. Jetzt ergab sich zwischen den Häusern
auch ein enger Familienverkehr. Die kinderlose Frau Pfarrer fühlte in sich eine
warme Liebe für die hübschen, wohlerzogenen Kinder der Lehrersleute erwachen.
Was war es doch eine Wonne, wenn die lebenswarme junge Schar zu ihr herüberkam
und ihre Weihnachtsgeheimnisse mit ihr durchplauderte, sie um Rat und Hilfe
anging in ihren Arbeiten für die Eltern und andere liebe Leute.
Besonders der älteste, nun beinahe neujährige
Bernhard, der in der geweckten, lebendigen Art seines Vaters schon ein
merkwürdig ritterliches Wesen an den Tag legte, erregte Frau Pfarrer Loschmanns
Aufmerksamkeit und Zuneigung. Mit einer seltsamen Lust hörte sie von Lehrer
Liebhardt eines Tages, daß dieser Junge mit dem Stock des Großvaters ihn
unmittelbar nach der Tat damals die verdiente Strafe durch eine kräftige Tracht
Prügel gegeben habe. Da mußte sie wirklich lachen, als der Vater noch
hinzufügte, wie ihm die Prügel in jenen furchtbaren Augenblicken geradezu eine
Labsal gewesen seien. Für die Frau Pfarrer selbst waren jene Stockschläge des
jungen Helden auf Rücken und Haupt seines Erzeugers auch irgendwie – sie
wußte es eigentlich selbst nicht recht wieso – eine Genugtuung. Denn diesem
Liebhardt, diesem Mann, der alle Frauen, wenn er so recht im Feuer war,
entzückte – dem gehörte schon einmal so eine rechte Lektion als Buße für
seine Beunruhigung des schwachen, weiblichen Geschlechts. Ja, der kleine
Bernhard, der junge Held, hatte recht getan! - Und nun war alles gut.
Frau Pfarrer Loschmann war durch diese in den
früheren Jahren des nachbarlichen Beisammenwohnens nie erreichte günstige
Wandlung der Gefühle auch in so mach anderer Hinsicht mit ihrem Lose
zufriedener geworden. Sie war nicht mehr so einsam. Sie konnte sich nun mit
Lydia, deren Wert sie immer mehr schätzen lernte, von Herzen über alles, was
sie bewegte, aussprechen und auch so manches mit ihr ins Werk setzen. So
vereinbarten die beiden Frauen miteinander eine Bescherung im Pfarrhaus für die
Armen und für die alten, gebrechlichen Leute im Ort und beschlossen auch, eine
Krankenküche für den ganzen Winter einzurichten. Und dies und ähnliches gab
immer mehr Anlaß und Stoff zu freundschaftlichem Zusammenleben und
Zusammenklingen, gesegnet von der unverwüstlichen, echten Freude der
Nächstenliebe.
Aber auch an ihrem Ehemann, Pfarrer Loschmann,
durfte Frau Gertrud, wie sie sich von Lydia nennen ließ, neue erfreuliche
Triebe und Seiten entdecken. Es war, als ob ein lange Zeit etwas dürrer Baum
durch Zufuhr frischen Wassers ein neues Leben empfinge und neue Knospen, neue
Zweiglein triebe, um sich in ein frisches Grün zu hüllen. Während bis dahin
in den Predigten Pfarrer Loschmanns das Lob und die Anpreisung des Glaubens
weitaus die Hauptsache, ja fast das einzige Thema gewesen war, trat jetzt das
Wort „Liebe" mehr hervor. Es war dem Manne der theologischen Bücher und
Begriffe endlich ein Licht darüber aufgegangen, daß die Botschaft Jesu an die
Menschen doch in Wahrheit eine viel einfachere, schlichtere, aber zugleich auch
innigere und tatfröhlichere gewesen war, als sich viele studierte Christen
dachten.
Was hatte denn der Heiland zum reichen Jüngling
gesagt, als dieser ihn um den wahren, sicheren Heilsweg anging mit der Frage:
„Rabbi wie erlange ich das ewige Leben?!" - Der große, göttliche
Meister des diesirdischen wie des jenseitigen Lebens hatte ihm nichts von
Glaubenssätzen und Bekenntnispunkten gesagt. Nicht einmal den Glauben an Jesus
Christus, denn Gottgesandten und an Sein am Kreuz zu vergießendes Blut hatte Er
verlangt – sondern dem Fragenden nur erwidert: „Halte die Gebote!" -
Und als der irdisch reiche junge Mensch weiterfragte: Herr, welche Gebote?! - da
nannte der Heiland und Erlöser der Welt das ewige Grundgesetz des Gottesreichs:
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" - und alle davon abgeleiteten
Sondergebote!
Auf die Liebe kam es also an, wenn man zu Gott und
zum ewigen Leben wollte! Denn Gott, der Allschöpfer und Allbehalter, ist in
Seinem eigentlichen, tiefsten Grundwesen ja Selber die Liebe und nichts als
Liebe, Liebesweisheit und Liebestatkraft! Und nur wer in der Liebe ist und
bleibt, der ist und bleibt in Gott und Gott ihn ihm. Wie aber sollte ein Mensch
Gott lieben, den er nicht sieht!? - Demnach, so fühlte und dachte Pfarrer
Loschmann, ist die Liebe nicht nur die Frucht, sondern auch die Wurzel des
echten, wahren Glaubens. Nur ein Liebesherz kann die tieferen Glaubenswahrheiten
Gottes überhaupt fassen und begreifen. Denn es gilt nicht bloß, was ein
großer Dichter aussprach: Du gleichst dem Geist, den du begreifst!" Es ist
auch ungekehrt richtig: Du begreifst nur den Geist, dem du gleichest!" -
Und so hatte es denn Jesus klar und wahr ausgesprochen und verheißen: „Wer
Meine Gebote der Demut und Liebe hält, der ist's, der Mich liebt....ihm werde
Ich Mich offenbaren!"
Die Liebe zum Nächsten als Pforte und erste Stufe
zum rechten segensvollen Glauben wollte Pfarrer Loschmann daher nun künftig in
erster Linie predigen und natürlich reger und besser als bisher selber
vorleben: - die Nächstenliebe in allen durch die Ehe, die Familie, das Berufs-,
Wirtschafts- und Volksleben gebotenen Formen! Dann würde schon Jesus, der Herr
kommen und ihm helfen, in seiner Gemeinde auch die rechten, immer höher in das
Reich göttlicher Erkenntnisse führenden Glaubensanschauungen in die Herzen zu
pflanzen. - Dieser tiefwahre, echte Grundgedanke des Evangeliums entfernte aus
Pfarrer Loschmanns Herz auch alle Härte und Ungeduld gegen erkenntnismäßig
anders Gerichtete und im Glauben Unreife. Wenn man die Menschen nur auf dem Wege
tätiger Liebe sieht, dann, so dachte er nun, würde nach der Verheißung der
Schrift solchem Trachten zur rechten Reifezeit der Seele ja schon alles übrige,
auch die höchste Glaubenserkenntnis zufallen! Dieser große Gesichtspunkt
machte ihn getrost und ruhig.
....Und so entfaltete denn auf diese und andere
Weise der Umschwung des Lehrers Liebhardt im Laufe der Zeit seine verschiedenen
Auswirkungen mehr und mehr zum Nutzen der ganzen Gemeinde.
Wie reich und glücklich fühlten sich die geheimen
Beter, Lydia und der Großvater, als sie diese Wandlung ersahen. Und wie selig
trat man in den heiligen Kreis der Weihnachtstage.
Das Licht scheinet in der Finsternis! Diese
Worte wollten durch die schmerzlichen aber doch so weisen und liebevollen
Führungen – trotz der Anstrengungen dunkler Mächte – offensichtlich
Wahrheit werden!
17. Kapitel
Nie wohl hatte es im Schulhaus je ein so frohes,
inniges und dankerfülltes Weihnachten gegeben.
Nach der überaus seligen Bescherung der Kinder
ging die ganze Familie zur abendlichen Feier in die Kirche. Zwei liebevoll
geschmückte, fast bis zur Decke reichende Tannenbäume prangten im
Lichterschmuck links und rechts vom Altare. Das Gotteshaus war gedrängt voll.
Liebhardt spielte die Orgel. Und Pfarrer Loschmann sprach warm und zu Herzen
gehend.
Dann erhob sich auf der Galerie der Chor und sang
eine himmlische Weise. Wie Engelsgesang schwebten die Frauenstimmen über den
kraftvollen Tonlagen der Männer. Die ganze Gemeinde lauschte hingerissen der
Botschaft aus den Höhen, die da auf Meisterklängen wie aus überirdischen
Sphären herniedertaute.
Ja, das war eine wahrhafte Speise der Herzen und
Gemüter! Da bekam man eine Ahnung von einem ewigen, seligen Reiche, erhaben ob
dem wirren, wüsten Alltag dieser Erde! Wahrlich, dort oben, im Lichte – da
mußte ein großer Gott, ein Schöpfer und Vater wohnen, der nur Liebe –
nichts als Liebe war und von uns nur Liebe wollte!
Ehre sei Gott in der Höh'
und Friede auf Erden!
So verhießen es einst die Engel – und so klang
es auch von der Orgel hernieder aus dem Munde und dem Herzen all jener Männer
und Frauen, welche wie durch eine höhere Macht aus dem Staube des irdischen
Lebens hier in erhabene Sphäre des Daseins gerückt waren.
Und dankend schloß nach dem Gottesdienste die
Gemeinde draußen vor der Kirche – auf dem weiten Platz mitten im Dorfe –
unter den funkelnden Sternen diese weihevolle Feier mit dem gemeinsamen, wie ein
Zeugnis in alle Gassen und Winkel schallenden Gesang des ewigen Liedes von der
stillen, heiligen Nacht.
In dieser selben Stunde jedoch, eben als auf dem
Kirchplatz unter der Leitung des Lehrers Liebhardt von der ganzen Gemeinde das
Weihnachtslied gesungen wurde, geschah im Schulhause eine arge Sache.
Während man vor der Kirche unter freiem Himmel,
wenn auch in dunkler Nacht, die Geburt des Lichtes freudig beging, ballte sich
im Hause des Lehrers die Macht der Finsternis zu einem letzten verruchten, in
unversöhnlichem Hasse ausgeheckten Gewaltstreiche zusammen.
Großvater Liebhardt war an diesem Abend allein zu
Hause geblieben, so schwer es ihn auch angekommen war, mit der Familie nicht zur
Feier gehen zu können. Er war durch eine ziemlich schwere, fiebrige Erkältung
ans Bett gefesselt und hatte wieder recht beschwerlich mit dem Husten und dem
Atem zu tun. Aber da eine Gefahr nicht zu bestehen schien, hatte er es nicht
geduldet, daß seinetwegen jemand vom gemeinsamen Kirchgange zurückblieb.
Als alles fort und das ganze Haus bis auf das
Stübchen des Großvaters von Menschen leer war, begann es in der Obstkammer,
die Sauerbrots und seiner Genossen Aufenthaltsort war, verdächtig sich zu regen
und lebendig zu werden. Die unheimlichen Gesellen hatten diese Stunde für
geeignet erachtet, ihrer lange angestauten gräßlichen Zorn- und Rachsucht
endlich einen gehörigen, durchschlagenden Ausdruck zu verleihen.
Der Alte, der ihnen allen der größte Stein des
Anstoßes und ein Gegenstand wildesten Abscheus geworden war – das sie ihn
für die wirkungsvollen Gegenzüge der guten Schicksalsmächte verantwortlich
machten – sollte für alle Zeit einen vernichtenden Denkzettel bekommen.
Jetzt, wenn er so allein in seinem Stübchen da oben lag und beim matten Schein
eines Krankenlichtes vor sich hindämmerte, konnte man am besten über ihn
herfallen und ihm, wenn möglich, die Kehle zuschnüren oder das elende Herz
abdrücken. Er mußte um die Ecke gebracht, ohne Gnad' und Barmherzigkeit kalt
gemacht werden, damit man diesem Hause doch wenigstens auf diese Weise noch
einen rechten Tort und Schaden antat und mit einem kräftigen Schreck die dumme
Festfreude verdarb – wenn man schon unter diesem Dache aus sonst zu keinem
rechten, der Hölle erfreulichen Ergebnisse mehr zu gelangen schien.
Wenn die Leute von der Feier heimkamen und der Alte
tot und kalt und mit verdrehtem Genick im Bette lag – das mußte ihnen doch in
die Knochen fahren! Und jedermann würde den Angehörigen mit Recht vorwerfen,
daß man einen kranken, alten Mann gerade auch in der Weihnacht nicht allein zu
Hause liegen lasse.
Also heraus aus der Kellerspelunke und hinauf zu
dem Alten in die Kammer! Großvater Liebhardt hatte eben mit vieler Mühe unter
Husten und Atemnot, aber doch mit großem Herzensgenuß die Weihnachtserzählung
des Lukas gelesen, hatte sich, das Nachttischlämpchen wieder mit einem leichten
Flor verhüllend, zurückgelegt, um mit gefalteten Händen über das Gelesene
nachzudenken – da füllte sich plötzlich das Stübchen in der Nähe der Türe
mit dunklen Schatten, die sich jäh zusammenballten. Und Liebhardt sah aus
dieser heftig wogenden Wolke wütende, funkelnde Haßblicke auf sich
niederblietzen.
„Aha", dachte er, „da ist ja die
Sippschaft!" - Sein Herz schlug wohl etwas schneller und härter, aber
warum sollte er sich fürchten? War er nicht in eines Höheren Hand?! Wohnte in
seinem Herzen nicht Der, der allen Geistern wie allen Engeln und Welten zu
gebieten hatte?! Dem Namen Jesus konnte doch keiner dieser unsinnigen Brüder
widerstehen! So ließ er die Mordgesellen ruhig ihren bösen Willen sammeln und
ihre Machenschaften entfalten und wartete nur aufmerksam ab, was geschehen
werde.
Zunächst löschte mit einem Schlag das elektrische
Licht aus. Die Verschwörer stellten mit ihrem Willen den Strom ab. Dann nahten
sie sich mit einem unheimlichen Brausen, das sich wie Waffengeklirr und
Meereswogen anhörte, und mit seltsamen, scharf pfeifenden Tönen seinem Bette
und hingen plötzlich im ungewissen, dämmerigen Mondlicht, das durchs Fenster
drang, wie ein riesiger Raubvogel mit meterlang ausgebreiteten Schwingen,
feurigen Augen, scharfem, mächtigem Schnabel und furchtbaren Fängen über dem
Alten. Nun stieß Liebhardt doch einen Schreckensschrei aus, hielt aber
unverwandt den Blick scharf und fest auf das Ungetüm gerichtet und legte die
Hände zum Gebete gekreuzt über die Brust.
Da ließ sich der einem übernatürlich großen,
schwarzbraunen Adler oder Geier gleichender Vogel mit blitzenden Augen langsam
tiefer und tiefer auf ihn herab. Und nun setzte er sich mit einem fühlbaren
Ruck mit seinen eiseskalten Fängen auf die gekreuzten Hände des Greises. Der
furchtbare Schnabel öffnete sich, und heraus kam aus einem glühenden Schlund
eine gespaltene, wütend gerollte Zunge. Und eine Stimme wie Flammengischt rief:
„Bekenne, Mensch, daß du ein Sünder bis am Fürsten dieser Welt, von dem du
gezeugt und geboren bist und den du verleugnet und verlassen hast um jenes
willen, der nie und nirgends je eine Macht hatte, dich in der Stunde der Not zu
retten! Bekenne, daß du ein Abtrünniger, ein Verräter und Frevler bist! Und
flehe um eine milde Straf- und Todesart! Denn deine Stunde ist gekommen!"
So tönte diese Stimme. Und dabei bohrte der
Riesenaar seine Fänge immer tiefer in die Hände und Brust des schwer nach Atem
ringenden Alten. Und der Schnabel schien im nächsten Augenblicke zum
mächtigen, tödlichen Hieb auszuholen, um dem Opfer das hochpochende Herz aus
dem Leibe zu reißen.
Da sprach der gefolterte Mann mit keuchender, aber
furchtloser Stimme: Jesus, die ewige Liebe ist Sieger!"
Da krächzte das Tier fürchterlich auf, schlug mit
den Flügeln und schrie: „Nenne den verhaßten Namen nicht Mehr,
Unglücklicher!!"
Aber der Alte wiederholte ruhig: „Sieger
ist in Zeit und Ewigkeit die göttliche Liebe in Jesus Christus, dem
Gekreuzigten!"
Da tat das Tier einen gewaltigen Riß. Es wollte
das Herz des Mannes mitnehmen, aber seine Krallen und Fänge griffen wie durch
die Luft. Es war ihm keine Macht gegeben über diesen Glaubensstarken. Und mit
einem grimmigen, heulenden Getöse und Gezisch stürzte das höllische
Gelichter, das sich zur Schreckensform dieses mörderischen Vogels geballt
hatte, davon und flüchtete in den Kellerraum im Untergeschoß, wo es sein
Standquartier innehatte.
Ein stickiger Geruch, der das Zimmer des Alten
während der Anwesenheit der argen Brut erfüllt hatte, wandelte sich in einen
wunderbaren Duft von Rosen. Das Licht ging wieder an und verbreitete seinen
dämmerig friedlichen Schein. Und der Alte lag ruhig da mit gefalteten Händen
und geschlossenen Lidern. Er atmete leicht und froh und ein Lächeln umspielte
seine Züge.
Er wußte, dies war der letzte Vorstoß dieser
unseligen Horde. Jetzt hatten sie genug in diesem Hause! Und in der Tat, drunten
im Untergeschoß ging's grimmig zu. Die Schwarzen beschuldigten einstimmig die
zitternde und bebende Seele des unglücklichen Sauerbrot, daß er an allem
Ungemach schuld sei. Warum habe er sie auch in dieses verfluchte Haus
hereingelockt und ihnen Wunder was für eine Beute zugesagt!? Nichts sei es
geworden, weil er, Sauerbrot selber, eine Memme, ein Tropf, ein halber
Verräter, ja im Grunde auch so ein verlarvter Gottesbruder sei, der sie hier
nur habe festhalten und unschädlich machen wollen. „Hinunter mit ihm in die
unterste Hölle!" schrien sie. Und dabei stürzten sie sich auf die
jämmerlich heulende Seele und rissen sie in rasendem Wirbel mit sich in den
Abgrund der Tiefe.
So wurde das Haus des Lehrers Liebhardt frei von
dieser üblen Bewohnerschaft.
Als die Familie erhobenen Herzens von der Feier
zurückkehrte, fanden sie ihr Heim durch himmlische Mächte von allem gereinigt.
Und so blieb es fürderhin.
In diesen Tempel zog in jener Nacht, wenn auch für
Menschenaugen unsichtbar, so doch für die Gemüter aller Bewohner fühlbar,
Derjenige mit Seiner Heerschar ein, den der alte Liebhardt den Sieger in Zeit
und Ewigkeit genannt hatte und dessen Name war und ist: Rat, Kraft, Vater von
Ewigkeit und Friedefürst.
18. Kapitel
Nur einem konnte die siegende Liebe nicht so
schnell helfen, weil in ihm zu viel vom Trotze Kains vorhanden war – jenem
Unglücklichen, den die schwarze Rotte mit sich in die unterste Tiefe der
Finsternis gerissen hatte. Aber auch für ihn wußte der heiligste Lenker,
Vollender und Wiederbirnger Mittel und Wege.
In jenen tiefen, finsteren Bereichen der
Mitternacht verging der Seele Sauerbrots die ihr zeitweilig gegebene Sehe für
die irdische Welt. Und sie sah und fühlte sich wieder bloß noch in ihrer
eigenen, höllischen Phantasiewelt. Hier war in dem furchtbaren, sie durch und
durch beherrschenden Rachezorn nichts mehr für sie zu sehen und zu fühlen als
Zorn und Rache. Die ganze, in ihrer inneren Vorstellung sich entwickelnden Welt
war für sie voll von eben solchen, ganz gleich gearteten, nur von Zorn, Rache,
Haß, Gewaltsinn und erbarmungslosester Grausamkeit strotzenden Geistern, mit
denen Sauerbrots Ich einen fortgesetzten, wahrhaft höllischen Kampf Tag und
Nacht ohne Rast und Ruhe zu kämpfen und bis zur scheinbaren gegenseitigen
Vernichtung auszufechten hatte.
O wie brannte diese von der eigenen Bosheit und
Gehässigkeit geschaffene geistige Hölle! Wie mußte Sauerbrots Seele da in und
an sich selbst erfahren, wie furchtbar, wie vernichtend in ihren letzten
Ausmaßen und Auswirkungen diese Wesenseigenschaften sind, die sie so
selbstliebig zeitlebens in sich hochgehalten, gehegt und gepflegt hatte! Gab es
denn da keine Rettung, war da kein Ende, kein Ziel und Ausblick mehr zu finden!?
Ja, es gab freilich einen Ausweg, eine Rettung!
Auch in Sauerbrots Seele lebte ein „Wurm, der nicht stirbt", oder besser
gesagt, ein Funke, der ewig nie verlischt! Es war jener göttliche Hauch, den
einst der Schöpfer aus Seinem Heiligst-Innersten in die aus den feinsten
Lebenselementen der Erde herangebildete Seele des ersten Menschen gehaucht hatte
und wodurch Adams Seele zu einer „lebendigen Seele" geworden war. Einen
solchen Gotteshauch, unmittelbar aus dem reinsten Wesen Gottes, hat ein jeder
Mensch in seiner Seele als innersten Brennpunkt, als Haupt-Lebensgrundmacht, als
geheimen Aufbauer, Lenker, Reiniger und Vollender. - Und so war es auch bei
Sauerbrot.
Wohl kann die Seele diesen göttlichen
Geistesfunken, statt ihm mit seiner wahren Lebensspeise, dem heiligen Feuer der
Gottes- und Nächstenliebe zu nähren – auch darben und kümmern lassen und
ihn zuschütten mit den trüben irdischen Fluten der Selbstsucht und des
Hochmuts. Der Funke, welcher der Seele ihre heilige Willensfreiheit auf dem
Erfahrungswege des irdischen Schul- und Probelebens gewähren muß, wird sich
dies alles lange gefallen lassen - damit die Seele durch eigene Schuld die
harten Folgen der Eigenmacht und die bittere Hefe des Selbstliebe-Kelches zu
schmecken bekomme. Zu Tode betrüben, hinausquälen oder vernichten kann die
Seele den ewig glühenden Gottesfunken aber nicht. Und gerade dann, wenn in der
Seele durch ihre eigene Torheit und Bosheit alles eigene Licht erloschen ist und
völlige Finsternis sie umhüllt, dann leuchtet ihr als einzige Hilfe und
Rettung die unvertilgbare Leuchte dieses Geistes und redet dessen Stimme zu ihr
warnende, mahnende und lichtbringende Worte .
Wohl der Seele, die in den Flammen und Qualen des
selbstbereiteten geistigen Fegefeuers endlich auf diese Stimme hört und diesem
inneren Rettungslichte folgt!
Bei den meisten genügt diese stille, innere
Leuchte freilich leider nicht. Und es muß solchen Seelen die Gottheit besondere
Boten der höchsten und reinsten Liebe senden, die es wagen können und wollen,
solchen unglücklichen Wesen in der untersten, teuflischsten Hölle zu nahen und
ihnen das Evangelium der Himmel als Weg zu besseren Zuständen zu bringen.
Und so war es auch bei Sauerbrot der Fall. Er
konnte der zarten, inneren Warnungs- und Mahnstimme seines Geistfunkens nicht
Glauben schenken. Er fand zu zu dem von ihm zeitlebens mißhandelten,
zurückgeschraubten und verhöhnten Geiste der göttlichen Liebe im Zentrum
seines Herzens kein Zutrauen. Und so wurde es nötig, ihm einen Freund zu
senden, den er als wahr und kraft- und machtvoll kennengelernt hatte. Wo war
aber dieser Freund, der als Himmelsbote für den unseligen Geist brauchbar war?
Es war nach Gottes weisem, wunderbaren Ratschlusse
eben jener Mensch, der ihm und seinen vereinigten Genossen so unerschrocken, so
geradezu übermenschlichen Widerstand geleistet und sie alle mit einem einzigen
Worte in die Flucht geschlagen hatte. In ihm mußte helfende, rettende Wahrheit
und eine die ganze Hölle besiegende Macht und Kraft sein! Ja, und darum gefiel
es dem allmächtigen, allweisen und allliebenden Gotte, den alten Vater
Liebhardt am zweiten Christfeiertage sanft und still zu Sich hinüberzunehmen in
die geistige Welt! Die Krankheitsbeschwerden des von den unseligen Feinden
mißhandelten Greises hatten merkwürdigerweise noch in jener Weihe-Nacht zwar
stark nachgelassen und waren am ersten Festtage fast ganz verschwunden, so daß
der Großvater nachtmittags aufstehen und mit seinen Enkelkindern noch etliche
gar frohe Stunden verleben durfte.
Als er aber gegen Abend, müde von Freude und
Liebe, zu Bett ging, sagte er zu Lydia und seinem Sohne: „Kinder, ich darf nun
bald, bald heim! Grämet euch ja nicht! Ich bin ja so glücklich und froh
darüber und freue mich aufs Ablegen dieses Erdenkleides und aufs himmlische
Jerusalem als auf den größten Festtag meines Lebens! - Ich werde diesen Rock
da nicht mehr anziehen. Schenket alle meine Habe den Armen! Und wenn ich morgen
nicht mehr unter euch bin, so gedenket dessen, daß ich euch drüben alle ewig
liebhabe, und gönnet mir das Licht und die Nähe meines Heilandes!"
Sohn und Tochter wollten des Vaters Prophezeiung
natürlich nicht gelten lassen. - Aber es half nichts. Am Morgen lag der alte,
zarte, fast kinderleichte Mann entschlummert im Bett und öffnete für diese
Erde nie wieder die Augen seines Leibes. Den Hinterbliebenen war es ein herber,
schwerer Verlust.
Aber die Trauer verklärte eine zuversichtliche
Gewißheit. Man wußte: von diesem getreuen Knechte war bei der zwei Tage
später erfolgten Bestattung wenig Irdisches mehr im Sarge zurückgeblieben und
der Erde übergeben. Geist und Seele und wohl auch das meiste des
durchläuterten Leibes war eingegangen in die Herrlichkeit des Herrn. Und in der
Tat, Vater Liebhardt hatte bei seinem Heimgang ein wunderbares Erleben. Ihn nahm
es nicht, wie Sauerbrot, als der Todesengel die Löse vollzog, abwärts in
ungewisse, dunkle Tiefen – ihn trug es empor, einem unbeschreiblichen Lichte
entgegen. Waren es Engel, die ihn hoben? Schwebte er selber durch eigene, in ihm
lebendig werdene Kraft? Er hätte es nicht zu sagen vermocht.
Oben aber, über weißem, endlos wogenden, schneeig
strahlendem Gewölk, in blauen Himmelshöhen, umgeben von einem weiten, weiß,
rosig und golden strahlendem Kranze unzähliger Engel , stand jener E I N E, wie
Liebhardt ihn nach seinen Vorstellungen zu sehen gewohnt war, in einem Gewande
von sanftest strahlender, köstlicher Helle.
Jener E I N E und E I N Z I G E, dem seine ganze
Liebe je und je gegolten, reichte ihm mit einem Lächeln, dessen Milde Berge
schmelzen mochte, beide Hände entgegen und sprach zu ihm: „Du bist über
wenigem treu gewesen, du sollst über Großes gesetzt werden!" Mit diesen
Worten zog der erlösende Heiland ihn, den sündiggeborenen Menschen, zu Sich
empor und ließ ihn die ganze Herrlichkeit Seiner Liebe kosten. Mit Schaudern
des tiefsten Entzückens durfte der Selige empfinden und erleben, was es heißt,
ein Kind des Höchsten zu sein.
Die Himmel taten sich über ihm auf. Er schaute die
verklärten Lichtwelten der Engel. Und auch in die tiefer gelegenen Sphären der
Geisterwelt öffnete sich ihm die Sehe. Es traten ihm aus den Paradiesen, jenen
Gefilden der zu den Himmeln aufsteigenden besseren Seelen, so manche schon vor
ihm ins Reich der Geister hinübergegangenen lieben Anverwandten und Freunde
entgegen und grüßten ihn mit hohen Freuden des Wiedersehens. Zu ihnen, diesen
Bewohnern der Paradiese, verwies ihn der Herr.
Im Geleite eines herrlich leuchtenden Engels zog
der wunderbar Erlabte in unsagbar festliche Räume, wo unzählige Scharen
seliger Geister den Worten des großen Engels lauschten. Von der Liebe Gottes,
des Vaters, sprach der beredte Mund. Und ein Wonnestrom der himmlischen Liebe
ging in Fluten von dem hohen Boten aus – daß Freund Liebhardt, der Sohn der
kargen Erde, sich wie trunken fühlte in dieser Fülle des göttlichen Lichtes.
Wie träumend ließ er sich, nachdem der Engel seine belehrende und befeuernde
Rede geschlossen, aus den Hallen des Tempels hinausführen und gelangte mit
neuem Staunen in einen Garten, der an einem sanften Hange sich anscheinend
endlos ausdehnte und in welchem ihm Herrlichkeiten nie geschauter Art
entgegentraten.
Da waren schimmernde Alleen, zu beiden Seiten
gesäumt von hohen, schattenspendenden Bäumen, den Zedern gleich, die er im
irdischen Leben einst auf Bildern geschaut. Da waren schmale Wege, die in
lauschige Gehölze oder über lachende, blumige Wiesen zu hellschimmernden Seen
voll Friedens und himmlischer Ruhe und Weihe führten. O wie selig ergingen sich
an diesen Ufern die Geretteten! Wie dankbar sangen und jubelten sie dem Herrn
und Erlöser, der sie durch Nacht und Not und irdische Wirrsal hierhergebracht!
Auch den Pilger Liebhardt ergriff dieses Jubeln und
Danken und erfüllte ihn ganz. „Nur Jesus,! Nur Jesus!" Das
war seines Herzens einziges Gefühl und einziger Gedanke schließlich. Und in
diesem Empfinden hätte er alle diese Brüder und Schwestern, welche er hier
sah, umarmen, an sein Herz ziehen und die ganze Fülle seiner selig glühenden
Liebe kosten lassen mögen.
Auch in die von seinem Eden-Hügel weit draußen in
der Ferne wie in dämmrigem Dunste liegenden Sphären der weniger glücklichen,
nicht so gottesnahen Geister schweifte sein Blick. Man unterrichtete ihn über
die Bedeutung dieser Mittelreichsgebiete der noch ungläubigen und gottesfremden
Seelen und ließ ihn von einem höheren Orte des Gartens aus in weitester Tiefe
und Ferne auch die nächtig schwarzen, wie von finsterem Qualm überlagerten,
dann und wann auch von roter, vulkanischer Glut durchzuckten Sphären der Hölle
oder Mitternacht schauen und beschrieb ihm die selbstbereitete Pein jener Wesen
des Hasses und der Verachtung alles Göttlichen und Himmlischen.
O dieser Anblick – dieses Gedenken an die
Verlorenen und Irrenden, die doch auch Geschöpfe und Kinder des einen,
allliebenden Gottes und Vaters und mithin Brüder und Schwestern der Seligen
waren – das schnitt dem gutherzigen Paradiesbewohner tief ins Herz. Das war
ihm doch eine starke Trübung dieses lichtvollen Gartens und Lebens! Zumal da er
dort unten, in jenen dunstigen Mittelreichsbezirken und unter dem höllischen,
rabenschwarzen Qualme der Mitternachtswolke so manche Seele aus den eigenen
Verwandschafts- und Freundschaftskreisen von den irdischen Lebenszeiten her
wußte!
Dort, ja dort in der düsteren, höllischen Esse
mußte auch Sauerbrot, der Unglückliche sein! - Was war mit seiner Seele!!? O
Gott – in welchen Tiefen weilte und litt sie mit ihrem Zorn und Haß!?
Bedrückt wandte sich Liebhardts Gemüt von diesem Bilde schauervoller Verirrung
und eigensinnig selbstbereiteter Qual ab und überdachte es, ob denn keine
Möglichkeit bestehe, dieses Gericht Gottes zu durchbrechen, die Gnade auch
dorthin zu tragen und auch jenen Allergeringsten und Allerärmsten das Licht der
Himmel, die Botschaft der ewigen, allumfassenden und allerbarmenden Liebe zu
bringen. Sollte wirklich die Kluft zwischen hier und dort – zwischen „Abraham"
und dem „Weltprasser" - wie es im Gleichnis des Herrn anscheinend
ausgesprochen war, „unübersteiglich" und unüberwindlich sein? Sollte es
denn hier – im Reiche der ewigen Liebe – Grenzen geben der göttlichen
Erbarmung?!
Oh, Liebhardt konnte es in dem reinen, göttlichen
Lichte seines seligen Zustandes nicht mehr glauben! - Der Eine, Einzige, der ihm
nach seinem Heimgang bei der seligen Auffahrt oben über dem irdischen Gewölke
so unendlich mild und gütevoll entgegengetreten war – diese königliche, in
Jesus dem Erlöser aller Wesen verkörperte ewige Liebe – dieser Vater der
Ewigkeit und Unendlichkeit - dieser Rat, Sieger und Friedefürst konnte doch
Geschöpfe und Wesen Seiner Schöpferhand und Seines Gottesherzens, die er
Selbst geformt nach Seinem Ebenbilde, nicht auf alle Zeiten in ewiger Pein und
Verdammnis lassen – weil sie in ihrer Unvollkommenheit und Blindheit Ihn nicht
erkannten in Seinem wahren, göttlich-väterlichen Wesen und Ihn aus Unverstand
verachteten und haßten.
Nein, nein! - Das mochte dem warmherzigen
Liebhardt nun, nachdem er das Antlitz der ewigen Liebe in der unermeßlichen
Freundlichkeit Jesu geschaut und die Wonne der Paradiese geschmeckt hatte,
durchaus nicht mehr glaubhaft und wahr scheinen. Das war einfach nicht möglich
– daß der Erbarmung eine Grenze gesetzt war durch einen unversöhnlichen
Groll der verletzten Heiligkeit Gottes!
Hatte den nicht Jesus alles versöhnt
auf Golgatha!? - Hatte Er nicht den ganzen Abgrund zwischen Himmel und Hölle
überbrückt – eine neue Bahn jedem reuigen und bußfertigen Sünder gemacht
– ob dieser nun noch auf Erden weilte oder im geistigen Jenseits seine Reife
und Vollendung suchte!?
„Siehe, Ich mache alles neu!"
- Alles – hatte der Herr gesprochen. Und Sein letztes Wort am
Kreuzesstamm war gewesen: „Es ist vollbracht!" Ja,
vollbracht die Sühnung und die Wegbereitung für alle, die Ihm, sei es dort
oder hier im irdischen oder im geistigen Leben, in der Demut und in der Liebe
nachfolgen wollten. Nur das Nachfolgen auf seiner Spur, der gute Wille, das
Kreuz-auf-sich-nehmen, die Demut und die selbstlose, unermüdliche Liebe, welche
wir an Ihm, dem großen Sühner, Pfadbereiter und Erlöser sehen – das war die
Bedingung der Vergebung, der Befreiung aus den Banden und Qualen des Gerichts
und das vom Menschen zur Gewinnung des ewigen Heils zu Erfüllende! Diese
Wahrheit wurde in ihrer für Zeit und Ewigkeit, fürs irdische wie fürs
geistige Leben unbegrenzten Bedeutung dem sinnenden, forschenden und
beobachtenden Gemüte Liebhardts immer klarer und klarer. Es war, als spräche
eine innere Stimme zu ihm und beleuchtete ihm diese Frage von allen Seiten.
Und welche eine unbeschreibliche Wonne war es für
ihn, als nach einer ihm etwa wie Jahresfrist dünkenden Zeit, welche er mit den
Seligen im Paradiesgarten verbracht hatte, der große Engel wiederkam und, in
der hohen Halle abermals sprechend, die Ansichten, welche sich Liebhardt über
die ewige Verdammnis und die unbegrenzte Erbarmung des Vaters gebildet hatte,
bestätigte.
Laut und klar, mit erhobener Stimme und
inbrünstiger Glut sprach es der hohe Bote aus, daß die ewige Liebe des Vaters
keine Grenzen hat und ein jeder Sünder ewiglich nur so lange unselig und
verdammt ist, als seine Selbstherrlichkeit und Selbstsucht ihn selber von Gott
trennt und in die qualvolle Gottesferne treibt. Ach, waren das erlösende,
befreiende, erquickende Worte! - Wie konnte der Engel mit überströmendem Munde
unter Tränen der Inbrunst es dartun, wie des Vaters Liebe ewig und immer wieder
auszieht in alle Räume der Schöpfung, um zu suchen das Verlorene und
wiederzubringen alles, was auf den Weltkörpern, den Sonnen und Erden, auf ihrer
belebten Oberfläche wie auch in ihren lichten, geistigen Sphären oder auch in
ihrem finsteren Innern sich erlösen und zur Freiheit und Herrlichkeit der
Gotteskinder bringen läßt. Alle Kreatur aus ihrem Seufzen zu befreien und zur
himmlischen Vollendung im Göttlich-Guten zu reifen – das ist ja der ewigen
Liebe Ziel! Und Jesus, der Vater, der gute Hirte verfolgt Seinen Willen und
heiligen Schöpfungsplan allüberall und immer! Und es sind keine Grenzen Seiner
göttlichen Erbarmung und Macht! Alles wird noch heim und ans Ziel gebracht –
selbst aus der Hölle Brand!! Es wird kein Verbanntes mehr sein! Und vor Ihm,
dem Allgütigen und Allmächtigen, werden sich in Schauern der Demut und Liebe
noch beugen alle Knie!!
O wie entbrannte bei solchen Worten des Engels
unseres Pilgers Herz! Wie erglühte in ihm der Sehnsuchtswunsch,
hinunterzuwallen in jene tiefen, dunklen Sphären in der Ferne, in jene Nacht-
und Qualmgebirge, unter welchen mit so vielen auch Sauerbrot schmachtete – und
ihnen diese herrliche, diese unerschöpflich tröstliche Botschaft der höchsten
Himmeln zu bringen!
Er stürzte dem Engel zu Füßen, in Tränen und in
stummem Gebete die Knie umschlingend. Dieser aber hob ihn sanft auf, zog ihn an
seine Brust und führte den Verklärten aus dem Garten des Paradieses hinan auf
eine neue, höhere Ebene der geistigen Welt.
19. Kapitel
Dem in den paradiesischen Gefilden geläuterten
Geiste Liebhardt eröffnete sich nun der Himmel in seinen endlosen Stufen der
Vollendung und Seligkeit. Je mehr der neue Bürger durchglüht ward von dem
einzigen Gefühle der Liebe zu Jesus und allen gottgeschaffenen Wesen, desto
höher stieg er in ein unsagbar herrliches Licht des Erkennens, in welchem sich
ihm das Wesen und Walten Gottes und Seiner erhabenen Engelsheere immer reiner
und voller aufschloß. Und schließlich durfte er nach einiger Zeit voll
überschwenglicher Eindrücke sich dem heiligsten Bereiche nahen, jenem
allerhöchsten Liebe-Himmel, in welchem Jesus, der Herr und Vater Selbst, Sein
Wohnen hat unter Seinen vollendeten Kindern und von wo aus Er die ganze
Schöpfung, die ganze Unendlichkeit überschaut und ihres Lebens waltet.
Hier trat dem nun seligst gereiften Geiste, der
einst bei seinem Erdenwallen den Namen Liebhardt getragen hatte, abermals der
Herr entgegen – einfach und schlicht, wie ein Familienvater in seinem Hause,
begrüßte ihm mit einem neuen himmlischen Namen als Freund und Bruder und
führte ihn in jene Stadt der goldenen Tore, welche man das himmlische Jerusalem
nennt. Ein unsagbares Staunen und Wundern erfüllte unseres seligen Freundes
Herz. Wie war er solcher Gnade und Herrlichkeit würdig!? Ah, das war zu viel
– zu viel!
Aber der Herr an der Spitze vieler Engel und
vollendeter Kinder führte ihn in Sein Haus, welches da stand inmitten der
ewigen Stadt. Nachdem Er ihn dort durch ein mit zahlreichen Himmelsgästen
gefeiertes Mahl auf das köstlichste gespeist hatte, trat der Herr zu ihm und
richtete an den demütig Zerknirschten die Worte:
„Mein Sohn und Bruder! Ich gewahre in deinem
Herzen eine brennende Glut, die dich nicht zur Ruhe kommen läßt selbst in
diesem Hause des Friedens. Du bist ein wahrer, rechter Nimmersatt der
himmlischen Liebe und Wonne und möchtest sie allen, allen Seelen mitteilen,
selbst den verworfensten. - So muß ich dich denn ziehen lassen von Meiner
Seite, Mein geliebter Freund! Trage Du Meine Ehre und Meines Erbarmens Ruhm und
Ruf in jene äußersten Finsternisse, wo Heulen und Zähneknirschen herrscht.
Und gehe suchen deinen Bruder, nach dem dein Herz zielt und brennt. Und führe
jenen Ärmsten, seinen schwachen Kräften entsprechend, von Stufe zu Stufe empor
auf lichtere Höhen des Erkennens und Lebens! Engel werden dich begleiten und
dir mit Rat und Tat zur Seite stehen."
So wurde der getreue, liebeglühende Knecht und nun
Engel Gottes, durch den demutsvollen, heißen Funken der Erbarmung in seinem
Herzen ein Sendbote und Rüstzeug des Herrn in den Tiefen der Hölle.
Es war nicht leicht, sich dem flammensprühenden
Zorn- und Haßgeiste Sauerbrot zu nahen. Aber der hohe Engel, der nebst einem
jüngeren Gefährten dem Sendboten als Führer beigegeben war, fand ihn bald –
zerfetzt und aus tausend Wunden blutend wie ein zu Tode gehetztes Wild in einer
nachtschwarzen, felsigen Gebirgskluft liegen, umstellt von Feinden, die ihm den
Rest zu geben brannten. Es war dieser düstere, höllische Schacht nicht etwa
ein Ort auf der Erde oder einem anderen Gestirne. Vielmehr war diese ganze,
ängstigende und peinigende Erscheinungswelt Sauerbrots mit ihren wilden,
blutdürstigen Bewohnern eine Schöpfung und Ausgeburt der eigenen, teuflisch
entarteten Einbildungskraft des unglücklichen Höllengeistes, der mit dem von
ihm selbst beschworenen Haß- und Rachegenossen gleichsam wie in einer argen
Traumwelt leben mußte. Ewigkeiten schienen ihm in dieser äußersten Finsternis
schon vergangen. Was hatte er schon Fürchterliches durchgemacht! Auf eine Tafel
so groß wie die Sandwüste Sahara konnte man es schreiben, wie die Geschöpfe
seiner eigenen Phantasie und Zornesglut ihn gehetzt, verfolgt und zerfleischt,
ja in Stücke, die sich immer wieder zusammensetzten, gerissen hatten.
Jetzt stand wiederum das Äußerste der Feindeswut
bevor. Das sah er an den glühenden Spießen und Zangen, welche die schwarzen
Schreckensgestalten von allen Seiten herbeitrugen. Ein König, ein Bezwinger
hatte er ihnen allen sein wollen. Jetzt hatten sie sich wiederum gegen ihn
verschworen, um ihn diesmal endgültig, für alle Zeiten zu zerreißen und zu
vernichten! O warum hatte er, Sauerbrot, sich dies alles selber durch eigene
Schuld zugezogen!?
Schon stürzten die Horden von der Höhe der Felsen
rings hernieder. Ihre sprühenden Werkzeuge schwingend, umkreisten sie ihn mit
ohrenbetäubendem Geheul. Da erfüllte plötzlich ein lichter Schein, der sich
rasch zum blendenden Glanze steigerte, die Kluft. Und vom Eingange her nahten
drei Männer in strahlenden weißen Gewändern. Mit einem einzigen, gellen
Schrei des Schreckens und Abscheus stiebte die Höllenrotte auseinander und
verschwand in den Felsen und Schluchten, als hätte sie der Erdboden
verschlungen.
Sauerbrot, der Unselige, richtete sich aus der
Erdspalte, in welche er sich verkrochen hatte, auf. Er hatte in einem der drei
Männer seinen einstigen, verhaßtesten Feind, den alten Liebhardt,
wiedererkannt. - Was wollte der hier? - Sich an seinem Elend weiden!? - Dann
sollte ihn doch gleich der feurigste Blitz der untersten Hölle erschlagen!!
O nein! - Dazu waren diese drei in Jesu Christ
Namen nicht gekommen! - Sie wollten ihn befreien und erretten aus dieser Gruft
– und ihn einem lichtvolleren, glücklicheren Dasein entgegenführen!
Sauerbrot, noch ganz benommen von den ausgestandenen unsagbaren Nöten und
Schrecken, lauschte wie träumend den guten, tröstlichen, hoffnungsfreudigen
Worten, die von den Lippen der drei Gottesboten wie Balsam strömten. Kann er
denn dem allem trauen, das alles glauben? - Auch ihm sollte ein Licht, eine
Vergebung, eine Gnade noch winken!? - Er war doch in Zeit und Ewigkeit verdammt
von jenem Gott, den er auf Erden zeitlebens geleugnet, mißachtet und verspottet
und Dessen Diener und Kinder er verfolgt hatte!
Wohl hatte er sich in der geistigen Welt mit Furcht
und Zittern von dem Dasein und Walten eines allgegenwärtigen und allmächtigen
Gottes überzeugt. Galt doch der ganze Kampf der Hölle stündlich diesem einen,
auf Erden von den Menschen oft geleugneten Gott! Und wie oft hatte Sauerbrot es
nunmehr in der Geisterwelt erleben müssen, wie dieser Mächtig-Gewaltige alle
Anläufe und Stürme der Unterwelt siegreich zurückschlug!
Ja, ein Gott, ein gar mächtiger und gewaltiger,
war nicht zu leugnen und zu bestreiten – das war ihm hier in der Hölle gewiß
geworden! - Aber konnte man mit Ihm, den man als Erdenmensch geleugnet und über
die Maßen verworfen und verhöhnt hatte, Frieden machen im Jenseits? Konnte man
je noch auf Seine Gnade hoffen!? Stand es denn nicht schon in frühester Jugend
zu lesen in der Heiligen Schrift: „Wehe den Gottlosen! Ins ewige Feuer der
Verdammnis mit ihnen!" - Da war doch ewig nur Strafe und Gericht zu
gewärtigen – und darum zwischen diesem Gott und der Hölle nur ewige,
tödliche Feindschaft!
Über diese irrtümlichen Gedanken, die des armen
Höllenbewohners Gemüt flammenartig durchzuckten, klärten nun die drei
Lichtmänner den unglücklichen Geist aber mit so überzeugenden, warmherzigen
Worten auf, daß Sauerbrot empfinden mußte: hier ist doch etwas daran echt und
wahr! War es denn nicht doch besser, er folgte diesen wohlmeinenden Ratschlägen
und stieg mit den Gekommenen aus diesem Abgrunde, diesem Feuervulkan der Nacht
und Qual, wo ihn doch ewig nur Feinde umkreisten!? Oder sollte er weitere
Ewigkeiten lang solch wahrhaft unerhörte Höllenqualen durchmachen!? - Ja
wirklich, er war, wie die Schrift es ausspricht, in einer wahrhaft ewigen
Verdammnis gewesen. Er hatte Zeiträume hindurch, die ihm endlos schienen,
geschmachtet in äußerster Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen ist! -
Sollte er denn nicht doch endlich sich eines Besseren besinnen und umkehren und
Frieden machen mit dem allmächtigen Gott, den er und die ganze Hölle ja doch
ewig nie bezwang!?
Die Werbeworte der drei Himmelsboten klangen zu
verlockend! - -. Ja – gut! - Er wollte es einmal versuchen! - Er wollte den
drei Boten trauen und sich von ihnen führen lassen! - Er warf sich sogar auf
die Knie, erhob auf dem nachtschwarzen Boden seiner Hölle zum ersten Male in
seinem lichtlosen Leben seine Hände zu dem vielverkannten, verhöhnten Gott und
schrie aus seinen Flammen der Furcht und Reue: „Gnade!! -
Erbarmen!!!"
„„Gnade!! - Erbarmen!!!" - Die Felswände
schienen es widerzuhallen. Es pflanzte sich der Ruf fort in die Tiefe der
Erdmitte, zum Sitze des finsteren Fürsten der vergänglichen Welt und hinan zur
Höhe des gütevollen Schöpfers und Allvaters der Ewigkeit.
Da geschah ein Donnerschlag und ein Einsturz der
ganzen, erschrecklichen Unterwelt des reuigen Sünders – als wie von einem
Erdbeben. Vor seinen bestürzten Augen versanken die rußschwarzen, starren
Felswände. Ein ebenes Land zeigte sich. Noch immer in Dämmerung und gänzlich
kahl, eine Steppe oder Wüste gleich. Nur ein niederes, moosartiges Gewächs
sproßte da und dort. Aber es war doch eine leichtere Luft. Es atmete sich hier
besser. Es war, als ob man aus einem brennenden Bergwerksschachte endlich ins
Freie und auf ein wenn auch steiniges Erdreich gelangt wäre.
Wirklich – hatte dieses der Ruf nach Gnade und
Erbarmen vermocht!? - Hatte der große, allmächtige Gott solch Wunder getan und
die Kerkerwände der entsetzlichen Hölle vernichtet!? Da konnte man also den
Boten am Ende doch wohl trauen! Und es hatte der alte Liebhardt doch recht, wenn
er heute wie schon zu Leibeslebzeiten von der großen Erbarmung des mächtigen
Gottes sprach! Ah, wie ging dies erquickende Aufatmen durch des befreiten
Unterweltsgefangenen ganzes Wesen! Er hätte den Erlösern mögen um den Hals
fallen.
Aber was nun? - War hier Sicherheit in diesen
Gefilden? - Wo war hier eine Möglichkeit, sich weiter zu erheben in
glücklichere Sphären des Lichtes? In dem so furchtbar und so lange Zeit
eingekerkert und verdammt Gewesenen erwachte jetzt sein brennendes,
unersättliches Verlangen nach Freiheit, Luft und Lebensglück. Und er war
bereit, alles zu tun, was man ihm sagen würde – nur um endlich zu anderen,
besseren Verhältnissen und Daseinsbedingungen zu gelangen.
Aber der älteste und, wie ihm schien,
würdevollste der drei Himmelsboten sprach zu ihm: „Freiheit und Lebensluft
hast du nun hier, und als Sinnbild deiner besseren Erkenntnis fließt und
murmelt hier auch ein Quell reinen Wassers aus dem Felsgrund über das steinige
Erdreich. Ein höheres, dauerndes Lebensglück mußt du dir auf dem erreichten
Standpunkte nun aber selber schaffen! Siehe, hier diese noch ziemlich dürftige,
kahle, lebenarme Gegend mit dem mageren Erdreich auf dem harten Felsgrund –
sie gleicht genau deinem Innern. Deine Seele, dein Gemüt ist auch noch solch
ein unbebautes, rauhes Öd- und Wüstland. Und es braucht zu der Belebung und
Fruchtbarmachung deines geistigen Erdreiches nun noch genau so viel Liebe,
Arbeit und Fleiß wie zur Urbarmachung und Bebauung des dir hier sichtbaren
Grund und Bodens.
Aber fürchte dich nicht! Hier dieser dir seit
langem wohlbekannte Bruder" - (dabei wies der Engel auf den in seinem
Äußern sehr verjüngten Vater Liebhardt) - „wird dir ein treuer Gefährte,
Ratgeber und Helfer sein. Und unter seiner liebvollen Leitung und Obhut wird es
dir bei ernstem Fleiße gelingen, aus dieser Wüste bald einen blühenden,
fruchtbringenden Garten und eine traute, vom Vater des Lichts freundlich
gesegnete Heimat zu bereiten!"
Nach diesen Worten verabschiedete sich der
würdevolle älteste mit dem begleitenden jüngeren Engel und ließ nur den
Vater Liebhardt mit dem etwas enttäuschten Sauerbrot in der Wüste zurück.
20. Kapitel
Ei! Hier also bleiben und ausharren!? - Und diese
Felswüste zum Fruchtland und zur Heimstätte machen – das war des himmlischen
Helfers Rat und Wille!? - Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre der kaum der
Hölle entronnene, noch sehr gemütsschwache Mann in den alten Unmut, Zweifel
und Zorn zurückgefallen; denn hier in dieser Öde sich einsam und mühsam
abrackern und ein Felsgebiet urbar machen, das wollte ihm durchaus nicht
einleuchten und zusagen. Aber Vater Liebhardt, der jetzt etwa wie ein rüstiger
Vierziger aussah, legte so munter und hoffnungsvoll die Hand an, holte aus einer
Felsnische Hacke und Spaten hervor, die hier schon lange bereitzustehen
schienen, und begann sofort unter frohem Reden den Boden umzugraben und die
Steine auszulesen, so daß Sauerbrot selber schließlich von Herzen Lust bekam,
diese Arbeit mit ihm zu teilen.
Ah, das gab bald einen schönen Durst, dieses
emsige Graben! Und wie mundete da die Quelle! - Liebhardt hatte auch einen
großen Beutel mit Brot bei sich, der für die fleißigen Arbeiter stärkende
Zehrung gab und, soviel man ihm auch entnahm, nicht leer werden wollte. Neben
diesen Stärkungen des seelischen Leibes spendete Vater Liebhardt aber auch aus
seinem reichen Herzen eine Fülle von Aufklärungen über all die vielen Fragen,
mit welchen Sauerbrot bei der Arbeit wie bei den Erholungspausen nun zutage
trat.
Er belehrte ihn, daß bei ihm, Sauerbrot, im
Erdreich seines Herzens bisher das Hauptelement, die Liebe, fehlte. Die Liebe
sei das Grundwesen Gottes und darum auch die Grundkraft alles Lebens. Wo die
Liebe fehle, da fehle die Wärme und das Licht. Und wo keine Wärme und kein
Licht sei, da könne nach allgemeiner, altbekannter Erfahrung auch kein Leben
sich entwickeln und zur Höhe sprießen.
Ja, das hatte Sauerbrot in seinem bisherigen Dasein
freilich nur allzu reichlich erfahren! - Wo war er gelandet – ohne Liebe? - In
einer allen wahren, glücklichen Lebens baren Hölle! - Das war schon
unbestreitbar gewiß! - Aber das sollte und mußte nun ganz anders werden!
Mit Sämereien, welche Liebhardt aus seiner
Wandertasche zog, besäten sie nun die urbar gemachte Fläche. Und siehe da –
in wunderbarer Bälde wogte hier, wo noch eben eine steinige Wüste gewesen, ein
lieblich schwellendes, lichtgrünes Saatfeld. Gesträuche sproßten und
bekleideten die Hänge mit Grün. Junge Laub- und Fruchtbäumchen wuchsen empor.
Ja, es fehlte auch nicht lange am Schmucke der Blumen, dem lieblichen Kleide der
Flur. Und inmitten dieses werdenden Paradieses fing Vater Liebhardt an, die
Grundmauer zu einem Häuschen zu legen. Mit freudigem Eifer half Sauerbrot die
nötigen Steine herbeizutragen, zu bearbeiten und einen an den andern zu reihen
zum sinnvoll ausgedachten Baue.
Ah – kaum war, dem Gefühle Sauerbrots nach, ein
Sommer dahingegangen, da stand das liebliche Heim schon fertig inmitten einer
fruchtbaren, blühenden Oase! - Wie war das alles so schnell und glücklich
vonstatten gegangen? Ja, die himmlische Liebe in des guten Freundes Auge und
Wesen hatte einen sichtlichen Segen!
Als es Herbst werden wollte, konnte man viele
Früchte vom Feld und Garten und von den Sträuchern ernten und in der kleinen
Vorratsscheune unterbringen, die Vater Liebhardt unweit vom Hause vorsorglichen
Sinnes ebenfalls erstellt hatte. Aber wozu erntete und heimste er denn nur so
viel ein? - So viel brauchten sie zwei ja gar nicht! - Das war ja Speise für
eine ganze Schar! - Auch das Häuschen war eigentlich viel zu groß für zwei
Menschen!
„Wenn doch nur", sagte eines Tages
Sauerbrot, „auch noch ein paar so arme Schlucker aus der Unterwelt hier
vorbeikämen – so etliche recht arme Tröpfe! Damit wir von unserem Hab und
Gut ihnen auch etwas geben und unter unserem Dache sie beherbergen und bewirten
könnten! - Das fehlt eigentlich noch hier in diesem Winkel!" Oh, auf die
erste Regung wahrer Liebe im Herzen des zum ewigen Leben erwachenden Bruders
hatte Liebhardt mit heißer Sehnsucht gewartet!
Nicht lange stand es denn auch an, da eilte
Sauerbrot, der am Rande des kleinen Gütchens ein neues Stück Land umgrub und
nutzbar machte, hocherregt herbei. Und schon von weitem rief er dem Freunde, der
vor dem Hause tätig war, zu: „Es kommen zwei! Es kommen zwei! Ein Weib und
ein junger Mann! - Alle beide, wir mir scheint, zu Tode erschöpft!"
Schnell nahm er den von Väterchen Liebhardt aus Ton geformten, in der Sonne
gebrannten Krug und eilte nach frischem Wasser zur Quelle, indessen die
Angemeldeten näher kamen und von Liebhardt empfangen und in das Häuschen
geleitet wurden. Als Sauerbrot mit dem gefüllten Kruge raschen Laufes
zurückkehrte, saßen die Fremden schon am runden, aus einer schönen
Steinplatte geformten Tisch. Und als Sauerbrot sie nun zum ersten Male so recht
aus der Nähe ins Auge faßte, fuhr er zurück und starrte sprachlos die
Erschienen an. Wie!? - War denn das nicht Martha!? - - Sein Weib!!? - - Sie, die
ihm lange Jahre zuvor in die Ewigkeit vorangegangen war!?
„Karl!" rief denn auch schon das Weib und
sprang von ihrem Sitze auf. - „Bist du es?!" - - Mein Gott, wie kommst du
hierher? - Kennst du mich noch?!"
„Martha!!" rief Sauerbrot und stürzte auf
die Wiedergefundene mit offenen Armen zu, sie freudig an die Brust zu ziehen.
Nie hatte er je im irdischen Leben sein Weib so stürmisch und ehrlich umarmt.
Und Tränen der Rührung und Freude stürzten beiden Gatten über die Wangen ob
solch unerwarteten, wunderbaren Wiedersehens.
„Wen aber hast du denn hier?" sagte
Sauerbrot endlich, auf den jungen Mann schauend, der mit erstaunten, ernsten
Mienen reglos am Tische saß und die Begegnung der beiden mit Zweifel und
Mißtrauen zu beobachten schien. „Wer dieser ist?" sagte Martha. - Kennst
du nicht mehr – unseren Sohn Albert!?"
„Was!? Der Albert!? - der Ausreißer!? - der mir
auf und davon ging nach Amerika – kaum das du im irdischen Leben die Augen
geschlossen hattest! - Was schafft der hier? Was tut er im geistigen Reich da
herüben ?"
„O Gott", seufzte Martha in jähen Tränen,
„der hat mir bitteren Kummer gemacht und schwere Sorgen, die mir im
Seelenreich keine Ruhe und keinen Frieden ließen. O, was hab' ich um ihn
ausgestanden! Um meine Seligkeit hat er mich gebracht!" Entrüstet blickte
Sauerbrot auf den ungeratenen Sohn. „Er hat damals drüben, im fremden
Land", fuhr Martha fort, „kein Glück gefunden und ist mit der Zeit in
böse Gesellschaft gekommen. Im Spiel wollte er gewinnen, was ihm das Leben
versagte und Arbeit ihm nicht bringen wollte. Und als auch da das Glück ihm
nicht hold war, nahm er seine Zuflucht zur Gewalt. Mit einem Gesellen lauerte er
dem Spielgewinner auf und schlug ihn nieder in finsterer Nacht und raubte ihm
die Barschaft, die er bei sich hatte. Doch blieb die Tat nicht verborgen. Der
andere Geselle, mit dem er seinen Raub nicht teilen wollte, verriet ihn dem
Richter. Und so kam unser Sohn – unter das Beil des Henkers! Und mußte sein
junges Leben aushauchen! - O Gott, was war das für mein Herz – als ich aus
dem Licht in der geistigen Welt dieses Schicksal unseres Kindes mitansehen
mußte! - Wohl sagten mir Engel und gute Geister, daß Gott dies alles aus
weisen Gründen zugelassen habe, um unseren Sohn durch Erfahrung zu läutern.
Auch daß Gott ihn in Seinem Reich der Seelen nun weiterführe und dies hier
sogar besser möglich sei als in der argen, irdischen Welt.
Doch mir war dies alles ein schwacher, schlechter
Trost. Ich konnt's nicht glauben, nachdem es auf der Welt gar so schlimm mit dem
Sohne gegangen war. Und so machte ich mich auf in Kummer und Sorgen, ihn in der
ganzen Geisterwelt zu suchen. Weinend barg die unglückliche Mutter ihr Gesicht
in den Händen, von ihrem Erleben tief erschüttert. Betrübt und stumm
verharrten die Zeugen. - Dann fuhr sie unter Schluchzen fort:
„O Gott, wie ging mir's aber da! - Meinen ganzen
Frieden, alles Licht und meinen Heiland verlor ich! In endloser Nacht irrte ich
durch Wüsten. Und immer finsterer und finsterer wurde es um mich her. Und so
viel ich auch zum Himmel Gebete schickte – es zeigte sich nichts! Kein Licht!
Kein Engel, kein guter Geist trat mehr zu mir und führte mich hin zu meinem
Kinde! Nur Schreckensbilder umgaukelten mich. Gleich wie in einem schweren Traum
sah ich den Sohn in immer neuen Nöten und Gefahren die entsetzlichen Qualen der
Verdammnis leiden. Endlich, endlich, eines Tages – da finde ich ihn! Hier, in
dieser Gegend, vor den Pforten der Hölle! Da lag er in einer glühenden Wüste,
verschmachtend, dem Tode nah, an einem leeren, ausgetrockneten Brunnen! Aus
einer kleinen Flasche, die ich bei mir hatte, netzte ich den Ohnmächtigen mit
den letzten Tropfen. Dann gingen wir weiter und suchten einen Weg aus dieser
entsetzlichen Gegend des Schreckens und Fluches. Aber nirgends war ein Ausweg,
nirgends zeigte sich ein Ort, an dem es Wasser, hoffnungsgrüne Bäume und
gastfreundliche Geister und Hütten gab. Schon meinten wir alle beide, zu
verschmachten und zu verderben. Da – Gott sei Dank! - sahen wir heute von der
Spitze eines Sandberges diesen lieblichen Garten, wie eine grüne Insel in der
dürren, wasserlosen Wüstenei. Der himmlische Vater hatte mein Flehen erhört!
Und nun sind wir hier, mit heißem Dank, durch des Himmels Gnade dem Entsetzen
entronnen!"
Erschüttert vernahmen Sauerbrot und Liebhardt
diesen Bericht der im Übermaße der Muttersorge aus der Ordnung gläubigen
Vertrauens gewichenen und in der Wüste der Eigenmacht verirrten Frau. - Und,
nach dem Sohne blickend, fuhr diese fort: „Mit Mühe nur brachte ich diesen
von Furcht und Reue gefolterten Ärmsten hierher. «Ich bin doch verdammt –
ich will in die Hölle zu den anderen Spielern und Raubmördern!» - das war
sein ständiges Wort und einziges Begehren. Und nur mit Gewalt, indem ich ihn
nicht mehr von der Hand ließ, brachte ich ihn hierher in dies rettende
Heim!"
„Ja", sprach der junge Mann, von seinem Sitz
sich erhebend, „und nun lasset mich weiter! Ich bin nicht geschaffen für
solch eine fromme Betbruderklause! - Was tust denn auch wohl du hier, Vater!? Du
gehörst doch auch nicht hierher – sondern in die unterste Hölle! Hast doch
du mich auf den Weg nach dem Feuerpfuhl spediert! Was drückst du dich hier noch
herum bei dem frommen Seelenfänger in seiner flauen Wüstenklause bei Wasser
und Brot!? - Da schlag doch gleich das Wetter drein! Du, der mich in die Fremde,
in den Tod gehetzt, lebst hier gemütlich! Und ich muß irren ohne Rast und Ruh'
als ein Mörder, ein Kain! Und ich muß an den Toren der Hölle pochen – nur
daß ich einen Ort finde, wo ich Ruhe und Frieden habe!?! - - Fort!! - - Weg!! -
Laßt mich raus aus diesem Spitzbubenquartier! - Ich muß zur Hölle, ich
Spieler, Räuber, Hurer und Mörder! Zur Hölle!!"
21. Kapitel
„Höre, mein Sohn", mit diesen Worten trat
da nun Vater Liebhardt zu dem verzweifelnden Sünder und Haderer, „hier ist
kein Muß in diesen Räumen! Weder mußt du bleiben, noch mußt du in die Hölle
– dein freier Wille allein bestimmt auch hier in dieser Welt dein Los und
Geschick. Willst du zur Hölle in die Feuer deiner eigenen bitteren Gesinnung
fliehen – nun so gehe! Alles steht dir frei im geistigen Reich unseres
himmlischen Vaters! - Aber bedenke, daß du dort in der Gottesferne nie und
nimmer etwas anderes finden kannst, als deiner eigenen Seelennacht finsteres,
rast- und ruheloses Grauen. Nie noch hat in der Hölle ein Geist Licht, Leben
und Frieden gefunden! Das ist dir ja gewiß auch klar! Willst du aber Licht,
Ruhe, Glück , Frieden und Leben – so mußt du – wie jedes Kind dir sagen
und beweisen kann – es dort suchen und dich dorthin wenden, wo solche Güter
zu finden sind – wo der große Quell ist des Lichtes, der Wahrheit, des
Friedens und des Lebens! - Siehe, hier in dieser Hütte ist ein Teil – ein
kleiner, winziger Teil jenes großen Reiches der oberen Sphären des göttlichen
Lichtes und der himmlischen Liebe! - Inmitten der Wüste, an den Pforten der
Hölle, ist dieser kleine Garten von uns erschaffen mit des ewigen Allvaters
Hilfe und aus Seinen Rat. Und wie gibt schon dieser kleine Himmelsfleck, dieses
Stückchen Grün mit der erfrischenden Quelle dir ein Zeugnis von dem Geiste des
großen, einigen, heiligen Reiches, das du unglückseliger Ärmster willst
fliehen wie die Pest!
Komm, bleibe bei uns und genieße mit uns, was der
Himmel uns bietet! Nie und nirgends findest du Rast und Ruh - als in Gottes Hut
und im Strahle Seiner Liebe!"
„Wie kann ich, an dessen Hände Laster, Mord und
Blut klebt, bei euch Frieden finden!?" entgegnete der junge Mensch finster
mit wirren, unstetem Blick, „mich verfolgen die Erinnerungen, die Geister der
Rache! - Da! Siehst du ihn nicht, den erschlagenen Freund! - Da steht er am
Rande des Gartens – mit der Keule in der Faust!! Und hinter ihm eine ganze
Rotte seiner Gesellen! Laß ich nur einen Augenblick mich nieder zur Rast, so
kommt er geschlichen, mich zu erschlagen! In der Hölle nur habe ich Ruhe vor
ihm – da getraut er sich nicht hinein! Da bin ich vor ihm sicher!"
„Mein Freund", erwiderte Vater Liebhardt,
„was du dort schaust, ist nur ein Wahngebilde! - Geh mit mir hin! Überzeuge
dich! - Sieh – ich darf nur winken mit der Hand so ist es verschwunden –
weggewischt!- Für immer – wenn du nur, was ich dir sage, glaubst! - Siehe,
Gott unser Herr ist kein Gott der Strafe und der Rache! Ein Gott der heiligsten
Liebe ist Er, der selbst den Kain, der seinen Bruder Abel erschlug, mit
Erbarmung anschaute und der ewig darüber sinnt, wie Er auch den Ärmsten, der
sich an seinem Nächsten verging, noch ins Licht und in das Reich der Liebe
führe, auch ihn noch vollende zum Ebenbild und selbst im Mörder Sich ein Kind,
ein Wesen reiner Liebe reife.
O glaube mir – gerade dich – dich will Er hier
retten und aus der Wüste, vom Rande des Abgrundes zu Sich in Sein Himmelslicht
ziehen! Dich will Er frei von Furcht und Not – dich rein und gut und selig
machen! - Ja, die Er aus der tiefsten Tiefe hebt und birgt – die eben hat Er
besonders ersehen – sie will Sein Vaterherz durch Nacht und Grauen zum
seligsten Genuß des Lichtes tragen und eben ihnen einst am Ziel das Herz mit
unsagbarem Danke füllen. Denn wer durch Wüsten, Nacht und Höllen ging – der
wie dereinst es umso heißer fühlen, wie herrlich Gottes milde Nähe ist mit
ihrem Licht und ihrem seligen Leben!
Komm den, mein Sohn – sie, jener Keulenmann ist
fort, samt allen seinen Rachegeistern! Die Luft ist frei und rein! Und nur von
Frieden fühlst du hier alles, was da lebet, Amen!"
„O Gott – wahrhaftig!" sagte der junge
Mensch, nachdem er sich durch etliche Schritte in den Garten davon überzeugt
hatte, daß wirklich alle seine Peiniger verschwunden waren. „Beim Himmel –
die Meute ist fort! Ich bin erlöst! . . . Dank, dank dir, guter Mann – wer du
auch seist, Vater Klausner! - Dein Bannspruch hat gewirkt! - Könnt ich doch
jetzt nur glauben, daß wirklich selbst ein Raubmörder noch Vergebung finden
kann im Jenseits! - Ich bin doch nun tot! Der Henker hat mir den Kopf abgehauen!
Ich lebe aber noch! Das heißt man doch das Jenseits!? Und wenn man da einmal
ist und hat sein Leben verfehlt in der Welt – dann ist es doch aus, dann ist
man verloren! Da gibt’s ja doch nur noch das Jüngste Gericht und die Posaune
der großen Engel und die Strafe der ewigen Verdammnis!? Wie soll's denn da
nachher mal mit mir aufwärts gehen und ein Vergeben und ein seliges, ewiges
Leben winken! - Für mich gibt’s nur die Hölle, nur die Hölle, Klausner! Das
sagt ja einem jeder Pfarrer!"
„Albert!", sprach da, näher auf den Sohn
zutretend, Sauerbrot, der inzwischen mit seinem Weibe Martha in wortlosem
Staunen und Wundern beiseite gestanden - „Hör! Das ist ja – Gott dem
allmächtigen und allerbarmenden sei Dank – alles Fabel und Märchen, ja eine
schwarze Lüge, was du da sagst und was da behauptet, geschrieben und gegeifert
wird – von einem unerbittlichen, unversöhnlichen Gott! Ich habe es selber
erfahren und erlebt! Mich hat Er ja aus der allerdicksten, dunkelsten Hölle
geholt hierher ans Licht! Und Er wird mich in Seiner endlosen Gnade und
Erbarmung noch weiter heben, führen und tragen! Glaub's, Albert, glaub's! Er
holt uns Sünder - aus der kochenden, brüllenden Hölle holt Er uns! Und hat
uns schon geholt! Und was die Menschen von Ihm faseln, von Seiner
unerbittlichen, erbarmungslosen Strenge gegen die lichtlos Abgeschiedenen –
das ist ja alles Unsinn, das ist ja alles ganz anders! - Ja, ja – wohl ist Er
heilig, überheilig – und auch streng in Seiner Ordnung, die ja auch notwendig
ist in diesem großen, weiten Reich. Aber größer als Seine Heiligkeit und
weiser und herrlicher als des Menschen ausgedachte, harte Richt- und
Strafordnung ist Seine grenzenlose Liebe und Erbarmung, die selbst unsereins
noch fertig machen und ausreifen will und zu einem rechten Bürger in Seinem
seligen Reiche!"
Während Sauerbrot mit zunehmendem, heiligen Feuer
also redete, staunte sein Weib und auch der Sohn über und über. - Sie sahen,
wie ein seltsames Licht aus dem einst so nächtig-schwarzen Seelenherzen ihres
irdischen Gatten und Vaters hervorbrach. Und je hinreißender er sprach, umso
herrlicher ward von dem inneren Lichte die ganze Gestalt des feurigen Redners
mit einem strahlenden rosafarbenen Scheine umgossen. War das der harte,
kaltherzige, arge Selbstling noch, der einst mit seinem bedauernswerten Wesen so
viel Ungemach über die Familie und über seine ganze Umgebung gebracht hatte!?
Großer Gott, dachte Martha, hier ist ein großes, heiliges Wunder geschehen –
ein Meisterstück der ewigen Liebe! So etwas kann nur ein ganz, ganz großer und
herrlicher Gott – ein heiliger, überheilig guter weiser und mächtiger Vater!
Ein Schöpfer und Vollender ohne Enden und Grenzen.
Wie klein, wie arm und wie nichtig dünkten ihr da
die Menschlein, die nach ihrer eigenen Seele kleinem Maßstab in solch einem
Falle, wie hier bei ihrem Gatten, sich nur noch ein ewiges Verdammungsurteil und
eine ewige, namenlose Strafpein in der Hölle denken konnten! Hier sah sie etwas
ganz anderes aus einem unvollkommenen, man durfte wohl sagen – argen
und scheinbar gänzlich verlorenen Menschen hatte der himmlische Hirte, Gott und
Vater noch im Jenseits einen Bekehrten, einen feurigen Lobredner der ewigen,
göttlichen Erbarmung, einen Anbeter der Herrlichkeit des Herrn und einen
liebenden Mitbruder im Reiche der Engel gemacht!
„Aus Steinen kann Gott dem Abraham Kinder
erschaffen" - diese Worte, deren Sinn Martha früher so oft dunkel und
unglaubwürdig vorkam, sie traten nun in einem neuen, hellen und wonnigsten
Lichte vor ihre Seele. Und im Überschwang ihrer Empfindung stürzte sie auf die
Knie, hob die gefalteten Hände und rief:
„Vater, Vater und Gott im Himmel! Sei auch mir
gnädig und barmherzig! O vergib, vergib, daß ich nicht auf Dich ganz allein
mich verlassen, nicht Dir alles anheimgestellt und anvertraut habe! Daß ich
glaubte, selbst hier in diesem Reiche es besser machen zu sollen als Du! Daß
ich Deinen Himmel verließ und in meiner törichten Sorge dem Wahne nachlief,
für meinen Sohn besser sorgen zu können! Hab Dank, daß Du mich so tief
belehrt hast in diesem Nacht- und Wüstenwandern, in welchem ich meine Ohnmacht
und meine Torheit erkannte! Und hab Dank, daß Du mir auch den Ehegatten nun
wiedergegeben hast, den ich für gänzlich verloren hielt! Auch da habe ich Dich
und die Größe Deiner Liebe, Erbarmung und Macht unterschätzt! Du aber hast es
wunderbar und herrlich gemacht und hinausgeführt! - Gott und Vater, Du bist
wahrlich herrlicher, als wir Armen uns denken können! Du bist herrlicher und
mächtiger – ja und viel, viel heiliger in Deiner Größe, Liebe und Weisheit
und Macht als je Menschenverstand fassen und Engelsmund aussprechen kann! Dir
all unser Danken und all unsere Liebe in Ewigkeit!"
„Amen!" fügten Vater Liebhardt und
Sauerbrot hinzu und führten den ebenfalls ganz durch und durch erschütterten
Sohn Albert, der keine Worte finden konnte, vom Garten wieder in das Häuschen
und zum Tische.
22. Kapitel
Hier im friedlichen Rettungsheime der beiden
Wüsteneinsiedler sollte nun ein einfaches Mahl, das die beiden aus den
aufgespeicherten Vorräten zusammenstellten, alle stärken. In schlichten, aus
getrocknetem Ton geformten Schüsseln stellten Liebhardt und Sauerbrot die guten
Speisen in reichlicher Menge vor die seligen Gäste. Frohen Herzens nahmen alle
Platz. Und Väterchen Liebhardt erhob die Hände und sprach:
„Komm Herr Jesu, sei unser Gast und segne in
Deiner ewigen Liebe und Gnade uns Deine herrlichen, unverdienten Gaben! Wir Arme
sind nichts ohne Dich und haben auch nichts ohne Dich! Und Du bist ewiglich
unser ein und alles! Wo Du nicht bist, ist Not und Tod. Und wo Du nahst und
weilst, ist Licht und Segen! - Dein sind wir in Ewigkeit! - Sei Du auch
unser!"
Als Väterchen Liebhardt diese Worte gesprochen
hatte und alle am Tische sie mit einem herzlichen Amen bekräftigten – da
wurde es auf einmal Licht unter dem Eingange der Hütte. Es ertönte eine
Stimme: „Sehet, Ich bin bei euch alle Tage!" Und unter der Türe erschien
eine himmlisch-herrliche Gestalt mit rotem Leibrock, blauem Mantel und segnend
gebreiteten Händen.
Liebhardt sprang auf, stürzte hin und lag – ehe
die anderen auch nur zu Besinnung kamen – dem Angekommenen schon zu Füßen.
Er konnte nach einem jähen Rufe freudigen Erkennens nur stammeln: „Mein
Jesus! Mein Herr! Mein Heiland! Mein Gott! Mein Vater!"
Da sprangen auch die anderen vom Tische auf. Aber
keines getraute sich näherzutreten zu dem von zartestem Lichte umflossenen
Herrn, der in unbegreiflicher Milde hier vor ihnen stand, als wäre Er ein
altbekannter Freund des Hauses. Da wandte Sich der Herr an Martha, die wie in
heißem Schuldgefühl nach der ersten Freude zurückgeschreckt war: „Meine
Tochter, kennst du Mich nicht mehr, den Freund der Seele, den du schon als Kind
in deinen Gebeten gesucht und zu dem du so viel gefleht hast als Weib, Gattin
und Mutter!? - Siehe, hier bin Ich endlich vor dir! - Und du scheust dich vor
Mir?! - Ich habe deine Schuld in den Sand geschrieben, weil es ja doch Liebe um
dein Kind war, die dich zweifeln und sündigen ließ an Mir, Meiner Liebe und
Meiner Macht! Siehe, Ich mache alles neu und gut! Und meist, ja fast immer, auf
ganz anderen Wegen und in ganz anderer Weise, als die Menschen es sich denken.
Erst auf der Höhe ihrer Vollendung verstehen sie so recht auch Meine Wege und
Weisen und sind dann umso dankbarer und liebevoller gegen ihren Schöpfer und
Führer! - Komme an Meine Brust und hole dir hier für die Ewigkeit Stärkung,
Frieden und Kraft!"
Da stürzte auch Martha hin zum Vater und barg an
der heiligen Heilandsbrust ihr Gesicht mit Strömen von Dankestränen und
wortlosem Weinen. Überwältigend war ihr Schmerz und ihre Reue, dieses
Vaterherz auch nur einen Augenblick in ihrem Vertrauen verlassen und durch
Zweifel entheiligt und betrübt zu haben! Und wie unbeschreiblich selig war die
Wonne der Vergebung, dieses Gefühl des Friedens und unvergänglichen, tiefsten
Glückes an dieser Brust!!
Ja – Er – der Eine und Ewige – hatte ihr den
Gatten und den Sohn gerettet, indes sie ohnmächtig und verzweifelnd sich
gemüht hatte! - Nie, nie mehr wollte sie wanken und weichen! Ewig sollte ihr
Dank und ihre Liebe glühen!
Da traten auch Sauerbrot und, hinter ihm, sein Sohn
hinzu, und sie konnten die Wahrheit und Wirklichkeit des Geschehenen immer noch
nicht richtig fassen. Jesus – der Herr und Heiland – der Gott
und Schöpfer der Unendlichkeit – bei ihnen – mit ihnen unter einem Dache!!?
- Nein, das konnte nicht sein! - Ein Traum, der sie äffte, um sie nach seligem
Hoffen und Glauben umso tiefer in die Nacht der Höllenqual zu stürzen!!
Da wandte der Herr nach ihnen das himmlische
Angesicht. Und aus Seinen tiefen, in unergründlichem Blau erstrahlenden
glutvollen Gottesaugen traf ein Blick zuerst in Sauerbrots, dann in des Sohnes
Augen und Herz, daß ihr Innerstes zerschmolz und eine Hülle verging und wie
ein schwerer Traum ins Meer des Nichts versank. Beide, der Vater und der Sohn
stürzten auf ihre Knie nieder. Zu Ihm, den Herrn, hinzuzueilen, getrauten sie
sich mit ihrer Sündenlast noch immer nicht.
Aber der Herr trat zu ihnen, reichte ihnen die
Hände und sprach: „Erhebet euch alle! Ich bin nicht gekommen, um zu richten,
sondern um zu suchen die Verlorenen und frei und selig zu machen die Gebundenen
und Gefangenen! - Setzet euch zu Mir und stärket euch mit Mir! - Ich bin
hungrig vom großen Wege, den Ich zurücklegen mußte aus Meinem himmlischen
Hause, um euch verirrte Weltwanderer in der Fremde und Wüste zu finden. Und es
dürstet Mich nach eurer Liebe und den Speisen, die euer Herz Mir
bereitet."
Damit setzte der Herr Sich an den Tisch in dem
schlichten Häuschen zu den überseligen Seinen und verzehrte mit ihnen das
genügsame Mahl.
„Sehet", sprach Er dabei, „Ich bin euch
nicht ein ferner, unnahbarer Gott! Viel näher bin Ich den Meinen zu jeder
Stunde eures ewigen Lebens, als ihr es euch denken könnt; denn Ich, die ewige,
siegreiche Liebe, bin überall, auf Erden wie im Himmel – selbst in der Hölle
bin Ich! Ja, dort, wo Meine schwächsten Kinder sind, in den Schlünden der
Nacht und des Grauens – da bin Ich am allernächsten und reiße mit Meinem
geistigen Arme so manchen aus dem Feuerbrand, um aus ihm eine Leuchte zu machen,
die mit gewaltiger Glut und hellstem Glanz Gottes selbsterfahrene, heilige
Liebesbotschaft in die Ferne trägt und den Menschen und Geistern kundmacht. Da
erst begreifen dann gar viele Seelen, daß Gottes Liebe wirklich ohne
Grenzen ist, wenn sie's von einem vernehmen, der selber als
tiefgefallener Sünder im Feuerpfuhl des Höllenfürsten in harten Reuequalen
gelitten und durch des Hirten ernstes Suchen aus Not und Pein gerettet wurde. -
Ja, ja, so freut euch denn auch ihr, daß euch der Hirte fand und ihr den
Hirten! Und lasset nie mehr das Band der Liebe reißen! Der Wahn, pflegt ihr zu
sagen, ist kurz, die Reue lang. Doch ewig selig ist und bleibt das Glück der
Kinder, die auf dem Weg der Liebe heimgefunden!"
Danach erhob Sich der Herr, hielt über jeden noch
einmal die Hand mit tiefem Blick und sprach: „Folget Mir nach im Geiste!
Verlasset nie mehr Meine heilige Ordnung, so werde Ich euch nicht waisen lassen.
Ewig und unendlich ist Meine Liebe denen, die Mich lieben und festhalten!"
Nach diesen Worten verschwand, zur Türe
schreitend, der Herr aus ihrer Mitte - unversehens, wie Er gekommen. Väterchen
Liebhardt aber, der Ihn hinausgeleitet, stieß draußen einen Ruf freudiger
Verwunderung aus. - Was war denn das? - Der ganze Garten prangte in höchstem
Flor und weit, weit, so fern das Auge schweifte, war Herrlichkeit über
Herrlichkeit. Eine Landschaft mit Hügeln, Wäldern, Seen und lieblichen
Wohnstätten erstreckte sich rings, wo vordem Wüste gewesen. Und Tempel ragten
da und dort auf Bergeskuppen. Eine unsagbar wonnige Sonne glänzte über dem
ganzen, paradiesischen Lande. Und es war dem Hocherstaunten zu Mut in diesem
Bereiche wie damals, als er selbst – an der Hand des Engels – in jenen
Edengarten getreten war, in welchem das Licht der Seligkeit sich ihm zum ersten
Male erschlossen hatte.
Ah, war das eine Überraschung auch für die
anderen! . . . Wie kam dies alles nur? Wie konnte dies geschehen?
„Das kommt durch des Herrn unermeßliche Gnade
alles aus uns selbst, aus unserer größeren, inwendigen Liebe!" erklärte
Liebhardt. „Sie, die ein Teil von Seinem Gotteswesen ist, zaubert uns diese
geistige Welt vor unser Angesicht als Spiegelbild der eigenen Seele! Wie einst
die höllische Unterwelt , wie die Wüste und unsere selbsterschaffene Oase –
ist auch dieses Paradiesland eine Schöpfung unseres inwendigen Geistes, mit
göttlicher Hilfe ausgebreitet vor unserer Seele!" „Siehe", fuhr er
fort, „da kommen schon liebe Gäste in das neue große Haus! - Sind es nicht
jene beiden Engel, die mich damals an jenen finsteren Ort geleitet haben, wo wir
den guten Freund im Elend fanden – und die uns unsere Stätte in der Wüste
wiesen, wo wir zu unserem Heile schließlich fanden, was das Herz begehrte!? -
Ei, Gott zum Gruß, ihr teuren, teuren Brüder!"
Damit schloß der freudentrunkene Vater Liebhardt
die hohen, lichtstrahlenden Gäste in die Arme. Und nachdem die beiden Boten des
Himmels auch die andern drei Bewohner des neuen Heimortes begrüßt hatten,
traten sie näher vor das Haus, von dessen Schwelle man nun eine
überschwenglich herrliche Aussicht genoß. Und der Ältere sprach:
„Nun, ihr lieben Freunde! Nachdem ihr durch des
Vaters Liebe und Gnade bis hierher gebracht worden seid – blicket zurück auf
euren Weg aus der Tiefe! Schauet, wie der Herr und Meister des Lebens euch
geistig reifen ließ! Blicket in euer Inneres und ersehet, wie Er euch aus
erstorbenen, erloschenen Lebenskeimen des gefallenen, großen Lichtgeistes
erstehen ließ! Wissend um eure Schwäche und Not gab euch der Herr in euer Herz
einen Funken Seines allerreinsten göttlichen Lichts und ließ euch wandeln nach
den Trieben eures Wesens, an der Hand euch leitend zu Seinem ewigen Ziele. Wohl
seid ihr gestrauchelt und in eurer Schwäche oft und viel gefallen; aber die
Geduld der ewigen Liebe und ihre Erbarmung halfen euch immer wieder auf und
geleitete euch weiter durch alle Klippen. Und nun seid ihr hier – dank Seiner
unaussprechlichen Gnade!"
Da fielen alle, wie sie dastanden, in dem
gesegneten himmlisch strahlenden Garten auf ihre Knie und dankten inbrünstig
dem Schöpfer, Führer und ewig unbegreiflich gütevollen Vater. Und Väterchen
Liebhardt, an der Seite des hohen Engels vor Dankesfreude glühend, sprach: „Was
sollen wir nun tun? Wie können wir unsern Dank und unseres vollen Herzens Liebe
Ihm erzeigen?"
„Es ist euch selbst anheimgestellt," sagte
der Engel, „hier in diesem wahrhaft himmlisch-schönen Heime zu verweilen und
in Dank und Anbetung euren Schöpfer und Gott zu verehren – oder in emsiger
Tatfreude mit Ihm zu wirken am großen Werke der Erlösung und Vollendung eurer
Brüder und Schwestern, die noch in den Banden der Materie schmachten. - Was das
Herz euch drängt – das sei und ist euer Teil!"
Da öffnet Sauerbrot, der bis dahin vor heiligster
Ehrfurcht keinen Laut über die Lippen gebracht, den Mund und sagte: „Wenn es
erlaubt ist, hoher Bote unseres himmlischen Vaters – was machen unsere Lieben
auf der Erdenwelt? Sind sie alle auf dem guten Wege? - Das ist unsere Sorge!
Wohl wissen wir, daß Gott der Herr ja alles aufs beste lenkt und leitet, und
doch möchte unser Herz dort weilen, wo die Lieben sind – und ihnen auch etwas
von diesem seligen Licht und Leben bringen, das uns hier so im Übemaße
erquickt!"
„Wohl, wohl!" erwiderte der Engel - „Gern
höre ich dich also reden! Und wisse, ich habe eben darauf gewartet! - Ja,
Freunde, dies möge denn euer Amt sein, daß ihr als Schutz- und Segensgeister
nun darniedersteiget ins Tal der Erde und um eure Lieben wachet, die noch im
schwersten Erdenkleide wandeln und durch die Finsternisse jener Welt zum
heiligen Ziele unseres Lichtes wollen. - Du Bruder", wandte sich der hohe
Engel an Liebhardt, „gehe den andern als Führer voran! - Begebet euch ins
Schulhaus im freundlichen Dörflein auf dem Walde und umsorget eure Lieben mit
guten Lehren, die ihr ihnen mit sanfter Stimme ins Herz flüstert als himmlische
Führung! Nötiget sie aber nicht in ihrem Willen, tuet alles ohne Zwang, so
wird des Vaters Segen über eurem Walten sein. - Alsogleich machet euch auf den
Weg! - Hier dieser mein Engelsgefährte, den ihr ja noch kennt, wird euer Heim
oben indessen verwalten und euch von dieser reinen Höhe aus in eurem neuen Amte
auch treulich leiten. - Damit seid denn der Obhut unseres himmlischen Vaters
befohlen! - Wenn ihr des schwierigen Schutzamtes müde seid, dann ziehet euch
zur Ruhe hierher zurück in dieses euer wohnliches Heim. Auch die Geister und
Engel Gottes brauchen Rast und Ruhe, wie ja auch der Herr Selbst einen Sabbat
hat, um nach großen Schöpfungstaten in Seinem innersten Herzen neue Gedanken
und neue Kräfte zu reifen. - So sammelt und stärket auch ihr euch nach reichen
Wirkungsstunden hier oben im himmlischen Lichte und lasset Arbeit und Rast in
weisem Wechsel sich folgen!"
Als der hohe Bote diese Worte kaum gesprochen, war
er wie auf ein Zauberwort entschwunden. Der jüngere Engelsgefährte aber
geleitete die vier neuen Schutzgeister hinab in das Schulhaus im weltentlegenen
Walddorfe zur Ablösung der dort bisher beschäftigten geistigen Freunde und
Wächter des Hauses.
23. Kapitel
Wie staunten sie, hier in der alten Heimat der
Lieben alles so hell und wonnevoll anzutreffen. Die Erdenluft freilich empfanden
sie als drückend und schwer, etwa wie ein Taucher in der Tiefe des Wassers die
wuchtende Last des nassen Elements verspürt. Ah, das war ein sehr sonderbares
Gefühl, hier in der alten irdischen Welt – allem so greifbar nah – und doch
nicht mehr im stofflichen, sichtbaren Leibe! Innig im selben Hause vereint mit
seinen Lieben – und doch von ihnen getrennt durch eine Scheidewand, eine
geistige, unübersteigbare Kluft!
Zuerst sahen sich Sauerbrot und sein Weib nach
ihrer Tochter Lydia um. Wo war sie nur? - Sie gewahrten sie nirgends im Hause!
Da lenkte der freundliche junge Engel, der sie herniedergeleitet hatte und noch
immer in ihrer Gesellschaft verweilte, ihren Blick hinaus auf den nahen, kleinen
Friedhof beim Walde. Da erschauten sie die Gesuchte an einem blumengeschmückten
Grabe, über dem auf einem schlichten, hölzernen Kreuze der Name des
entschlafenen Väterchens Liebhardt stand.
Lydia hatte neue Blumen gepflanzt, Geranien und
Astern, und stand nun sinnend vor dem wohlgepflegten Hügel, der die irdischen
Reste des geliebten väterlichen Freundes barg. Wo weilte wohl sein
unvergänglicher Teil, seine Seele, sein Geist? In lichten Gefilden gewiß! -
Das waren ihre betenden Gedanken.
O wie durchschauerte es Sauerbrot, als er bei
diesem Anblicke zurückdachte an jenes andere Mal, als er Lydia bei seinem
ersten geistigen Besuch im Schulhausgarten mit seinem kalten Hauche erschreckt
hatte! Auch jetzt eilte er zu ihr hin in unwiderstehlichem Drange. Er wollte es
ihr sagen, wie selig und erlöst und wie glücklich er nun sei. Aber die
Scheidewand der irdischen, stofflichen Hülle war da. Es fehlte der Tochter die
geistige Sehe und das volle geistige Gehör. Nur unvollkommen konnte der
hochbewegte Geist des Vaters sich ihr bemerkbar machen.
Es überkam die sinnend in ihre Gedanken Versunkene
plötzlich ein lebhaftes Erinnern. Sie gedachte ihres eigenen, einst so
unglücklich aus dem Leben geschiedenen Vaters. - Wo war er wohl? - Wie ging es
ihm?
„Oh – Gottes Erbarmen und Gnade hat keine
Grenzen!" hörte sie da mit einmal ganz klar und laut in ihrem Innern
reden. Was war das für eine Stimme gewesen? - Niemand war doch auf dem leeren
Friedhof in dieser Morgenstunde! Ja, das mußte ein Engel gewesen sein – der
hier diese Trostesbotschaft mit solch starker Kraft in ihre Seele gehaucht und
ihrem Herzen zugejubelt hatte! - Diese Worte durfte und wollte sie glauben! Das
war sicher himmlische Wahrheit! Auch die einst so blinde Seele des Vaters hatte
die Gnade und Erbarmung der ewigen Liebe in Jesu, dem Heiland der Ärmsten,
gefunden! - Sie wollte nun nicht mehr weinen und trauern! Christ ist erstanden
– auch für ihn, den ihr Herz nun fürder suchen mochte im Frieden, nicht mehr
im Dunkel und Elend!
Seltsam gestärkt eilte die treue Tochter
beflügelten Schrittes nach Hause zurück. Sie traf ihren Gatten – da soeben
eine kleine Unterrichtspause war – unter der Türe des Hauses. Eine seltsame
Freude leuchtete auch ihm aus den Augen.
Als Lydia die Stufen zur Haustüre leichten Fußes
hinaufstieg, faßte er sie plötzlich mit beiden Armen um den Leib, zog sie
festen Griffes an die Brust und drückte ihr einen Kuß auf die vom raschen
Gehen leicht gerötete und befeuchtete Stirne. „Laß doch!" sagte sie
etwas verlegen - „wenn es jemand sieht!"
„Was tut's!?" - Wen geht es etwas an!?"
erwiderte der Gatte. . . . „Aber wisse, wir sind nicht mehr allein im
Schulhaus! - Der Vater ist da – der meine und der deine – samt
anderen Lieben!"
In maßlosem Erstaunen sah ihn Lydia an: „Wieso?
- Was meinst du damit?" „Er hat es mir gesagt!" Damit führte Karl
Gotthilf sein erstauntes Weib nach der Bank unterm alten Birnbaum im Garten und
erzählte ihr in fliegenden Worten:
Soeben hatte er an der Tafel den Kindern eine
Aufgabe zum Rechnen angeschrieben und die Kinder waren zur Lösung der Arbeit in
ihre Schreibhefte vertieft, da hatte plötzlich eine sonderbare, fremde Macht
seine Hand, welche noch die Kreide hielt, ergriffen und unten auf der Tafel –
so daß die Kinder es nicht sehen konnten – die Worte geschrieben: „Lieber
Karl, wir sind hier und grüßen herzlich! - Vater Liebhardt, Vater Sauerbrot,
Mutter Martha, Albert Sauerbrot."
„Höre", fuhr Karl Gottfried fort, während
Lydia vor Staunen keine Worte fand, „ist denn das nicht wunderbar?! Ist das
nicht ganz einzigartig groß und herrlich!? - Da wäre also", setzte er im
höchsten Freudenfeuer hinzu, „auch dein Vater als Gefährte der anderen – selig!?"
„Ja, das müßte wohl stimmen!" sagte Lydia
und erzählte nun auch ihr eigenes, soeben am Grabe des Großvaters Liebhardt
gehabtes Erlebnis. „Das ist doch höchst seltsam!" rief Karl Gotthilf.
„Es ist also doch etwas dran – an der geistigen Welt, und daß sie sich uns
kundtut! Noch nie hatte ich ein solches Erlebnis! - Aber ich glaube es nun und
denke, es kommt noch öfters so etwas. Der Vater wollte mir noch mehr sagen oder
schreiben – das fühlte ich deutlich; aber der Schulklasse wegen – da ging's
nicht, weil die Kinder es am Ende gemerkt hätten".
„Gott, Gott!", sagte Lydia, „welch ein
Wunder! Wie sind wir glücklich! Welche Gnade! Wie gut ist der himmlische Vater!
Läßt uns von den teuren Lieben Kunde zukommen! - Und was für eine frohe,
selige Botschaft!!" Sie fiel nun ihrerseits dem beglückten Ehegefährten
um den Hals und weinte an seiner Brust seligste Tränen.
Die Unterrichtspause war inzwischen zu Ende
gegangen und Karl Gotthilf mußte wieder an seine Arbeit. - Auch Lydia eilte zu
ihrer Pflicht in die Küche zum Mittagkochen. Was für eine himmlische Freude
erfüllte beide und verklärte ihnen ihr Tun! Hatten sie doch nun zum ersten
Male eine so ganz unmittelbare Verbindung mit der rätselhaften geistigen Welt
erfahren! Wie war es so machtvoll überzeugend in diesen wenigen Worten von
jener Seite auf sie eingedrungen! - Ja, ihre Lieben lebten und waren froh
und glücklich!! - Und sie waren hier und umschwebten und umsorgten sie!
O Gott sei Dank für dieses Zeugnis aus den
Himmeln, für diese frohe Botschaft eines unvergänglichen ewigen Lebens! Der
Tod war besiegt! Es gab jetzt durch ihn keine Schrecken der Trennung und
Vernichtung mehr. Das Leben ist ewig! Das Leben ist Sieger! Und über allem
Leben waltet im ewigen Lichte ein ewiger Gott, ein Vater der Menschen, ein
Lenker der Geschicke und Vollender der Seelen voll heiliger Weisheit, Kraft,
Macht und Liebe!!
Das war nun unumstößlich gewiß! - Das war nicht
mehr nur Glaube! Das war erlebt – erlebt!! - Nun konnte kommen, was
wollte!
24. Kapitel
Bei Tisch, als die ganze Lehresfamilie beisammen
saß, erschauten die unsichtbaren, geistigen Freunde nun auch die vier Kinder
des Lehrerehepaares.
Bernhard war in der Zeit seit Großvater Liebhardt
Tod sehr gewachsen. Er war ein flotter Junge geworden. Auch die anderen drei
jüngeren, zwei Mädchen und ein Knabe, waren offenbar recht gesund und munter.
Und wenn es in der kleinen Schar auch laut und herzhaft zuging, so waren sie
doch alle sichtlich wohl erzogen. Da gab es kein unartiges, keckes Benehmen am
Tische; auch kein launisches Nichtessenmögen. Ein strammes Regiment wurde vom
Vater geführt. Und die Mutter sorgte voll Liebe für das Bedürfnis eines
jeden.
Das Gebet vor und nach dem Mahle sprach der kleine
Bernhard, indem er sich von seinem Stuhle erhob, die Hände faltete und einen
schönen, sinnvollen Tischspruch mit Ausdruck vortrug. Die ganze Familie schloß
mit einem ernsten Amen. O wie freute dieser fromme, in Gott wohlgeordnete Brauch
die stillen jenseitigen Zuhörer!
Hier in diesem Familienkreise, das empfanden sie,
konnten sie leichten Zutritt zu den Herzen finden. Hier waren keine
undurchdringlichen Mauern und Hindernisse zu überwinden, um zu dem zarten
inneren Hörorgane der Seele zu gelangen. Hier konnte die lärmende und
verführende Welt ihre betäubende Macht nicht über die Menschenkinder
entfalten. Und auch die unsichtbare dämonische Welt und das Heer der
ungeläuterten Geister des niederen Seelenreiches konnten hier nur einen
geringen Einfluß ausüben.
Freilich war auch dieses Haus, wie jede menschliche
Stätte auf Erden, umschwärmt von jenen dunklen Scharen und Wolken der in den
unteren Zonen des Erdluftkreises hausenden, den Menschen zum Bösen verlockenden
unseligen Geister. Alle jene Seelen, die nach ihrem Abscheiden aus dem
leiblichen Leben in ihrer Weiterentwicklung nicht geistig den Weg nach oben, das
heißt zu der wahren, reinen Gottes- und Bruderliebe einschlagen, bleiben ja
auch örtlich in den unteren Regionen des irdischen Luftkreises. Und wenn ihnen
auch im allgemeinen die Sehe für die alte irdische Welt in dem Traumleben, in
welchem Gott sie weiterreift, fehlt, so sind doch immer auch gar viele, die so
heftig und hartnäckig nach der verlassenen Erdenwelt zurückdrängen, daß
ihnen der Herr des Lebens auf Grund Seines großen Gesetzes der Willensfreiheit
schließlich die Sehe, wie einst dem Geiste Sauerbrots, eröffnet, um ihnen
durch Erfahrung die Nutzlosigkeit ihres törichten Strebens zu erweisen.
Diese unseligen Wesen und jene gar schlimmen
Urdämonen, die aus hartnäckiger Bosheit überhaupt noch niemals zur Erlangung
der Kindschaft Gottes im Menschenfleische waren – sie alle trachten mehr oder
minder heiß und bös, sich der noch im Fleischesleibe lebenden Menschenseelen
zu bemächtigen, um deren Herzen in ihr eigenes Böse zu verkehren und sie zu
Sklaven ihrer höllischen Herrschbegierden und sonstigen Leidenschaften zu
machen.
Solche Rotten unseliger Dämonen und Geister
umlagern jeden Menschen und jedes Haus. Besonders wo viel Verkehr stattfindet,
sammeln sie sich an, auf Beute lauernd. Auch ein Schulhaus, wo viele junge und
auch ältere Menschen aus und ein gehen, ist das Ziel ihres besonderen Strebens.
Und wehe den Kleinen, wenn nicht um sie die weise Fürsorge Gottes auch eine
besonders starke Wehr in Gestalt wirkungsmächtiger Schutzengel gestellt hätte!
So war es denn nun auch im Hause des Lehrers
Liebhardt. Und die Hauptaufgabe der neuen Ankömmlinge aus den paradiesischen
Sphären war es, mit treuliebendem, wachsamem Willen dem schlimmen,
verführenden Einflusse jener Umlagerer zu begegnen. Und wie die mächtigen
Scharen des verderblichen Gegenpols mit ihren Einflüsterungen und ihrem
Willenshauche um die Gewinnung der Seelen ringen, so hatten sie, die Diener und
Boten der himmlischen Höhe, durch die innere Stimme des Herzens ihren teuren
Schutzbefohlenen das Licht des göttlich Wahren und Guten einzuflößen.
Jeden Angriffes mußten sie stündlich gewärtig
sein. Und da galt es nicht nur in dem Augenblicke, wenn irgend ein unseliger
Geist oder gar ein finsterer Dämon sich einem der Ihren nahte, zu wachen und
dessen Eingebung mit einem guten, ermahnenden Gegenworte zu überwinden, es
mußten die Herzen der Lieben ständig, auf Schritt und Tritt, im Wachen und im
Schlafe, belehrt, bestärkt und im voraus gefestigt werden – damit, wenn der
Böse kam, für ihn keine Möglichkeit des Heran- und Hineindringens bestand.
„Wir kämpfen nicht nur mit Fleisch und
Blut", hatte einst Paulus, der große Bote Gottes, gesagt, „sondern mit
den unsichtbaren, finstern Mächten und Geistern in der Luft." - Wie klar
und wahr erwiesen sich diese Worte des erleuchteten Apostels den neuen
Schutzgeistern im ländlich-stillen Schulhause! Und wie standen die Menschen
fast blind und taub zwischen den beiden Lebenspolen des Guten und Bösen!
Aber auch das wurde den liebevollen Dienern Gottes
bei der Ausübung ihres Amtes völlig klar, daß nichts Weiseres und
Zweckvolleres sich denken läßt als diese Erfahrungsschule der irdischen Welt
mit ihren versuchenden und behütenden Mächten. Zwischen den beiden
gegensätzlichen Polen ersahen sie der Menschen Herz und Willen in freier
Schwebe. Und es war gar wohl begreiflich, daß nur auf solche Weise der Mensch
befähigt werden konnte, selbstständig nach dem rechten Licht zu suchen
und den Weg des Lebens nach der erlangten Erkenntnis frei, sei es nach oben oder
nach unten, einzuschlagen.
Durch Erfahrung allein, und nicht durch
irgendwelchen inneren oder äußeren Zwang, reift so der Mensch schließlich,
wenn auch oft erst nach langen Fahrten des Irrens und Ringens, zu göttlicher
Vollkommenheit, Freiheit und Herrlichkeit der seligen Bürger des Himmels!
Ja, Gottes Wege und die Schulen, durch welche Er
Seine Menschenkinder zum heiligen Ziele Seines Vaterherzens führt, sind
wunderbar über wunderbar!
25. Kapitel
Am Abend dieses hochbedeutsamen Tages, der auch als
Geburtstag Lydias von der Familie besonders festlich begangen ward, saßen die
Eltern, nachdem die Kinder zu Bett gebracht waren und friedlich schliefen, beim
Lampenscheine in der Wohnstube beisammen. Plötzlich legte Karl Gotthilf die
Zeitung, in welche er ziemlich achtlos mit abwesenden Gedanken seine Blicke
geworfen hatte, beiseite und sagte: „Hör mal, Lydia, diese Schrift auf der
Tafel heute morgen – das kommt mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Sinn.
Wenn ich nur wüßte, wie das zuging!? Die Hand wurde mir ganz deutlich
geführt! Es war wie eine fremde Macht! Ganz bestimmt war es nicht mein eigener
Wille! Und wenn ich es Dir sagen darf – mir ist nun immer wieder, als müßt'
ich noch einmal etwas schreiben! Das ist doch sonderbar!"
„So nimm doch ein Blatt Papier und einen
Stift!" sagte Lydia und reichte ihm schnell aus dem Schreibtische das
Benötigte, selber ganz erregt von der fremden Macht, die auch ihr Herz gleich
einem elektrischen Strome erfüllte. „Hier nimm und schreibe! Vielleicht sagt
uns der Großvater noch mehr?!" Und Liebhardt setzte sich vor das Blatt,
legte den Stift an und sprach laut und mit fester Stimme:
„Wenn es Gottes Wille ist, so schreibe nochmals,
Vater, und gib uns Kunde von deinem Sein und Leben im andern Reiche
drüben!" Eine gute Weile wartete er so, und atemlose Stille erfüllte den
Raum. Lydia betrachtete mit größter Aufmerksamkeit und einer gewissen bangen
Spannung den Schreibstift in des Gatten Hand. Aber nichts erfolgte, nichts
bewegte sich. Die Hand lag reglos auf dem Papier. War denn doch alles nur eine
Täuschung gewesen? - War jene vermeinte Botschaft aus dem Jenseits nur eine
trügende Innenstimme der eigenen Seele?
Unter diesen Gedanken war es dem Harrenden
plötzlich, als würden in seinem Herzen lichte, klare Worte zu ihm gesprochen.
- Er vernahm deutlich seinen Namen. Und die Stimme rührte an sein Gemüt, wie
einst in früherer Zeit die ruhige, freundliche Stimme seines Vaters. „Mein
Sohn Karl!", hieß es, „achte, was ich dir sage! - Schreibe meine Worte
auf das Blatt Papier nieder, denn sie sind auch für die anderen. - O glaubet,
wir sind euch alle treulich nah! Wir alle, die ich dir heute Morgen angab. Und
über uns allen wacht und waltet Einer – Jesus Christus, der Gekreuzigte, der
alleinige Herr und Gott.
Nachdem Karl Gotthilf diese Worte mit heiligem
Schauern staunend in sich vernommen, schrieb er sie nieder auf das Blatt. Und
dann fuhr er nach den Einsagung der Stimme fort, zu schreiben und zu sprechen:
„O ihr Kinder unserer Liebe! Wie selig sind wir,
daß wir durch des himmlischen Vaters Gnade und Seine endlos weise und
liebevolle Führung nach langer Lehr- und Wanderfahrt bei euch sein dürfen zu
eurer Beschützung und Belehrung. Glaubet, ihr seid nicht allein! Wir sind um
euch bei Tag und Nacht. Und ihr dürfet nur das Ohr und Auge eurer Seele nach
innen auf den Geist Gottes in eurem Herzen richten, so können wir durch ihn
reden und euch in allen Vorkommnissen des Lebens mit unserem Rate lenken und
leiten. - O glaubet, die Liebe Gottes ist herrlicher, als der Mensch sich denken
und vorstellen kann. Und das Ziel, zu welchem Er uns alle emporführen will im
irdischen wie im geistigen Leben, ist nichts als Licht und Wonne bei Ihm!
O fasset es doch recht, begreifet doch tief und
voll den Sinn eures gar so schnell dahineilenden irdischen Lebens! Es ist in
dieser Schule der harten irdischen Welt so sehr Hohes und Großes zu erreichen:
die wahre volle Kindschaft unseres ewigen, unermeßlich erhabenen Gottes und
himmlischen Vaters. Der Weg aber ist der, den Er, der Allmächtige und Allliebende
Selbst, gegangen ist in Seiner irdischen Gestalt als Jesus – der Weg der
Demut, Sanftmut, Reinheit und der brennendsten Liebe zum göttlichen Vatergeiste
und zu allen Seinen Geschöpfen! - O lernet diese sanfte, demütige und zu jeder
selbstlosen Tat bereite Liebe! Dann machet ihr Ihm Freude, der durch uns
schwache Werkzeuge Seiner unermessenen Gnade und Huld über euch wachet.
Gehet nun heute zur Ruhe, wohlbehütet und im Segen
des treuen Vaters in den Himmeln. Morgen kommet wieder und höret unsere Worte!
Es grüßen euch für heute mit einem innigen Gott-befohlen
eure lieben Getreuen."
. . . Ah, das waren wunderbare, geheimnisvolle und
wahrhaft himmlische Worte!
Lydia war ganz bestürzt und konnte keinen Ausdruck
ihrer wirbelnden Gedanken finden. Nur ein hilfloses: „O Gott – o Gott –
ist das möglich!?" entrang sich ihrem Munde.
Auch Karl Gotthilf war tiefst erschüttert. Das
konnte doch nicht aus ihm selbst gekommen sein! Das hatte doch nicht er gedacht
und innerlich in sich selber gesprochen! Das konnte doch aus seiner eigenen
Seele, auch aus unbewußten Tiefen, nicht kommen! Denn an solch eine Botschaft
hatte er auch im Traume nie und nimmer gedacht! Das mußte denn also wirklich
von wo andersher, von außen oder vielmehr von oben kommen, aus der geistigen
Welt, in welcher der Vater Liebhardt mit den anderen ja nun weilte.
O das war ja unerhört, das war ja wunderbar groß
– solch eine Botschaft von den Heimgegangenen! Und sie waren hier – hier
in derselben Stube – sie, die man gar so weit und ferne gesucht hatte! Sie
waren schützend und leitend da! Und durch des Herzens Geistespforte war ein
Weg, mit ihnen in gesegnete Verbindung zu treten! Morgen sollte man von ihnen
weiter hören!
Hochbewegten Gemütes, voll seligsten Hoffens,
gingen die beiden Gatten zur Ruhe. Lange floh sie der Schlaf. Aber endlich
lösten sich die selig erglühten Seelen von den Banden des Leibes und erhoben
sich in das geistige Reich, um dort bestätigt zu finden, was im mühseligen,
schweren Fleischesgewande des irdischen Leibes nur so gar mühsam der Seele
begreiflich zu machen war. Wir wissen ja, wenn um die stille, störungslose
Mitternachtsstunde der Leib im Tiefschlafe liegt, wandeln die Seelen in einer
ähnlichen Gestalt wie im tageswachen Leben zur geistigen Welt hinan und
verkehren mit den für das fleischliche Auge des Menschen unsichtbaren Geistern
wie mit ihresgleichen. Auch die teuerlieben Schutzgeister finden und sprechen
wir da, wie auch dann und wann die herniederkommenden höheren Engel des Herrn.
In diesem Verkehr mit den guten geistigen Freunden
des sogenannten Jenseits empfangen wir aus den reinen, kräftigen
Lebensausstrahlungen dieser Paradieses- und Himmelsbewohner im Tiefschlafe des
Leibes jene wunderbare Stärkung, die wir alle kennen als eine unentbehrliche
Gabe Gottes, ein tägliches oder vielmehr allnächtliches Brot der Seeke, das
uns der Herr des Lebens spendet im Schlummer. Ganz besonders empfangen des
diejenigen Menschen, die schon im Tageswachen den Segen Gottes, des himmlischen
Ernährers und Erhalters, bittend suchen. Und es sagt denn auch, da die
Stärkung des Schlafes eines der höchsten Lebensgüter ist, mit Recht der
Volksmund: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf!"
Beim Erwachen zurückkehrend in den schweren
irdischen Leib verliert freilich nach Gottes Willen und Ratschluß die Seele die
bewußte Erinnerung an das im Tiefschlafe erlebte. Nur jene unbewußte Stärkung
darf sie mit sich nehmen in den Kampf des Tages, um – ohne völlige Gewißheit
– frei zu sein in ihrem Suchen, Forschen, Wollen und Handeln. Nur
ausnahmsweise, dann und wann, nimmt sie in einem hellen Morgentraume noch etwas
mit hinüber in den Tageskreis, um an dem seltenen Licht aus höherer Welt zu
zehren.
So war es auch bei den Lehrersgatten. Als sie des
Morgens in der Frühe erwachten, hatten sie keine Erinnerung mehr an das in der
Nacht im Tiefschlafe mit ihren lieben Verwandten und Freunden im geistigen
Reiche erlebte köstliche Wiedersehen. Nur Lydia, die oft helle Morgenträume
hatte, konnte erzählen, daß sie in einem wunderbaren Garten war mit einem
schönen Haus auf einem Hügel, von wo man in ein märchenhaftes Land mit
herrlichen Ebenen, Seen, Wohnstätten und Tempeln hinausschaute.
Oh, dachten die Gatten, wie ist doch die Welt und
das Leben so sonderbar! - Was ist Wirklichkeit? Was Traum? - Ist denn nicht
eigentlich jene andere, jene geistige Welt wirklich und wahr - und dieses Leben
im irdischen Alltage ein Traum, obzwar es dem Menschen so gar wirklich
erscheint? Ist denn nicht hier auf dieser Erdenwelt, die so braust und prangt,
alles vergänglich? Und sind wir denn hier nicht in einer wahren Nacht der Seele
befangen, ohne Kenntnis von den allerwichtigsten Dingen des Seins und des
Lebens?!
Jene geistige Welt, von der die geheimnisvolle
Botschaft des verstorbenen Großväterchens meldete und die sich so wunderbar
und licht im selig-stillen Traume gezeigt – war denn nicht am Ende sie
das wahre Leben – und dieses irdische Dasein nur eine kurzem mühselige
Vorstufe?! „Wir wollen es abwarten, „, sagte Lydia, „einmal wird der Tag
kommen, da wir schauen, was wir glauben!"
26. Kapitel
Den Lehrer Karl Gotthilf Liebhardt ließ das
Vernommene und Erlebte in seinem Innern nicht mehr zur Ruhe kommen. Als der
Abend nahte, konnte er es kaum erwarten, bis die Kinder zu Bett und zur Ruhe
gebracht waren. Da holte er schnell wieder das Heft hervor, in welches er den
Tag über die Botschaft vom gestrigen Abend unter Schilderung der dabei
stattgehabten näheren Umstände eingetragen hatte. Mit dem Schreibstifte in der
Hand setzte er sich wieder zum Tisch, während Lydia, ihre Handarbeit zur Seite
legend, dicht zu ihm rückte, um über seine Schulter hinweg sogleich zu lesen,
was seine Hand nach einem stillen, inneren Gebet in klaren Zügen niederschrieb.
Diesmal war es der Vater Sauerbrot, der zu ihnen
sprach. Mit einem herzhaften „Gott zum Gruß!" begann er seine Rede. Er
stockte aber bald, als er damit beginnen wollte, seine jenseitigen
Entwicklungswege und Erlebnisse zu schildern. Seine Kraft war offenbar noch
nicht gefestigt genug, um in der bitteren Erinnerung an die überstandenen
schweren Erfahrungen und Schulen die Verbindung mit dem Geiste seines einst so
leidenschaftlich gehaßten Schwiegersohnes aufrechtzuerhalten.
An seine Stelle trat Vater Liebhardt. Er gab als
Wortführer der ganzen geistigen Gesellschaft einen lebendigen Überblick über
die jenseitigen Schicksale aller Mitglieder ihrer kleinen Schar und versprach
dann, in der Folge alles von jedem einzelnen Erlebte eingehend zu schildern zur
Belehrung und geistigen Aufbauung der auf Erden Hinterbliebenen.
Und so empfingen denn Karl Gotthilf und Lydia in
den folgenden Abenden ein großartiges Bild von den Wegen, auf welchen der
himmlische Vater jene teuren Menschen in den geistigen Schulen des jenseitigen
Lebens gereift und teilweise aus den unseligsten Bereichen der Hölle und ihrer
Pforten errettet hatte. Des Staunens der beiden Ehegatten war kein Ende. - So
gut und groß war unser Gott!? - Und so unbegreiflich und unermeßlich Seine
Erbarmung und die Liebe und Weisheit Seiner Wege!?
O wie wollten sie nun aber das Leben schon in
diesem vergänglichem, irdischen Sterbekleide noch viel ernster und wichtiger
nehmen! Wie viel Pein und Not konnte der Mensch sich ersparen, wenn er den hohen
Sinn dieser irdischen Seelenschule recht erfaßte und sich alle Mühe gab, dem
vorgesteckten Ziele, der Herzensvollendung, im göttlichen Geiste der
demütigen, reinen Liebe nachzukommen!
„Jahre, Jahrzehnte, ja Jahrhunderte der Pein und
Mühsal im Jenseits", sagte Vater Liebhardt, „kann ein Mensch sich
ersparen, wenn er in seinem irdischen Leben das im Worte Dargebotene ergreift
und danach wandelt und lebt."
So heilig die beiden Gatten das zu nächtlich
stiller Stunde auf diese Weise Vernommene als ein seliges Geheimnis in sich zu
verschließen sich vornahmen, so konnte es doch freilich den vertrauteren
Freunden des Hauses nicht auf die Dauer verborgen bleiben, daß die beiden
glückstrahlenden Menschen etwas Neues und ganz Besonderes in sich zu
verarbeiten und unterzubringen hatten. »Wes das Herz voll ist, des geht der
Mund über!« - so lautet ja das Sprichwort. Und schließlich meinte Karl
Gotthilf, daß man eine so wichtige Kunde, selbst auf die Gefahr hin, für einen
Schwärmer oder Narren gehalten zu werden, seinen nächsten Mitmenschen nicht
vorenthalten dürfe.
„Wie gut", meinte er zu Lydia, „wäre es
doch z. B. für einen Geistlichen, wenn er von solchen Dingen auch eine
Wissenschaft hätte, damit er sich eine wahre und segensvolle Vorstellung vom
Jenseits machen könnte; hat er doch die Menschen so oft darauf hinzuweisen! Und
ist es nicht zum Gotterbarmen, daß im allgemeinen die Kirchenleute und Christen
auf Grund der Heiligen Schrift davon nur eine so dürftige, ja meist gänzlich
falsche Vorstellung haben!?"
„Da hast du wohl recht", entgegnete Lydia
ein wenig erschrocken; „aber bedenke, wie wird der Herr Pfarrer es auffassen
– daß wir mit den Verstorbenen, den sogenannten Toten, verkehren! Das ist ja
doch gegen die Heilige Schrift!"
„Ei was – gegen die Heilige Schrift!?" -
erwiderte Liebhardt - „wie kann das gegen die Schrift sein, wenn Selige kommen,
von den Engeln geleitet, und künden uns vom ewigen Leben in Gott und von dem
Reiche der Engel und rufen uns mit Worten des Glaubens und der feurigsten Liebe
auf den Weg des Heils in die Arme Jesu Christi!? Kann das gegen Gottes Wort und
Lehre sein?! - Niemals! - Höchste Gnade des Himmels ist das! Und - offen
und ehrlich gesagt", fuhr er mit Feuereifer fort, „jeder wahre, echte
Priester sollte in solcher Verbindung mit dem Himmel und seinen Bürgern
ständig stehen, um ein rechter Diener Gottes unter den Menschen sein zu
können! - Was nützt ihm das Lesen und Studieren der Schriften, wenn nicht die
Engel mit ihnen reden in ihren Herzen!? Da bleibt ja alles doch tot, wenn der
kalte, armselige Verstand nur forscht und urteilt! - Da wird das Jenseits
freilich dunkel, verschlossen und leer! - Und wenn die Schrift mit Recht das
Rufen und irdisch gewinnsüchtige Benützen unseliger Geister und Dämonen
verbietet, so heißt das doch wahrhaftig nie und nimmer, daß wir auch den
segensvollen Verkehr mit den seligen Wesen des Lichts, den guten Geistern und
Engeln, nicht suchen sollen und dürfen!
Gott sei Lob und
Dank, daß der himmlische Vater auch in
unserer Zeit solche Verbindung noch zuläßt wie einst in alten biblischen
Zeiten, wo Er im Traum und im Wachen den Menschen Seine Engel sandte und selbst
dem tiefgefallenen, in blutigem Gewaltgeist verirrten König Saul bei der Hexe
von Endor durch den Geist des Sehers Samuel eine große, wahre, wenn auch
todestraurige Botschaft erteilte!
Nein, Pfarrer Loschmann soll es wissen, daß auch
heute noch Gott mit den Menschen redet und ihnen durch Seine seligen Geister und
Engel Seine Botschaften sendet! Es soll keine Menschenfurcht mich mehr abhalten
– wie früher. - Laß uns die Welt diese große Wahrheit und Tatsache
verkünden, die wir auf so wunderbare Weise unter dem eigenen Dache erfahren
durften! - Noch heute will ich unseren Freund darauf aufmerksam machen! Und dann
ist es ja seine Sache, wie er sich dazu stellt.
27. Kapitel
Dieser überzeugungsvollen Rede ließ der Lehrer
denn auch, trotz der bangen Besorgnisse Lydias, bald die Tat folgen. Gegen
Abend, als er den Pfarrer bei leichter Arbeit in seinem Gärtchen wußte, ging
er hinüber. Auch Frau Pfarrer Loschmann war da und bepflanzte ein Beet mit
einem in dieser schon herbstlichen Jahreszeit zum Überwintern bestimmten
Gemüse.
Nachdem unter gemeinsamer Handanlegung dieses
kleine Geschäft rasch beendet war, verfügten sich alle drei nach der Laube
inmitten des Gartens, in welcher sie oft des Abends als gute Freunde zur
Unterhaltung und Aussprache beisammen saßen.
„Ich möchte Ihnen heute etwas ganz Besonderes
mitteilen", sagte Liebhardt, indem sie in die Laube traten.
„So? - Sie machen uns gespannt!" entgegnete
Frau Loschmann.
„Sagen Sie aber einmal zuerst, Herr Pfarrer –
was halten Sie davon: Redet Gott auch heute noch zu uns Menschen – oder war
dies nur in alten, biblischen Zeiten beim Volke Israel der Fall?"
„Selbstverständlich redet Er auch heute
noch!" erwiderte Loschmann, indem er seine Gartenschürze an einen Nagel
hängte und sich auf die in der Laube rings an den Seiten hinziehende Bank
setzte - „Wo wären denn wir Menschen, wenn nicht Gott in unseren Herzen durch
die Stimme des Gewissens oder des Geistes oder wie man das nennen will, ständig
zu uns spräche! Er muß uns doch führen auf Schritt und Tritt – sonst sind
wir ja verloren! Wie sollten wir denn vom Fluche der Erbsünde, diesem alten
Feind in unserm Herzen, loskommen, wenn uns Gott nicht ständig durch eine
innere Stimme belehrte!"
„»Ihr müßt alle von Gott gelehrt sein!«
heißt es ja in der Schrift" fügte Frau Loschmann hinzu - „und wen der
Sohn, das lebendige Wort Gottes, nicht zieht, der kommt nicht zum Vater!"
Ja, so denke ich auch", sagte Liebhardt, „und
an einer Stelle heißt es ja auch noch ausdrücklich: »Wer Meine Gebote hat und
hält, der ist es, der Mich liebt – ihm will Ich Mich offenbaren!« Das
gilt doch sicherlich für alle Menschen auch heute noch!"
„Gewiß, ohne Zweifel!" - bestätigte mit
überzeugtem Brustton Pfarrer Loschmann.
„Und bei Seinem Scheiden", fuhr Liebhardt
fort, „hat der Herr den Jüngern und allen, die Ihm als solche nachzufolgen
guten Willens sind, verheißen: »Ich will den Vater bitten, daß Er euch einen
andern Berater und Helfer sende – den Heiligen Geist! Der wird euch in alle
Wahrheit leiten und euch alles dessen erinnern, was Ich, Jesus der Herr, zu
Meinen Leibeslebzeiten vor euch gelehrt und getan habe.« So etwa lautet doch
auch jenes wichtige, für alle Zeiten und Menschen gültige Abschiedswort des
Herrn. - Oder nehmen Sie an, daß diese Worte nur für die damaligen Jünger und
Apostel galten?"
„Gewiß gelten sie", erwiderte Loschmann,
„für alle Zeiten und für alle Menschen, die eines guten Willens sind – da
sie vom Herrn ohne jede Einschränkung gesprochen sind und es überdies ja auch
selbstverständlich ist, wenn man bedenkt, daß Gott, unser himmlischer Vater,
keinen willkürlichen Unterschied unter Seinen Kindern macht, sondern Seine
Liebe und Gnade jederzeit allen denen zuwendet, die Ihn rein und wahrhaft lieben
und Seinen Willen tun".
„Also dürfen wir", schloß Liebhardt den
auf Grund der Schriftstellen durchlaufenen Gedankengang, „glauben und als
biblisch bezeugt annehmen, daß auch heute noch Gott durch Seinen Heiligen Geist
und Seines Geistes Träger und Boten wie zu alten, biblischen Zeiten zu den
Menschen redet und ihnen Sein Wesen aufschließt und Seinen Willen
kundtut?"
„Man wird es nicht in Abrede stellen
können!" sagte Loschmann überzeugt, doch unverkennbar auch etwas gedehnt,
da er immer noch nicht recht wußte, auf was Liebhardt eigentlich hinaus wollte.
„Und zu unserm wahren, großen Heile!"
ergänzte mit warmem Eifer Frau Loschmann, die mit ihrem, allem Mystischen
abholden, nüchteren trockenen Gatten über diese Dinge schon manchmal ziemlich
gegensätzliche Aussprachen gehabt hatte.
„Wenn dem nun aber unzweifelhaft so ist",
sagte Liebhardt jetzt etwas zögernd, indem er die Mienen seiner beiden Zuhörer
beobachtete, „was denken und sagen Sie dann darüber, daß wir in der letzten
Zeit im Schulhause einige ganz merkwürdige und wunderbare Belehrungen und
Botschaften dieser Art gehabt haben, die nach ihrem erhabenen, göttlichen
Inhalte wirklich nur aus reinen Sphären sein können!?"
„Wie!?" riefen beide Pfarresleute wie aus
einem Munde - „Sie haben Botschaften – aus dem Jenseits?!"
„Das ist ja wohl – Spiritismus?!" setzte
der Pfarrer mit leichtem Spott hinzu.
„Spiritismus?!" entgegnete Liebhardt - „Nun,
sie werden es ja wohl mit diesem Schlagwort nicht gleich erschlagen wollen?! -
Wir haben die sonderbare Verbindung mit der geistigen Welt ja nicht neugierig
gesucht; sondern die Boten der Höhe sind unvermutet zu uns gekommen und haben
uns mit ihrer himmlisch-herrlichen Kunde, ohne daß wir es ahnten,
beglückt!"
"Was sie da sagen!" rief immer noch
ungläubig lächelnd der Pfarrer.
„Das wäre ja etwas ganz Märchenhaftes!"
sagte sehr interessiert und mit Feuer seine Frau - „Erzählen Sie uns doch
bitte mal!"
Und nun berichtete Karl Gotthilf Liebhardt alles,
was Lydia und er in den letzten Zeiten erlebt hatten, welche Wunder göttlicher
Führung ihnen durch die Worte der teuren geistigen Freunde erschlossen worden
waren und was sie auf diesem Wege über die jenseitigen Zustände und
Entwicklungswege erfahren durften. Die Pfarreseheleute staunten und konnten es
nicht fassen. Der Lehrer war ihnen doch bekannt als ein nüchterner, prüfender
Mann, der nicht so leicht auf eine täuschende Irreführung hineinfiel und
sicher weder sich selbst noch seiner geliebten Frau irgendein Märchen vormachen
wollte. - Das waren doch wirklich sonderbare Rätsel!
Pfarrer Loschmann schüttelte das Haupt hin und her
und konnte beim besten Willen nicht zurechtkommen. Seine Frau konnte viel eher
glauben. Sie erinnerte ihn an alles, was er soeben auf Grund der Schrift über
das Reden Gottes und das Ergehen Seines lebendigen Wortes an die Menschen gesagt
hatte.
„Aber durch Geister – durch Geister doch
nicht!" rief Loschmann - „Davon steht doch in der ganzen Schrift nichts,
daß Er auch heute noch Seelen Verstorbener sendet, um den Menschen Kunde zu
geben von den jenseitigen Dingen! Vielmehr ist in der Schrift aufs deutlichste
und ausdrücklich verboten, die Toten aus ihrem Schlummer zu rufen!"
„Aber lieber Mann", warf Frau Loschmann ganz
erregt ein, „das ist doch wahrlich kein Rufen der Toten, wenn sie von selber
kommen und einem eine allhöchst beseligende, himmlische Botschaft
bringen!"
„Gewiß", sagte Liebhardt dazwischen, „das
ist doch sicher etwas ganz anderes, als was die Heilige Schrift bei den alten
Israeliten ausschließen wollte! Man muß doch unterscheiden: Damals wie heute
betrieben gewisse schwarzmagische Menschen aus gewinn- oder herrschsüchtigen
Absichten das Rufen der Toten, um von ihnen irdische, nur in weltlichem Sinne
bedeutsame Auskünfte zu erlangen – um Schätze zu heben, Feinde zu verderben
oder dergleichen gotteswidrige Zwecke zu verfolgen. Ein solches Rufen der
Toten ist selbstverständlich gegen Gottes Willen und von der Schrift verboten!
- Aber warum in aller Welt sollte es uns durch die Bibel versagt sein, die
Botschaften seliger Geister und Engel anzuhören, die im Namen und ohne Zweifel
auch im Auftrage des Herrn kommen, um uns über den Ernst des irdischen
Lebens und über das ewige Ziel im Diesseits und Jenseits aufzuklären, uns
anzufeuern, mit aller Kraft auf dem Wege der Entsagung, Demut und Liebe dem
Willen Gottes nachzustreben! Das kann doch nicht von Gottes Wort verboten
sein!"
„Allerdings nicht!" Das wäre ja
Irrsinn!" pflichtete Frau Pfarrer Loschmann bei - „Gott kann unmöglich
den Menschen Boten Seines verheißenen Heiligen Geistes senden und zugleich in
Seinem geoffenbarten Worte das gläubige und willige Anhören ihrer Belehrungen
und Ermahnungen verbieten! - Lieber Heinz", wandte sie sich zu ihrem
Gatten, „da ist eben in Gottes Namen deine und deiner Kollegen Theologie
falsch!"
„Die Schrift", sagte Liebhardt die
Pfarresgattin unterstüzend, mit klarer fester Stimme, „muß so gelesen und
ausgelegt werden, daß ihr Sinn übereinstimmt mit der Vernunft, d.h. mit dem
vom Geist der Liebe erleuchteten, gesunden Menschenverstande! Was da nicht zu
der uns bekannten Liebe, Weisheit und Allmacht des erhabenen Gotteswillens
stimmt – das kann nicht von Gott stammen, das ist Menschenzutat – sei es im
buchstäblichen Wortlaut, sei es in dem zu uns sprechenden Sinne".
„Nun ja, nun ja", sagte Loschmann gedehnt
und gezwungen, „so vom allgemeinen, theoretischen Standpunkte aus läßt sich
da allerdings nicht viel einwenden. Aber wir lesen doch auch deutlich in der
Schrift, daß es nicht Gottes Wille ist, dem Menschen allzuviel über das
Jenseits zu offenbaren! Da sollen wir nach Seinem Willen und aus guten Gründen
mehr aufs glauben angewiesen bleiben als aufs wissen. Sonst hätte uns die
Heilige Schrift im Neuen Testament sicher mehr überliefert und enthüllt als
die paar wenigen, zudem noch dunklen und vieldeutigen Stellen! Der Mensch weiß
genug, wenn er aus der Schrift darüber unterrichtet ist, daß es ein Jenseits
und ein Fortleben gibt. Wie dieses beschaffen ist, braucht er vorerst nach
Gottes weisem Ratschlusse offenbar nicht zu wissen. Das erfährt er dann
später, nach dem Tode, wenn er vom Glaubensstande durch Gottes Gnade zum
Schauen und Wissen gelangt ist."
„Aber denken Sie nicht", erwiderte
Liebhardt, „daß es in Gottes Rate gelegen sein kann, einzelnen Menschen, die
mit besonderem Eifer nach oben streben oder denen es um ihres Glaubensstandes
willen besonders Not tut – daß Er diesen auch gelegentlich eine besondere
Botschaft und ein besonderes Licht spendet, um sie dadurch desto enger an Sich
zu fesseln!? - Ist doch der Herr Selbst nach Seiner Auffahrt noch vierzig Tage
lang als ein verklärter Geist bei allen Seinen Jüngern und Freunden
umhergegangen, um ihnen zu ihrer Glaubensstärkung die sichere Botschaft Seiner
Auferstehung und gewiß auch noch sonst manche hochbedeutsame Lehre zu
bringen!?"
„Ja, das war ganz was anderes – das war der
Herr Selbst!" entgegnete Loschmann mit kräftigem Nachdruck.
„Was der Herr tat und tut", sprach Liebhardt
weiter, „ist immer und ewig für alle Menschen, Geister und Engel ein
heiliges, allgemeingültiges Vorbild! Überdies hat Er noch zu Seinen irdischen
Lebzeiten auf dem Berge Tabor Seinen fortgeschrittensten Jüngern Petrus,
Johannes und Andreas zur Glaubensstärkung auch die seligen Geister Moses und
Elia vorgeführt, damit sie ihnen Kunde gaben vom ewigen Leben! - Das sind doch
alles der wichtigsten Beispiele genug, aus welchem wir ersehen können, daß es
durchaus des Vaters Wille ist, Sich und Sein Reich denen, die Ihn wahrhaft und
ernstlich suchen – sei es durch ein unmittelbares inneres Wort oder durch
Seine himmlischen Diener – weiter als es die Schrift tut, zu offenbaren! - Die
Heilige Schrift bietet nach meiner Ansicht das, was die Menschheit im
allgemeinen von Gott und vom ewigen Leben wissen muß und in der bisherigen Zeit
fassen konnte. Es genügt auch heute noch dem einfachen, kindlichen Menschen, zu
wissen, daß es einen himmlischen Vater-Gott, ein ewiges Fortleben, eine Hölle
der Bösen und ein Paradies und einen Himmel der Willensguten gibt. - Der
reifere, tieferschürfende Mensch dagegen hat begreiflicherweise ganz besonders
heute in der zerrissenen, finsteren, verstandeskalten Gegenwart auch
tiefergehende Bedürfnisse. Er will und braucht ausgedehntere Erkenntnisse und
wird auf solcher Erkenntnisgrundlage aber dann auch dem Herrn ein feuriger
Jünger und Seinem Reiche ein besseres Rüstzeug sein als der einfache
Mitbruder, dessen Seele in einer gewissen Trägheit keine höheren und tieferen
Bedürfnisse hat. Uns Menschen und auch drüben die Geister und Engel fort und
fort zu höheren und umfassenderen Standpunkten zu führen, damit wir durch die
reichere Erkenntnis auch immer tiefer begründet werden in der Demut der Liebe
zu Ihm und zu allen Seinen Wesen – das ist doch ohne Zweifel der Sinn der
ganzen Erziehung, welche Gott mit uns hier in dieser Erdenschule verfolgt!"
„Ja, ja, das ist gewiß wahr! - Aber immerhin –
bedenken Sie", brachte Pfarrer Loschmann etwas erbost durch den Hinweis auf
die »geistige Trägheit der Bedürfnislosen« endlich hervor, „wohin das
schließlich führt, wenn alle Welt, will sagen jeder Hinz und Kunz, angebliche
himmlische Offenbarungen empfängt! Da wird ja das feste Wort der Bibel in
Kürze überwuchert oder aufgelöst!"
„Hinz und Kunz -" wiederholte seine Frau mit
ärgerlichem Erröten über die vor Liebhardt ihr recht taktlos dünkende, dem
Pfarrer im Redegefecht entschlüpfte Bemerkung - „es gehen doch wohl nicht
jedem beliebigen, vielleicht unwürdigen und unvorbereiteten Menschen echte,
himmlische Botschaften zu! Das wird Gott wohl schon wissen, wem Er solch eine
Gnade erweisen kann!"
„Gewiß!" sagte Pfarrer Loschmann, dem seine
Entgleisung inzwischen mit Bedauern bewußt geworden war - „Ich will auch in
dem vorliegenden Falle natürlich durchaus nichts Abfälliges sagen, sondern im
Gegenteile – wenn je auf solchem Wege das Licht zu den Menschen kommt – so
hat es hier im Schulhause nüchterne und ehrliche Menschen gesucht und gefunden.
Ich rede vielmehr im allgemeinen und blicke auf das Ganze! Wenn der Himmel
Botschaften an die Menschen sendet auf diesem, wie man heute sagt, medialen
Weise – dann wird gewiß auch die Macht der Finsternis diesen Weg beschreiten
und den Menschen, auch den gläubigen und guten, auf die listigste Weise
Trugbotschaften bringen und mit allen Mitteln danach trachten, in das etwaige
Licht von oben ihre giftigen, verderblichen Einfließungen zu mengen. Und so
wird meistens, wenn die Mittelsperson nicht ganz göttlich rein und im
himmlischen Wesen gefestigt ist, bestenfalls eine gefährliche Mischung
herauskommen, in welcher das etwaige Wahre und Himmlische verbunden ist mit
einer trügenden, höllischen Zutat, welche die Menschen, statt auf dem
schlichten, biblischen Wege zu Gott – auf allerlei Irr- und Seitenpfaden in
den Abgrund des Verderbens und in ewige Irrtumsbande führt. Das hat die
Geschichte der Christenheit, ja die ganze Menschheitsgeschichte tausendfach
bewiesen in den Schriften der falschen Prophetie und in den Geschicken
betrogener Betrüger und ihrer irregeleiteten Anhänger".
„Es gibt gutes und schlechtes Brot, gesunde und
faule Früchte, Giftgewächse und Heilkräuter", entgegnete Liebhardt ruhig
- „und so gibt es auch eine wahre und eine falsche Prophetie! Aber wie ein
vernünftiger Mensch der Giftgewächse wegen die Heilkräuter nicht verwerfen,
sondern diese letzteren im Bedarfsfalle für seinen kranken Leib dankbar
verwenden wird – so ist es meines Erachtens auch mit der Prophetie, die ja
auch ein Heilkraut für unsere kranke Seele ist. Nur freilich müssen wir auch
sie – ebenso wie das segensvolle Arzneikraut – mit Vorsicht und Weisheit
prüfen und auswählen und uns nicht ein trübes, giftiges Gemisch als eine
reine, segensvolle Gabe aus den Himmeln vorsetzen lassen!"
„Eben darum meine ich, wir bleiben am besten beim
erprobten, reinen Gotteswort der Bibel!" beharrte Loschmann hartnäckig.
„Wie bist du denn auf einmal solch ein
hartköpfiger, fester Bibelchrist!?" meinte mit einer etwas spitzen Stimme
seine Frau - „Du hast doch bisher immer den Standpunkt vertreten, daß auch in
der Bibel das reine Wort Gottes stark durchsetzt und vermengt ist durch
menschliche, im Laufe der Jahrhunderte durch Abschreiben und Übersetzer
hinzugefügte Zutaten. Die großen Streitfragen und Meinungskämpfe der
Theologen aller Zeiten beweisen es ja zu Übergenüge, daß in der Bibel
tatsächlich auch nicht jeder Buchstabe mit der alleinigen, ewigen
Gotteswahrheit übereinstimmt und alles zu einem klaren Ausdruck gebracht ist.
Sonst hätten doch nicht so viele verschiedenartige und zum Teile sehr
irrtümliche und verderbliche Lehren daraus geschöpft werden können, wie die
christliche Kirchengeschichte nur allzu deutlich beweist".
„Gewiß!" stimmte Liebhardt bei - „Da
sieht man es ja auch, daß kein Gotteswort gänzlich unverhüllt und rein
zu den Menschen kommt! Das heißt, das göttliche Wort, so wie es vom Urquell
und Vater des Lichtes und des Lebens ausgeht, ist natürlich an sich allezeit im
höchsten Grade rein und wahr. Aber der Mensch, der es als Mittler empfängt,
ist in seiner Seele nicht immer rein und erschlossen genug, und so mischen sich
in den Strom des göttlichen Wortes Vorstellungen und Gedanken aus der Seele des
Propheten oder auch, wie der Herr Pfarrer angedeutet hat, aus anderen
ungeläuterten geistigen Quellen, aus der sogenannten Geisterwelt, der niederen
oder gar der dämonisch bösen. Selbst bei den Verfassern der Bibelschriften war
das göttlich Wort vermischt und verhüllt. Und hier ist auch noch zudem durch
menschliche Überlieferung, Bearbeitung und Übersetzung so manches in
irrtümlichem Sinne geändert, wie Ihre Herren Kollegen auf den Universitäten
mit ihrer »kritischen Bibelforschung« ja so eingehend und eifrig festgestellt
haben. Von Gott, dem Vater des Lichtes aber ist diese Verhüllung Seines Wortes
aus weisen Gründen zugelassen, damit der Mensch in seinem Urteilen, Wollen und
Handeln allezeit frei bleibt und ohne Zwang durch freies, selbstständiges
Forschen geistig erweckt, belebt und unter Gottes gnädiger Führung vollendet
werde".
„Habt denn nicht gerade ihr Theologen der
Neuzeit", schaltete Frau Loschmann ein, wegen dieser Beschaffenheit des
Gotteswortes euren kalten Verstand in schärfster Weise an das Bibelbuch
gelegt?!"
„Wir kritischen Bibelforscher", entgegnete
Loschmann etwas stockend, „wollen nichts als den wahren, göttlichen Kern
wieder aus der irdischen Schale befreien und vom äußerlichen Drum und Dran
wieder auf den wesentlichen, goldenen Wahrheitsinhalt dringen!"
„Sehen Sie!" fiel Liebhardt lebhaft ein -
„Und darum erscheint es denn nun auch heutzutage überaus nötig, daß –
nicht Menschen mit ihrem kalten, kurzsichtigen Verstand – sondern der
Himmlische Vater Selbst durch den Heiligen Geist und die Boten Seines Lichtes,
den suchenden und fortgeschritteneren Menschen Sein Wort in enthüllterer Weise
neu zugehen läßt, die Heiligen Schriften im Lichtes Seines Liebegeistes Selbst
klärt, ergänzt und auslegt. Das neue Gotteswort soll und wird die künftige
Menschheit tiefer als je in die Geheimnisse des Lebens und in die Tiefen der
Gottheit einführen".
„Ja", sagte Frau Loschmann, „das leuchtet
mir durchaus ein. Wie die Erhellung und Erwärmung der Erde fortschreitet vom
Winter zum Sommer – so, denke ich mir, wird auch die geistige Erhellung und
Belebung der Völker und der einzelnen Menschen durch das ergehende
Offenbarungswort fortschreitend erhöht nach dem Stand des Bedürfnisses und der
Reife. Und so kann ich es denn recht wohl glauben, daß Gott der Herr einzelnen
reiferen Menschen oder Völkern immer wieder neuen, umfassendere und tiefere
Enthüllungen Seines göttlichen Wesens und Willens kund gibt."
„Du bist ja eine recht Spiritualistin!"
wandte sich Loschmann bei diesem temperamentvoll vorgetragenen Bekenntnisse
staunend an seine Frau - „Wo kommen wir da hin mit unserem Katechismus!?"
„Was, Katechismus!" erwiderte sie - „Was
geht uns der von Menschen gemachte Katechismus an – wenn Gott
durch Seine Engel und geistigen Rüstzeuge Selber redet!"
„Und glauben Sie es fest und vertrauensvoll, Herr
Pfarrer", fügte Liebhardt mit feuriger Überzeugung hinzu, „der Vater
des Lichts läßt kein ernstlich suchendes Menschenkind, das sich zum Aufschluß
demütig zu Ihm wendet, im Ungewissen. Er hat einem jeden Menschen einen
göttlichen Geistfunken ins Herz gelegt, der in jeder liebe- und demutsvollen
Seele gar mächtig leuchtet. Dieser Funke des Heiligen Geistes sagt einem jeden
wahren Gottsucher, was in den prophetischen Schriften wie auch in sonstigen
Kundgaben wahrhaft von Gott und was anderweitige Zutat ist. Gott ist in Seinem
Grundwesen Liebe. Und was mit der wahren, selbstlosen, tatfertigen Liebe zu Gott
und allen Gottesgeschöpfen im Einklange steht, das ist echt und das dürfen wir
unbedenklich als göttlich und heilvoll annehmen. Das andere mögen wir als
Schale oder auch als Fälschung betrachten. Der Feingehalt an wahrer,
göttlicher Liebe ist das untrügliche Kennzeichen der Gottesechtheit. Denn Gott
ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in
ihm. - Daher fürchten Sie sich nicht, verehrter Freund, und folgen Sie auch in
diesem Punkte dem von Ihnen so hochgeschätzten Apostel Paulus! Wir wissen ja,
was dieser große Spiritualist den Thessalonichern schrieb: »Den Geist dämpfet
nicht! Die geistigen Botschaften verachtet nicht! Prüfet aber alles, und das
Gute behaltet!« Und uns allen dient auch heute noch der Rat, der er der
Korinthergemeinde bezüglich der Verbindung mit der höheren, geistigen Welt
gab: »Strebet alle danach! Und ich will euch noch den köstlichsten Weg dazu
zeigen – die Liebe!«"
„Bravo!" rief Frau Loschmann - „Herr
Lehrer, wir kommen heute Abend nach Tisch zu Ihnen hinüber, wenn Sie wieder
schreiben und uns gerne die Anwesenheit erlauben. Dann wollen wir hören, ob die
lieben Himmlischen nicht auch uns etwas zu sagen haben!"
Damit waren nun Liebhardt wie auch Pfarrer
Loschmann sehr von Herzen einverstanden. Und man schied mit einigen fröhlichen
Worten. Auch dem Pfarrer war es recht, daß die denkwürdige Unterredung durch
die Schlußworte seiner Frau diesen auf's praktische Erfahren gerichteten
Ausgang genommen hatte.
28. Kapitel
Am Abend fanden sich denn also die nachbarlichen
Freunde im Schulhause wieder zusammen und saßen bald in bester Eintracht beim
Lampenscheine um den gemütlichen runden Tisch des Wohnzimmers.
Lydia hatte die Stube, wie immer, peinlich in
Ordnung gebracht, und im ganzen Heime atmete ein wohltuender Friede. Die Kinder
schliefen im Nebengemache. Und nichts störte die Harmonie des kleinen Kreises.
Liebhardt legte sich einen Schreibstift und einen
Block mit Schreibpapier zurecht. Und dann bat er allen Anwesenden, die in
bequemen Stühlen Platz genommen hatten, sich zu sammeln und den himmlischen
Vater still im Herzen zu bitten, ihnen heute Abend durch Seine Diener etwas so
recht Wichtiges und Aufbauendes kundtun zu wollen.
„Hätten Sie irgendeine Sie besonders bewegende
Frage, welche Sie gerne vom himmlischen Standpunkte aus beleuchtet sehen
möchten?" wandte er sich an das Pfarrersehepaar.
„Wenn ich einen Wunsch äußern dürfte",
sagte mit zaghafter Stimme Frau Gertrud Loschmann, welche sich in furchtsamer
Erwartung dicht neben ihren Mann gesetzt hatte, „so würde es mich am meisten
interessieren, nun einmal einen wirklichen Geist, das heißt also einen
verstorbenen, abgeschiedenen Menschen, reden zu hören über das, wie es ihm im
Jenseits geht und wie und wo er sich jetzt befindet. Das müßte, wenn es
wirklich solch eine Kundgabe gibt, doch wohl auch für meinen Mann das
Überzeugendste sein! Besonders wenn er es hier so gleichsam handgreiflich und
unmittelbar vor Augen sieht".
„Wir haben ja", sagte Lehrer Liebhardt, „durch
die Erzählungen unserer Schutzgeister schon verschiedene und sehr ausführliche
Berichte dieser Art gehabt. Und so denke ich, daß Ihrem Wunsch an sich wohl
nichts entgegensteht. Ob es freilich in des Herrn Wille liegt, auf diese Weise
uns auch heute Abend zu belehren, das müssen wir Ihm anheimstellen. Und
so wollen wir in Ruhe abwarten und dankbar alles annehmen, was Er uns
schickt". Während Liebhardt noch so redete, ergriff er den Schreibstift.
Dann legte er die Hand auf das Papier. Und in lautloser Stille harrte alles mit
tiefem Ernst, was der Himmel verfügen würde.
Plötzlich setze sich der Stift in Bewegung. Und
Liebhardt schrieb in mäßig schnellem, ununterbrochenem Zuge Worte voll Friede
und Güte, welche er gleichzeitig mit ruhiger Stimme wie auf Vorsagen aussprach:
„Ihr lieben Teuren kommt in Zweifeln in dieses
Haus, um über die tiefsten und wichtigsten Fragen des Lebens Klarheit zu
gewinnen. Ehrlichem, ernstem Suchen und Forschen kommt des himmlischen Vaters
heilige Liebe gerne entgegen. Hat Er doch verheißen: »Suchet, so werdet ihr
finden! Klopfet an, so wird euch aufgetan!« - Und so ist es uns auch heute
gestattet, auf eure Bitte euch zur Belehrung einen Geist der unteren Sphären
vorzuführen, der soeben unter gar merkwürdigen Umständen aus dem irdischen
Leben geschieden ist. Sein Schicksal wird euch umso tiefer berühren, als er vom
irdischen Dasein her zwar nicht dem Schreiber, wohl aber den beiden Gästen
bekannt ist. - Wir werden nun zurücktreten und den Geist selbst zu euch reden
lassen!"
Nach kurzen Warten kam nun in einem etwas anderen
Ton und Fluß der Rede aus der geistigen Welt eine Kundgabe, welche die
anwesenden Hörer in das größte Erstaunen versetzte.
„Ach Gott" - so lauteten die von Liebhardt
mit lebhafter innerer Erregung ausgesprochenen Worte - „was ist denn mit mir
geschehen!? Ich bin ja ein erschrecklicher Zerstörer und Hinmorder meiner
ganzen Familie! Da liegt mein Weib – fast kenne ich es nicht mehr! - Und da
mein Kind, das einzige Glück meines Herzens! - Zu allem Unheil brennt auch noch
das Haus mitsamt dem reichen Warenlager! - Ein Flammenmeer hüllt mich ein! -
Der Wald wird bald auch ein Raub des Feuers sein! - Zu Hilf, zu Hilf, ich bin
verloren!
Ach Gott, wie kam das nur?! - Durch den
unglücklichen Motor ging's an! - Du Zeit, du Zeit! - Es schien doch alles
schön zu stimmen – und plötzlich schlug die Flamme aus dem Innern der
Maschine, ergriff meine Kleider. Ich stürze ins Freie, meine Frau rufen. Sie
kommt löschen, fängt selbst Feuer. Wir stürzen ins Haus zum Wasserhahnen. Da
tut's einen furchtbaren Knall, der Motor fährt in Stücke und die Halle steht
in Brand! Das Feuer züngelt mit Blitzesgeschwindigkeit ins benachbarte Wohnhaus
über, und mein Weib schreit: »O Gott, das Kind schläft auf der Veranda!« . .
.
„Herr des Himmels!" sagte da mit entsetzter
Stimme dazwischen hinein Frau Loschmann zu ihrem Gatten - „Das wird doch nicht
dein Vetter Hermann in Mühlbach sein!? Der hat ja immer solch eine Geschichte
mit seinen Erfindungen!"
„St! - Still!" beschwichtigte Pfarrer
Loschmann, dem Ton seiner Stimme nach innerlich selbst ebenfalls sehr erregt -
„Nicht unterbrechen! - Wir werden es ja sehen!" Und Lehrer Liebhardt fuhr
fort zu schreiben und zu sprechen:
„ . . . Brennend eilt sie hinauf, ich hinten
drein. Großer Gott, wie ist es denn das Weitere geschehen? Ich weiß gar nicht
mehr, wie es ging! Die Veranda stand, als ich hinaufkam, wohl schon in Flammen.
Zuletzt sah ich nur noch mein brennendes Weib mit dem Kind in den Armen. Und
dann war alles aus und nur noch Flammen, Flammen und – der Tod!" . . .
„Er ist's, er ist's, Heinz, - du wirst es
sehen", flüsterte Frau Loschmann ganz entgeistert zu ihrem Gatten.
„ . . . So zerrann mir", fuhr die Stimme des
Mittlers Liebhardt fort, „mein Glück und mein Traum! Zuerst war es der
Unglücksmotor, an dem ich seit Jahren gearbeitet habe bei Tag und Nacht! So
rächte es sich, daß ich Weib und Kind vergaß und mein ganzes Vermögen
daranrückte, diese Maschine des Verderbens zu bauen, die Menschen ersetzen
sollte – und, wie ich wußte, brotlos machen würde! Zerstört hat sie nun
mein eigenes Heim!
Herr, Gott, was nun? - Was nun? - Warum lebe ich
noch? - Was hat die Maschine nicht mich zerrissen, der ich doch an allem schuld
bin!? Warum die Frau und das arme Kind in den Flammen begraben – und mich, den
Schuldigen, zu Reue und ewigen Qual am Leben erhalten!? - Wo ist da ein Gott,
ein gerechter Richter?! - Nichts ist's mit dem Glauben! Alles Gerede von einem
Gott im Himmel ist Trug!! Wenn Gott mein Weib und Kind mir zur Strafe nahm, so
frage ich ihn, zu welchem Zweck ließ er sie solche Qualen leiden? Warum hat er
die gute Mutter verbrannt, die, ihres Lebens nicht achtend, unsern Jungen, unser
Kind retten wollte – und nun den unsagbaren Schmerz empfinden mußte, in den
eigenen Armen ihren Liebling zu verbrennen!
Zu einem Gott von solcher Grausamkeit kann ich nie,
nie wieder beten! - Er mag sein oder nicht – ich verachte ihn, ich hasse
ihn!! Er hat mein Glück für immer vernichtet und mich zum ewigen Feind sich
gemacht! Um Gnade ihn bitten, wäre die größte Schmach! Eine Schande, wahrlich
eine Affenschande wäre dies!" . . .
„Das ist ganz Vetter Hermanns Gesinnung!"
warf hier Frau Loschmann wieder ein.
„So gib doch endlich Ruhe!" warnte der
Pfarrer mit Nachdruck, die zitternde Hand der Gattin in seiner warmen Rechten
bergend.
„ . . . Mein Haus, mein Motor, mein Geld zum
Teufel! - Weib und Kind ade!" so lauteten Liebhardts Worte weiter - „Mit
mir ist's aus! Für mich ist nur eine Kugel noch gut! - Wo aber bring' ich den
Schießkolben her? - Zum Henker! Ist denn das alles nur ein Traum?
He – he – Alwine!"
Da! - wie ein elektrischer Schlag fuhr's bei diesem
Namen durch den Pfarrer und seine Frau. - „»Alwine« - hast du's
gehört!?" rief sie - „das ist ja ihr Name – so heißt doch seine
Frau!"
„ . . . Wach auf!" schrieb und sprach
Liebhardt weiter - „Es ist doch Tag, wenn auch noch dunkle Dämmerung! - Zu
Hilf! Zu Hilf! - Da brennt's ja – lichterloh! - Beim Himmel, Alwine, wach auf!
Das Kind vor allem hinaus!! Auch den Hund laß raus! Das Tier verbrennt! Zu
Hilf! Zu Hilf! Hörst du denn nicht! Alle Wetter, schläft die! - Auf!! Auf!!
Das ganze Haus steht in Flammen!!!
Bei Gott, das ist kein Traum!! Das muß doch
Wahrheit sein! - Doch wie versteh ich das: der Qualm erfüllt den ganzen Raum,
längst bin ich verbrannt bis auf die Knochen – und dennoch lebe, denke,
rede ich!! - Wie kommt denn das!? Wie erklärt sich das!? Zum Kuckuck, das
geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Da muß doch was dahinter stecken! - Ist
denn die ganze Welt verhext?! Her eine Schelle und mal Lärm gemacht, daß
endlich jemand kommt und mir sagt, ob ich lebe, träume oder tot bin!! -
Um Gottes Willen, da schellt's ja fürchterlich! -
Das sind ja Glocken – Glocken wie wenn's brennt! - Alles rennt herzu und
schreit: »Feuer, Feuer!« - Herrgott, was für ein Lärm! - Und ich lieg' da
– und die Alwine schläft mitsamt dem Kind!! He, herbei! Herbei ihr Leut!! -
Hierher zu mir!! - Da unten lieg ich! - Der Motor ist in die Luft! Das Haus ist
eingestürzt über uns! - Rettet, rettet nur erst meine Frau und mein Kind! Ich
bin ja geborgen und lebe!
Ah, das ist ja entsetzlich! - Die Balken krachen! -
Mir drückt's den Brustkorb ein! - Ich verliere die Luft! - Zu Hilf, Zu Hilf! Zu
Hilf! - Die Luft geht aus! Mein Gott – die Luft -ich bin verloren! Es atmet
sich fast nicht mehr, es ist rein zum Ersticken! Und doch lebe ich noch immer
– und wie merkwürdig leicht ist mir zu Mut! Ihr Leute macht vorwärts! Was
treibt ihr denn? Geht her, räumt hier den Schutt zur Seite und holt mich raus!
Was!? - Beim Henker, die großen Esel lassen den
Brand wüten, wie er will, und rennen nach dem Wald! Der Wald – natürlich ist
ihnen viel wichtiger als ein paar Menschenleben! Elende Bande! Mein Weib, mein
Kind lassen sie kaltblütig verbrennen und mich unter den Trümmern ersticken! -
Mordbande, verfluchte!! - So eine Gemeinheit! - Mir soll aber nur einer noch
kommen und um Arbeit bitten – ich schmeiß ihn hinaus und will lieber die Bude
schließen, als solch eine Hundsvolk weiter ernähren! - Zum Henker mit dem
dreckigen Pack! - Ha, wenn ich die Kerle erwische, wenn ich wieder ans
Tageslicht komme! Dann wehe, ihr gemeinen Halunken!!
Ach Gott, 's ist wirklich kein Traum! Es ist alles
nur zu schreckliche Wahrheit! - Nur daß ich lebe, das nimmt mich wunder!
- Es muß doch immer noch Luft hier sein! - Und doch liege ich ganz in
glühendem Schutt! - Ist denn das am End' gar - die Hölle?! - Es sieht
fast so aus! Es ist ja doch rein nicht möglich, daß ein Mensch in solch einer
Glutlava lebt! - Ich bin wirklich schon tot!
Ah, das ist doch zum Aus-der-Haut-fahren, wenn ich
nur noch eine hätte! Aber da ist doch reel nichts mehr da als Asche und
Knochen! Was sag ich Knochen?! Nicht einmal das – ein Häuflein Staub!
- -- Und dennoch - - leb' ich!!
Ist denn sowas überhaupt möglich? - Ohne
Leib immer noch leben? - Das ist doch einfach ein Blödsinn! Also ist des doch
alles nur ein Traum!
Alwine, he! Alwine he! Alwine! - Ein Glas Wasser
oder einen ganzen Kübel her über mich!! Her! Daß ich aufwache!! - Ich
träume! - Ich muß ins Geschäft! Die Luder treiben mir Unfug. Das ganze Werk
steht still und mein Geld geht drauf!
Alwine, her, ein Wasser! - Ich liege in vierzig
Grad Fieber! - Ich verbrenne! - Himmel! Geh doch her, dummes Weib - Hört denn
kein Mensch, wenn da einer stirbt!? - Heiliger Gott, wie ist mir?! - Rein zum
Heulen ist alles!!
Jetzt steh ich aber auf! Kost's was es wolle, ich
muß heraus! - -
So, jetzt bin ich da! - Aber wo ist denn der
Ledermantel? - Der ist ja total verbrannt! - Und da stinkt's wirklich nach Feuer
und Rauch, daß Gott erbarm! - Ich bin wirklich verrückt!! - Und kein
Mensch um den Weg zur Hilfe!! - Mein ganzer Anzug ist verbrannt – und meine
Hände – beim Himmel, was ist denn das?! - Das sind ja - Aschenhände!! - Grau
– grau – ein reines Pulver!! - Und weiß Gott – der ganze Leib!! - Ja, ich
bin wirklich verhext – verhext und verrückt!!
Das kann doch bei Gott und allen Heiligen nicht
sein, daß ich zu Asche verbrannt bin – und noch lebe!! Da muß ich doch
Alwine fragen, ob das möglich ist! Sie geht ja in die Stunde zu den
Spiritistengenossen. Da muß sie's doch wissen!
He, da kommt sie ja endlich! - Gott sei Lob und
Dank! Wo steckst denn du so lang? Das ist doch ein starkes Stückchen, denn Mann
einfach liegen zu lassen, wenn er am Fieber fast vergeht!! . . . Ich träumte,
der Motor sei explodiert und alles kaputt. Du und der Kleine seid verbrannt, und
ich unter den Trümmern des brennenden Hauses verschüttet. Es war kein
Vergnügen, kannst mir's glauben! - Und ich rufe und schelle nach dir und du
kommst einfach nicht! Das ist doch eigentlich eine Roheit!
. . . Was sagst du da? - Du seiest auch verbrannt?!
- Du und Friedchen – [wieder fuhr bei diesem Namen Frau Loschmann zusammen und
Pfarrer Loschmann griff sich an die feuchte Stirne] – unser Kind auch? Beide
seid ihr tot?! - Und ich – auch! - Ha, das ist doch nicht möglich! Ich atme,
denke und rede doch noch! Und du selbst gehst da hin und her! - Laß mich dich
doch fühlen! Ist denn deine Hand auch von Asche? - - Christus Jesus!! -
Was ist denn das!? - Alles – Asche! - Graue Asche!!
. . . Und unser Friedchen?! - Was ist mit dem? - Herrgott,
schau doch nach! Steht nicht da wie eine Bildsäule! Mein Friedchen, mein
Friedchen – ist der auch verbrannt?! - Ist der auch ein Aschenhäufchen??
. . . Mein Gott, du schweigst und weinst! - Wir
alle leben nicht mehr, wir seien alle verbrannt und tot!? Das geht doch gar
nicht! - Aschenhäufchen haben doch kein Leben! - Und Seele, Geist – das gibt’s
doch nicht! - Geist ist Wille. Und der Wille wohnt im Kopf. Und wenn der Kopf
verbrannt und Asche ist, kann er nicht mehr denken, reden und wollen! Das ist
doch klar wie die Sonne! - Alles andere ist Gefasel! - Deine dummen Spiritisten
haben dir den Kopf verdreht!
Aber ich will dir was sagen: Es geht heute doch
nicht, daß ich ins Geschäft gehe. Ich muß ins Bett! Ich hab' wirklich Fieber!
- - Ich schlafe mich mal kräftig aus. Ja, ja, mal schlafen, tüchtig schlafen,
dann ist alles wieder gut!"
Nach diesen Worten stockte Lehrer Liebhardts
Schreib- und Redefluß. Er legte nach einer kurzen Weile des Wartens den Stift
weg und sagte: „Für heute ist es Schluß! - Morgen geht es, so Gott will,
weiter."
Tief erschüttert saßen alle vier Zirkelteilnehmer
da. Lydia trocknete mit dem Taschentuch die Tränen, die reichlich über ihr
Gesicht geströmt waren. Frau Gertrud Loschmann hatte sich ganz in ihren Mann
verkrochen und schaute mit Furcht und Schreck in dessen Gesicht, gespannt, was
er nun zu dieser entsetzlichen, aber für sie beide so lehrreichen Enthüllung
sagen werde.
Lehrer Liebhardt, dachte sie, hat doch die
Verhältnisse des Vetters und die Namen seiner Frau und seines Kindes ganz
bestimmt nicht gekannt! - Das ist ja aber furchtbar, wenn es so im Jenseits beim
Tod eines Menschen zugeht!
Endlich fand Pfarrer Loschmann, zwischen Daumen und
Hand die Stirne pressend, die Sprache wieder, Wenn auch noch stammelnd und
stockend, sagte er zu Liebhardt gewendet:
„Das ist ja nun alles freilich höchst sonderbar
und klingt wirklich ohne Zweifel – sehr überzeugend. Und ich habe natürlich
ja auch nicht den geringsten Verdacht, daß dies alles bewußt aus Ihnen selbst
käme und ein Produkt Ihrer eigenen Phantasie und Erzählungskunst wäre. Aber
sind Sie denn auch ganz gewiß, lieber Freund, daß diese Sache nicht aus Ihrem
sogenannten Unterbewußtsein stammt, jenem geistigen Sammelbecken der Seele, in
welchem, dem wachen Menschen unbewußt, alle Eindrücke, Gedanken und
Empfindungen aufbewahrt werden, welche die Seele je in dieser Welt einmal gehabt
hat!?"
„Da kann ich nur soviel sagen", entgegnete
Liebhardt, „da ich diese Gedanken, die da in mir aufstiegen und welche ich vor
Ihnen niedergeschrieben und ausgesprochen habe, mein Lebtag nie auch nur im
entferntesten selbst gedacht habe. Die kommen nicht aus mir – weder aus dem
Bewußtsein noch aus dem Unterbewußtsein meiner Seele. Aus dem Unterbewußtsein
können gehabte Eindrücke und Gedanken auch wohl nur als leise, bunte
Bestandteile aufsteigen, so wie in diesem geistigen Sammelbecken oder Archive
von den Registraturkräften der Seele aufbewahrt werden. Aber ohne bewußte
Arbeit des Menschengeistes wird aus diesen Bestandteilen sicherlich nie ein
sinnvolles Ganzes – wie hier in dieser uns heute Abend zugegangen Schilderung!
- Und somit glaube ich bestimmt nicht, daß diese sonderbar lebendige, in sich
höchst logische und klare Darstellung ein Produkt meines Unterbewußtseins
wäre!"
„Natürlich nicht!" sagte Frau Loschmann
lebhaft - „Wie hätte denn Herr Liebhardt in seinem Unterbewußtsein die Namen
von Alwine und Friedchen wissen sollen!?"
„Du kannst ja noch durchaus nicht mit voller
Gewißheit sagen, daß es wirklich unser Vetter ist, um den es sich da
handelt!"
„Das werden wir ja noch im Folgenden sehen"
schloß Lehrer Liebhardt mit ruhiger, zuversichtlicher Stimme die Aussprache. -
„Daß hier wirklich unsichtbare, übersinnliche Wesen im Spiel sein müssen,
werden Sie sich schon noch vollkommen überzeugen. - Auf einen Axthieb
fällt ja, wie das Sprichwort sagt, nie ein Baum!"
„Und besonders kein so alter, knorriger!"
sagte Frau Gertrud scherzend, indem sie ihrem Gatten einen leichten Schlag auf
die Schulter gab. - „Wir wollen nun aber für heute gehen und Ihnen Ihre
gesegnete Nachtruhe nicht länger stören. - Uns wird das Gehörte ja nun heute
noch lange beschäftigen und nicht zum Schlafen kommen lassen. Denn diese Sache
– das sehe ich – ist auch für meinen Mann ein höchst rätselhaftes
Geheimnis, das wir mit des Herrn Hilfe uns erschließen müssen, koste es, was
es wolle!"
„Nehmen Sie auf alle Fälle", sagte Pfarrer
Loschmann, den Lehrersgatten die Hand drückend, „unsern herzlichsten Dank! -
Und erlauben Sie uns, morgen um diese Stunde wieder zu Ihnen zu kommen und
weiteres zu vernehmen!"
„Sehr gerne", erwiderte Liebhardt – „es
wird uns die größte Freude sein, auch Sie beiden lieben Freunde in das Reich
des Lichtes und der Liebe einführen zu dürfen, in welchem wir selbst nun schon
so viel Seligkeit finden durften."
Damit verabschiedeten sich die beiden Ehepaare. Und
die Pfarresleute gingen tief in Gedanken versunken ihrer Heimstätte zu.
„Siehst du", sagte Frau Gertrud, als sie das
Pfarrhaus aufschlossen, „es ist doch wirklich wie der Dichter sagt: Es gibt
gar sehr viel mehr zwischen Himmel und Erde, als ihr gelehrten Herren euch
träumen laßt!"
29. Kapitel
Kaum war am anderen Abend die bestimmte Stunde
gekommen, da verließen Pfarrer Loschmann und seine Frau schon wieder ihr Haus
und wanderten eilends der Wohnung des Lehrers zu. Frau Lydia empfing sie auf der
Treppe mit großer Freundlichkeit, nahm den Asternstrauß, den sie mitbrachten,
herzlich dankend in Empfang und führte die Gäste ins dämmerige Wohnzimmer, wo
schon die Lampe brannte.
Da Liebhardt noch einiges für den am andern Tag
zusammenkommenden Kirchenchor zu besorgen hatte, setzte sich Lydia mit Frau
Gertrud auf das Sofa, während der Pfarrer in einem bequemen Ledersessel Platz
nahm.
„Was haben Sie nun gestern für Eindrücke mit
nach Hause genommen?" fragte Lydia begierig - „Wie denken sie über die
Sache? - Mir wurde ein wenig bang, ob Sie wohl alles auch so auffassen und
ansehen wie wir."
„Oh, wenn Sie wüßten, Frau Lydia", sagte
Frau Loschmann, „wie uns dieses Erlebnis bewegt! Meinen Mann fast noch mehr
als mich! Er hat heute Morgen sofort an unsern Vetter geschrieben – den Namen
und seinen Wohnort wollen wir Ihnen nicht sagen, damit Ihr Mann von keiner
Kenntnis irgend beeinflußt wird. - Wir sind nun aufs höchste gespannt, was wir
da für eine Nachricht bekommen und sind innerlich schon auf das Schlimmste
gewappnet. Die Örtlichkeit, soweit sie gestern Abend beschrieben wurde, die
Motorenhalle, das benachbarte Wohnhaus, die Fabrik und der nahe Wald – das
stimmt ja alles – ebenso wie der Name der Frau und des Söhnchens sowie die
Gesinnung des Vetters. - Gott im Himmel, das ist ja alles so überaus sonderbar
und bedeutungsvoll! - Auch mein Mann ist ganz benommen und kann es sich rein
nicht erklären!"
„Es ist wahr", sagte Loschmann, indem er mit
beiden Händen leicht auf die gepolsterten Stuhllehnen schlug, „je mehr man
über diese Geschichte nachdenkt, umso merkwürdiger wird sie einem! - Aber es
kann doch nicht sein, daß da ein Geist herkommt aus dem Jenseits und uns
vorplaudert, wie's ihm geht, und wie's ihm drüben zu Mut ist! Das ist doch rein
unmöglich! Da müßte man doch schon lange ein genaues, wissenschaftlich
festgestelltes Bild davon haben!"
„Jetzt sprichst du ganz genau," rief
lächelnd mit einem gewissen Eifer seine Frau, „wie jener unselige Geist
gestern Abend, der nicht glauben konnte, daß er schon gestorben war, da er ja
doch lebte! Auch der sprach, das ist doch rein nicht möglich, das kann doch
wissenschaftlich gar nicht sein, daß einer noch denkt und redet, wenn sein Leib
Asche ist!"
„Ja, das ist fürchterlich", sagte Lydia,
„daß viele Verstorbene es lange Zeit gar nicht wissen und glauben, daß sie
aus dem irdisch-leiblichen Leben abgeschieden sind! In ihrem erregten
Traumzustande meinen sie noch immer in ihrer alten, gewohnten Umgebung zu leben.
Und es braucht oft viele Mühe für die Engel Gottes, bis sie diese
Unglücklichen nur wenigstens davon überzeugen, daß sie nun irdisch gestorben
sind."
Ja, entsetzlich ist das", bestätigte Frau
Gertrud, „in welchem Wahne hier wie dort, im irdischen wie im jenseitigen
Dasein die Menschen leben! Und man hat wahrlich Anlaß, sich so früh wie
möglich volle Aufklärung über alle nach dem Tode uns erwartenden
Verhältnisse zu verschaffen!"
Bei diesen Worten trat der Lehrer Liebhardt, eine
Zeitung in der Hand, aus seinem Arbeitszimmerchen in die Wohnstube, begrüßte
die Angekommenen herzlich und setzte sich zu ihnen.
„Da habe ich", sagte er, die mitgebrachte
Zeitung entfaltend, „im Abendblatt soeben eine Zeitungsnachricht gelesen, die
merkwürdig an die gestern empfangene Botschaft erinnert! - Hier steht unter
'Nachrichten': „Aus Mühlbach: Gestern Abend brannte infolge einer Explosion
das Fabrikanwesen und Wohnhaus von H.F. Ziegler nieder -."
„Heinz!" schrie Frau Loschmann auf und
faßte nach ihrem Gatten - „Siehst du, er ist's - unser Vetter Hermann!!"
„Wahrhaftig!" sagte Loschmann und griff nun
ebenfalls ganz bestürzt mit beiden Händen nach der Zeitung.
„Der Besitzer", fuhr Liebhardt mit gesenkter
Stimme zu lesen fort, „wurde samt Frau und Kind unter den brennenden Trümmern
begraben und fand mit ihnen den Tod."
„Entsetzlich!" stammelten die beiden
Pfarrersgatten in das Zeitungsblatt starrend - „Das ist ja eine furchtbare
Sache!"
Die ganze, kleine Gesellschaft war tief betreten.
Der Pfarrer aber sprang von seinem Sessel auf. „Lassen Sie uns nun sogleich
weiter hören, meine Freunde, was da alles noch geschehen ist" sagte er
rasch, mit wahrem Feuereifer alle drei Anwesende nach dem runden Tisch
drängend. - „Aber du, Gertrud", setzte er zu seiner Frau gewendet hinzu,
„rede diesmal nicht so viel dazwischen! das stört ja doch sicher im höchsten
Grade!"
„Oh", meinte Liebhardt, „das ist nicht so
schlimm! Das Zwischenreden oder Fragen, wenn es mit gutem Sinn geschieht, ergibt
oft merkwürdige und sehr aufschlußreiche Antworten. Die Jenseitigen sind nicht
so rasch aus dem Konzept zu bringen!"
„Immerhin, immerhin!" sagte Loschmann eifrig
- „Sie sollte das unnötige Zwischenrufen lassen! Wir wissen ja nun, um wen es
sich handelt und wer da zu uns redet!"
„Gewiß! - Ich will mich denn auch
zusammennehmen!" versprach Frau Gertrud.
Und alles eilte zum Tisch unter der Lampe.
Liebhardt nahm wiederum vor seinem Schreibblocke
Platz. - In tiefem Ernste sammelten sich alle in ihrem Innern und baten die
himmlischen Mächte um einen weiteren, recht lehrreichen Aufschluß.
Und in kurzem begann der in stilles inneres
Lauschen versunkene Mittler zu schreiben und zu sprechen:
„Seltsame Geschichte das! - Immerzu schlaf' ich!
- Aber ein rechter Schlaf ist das nicht.
Wenn das so weitergeht, dann kann's ja recht
werden! - Alwine, hör mal, wie ist denn das bei den Spiritisten? - Ist da je
wirklich einmal ein Geist gekommen und hat euch gesagt, daß er noch lebe ohne
einen wahren Leib? - Es ist doch wissenschaftlich gar nicht denkbar, daß eine
Kraft sich äußert ohne Stoff! ... Hätt' ich doch auch mal bei euch den
Hokuspokus studiert und eurem Zeug auf den Grund geschaut! - Um dir aber jetzt
zu beweisen, daß ich lebe, und zwar auf der Erde - als Mensch, nicht als Geist
in der Hölle - laß mich nun mal aus dem Bett und auf die Füße stehn!
... Schau, da bin ich! - Aber Teufel, was ist denn
das!? - Unter mir kein Boden! Ringsum Luft, nichts als Luft!!!? - Eh, was ist
denn das mit mir!? - Glaub, ich bin doch auf dem Weg ins Jenseits!? - Ein
Gefühl ist das, in der Luft zu schweben wie ein Blatt im Wind ohne Stand und
Halt! - Ha! Wetter! Einen Stuhl oder wenigstens ein Brett! Ich versaufe ja im
Nichts!
Hör Alwine! - Wo bist du denn?! - Fort!? - Nicht
mehr da! - Alles weg! - Gott im Himmel, wie ist's da leer! Und wie scheußlich
dunkel! Nirgends Licht für einen Pfennig! Finster, finster auf allen Seiten! -
Gibt's denn da keine Hilfe, keine Rettung mehr für mich?
O Gott, könnt man beten! Aber das geht jetzt nicht
mehr, das ist jetzt zu spät! - Gibt's denn überhaupt einen Gott? - Ich weiß
es ja nicht einmal und hab' mich auch nie darum gekümmert.
Es wäre aber doch wirklich gar zu gemein, mich
ewig in dies dunkle, scheußliche Loch zu sperren für mein geringes Vergehen,
daß ich nicht glaubte! - Das kann doch ein Gott nicht machen!
Ich will doch mal um Hilfe rufen, ob niemand kommt
und mich erhört! - He - Hilfe! Hilfe! Hilfe!! - Ist wo ein Gott, so komme er
her und sei mir elendem Sünder gnädig! ... Ich will mal warten! - Es muß sich
doch wohl etwas zeigen! ---
...Aha, da geht die Türe auf! - Wer kommt denn da?
- Ein alter Mann! - Potz Tausend, das ist ja der verstorbene alte
Spiritistenonkel! - Herrje, der wird sich freuen, wenn er mich in diesem Käfig
findet!
Nun, guter Mann, was sagen Sie jetzt über das
ewige Leben? - Ist das auch ein Zustand?! - Und wie geht's denn Ihnen? Sind Sie
auch im Loch? - Oder etwa im Himmel? - Sehen mir grad nicht so aus! Sind ja blau
vor Kälte! -- Ach, Sie armer Teufel, Ihnen geht's wohl noch schlechter als
mir!? - Kommen Sie nur zu mir rein! Auf der Welt, im Leben, hab' ich Sie ja
freilich nicht schmecken können. Nehmen Sie mirs nicht übel! Ihre
Geistergeschichten waren mir zu dumm und Ihre Einbildung zu groß. Lieber hielt
ich's mit der Kirche als mit solchen Konventikeln.
Was ist denn nun aber jetzt mit dem sogenannten
Jenseits? - Haben Sie recht behalten, oder ist alles ein Humbug, was Sie da
verzapft haben im spiritistischen Kreis?
... So, so, Ihnen geht's gut!? - Aber was frieren
Sie dann so? - Weil Sie selber auch im Himmelreich ein armer Teufel sind!? -
Haha, das ist ja doch zum Lachen, so ein Himmel für die Frommen - und für die
Gottlosen so eine Hölle! - Hier sollte doch wenigstens ein Feuer brennen, daß
man auch sieht und spürt, hier ist die Hölle! - Und wenn einer vom Himmel
herunterkommt, sollte er doch nicht klappern vor Kälte! ... Wie? Was sagen Sie?
- Hier sei es kalt!? - Ich spüre nichts, mir ist ganz warm und wohl in dieser
Hölle! ...
Soso,
Sie meinen das geistig?! - Darum friert Sie's bei mir - weil mir die rechte
Liebe fehle! - Nun ja, nun ja: Gott sei's geklagt, in meinem Leben hab' ich
außer mir und Friedchen wohl keinen Menschen gern gehabt. Nicht mal mein Weib
so recht. Sie war mir zu fromm und zu dumm. Nur meine Maschinen hab' ich geliebt
und, glaub' ich, das Friedchen, meinen Jungen, auch nur, weil ich gedacht, daß
er dies alles mal erst so richtig heraufbringe, was ich da angefangen hatte.
Ja, ja, da haben Sie schon ein bissel recht! Viel
Liebe gab's bei mir für das Menschenpack nicht. Mir hat aber in meinem ganzen
Leben der Liebe Gott auch nicht viel Liebe erwiesen. - Ich bin als Waise
aufgewachsen in einer Anstalt, wo's fürchterliche Prügel und wenig Brot,
dafür wohl aber harte Arbeit gab und leere Sprüche von den scheinheiligen
Leitern. Nachher kam ich in die Lehre zu einem Kaufmann, der mich abermals
hungern und schuften ließ. Von Liebe auch hier keine Spur! Und so ging's fort,
bis ich mir selbst eine Lebensstellung schuf in meinem Geschäft. Da hat der
liebe Gott mir auch nicht ein bißchen geholfen. Selbst hab' ich alles schaffen
müssen mit Sorgen und Mühen bei Tag und Nacht! Ja, wäre mal da ein Wunder
passiert, das wäre was anderes! Aber nichts davon! Ein Jahr ums andere nur Müh
und Last!
Und da kommen Sie, guter Mann, und sagen, ich
hätte Den lieben sollen, der sich nicht um mich bekümmert hat? Ah nein, das
kann er nicht von mir verlangen! Ich bin mir keiner Schuld bewußt gegen solch
einen Gott! Mir kann ein Vater gestohlen werden, der sich nicht kümmert um sein
Kind, das er in diese Welt gesetzt hat und das er wie ein Tier sich schinden und
abrackern läßt! ..."
„Unseliger Mensch", sprach da durch den
Mittler Liebhardt eine andere, tiefernste, himmelsklare Stimme, „was redest du
da zusammen?! Wer hat dich werden lassen und dir die Gaben des Verstandes
gegeben, mit welchen du dich aus der bitteren Armut zum Wohlstand und Reichtum
erheben konntest! Du weißt, daß du sie dir nicht selbst gegeben hast! - Und
wer gab dir die Willenskraft, durch alle Schwierigkeiten dich hindurchzuringen?
Siehe, auch diese gab dir dein Schöpfer! - Und daß Er dich so kämpfen und
ringen ließ, kannst du dir dafür nicht die guten Gründe denken? Wird denn ein
Wille stark, der sich im Kampfe nicht übt?! Und schärft sich ein Verstand, den
man nicht gebraucht!? - Siehe, diese Fragen allein müssen dich doch stutzig
machen! - Wie hättest denn du deinen Sohn erzogen im reiferen Alter, wenn er
der Sorge der Mutter entwachsen wäre? Hast du nicht oft gesagt, dann muß er
hinaus, ganz auf sich selbst gestellt, und sich auch so wehren, wie du es
mußtest?! Wie sprachst du doch so oft voll Stolz zu deinem Weib von deiner
harten Lebensschule, wie gut sie dir trotz allem bekommen sei und wie du nur
durch sie zum Geschäftsmann gereift worden seist. Ja, schaue nur einmal zurück
und sage mir, ob du die harte Schule missen möchtest!? O nein, du möchtest es
auch heute noch nicht, weil sie dich erst zum Manne gemacht hat!"
„Herr", sprach nun die erste, unselige
Stimme wieder, „wer sind denn Sie auf einmal da in unserer Gesellschaft? - Sie
reden ja wie ein Buch! - Aber recht haben Sie ja wohl! Und ich verstehe nun
schon ein bissel besser das Elend auf der Welt. - Aber sagen Sie auch mal, wer
Sie eigentlich sind und was sie von mir wollen!"
„Armer Freund!" - lautete die Antwort - „Wache
endlich zum ewigen Leben auf und erkenne, wo du weilst! - Hier ist das Reich der
Seelen, Geister und Engel. Und hier siehst du in unseren drei Personen alle
Sphären vereint! - Du, eine arme Seele, laß dich erhellen und belehren von
diesem Bruder, der dir bekannt ist von früher und der es herzlich gut mit dir
meint! Er ist im Lichte, wenn auch noch nicht in den höchsten Sphären, und
kann dir viele wertvolle Aufschlüsse geben, auch dir sagen, was du tun sollst
und mußt, um aus dem Dunkel ins Licht zu gelangen. - Amen-! - So sei es! - Ich
lasse euch hier und gehe wieder dahin, von wo ich gekommen." --
„... Ah, war das doch ein merkwürdiger
Herr!" sprach die Stimme des Abgeschiedenen nun weiter - „Zerflossen ins
Nichts, aus dem er kam! - Ich möchte nur wissen, war das ein Engel oder nur ein
Traum?! - Schön war er ja wie ein Heiligenbild! Und Locken wie Licht und Gold!
- Ah, und die Augen - hell wie der blaue Himmel! - Oh, den möcht ich immer bei
mir haben, da wäre mir besser! - Ich bin doch hier in einem elenden trostlosen
Loch! Da kann's dem freilich nicht gefallen! - Hör, du Freund, bring mich hier
heraus, kost's was es wolle! - Was muß ich tun, daß es mit mir besser
wird?"
„Zuerst, mein Freund", ließ nun der
spiritistische Geistesbruder sich vernehmen, „sieh einmal in dein Herz, ob es
dem Engel, der da so voll Liebe zu dir kam, gefallen kann?"
„Ach nein", entgegnete der Abgeschiedene,
„das weiß ich wohl, vor diesem Blick aus solchen Himmelsaugen bin ich ein
elend Häuflein Dreck! Da fehlt's an allem, vorn und hinten! Mit dem kann ich
mich niemals messen! Dem sprüht die Liebe ja zum Angesicht heraus wie das Licht
aus der Sonne! Da bin ich grad ein finsterer Klotz, nicht wert, daß mich ein
Hund anpißt! - Ah, Freund! Auf, zu dem Engel! Er muß mir helfen! Den muß ich
haben! Der ist meine Rettung! - Oh, Gott, was ist denn mit mir?! Mir wird ja so
wohl, wenn ich bloß an den Goldgelockten denke! O jetzt auf einmal verstehe ich
wohl von Liebe etwas! Das ist ja herrlich, herrlich, wenn man lieben kann! -
Auf, Freund, zu meinem Hohen Liebesboten! Ich muß zu ihm, daß er nur so ein
wenig mich anschaut - da wird mir warm, da werde ich gesund!
Aber weiß Gott, das kommt mir doch auch wieder
alles so unwirklich vor! - Sollte denn das doch alles ein Traum sein? Lieber
Freund, bei allem, was wahr und heilig ist auf Erden und im Himmel - ich bitte
dich, gib mir endlich Beweise - tatsächliche, handgreifliche Beweise, daß ich
gestorben und im Geisterreiche bin und daß dies alles, was ich da sehe und was
du redest, wahr und wirklich ist! Hör! Laß mich die Welt, die ich verlassen
haben soll, noch einmal sehen und mit ihr meine jetzige Welt vergleichen! Dann
mag es sein, daß ich mich von der Wahrheit deiner Worte überzeuge. Mein altes
Heim und meine Fabrik und meine Familie laß mich wieder sehen! Das könnte mir
Licht schaffen!
. . . Ei schau! - Schon sehe ich ein verbranntes
Gebäude! - Es ist die Halle des Motors und das Wohnhaus! - Die Fabrik steht
noch halb! - - Aber unter dem Schutt des Wohnhauses, was sehe ich da?! - Ah!! -
Ein verkohltes Skelett, wie das, welches ich an meiner Frau im Fieber oder
Todestraume sah! - Und dicht dabei ein kleines, verbranntes Kinderskelett, ein
Aschenhäufchen! - Mein Friedchen!! - Gott, mein Gott, so ist es also doch
wahr!! - Meine eigene Leiche aber, wo ist denn diese? - Ich sehe sie nirgends! -
Aha, die haben sie ja wohl schon herausgeholt und auf den Friedhof geschafft!?
. . . Ja – ja dort sehe ich den nahen Friedhof
und ein frisches Grab! - Ich sehe auch auf den Grund des dunklen Erdloches –
Und dort – wahrhaftig – dort liegt mein sterbliches Teil – als greuliches
Nichts voll Ekelgestank! - - Ah! - Gott! - Was ist des Menschen irdische
Pacht!? - ein Häufchen Staub und Moder! . . .
Nach diesen Worten entstand im Schreiben und
Sprechen des Mittlers Liebhardt eine kleine Pause. - Dann ging es weiter. Und in
einem andern, ruhig-ernsten Tonfall kam das Schlußwort:
„Nun ihr Lieben – damit sind wir am Ende
unserer Betrachtung des jenseitigen Geschickes dieser Seele angelangt, soweit
dasselbe sich bis heute abgespielt hat. Der vom irdischen in das geistige Reich
übergetretene Bruder wird nun, nachdem er sich von seinem leiblichen Tode
überzeugt hat, sich leichter von seinen geistigen Freunden zum Lichte führen
lassen, um einst, nachdem er die Kraft und Wonne reiner Himmelsliebe geschmeckt
haben wird, durch tiefgründige Erfahrungen ein neuer Bürger des ewigen
Lebensreiches zu werden. - Beschließet nun hiermit diesen Abend und lasset das
Gehörte in euch zu einem lebendigen Segen werden. - Amen für heute!
Amen."
Wieder lag nach dieser eindrucksvollen Botschaft
geraume Zeit eine lautlose Stille über den tiefbewegten Menschen. Keines von
den vieren mochte den wunderbaren Gehalt dieser Stunde durch ein irdisches Wort
zerstören. Alles Reden darüber schien eine Entweihung.
Wie arm und dürftig, wie schal und leer ist doch,
so empfanden sie alle, das Wähnen und Treiben der Menschen des irdischen
Alltags, die von jenen Dingen des unsichtbaren, geistigen Lebens nichts ahnen
und nichts wissen wollen! Wie leben sie in den Tag hinein, sich nicht kümmernd
um die Zukunft ihres ewigen Seins, ja nichts ahnend von den wahren Zielen des
zeitlichen Mühens und Ringens. Liebhardt fand zuerst wieder in die irdische
Welt zurück. Er erhob sich vom Stuhle, faltete die Hände und sprach:
„Lieber, himmlischer Vater! Wir danken Dir, daß
Du uns auch heute wieder in Dein heiliges, himmlisches Reich der Liebe einen so
tiefen Blick hast tun lassen! Sei Du weiter bei uns und in uns, damit wir nun
auch den guten Willen und die Kraft haben, Deinen göttlichen Worten und
Mahnungen nachzufolgen. Dein Beispiel, das Du uns als Jesus auf Erden gegeben
hast, sei uns ein heiliges, ewig leuchtendes Vorbild! Und so wollen wir diesen
Tag beschließen mit der Bitte: Sei uns auch fürder gnädig und barmherzig und
leite und führe uns auf Deinen Wegen zu dem hohen, uns von Deiner ewigen Liebe
vorgesetzten Ziele! - Amen."
Alle fielen von ganzem Herzen in dieses Amen mit
ein. Und ganz besonders Pfarrer Loschmann sprach es laut und feierlich. Weiter
redete der geistliche Mann an diesem Abende nicht mehr viel. Das Herz war ihm zu
voll. Es wogte und stürmte in seiner Brust. Drüben aber in seiner Wohnung, in
der Schlafstube, warf sich Pfarrer Loschmann, bevor er sich zu Bett begab, in
Gegenwart seiner Frau – was er bis jetzt in seinem ganzen Leben noch nie getan
– auf die Knie, erhob die Hände und rief laut:
„Lieber Gott! Hilf mir armen Sünder und laß
auch mich in Dein Lichtreich der Liebe und des ewigen, wahren Lebens
eingehen!" Tief erschüttert, aber seligst, schliefen die beiden Ehegatten
Hand in Hand ein.
30. Kapitel
Nun kamen für das Pfarrhaus und das Lehrerhaus
wunderbare Zeiten. Man kam jetzt öfter des abends – schließlich jede Woche
einmal – bald im Lehrerhaus, bald bei den Pfarresleuten zusammen und lauschte
auf die Worte, die in so geheimnisvoller, beseligender Weise durch die teuren
geistigen Freunde aus der andern Welt herüber gelangten.
Mit der Zeit zogen die vier Eingeweihten noch
etliche andere Männer und Frauen des Dorfes, die für dieses Licht aus den
höheren Sphären reif erschienen, zu den Zusammenkünften bei – Menschen die
es auch verstanden, daß diese Belehrungen nicht für alle Welt taugten, und
welche deshalb auch das notwendige Schweigen zu wahren wußten, das erforderlich
ist, damit die Perlen des Himmels nicht unter den Füßen Unverständiger in den
Staub getreten werden.
So wirkte sich in dem Dorfe auf dem Wald die
Sendung und Arbeit der Boten aus den Paradiesgefilden ganz in der Stille
bedeutend aus. Die Menschen, welche auf diese Weise mit der göttlichen Wahrheit
und mit der geistigen Welt in so unmittelbare, eindrucksvolle Berührung kamen,
wurden ganz anders in ihrem gesamten Wesen. Da wußte man doch endlich, warum,
zu welchem Zwecke man auf dieser Erde in diesem mühseligen und oft an
Enttäuschungen so reichen Dasein lebte, was der Sinn und das eigentliche Ziel
dieses Erdenlebens ist! Und man wußte nun auch ganz anders, worauf es
eigentlich ankam, um jenes hohe, von Gott, dem Vater und himmlischen
Herzensbildner gesteckte Ziel zu erreichen. Nur die gläubige, demütige,
selbstlose Liebe zu Gott und allen Wesen kann zum Siege, zur Krone des
ewigen Lebens führen! Daher gilt es denn, sich ohne Verzug auf diesen klar
erkannten Weg zu machen – nicht nur in Worten und Gedanken – nein, in Taten!
Und so waren denn auch in dem geistigen
Geschwisterkreise des Walddorfes die Mitglieder eifrig bestrebt, in einem
liebereichen, sonnigen, allseits hilfsbereiten Wesen gegen alle Mitmenschen das
wahre, unvergängliche Glück und Heil der Seele zu finden.
Für Lydia, die als innigste Liebesheldin und
eifrigste Beterin stets eine Hauptstütze des ganzes Kreises war, gab es jetzt
nur noch das eine schmerzliche Fühlen, daß von allen ihren irdischen Lieben
noch ein Glied der Familie – die jüngste Schwester Sibylle mit ihrem Gatten,
nicht in diesem seligen Lichte stand, daß diese beiden jungen Menschen noch
draußen in der Welt, in den verderblichen Seelengefahren der Großstadt ziel-
und steuerlos umhertrieben.
Die anderen drei Geschwister, welche im Alter
zwischen Lydia und Sibylle standen, waren alle in den letzten zehn Jahren
gestorben – zwei Brüder an der Lungenschwindsucht und eine Schwester nach
ganz kurzer Ehe im ersten Kindbette.
So war also – da auch der älteste, einst nach
Amerika ausgewanderte Bruder Albert schon im Jenseits weilte, von allen sechs
Kindern Sauerbrots außer Lydia nur noch Sibylle mit ihrem Gatten im rauhen und
für sie noch gar finstern Erdentale. Durfte man diese beiden jungen Leute sich
selbst überlassen!? War es denn nicht eine dringende Liebespflicht, auch diese
„Nächsten" aus dem Verderben in den Kreis des Lichtes, aus dem Lande des
Todes in das Reich des ewigen Lebens zu retten!?
Es ließ dem sorgenden Herzen Lydias allmählich
bei Tag und Nacht nicht mehr Ruhe. Und schließlich rückte sie einesmals vor
ihrem Gatten mit der Bitte heraus, nach der Stadt zu reisen und die Schwester
und ihren Mann aufzusuchen. Vielleicht ließ es sich bewerkstelligen, daß sie
auf einige Zeit zu ihnen hierher kamen ins Schulhaus. Die beiden jungen,
lebenslustigen Leute hatten hatten ja keine Kinder in ihrer „Kameradschaftsehe",
wie sie das Verhältnis nannten, in welchem sie miteinander nun schon seit drei
Jahren lebten.
Natürlich gab Karl Gotthilf gerne die Erlaubnis,
daß Lydia schon in den nächsten Tagen reiste. Sie packte eine kleine
Handtasche mit Reisezeug, um nötigenfalls in der Stadt ein paarmal übernachten
zu können, und fuhr eines schönen Tages in der Morgenfrühe ab, nachdem sie
sich der Schwester und dem Schwager mit einer Karte angemeldet hatte. Am Bahnhof
der Stadt erwartete und empfing sie Sibylle.
Fast hätte Lydia die Schwester nicht mehr erkannt.
Das so schöne, rötlich schimmernde, kastanienbraune Haar war abgeschnitten.
Ein jungenhaftes, frisches, lustiges Gesicht lachte ihr entgegen. Ein kurzes,
knappes Kleid im lichtem Meergrün, mit weißen Aufschlägen, trotz der
herbstliche Kühle ärmellos, zeigte und betonte mehr die reizvollen,
schwellenden Formen, als daß sie ihnen einen Schutz vor der Witterung und vor
begehrlichen Blicken hätte bieten können.
„Ja, bist du's wirklich!?" sagte Lydia.
„Und du", erwiderte Sibylle, „bist immer
noch die gleiche wie vor drei Jahren!? Ich glaube, ihr dahinten habt gar keine
neue Zeit!?"
Damit schloß Sibylle die ältere Schwester lachend
in die Arme, drückte und küßte sie mit Macht, griff zur Handtasche und
drängte und schob die Erstaunte, ehe sie noch zur Besinnung kam, zum Bahnhof
hinaus und in eine Kraftdroschke. „Wir fahren sonst auch nicht Auto",
sagte sie, als die Fahrt im Gange war, in etwas gedämpfterem Tone, „es ist
uns natürlich auch zu teuer. Aber heute ist ein Fest! Und das Leben muß man
genießen!"
„Nun, und wie geht’s denn deinem lieben
Mann?" fragte Lydia, die sich ob der Geschwindigkeit der Fahrt und des
hetzenden Lebens in den Straßen ängstlich an Sibylle klammerte. - „Geht es
auch ihm so gut wie anscheinend dir?!"
„Ach, um den braucht dir nicht bange sein! Der
hustet und hustet ewig fort – und wird uns noch alle überleben"
erwiderte Sibylle mit gutem Humor. „Die Blei- und Schwefeldämpfe in seiner
Fabrik machen ihm ja zwar viel zu tun mit der Lunge; aber das gewöhnt sich mit
der Zeit, sagt der Arzt, Es seien schon viele 70 Jahre und noch älter geworden.
Ja schließlich soll es ganz gesund sein und die Lunge abhärten."
„So, so!? Und da machst du dir weiter gar keine
Sorge!?"
„Nun ja – was nützen die Sorgen!? Können
wir's ändern!? Er muß doch froh sein, überhaupt Arbeit zu haben! Wie viele
sind brotlos heute! Da ist doch er eigentlich noch glänzend dran! Der Chef
hält, weil er sehr pünktlich und fleißig ist, viel auf ihn und läßt ihn
vorankommen. Er wird noch einmal Meister. Das hat man ihm schon mehrmals
gesagt!"
„Aber wird er bis dahin nicht ruiniert sein von
den abscheulichen Bleidämpfen? - Und was ist dann mit dir!?"
„Ach alte Sorgenunke!" lachte Sibylle - „Du
bist doch immer noch in allem die Gleiche! So hast du schon vor 20 Jahren
gesprochen, als die Mutter starb: Was wird sein?! Wie wird’s uns gehen? . . .
Gut geht’s, wenn der Mensch nicht zu viel in die Zukunft sorgt und auch den
lieben Gott einen guten Mann sein läßt. Er hat uns doch hier ins Leben
gesetzt! Und wenn es einen Gott gibt - was ich freilich manchmal sehr bezweifle
– so muß er auch für uns sorgen! Das ist Ehrenpflicht! . . . So, nun sind
wir aber schon zu Hause!"
Damit öffnete Sibylle die Wagentüre und sprang
auf den Bürgersteig. Es war eine nüchterne, etwas düstere Wohnstraße in
einem besseren Arbeiter- und Kleinbürgerviertel, in welcher man angelangt war.
Sibylle bezahlte den Fahrer und schritt dann heiter plaudernd durch den nicht
sehr sauberen Hausflur und das lichtlose Treppenhaus zu ihrer kleinen Wohnung im
dritten Stock hinan. Während sie die Glastüre aufschloß, öffnete sich
nebenan auf der gleichen Höhe der Treppe die Nachbartüre. Eine ziemlich
beleibte, ältere, unsaubere Frau trat heraus und sagte, neugierig die
Abgekommenen betrachtend: „So, haben Sie Besuch, Frau Eggenhart?!"
„Ja", erwiderte Sibylle kurz, „meine
Schwester!" - und drängte Lydia rasch in den Flur der Wohnung und schloß
hinter sich die Glastüre. „Das ist nämlich eine ganz böse Hexe,
die!" sagte sie innen bei der Ablege mit gedämpfter Stimme zu der etwas
betretenen Schwester - „Die hat den bösen Blick – und schlägt Karten.
Ihren Mann, einen noch ganz jungen, anständigen, lieben Menschen bringt sie
noch unter den Boden. Und mich haßt und verfolgt sie wie eine böse Sieben. Was
die lügt und verleumdet, das kannst du dir gar nicht vorstellen! - Und neben
eine solchen Hexe müssen wir hier Tür an Tür hausen!"
Mit diesen Worten öffnete Sibylle die Stubentüre
und führte ihre Schwester in ein helles, mit hübschen Möbeln überaus
wohnlich ausgestattetes Zimmer. „Oh!" rief Lydia ganz erlöst, den üblen
Eindruck des düsteren Hauses und der Türnachbarschaft von sich streifend –
Da ist ja ein kleines Paradies! Da gibt’s sogar Blumen! Und hier ein Fischglas
mit munteren, goldschimmernden Bewohnern!"
Ein schöner Korbsessel beim Fenster, bequem vor
ein hübsches Arbeitstischchen gerückt, lud freundlich zum Sitzen ein. Hinter
dem Tische, an der Wand stand ein fast üppiger Diwan mit mächtigen Lehnkissen.
Und über dem Tische die wunderschöne elektrische Lampe mit großem,
geschmackvollen Seidenschirm! - Das alles versetzte Lydia in ein wahrhaft
andächtiges Staunen. Du liebe Zeit! Was die jungen Leute sich heutzutage
leisten – davon hatte man früher ja gar nichts gewußt!
Sibylle drehte zur Schau das Licht an und zeigte,
daß man für festliche Beleuchtung außer der Lichtquelle unter dem seidenen
Schirme auch noch verschiedene andere Birnen in Tätigkeit setzen konnte. Und
nun, in diesem zauberischen Glanze ersah Lydia erst so recht das schöne eichene
Büffet mit geschmackvoller, ruhiger Verzierung. - So etwas gab es doch früher
nur in Schlössern!
Sibylle lachte. „So haben's jetzt alle, die ein
bißchen was auf sich halten! Das kauft man und zahlt's später, wie sich's
schickt; oder manchmal auch nicht! Dann holt's der Eigentümer oder der
Gerichtsvollzieher wieder! - Dieses da ist bezahlt und gehört uns! Das ist denn
also auch wirklich eine Art Rarität in dieser Straße! „Und nun schau aber
mal auch da hinein – hier in das »Allerheiligste«! Fuhr sie mit lächelnder
Miene fort und schob mit ihrer feinen, weißen Hand einen Vorhang von
japanischen Perlschnüren von der ins anstoßende Zimmer führenden Türöffnung
hinweg - „Hier ist das Schlafzimmer! - Das hat Friedbert sich so schön
eingerichtet! Das war ihm gar wichtig!"
„Wie?" - Lydia prallte fast von der Schwelle
zurück - „Das ist – euer - „ das Wort blieb ihr im Munde stecken - „da
ruht und schlaft ihr!? - Das ist ja wie im Himmel! - Gott, Gott, das ist ja doch
ein Feengemach! - Diese Vorhänge an den Fenstern! Lichtwolken aus Spitzentüll!
Und darüber zwei Flügel aus dunkelgrüner Seide! - Und diese Betten – unter
einem Schleierhimmel! - Wie wunderbar harmonisch zusammengestimmt ist das alles!
- Und der große Kleider- und Wäscheschrank daneben aus dem hellen, feinen,
sicher sehr teuren Holze! Ebenso der Waschtisch! Und daneben – in einem
besonderen Gestell – ein mannshoher, ovaler, geschliffener Spiegel!
„Du liebe Zeit!" Lydia kam gar nicht mehr
heraus aus dem Staunen und ließ sich von Sibylle, nachdem sie alles betrachtet
hatte, gerne wieder ins Wohnzimmer auf den Diwan führen.
„Ich glaubte doch", sagte sie endlich, „du
habest die Wohn- und Schlafzimmereinrichtung der Eltern, die du doch damals nach
des Vaters Tod übernommen hast!?"
„Ach, das alte Zeug! Wo denkst du hin? Das haben
wir alles verkauft!" entgegnete Sibylle munter, indes sie eine
blütenweiße, bemusterte Decke auf den Tisch bereitete und ein hübsches
Kaffeegeschirr aus dem Schranke holte - „So etwas, wie einst die guten Eltern,
haben doch heutzutag nur noch die ganz altbackenen Leute! - Sollten wir uns
damit herumschlagen bis an unser seliges Ende!? - Sieh, unsere Ansicht ist:
Das Leben zu genießen, ist der Vernunft Gebot.
Man lebt ja nur so kurze Zeit und ist so lange tot!
Ein helles, silbernes Lachen entrang sich bei
diesen Dichterworten ihre Kehle. Lydia mußte das hübsche, junge Weib mit
großen Augen betrachten. War das wirklich ihre Schwester – diese feine,
muntere, junge Dame, die da mit so sicheren Bewegungen und geschmeidigen Händen
den Tisch deckte, eine elektrische Kaffeemaschine aus blankem Nickel aufstellte,
füllte und bediente, aus der winzigen Küche nebenan ein Glaskännchen mit Rahm
und ein schönes, weißes Gebäck brachte und nun mit sichtlich guter Eß- und
Plauderlust sich zu ihr setzte!?
„Weißt du", sagte Sibylle, das Kochen des Kaffeewassers
abwartend, an jene Zeiten der Eltern denke ich gar nicht mehr so gerne! Das
waren ja doch eigentlich abscheuliche Zeiten! Das ewige Hadern vom Vater und das
Seufzen der Mutter! Und nachher, als die Mutter tot war – die ewige Not! -
Nein, nein - fort mit den ganzen Erinnerungen aus jenen alten, trüben
Jammertagen! Fort mit dem ganzen Zeug, an dem der Geist von jenen bösen Jahren
hing! Auch die Bilder von der Wand habe ich verbrannt. Nur das eine von der
Mutter, das hab' ich noch dort im Schranke liegen. Und das schaue ich denn auch
öfter mal an und gedenke der Ärmsten, die der Vater buchstäblich zu Tode
geplagt hat! . . . Ach ja", sagte sie mit betrübtem, seitlich geneigtem
Gesicht. „jetzt liegt sie längst im Grab und hat Ruh! - Aber das kann ich dir
sagen – das habe ich mir damals fest geschworen, als der Vater endlich starb
– so ein Leben wie die Mutter führ' ich nicht! - Lieber gar keines! - Ist
denn der Mensch nur zur Plage auf der Welt!? - Nein – da sei Gott vor! . . .
Und siehst du" - sagte sie, indem sie sich erhob und mit schlanken Händen
den Kaffee eingoß - „so haben wir, als ich mit Friedbert zusammenging, das
Alte sobald als möglich hinter uns geworfen und ein ganz anderes, neues Leben
nach unserer Weise angefangen."
Nun ja, wenn man so in diesem freundlichen Heim
sich umschaute und die hübsche, junge Frau betrachtete, ließ sich gegen dieses
„andere Leben" anscheinend ja wohl nicht viel einwenden. - Und dennoch
– dennoch - - Lydia war es nicht wohl!
Was war da für eine tiefe breite Kluft erwachsen
zwischen ihr und der Schwester in den wenigen Jahren, seit man sich nicht mehr
gesehen hatte! Am meisten bekümmerte die biedere, ernste Lydia das sorglose
und, wie erschien, völlig glaubenslose Wesen Sibylles.
„Wie steht es denn aber bei euch hier mit dem
Heiland?" fragte sie endlich nach einer Pause, in welcher sie nachdenklich
den Kaffee umgerührt hatte - „Habt ihr Den auch in eurem schönen Heim und in
dem nach eurer Weise eingerichteten Leben?"
„O je!" entgegnete Sibylle in einem hohen,
glockigen Tone - „Kommst du schon damit!? Denkst denn du, hier bei uns – in
dieser Straße – in diesem ganzen Viertel glaubt noch jemand wirklich an einen
Gott!? Ja, in die Kirche da gehen noch manche. Sie tun wenigstens so. Und zu den
Spiritisten und in die Stunden laufen sie auch; aber die zähle ich nicht. Was
unsereins ist, das kennt sich aus und läßt sich nicht mehr nasführen! -
Friedbert ist mit Sack und Pack d.h. mit mir und verschiedenen unserer Freunde
aus der Kirche ausgetreten, als sie von uns armen Schluckern noch die
Kirchensteuer verlangten!"
„Wie!?" rief Lydia bestürzt, indem sie die
Tasse von sich schob und sich in ihren Sitz zurücklehnte - „Du bist ohne Gott
und Glauben!?"
„Nun, nun", erwiderte die jüngere Schwester
in unbefangenem Tone, „so schlimm ist das ja doch nicht! Man bleibt dennoch,
so gut es geht, ein anständiger Mensch! - Überhaupt, wo ist denn der liebe
Gott? Hat er uns je einmal so recht deutlich und fühlbar geholfen Warum hat er
uns denn, als wir noch kleine, hilflose Kinder waren, die liebe Mutter genommen
und uns den Klauen unseres Vaters überlassen?! Und hat er sich nach mir
umgeschaut, als du geheiratet hast und ich dem Vater mit 15 Jahren den Haushalt
übernehmen mußte – oder dann später, als der Vater endlich abging und ich
allein stand!? - Da mußte ich immer und überall mit selber helfen und kein
Gott und Heiland hat sich gezeigt und mich behütet, daß ich nicht schlecht
wurde! Und genau so ging es auch Friedbert in seinem ganzen Leben. Nachdem sein
Vater mit seiner kleinen Werkstatt Bankrott gemacht hatte und ins Wasser
gesprungen, die Mutter aus Gram gestorben war, hat er sich allein durchringen
müssen mit zähem Fleiß. Und kein Hahn hätte nach ihm gekräht, wenn er zu
Grund gegangen wäre. - Deshalb sind wir denn auch abgerückt von der faulen
Glaubenssache und haben auch die Kirche Kirche sein lassen - weil wir kein
Interesse daran haben, einen Pfarrer, der sich's wohlsein läßt, mit unseren
Groschen zu ernähren!"
„Ja sage mal, kann es dir denn da noch wohl sein
in deinem Herzen?! Mußt du denn da nicht umkommen vor Furcht und Sorge!?"
warf Lydia entsetzt ein.
„I wo! - Uns geht es glänzend! - Ich fühle mich
pudelwohl, wie du siehst!" - Damit holte sich Sibylle schon die zweite
Kuchenschnitte und löffelte auch von der bereitgestellten Fruchtsülze tüchtig
heraus. - „Warum sollen wir uns grämen? Wir genießen das Leben, solange wir
jung sind. Nachher kommt es schon ganz von selbst anders! Das heißt, wenn man
klug und vernünftig ist und nicht gerade Pech hat, dann kann man sich auch für
das Alter noch ganz hübsch vorsehen. Es gibt ja heutzutage auch allerlei
Kassen, und da braucht der Mensch nicht mehr, wie in früherer Zeit, den lieben
Gott!"
Lydia war vor Entsetzen starr und sprachlos. Wohl
hatte sie aus Sibylles Briefen auf eine ähnliche Gesinnung geschlossen; aber
solch einen Abgrund der Gottlosigkeit und des Leichtsinns hatte sie doch nicht
geahnt. Und daß die Schwester dabei auch noch so fröhlich und munter war –
das schien ihr noch das Allerschlimmste. Ist es denn nicht, dachte die treue
Seele, eine entsetzliche List der Finsternis und ihres Fürsten, daß er die
Menschen auch noch derartig in ein scheinbares Wohlergehen einhüllt!? Wirklich,
dieses ganze hübsche Heim, das sonnige, behagliche Wohnzimmer, das bezaubernde
Schlafzimmer kam ihr nun in diesem Lichte wie eine listige Satansfalle vor –
als wie ein Rauschmittel, mit dem der Fürst der Welt diese Seelen betäuben und
sie dem wahren Sinn und Zweck ihres irdischen Lebens entrücken wollte.
In tiefem Bekümmern sagte Lydia dies der
Schwester. Aber da stieß sie auf einen geradezu leidenschaftlichen Widerstand,
der ihr in dem bisher so heiteren Persönchen Sibylles einen ganz andern,
hartnäckigen und bösen Seelenfunken zu erkennen gab.
„In diesen Dingen", sprudelte Sibylle zornig
hervor, „muß man jedem Menschen seine Freiheit lassen! Da kann und darf es
keinen Zwang geben! Denn da denkt der eine Mensch von Natur so, der andere so.
Und überhaupt, ich rede gar nicht gern davon! Mir ist das alles viel zu – nun
wie will ich sagen – zu heilig oder wie man sagen will. Mir ist es peinlich,
wenn ich nur das Wort „Gott" höre. Man spricht davon bei uns gar nicht.
Und gar mit deinem himmlischen Vater´ - oder ,Jesus´ oder ,Heiland´ laß mich
ganz in Ruh! Da wird mir einfach übel, wenn ich heutzutage, wo alles so
aufgeklärt ist und wo's so drunter und drüber geht in der Welt, so was
höre!"
Das war Lydia zuviel. „Hör", sagte sie,
hochrot vor gerechtem Zorn sich erhebend, „bitte nun kein Wort weiter,
Sibylle! - Das ist ja lästerlich, was du da redest"
„Aber wahr ist es!" beharrte Sibylle fest -
„Und alles, das ganze Getue von der Kirche und den Frommen ist nur darauf
angelegt, die armen Leute vom Volk recht drunten zu halten – damit man seine
Steuern zahlt und um einen geringen Hundelohn arbeitet für die Reichen!"
„Das Wort Gottes, die Bibel", entgegnete
Lydia mit heiligem feurigem Eifer, „lehrt: »Liebe Gott über alles und deinen
Nächsten wie dich selbst!« Dieses Gebot kann jeder, der eines guten Willens
ist, ohne Mühe klar und deutlich aus der Schrift herauslesen. Und wenn die
Menschen danach lebten, nach dieser wahren, wirklichen und leicht erkennbaren
Lehre unseres Herrn und Heilands Jesus Christus, dann stünde es ganz anders –
viel besser und himmlischer in der Welt. Dann gäbe es keine unzufriedenen und
bitteren Armen und keine lieblosen, harten Reichen – sondern alle Menschen
wären Brüder!"
Ja, wenn – wenn - !" sagte Sibylle. „Da es
nun aber in der Welt so ganz anders aussieht und einer den andern plagt und
auszieht – so ist es nach meiner und Friedberts Ansicht und nach der Meinung
der allermeisten geweckteren Menschen von heutzutage nichts mit deinem lieben
Gott und all seinen schönen Lehren. Dem Menschen hilft niemand als er selbst! -
Und damit laß uns diesen Streit jetzt enden! . . . Sieh", setzte sie etwas
ruhiger hinzu, „es kommt doch nichts Gescheites dabei heraus und du ärgerst
dich nur! - Behalte du deinen guten alten Glauben und laß mir meinen
neumodischen Unglauben! Wir in der Stadt müssen mit der Zeit gehen – bei euch
auf dem Land – nun ja -", sagte sie, Lydia scherzend an der ländlichen
Bluse zupfend, „da tut's auch noch solch ein altes Fähnchen!"
Damit wurde von Sibylle der unliebsame geistige
Gesprächsstoff abgeschnitten und die Unterhaltung auf das unverfängliche
Gebiet der Kleiderfragen und sonstiger Äußerlichkeiten übergeführt.
Lydia mußte dem festen Willen der lebhaften
Schwester wohl oder übel folgen, obzwar ihr Inneres sich über das Gehörte
nicht erheben und nur mühsam von dem Schrecklichen erholen konnte. Gegen Abend
kam Sibylles Gatte, Friedbert, von der Arbeit nach Hause. Lydia lernte ihn bei
dieser Gelegenheit zum ersten Male persönlich kennen.
Es war ein nicht unsympatischer Mann, wenig älter
als Sibylle. Sein schmales, blasses Gesicht mit den braunen Augen und dem
angenehm gewellten Haare verriet ein feines, empfindsames Wesen. Aber was Lydia
mit Besorgnis auffiel, war seine große Magerkeit. Ja, dieser Mensch war
offenbar ein Opfer seines ungesunden Berufes! Die Brust zwischen den breiten
Schultern war eingesunken. Der Atem ging rasch und hohl. Eine fahle Blässe
bedeckte das Gesicht, das bei der Begrüßung und auch sonst bei jeder Erregung
vor einem jähen, flüchtigen Rot überlaufen wurde.
Friedbert freute sich, Lydia kennenzulernen und
erzählte den Frauen von seiner Arbeit und vom schlechten Geschäftsgang, der
seine Firma schon wieder genötigt hatte, eine große Anzahl Arbeiter zu
entlassen. Das Gespenst der Brotlosigkeit schwebe über allen und man müsse
dankbar sein, wenn man auch nur eine solch gesundheitsgefährliche Arbeit habe.
Eine bange Beklemmung bemächtigte sich Lydias auch bei dieser Eröffnung über
die Lebensverhältnisse dieser beiden Menschen.
Wie konnte Sibylle nur so sorglos und heiter sein
angesichts solcher Zustände – unter einem Schicksal, das wie ein
beutegieriger Raubvogel ihr Leben in seinen Fängen hielt, ohne daß eine
höhere, himmlische Macht in ihren Herzen ihnen hätte beistehen und Trost
spenden können!? Aber auch Friedbert schien die unbekümmerte Ruhe seiner
Ehegefährtin zu teilen. Wenn es mit der Arbeit im Geschäft schief ging – was
ja für ihn, den guten Vorabeiter nicht so schnell zu gewärtigen war – dann
war der Staat mit der Erwerbslosenfürsorge da und zur Heilung der Lunge gab es
auch eine Versicherung, Kurhäuser und Erholungsheime.
Das alles machte auch ihm trotz seines
offensichtlich recht gefährlichen Leidens einen Gott und himmlischen Vater
anscheinend überflüssig. Man durfte sich nur nicht zu viel mit
Zukunftsgedanken abplagen, sondern den Augenblick und was er brachte,
vernunftvoll nützen und genießen, dann war schon alles gut.
In Sibylle hatte er ja ein junges, hübsches Weib,
das ihm viel Freude machte. Sie zu betreuen, zu hegen und zu pflegen, war ihm
sein schönster, vollkommen genügsamer Lebensinhalt. Alles, was seine
bescheidenen Mittel ihm irgend erlaubten, wendete er daran, diese geliebte Frau
und ihr Dasein zu hegen und zu schmücken. Darum hatte er auch die Wohnung und
besonders das Schlafzimmer so sorgfältig und liebevoll ausgestattet. Und ein
geheimer, großer Stolz war es für ihn, Sonnabends oder Sonntags seine Frau in
einem stets nach seinen geschmackvollen Angaben von ihr selbst gefertigten
Kleide von schlichter, aber besonderer Schönheit auszuführen.
Sibylle selbst war ihm freilich nicht so restlos
ergeben wie er ihr. Für sie gab es noch eine andere Welt außer ihm, Friedbert.
Ja, es schien ihm manchmal, als ob sie, wenn er einst nicht mehr da wäre, mit
einem anderen Mann ebenso glücklich und vielleicht noch freier und
großzügiger leben könnte. - Oh, das waren bittere Tropfen in sein Glück.
Und da hieß es aufpassen! - Er ließ es denn auch
daran nicht fehlen. Nirgends ließ er sie allein hingehen. Überall war er mit
dabei. Und wenn es bei den Festlichkeiten und Tanzereien, bei denen sie
mittaten, bis in die Morgenfrühe fortging, was für seine Gesundheit keineswegs
zuträglich war, dann wich er, sie mit Argusaugen bewachend, nicht von ihrer
Seite.
So lebte Friedbert der frohen Überzeugung, im
ungeteilten Besitze seines jungen Weibes zu sein. - Und doch sollte noch an
diesem Abend eine furchtbare Enthüllung und das schrecklichste Ende dieses
Scheinglückes über ihn hereinbrechen.
31. Kapitel
Als man eben im traulichen Goldschimmer der Lampe
das Abendbrot, das aus Aufschnitt und Tee bestand, beendet hatte, hörte man
plötzlich an der Glastüre ein Klingeln.
Friedbert stand auf, ging hinaus und kam gleich
darauf wieder mit jener alten, schlampigen und unfreundlichen Frau, welche
nebenan auf der gleichen Treppenhöhe wohnte und bei Lydias Kommen neugierig zu
kurzem Gruß vor ihre Glastüre getreten war.
„Frau Diestermann ist da", sagte Friedbert
mit sichtlichem Verdruß zu Sibylle, „ - und will Lydia sprechen!" „Wie!?"
Sagte Sibylle, gleich über und über mit einem glühenden Rot übergossen, in
einem auffallend scharf Ton zu der mit Friedbert zugleich ins Zimmer getretenen
Frau - „Was wollen sie von meiner Schwester?!"
„Ja, eben die Frau Schwester, mit der möchte ich
gern ein paar Worte reden", sagte Frau Diestermann, - „weil diese mir
eine anständige Frau zu sein scheint und vor Gott und Menschen mir Zeuge sein
soll, daß ich jetzt solch eine große Gemeinheit, wie sie in diesen vier
Wänden herrscht - !"
„Was sagen Sie da!?" fuhr Friedbert auf -
„Was erfrechen Sie sich - !!?"
„Wollen Sie augenblicklich machen, daß Sie aus
dieser Wohnung hinauskommen!!" rief Sibylle, ganz kalkweiß, mit großen,
aufgerissenen Augen.
„Ich bin hier und ich bleibe hier!" sagte
Frau Diestermann ruhig und bestimmt - „Und keine zehn Pferde schaffen mich
hinaus, ehe ich meine Sache, wegen der ich komme, gesagt und mein Recht gefunden
habe! - Sie, Herr Eggenhart"; wandte sie sich zu Friedbert, „brauchen
sich überhaupt nicht aufzuregen! Sie dauern mich bloß! Sie sind ja in ihrer
großen, blinden, kindlichen Arglosigkeit nur der Hereingelegte - !"
„Was!! Was!!" - Friedberts Gesicht verzerrte
sich ganz. Er machte Miene, auf die Frau loszustürzen.
„Wirf doch das unverschämte Weibsbild
hinaus!!" kreischte Sibylle - „Das ist ja unerhört, was die sich
erlaubt!!"
„Nun, ganz fein still und ruhig!"
beschwichtigte Frau Diestermann - „Sie, Herr Eggenhart , werden mir noch auf
den Knien danken, daß ich Ihnen jetzt sage, daß Ihre Frau, die Sie auf den
Händen tragen und vergöttern – Sie betrügt!!"
„Sie elendes, verlogenes, gemeines
Weibsbild!!!" schrie nun Sibylle, die plötzlich aus der jugendfrischen,
hübschen Person zu einer höllischen, zorn- und haßsprühenden Unholdin
geworden war - „Machen Sie augenblicklich, daß Sie hinauskommen, oder ich
kratze Ihnen die Augen aus dem Gesicht!!!"
„Da sollen Sie mal kommen!" sagte, in ihren
Hüften sich wiegend, Frau Diestermann, die mit ihren fünfzig Jahren immer noch
hübsch beisammen war - „Mit Ihnen wird man auch noch fertig! Und Ihr Mann und
Ihre Schwester sollen es endlich wissen, wie Sie Ihren Mann schon seit langer
Zeit und zuletzt mit meinem eigenen Mann für Narren halten!!"
Ah – das ging nun aber über die Hutschnur! - „Augenblicklich
verlassen Sie altes Zigeunermensch diese Wohnung!!" schrie Friedbert - „Oder
ich garantiere Ihnen nicht für Ihre Knochen! So eine Unverschämtheit Ist mir
doch mein Lebtag noch nicht passiert! Was ich von meiner Frau zu halten habe,
weiß ich besser als Sie! Achten Sie auf Ihrem Mann! Das wird wichtiger sein,
als sich um meine Sachen zu kümmern!"
„Du wirst doch solch eine bodenlose Gemeinheit
nicht glauben!?" wimmerte Sibylle, die sich mit einem nervösen Weinen und
Schluchzen auf den Diwan geworfen hatte, das Gesicht in den Händen bergend.
„Beruhigen Sie sich nur, Herr Eggenhardt!"
sagte Frau Diestermann zu Friedbert, der in der Tat zu einer wahrhaft
fürchterlichen Grauens- und Zornesgestalt sich verzerrt hatte - „Mit Ihnen
meine ich's ja doch nur gut! Sie sind genau so elend dran wie ich. Denken Sie
nicht, weil ich von den geheimen und zukünftigen Dingen durch den Geist mehr
weiß als andere und darum verrufen bin, daß mir deshalb das Ehrgefühl abgeht.
- Ich habe auch ein Herz und eine Ehre im Leib und lasse mir meinen Mann –
wenn er auch zwanzig Jahre jünger ist als ich – von so einer" - damit
schüttelte sie gegen Sibylle die Faust - „nicht nehmen! . . . Wenn Sie in
Ihrer blinden Vertrauensduselei, die Ihre Frau Ihnen schon lang mit Schimpf und
Schande vergilt – in meinem Fall Beweise brauchen, so sehen Sie" - damit
zog sie ein kleines rosafarbenes Brieflein aus der Rocktasche - „diesen Brief,
den sie ihm ins Geschäft geschrieben und den ich meinem Mann aus der Tasche
genommen habe!"
„Her diesen gemeinen Lügenwisch!!" schrie
Sibylle, die aufgesprungen war und wie eine Tigerin sich auf die Frau und ihre,
den Brief auf dem Tisch ausbreitenden Hände stützte.
Frau Diestermann war auf diesen Angriff aber
offenbar gefaßt. Ihr breiter Rücken und ihre ganze, festgefügte Gestalt
behinderte Sibylle am Zugriff.
Aber Friedbert trat mit unheimlich heraustretenden,
blutunterlaufenen Augen hinzu, erfaßte den ihm bereitgehaltenen Brief, warf
einen Blick auf die Schriftzüge, las die wenigen Sätze – dann taumelte er
wortlos vornüber, stützte sich am Tische und brach plötzlich röchelnd
zusammen, indes ein dicker Blutstrom aus seinem Munde stürzte.
Sibylle tat einen gräßlichen Schrei: - „Mörderin!!!"
gellte es. Und schon erhob sie die schwere Kristallschale, welche mit einigen
Früchten auf dem Tische stand, um sie auf den Kopf der Frau zu schleudern. Da
stürzte ein jüngerer, blonder Mann mit kühnen, scharfen Gesichtszügen zur
halboffenen Türe herein, entwand ihr die Schale und sagte kurz und schneidend:
„Sei doch vernünftig – und laß das Theater, Sibylle - „Sag's gerade raus
und gesteh es ruhig – nachdem es nun doch mal verpetzt ist – daß wir uns
gern haben und daß mithin" - dabei schaute er nach dem ohnmächtig in
seinem Blut am Boden Liegenden - „dieser das so wenig mehr zu sagen hat
wie", und dabei warf er einen grimmigen Haßblick auf sein Weib, Frau
Diestermann „die mich in meiner unerfahreren Jugend vor acht Jahren an
sich gekettet und mich nicht ewig in ihren verdammten Klauen haben soll! . . .
Laß hier", setzte er weiter, zu Sibylle gewandt, hinzu, „den Arzt walten
– und folge mir! Ich bringe dich und mich in Sicherheit! - Für uns ist
gesorgt!"
Schon wollte er Sibylle, die ganz erstarrt und fahl
wie Wachs dastand und auf Friedbert starrte, am Arme mit sich fortziehen – da
erwachte endlich Lydia, die von ihrer Ecke im Diwan aus diese ganze jähe
Schreckensszene wie versteinert miterlebt hatte, aus ihrem Banne.
Sie sprang auf, riß des Eindringlings Hand von
Sibylles Arm zurück, stellte sich vor den kühnen Räuber mit der ganzen
feurigen Hoheit eines flammenden Engels und rief mit lauter, eherner Stimme:
„Sie lassen meine Schwester in Frieden und gehen
augenblicklich aus dieser Wohnung und aus der Nähe dieses Sterbenden hier –
dem Sie den Tod gebracht haben und dessen Blut über Sie kommt!! - Meine
Schwester bleibt hier und wird nicht mit Ihnen in die Hölle des Verderbens
gehen!!"
Vor dem festen, sprühenden Blicke des fremden, von
göttlicher Glut und himmlischer Kraft erfüllten Weibes senkte der junge,
trotzige Mensch die Augen. Hier – das empfand er - konnte er nicht
durchdringen. Frau Diestermann – die eigentlich eher seine Mutter als seine
Ehefrau hätte sein können, ergriff ihn auch gleichzeitig mit beiden Händen am
Arme und sagte:
„Und glaube du ja nicht, daß ich dich freilasse!
- Niemals!! Hörst Du!!? - Und wenn du Sprünge bis an den Himmel
machst!!" Eine furchtbare Wut- und Haßwelle sprang in diesem Augenblicke
auch aus ihren Augen und Mienen. - - „Niemals!!" wiederholte sie - „Auch
in der Hölle nicht!! - Hab ich dich deiner frischen Jugend wegen gern gehabt
und genommen, so hast du mich des Geldes wegen geheiratet, das ich mit den
Karten und dem Sterndeuten verdiene und das dir ein schönes Leben verhieß.
Aber du sollst mich, nachdem du dir mein Geld erschlichen hast und ich dieses
Haus auf dich schreiben ließ, jetzt nicht von dir stoßen wie einen räudigen
Hund
Und diese da – die nur, sei es mit dem einen oder
dem anderen, flott leben will – soll den Raub nicht mit dir teilen! - Die
nimmt die Schwester mit sich und setzt ihr den Kopf zurecht. So steht's in den
Sternen und in den Karten! Und du kommst mit mir – oder verhungerst auf der
Straße! Denn der Eigentumsvertrag auf das Haus – wisse! - wird gleich morgen
vom Anwalt angefochten und rückgängig gemacht!!"
Diese mit männlich starkem Nachdruck
herausgestoßene Rede ernüchterte offensichtlich den Mann noch weiter und,
entsetzt über die tödliche Blässe Sibylles, die er bei dem anscheinend
sterbenden Friedbert in die Knie brechen sah, ließ er sich von seiner Frau aus
dem Zimmer und in ihre Wohnung führen.
32. Kapitel
Während so die Eheleute Diestermann als wie böse
Geister der Finsternis in ihr Reich verschwanden, eilte Lydia in Sibylles
Küche, suchte und fand eine Essigflasche, ein Becken, Wasser und ein Tuch und
eilte damit zu dem immer noch am Boden liegenden Friedbert zurück. Sibylle
hatte ihn, unfähig eines Wortes, etwas aufgerichtet und mit dem Oberkörper
gegen den Diwan gelehnt. Das Blut sickerte immer noch leicht aus dem halb
geöffneten Munde. Die Augen waren geschlossen. Sibylle kniete daneben und
krallte die Hände in die wächsernen Wangen: „Friedbert!? Friedbert!?"
wimmerte sie in einem Ton des Entsetzens, der ihr ganzes furchtbares
Schuldgefühl und ihre ohnmächtige Hilflosigkeit verriet.
Da kam Lydia mit dem Essigwasser. Sie wusch zuerst
Friedberts Gesicht. Dann ließ sie den Reglosen an dem Essig riechen; gab ihm
auch einige Tropfen auf die Lippen. Da endlich tat der leiblich und seelisch
todeswunde Mann einen tiefen Atemzug und schlug einen kurzen Augenblick weh und
matt die Lider auf.
„Er lebt! - Er kommt wider zu sich!" sagte
Lydia rasch. „Schnell fort und einen Arzt geholt!" - setzte sie hinzu,
indem sie der immer noch ganz erstarrten Sibylle einen kleinen Rüttler gab.
Noch ehe jedoch Sibylle sich erheben konnte,
erschien durch die nur angelehnte Flur- und Zimmertüre Frau Diestermann und
sagte zu Lydia: „Entschuldigen Sie, liebe Frau – ich habe schon durch den
Fernsprecher den Kassenarzt gerufen. Er wird gleich da sein. Das wollte ich nur
sagen. Im übrigen sorgen Sie, daß die" - damit neigte sie den Kopf gegen
Sibylle - „samt dem Mann so bald als möglich hier weg kommt – und daß er
ihr künftig scharf auf die Finger sieht! - Damit Gott befohlen!"
Als Frau Diestermann gegangen war, öffnete
Friedbert wiederum die Augen und heftete stumm den Blick so lang und so
sterbensweh auf Sibylle, daß diese, immer noch vor ihm auf dem Boden kauernd,
die Hände vor das Gesicht schlug und plötzlich bitterlich weinte, Es war auf
einmal wie ein Strom der Erkenntnis in sie gedrungen. - Gott, Gott! Was hatte
sie getan!! Dieser stumme, wehe Blick ihres Gatten drang ihr wie ein Schwert bis
ins Innerste der Seele! Wie hatte sie so über ein Menschenleben hinwegschreiten
können!?
Friedbert schloß wieder die Augen, ohne daß er
ein Wort hervorgebracht hätte. Er konnte das Furchtbare wohl immer noch nicht
fassen. Aber Sibylles schuldbewußte Züge verrieten ihm die tatsächliche
Wahrheit des Entsetzlichen und bestätigten ihm nicht nur den Brief, das
Verhältnis zu dem verhaßten, nichtswürdigen Nachbar, sondern auch noch so
manches andere, das die Alte nur angedeutet, das er aber schon so manches Mal
geahnt und gefürchtet hatte. Er war betrogen – betrogen – von der,
für die er alles getan hatte, für die er durchs Feuer gegangen war und
für deren sorgloses Leben und Wohlergehen er täglich seine Gesundheit, sein
Leben geopfert hatte!
Oh – das war ein Zusammenbruch! Das war ein Sturz
aus der Höhe und ein entsetzliches Erwachen!
Mittlerweile, während Friedbert Eggenhart solches
in wirren, unzusammenhängenden Gedanken in sich hin und her wog und die Bilder
und Gefühle des Schreckens, Zornes und Wehs sich in wilder Hetze in ihm jagten,
kamen eilige Schritte durch den Flur und ein Herr in mittleren Jahren trat ein,
welcher sich als der von Frau Diestermann gerufene Kassenarzt des Viertels
vorstellte.
Er ließ sich kurz den Anlaß des Vorfalls sagen,
indes er Hut und Überrrock ablegte und seine Untersuchungswerkzeuge aus der
Tasche hervorholte, bat die Frauen, ihm zu helfen, den Kranken vorsichtig aufs
Bett zu legen und auszukleiden, und führte dann in der üblichen Weise kurz und
gewandt seine Untersuchung aus. Der Befund war eine beruflich zugrunde
gerichtete Lunge, durch plötzliche Blutüberfüllung infolge Erregung ein
Aufspringen eines der kranken Gewebeteile. Während der Arzt dies den Frauen
erklärte, gab er dem Kranken eine blutstillende, von ihm mitgebrachte Arznei,
schrieb ein Rezept und die Kassenanweisung und sagte, die Hauptsache sei
größte Ruhe, weg vom Geschäft, Kurverfahren und nachher Erholung in guter
Luft.
„Wir wollen sehen und hoffen, daß es noch hilft.
Die Arzneien gegen Blutung und Fieber holen Sie sich sogleich in der Apotheke!
Alles andere werde ich veranlassen. - Und nun gute Nacht! Ich habe noch
verschiedene Gänge!" Damit verabschiedete sich der vielbeschäftigte Mann
und war aus der Türe, ehe die beiden Frauen auch nur so recht zur Besinnung
kamen. Sibylle warf rasch ein Tuch um die Schultern und eilte zur Apotheke.
Lydia blieb bei dem Kranken und bewachte seine
Atemzüge. Sie gingen kurz und ungleich, in leichten Stößen. Ein hohes Fieber
war offenbar im Anzug.
Friedbert hatte die Augen geschlossen. Das vom Arzt
gereichte Mittel schien einen betäubenden Schlaf bei ihm zu bewirken. Er lag
laut- und reglos – wie ein tief weidwund geschossenes Wild im Waldesdickicht.
Was für eine Wandlung, was für ein entsetzliches Ende dieses holden Ehetraumes,
dachte Lydia, als sie neben dem Bett des Kranken saß und das schöne, mit so
viel Sorgfalt und Liebe ausgestattete Schlafgemach im dämmerigen Schein der
Nachttischlampe überblickte.
Ja, das Leben ohne Gott – wo mußte es
hinführen!? Wenn die Menschen keine höhere, göttliche Macht mehr über sich
anerkennen, wenn sie nicht mehr mit einem Fortleben nach dem Tode, sondern nur
mit dem kurzen, diesirdischen Dasein rechnen, wenn sie das eigentliche, hohe und
selige Lebensziel nicht im ewigen, sondern im zeitlichen Leben suchen – da ist
es freilich kein Wunder, wenn es zu solchen Schreckensenden kommt. Rechnet ein
Mensch nur mit dem irdischen Leben und dessen Genüssen, dann wird er auch mit
der ganzen Macht und Kraft seiner Triebe nach dem möglichst ergiebigen
Auskosten dieser kurzen Genußmöglichkeiten, besonders in den Tagen seiner
Jugend, streben. Und wenn dabei kein wachendes, warnendes und strafendes
Gottesauge auf ihm ruht, dann wird er gewissenlos sein und es für Vernunft
halten, rücksichtslos in der Genußjagd über seinen Nebenmenschen
hinwegzuschreiten.
Hier hatte man nun wieder ein Beispiel! Äußerlich
schien bei diesen jungen Eheleuten ja alles in der besten Ordnung. Ja man hätte
dieses hübsche Heim für mustergültig halten können. Alles schien auch ganz
vernünftig auf eine längere Harmonie angelegt zu sein. - Aber was konnte die
junge, lebensfrohe Frau abhalten, nach neuen Lebensgenüssen sich zu sehnen in
dem Augenblicke, als ihr Mann krank wurde und andere kamen, die ihr neue und
mehr Genüsse und eine sicherere Lebensgrundlage zu bieten schienen.
„Man lebt ja nur so kurze Zeit
und ist so lange tot!"
An diesen gottlosen, von Sibylle vorgetragenen Vers
mußte Lydia denken. Und damit war ihr alles klar.
Inzwischen
kam nun die Schwester eilig wieder von
der Apotheke zurück. Die Frauen gaben dem schlaftrunkenen Kranken ein
Löffelchen von der Arznei, machten ihm zur Kühlung der Hitze
Essigwasseraufschläge, taten auch sonst, was rätlich schien und zogen sich
dann, die Türe offenlassend, in das Wohnzimmer zurück, um den Schlummernden in
der jetzt allein rettenden Ruhe nicht zu stören.
O Gott! Nun erst kam Sibylle so recht zu sich und
konnte mit voller Klarheit alles, was da geschehen war, in seiner ganzen
Graßheit fassen. Diese Schmach und Schande vor der Schwester! Das war ihr noch
das Allerärgste. Wenn die Schwester nicht dagewesen und Zeugin geworden wäre,
dann hätte sie sich über das Vorgefallene vielleicht gar nicht so sehr
aufgeregt – denn einmal mußte das alles, was sie da hinter ihrem Manne in
dessen Arbeitsstunden trieb, doch ans Tageslicht kommen. - Und besser früher
als später – solange sie noch jung war und andere, neue Wege gehen konnte.
Für Friedbert war es ja schlimm – aber der
konnte, wenn er endlich von dem ungesunden Berufe wegging und sich ausheilte, ja
schließlich doch auch wieder eine neue Kameradin finden. Es gab ja noch viele
hübsche Mädels. Sie, Sibylle, mußte es doch nicht gerade sein!
Aber daß nun gerade auf diese Stunde Lydia des
Weges kommen, daß diese einzige Person in der Welt, auf die sie noch etwas gab,
dabei sein mußte, wenn die Mine platzte! - Ah, es war eine abscheuliche
Geschichte, eine bodenlose Schande! - Auch noch mit diesem Peter Diestermann,
mit welchem sie es gar nicht so ernst gemeint hatte wie mit einigen andern, die
ihr viel besser gefielen.
Was sollte sie nun machen? Sollte sie einfach alles
leugnen – frischweg. Aber das führte sicher zu nichts! Der Brief war da. Und
gewiß wußte die hellsichtige alte Hexe noch mehr! Und nachdem einmal
Friedberts Misstrauen wach war, würde er auch ohne Zweifel allem auf den Grund
kommen. Und dann wehe, wenn er fand, daß er in dem einen oder anderen Falle
wirklich Anlaß hatte - ! Sie hatte schon mehrfach, wenn Friedbert glaubte,
Grund zur Eifersucht zu haben, aus seinen Blicken gelesen, daß seine
Leidenschaft unter solchen Umständen keine Grenzen haben und vielleicht auch
nicht ihr Leben schonen würde.
Lydia schien diese stürmenden Gedanken der
Schwesterseele zu ahnen. Sie ergriff Sibylles Hände und zog die wieder ganz
Erstarrte neben sich auf den Diwan.
„Du brauchst mir gar nichts zu sagen und zu
beichten", sagte sie mit tiefen, wehem Ernst, „ich weiß schon alles; ich
kann es mir aus dem einen Punkt denken – weil ihr beide keinen Gott habt!
Davon, Sibylle, kommt alles - - alles! - Davon kam schon der Brudermord des Kain
an Abel. Und auch du bist dadurch nahezu so weit gekommen wie jener erste
Mörder! - - Sibylle! Sibylle!!" rief sie plötzlich in wildem Schmerz und
riß die Schwester an die Brust. „Wenn das die Mutter wüßte – daß du eine
Gottlose und eine Ehebrecherin bist und eine Mörderin an deinem Manne!! -
Sibylle! Sibylle! Ich lasse dich nicht!! Du bist meine Schwester!! Du mußt mit
mir kommen – samt ihm, dem Kranken! Und ihr müßt alle beide wieder gesund
werden – ihr müßt erwachen! Ihr müßt Licht finden!
O mein Gott, o liebster Vater im Himmel!" rief
die treue Hüterin, ihre Hände zum Himmel erhebend - ! Gib mir diese Schwester
wieder! Gib mir ihre Seele, die Du mir schon als ein Kind auf das Herz gebunden
hast! Ich habe gefehlt vor Dir, daß ich so lange nicht nach ihr geschaut habe!
Vergib mir! Laß Gnade vor Recht ergehen! Und erschließe Dir wieder dieses
einst so kindliche und reine Herz der Schwester! O Gott, lasse sie sehen und
erkennen, wie eitel töricht und nichtig all ihr Hoffen und Streben und wie
unselig ihr Leben ohne Gott ist! O Vater, gib ihr Licht! Gib ihr Licht!! Und
hilf auch dem bedauernswerten, armen Manne!"
Während sie also laut betete, hatte sich im
Schlafzimmer der Kranke, aus seinem Betäubungsschlummer erwachend, langsam
etwas aufgerichtet. Er hörte mit geschärftem Sinn das Gebet, und plötzlich
rief er laut und klar: „Lydia, komm!"
Rasch lief die Gerufene in das Schlafzimmer.
Sibylle folgte hinten drein. Da saß Friedbert fast gänzlich aufgerichtet im
Bett. Die fahle Blässe des Gesichts war einer fiebernden Röte gewichen. Die
großen dunklen Augen glühten und glänzten.
„Lydia", sagte er, „tue ihr nichts! - Ich
– ich bin an allem schuld – ich habe sie ungläubig und gottlos gemacht! Und
ich habe sie in diesen Geist hineingetrieben, in welchem sie mir dieses antun
konnte und vielleicht - - mußte! Wer weiß, was für Mächten wir Armen
untertan sind!? - - -Christus Jesus!!" schrie er plötzlich, die
Arme ausbreitend - „Ich habe gesündigt! Ich bin von Dir gewichen! Ich habe
Dich verlassen und verraten! Und nun bin ich von Dir gestraft – mit Recht! -
Jesus Christus! - Erlöser! - Vergib uns und erlöse auch uns!!!"
Damit fiel der Fieberglühende in die Kissen
zurück. Ein Schein der Verklärung war plötzlich über sein Angesicht und
ganzes Wesen ergossen. Mit großen, offenen Augen lag er da, als schaute er in
weite, lichte Fernen.
„Ja, ja", murmelte er leise „ - ja – ja.
Es ist ein Gott, und Er läßt Seiner nicht spotten!" Lydia trat zu dem
Verklärtem, der dem irdischen Jammer und Schmutz entrückt schien, und legte
ihre Hand auf seine fiebernde Stirne. „Es wird schon alles, alles wieder gut,
Friedbert. Der Vater im Himmel ist erbarmend und freut Sich über jeden, der zu
Ihm kommt!"
Als Lydia sich nach diesen Worten zu Sibylle
wandte, die in starrem Staunen auf der Türschwelle stehen geblieben war und das
Geschehen miterlebt hatte, da konnte auch diese sich nicht länger halten. Se
stürzte in die Arme Lydias, barg das Gesicht an ihrer Brust. Und endlich löste
ein unerschöpflicher Strom von Tränen das angestaute, verhärtete Gefühl der
jugendlichen Sünderin.
Daß Friedbert gesagt hatte: »Tu ihr nichts –
ich bin schuld!« - das hatte sie ins Herz getroffen. Da war in ihr etwas
aufgerührt und zum Leben gerufen worden, das sie vorher noch nie, nie empfunden
und gekannt hatte. Eine ganz seltsame Glut des Herzens – ein Stück Himmel –
ein heiliger Feuerfunke wahrer, göttlicher Liebe war in ihr aufgegangen!
Des Heilands, des Erlösers Finger hatte zwei
Seelen berührt – In Nacht und Grauen ihnen ein Licht entzündet!
33. Kapitel
Wer da mit dem geistigen Augen hätte sehen
können, was für ein Kampf in diesen Stunden um diese beiden Seelen, Friedbert
und Sibylle, auch im unsichtbaren Reiche ausgefochten wurde, der hätte erst so
recht den tiefen, himmlischen Sinn dieser ganzen irdischen Vorgänge erkannt.
Mit Lydia waren die geistigen Freunde ihres Hauses
und ihrer Familie mit in das Heim der jungen Eheleute Eggenhardt eingezogen, dem
heißen Drange ihres Herzens folgend. Sie hatten die Schutzgeister der beiden
verirrten Menschenkinder tief betrübt und niedergeschlagen angetroffen. Und
eine fast undurchdringliche, schwarze Wolke unseliger Finsternismächte
überlagerte wie ein stählernes Gewölbe das ganze Heim der beiden Menschen.
Durch das geistige Auge geschaut, sah es dort gar nicht so sonnig und freundlich
aus, wie es den Beschauer mit dem leiblichen Auge vorkam. Es war in Wahrheit
tiefste Nacht und Wüste um die Seelen Friedberts und Sibylles. Und es war klar,
daß hier nur mit der höchsten Himmelsmacht reinster Liebe und mit des Vaters
ureigenster Kraft etwas auszurichten war.
Unter heißem Gebet der vereinten guten Geister
hatte denn auch alsbald ein Willenskampf zwischen dieser kleinen Schar des
Lichts und dem Heere der Finsternis begonnen, das mit seinem ganzen,
giftgeschwollenen Hasse auf die eng zusammengeschlossenen aber furchtlosen
geistigen Beter einstürmte.
Seltsam war, daß hier dem noch jungen und erst
zuletzt zum Lichte gelangten Geiste Albert Sauerbrot, dem einstigen unseligen
Raubmörder, am wenigsten bangte. Er war von einer unerschütterlicher
Festigkeit und Kühnheit, als selbst die grauenvollsten Dämonen in ihrer Wut
herbeifuhren, um die in dem Drama handelnden irdischen Menschen, besonders
Friedbert und Sibylle, zu verderblichen Schritten und Taten hinzureißen und
Lydia und die geistigen Beter zu verwirren und in die Flucht zu schlagen. Hatte
doch Albert Sauerbrot an sich selbst die Gnade, Kraft und Macht des himmlischen
obersten Schutzherrn in besonderer Herrlichkeit erfahren! Ihn, den Räuber und
Mörder und gottlosen Ungläubigen, hatte die heilige Liebe des allein
wahrhaftigen Gottes selbst im Jenseits noch gesucht, gerettet und angenommen, ja
ins selige Licht der Paradiese emporgeführt, als er sich in jäher Erkenntnis
und heißer Reue dem sanftmütigsten aller Richter, dem wunderbaren Arzt und
Heiland aller kranken Seelen, zu Füßen geworfen hatte. O diese Erfahrung nach
langer Wüstenfahrt in jener grünen, letzenden Oase wollte er ewiglich
festhalten und die selige Botschaft auch der armen, verirrten Schwester Sibylle
und ihrem bedauernswerten Manne bringen! Keine Macht der Hölle und der
Finsternis sollte ihn daran hindern, auch diese beiden Herzen mit dem Lichte zu
erfüllen, das ihn selbst so überselig gemacht hatte. Und darum kniete denn in
der unsichtbaren geistigen Schar der junge Sauerbrot vorne dran, sandte seine
heißesten Gebete zum Throne des himmlischen Vaters hinauf und bot furchtlos den
Lichtschild seines starken Willens dem Stürmen der wilden Dämonen entgegen.
Nur zu gut kannte er ja aus seinem früheren Erdenleben diesen Geist der
Vergewaltigung und Vernichtung und wußte auch aus seinen Erfahrungen, daß
diese Gewalt dem innersten, wahren Sein alles Lebens – dem göttlichen Geiste
der Liebe nichts anhaben konnte-
So gelang es denn auch hauptsächlich durch das
unerschütterliche Beten dieses jungen Schutzgeistes, die sieghafte Hilfe der
höchsten Himmel herbeizuziehen. Und das Angesicht des Alleinzigen neigte sich
in freundlicher Milde dieser inbrünstig mit ihren irdischen Angehörigen
vereinten Kämpferschar. Es ward erreicht, daß die Herzen der beteiligten
Menschen nicht den rasenden Mächten der Hölle und ihren Einflüsterungen
erlagen, sondern den Warnungen und Ratstimmen der Lichtmächte Gehör gaben. Und
so waren die Dinge zu dem glücklichen Ende gekommen, das wir in der
vorangehenden Schilderung erlebt haben.
Daß hier eigentlich ein heiliges Wunder geschehen
war – mit dieser Bekehrung Friedberts und der beginnenden Umstimmung Sibylles
- das empfand Lydia aufs tiefste. Da war offensichtlich eine wunderbare
Gebetserhörung vor sich gegangen! O wie wollte sie dafür dankbar und künftig
auch voll des unerschütterlichsten Vertrauens sein! Der himmlische Vater, der
allmächtige Gott vermochte wahrlich alles!
Die Herzen der Menschen lenkte Er – bei aller
Freiheit ihres Willens – durch Seine weitausschauenden Vorkehrungen wie
Wasserbäche. Wie hatte Er die Vorgänge dieses Abends, die Handlungen der
Menschen und ihre Auswirkungen so wunderbar sich entwickeln und entfalten
lassen, nur da und dort mit einer unvermerkten, bedeutsamen Wendung geistig
einfließend – so, daß unter dem machtvollen Eindrucke dieser lange
vorbereiteten Katastrophe die Seele des in eigenwilligem Weltsinn befangenen
jungen Mannes von ihrer falschen Weltschale jählings befreit wurde, daß sie
das wahre Licht aus den himmlischen Höhen echter, reiner Liebe verstehen und in
diesem neuen Tage die eigene Schuld an dem tieftraurigen Verlauf der Dinge
erkennen und bekennen konnte! Wie wunderbar die Freisprechung des vom
trügerischen Weltgeiste des Mannes verblendeten und verführten Weibes – und
daß der Reuige Worte finden konnte, die Verirrte der leitenden Fürsorge der
göttlichen Barmherzigkeit zu empfehlen!
Auch Sibylle mußte durch diese Wendung und durch
die im Herzen ihres Mannes gewirkte Gnadenfülle in ihrer Weltsicherheit
erschüttert und dem Walten des göttlichen Geistes zugänglicher gemacht
werden. Das war ja doch fast gar nicht anders möglich unter der Wucht solcher
Erlebnisse und Eindrücke.
O wie wunderbar weise und herrlich und mit welch
unwiderstehlicher, sanfter Macht hatte der heilige himmlische Vater, der Meister
des Lebens, die Dinge zuwege gebracht und eins aus dem andern entwickelt – wie
aus dem harten Holze des Baumstammes der Ast, der Zweig, die Blüte und die
Frucht sich entfaltet!
Ja, ja! Ihm ewig allen Dank, allen Preis und alle
unsere Liebe samt dem unentwegtesten Vertrauen in allen künftigen Nöten des
Lebens! . . .
34. Kapitel
Lydia entschloß sich, die beiden Lieben nun
natürlich nicht zu verlassen, sondern mit Sibylle die Pflege des Kranken zu
übernehmen.
Aber am nächsten Morgen kam auf Veranlassung des
Kassenarztes schon ein Krankenwagen und holte Friedbert in ein in der Stadt
gelegenes Krankenhaus. Dort wurde er untersucht, einige Tage gepflegt und sobald
er befördert werden konnte, in eine entfernte, auf sonniger, staubfreier
Gebirgshöhe gelegene Lungenheilanstalt der Krankenkasse verbracht.
Hier durfte Friedbert beinahe zwei Monate lang
bleiben und genas, den mörderischen Dämpfen der Fabrik entrückt,
überraschend schnell von den schlimmen Erscheinungen seines Übels. An eine
Rückkehr in den alten Beruf war freilich nie mehr zu denken. Und am Schlusse
der Anstaltskur erklärte der behandelnde Arzt einen weiteren, mehrwöchigen
Erholungsaufenthalt in würziger, reiner Landluft für unbedingt erforderlich.
Lydia war inzwischen mit Sibylle sogleich, nachdem
Friedbert in die Heilanstalt verbracht worden war, nach dem heimatlichen Dorf
auf dem Walde abgereist. Die Wohnung in der Stadt war geschlossen worden, und
Sibylle kam jetzt in ganz neue, ihr bisher völlig unbekannte und ungewohnte
Verhältnisse. O welch ein Geist umfing sie hier in diesem Hause, wo Vater und
Mutter und die vier frischen, frohen Kinderchen mit einer wahrhaft himmlischen
Liebe aneinander hingen! Ah, das war ein Leben – ein Eden auf Erden, dieses
gegenseitige Sich-Dienen und -Erfreuen! In aller Morgenfrühe, wenn die Hähne
im Dorfe krähten und die aufgehende Sonne den nahen, etwas höher gelegenen
Wald und dann die Giebel der freundlichen Häuser des Dorfes erhellte – da
erhob sich der Vater, brachte dies und das im Hause oder Garten oder für seine
berufliche Arbeit in Ordnung.
Dann, wenn es Zeit war, die schlummernden Lieben
für das Werk des Tages zu wecken, setzte er sich an die wundervolle kleine
Hausorgel im geräumigen Wohnzimmer und ließ ein Dank- und Loblied mit
männlicher Stimme und mächtig anschwellendem Orgelschall ertönen, daß alle
Schläfer in den oberen Räumen seligst erwachten und mit einstimmten.
So erbebte schon gleich in frühester Morgenstunde
das ganze, gesegnete Haus des Lehrers von den geistigen Wogen und Wellen des
Heiligen Geistes und der Freude und Herrlichkeit eines Lebens in Gott.
Beim Frühstück, das bald alle Glieder der Familie
und meist auch irgendwelche in diesem Hause Trost und Kraft suchende Gäste
vereinte, sprach der junge Bernhard mit Inbrunst sein Gebet und die jüngeren
Geschwister unterstützten ihn mit ihren stammelnden Worten .
O wie schmeckte da die gesegnete, von frohen Reden
und Tagesplänen gewürzte Mahlzeit!
Ein schönes Wort aus einem vom jüngsten der
Kleinen an den Platz des Vaters gelegten Kalender, mit erbauendem, tiefsinnigen
Inhalt aus den Werken des deutschen Sehers Jakob Lorber, vom Vater am Schlusse
des leiblichen Mahles als geistige Nachspeise vorgelesen, gab allen Herzen,
besonders den Erwachsenen, Stoff zum Nachdenken und eine stärkende Wegzehrung
für den ganzen Tag.
Und nun ging jedes, von unsichtbaren, höheren
Mächten gestärkt und gefestigt, an sein Tagwerk; die Kinder und der Vater in
die Schule; die Mutter an den Haushalt; Sibylle und die andern Gäste an die
auch ihnen zukommende und sich bietende Beschäftigung.
Gerade solch ein tägliches Familienfest wie das
Frühstück war auch das Mittags- und Abendmahl. Und man konnte hier in diesem
Hause von dessen Bewohnern wirklich sagen: „Ihr Lebenslauf ist Lieb und
Lust!"
Wir herrlich war auch der Abschluß, welchen der
Hausherr allabendlich im engeren Kreise der Erwachsenen dem reichen Arbeitstage
geben konnte mit seiner Vorlesung aus der Heiligen Schrift oder aus andern
ernsten, zu Gott weisenden Büchern – oder auch mit sonstigen Betrachtungen
und Belehrungen.
Diesem Geiste konnte sich Sibylles an sich gesundes
und natürliches, nur vom Vater her mit einer gewissen Kühle veranlagtes Wesen
nicht verschließen. Sie fühlte sich in diesem Hause, dieser friedlichen
Ordnung, diesem allem kopfhängerischen Wesen abholden Frohsinn von der ersten
Stunde an wunderbar wohl – und befreit. Etwas Beklemmendes, etwas Häßliches,
Giftiges ließ von ihr ab. Wie Ketten oder Schalen fiel es nieder. O wie atmete
es sich hier so wahrhaft leicht und sorglos!
Diese Menschen hatten wirklich kein solches Hetzen,
Fürchten, Bangen und Jagen wie die armen Großstadtleute! Da waltete ja ein
lieber Gott und Vater und gab jedem, der seine Pflicht tat, zuversichtlich das
Seine! Da brauchte es gar kein Sorgen und Jagen! Da fiel jedem alles Nötigste
und noch weit, weit mehr – über Bitte und Verstehen, von selbst zu. Kurz, in
diesem Hause war wahrhaft das große, selige Friedensglück, nach welchem sie,
Sibylle, in der Stadt unter den ungläubigen, gottlosen Horden so lange so
vergebens und schließlich mit so furchtbarem Mißerfolge gesucht hatte.
O hierher mußte man auch ihren Friedbert bringen
zu völligen Ausheilung – das war ihr brennender Herzenswunsch. Auch Lydia und
Karl Gotthilf wünschten sich nichts sehnlicher. Und so reiste Sibylle eines
Tages mit dem Segen der ganzen Familie ab, um den notdürftig
Wiederhergestellten an die Stätte des Lichts und des Friedens heimzuholen.
Friedbert stand unter dem Toreingang der hoch am
Berge gelegenen Heilanstalt. Er war wieder bedeutend kräftiger, und ein
sonnengebräuntes Gesicht schaute der ankommenden jungen Frau mit fragenden,
glimmenden Blicken entgegen. Friedbert öffnete die Arme, und Sibylle stürzte,
keines Wortes mächtig, an seine Brust.
Ohne viel zu sagen, führte er sie auf sein Zimmer
im zweiten Stocke, von wo man eine unbegrenzte Fernsicht ins weite,
tiefergelegene Land hinaus genoß. Er schloß das offene mit freundlichen
schneeigen Tüllvorhängen umrahmte Fenster. Und nun feierten die beiden Gatten,
ohne das zwischen ihnen in den Wirrnissen und Strudeln der Welt Vorgefallene zu
erwähnen, ein Wiedersehen und eine Vereinigung ihrer Herzen, wie sie solch eine
Seligkeit im Geiste noch niemals in ihrem ganzen Leben empfunden hatten.
Auch Friedbert war hier oben in der reinen Gebirgs-
und Waldluft und in der Friedensstille der erhabenen herrlichen Landschaft
weiter zu Gott hinan gereift. Der Atem der Ewigkeit wehte hier. Die Wälder, die
Berge und Täler, auf welche er hinunter schaute, die ziehenden, schimmernden
Wolkengebirge am Horizont – und in lautloser Nacht die aus reiner, stiller
Höhe herniederfunkelnden Sterne, dieses ganze, heilige Geschmeide der
göttlichen Schöpfungskrone hatte sein Herz mit Schauern erfüllt und ihn den
allwaltenden, liebevollsten Vater ahnen, fühlen und erleben lassen.
Nun konnte er über das in blindem Erdendrange von
seine Seite gewichene Weib nur ein tiefes, unnennbares Erbarmen empfinden. War
sie doch, wie ihm immer klarer geworden war, nicht ohne seine Schuld vom
Weltsinne verblendet worden. Und nun hatten sie beide durch die unermeßliche
Liebe und Führerweisheit des großen Gottes zu einer besseren und unendlich
beglückenderen Erkenntnis erwachen dürfen und fanden sich durch Seine
Gnadenlenkung auf einer höheren, reineren und seligeren Stufe!
O was waren das für Augenblicke des wonnevollsten,
himmlischen Entzückens! Wie erschütternd war das Gefühl, nunmehr von Gott
Selbst zu einer wahren Ehe, einer Ehe im Geiste reiner, selbstloser, göttlicher
Liebe für alle Ewigkeit verbunden zu sein!
Die beiden konnten lange nur weinen. Und erst nach
geraumer Zeit konnten wie wieder die Werke des Tages aufnehmen, Friedberts
Koffer packen, unter Menschen gehen und sich dankbar von den Ärzten und den
Angestellten des Hauses verabschieden.
Dann ging es in unnennbarem Glücke dem trauten
Walddorfe, der Heimat der geliebten, teuren Geschwister zu.
35. Kapitel
Durch diese Wendung der Dinge hatten die
unsichtbaren geistigen Freunde des Schulhauses nun das Ziel ihres Strebens
erreicht!
Mit Friedbert und Sibylle zogen die letzten
Weltschäflein der Familie in die bergende Hürde. Die Freude, als die beiden
ankamen, war daher groß. Auch Friedbert fand sich hier in diesem
gottverbundenen Heime bald völlig zu Hause. Es war ihm, als ob er nach langer,
dunkler Irrfahrt in fremden Landen endlich in die alte, lichte, in
leichtfertigem Sinne verlassene Heimat seiner Seele zurückgekehrt sei! -
Besonders mit dem Schwager Karl Gotthilf stand er bald auf dem vertrautesten,
innigsten Fuße.
Gerne und mit großem Eifer ließ er sich von
diesem geistig fortgeschrittenen Manne in das Erkenntnislicht einführen,
welches diesem Hause und seinem engeren Freundeskreise durch die jenseitigen
Schützer und Berater übermittelt worden war.
Karl Gotthilf zeigte ihm, wie diese geistigen
Mitteilungen an das zarte innere Erkenntnisvermögen der Menschenseele gleichsam
wie durch einen Jenseits und Diesseits verbindenden gedanklichen Kraftstrom
erfolgen. Und so war Friedbert ganz auf dem Laufenden in diesen Dingen, als
eines Abends das Pfarrerehepaar und einige andere nahen Freunde wieder zur
geistigen Weihestunde ins Schulhaus kamen.
Es war Lydias, der treuen Liebesheldin und Beterin
siebenunddreißigster Geburtstag, und man hatte im Familienkreise dieses Fest
schon vom frühen Morgen an mit einem überreichen Strom zärtlicher und
dankbarer Liebe gefeiert. Als nun der Abend gekommen war und Friedensstille sich
auf das ländliche Heim herniedersenkte, berief Karl Gotthilf, innerer
Aufforderung gemäß, die erwachsenen Hausgenossen und sonstigen Geistesfreunde,
um dem Tag durch einen gemeinsamen Gedankenaustausch in beglückender
Zwiesprache mit den seligen Mächten der geistigen Welt zu krönen.
Er eröffnete das Beisammensein wie immer mit einem
tiefen und lebendig aus dem Herzen dringenden Gebet, in welchem er diesmal mit
Dankbarkeit und Wärme seine Ehegefährtin gedachte und sie der Liebe und dem
Segen des göttlichen Hirten empfahl. War doch sie es gewesen, durch deren
unerschütterliche Glaubensinnigkeit all das Dunkle und Arge gewichen und ein
Himmel in diesem Hause aufgetan worden war. Ihrem Sorgen und Beten war es auch
zu danken, daß der himmlische Vater zuletzt noch die beiden fehlenden
Familienmitglieder aus dem Weltgebrause herbeigeführt hatte.
„Reiche Gnade", sagte Liebhardt, „möge
denn auch auf sie, Lydia, die gute Gattin, Mutter und Schwester, der Himmel
ergießen und dem Sehnen und Werk ihres Herzens vollen Erfolg und Sieg in Zeit
und Ewigkeit geben!" Nach diesen Worten setzte sich Karl Gotthilf nieder,
ergriff den Schreibstift, und nach einer Weile stillen, andachtsvollen Wartens
und Lauschens kamen durch seinen Mund folgende Worte, die er wiederum
gleichzeitig sprach und niederschrieb:
„Ihr teuren Lieben, wir grüßen euch auch heute
mit dem Gruße des Friedens, tief beglückt, euch alle, auf denen das Auge des
Vaters ruht, nun hier beisammen zu sehen. Ewigen Dank lasset uns für die so
reich erfahrene Gnade dem himmlischen Lenker in unseren Herzen bewahren! Von der
Höhe der Vollendung erst werdet ihr Seine Liebe und Weisheit, welche euch in
diesem Hause zum Licht geführt hat, voll erkennen. Und wir unsichtbaren Freunde
sind glücklich, daß es uns nach dem Ratschlusse des allmächtigen, himmlischen
Vaters vergönnt war, zu diesem Werke einen, wenn auch kleinen Teil beizutragen.
Für euch, ihr Lieben, ist nun aber die Zeit
gekommen, auf Grund der gewonnenen Erkenntnisse im Lichte eines festen,
lebendigen Glaubens selbständig den gewiesenen Weg zum ewigen Leben
weiter zu gehen und aus eigener Kraft zum heißgeliebten Vaterherzen zu streben.
Wir Diener des Herrn werden uns daher, nachdem unsere Aufgabe beendet ist,
wieder mehr in unsere euch unzugängliche Welt zurückziehen. Und wenn wir euch
auch weiterhin mit unserer Liebsorge schützend und leitend umgeben, so werden
wir doch nicht mehr wie bisher durch das vernehmliche Wort des Mittlers zu euch
reden, sondern um eures höchsten Lebensgutes, eurer Willensfreiheit und
Selbständigkeit wegen, nur im stillen Kämmerlein eures Herzens zu einem jeden
einzelnen kommen mit der sanften, unaufdringlichen Stimme des Geistes.
Ihr sollt ja nicht ewiglich als Unmündige am
Gängelbande geleitet werden. Das große Ziel unseres Schöpfers und
väterlichen Vollenders ist es, euch zu selbständigen und selbsttätigen
Söhnen und Töchtern, zu wahren Ebenbildern Seiner eigenen göttlichen
Vollkommenheit zu reifen. Und so suchet Ihn, den himmlischen Vater, und Sein
lebendiges Wort fürder alle im inwendigen Gottesreiche des Herzens!
Eine sichere Wegweisung besitzet ihr in den durch
lichtvolle Erkenntnisse euch aufgeschlossenen heiligen Schriften der Bibel wie
auch in den herrlichen Werken jenes großen Sehers und Gottesboten, von welchem
ihr ein tägliches Geistesbrot alle Morgen zum Frühmahl genießet. Wenn ihr
redlichen Sinnes den euch auch hier so klar und eindringlich gewiesenen Weg der
selbstlos tätigen Liebe und Demut wandelt, werdet ihr das große, ewige Ziel
nimmermehr verfehlen. Und eure wie unsere Freude wird allezeit vollkommen sein.
Nehmet, ihr innig Geliebten, von uns allen den
treuesten Abschieds- und Segensgruß! Möge ein jedes einzelne bald das
hohe Ziel des Vaterherzens voll und ganz erreichen durch das unentwegte
Nachfolgen auf den Spuren der Ewigen Liebe, die mit offenen Armen eines jeden
Pilgers, auch des weit Verirrten, harrt.
Doch nun wollen wir mit unserer geringen Kraft
zurücktreten. Und euch zur Stärkung wird ein Erhabener zu euren Herzen
reden, vor dessen Angesicht wir ewig nicht würdig sein werden, den Saum Seines
Mantels zu küssen."
Nach diesen Worten machte Karl-Gotthilf eine kleine
Pause. Dann schrieb und sprach er mit einer unter der heiligen Wucht des
Eindruckes leise bebenden Stimme:
„Der Ich ewig war und ewig sein werde, rede heute
zu euch, die ihr in Liebe Mein Vaterherz suchet. Ihr wundert euch, von Mir aus
Meiner euch unermeßlichen Höhe ein Zeugnis Meiner Liebe zu empfangen! Habe Ich
es denn nicht allen denen, die Mich suchen und zu sich bitten, für alle Zeiten
der Zeiten verheißen: »Wo zwei oder drei in Meinem Namen zusammen sind, da bin
Ich mitten unter ihnen«? Warum staunet ihr und verwundert ihr euch nun? Und
warum zaudert ihr, im Geiste an Meine Brust, an Mein Herz zu eilen!? Sehet, die
Arme, welche sich von rohen Henkern ans Kreuz für euch schlagen ließen und
sich in heißem Sehnsuchtsschmerze nach allen Meinen Erdenkindern reckten - -
sie stehen auch heute für euch alle offen. Und Der für euch Sein Blut am
Kreuze hingab, steht in eurer Mitte, um das verlorene Leben, das sich in euch
wieder zu Ihm fand, an Seine Brust zu ziehen und zu liebkosen.
O säumet nicht und kommet alle, alle, die Ich aus
Nacht und Not zum Licht heraufgeführt! Hier ist der Ort, der ewige Born des
Lebens! Und wer hier trinkt, den dürstet ewig nimmer, es sei denn nur nach
weiterer Seligkeit aus Mir.
Von dieser Quelle weichet nimmermehr! Laßt durch
der Welt Gepränge euch nicht locken! In Irrsal führt ihr feiner Zauberbetrug!
- Bei Mir ist Wahrheit, Liebe, Kraft und Stärke. Und wer bei Mir bleibt, bleibt
im reichen Segen, der wie ein Sonnenstrahlenkranz Mein Sein umgibt.
O kommt! O kommt! Und laßt uns ewig wunderbare
Wege wallen – Ich bin's! Ich ruf' euch – euer Vater Jesus."
Als diese Worte in dem stillen Raume verklungen
waren, rührte sich kein Atem. Nun schwer fanden die versammelten Zeugen sich in
das irdische Dasein zurück. War es Wirklichkeit gewesen? - Der Höchste
Selbst hatte diesem Trüpplein Menschenkinder Sich zugeneigt!?
Der unbeschreibliche Schauer der tiefsten Wonne,
welcher wie ein feuriger Wein in aller Herzen sich ergossen hatte und sie mit
wunderbarer Lebensglut erfüllte, war ein heiliges, unverkennbares Zeugnis!
Ja, die Liebe Gottes hatte sie alle, die hier
gläubig versammelt waren, gesucht und gefunden! - Und die Geborgenen wollten
sich fürder nur von Ihr weiter führen lassen, dieser siegreichen Macht, welche
mit dem Stabe der Weisheit und sanftesten Milde, auch noch den letzten Sünder
im freien Lichtreiche des ewigen Lebens zur Vollendung reift.
- E n d e -
Vom Geist der vorstehenden Erzählung
Gott ist in Seinem ganzen Wesen Liebe. Und wer in
der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm.
Diese Hauptlehre der biblischen Schriften wurde in
unserer vom Geist des Unglaubens verdunkelten Zeit den Menschen aufs neue
machtvoll vor die Seele gestellt durch den großen Seher und Gottesboten
Jakob Lorber.
Dieses Rüstzeug der ewigen Liebe und Wahrheit
lebte 1800 – 1864 in Graz, Steiermark. Von seinem vierzigsten Lebensjahre an
sprach zu ihm in seinem Herzen – wie zu den Propheten des Alten Testamens –
die Stimme des göttlichen Geistes. Denn an diesem demütigen, selbstlosen Manne
erfüllte sich das Wort des Herrn: „Wer Meine Gebote der Liebe hat und
hält, der ist's, der Mich liebt . . . Ihm werde Ich Mich offenbaren."
Jakob Lorber widmete, seinen irdischen Beruf als
Musiker zurückstellend, vom Tage an, da die innere göttliche Stimme zum
ersten Mal in ihm vernehmbar wurde (15. März 1840), sein ganzes ferneres Leben
der Niederschrift der ihm zugehenden Eröffnungen. Es entstanden im Laufe von
zweieinhalb Jahrzehnten etwa 25 stattliche Druckbände, die heute von den
Freunden dieser Botschaft durch den Lorber-Verlag, Bietigheim, herausgegeben
werden.
In den Schriftwerken Jakob Lorbers wird die wahre
Lehre Jesu Christi,
die Liebes-Heilslehre
von allen menschlichen Entstellungen befreit und
als ein rettendes Licht auf den Leuchter gestellt. Eine tiefsinnige Gottes-
und Schöpfungslehre dient zur Erläuterung dieser Heilslehre der tätigen
Gottes- und Nächstenliebe. Und eine lichtvolle Jenseitslehre zeigt, wie
das von Gott in unseren Seelen angefangene Werk jenseits der Todespforte in der
geistigen Welt vollendet wird.
Diese Schrift
steht als 88-seitiges PDF-Dokument bereit