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Max Seltmann - Erlöst vom Irdischen
INHALT Heft 25 04.
Sehnsucht nach dem Erlöser 07.
Freiheit im Dienst der Liebe 08.
Endlich alle Sehnsucht gestillt 09.
Neue Aufgaben — neue Seligkeiten 16. Vorbereitungen zur Erlösungstat 21.
Die Liebe höret nimmer auf 26.
Von Seligkeit zu Seligkeit 01. Vorgeschichte
Dieses
Menschenkind wurde 1918 geboren. Später erkannte man, daß es blind war. Mit
zwei Jahren wurde es in Leipzig operiert, wodurch ihr etwas Licht geschenkt
wurde. Im nächsten Jahr erlitt sie durch Unachtsamkeit eine starke
Verbrennung auf der Brust; sie schwebte lange zwischen Leben und Tod. Als
Merkmal blieb auf der Brust eine Brandnarbe, die ein großes Kreuz darstellte.
Im Jahr darauf stürzte sie aus dem zweiten Stock des Hauses, das wir
bewohnten, es geschah ihr nichts, spielend wurde sie im Garten gefunden. Dann
verletzte sie sich mit einer Gabel das Auge, aber nach drei Tagen war sie
wieder gesund. Nun wurde auch offenbar, daß sie geistig unnormal war trotz ihrer
großen Fähigkeiten. Sie tanzte wie die beste Tänzerin und hatte für Musik ein
Riesengedächtnis. Eine nur einmal gehörte Melodie sang sie manchmal nach
Monaten und Jahren noch nach, aber in ihrer Sprachweise, die Fremde nicht
verstehen konnten. Alle diese Fähigkeiten verlor sie nach ihrer
Sterilisation, die nach dem damaligen Gesetz vorgenommen werden mußte. Ja von
dieser Zeit an ging eine Änderung vor sich, die ihren Zustand zu ihrem
Nachteil verschlimmerte, so daß sie später in eine Anstalt überführt werden
mußte, wo sie dann im Alter von 21 Jahren verstarb. Personen:
02. Erlöst vom Irdischen
In
einem schönen Garten erwacht Hanny, schaut um sich, da spricht eine Stimme:
»Fürchte dich nicht, kleine Hanny, ich bin bei dir, erschrecke nicht, nun
kann dir nichts mehr geschehen, du bist erlöst vom Irdischen, von deinem
Leiden.« »Erlöst? Ja wo bin ich denn,
ich kann ja richtig sehen! Jetzt sehe ich auch dich, wer bist du, wo ist
Schwester Lina?« »Du bist bei mir, deiner Großmutter, Lina kann nicht hierher
kommen, denn du bist gestorben.« »Gestorben?, gestorben! Kann ich heim zu
Papa und Mama?« »Nein, Hanny, jetzt noch nicht, du mußt erst von deinem
kranken Körper ganz frei sein, mußt dich mir anvertrauen und dich nicht mehr
fürchten, denn die Menschen können dir nichts mehr tun. Ich bringe dich zu
guten und lieben Schwestern, die dich lieb haben werden. Dort
sollst du dein Leid und alle deine Leiden vergessen, denn dein kranker Körper
bleibt auf der Erde zurück.« »Ja, aber zu keinen Schwestern, lieber heim zu
Papa und Mama, ich werde folgen.« »Heute noch nicht, kleine Hanny, vielleicht
morgen; komm, ich trage dich zu guten Schwestern; du mußt sie recht lieb
haben.« »Bekomme ich da auch satt zu essen und muß ich da nicht frieren?«
»Soviel du essen willst, kannst du haben, und dort ist es immer schön warm,
dort friert überhaupt niemand.« »Kann
mich da auch Papa besuchen?« »Kind, du bist voll Bangigkeit und voller Angst;
du bist erlöst von allem Irdischen und sollst eingehen in das Reich der
Seligen. Umarme mich fest, so nun halte mich fest; nun ist mein Gebet erhört,
ich darf dich forttragen in ein herrliches Sein.« Hanny hielt die Großmutter
umschlungen, in einigen Minuten sagte diese: »So, meine Hanny, wir sind da,
wo du die ersten Stufen erklimmen kannst, die dich zum freien Kinde
machen.« Eine
junge Schwester nimmt Hanny in Empfang und sagt: »Hanny heißt du, sei
herzlich willkommen, schaue mich nicht so voll Angst an, ich werde dich recht
lieb haben.« Großmutter begleitete die beiden, die nach einem schönen
Häuschen gingen, wo noch viele Mädchen in diesem Alter weilten. Die
Schwester sagte: »Hier bringe ich euch ein scheues Vögelchen, habt sie alle
recht lieb, denn sie mußte viel leiden.« »Schwester Martha, wer ist diese
herrliche Schwester, bleibt diese auch hier?« »Nein, ihr Mädels, es ist
Hannys Großmutter, die ein seliger Engelsgeist ist. Sie brachte uns Hanny,
die vor ein paar Stunden von ihrem Erdenleid erlöst wurde.« »Vor ein paar
Stunden? Warum mußten wir so lange in Ungewißheit bleiben und mußten bitten,
rufen und beten?« Da sagte die Großmutter: »Kinder, ihr habt auch dieses
nicht erleben brauchen, was diese — nun eure Schwester — erleben mußte. Euch
wurde vieles gelehrt, ihr konntet euch in eurer Welt umschauen, ihr hörtet
eurer Mutter Gebete, wie sie es euch lehrte. Eure Schwester Hanny hatte
nichts dergleichen. Sie war fast blind, nur die Strahlen der Sonne oder der
Lampen brachten ihr etwas Licht. Krank im Kopf und krank die Nerven, das Kind
war zum Leiden geboren. Kein Interesse an Gott und dem Heiland, verbrachte
sie Tage, Wochen und Jahre, und das härteste Los, das einen treffen kann, das
Elternhaus war für sie verloren. Darum liebt dieses euer Schwesterlein, in
ihr ist ein guter Kern, sie wird euch noch viele Freude machen. Und du, Martha,
du treue Hüterin der Liebe, freue dich des Dienstes, den dir die ewige Liebe
anbot, es ist übergroße Gnade. Jesu Liebe sei euer Leben, eure Liebe, eure
Kraft und Seligkeit.« Bald wurden sie lebendig, jede wollte Hanny beglücken,
diese aber wurde ängstlich. Nun wurde gegessen, Brot mit Honig, und gute
Milch getrunken. Hanny hatte tüchtigen Hunger, da sagte Martha: »Hanny, hier
nimmt dir niemand etwas, sie alle geben dir noch von dem ihrigen, wenn du
nicht satt werden solltest. Du bist nicht mehr in der Anstalt, sondern in
einem Kinderheim, wo du noch viel lernen sollst und alle Angst ablegen, die
noch in dir lebt.«» Kinderheim? Ich
sehe euch alle, wo sind die Kinder? Bist du Schwester Martha?« »Ja, Hanny,
bleibe nur bei mir und sage mir alles, ich will dich alles vergessen machen,
was du durchmachen mußtest.« »Martha, muß ich wieder in die Anstalt, wo es so
kalt ist? Ich habe soviel frieren müssen.« »Nein, Hanny, hier ist es nicht
kalt, überall ist es warm, überall ist es schön und alle sind gut zu dir. Aber
du mußt auch gut sein, mußt alles tun, was ich dir sage, du wirst viel lernen
müssen. Dann wirst du uns viel erzählen müssen von deinen Eltern und
Geschwistern, die heute traurig sind, weil sie eine kranke Hanny haben, die
nichts lernen konnte. Nun will ich dich herumführen, komm, gib mir deine
Hand, habe keine Angst, hier gibt es keinen Doktor, keine Oberschwester,
sondern liebe, gute Mädels wie du noch eines werden wirst. Nun schau hin,
dort sind deine Schwestern, sie pflücken Blumen, dort sind welche, die
pflücken Kirschen und Erdbeeren, wirst du welche essen können? Ja?,
dann komm, wir gehen gleich hin. Kinder, bringt einige Erdbeeren für Hanny,
so, das ist schön.« Hier begrüßten die Mädchen die verängstigte Hanny, eine
sagt: »Hanny heißt du, o welch ein schöner Name, ich heiße Liesa, willst du
die Erdbeeren von mir annehmen? Ganz reif, ganz süß sind sie, es gibt viele
hier, da, nimm die ganzen hin.« Hanny stopfte rasen die Beeren in den Mund,
und Martha sagte: »Aber Hanny, iß recht langsam, sie schmecken doch so gut,
siehe, hier nimmt dir niemand etwas, sondern sie bringen dir alles, was du
nur willst.« Liesa sagte: »Hanny, ich will dir noch welche holen, willst du
noch mehr? Oder soll ich dir Kirschen holen? Warte ein wenig, gleich bin ich
wieder da.« Sagte Martha: »Hanny, ist es nicht schön hier bei uns? Schau hin,
dort kommt Liesa mit vielen Kirschen gesprungen! So,
das ist schön, Liesa, komm, begleite uns. Weil du freiwillig von deinen
Beeren und Kirschen gegeben hast, sollst du auch immer bei ihr bleiben,
willst du Hanny recht lieb haben?« »Ach, Schwester Martha, ich danke dir, ich
will recht gut zu Hanny sein und sie recht lieb haben.« »So gehen wir
weiter.« Liesa ging an ihrer Seite. Sie gingen in ein kleines Haus, da war es
schön, ganz große Fenster ließen viel Licht herein. An der Seite standen
Betten. »Hier wirst du schlafen mit Liesa, meine Hanny, bis du richtig zu
Hause bist. An den Tischen werdet ihr essen, und nun komm, nun gehen wir ein
Stück weiter.« So gingen sie zu dritt weiter in den Garten hinein. Hohe
Sträucher nahmen die Aussicht, aber um so schöner blühten sie. Immer weiter
ging der Weg, welcher kein Weg, sondern ganz weicher Moosboden war. Da sagte
Martha: »Kinder, so gefällt es mir, wenn ihr rechte Freude habt, aber wir wollen
wieder zurück, denn für Hanny ist das Gehen noch ungewohnt. Hast du schon
solche Blumen und Sträucher gesehen?« »Nein,
ich hatte schlechte Augen, aber nun sehe ich alles, darf ich mir einen Zweig
abbrechen? Zu Hause habe ich im Wald immer Zweige abgebrochen.« »Du darfst
es, Hanny, aber du darfst ihn dann nicht wegwerfen, sondern mußt ihn
mitnehmen und den andern zeigen, damit sie sich mit dir freuen.« Ein schöner
weißer Busch hatte es Hanny angetan. »Ach sind die schön, Schwester Martha,
darf ich einen Strauß bekommen?« »Soviel du willst, Hanny! Du, Liesa, mache
noch einen Strauß für alle, damit die Freude desto größer werde!« Als Liesa
die Zweige abbrach, kam Milch aus den Stielen. Hanny bemerkte es, da sagte
Martha: »Wenn du Durst hast, könntest du den Saft trinken, er ist zuckersüß.
Unwillig darf man nichts abbrechen, denn die Pflanze ist auch ein Geschenk
Gottes, unseres heiligen Vaters. Lange blühen sie nur am Stock, während sie
im Strauß bald eingehen. Wir haben Blumen genug, um das Heim und die Schwestern
zu schmücken. So trage nun diese herrlichen Zweige, denn nun beginnt sich in
dir das Leben zu regen.« Hanny war schweigsam geblieben. Das Neue reizte sie
weniger, sie war recht ängstlich. Nun
kamen sie an ihr kleines Häuschen, wo die anderen den Tisch gedeckt hatten.
Der Platz, den Hanny einzunehmen hatte, war mit Blumen geschmückt, Martha
setzte sich rechts, Liesa links. Die anderen brachten Brot mit Erdbeeren und
Milch. Martha segnete die Speisen und dankte dem Geber aller Gaben für dieses
Geschenk, dann wurde gegessen. »Hanny, wie schmeckt dir dieses Brot«, fragte
Martha, »und diese Beeren?« »Gut, sehr gut, wo ist denn die Bäckerei?« »Die
Brote bekommen wir fertig, sie werden nicht alle, auch wenn noch 100 hungrige
Hannys kämen.« Bald waren alle satt, auch Hanny. Einige räumten ab, brachten
aber dafür eine Christusfigur und stellten sie vor Martha auf den Tisch.
»Kennst du den Mann?«, fragte Martha die Hanny. »Nein?! Möchtest du Ihn nicht
kennen lernen? Es ist unser Heiland, der alle Kranken gesund macht, auch
dich.« »Gesund, gesund? Ich bin nicht mehr krank und kann sehen und wäre
gestorben?« »Ja, dieses sind wir alle, aber deswegen bist du noch krank, weil
du noch soviel Angst hast. Du
brauchst keine Angst mehr zu haben, wir sind alle gut zu dir, alle 30 werden
dir Liebe erweisen und nun erzählen wir von unserem guten Heiland, der alle
gesund machen kann. Ihr anderen aber singt erst ein schönes Lied von unserem
Heiland unserer Hanny.« Sie sangen: Vorbei ist die Angst, vorbei ist das
Leid, vergangen alles Herzeleid, nun leben wir in Freude und Licht und unser
Herze vom Jubel durchbricht, da alles Alte ist vergangen. 0 süße Liebe,
sel'ge Wonne, bleib ewig unsere Herzenssonne; dring du in unsere Herzen ein
und lasse uns in deinem Schein zu lauter Liebe werden. 0 komm zu uns, Herr
Jesu Christ, mach Du gesund, was krank noch ist durch Deine heilige Liebe;
füll unser Herz mit Deinem Geist, der uns den Weg zum Vater weist, denn alles
ist durch Dich nun neu geworden. »Nun,
Hanny, war es schön? Kannst du auch singen? Nicht? Du wirst es bald lernen.
Und nun, Kinder, lasset uns ruhen, um uns zu beschauen.« Hanny schaute, wie
sich die ändern auf die Betten legten und fragte die Schwester, ob sie sich
nicht ausziehen und ob es auch finster werde. »Nein, meine Hanny, wir
brauchen keinen Schlaf, nur Ruhe, du am nötigsten, du hast viel hinter dir
und mußt erst alles ordnen. Ein Ausziehen gibt es nicht. Wenn du in Ordnung
bist, bekommst du ein neues Kleid, das behältst du so lange, bis du wiederum
ein neues bekommst. Nun, wir legen uns, du in dieses dein Bett. Schließe die
Augen, und du wirst doch sehen, aber nicht, was um uns ist, sondern was in
uns lebt. Du wirst später alles noch verstehen lernen, aber du mußt wollen,
damit du froh und glücklich wirst.« — Hanny machte Fortschritte, ein
Lerneifer setzte ein, der in ihr ruhende Geist fing an zu drängen, so daß
Martha in aller Geduld zurückdrängen mußte. Dazu kam auch ein Eifer, mit den
ändern zu schaffen. Hanny war nicht wiederzuerkennen. Einige Male kam die Großmutter,
da war Hanny kein ängstliches Kind mehr, sondern ein eifriges Mädel geworden.
Vergessen war noch nicht das Erdenleben, denn es gab auch Momente, wo das
alte Seelische und Niedere wieder vorherrschen wollte, da war Martha die
treue Hüterin. So lernte Hanny durch den Geist ihre neue Bestimmung kennen,
und es gab eine Trennungsstunde. 03. Durchbruch zum Leben
Ein
Bote führte Hanny nach Süden, alle gaben das Geleit, aber kein Schmerz, nur Freude
belebte alle Herzen. »Wir folgen dir!«, riefen alle, nur Liesa sagte: »Hanny,
vergiß uns in deinem Glück nicht, dem du entgegengehst, auf dich ist die
Liebe Jesu besonders gefallen.« Willig folgte sie dem Boten, bald war das
Ziel erreicht, eine ungewöhnlich schöne Landschaft mit vielen Häuschen und
großen Gärten. Zum Empfang waren viele gekommen, es waren durchweg alle in
ihrem Alter. Eine ältere Frau, geschmückt mit dem leuchtendsten Geschmeide im
Haar, nahm Hanny in Empfang und sagte: »Sei herzlich willkommen, Gottes Segen
zum Eingang.« Auch hier gab es viel Arbeit, noch mehr zu lernen, aber eine
Liebe umwehte alle Herzen, die zu wetteifern in der Liebe alles Mögliche
taten. Es
wurde in dem Garten gearbeitet, durch Selbstbeschauung vieles gelernt, aber
vor allem das Leid erkannt. Hier wurde praktisch der Helfersinn geübt. Hanny
mit ihrem regen Geist lernte hineinschauen in die Wunder der Liebe, ihr
Erdenleben offenbarte sich ihr in einem ganz anderen Lichte und der rechte
Jesusgeist kam zum Durchbruch. Vor allem, sie glaubte ihrer Mutter Lehrerin,
die selbst auf Erden viel Leid erfahren hatte. Beide waren verschmolzen in
einem Wollen, so groß und reif zu werden, damit man helfen, helfen und
erlösen kann. In einer solchen Stunde erschien wieder die Großmutter. Hanny
flog ihr entgegen, ein Strahlenglanz von Liebe umwob die Vereinten. Nun
konnten sich alle zusammenfinden, im trauten Kreis wurde die heilige Liebe
durch die selige Mutter in noch herrlicherer Weise geschildert. Was
war noch von der Erde übriggeblieben; nur die Erinnerung. »Wenn ihr einmal in
die seligsten Gefilde eingegangen sein werdet, ist alles in nichts
zusammengeronnen. Tausend Jahre Erdenleid wiegen eine Stunde Seligkeiten auf,
was ihr hier lernet, soll zum Segen aller gereichen. Nicht die Liebe soll
entschädigend sein für ertragenes Leid, o nein, sondern beleben, um
leiderlösend zu werden. An der Liebe könnt ihr emporranken zu einem wahren
Gotteskind, wer aber im tiefsten Leid zum Befreier und Erlöser werden kann,
ist Träger des herrlichen Jesusgeistes geworden. Noch zu keiner Zeit, die die
Ewigkeit kennt, ist das Leid so groß geworden wie jetzt. Die ewige Liebe
braucht Kinder von Ihrem Geist durchdrungen, um Leid zu lindern und um die
Schuld zu tilgen, die falscher Geist und falscher Wahn zu unübersehbaren
Haufen ansammelte. In
allen Himmeln ist Trauer über Trauer über all die Verirrten und Verlorenen,
ja, der Herr selbst weint über die, die Er als Seine Kinder beglücken möchte
und die doch unrettbar verloren gehen, wenn nicht gar bald wahre Retter und
Helfer erstehen. Einst konnte Er als Jesus Seine Liebe offenbaren, konnte
sterben am Kreuz um die Rettung aller, aber Er wird weiterhin verraten und
betrogen. Der Feind alles Lebens glaubt der Herr zu sein, aber lebendigen
Kindern soll es gegeben sein, das zugeschlagene Tor des Lebens wieder zu
öffnen. Die Liebe des Vaters soll noch herrlicher geoffenbart werden, aber
nicht durch Worte, sondern durch Helfen. Dieses möchte ich euch Kindern
sagen, vor allem dir, Hanny, die du erwählt bist zu einem Werkzeug der Liebe.
So komme her, mein Kind, daß ich dich segne, knie aber nieder, damit du
empfangen kannst den Lohn, den dir die ewige Liebe durch mich schickt. So sei
nun gesegnet in der Liebe und durch die Liebe und geweiht für das Werk der Liebe
aus Jesum unserem Herrn und Gott. Amen« Hanny wurde emporgehoben. Da
hatte sie ein anderes Kleid von hellblauer Farbe an, einen goldenen Gürtel um
den Leib und einen Reif im Haar, der mit einem leuchtenden Stein geziert war.
Sie erschrak über diese Pracht, aber die Lehrerin sagte: »Hanny, nun bist du
belohnt für deinen Eifer, bald wirst du von uns gehen, um deine Mission zu
erfüllen, hast du keinen besonderen Wunsch in dieser Freudenstunde?« »Doch,
liebste Mutter, ich möchte Liesa holen, dürfte ich sie besuchen und sie
mitbringen?« »Aber gern, Kind, wir wollen den heiligen Vater bitten, daß Er
dir einen Boten sendet, denn allein kannst du noch nicht gehen.« Im nächsten
Augenblick stand auch schon ein Bote da und sagte: »Geliebte Schwestern, eure
Bitte ist schon erhört, ehe sie ausgesprochen ist, ich werde sie dahin führen
und auch wiederbringen. Des Herrn Wille ist unser Leben.« »Wenn
du willst, Hanny, können wir gleich gehen, oder hast du noch Wünsche?« »O ja,
ich möchte Blumen und Trauben mitnehmen für die andern, für Martha einen
besonderen Strauß, nur einige Augenblicke. Und du, liebe Mutter, willst du
nicht mitkommen?« »Wenn es dein Wunsch ist, sehr gern, mein Kind, denn ich
bin Herr meiner Zeit, die ganz der Liebe geweiht ist, und nun eile und mache
zurecht, was du brauchst, um deine Schwestern zu erfreuen.« Ein kurzer
Abschied, ein Leuchten der Augen, da zogen die drei Glücklichen ihre Straße,
im schnellen Flug durcheilten sie Schönheiten, die Hanny zum erstenmal so
recht zum Bewußtsein kamen. Viele Schwestern und Brüder sahen sie, und ein
fröhliches Winken begann. Da fragte Hanny, ob dieses auch Selige seien? »So
selig wie du, mein Kind. Sie weilen schon lange hier und haben keine
Sehnsucht nach einer höheren Bestimmung. Du aber stehst im Anfang. Diese
waren schon reich auf Erden, du aber warst arm; diese leben von der Liebe,
die sie von ihrem Erdensein mitgebracht haben, du aber aus der unermeßlichen
Liebe des Herrn und Seiner Gnade. Diesen hängt noch vieles Irdische an,
während du durchs Leid schon geläutert und durch die Liebespflege viel
vorauseilen konntest.« »Ach,
mein gutes Großmütterchen, manchmal denke ich, das herrliche Sein müßte
vergehen und das alte Elend wieder anfangen, da zitterte ich schon. Und
warum? Weil der liebe Heiland sich kein einziges Mal sehen läßt. Sag, hast du
Ihn schon gesprochen?« »Hanny, Er ist oft bei uns, es sind Stunden des reinen
Glückes. Aber weißt du, wenn du reif bist, Ihn zu ertragen, wird Er auch zu
dir kommen. Nur nicht an das Alte und Vergangene denken, sondern dem
Zukünftigen leben, dann wird die Gegenwart zur Freude. Nun schau, dort kommen
schon deine Schwestern auf uns zugeeilt, wie sie sich freuen auf dich.« Es
waren wirklich ihre ersten Schwestern, die ihr die erste Zeit über alles
Irdische halfen. Da reichte Hanny ihrer Martha den herrlichen Strauß und
sagte: »Schwester Martha, aus meinem Garten pflückte ich diese Blumen für
dich, sie zeugen von der Liebe, die du mich lehrtest. Du, Liesa, ich muß dich
umarmen, denn ich komme, dich zu holen zu uns.« War das eine Freude, sie
erkannten die ängstliche Hanny nicht mehr. Von einer Frische und Fröhlichkeit
durchdrungen legte sie Zeugnis ab von der Liebe, die sie erleben durfte. Der
Gottesbote aber lächelte über diesen Eifer. Als dann die Trauben verteilt und
von allen, auch dem Gottesboten, genossen wurden, gingen die Herzen erst
richtig auf. Das war Leben aus der Liebe nach dem Herzen Gottes. Da sagte
Martha zur Großmutter: »Schwester im Herrn, es ist ein Wunder mit dem Kind;
wenn ich mir mein Dienen überdenke, ist es der einzige Fall, wo ein
Menschenkind solche Fortschritte machte. Es gab wohl Zeiten, wo ihr mit
eisernem Willen entgegengetreten werden mußte, aber der Liebe war immer das
Tor offen.« Es ist ein Wunder, liebe Schwester Martha, aber ein Wunder aus
der höchsten Liebe. Wenn wir Hanny in ihrer früheren Gestalt und Erkenntnis
schauen würden, wäre es uns kein Wunder mehr, denn der heilige Gott und Vater
hat auf die wunderbarste Weise dem Engel den Weg zum freien Kindessein
geebnet und sie wird noch Großes in der Liebe vollbringen. Schau nur, wie
frei sie mit ihren Schwestern über große, heilige Dinge spricht, am liebsten
möchte sie alle zusammen mitnehmen.« Der
Bote nähert sich und spricht: »Geliebte im Herrn, meinem Herzen ist es die
größte Freude, diese Liebe zu erleben, es ist das Herrlichste, daß immer den
Geringsten das Höchste so einfach und natürlich ist und zur wahren Seligkeit
führt. Wie oft erleben wir die Anbetung des Herrn, es ist wohl weihevoll,
aber das Feuer fehlt, das alles erwärmt, wie ich es wieder hier erlebe.« »Du
hast recht, mein Bruder, darum sind auch die Stunden größte Seligkeit, wo
wahre himmlische Freude sich offenbart.« Nach irdischer Zeitrechnung
vergingen Stunden, aber es war wie ein Augenblick, da sagte der Bote: »Geliebte
alle, meine Mission geht zu Ende, dämpfet eure Freude, aber nicht den Geist.
Ihr müsset euch wieder trennen, darum nehmet nur äußerlich Abschied,
innerlich seid ihr ja nicht zu trennen. Du, Schwester Helene, eilest wohl
wieder nach deiner Bestimmung, während ich erst nach erfüllter Pflicht
zurückkehren kann. Ich
danke dir für deine Liebe, durch die ich euch dienen durfte.« »Bruder, wir
sind alle des Herrn, Sein Leben unser Sein und Seine Liebe unsere Freude,
Glück und Zufriedenheit. In Seinem Geiste sehen wir uns wieder,« Nicht
schwer, sondern leicht wurde der Abschied. Liesa war unendlich glücklich, mit
Hanny ziehen zu können. Nun wußte sie auch, sie war gewürdigt für die Arbeit
des Herrn. Alle gaben das Geleite, die Mutter blieb noch eine kleine Zeit bei
Martha und ihren Pfleglingen, um über große Dinge mit ihnen zu reden. Bald
erreichten die drei ihr Ziel, von allen erwartet und freudig begrüßt, jubelnd
wurden sie heimgeführt, wo ein Liebesmahl sie erwartete. Nicht zu trennen
waren Liesa und Hanny, beide wetteiferten im Dienst der Liebe. Die Lehrerin
aber hatte drei Mädchen, Christa, Rosel und Lena. Diese verband sie mit den
zwei Unzertrennlichen und machte ihnen bekannt, daß sie bald zu einer
selbständigen Arbeit berufen würden. Da war die Freude groß. Inniger umgab
die Lehrerin die Fünf mit Liebe und konnte ihr Verlangen stillen, immer mehr
und mehr zu erfahren von ihrer künftigen Tätigkeit. 04. Sehnsucht nach dem Erlöser
Die
Lehrerin nach ihrer weisen Art ließ die Fünf ganz ihrem Zug gemäß von innen
leben und stellte stets ihr Handeln frei, so kam es, daß diese große
Entdeckungsreisen machten in ihrer großen herrlichen Welt; wo sie viele alte
und auch gleichaltrige Brüder und Schwestern trafen. Viel lernten sie dabei,
denn in allem glichen sie ihnen, aber die Sehnsucht, den Herrn zu sehen,
fehlte ihnen. Zufrieden mit ihrem Los, ganz der Freude und Wonne lebend,
taten sie, was ihre Pfleger und Pflegerinnen wollten, aber Hanny war damit
nicht einverstanden. Bei einem Besuch von Nachbarn fragte Hanny einige dort
weilende Schwestern, ob auch der liebe Heiland und heilige Vater schon einmal
dagewesen sei, da antwortete eine: »Wir würden uns wohl freuen, wenn uns
dieses Glück zuteil würde, aber uns genügt vollauf dieses unser Leben. Unser
Erdenleben hatte wohl manche glücklichen Stunden uns bereitet, von den
schlechten spricht man nicht gern, ich wüßte nicht, was uns an unserem Glück
noch fehlen würde. Der Herr ist der Herr, Ihm bleibt es überlassen, ob Er uns
besuchen will. Ich bin glücklich, in dieser Welt, in ihren Schönheiten leben
zu dürfen.« »Du magst recht haben, liebe Schwester, ich denke anders. Ich
hatte es nicht so gut wie du, von glücklichen Stunden meines Erdenlebens erzählen
zu können. Ich litt keine Not. Meine Eltern liebten mich heiß und innig. Aber
nie sah ich, wie schön die Welt war, nie konnte ich mich mit ändern freuen,
wie sie sich freuten. Als ich nun in diese geistige Welt kam, erfuhr ich erst
die göttliche Liebe, erfuhr aber auch, daß es noch viel, viel schönere
Schönheiten und Seligkeiten geben soll, die größte Seligkeit aber sei die,
mit dem Herrn persönlich zu verkehren. Wenn uns der Herr schon so viel Liebe,
Güte und Gnade schenkte, warum sollte Er uns die größte Gnade, mit Ihm zu
verkehren, nicht noch schenken wollen? Meine selige Großmutter belehrte mich,
daß ich eine noch viel größere Liebe und Sehnsucht nach Ihm, dem guten
Heiland und Vater haben solle, dann würde ich ausreifen für diese Gnade. So
wie du, liebe Schwester aber denkst, kommst du nie zu dieser Seligkeit.« »Du
magst recht haben, aber wäre es nicht über die Schranken der Ordnung
gestiegen? Was uns an Gnade geschenkt wurde, soll uns genügen, warum nach
größerer Gnade streben? Ist diese Welt nicht schön?« »Doch, meine liebe
Schwester, aber das Sehnen nach unserem heiligen Vater, ist es nicht auch
Gnade von Ihm? Was von Ihm und aus Ihm kommt, soll doch unserer Seligkeit
dienen! Da übersteige ich doch nicht die Grenzen der Ordnung! Im Gegenteil, wo
noch Grenzen sind, sind auch noch Schranken, nach meinem Dafürhalten sind es
immer nur wir selbst, die Schranken oder Grenzen setzen. Die ewige
Gottesliebe nie, denn Gott in Seiner Liebe kann ja gar keine Grenzen setzen,
sonst wäre diese schöne Welt unbewohnt.« »Das kann ich nicht verstehen, alle,
alle sind selig.« »Gewiß, liebe Schwester, selig durch die Gnade und Liebe
Jesu, aber was hast du getan, um Ihn zu erfreuen? Unser Leben und Danken
gleicht ja einer Glocke, die mit ihrer Stimme nur künden kann, was der Mensch
in sie legte; bei uns liegt aber noch etwas ganz anderes in uns. Alles
was uns gegeben ist, soll dienen, um zu beglücken, warum soll der Herr, als
der Erste, davon ausgeschieden sein? Hättest du in einem solchen Elend gelebt
wie ich, würde dir das Elend bekannter sein. Den Elenden und Kranken soll
unser Leben geweiht sein, weil der Herr Selbst unter den Elenden noch viel
lebt.« Diese Unterhaltung haben noch viele mit angehört, auch die Pflegerin,
diese sagte dann: »Meine Tochter, du bist auf dem besten Wege, ein Kind
Seiner Liebe zu werden, denn den Schmuck an der Stirne trägt hier noch keine.
Wie lange weilst du schon in dieser Welt?« »Nur kurze Zeit, meine Mutter, es
ist nicht mein Verdienst, so gewachsen zu sein, sondern größte Gnade. Eben
darum rühme ich die Liebe und Gnade und strebe darnach, diese Liebe anderen
zu erweisen.« »Ich verstehe dich vollkommen, meine Tochter, diese aber
brauchen noch lange, ehe das Leben so zum Durchbruch kommt wie bei dir, auch
mir sind es Stunden reinsten Glückes und höchste Seligkeit, so der Herr
Selbst oder einer Seiner Diener kommt und sei es nur auf kurze Zeit.« »Aber,
liebe Mutter, verzeihe mir, wenn ich dich frage, sind sie wirklich alle so
zufrieden und ohne Sehnsucht? Unsere Lehrerin weckte erst richtig die in uns
ruhende Sehnsucht und gab jederzeit uns zu verstehen, daß unser Glück und
Seligkeit nur eine halbe sei, darum erbrennen wir in Liebe für unseren lieben
und guten Heiland und Vater, wir können die Stunde garnicht erwarten, bis Er
kommt.« »Meine Tochter, ich wollte, alle Kinder wären so wie du, voll
sehnsüchtigem Verlangen, unsere Heimat würde noch viel, viel schöner sein.«
Beim Heimwärtswandern sagte Liesa: »Hanny, ich glaube, du hast ein
Sehnsuchtsfeuer angezündet bei den Schwestern, ich wollte, es würde sich eine
Frucht daraus entwickeln; dann würden sie alle für die Dauer glücklich
bleiben. Wir sind gewiß auch selig, warum ist das Verlangen, dem Herrn ganz
eigen zu sein, so groß geworden?« »Weißt du, Liesa, Mutter würde uns schon
die rechte Antwort geben, eines ist sicher, ohne den Herrn richtig zu lieben,
gibt es keine Seligkeit, wo wären wir geblieben ohne den Herrn und Seine
erlösende Liebe? Der letzte Aufenthalt meines Erdenlebens war die erste Stufe
zur Hölle. Die
Sehnsucht in mein Vaterhaus war gedämpft, da Not und Kriegszeit es von selbst
verboten haben, dazu war ich mit einem Leiden behaftet, welches unheilbar
war. Nun kam der Herr Selbst und tut das, worum ich meinen leiblichen Vater
gebeten hatte. Er holte mich in Sein Reich der Liebe und Gnade. Durch die
Selbstbeschauung fand ich viel, aber das Schönste von allem, das ich gefunden
habe ist dies: der Herr ist unser bester Vater und treuester Heiland, mein
größter Wunsch ist es, Ihn zu sehen, Ihm danken zu können und Ihn einmal zu umarmen.«
»Aber Hanny, Er ist überheilig und wir sind Sünder, ich habe geheim noch
etwas Angst.« »Ich nicht mehr, Sünde kenne ich keine. Habe ich Dummheiten
gemacht, mußte ich büßen, was habe ich mit Sünde noch zu tun? Sünde und Liebe
verträgt sich nicht, entweder ich sündige, dann bin ich ohne Liebe, oder ich
liebe, dann kann mich keine Sünde regieren.« »Hanny, jetzt hast du dich
verstiegen, sagte Christa, Paulus sagte: Wir sind allzumal Sünder und mangeln
des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen.« »Es mag für euch richtig sein,
für mich aber nicht. Was
wußte ich von Gott, nichts, für mich gab es kein Gebot, folglich konnte es
auch keine Sünde geben, für meine Unarten und Dummheiten wurde ich gestraft,
ja, ich muß sagen, andere machten noch größere Dummheiten und wußten, daß es
einen Gott gibt.« »Ja, Hanny, soweit reicht unsere Erkenntnis nicht, sobald
wir zurückkommen, mag uns unsere Lehrerin den rechten Aufschluß geben. Ich
denke, wir sprechen nicht mehr darüber, damit wir den Herrn nicht betrüben.«
Schweigend legten sie den Weg zurück. Groß war die Freude, als sie von den
vielen erzählten, die sie besucht hatten, nur Christa war schweigend
geblieben. In einem günstigen Augenblick. sagte Christa zur Lehrerin:
»Mutter, wir fünf sind in einem Punkt nicht einig, hilf uns, damit es nicht
zur Herzensnot werde.« »Schon gut, Christa, ich wußte es, daß es so weit
kommen werde, endlich ist der Augenblick da, auf den ich schon immer wartete.
Wenn
die anderen sich zur Ruhe begeben, dann kommt ihr zu mir in mein Ruhestübchen.«
Christa lud die anderen zur Mutter Lehrerin ein, die schon auf sie wartete.
Ach wie gern gingen sie zur Mutter Lehrerin. »So, Kinder, macht es euch
bequem, ihr seid in meinem Stübchen ganz meine Kinder, also was hast du mich
zu fragen, meine Christa.« »Mütterchen, ich bin mit Hanny nicht ganz einig,
Hanny spricht, ich kenne keine Sünde, da ich keinen Gott und auch kein Gebot
kannte. Ich sagte, wir sind Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott
haben sollten. Hanny erwidert, was habe ich mit Sünde zu tun? Sünde und Liebe
verträgt sich nicht, entweder ich sündige, dann bin ich ohne Liebe, oder ich
liebe, dann kann mich die Sünde nicht berühren.« »Ja, Christa, da kannst du
deine Hanny nicht verstehen, dies glaube ich dir gern, aber ich verstehe die
Hanny sehr gut, und ich freue midi über ihren Standpunkt. Bedenke, wer war
Hanny und wer warst du! Unsere Entwicklung hier im Geisterreiche kann sich
nur auf der Grundlage entwickeln, die wir als Menschen hatten. Deine
Grundlagen waren gut, in deinem Inneren lehntest du dich an Gott an; darum
hattest du eine leichte Schule hier im ewigen Geisterreich. Hanny aber hatte
gar keine Grundlagen für ihr ewiges Leben, alles mußte ihr erst hier im
Geisterreich beigebracht werden. Dazu hatte sie eine gute und liebevolle
Pflegerin, die strenge Anweisung von dem Sendboten der Liebe hatte. Eines ist
sicher, Hanny hat euch alle überflügelt, ihren Standpunkt vertreten nur die
reinsten Geister; ihr werdet auch in Zukunft erleben, daß in Hanny nicht der
geringste Richtergeist leben wird, während ihr erst dazu erzogen werden müßt.
Eure Aufgaben aber vertragen keinen Richtergeist, da ihr ja Helfer und
Pfleger werden sollt, um andere freudig und glücklich zu machen im Sinne der
ewigen Liebe Jesu, oder glaubt ihr, daß ihr lauter Selige in eure Pflege
bekommt? O
nein, elende und arme verirrte Seelen, die direkt von der Erde kommen und die
die ersten Entwicklungen durchmachen müssen. Diese werden eure Pfleglinge
sein. Diese eure künftigen Aufgaben sind übergroße Gnade unseres heiligen und
treuen Gottes und Vaters Jesu. Zu diesem Dienst werden nur starke Seelen
gebraucht, die ganz von Liebe durchdrungen sind, glaubst du, Christa, diesen
Dienst übernehmen zu können? Jederzeit kannst du zurücktreten, so du dich
nicht stark genug fühlst; von Hanny weiß ich es bestimmt, sie kann es
garnicht erwarten bis ihre kranken Erdenschwestern kommen, die sie froh und
frei machen könnte. Stimmt es, Hanny?« »Ja, Mutter, es stimmt! Mit größter
Liebe und größtem Eifer möchte ich sie zu beglücken suchen, damit sie ihre
Angst ablegen und ihr Elend vergessen, wie ich es vergessen konnte durch des
Herrn Liebe. Aber Christa, Rosel und Lena, es wird herrlich, diese Arbeit für
die Armen und Elenden, habt nur keine Angst, sondern die Zuversicht, der Herr
hilft uns.« »Ja, meine Christa, verstehst du nun die Hanny? Was ist Sünde, kannst du mir die rechte Antwort geben?« »So wie du sie erwartest vielleicht nicht, aber Mütterchen, gib du uns die Antwort, denn du triffst immer das rechte.« »So höret, meine Kinder, das Wort Sünde werdet ihr in keinem Himmel finden. Sünde ist ein Begriff aus dem feindlichen Lager, nur Gott allein hat das Recht, zu entscheiden über Sünde, da sie die Frucht ist aus der höllischen Liebe. Solange Gott Gesetze geben mußte, mußte auch Sünde als Sünde angesehen werden, von dem Zeitpunkt aber, wo Er als Jesus sagte: Ein neu Gebot gebe Ich euch, daß ihr euch liebet, wie Ich euch geliebet habe, ist vor Gott jede Sünde hinfällig, sobald das Gebot der Liebe erfüllt wird, und Sünde wird nur dort Sünde sein, wo der Mensch sie selbst zur Sünde macht. In den Augen der ewigen Barmliebe gibt es nur Kranke, Verirrte und vom falschen Geist Irregeleitete. Siehst du einen solchen Sünder mit diesen Augen der ewigen
Barmliebe an, kannst du ihm Helfer und Erretter werden; schauest du aber
einen solchen Sünder mit deinen Gerechtigkeitsaugen an, mußt du ihn
verdammen. Darum schaffet den Richter aus euch, denket daran, wenn euch die
ewige Liebe nicht gesucht oder gefunden hätte, was wäre aus euch geworden,
nicht glückliche, sondern bedauernswerte Wesen. Es
war nicht leicht, euch bis zu diesem eurem Standpunkt zu erziehen, da war
unendliche Geduld und Liebe und immer wieder Liebe nötig, bis endlich der
alte Ichmensch zusammenbrach und der neue Liebemensch in euch lebendig wurde.
Ich werde euch einmal in eine solche Schule führen, wo solche Wesen leben,
das heißt, wenn ihr wollt und euch nicht fürchtet.« »Mutter, führe uns, damit
der Richter in uns verschwinde, wie gut, daß du uns dieses gesagt hast.« »Nun
gut, es sei, wir werden schnell da sein, wir wollen, und sehet euch um, wir
sind hier. Seid stille, fürchtet euch nicht, des Herrn Liebe ist auch in der
Hölle Liebe!« Vor einem düsteren Hause klopft die Lehrerin an das Tor, ein
Pförtner öffnet und fragt nach dem Begehr. »Lasset uns ein, der Wille des
Herrn ist es, darum sei ohne Sorge.« »Tretet ein, für euch ist der Weg frei!«
Es ist ganz dunkel, kaum ist etwas zu erkennen. Riesengroße Gebäude stehen
da, aber Menschen sieht man keine. Sie
gehen weiter, da kommen sie an eine Kirche. »Treten wir ein, es ist
Gottesdienst, man hört und sieht uns nicht. Am Altar steht ein Priester und
vor ihm ist ein kleiner Zuhörerkreis. Auf dem Altar stehen zwei Leuchter, die
ganz schwaches Licht verbreiten und eine Figur, die einen Menschen darstellt,
der aber nicht zu erkennen ist. Der Priester spricht: »Man redet so viel von
Gott, aber noch keiner hat Ihn je gesehen, Gott ist ein Fatum, ein Rätsel;
für aufgeklärte Menschen wie wir ein Fragezeichen. Richtet euer Leben nach
eurer Vernunft ein und suchet euch jeden untertänig zu machen, dann wird es
euch gut gehen. Wehe euch, so einer über euch herrscht, zum ewigen Sklaven
werdet ihr werden; kaufet euch die Menschen, daß sie euch dienen, und ihr
werdet die Herren und ihre Herrscher sein. Meine Kuriere haben einen großen
Zug von Menschen gemeldet, die Arbeit und Brot suchen, bedienet euch der
Schlauheit, damit sie euch als Freunde erkennen. Es ist Eile geboten,
beschließen wir unsere Konferenz. Eilig verlassen sie die Kirche und eilen
nach der Straße, die vom Abend kommt. Richtig, es kommen welche, o wie sehen
sie aus, fast nackt, Fetzen von Kleidern hängen herab, und aus ihren Augen
stiert der Hunger. Der
Priester im priesterlichen Gewand begrüßt sie und spricht: »Ihr armen
Unglücklichen, wo kommet ihr her, welcher Gott oder Mensch hat euch in diese
Lage gebracht, ein tausendfacher Fluch treffe ihn. Wir haben noch ein Herz,
darum kommt in unsere Häuser, wir sind gern bereit, euch Unterkunft und
Nahrung zu geben, so ihr in unsere Dienste tretet.« Tritt einer hervor und
spricht: »Ihr Herren, ein Gott muß euch hierher geführt haben, wir sind in
einem elenden Zustand, wenn ihr Arbeit und Brot habt, dann gebt sie uns, aber
es muß schnell geschehen, wir haben Hunger.« »Aber freilich, kommt mit uns,
damit ihr in Ordnung kommt. So, in dieses Haus hinein, da ist schon alles
gerichtet für euch.« Auf langen Tafeln lagen harte Brote, die schon zu einem
Teil verschimmelt waren, und ein Getränk, welches weder Geruch noch
Geschmack hatte. Der
Priester sagte: »Kommt, ihr Armen, und tuet euch gütlich an diesem Brot und
Wein, stärket euch, dann könnet ihr an die Arbeit gehen, die euch eure Not
vergessen läßt.« Als die Hungrigen das Brot brechen wollen, war es hart wie
Stein, es gab aber weder ein Messer noch ein Mittel, um es zu teilen, da
sagte der Sprecher zum Priester: »Ehrwürdiger Vater, ist hier kein Messer zu
haben? Das Brot ist hart wie Stein, es läßt sich nicht teilen, mit unseren
Zähnen können wir es nicht beißen.« »Ich habe kein Messer zur Hand, versucht
es nur, es muß sich doch brechen lassen.« Es ging nicht, da sagte der
Sprecher: »Suchen wir selbst etwas, es muß sich doch etwas finden lassen.«
Der Priester aber wehrte ab und sagte: »Hier ist euer angewiesener Platz, und
da habt ihr zu bleiben.« Spricht der Sprecher: »Es sieht aus, als wenn dein
priesterliches Gewand eine Heuchelei oder Maske sei, besorge uns ein Messer,
oder ich gehe selbst!« »Bleibe,
ich werde dir ein Messer bringen!« Damit verließ der Priester den Raum und
kam nicht wieder. Lange warteten sie, aber niemand kam. So machte sich der
Redner auf und suchte nach den Herren. Durch mehrere Räume ging er, jetzt
hörte er reden; was er hörte, machte ihm übel. »Wie er so dumm sein könne,
das viele Brot ihnen vorzusetzen ohne eine Stunde gearbeitet zu haben. Wenn
die Leute in einer Stunde nicht an der Arbeit sind, erhältst du eine Tracht
Prügel und nichts zu essen.« Er schlich wieder zurück und schrie: »Leute,
nehmt das Brot, wir ziehen wieder ab, dieses sind Leuteschinder, schlechter
noch als die, von denen wir abgerückt sind.« Eilig nehmen sie die Brote,
schütten die Krüge um und eilen durch die Türe. Da kommt ein baumlanger Kerl
und brüllt: »Hiergeblieben, ihr Brotdiebe, dieses könnte euch gefallen.« Da
niemand stehen blieb, schlug dieser lange Kerl mit seiner starken Faust einem
auf den Kopf, daß dieser zusammenbrach. Als er einen zweiten schlagen wollte,
hatte einer einen Krug genommen und dem Langen ins Gesicht geschlagen. Es war
ein Geschrei und Gebrüll, da kamen die andern herbei und schlugen mit harten
Gegenständen auf die Armen ein. Da
sagte die Lehrerin: »Kommt, Kinder, hier ist nichts mehr zu helfen. Diesem
höllischen Geist ist nur durch das schärfste Gericht zu helfen, denn diese
sind schon so gut wie verloren.« In wenigen Augenblicken waren sie wieder in
dem Ruhestübchen, da sagte die Lehrerin: »Nun, Kinder, was sagt ihr nun zu
dem Erlebten?« Spricht Hanny; »Mutter, ich war in ähnlicher Hölle und bin
doch erlöst, ich kann nur sagen, wenn sie den Heiland und Seine Liebe kennen
würden, wären sie nicht so; es sind Unglückliche, die sich immer
unglücklicher machen durch ihren Haß.« Christa spricht: »Mutter, ich hätte
nicht geglaubt, daß es solche Bestien von Menschen gibt; ob denen zu helfen
ist, weiß nur Gott allein.« Spricht
die Mutter: »Und doch werden sie auch noch gerettet werden, — wann, ist
unbestimmt. Sie kommen in Verhältnisse durch ihren eigenen verkehrten Geist,
wo die Hölle noch alles verzehren wird, was an Gutem in ihnen lag. Wenn dann
nach Zeiten schwerster Qualen die Reue kommt, dann kommt die Erleichterung.
Habt ihr genug von diesen Gegensätzen oder wollt ihr noch mehr?« Spricht
Christa: »Mütterchen, es ist genug, ich danke dir für deine Mühe, ich möchte
dieses nicht mehr erleben. 0 welche Gnade, Frieden in uns, Frieden um uns,
und alles erstrahlt von Wonne und Glück!« »Dann bemühe dich, Christa, die
Hanny zu verstehen, in ihr ist noch Liebe für die Verlorenen, gehet ganz mit
ihr, damit dieser Funke von Liebe zu einem Feuerbrand werde, und ihr seid
reif für das heilige Werk des Herrn.« 05. Dem Leben entgegen
Bald
schlug auch hier die Trennungsstunde, ein Gottesbote im strahlenden Gewand
führte die fünf nach einem Ort ihrer neuen Bestimmung. Sie wurden erwartet
von ihrer neuen Betreuerin und in ihr neues Heim geführt, welches ein kleines
Häuschen mit einem wunderbaren Innenraum war. Es waren aber nur drei Wände,
nach morgen zu war es offen, aber mit einem Ausblick auf die herrlichsten
Gebirgslandschaften, der ungemein schön war. Im Zimmer war ein großer Tisch
in Kreuzform, an dem viele Stühle standen, auf dem Tisch die herrlichsten
Blumen in goldkristallenen Gefäßen. »So, meine nun neuen Kinder, hier in
euren zukünftigen Hause, heiße ich euch herzlich willkommen. Ich bin Mutter
Anna für euch alle, aber nicht nur dem Worte nach, sondern auch in der wahren
Liebe und hoffe recht bald die Stunde zu erleben, wo wir ganz Schwestern
werden. Die fürsorgende Liebe stellte mich über euch, und ich bin mir bewußt
der übergroßen Gnade aus Gott. Der Gottesbote unterrichtete mich über euer
vergangenes Leben und Sein und darum möchte ich euch das Vergangene vergessen
machen und in euch den belebenden Geist so fördern, daß ihr ganz selbständige
Kinder Gottes werdet nach dem Herzen unseres geliebten und heiligen Vaters
Jesu. Nun
will ich euch einzeln an mein Herz drücken zum Beweis der unauflöslichen
Gemeinschaft im Geiste Jesu Christi. Du bist Christa, mein Kind, hier an
meinem Herzen ruhe einen Augenblick; von den Armen der Mutter umfaßt, vergiß
keinen Augenblick, welche Gnade du erlebst, denn an heiliger Stelle bin ich
gesetzt, dir den Heiland zu ersetzen. Du, Liesa, erlebe auch du den
Augenblick, von den Armen der Mutter umfaßt zu werden, die dich pflegen
werden, bis du selbst die Reife hast. Du, Hanny, ruhe dich einen Augenblick
in meinen Armen aus, denn nun hast du wieder eine Mutter, die über dich
wachen wird im Geiste Jesu, bist du in Not, hier an meinem Herzen wird sie
vorbei sein. Du, Rosel, zögere nicht, sondern eile, an meinem Herzen fanden
schon viele die Ruhe, die nötig ist, um zu vergessen, und genieße den
Augenblick, um den dich viele beneiden. Du Lena, bleibe nicht zurück, denn
die Liebe erfasset gern, was sie ewig halten möchte. So genieße in Ruhe, was
du ersehnst, ich werde dir gern deine Mutter ersetzen. So seid ihr nun meine
Kinder geworden, deren ich schon viele habe. Heute seid ihr meine Kinder,
darum kommet zu mir in mein Heim, welches ihr hoffentlich recht oft besuchen
werdet. Das Haus dort ist es, es sieht von außen wohl noch recht düster aus,
doch wie ihr wißt, kommt es auf das Innere an. Dort
nach Morgen zu sind viele kleine Häuser, dort weilen schon viele in eurem
Geist und dort, nach dem Mittag und Abend zu, ist noch alles unbewohnt, ich
hoffe, es wird auch bald belebt werden. Jetzt teile ich die Wohnung mit einem
Bruder, dem Vater Hendrick. über dieses Haus ist eigentlich er als Herr
gesetzt nach dem Willen des Herrn, doch er ist noch etwas scheu, er liebt das
Kleine, Unscheinbare und möchte ein treuer Diener bleiben. Habt ihn recht
lieb, so er zu euch kommen wird, und helft alle am großen Werk des Herrn.« Es
gefiel den Fünfen bei Mutter Anna, ihre Art war so einfach, so natürlich, man
mußte sie liebhaben. Da sagte Hanny: »Ach, Mutter, du hast es verstanden,
unsere Herzen mit dem Deinen zu verschmelzen, ich möchte dir in allem folgen,
damit wir auch bald in die Arme des Heilandes flüchten können, wie wir in
deinen Armen einen Augenblick das Süße deiner Liebe erleben durften. Ich
habe ein Sehnen nach diesem Augenblick, hilf mir dazu, Mutter Anna, denn
solange ich noch dieses vermissen muß, bin ich nicht fähig, so zu lieben wie
ich lieben möchte, weißt du, ich möchte die ganze Welt erfüllen mit der
Sehnsucht, die mich erfüllt, und möchte die ganze Welt beglücken wie ich
beglückt wurde.« »Ja, Hanny, ich verstehe dich und dein Sehnen und doch kann
ich dir nicht dazu verhelfen, weil schon alles in dir liegt, nur den Weg darf
ich dir weisen, damit ihr euch entfaltet nach dem Grade eurer Liebe. Nun noch
ein Wort zu euren Aufgaben. Dieser Ort gleichet dem früheren, von dem ihr
kommt, nur unendlich größer ist er, dort waret ihr die Betreuten, hier seid
ihr Betreuer. Ich will euch keine Anweisungen geben, was ihr zu tun habt,
sondern weihe euch nur in das Amt ein, welches euch nach dem Willen der
höchsten Liebe übertragen wurde. Wie ihr es ausfüllet, ist eure eigene Sache,
da ich überzeugt bin, ihr handelt aus Liebe und durch die Liebe. So segne ich
euch als Vertreterin der ewigen Liebe, damit alles, was ihr tut, wieder Liebe
erwecken möge. Amen. Hier ist nun ein kleiner Imbiß von dem guten Brot,
welches der Herr Selbst uns liefert und einige Früchte, die bei uns reifen,
es sei gesegnet durch die Gnade Jesu, damit es in euch zur Liebe werde. Amen.
Nun Kinder, wie schmeckt es bei mir?« »Sehr gut, Mutter! Das
Brot, welches wir auf dem vorigen Platz genossen haben, hat auch gut
geschmeckt, aber so wie dieses nicht.« »Ja, Kinder, das liegt daran, von
welcher Liebe man beseelt ist. Je reiner die Liebe, desto besser das Brot. In
den Himmeln ist ja der Geschmack von solcher Güte, daß es kein Wort gibt, um
es zu beschreiben. Mit der Zeit werdet ihr noch mehr der Erkenntnis
überkommen, hier bei mir werde ich euch immer mehr und mehr in die Tiefen der
Gottheit führen, doch euer Licht erstrahlen machen nach eurer Liebe, kann ich
nicht, dies ist eure Herzenssache. Nun wollen wir ruhen und uns versenken in
unser Inneres, damit unser Inneres zu unserem Äußeren werde!« So schwiegen
sie und erlebten neue Wonnen. »Nun kommt, Kinder, zu euren Pfleglingen, die
euch voll Neugierde und voll Sehnsucht erwarten. Dir aber, Hanny, streiche
ich dein Haar über das Stirnband, damit deine Pfleglinge das Geschenk der
ewigen Liebe noch nicht sehen, sie sollen alle deine Schwestern sein.« Mit
einem Jubel waren die Mädchen umringt, der die Herzen höher schlagen ließ,
dann sagte Anna: »So, Kinder, nun liebet euch, daß alles zum Segen gereichen
möge! Hier
ist euer Platz, heilige Aufgaben erwarten euch und denket immer daran, daß
ein jedes Herz ein Tempel Gottes werde, ganz der Liebe unseres Heilandes
Jesus würdig.« Anna verließ mit segnendem Herzen die Kinder alle. In ihrem
Herzen war eine selige Ruhe, heiliger Frieden, dann sagte sie: »0 du bester
Vater und liebevollster Heiland, komme recht bald, damit die Sehnsucht aller
gestillt werde!« Es waren an zweihundert Bewohner in diesem Heim, auch waren
schon einige Pflegerinnen da, die nun den Fünfen Unterweisungen gaben und
schon Kunde hatten, daß sie nach einem anderen Platz kommen sollten. Es war
eine frohe Arbeit, wie willig waren die einst so armen Menschen und jetzt wie
überglücklich. Es gab viel zu arbeiten. Der Garten war sehr groß, in der
Hauptsache wurden Blumen und dann Melonen und reifes Obst gepflegt. Reifen
tat es immer. Zu gleicher Zeit gab es blühendes, wachsendes und reifes Obst,
aber von einem Wohlgeschmack, der unbeschreiblich ist. Die weniger
Geschickten hatten dauernd das Unkraut zu bekämpfen. So
war die Arbeit im Garten sehr vielseitig und ein Freuen über den Erfolg, daß
allen das Glück aus den Augen leuchtete. Im Hause, wo alle Platz hatten,
wurde an den inneren Menschen gearbeitet, da war nun Mutter Anna, die da
Anregungen gab. Wenn die Pfleglinge vor dem Hause auf den Lehnstühlen ruhten
und innere Beschauungen pflegten, besuchten die Fünf Mutter Anna. Immer gab
es etwas Neues und Lebenswertes, es waren Stunden reinen Glückes. Einmal kam
Vater Hendrick, da flogen die Mädchen auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Dieser
aber war so erschrocken, und der Liebreiz nahm ihn so gefangen, daß er den
Gruß nicht erwidern konnte, aber Mutter Anna glich alles aus. Ein Bote
brachte neue Mädchen, auch einige ältere, aber in welchem Zustand und Elend! Da
war es Hanny, die Mutter Anna bat, diese pflegen zu dürfen. Es waren Bekannte
darunter, die doppelte Liebe brauchten. Mutter Anna willigte ein. Hanny
erhielt ein neues Häuschen, kleiner als das andere, aber genau so in Form und
Einrichtung, nur waren im Zimmer noch Betten für die Kranken. Mit welcher
Hingabe pflegte sie nun ihre Schützlinge, an nichts ließ sie es fehlen, ihre
Liebe wurde mit Erfolg belohnt, sie erwachten, wurden langsam lebendig und
nahmen auch den Geist auf, der da ist Liebe und das Heil aller. Mit Vater
Hendrick wurden sie nach und nach besser bekannt, denn auf einen Besuch bei
Mutter Anna, der eine Feier- und Freudenstunde für alle bedeutete, folgten
mehrere, ja, Vater Hendrick äußerte Wünsche, er brauche Blumen für seine
Freunde, brauche Girlanden für neue Häuser, die hier entstanden und zur
Aufnahme neuer Brüder bereitgehalten werden. So gab es viel Arbeit, aber noch
mehr Freude. Nur
eines fehlte, der gute Heiland Jesus! Endlich war es so weit, daß Hanny mit
ihren Schützlingen einmal Vater Hendrick und Mutter Anna besuchen konnte.
Alle versprachen recht liebevoll und artig zu sein, denn trotz allem guten
Willen brach manchmal noch der Zorn oder Unmut bei der einen oder anderen
durch, obwohl Hanny sehr wachsam war. So zogen sie aus, geschmückt mit
herrlichen Blumen in Haar und Gürtel, jede noch einen wunderbaren Strauß in
der Hand und gingen langsamen Schrittes nach dem Hause der Liebe. Als sie
hinkamen, war niemand da. Hanny sagte: »Das ist aber recht, da schmücken wir
der Mutter Anna ihr Heim recht schön. Wird diese eine Freude haben, wenn sie
eure Liebe sieht! Hier sind Schalen und Gefäße genug, das Zimmer muß ein Meer
von Blumen sein!« Wie geschäftig waren die Mädchen, denen man kein Leid,
sondern nur noch Freude ansah; immer schöner wurde alles hergerichtet, bis es
endlich die Zufriedenheit Hannys erfüllte. Als nun Mutter Anna noch verzog,
sagte sie: »Kommt, ihr lieben Herzen, ruhet in diesen Stühlen, hier ruhten
wir immer so, und die Mutter Anna erzählte uns so viel von der großen
Heilandsliebe. Darum werde ich euch auch etwas erzählen, aber ihr müsset
recht still zuhören und alles lebendig werden lassen.« Da
wurde eine rechte Stille. Hanny aber schilderte, wie der gute Heiland Jesus
auch als Mensch die Armen und Kranken so liebte, ihnen half und viele gesund
machte. Das Herrliche aber war, Er versprach, bis in Ewigkeiten in solcher
Liebe zu verbleiben, bis es keine Kranken und Elenden mehr gebe. »Sehet«,
sagte sie weiter, »schauet in die Feme, welche Schönheiten sich uns
offenbaren und warum? — Damit sich unser Herz stärke und wir nicht
zusammenbrechen, wenn Er selbst einmal zu uns kommt. Wir müssen erst stark
genug werden, jetzt sind wir noch zu schwach dazu, aber lieben wollen wir
Ihn, weil Er uns errettet hat aus aller Not und allem Elend. Noch mehr lieben
muß unsere Sorge sein, dann wird uns auch das große Glück zuteil. Wenn
wir an unsere Eltern und Geschwister denken, wie sie in der Welt voll Krieg
und Haß, Leid und Not und noch viel mehr Sorgen leben müssen, da wissen wir
erst, welche Seligkeiten wir erleben, und was haben wir für diese Seligkeiten
getan? Nichts als nur hingenommen. Mütterchen Anna hat recht, wenn sie sagt:
»Euer Liebling muß Jesus sein, Er ersetzt alles, Vater, Mutter, Erde und
Himmel; aber erst muß alles Ihm gehören, dann gehört Er auch uns.« Da schaut,
dort, Väterchen und Mütterchen, sie kommen!« Schnell sprangen sie auf, aber
Anna hatte sie schon bemerkt, sie eilten alle hin und umarmten die Mutter in
brennender Liebe. »Aber Kinder, nicht so stürmisch, wollt ihr Vater Hendrick
ganz vergessen?« Etwas zaghaft drückten sie seine Hand, aber Hanny sagte:
»Väterchen, nicht böse sein, daß wir Mütterchen so stürmisch begrüßten, wir
lieben sie so sehr, sie kommt auch viel öfter zu uns denn du.« »Schon gut,
Hanny, mich freut es, daß ich dich sehe, du bist ein tüchtiges Kind geworden,
der Heiland wird sich über dich freuen!« Da
sieht Anna, wie die Kinder ihr Heim geschmückt haben und sagt: »Kinder,
Kinder, das habt ihr herrlich gemacht, nein, so eine Freude, da muß ich jeder
einen Kuß geben. Aber du, Hanny, hast es angestellt, komme her, damit ich
deine Stirne frei mache und alle sehen, wie der Herr dich liebt! So, meine
Hanny, erstrahle in der Liebe zur Liebe, leuchte als ein Kind der Liebe und
sei durchdrungen von Seinem Geiste!« Da wurden die Augen der anderen groß,
als der Edelstein leuchtete in den herrlichsten Farben am Stirnband. »So,
meine Kinder, nun kommet, daß ich euch den Lohn reiche für eure Liebe!« Als
die Pfleglinge ihren Kuß empfangen hatten, sagte Anna: »Kinder, groß ist die
Gnade und Liebe des Herrn, schon viele Bewohner sind in unserer Welt uns zu
eigen gegeben worden, ihr werdet noch viele Blumen opfern müssen. Bei
vielen Bewohnern sind noch die Gärten ohne Blumen, sie müssen hart ringen mit
dem Unkraut, wollt ihr gern von euren Blumen in ihren Gärten welche
pflanzen?« Spricht Hanny: »Mütterchen, alle, wenn du es wünschest, sollen wir
sofort beginnen?« »Wir wollen noch eine kleine Weile warten, dann könnt ihr
beginnen. Vater Hendrick wird euch den Weg hin- und zurückführen. Aber nun
wollen wir schauen, ob ich euch etwas anbieten kann, nach dem vielen Reden
werden einige Früchte gut schmecken.«
Wie sie schmeckten, läßt sich nicht beschreiben, sie waren aus den
höchsten Himmeln! Nach irdischen Begriffen blieben die Kinder tagelang bei
Mutter Anna, ihnen war es wie kleine Stunden. Anna konnte aber auch ihre
Erlebnisse schildern, die sie mit dem heiligen Vater hatte, daß alle noch
einmal so lange zugehört hätten. »Es soll ein Ruhetag, ein Sabbat sein, denn
was in diesem Heim einkehrt, soll für lange Zeit erfüllt sein von dem Geist
der Liebe. So ziehet wieder hin zu eurer Tätigkeit, damit ihr größer werdet
im Geist und reicher in der Liebe.« 06. Freude am Dienen
Hendrick
blieb nicht so lange, immer suchte er Beschäftigung, er war im-mer auf dem
Plan, »man weiß nicht, wann der Herr kommt!« Als die Mädchen unter frohem
Gesang heimwärts zogen, begegneten sie ihm, da bettelte Hanny: »Liebes
Väterchen, wo sind die Gärten, worin noch keine Blumen wachsen, zeige sie uns
doch, was bloß die armen Menschen ein Leben ohne Freude leben müssen!« Hanny,
wir wissen es aus eigener Erfahrung, und ich wünsche es auch nicht zu
vergessen: denn man könnte recht leicht hochmütig werden. Im Erdenleben heißt
es: »Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen.« »Hier
erlebt man die guten Zeiten, und man wird seliger dabei, die größte Seligkeit
aber ist die, sich an der Freude anderer zu erfreuen.« Eigentlich ohne festen
Willen ging Hendrick mit den Mädchen. Da kamen sie an den Weg, der nach der
neuen Siedlung führte. Es
hatte die Ordnung der liebenden Hand aufgehört, aber Hendrick sagte: »Sieh,
Hanny, hier möchte auch bald rechte Ordnung sein, wenn die Leute mit ihren
Gärten etwas nach sind; man muß halt rechte Geduld haben, die Leute sind hier
in dieser Welt, um sich in Ordnung zu bringen und dazu brauchen sie
Tätigkeit. Zweimal hatte ich das Glück, solche Unglücklichen ohne jeden Sinn
für das göttliche Leben einzuladen und auch behalten zu können. Jedesmal
erlebte ich eine solche große Freude, daß ich Sehnsucht habe, wieder anderen
Freude zu machen.« Erwiderte Hanny: »Vater Hendrick, dieses erlebe ich auch,
aber diese da erfassen es noch nicht so recht, was wäre alles zu machen, wo
wir so reich an Gütern sind. Schau diese armseligen Gärten und wie sich die
armseligen Besitzer plagen, ach, ich kann es garnicht sehen, ich muß einmal
hinein zu ihnen!« Der Mann mit seinem Weibe war so vertieft, daß er die
vielen Mädchen und Hendrick garnicht bemerkte. Er
erschrak, als Hanny zu ihm hintrat und ihnen Gottes Gruß und Frieden
wünschte. Nun ersahen sie auch die anderen, da war er bekümmert und sagte:
»Es ist uns noch nicht möglich gewesen, vorwärts zu kommen, das Land ist gut,
aber das viele, viele Unkraut mit seinen tiefen Wurzeln; es ist nicht zum
Vorwärtskommen, sobald man denkt, man ist fertig, geht auch schon das neue
Unkraut auf.« »Es ist auch kein Wunder, lieber Mann, denn beim Herausziehen
laßt ihr ja den Samen ausfallen, schau, sammle die reifen Samenknollen und
reiße dann das Unkraut aus, dann wird dir bestimmt kein neuer Unkrautsame
deine Lebensfreude nehmen. Kommt, ihr Geliebten, helfen wir unseren Freunden,
sie sind traurig, weil ihre Arbeit die Freude nicht bringt, die sie
erwarteten.« »Es ist dies nicht allein, die Ungewißheit drückt uns nieder: wo
sind unsere Kinder, wir sind gestorben und abgeschnitten von allen, sollen
wir allein bleiben in diesem Haus?« Spricht Hendrick: »Ich kann euch
versichern, es wird sich alles anders gestalten, wenn ihr euer Verkehrtes
und Falsches erkennt. Euer künftiges Leben hängt ja nur von eurer
Entwicklung ab, wozu wir und der ewige Gott euch helfen wollen, aber die Erde
müsset ihr vergessen. Wo
eure Kinder sind, wird euch Gott offenbaren, wenn Er es an der Zeit findet,
aber dazu gehört auch, daß ihr euch an Gott wendet und Ihn suchet. Siehe,
Ich mache alles neu, spricht Er, aber ich muß es auch geschehen lassen.
Schau dir die Kinder an, wie eifrig sie dir helfen! Sprich dich aus mit
Hanny, welche die Pflegerin dieser Schar ist, und du erlebst das
Gotteswunder, dann wirst du nicht mehr sagen, dich drückt die Ungewißheit
nieder, sondern du bist dir bewußt, in der Pflege Gottes zu sein.« »Du machst
mir wieder Mut, ich wollte schon verzagen, es ist halt ein Jammer und ein
Elend, so man einsehen muß, daß unser Erdenleben ein verpfuschtes war,
trotzdem wir keine richtige Not hatten. Ich werde mir Mühe geben, ein
geordnetes Leben zu führen.« »Tuet es aber mit Eifer«, spricht Hanny, »sonst
kommt ihr keinen Schritt vorwärts. Ihr habt nur Grund zum Danken, denn ihr
habt ein Erdenleben gehabt, welches gegen mein Erdenleben der reinste Himmel
war. Glaubet
ja nicht, daß ich ohne eisernen Willen vorwärts gekommen wäre, siehe, du
hattest immer noch die Erkenntnis, sonst wärest du nicht hier und Dank der
ewigen Gnade Gottes und Jesus hast du schon eigenen Grund und Boden. Wenn du
einmal in unsere Gärten kommen wirst, dann wirst du es erst erleben, was der
Liebe alles möglich ist. Verwende allen Fleiß an dich und alle Liebe an
andere und du wirst Freude erleben! Nun laß uns jetzt scheiden! Kommt, ihr
Lieben, kommt, wir wollen heimwärts ziehen! Väterchen möchte zur Mutter in
ihr Heim.« Es war ein großes Stück im Garten frei geworden, da sagte Hanny:
»Schauet, ihr wäret fleißig! Wir werden bald Blumen und Pflanzen bringen
müssen, sonst sieht der Garten nicht schön aus.« Bald waren alle eifrig
dabei, die Blumen auszusuchen, die sie verpflanzen wollten, aber Hanny sagte:
»Gehet recht sparsam damit um, in vielen Gärten sind Blumen und Sträucher
nötig; nun wir eine Aufgabe haben, möchten wir sie auch restlos erfüllen. Wir
könnten uns ja von Liesa und Christa welche holen, ich werde sie gleich
einmal besuchen.« Waren die Mädels erfreut, ihre Hanny zu sehen. »Was? Blumen
und Sträucher willst du holen? Das gibt es nicht, wir gehen alle mit und
machen ein Paradies aus den öden Gärten.« Da sagte Hanny; »So schnell geht es
nicht, den Leuten muß erst einmal geholfen werden. Ein solches Unkrautfeld
habt ihr noch nicht gesehen, alle guten Pflanzen und Sträucher sind so gut
wie hin. Es ist am besten, wir legen alle Hand ans Werk, dann wird es ein
heiliges Gelingen; aber vergesset auch Körbe und Früchte nicht, denn ihre
Früchte sind noch nicht an der Liebe gereift.« Nun kommen auch Lena und
Rosel, da gab es kein Säumen, alle wollten mithelfen. Mit vielen Körben,
vollbeladen mit den schönsten Früchten und dem nötigen Werkzeug versehen,
ziehen sie mit fröhlichem Gesang zu der neuen Siedlung. Hanny und Liesa voran,
die anderen folgten. Bald hatten sie das erste Häuschen erreicht, da kamen
ihnen drei Männer entgegen und fragten, wo sie hinwollten. Sagte
Hanny: »Wir sind am Ziel. Unkraut bekämpfen, den Leuten zu einem schönen
Garten verhelfen, damit sie Freude erleben.« »Ja, wer schickt euch denn?«,
fragte der Ältere. »Niemand, nur die Liebe ist es, die da drängt, Vater
Hendrick darf es eigentlich nicht wissen, aber die armen Leute kommen zu
keiner Freude.« »Ihr seid rechte Schlingel, so ein Aufgebot von Helfern ist
noch nicht erlebt worden, meinetwegen, helft, soviel ihr wollt, mir wird es
recht sein, wenn die Leute in Ordnung kommen.« Sagte Hanny: »Vielleicht
verteilt ihr die Mädchen, denn ihr wißt, wieviel Gärten zu bearbeiten sind.
Wir brauchen einen überblick, wieviel Blumen und Sträucher nötig sind, wir
sind 250 Mädchen, die alle gern mithelfen.« »Wie soll ich dich nennen, mein
Kind?« »Ich bin die Hanny, und diese
ist Liesa.« »Schon recht, Hanny, ich bin Gotthold, dieser ist Heinrich und
das ist Johann; es sind gerade 24 Gärten, wenn in jedem 10 arbeiten, ist
vieles zu erreichen, und den armen Herzen ist viel gedient.« Schnell ging es
diesmal, lustig und fröhlich waren alle, so daß die Besitzer ihre Sorgen
vergaßen und sich später von den Früchten geben ließen. Unverdrossen
wurde gearbeitet, meterhoch waren die Haufen von Unkraut, bis endlich
Gotthold zu Hanny sagte: »Es ist genug, es wäre schön, wenn auch gleich
Pflanzen zur Stelle wären.« »Es ist möglich, jede Helferin mit ihren Mädchen
holen und pflanzen ihre Blumen und Sträucher, ich werde sofort aufbrechen,
bald sind wir zur Stelle. Aber du, lieber Vater Gotthold, kannst Liesa,
Christa, Rosel und Lena verständigen, daß ich schon Pflanzen und Blumen hole
und sie auch verpflanze.« Mit größter Eile brachten Hanny und ihre
Schützlinge große Körbe voll Pflanzen und Blumen, so daß der Garten
allerliebst anzuschauen war. Die anderen taten dasselbe, so daß Gotthold
sagte: »Das Hilfswerk ist herrlich gelungen!« Als Hanny mit ihren
Schützlingen fertig war, kehrte sie in dem Hause, welches Friedewald und
seinem Weibe zu eigen gegeben war, ein. Es wurde viel von dem Erdenleben
erzählt, welches Friedewald nicht vergessen konnte. Hanny
aber meinte: »Ich bin froh, nicht mehr daran denken zu brauchen. Meine
Arbeit, meine Pfleglinge ersetzen mir alles, so daß die Erdenzeit immer mehr
und mehr aus meinem Gedächtnis schwindet. Es ist ja auch nichts dabei
verloren, im Gegenteil, die Ewigkeit macht mir die größten Hoffnungen. Nur
erst recht eifrig sein und reif und würdig werden, den guten Heiland und
liebsten Vater begrüßen zu können. Dann wird es schneller aufwärts gehen als
bisher.« Spricht Hulda: »Schwester Hanny, sehnst du dich nicht nach deinen
Eltern und Geschwistern? Ich vergehe fast vor Sehnsucht nach meinen Kindern.«
»Ich nicht mehr, Schwester Hulda, weil es möglich ist, sie zu besuchen. Meine
Eltern freuen sich, daß ich frei bin von allem Leid und erlöst durch unseren
Herrn Jesus, durch Seine herrliche Gnade. Komme du erst in die rechte
Ordnung, lasse Liebe des Herrn einstrahlen in dein Herz, damit wieder Liebe
hinaustrete und du beglücken kannst.« »Ja, wie kann ich das, ich kenne den
Herrn zu wenig, weiß fast nichts mehr von Ihm, wie kann Seine Liebe in mein
Herz einstrahlen?« »Indem du dein eigenes Leid vergißt und fremdes Leid zu
lindem suchst. Schau, deine Nachbarin trägt Kummer um ihren Sohn, weil er
sich nie um sie kümmerte, bringe ihr Liebe entgegen, du wirst sehen, wie froh
sie wird, wenn ihr eins seid im Freuen und Lieben.« »Ja, Hanny, du bist noch
viel zu jung, kennst das Leben viel zu wenig, darum bist du so freudig bereit
zu helfen. Ich aber bin niedergedrückt und nie so recht froh geworden, so daß
ich zweifle, daß es mir gelingen wird.« »Aber Hulda, Schwesterlein, wie
kannst du zweifeln, wo es nur der Herr Jesus Selbst ist, der da beglückt,
frei und froh macht. Mein
Erdenleben war von der Wiege an bis zum Grabe verpfuscht, wie der menschliche
Ausdruck ist, und gerade darum darf ich mir wagen, nach dem Höchsten zu
greifen. Den Herrn Jesus kümmert mein Erdenleben wenig mehr, aber mein
jetziges Leben und meine Einstellung zu diesem Leben ist Ihm nicht
gleichgültig, denn so es nach Ihm ginge, wären wir alle bei Ihm. Wir aber
haben noch so viel Trennendes in uns, daß Er verweilen muß, und nur Er allein
weiß den Zeitpunkt, wenn alles Trennende beseitigt ist. Denket an euren
Garten, er ist das rechte Bild von eurem inneren Leben, auch wir mußten
dahinter sein, weil noch zuviel des Unkrautes darinnen wucherte. Nun ist auch
bei euch ein großer Fortschritt erreicht, die Liebe half, Sein herrlicher
Liebessegen wird sich an allen herrlich erweisen!« Es kamen Liesa, Christa,
Rosel und Lena mit ihren Pfleglingen, begleitet von Johann und Heinrich, da
sagte Hanny: »Nun schnell Abschied genommen, damit wir geschlossen heimwärts
ziehen, euch aber segne die Liebe und mache euch recht froh!« Zurück
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07. Freiheit im Dienst der Liebe
Als
die Mädchen wieder in ihr Heim traten, waren sie so froh bewegt. Es war alles
in der zartesten Schönheit geordnet, wo das Auge hinschaute, war etwas da,
was ein Entzücken hervorrief. Sagte Hanny: »Schaut, ihr Geliebten, wie reich
wir sind, nur wenig durften wir opfern und ernten reichen Dank. Ich habe
schon in den Gärten nachgesehen, nicht das geringste fehlt uns, ich schlage
vor, wir versenken uns in die Tiefe unseres Herzens und lassen den Geist in
uns lebendig werden. Wenn wir auch den Herrn Selbst noch nicht begrüßen
können, so führt uns unser Geist hinein bis an die Stufen des Vaterhauses,
welches jedem zu eigen wird, wenn alles restlos erlöst ist. So geschehe Sein
Wille um der Liebe und der Freude willen.« Wie immer versenkten sich die
Mädchen in ihr Inneres, es war die rechte Stille und Ruhe. Weihevoll wie in
einem Tempel wehte ein süßer Duft von einer zur anderen. Die
Mädchen waren jede für sich allein, wie sie es immer geübt, nahm keine von
der anderen Notiz. Für menschliche Begriffe waren es Stunden, für die Mädchen
waren es Minuten. Hanny war die Erste die aufstand, sie hatte einen sinnenden
Zug im Gesicht und sagte: »Kommet, ersteht, zu Wichtiges habe ich erlebt, wir
müssen zur Mutter, ich möchte ohne ihren Rat nichts unternehmen!« »Schwester
Hanny, wir wollen hierbleiben, sagte eine, denn wir werden Vater Hendrick und
Mutter Anna nicht antreffen, die sind bei Friedewald und seinem Weibe. Ich
versetzte mich im Geiste dorthin, um nochmals meine Arbeit zu beschauen, da
erlebte ich, wie die beiden dort Einkehr hielten.« »Du kannst recht haben,
meine Dora, aber ich war im ewigen Vaterhause und habe den ewigen Vater nicht
antreffen können.« »Erzähle, erzähle, liebe Hanny, der Vater soll nicht
daheim gewesen sein?« »Nun höret, ich versetzte mich in das ewige Vaterhaus,
meine Sehnsucht, den guten Heiland Jesu wenigstens einmal von ferne zu sehen,
war zu groß. So ging ich durch unsere Gärten und eilte in einem Fluge in eine
Feme, wo ich die goldene Stadt an den strahlenden und glitzernden Türmchen
von weitem schaute. Endlich
war ich dort, die Tore waren offen, herrlich strahlende Menschen beiderlei
Geschlechts lustwandelten in den Straßen, den Gärten, die hundert ja
tausendmal schöner waren als die unsrigen. Die Menschen erzählten sich, ich
verstand ihre Sprache, aber niemand nahm Notiz von mir. Ich fühlte mich
einsam in der herrlichsten Pracht. Ich besah mir die Häuser, die Anlagen und
besuchte auch einen Tempel von der herrlichsten Bauart und Pracht, Die Fenster
leuchteten in allen Farben, auf dem Altar stand ein leuchtendes Kreuz. Da ich
einen Strauß Blumen, den ich dem guten Heiland bringen wollte, noch in der
Hand hatte, legte ich denselben vor das Kreuz, um zum Händefalten die Hände
frei zu bekommen, ich wollte beten. Da kam ein Priester, er muß sehr alt
gewesen sein, auf mich zu und sprach: »Was suchst du hier, mein Kind?« »Ich sagte:
Den Heiland Jesus suche ich, ich kann Ihn aber nicht finden, willst du mir
sagen, wo ich Ihn finde?« Spricht
der alte Priester: »Kind, der heilige Gott und Vater ist nicht hier bei den
Seligen, sondern dort, wo die Unseligen leben, dort mußt du Ihn suchen. Ganz
wenig ist Er hier, es ist, als ob der Ewige und Grundgütige, Seinen Schmerz
hier abladet und wieder weiter eilt.« »Mag niemand den Herrn auf dem Wege zu
den Unseligen begleiten?« fragte ich den Priester. Da antwortete er: »Dieser
Ort mit seiner Seligkeit ist unsere Welt, wir genießen dankbar, was der
heilige Gott uns bereitet hat und freuen uns, so wir Ihn oder Seine Boten
begrüßen können. Du aber kehre wieder zurück in deine Welt, vielleicht hast
du Glück, Ihn einmal begrüßen zu können. Diese Blumen aber lasse hier zum
Zeichen, daß du das Kreuz liebst.« »Mir liegt an dem Herrn mehr als an dem
Kreuz, ich danke dir für das Licht, welches du mir gabst, denn nun suche ich
den Herrn bei den Armen. Sehet, meine lieben Schwestern, darum möchte ich Mutter
Anna sprechen. So
eine herrliche, herrliche Welt und so lieblos ihre Bewohner. Wenn wir einmal
das Glück haben, den Heiland begrüßen zu können, dann lassen wir Ihn nicht
mehr fort oder wir gehen mit Ihm, ihr denkt doch gewiß wie ich?« Da war ein
Jubel, da war ein Freuen, als ob der Herr schon wirklich da wäre. Sie waren
in der Liebessehnsucht eins geworden. Spricht Hanny: »Wißt ihr was, wir holen
Blumen und warten auf die Mutter oder gehen ihr entgegen, Mutter möchte schon
nähere Erklärungen geben. Ich werde doch in mir nicht fertig, weil der
heilige Vater nicht zu Hause war.« Gern machten die Mädels große Sträuße von
den schönsten Blumen, dann ging es hin zu Mutter Annas Haus. Richtig, sie war
nicht da! »Nicht schlimm«, spricht Hanny, »wir gehen ihnen entgegen. Freude
haben sie doch, wenn sie uns alle kommen sehen.« Sie gingen den bekannten Weg
und kamen doch nicht an das Ziel. »Sollten wir uns verlaufen haben?« spricht
Hanny, »mir kommt die Gegend ganz unbekannt vor. Wir gehen noch ein Stück,
schauen uns um und gehen dann wieder zurück.« Spricht Dora: »Hanny, hier
müssen aber Leute gearbeitet haben, denn der Weg kann noch nicht lange
angelegt sein, da doch ganze Stöße von Strauchwerk aufgestapelt sind. Siehe,
Hanny, dort ist ein Haus.« Die Mädchen bleiben stehen und beratschlagen,
sollten sie wirklich nach dem großen Haus gehen? Mutter Anna wird dort kaum
anzutreffen sein. Eine andere spricht: »Ansehen können wir es schon, wir
haben kein Verbot erhalten und wer weiß, ob es bewohnt ist.« Sagt Hanny: »Nun
dann kommt, wir gehen und überzeugen uns wer dort wohnt.« Neugierig gehen sie
weiter, immer schöner wird die Gegend, nun sind sie dort am Hause, ein Mann
kommt den Mädchen freudig entgegen und spricht: »Seid gegrüßt im Namen der
heiligen Liebe! Ihr seid gewiß die Kinder von Vater Hendrick und Mutter
Anna.« »Ja, diese sind wir«, erwiderte Hanny, »unser Besuch ist kein
vorgesehener, sondern nur zufällig; wir haben einen falschen Weg
eingeschlagen.« »Aber deswegen seid ihr alle herzlich willkommen, ich rufe meine
Leute, die hinten im Garten sind, sie werden sich recht freuen.« Er nötigte
die Mädchen in das Haus, welches sehr geräumig war, und rief in den Garten:
»Kommt, Leute, wir haben Besuch! Ich
bin Bruder Liebegott; dieses Haus haben wir uns erbaut, es dient uns zur Ruhe
und Beschaulichkeit. Es war eine rechte Wildnis, als wir hier anfingen, aber
der Herr lohnte unseren Eifer, jetzt ist es ganz schön.« »Ich bin Schwester
Hanny, diese Mädchen sind meine Pfleglinge, alle sind sie soweit, daß sie in
ihr altes Leiden nicht mehr zurückfallen, und den neuen Geist des Lebens
langsam aufnehmen.« Jetzt kamen die Leute herein, ihr Ausdruck war freudig.
Wer weiß, wie lange sie kein freudiges Gesicht gesehen haben. Da sprach
Liebegott: »Begrüßet die lieben Gäste, es sind die Kinder von Mutter Anna,
von der ich euch so viel erzählte.« Die Begrüßung fiel linkisch aus, Hanny
merkte sofort, die Brüder sind nicht frei, trotz der Freude, die sie
äußerten. Das Zimmer war sauber; aber nicht eine einzige Blume oder was das
Auge entzücken konnte war da. Da sprach Hanny: »Ihr Schwestern, schmückt doch
mit euren Blumen diese Stube, damit die Brüder auch etwas Freude haben. Es
gefällt mir hier garnicht, es fehlt an Liebe.« Spricht
Liebegott: »Schwester, wie meinst du das, habe ich es an etwas fehlen
lassen?« »Bruder, dein Name paßt nicht zu dir, denn du sollst nicht nur
Mahner, sondern auch Träger dieses Geistes sein. Wenn ich mir deine Brüder
anschaue, denke ich an das Anstaltsleben zurück. Nur ein Gedanke daran, und
ich friere. Auch deine Brüder hier lebten dieses elende Leben dort, es gab
wohl Zucht und Ordnung, aber keine Liebe. Hast du es schon einmal mit der
rechten Liebe versucht?« »Aber Schwester Hanny, meine Leute arbeiten gern,
sind willig und froh, ein Leben in Zufriedenheit und Geborgenheit zu leben,
ich habe nicht den geringsten Grund zu klagen.« »Das mag wohl sein, Bruder
Liebegott, aber den Brüdern fehlt das Beste und Schönste, die Liebe zum Herrn
und Heiland Jesus. Schaue dir meine Schwestern an, auch sie sind Anstaltsgenossen
wie deine, sprich mit ihnen, oder noch besser, besuche uns und unsere Gärten.
Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Befrage meine Schwestern nach
Jesus, nach Seinem Leben und nach Seinem Sein, du wirst staunen über ihre
Erkenntnis. Vor allem den lieben Heiland lieben sie mit einer Glut und
möchten Ihn recht bald einmal in ihrer Mitte haben, wie sieht es bei dir
aus?« »Schwester
Hanny, du hast recht, ich bin selbst noch nicht so weit, daß ich viel von
Jesus erzählen könnte, wo sollte ich es auch wohl herhaben?« »Aber Bruder, du
warst doch im Erdenleben Christ. Jetzt in der Ewigkeit müßtest du doch von
selbst darauf kommen, daß ein Leben ohne Jesuliebe nur ein halbes ist, dabei
hast du uns im Namen der Jesuliebe begrüßt. Darf ich einmal zu den Brüdern
reden?« »Aber gern, Schwester, ich werde der Aufmerksamste sein.« Die Brüder
hatten sich alle gesetzt, wie immer saßen sie. Die Mädchen hatten, da es
keine Schalen gab, die Blumen zu einer Ranke gebunden und sie zu dem Wort
,Jesus" geformt. Sie standen nun im Halbkreis, da sagte Hanny:
»Schwestern kommt, wir singen erst den Brüdern ein Lied von Sonnenschein und
Liebe.« Da erklangen die hellen Stimmen: »0 lieber goldner Sonnenschein,
dring tief in unser Herz hinein usw.« Ach, wie erstaunten die armen Brüder,
so etwas hatten sie noch nicht gehört. Liebegott war bis in das Innerste
ergriffen. Als sie geendet hatten, sagte Hanny: »Meine Brüder, ich danke
unserem Heiland Jesu, weil ich mit meinen Schwestern euch allen diese Freude
bereiten konnte. Ja ich könnte ohne diese Freude, die ich aus dem Liebegeiste
Jesu empfange, nie mehr sein. Auch
ich, wie meine Schwestern, waren Ausgestoßene des Glückes, unser Leben war
kein Leben, es war ein Vegetieren wie das eines Tieres. Nun aber hat Jesus,
der liebende Heiland und liebende Vater, unser Leben anders gestaltet, indem
Er uns aus dem Erdenleben genommen und in ein freies Sein gesetzt hat. Wir
haben es erfaßt, alles hat nur halben Sinn ohne Jesus, nur halbes Glück ohne
Seinen Liebegeist, wir haben noch nicht die rechte Seligkeit, da Er zu
unserem Glück Selbst noch fehlt, weil wir noch nicht reif genug sind. Mutter
Anna als seliger Engel ist unsere Hüterin, sie selbst sagte mir, nicht eher
wirst du Ihn schauen, als bis du reif bist. Dies ist aber keine Enttäuschung,
sondern Vorfreude, eine Ahnung vom kommenden Glück, was uns aneifert, immer
noch mehr Liebe zu werden. Auch euch allen möchte ich das Glück schenken,
doch ich bin nur eine schwache Dienerin der Liebe. Aber etwas könnt ihr schon
tun, euch recht lieb haben, alles aus dem Herzen drängen, was noch von
drüben mit herübergebracht wurde. Denket daran, daß der gute Heiland Jesus Sein Heim in jeder
Menschenbrust aufschlagen will, fanget
an, euch zu sehnen nach Ihm, dem wir so viel zu danken haben, dann wird in euch
Freude einziehen. Ich weiß, ihr freut euch über eure Arbeit, in der Ruhe in
der ihr lebet, aber das ist ja gar nichts gegen die Freude, die uns Jesus
schenkt. Immer denkt Jesus daran, uns zu erfreuen, und dieses habe ich und
meine Schwestern erkannt, darum ist unsere Sehnsucht nur Jesus und wieder
Jesus. Könntet ihr euch nicht entschließen und auch anfangen, Jesus zu
lieben? Er hat uns längst geliebt und unsere Namen in Sein Herz
eingeschrieben. Darum soll auch Sein Name in unser Herz eingeschrieben sein
und leuchten wie eine Sonne. Schauet diese Blumen, sie sagen uns Seinen
Namen, haltet Ihn fest zu eurem Heil und ewigem Seligsein.« Sagt Liebegott:
»0 Schwester Hanny, unmöglich kannst du die Worte aus dir gesagt haben, es
ist ein Wunder, dieses zu erleben. Aber nicht umsonst sollst du uns gemahnt
haben, ja wir werden versuchen, Jesus zu lieben. Denkt
ihr nicht auch so, liebe Brüder, von nun an?« Da ging ein Jubel los, der
nicht enden wollte, da sagte Hanny: »Bruder, ist das nicht der beste Lohn,
den du jetzt erhältst, nun hast du Brüder gewonnen und Liebe wird dir
entgegengebracht werden, zum Dank werden wir in der nächsten Zeit euren
Garten mit Blumen schmücken, damit sich auch der Herr Jesus freuen kann, so
Er zu euch allen kommt. Du wirst erleben die Freude aus der Liebe, und nun
wollen wir scheiden äußerlich, innerlich bleiben wir vereint durch die Liebe
Jesu.« Liebegott konnte vor Rührung fast nicht sprechen, aber ein Bruder
sagte: »0 bleibet hier, bleibet hier, ihr seid so schön, wenn ihr fort seid, wird
es wieder finster werden.« »Das geht nicht, mein Bruder, wir müssen unsere
Blumen pflegen, wir müssen fleißig sein, damit wir eure Gärten schön machen
können, wir kommen wieder, aber ihr müsset recht liebevoll werden und immer
denken, daß es auch dem guten Heiland bei euch gefallen soll, so Er einmal
kommt.« Da
freuten sich alle, ein anderer sagte mit bittenden Augen; »singt noch ein
Lied, es war so schön, so schön.« Da fingen alle Mädel an zu singen: »Wenn
der Heiland, unser Heiland als Vater erscheint und die Kinder, und die Kinder
um sich dann vereint; o da werden wir uns freuen und werden selig sein, denn
der Heiland, unser Vater, kehrt gern bei uns ein und der Vater, unser Jesus,
will glücklich mit uns sein.« Nun war es aus mit den liebehungrigen Brüdern,
sie umarmten sich und riefen: »wir werden Kinder, wir werden Kinder.«
Liebegott wollte beschwichtigen, aber Hanny sagte: »Bruder, lasse sie, die
Liebe kommt zum Durchbruch, du siehst, sie mußte geweckt werden. Wesen wie
wir, wo alles Leid aufgestapelt war, brauchen einen regeren Wecker, lasse sie
in dieser Liebe, ja fördere sie und du erlebst Wunder der Liebe, wie mein
Wachstum auch ein Wunder der Liebe ist. Dabei habe ich nichts anderes getan,
als nur die Ratschläge befolgt, die mir Schwester Martha gab. Es
gelang mit größter Mühe, aber es gelang; nun bin ich durchdrungen vom Feuer
Seiner Liebe und dieses hilft immer weiter. Nun wollen wir scheiden im Namen
Jesu, unsere Liebe aber lassen wir hier!« War das ein Erzählen heimwärts, die
Mädchen waren ganz erfüllt von Freude, aber Hanny sagte: »Wenn bloß die
Mutter nicht zu Hause wäre, denn dieses war nur halbe Arbeit. Jetzt haben wir
den Brüdern Hoffnung gemacht, und die Mutter wird allerhand Bedenken haben.«
Richtig, wie sie in die Nähe des Hauses kamen, wurden sie auch schon von
Vater Hendrick bemerkt. Da flogen die Mädchen hin und wollten die Mutter
begrüßen. Aber sie tat ganz ernst und sagte: »Ja, wie seht ihr denn aus, was
ist euch Frohes geschehen? Ich muß euch schelten, wie könnt ihr denn die Gärten
so wundervoll herrichten, wisset ihr nicht, daß das Himmelreich Gewalt
braucht, um es schön zu gestalten?« Spricht Hanny: »Mütterchen, tue doch
nicht so ernst, du freust dich doch genau so wie wir, oder wäre dir lieber
gewesen, die Brüder wären beim Anfang geblieben? Wir
haben ihnen nur über den Anfang hinaus geholfen, nun ist ihnen leichter, denn
nur Blumen spenden ist doch kein Opfer der Liebe?« »Hanny, Kind, du hättest
es aber sagen können, da wäre ich mitgekommen, denn in den Leuten steckt noch
viel Weltgeist. Du mußt vorsichtig sein.« »0 weh, Mutter, wenn du über dem
Schelten bist, dann schelte uns tüchtig aus, denn wir kommen von Liebegott
und den armen Brüdern, wir haben einen Feuerbrand der Liebe dort angezündet.«
»Ich bin. sprachlos, Kind, ich habe die Verantwortung über euch, und du gehst
so frei und froh in das Lager derer, die noch große Läuterung brauchen, da
getraue ich mich allein nicht hin.« »Wir waren auch nicht allein, Mutter,
denn der gute Heiland war mit uns, noch nie war ich so frei und froh, in mir
fühlte ich eine Freude, aber keine Bange.« Spricht Anna zu Hendrick: »Nun
schau, Bruder Hendrick, nun ist dir Hanny zuvorgekommen, deine Arbeit ist es,
die Brüder in eine größere Erkenntnis zu führen.« »Weißt du, liebe Anna«,
erwiderte Hendrick, »jetzt könnte ich an dir irre werden, du bist die Liebe
selbst und unser aller guter Engel, und jetzt gefällt dir der Liebeszug der
Hanny nicht. Du mußt mich darüber aufklären.« »Ja,
Hendrick, die Sorge um die Kinder ist es, sie sind noch nicht so gefestet,
den kranken und irrenden Brüdern Halt und Stütze zu geben, du mußt mich
verstehen.« »Freilich, Anna, aber schau nur, wie sie lächeln über deine
Angst, sie ist doch unnötig.« »Hendrick sei vorsichtig, denke immer noch
daran, daß noch viel vom Erdenleben Herübergebrachtes eine Macht ist, die
nicht weggeschoben werden kann. Der Herr spricht nicht umsonst, wachet und
betet.« »Mütterchen«, spricht Hanny, »ich habe den armen Brüdern auch versprochen,
ihre Gärten mit den Schwestern zu schmücken, du erlaubst es doch, und ihr
beide kommet mit. Oh, wir sind glücklich, Freude gebracht zu haben!« »Ich
freue mich mit euch, Kinder, aber ...« »Kein
Aber, Mütterchen, zuvor war ich dort im herrlichen Vaterhaus, die Menschen
waren schön, ihre Häuser, Paläste, nicht zu beschreiben, der Tempel ein
Kunstwerk, aber sie achteten mich Unscheinbare nicht. Von Liebe fühlte ich
nichts, und das Schlimmste war, der heilige Vater war nicht zu Hause. Er sei
bei den Unseligen, so sagte mir der Priester. Da ist ein Zug in mir, auch den
Vater zu suchen, gleich wo. Dort war ich unbefriedigt inmitten der Seligen,
und bei den Kranken war ich selig, sag Mütterchen, wie kommt das?« »Weil du
die Liebe aufgenommen hast. Nun ist mir nicht mehr bange um dich, mein Kind,
handle ganz frei in dieser Liebe, bald wirst du reif zu Größerem werden.
Bereite alles vor, damit wir deine wartenden Brüder nicht enttäuschen.« 08. Endlich alle Sehnsucht gestillt
Hanny
eilte mit ihren Lieben zu ihrem Haus und Garten, suchte die schönsten
Blumen, Stauden und Sträucher. Wie waren sie alle selig und begeistert, den
armen Brüdern, die auch das schwere Erdenleid tragen mußten, ihren Garten
schön und ertragfähig zu machen. Nach einer herrlichen Ruhe und
Verinnerlichung nahmen sie alle Pflanzen und reifen Früchte, gingen hin zu
Mutter Anna, um sie mitzunehmen zum schönsten Liebeswerk. Aber niemand war
da, leer waren die Zimmer, von Vater Hendrick. nichts zu sehen, da sagte Hanny:
»Warum noch warten, kommt, wir gehen trotzdem, denn die Blumen und Pflanzen
müssen ins Erdreich.« Dort angekommen, fingen sie auch gleich zu pflanzen an.
In ihrem Eifer bemerkte sie nicht, wie Vater Hendrick, Mutter Anna und noch
ein freundlicher Mann gekommen waren. Auf einen Zuruf eilte sie rasch hin,
begrüßte die drei und erfuhr, es sei der Gärtner. Dieser
bekundete seine Freude über ihre Liebe und ihren Eifer. Die drei blieben, bis
die Mädchen alle Pflanzen und Blumen verpflanzt hatten, dann ging es in das
Haus zu den Brüdern. Alle die Früchte, die Hanny mitbringen ließ, wurden von
Hendrick gesegnet, ausgeteilt und mit Freude verspeist. Nur kurze Zeit
hielten sie sich auf, dann gingen sie gemeinsam zurück zum Heim der Liebe.
Mutter Anna sagte: »Hanny, bringe deine Pfleglinge in die rechte Ruhe, dann
komme zu mir und zu unserem lieben Gast, bringe aber Liesa, Rosel, Christa
und Lena mit.« Schön und stille war es um den lieben Gast, der viel zu
Hendrick, Johann und Heinrich sprach und auch Hanny über die Sehnsucht
belehrte, die der heilige Vater in sich um alle Seine Kinder trage. Jetzt
wurden sie alle in ihrer Ruhe gestört durch neue Fremde, die Hendrick Böses
zufügen wollten. Als Hendrick zu den Friedensstörern ging, bat Hanny aus
vollem inneren Drang mitkommen zu dürfen. Da
sich bei Hendrick einer eingefunden hatte, der sich von den Ruhestörern
getrennt hatte, gab es allerhand Krach. Ein gutes Brot und noch bessere
Worte brachten es fertig, sie zu bekehren bis auf einen Namens Gregor. Diesen
einen wollte Hanny gewinnen, was ihr auch mit Gottes Hilfe gelang, Als dieses
Hilfswerk beendet war und sie zur Mutter Anna zurückkehrte, brach gerade der
Gast auf, begleitete die 5 Mädchen nach ihrem Heim und besah ihre Gärten. Er
war recht zufrieden, die Pfleglinge hatten gute Fortschritte gemacht, die
Gärten waren im besten Zustand, darum kargte Er mit dem Lob nicht und
versprach wiederzukommen. Hanny hängte sich an Ihn, da ihre Pfleglinge sich
noch der Ruhe hingaben. Sie begleitete Ihn bis an das Tor, Er aber sagte:
»Meine Hanna, es ist schön, so du mich begleitest, aber es ist dieses nicht
nötig, da Ich mich auf eine leichtere Art von euch trennen kann, aber Ich
sage dir, Meinem Herzen hast du eine große Freude gemacht, weil du Gregor zur
Einsicht brachtest.« »Ach,
Kunststück, lieber Bruder, wo wir in unserem Heiland Jesus eine so herrliche
Hilfe haben, ohne Seine Hilfe wäre es freilich nichts geworden; aber sage
mir, liebster Bruder, gefällt es dir bei uns garnicht, weil du so rasch
wieder weiterziehst? Komme in unser Heim, ich bitte dich herzlich, segne es,
mir ist, als wenn uns dieses noch fehlt an unserer Arbeit, an unserem Glück.«
»Später, Hanna, du mußt Geduld haben, sage nichts, dem Herrn ist alles
bekannt; deine Liebe, dein Streben und wie du schon heute sagtest, deine
Sehnsucht.« »Aber mein Herz bringe ich trotzdem nicht zur Ruhe, auf Erden bin
ich fast vor Leid gestorben, und hier kann ich fast vor Sehnsucht nicht
weiterleben, hilf mir doch, deine Augen verraten mir, du kannst mir helfen.«
»Dann komme an Meine Brust, Hanna, und erlebe, wie ein jeder Pulsschlag dir
offenbart, Ich liebe dich!« Da umklammerte sie Ihn, Tränen entströmten ihren
Augen vor Glück, mit jedem Atemzug erlebte sie, hier ist ein Herz, darinnen
nur Liebe und Hingabe pulsiert. Endlich
beruhigte sie sich, dann aber sagte sie: »Endlich halte ich Dich, und alle
Sehnsucht ist gestillt. Du bist es Selbst und hast mich erlöst, mein treuer
Jesus Du, nein, sage nichts, Du bist es, und keinen anderen könnte ich lieben
und Ihm dienen, und wenn ich sterben müßte, ich lasse Dich nicht mehr, denn
Du bist meines Lebens heißeste Sehnsucht. 0 wie leicht ist mir jetzt, Dein
Wort ist in Erfüllung gegangen. Frei müssen wir sein, durch Dich bin ich es
endlich geworden. 0 Du bester Heiland Jesus, weil ich nun erlöst bin von
allem, sage ich jetzt: komme recht bald in Dein Heim, welches Du mir als
Heimat gabst und vollende Dein Werk an meinen Schwestern.« »Gern, Hanna, wenn
die Zeit erfüllt ist, keine Minute eher. Nie hätte Ich sagen können: »nimm
Mich, Ich bin Der, den du liebst«, du mußtest es von selbst erleben, darum,
Mein Liebling, verrate Mich nicht. Dein Mund muß schweigen, nur das Herz darf
fühlen und empfinden. Wenn deine Schwestern den Reifegrad erreicht haben,
dann bin Ich es, der volle Erfüllung bringt. Nun
will Ich auch dich an Meine Brust drücken, und dieser Kuß ist das Siegel, daß
uns nichts mehr trennen kann. Bleibe in Meiner Liebe und in Meinem Geist,
dann bist du Mein Kind für allezeit!« Wie in einem Traum ging Hanny in ihr
Heim. Die Mädchen waren noch in ihrer Ruhe. Leise setzte sie sich in ihren
Lehnstuhl und träumte von ihrem Jesus. Mutter Anna hatte Aufträge.
Weihnachten, das Fest der Liebe, sollte alle einen. Verschönern sollten es
die Fünf mit ihren Pfleglingen, da gab es viel zu lernen. Mutter Anna brachte
den Stoff: die Geburt Jesu und ihre Erscheinungen mit den Engeln; die Liebe
schuf Kräfte. Mutter Anna strahlte, die Kinder hatten nicht nur begriffen,
sondern lebten für diese Aufgabe. Hanny aber pflegte ihre Trauben für ihren
Liebling, den Heiland Jesus. Sie wußte, an Seinem Erdengeburtstag wird Er sie
aus ihrer Hand empfangen und erlebte in ihrer Vorfreude die größte
Seligkeit. Vater
Hendrick brachte allen die Einladungen zum heiligen Liebesfest, nur die
letzteren, Gregor und Genossen, mußten ausgeschlossen werden. Johann und
Heinrich hatten einen schweren Stand, aber sie versprachen zu kommen. Zur
festgelegten Stunde kamen alle zum Heim der Liebe, wo alles festlich
hergerichtet war zum Empfang der Schwestern und Brüder. Die Mädchen sangen
zur Begrüßung ein Jubellied, dann wurde alles recht still. Mutter Anna sagte:
»Brüder und Schwestern und ihr Kinder, die Liebe rief und ihr seid gekommen.
Leider konnten nicht alle geladen werden um ihrer Entwicklung willen. So
wollen wir im Namen des Herrn unsere Feier beginnen, nach der Art, wie wir
sie im Paradiese gefeiert haben. Versetzt euch vorerst in euer Inneres,
besuchet eure Lieben im Erdental, dann eilet an die Stätte, wo eure Leiber
oder Asche der Verwesung entgegengehen. In einer Stunde irdischer Zeit rufe
ich euch.« Als
die gegebene Zeit um war, sagte Anna: »Kinder, nun singet dem Herrn ein
Jubellied.« Da erklangen die hellen Stimmen. »Ein Jubeln und Jauchzen
entsprang ihren Herzen und pflanzte sich fort in die Herzen der anderen. Dann
kamen Liesa, Christa, Hanny, Lena und Rosel und brachten die Geburt Jesu zum
Vortrag, den Jubel und die Kunde der Engel, den Mutter Anna einstudierte. Sie
sangen: Ehrt Ihn, denn im Heiligtum herrlich über allem, hebt an auf Erden um
und um Frieden und Wohlgefallen. Sei ausgeglichen aller Streit, alle Fehde
nichtig. Weihnacht, Weihnacht, macht die Tore weit, macht die Steige richtig.
Die anderen: Wir werden den Himmel offen sehn, Wir werden das ewige Wort
verstehen, Wir werden das heilige Kind erkennen und liebergriffen bei Seinem
Namen nennen. Beim seligen Namen JESU CHRIST, darinnen unser Heil beschlossen
ist.« Die Fünf: Sehet ihr die Krippe, da liegt Er als Kindlein geboren,
kommend vom Schoße des Vaters, zum Retter erkoren. Niedrig gesinnt, liegt Er
als weinendes Kind, leidend für die, die da krank und verloren sind. Die
anderen: Darum wollen wir alle fröhlich sein, denn Gott will unser Vater
sein, und daß der gute JESUS CHRIST nun unser Bruder geworden ist. Während
dieses Gesanges kommt der Gärtner und stellt sich zwischen Anna und Hendrick.
Hendrick spricht: »Zu der schönen Feier fehlt nur noch der Herr, unser geliebter
Jesus Selbst. Wir wollen uns rechte Mühe geben, Ihn so zu lieben, daß Er bald
kommen möge. Aber unser geliebter Bruder ist doch gekommen, sei uns recht
herzlich willkommen und bleibe länger hier. Ihr Kinder, bringet nun alle eure
Früchte und Trauben, die eure Liebe reifte, stärket und sättigt euch, damit
ihr alle recht lebendig und freudig werdet. Du aber, Du heiliger Vater,
stille Du unsere Sehnsucht, wie die Kinder unseren Hunger stillen. Deine
Liebe sei unser Leben bis Du volle Erlösung bringst.« Da verteilten wohl an
hundert Mädchen ihre Früchte unter den Anwesenden, Hanny aber trat hin zu
Hendrick, Anna und dem Gärtner und wollte etwas sagen. Da
legte der Gärtner den linken Zeigefinger an den Mund und nahm eine große
Traube entgegen, die Ihm Hanny reichte. Dann erhielten Hendrick und Anna auch
eine und Hanny sagte: »Lasset uns recht danken für diese Liebe, die wir als
Geschenk in unseren Händen halten, damit sich fülle unser Herz von Seinem
Geist, der uns so gern Seine Kinder heißt. Alles Vergangene ist vorbei, dies
erfuhren wir bei unserem Besuch ins Irdische; nun gehören wir dem neuen
Leben, welches Er als Jesus uns gegeben. Darum Dir, o Vater Jesus, Dein soll
alle meine Liebe sein für jetzt und allezeit. Heil Jesus!« 0 wie schmeckten
die herrlichen Früchte, wie leuchteten die Augen, am liebsten hätten alle
gejubelt, aber sie trauten sich nicht. Da sagte Hendrick: »Ihr Lieben, machet
euch alle frei, der weihevolle Teil des Festes ist vorüber, der zweite Teil
soll kein Ende haben; freuet euch und erfreuet alle, beschauet die Häuser und
die Gärten, machet euch mit allem vertraut, und wer heimziehen will, kann
heimziehen.« Da
ging Hanny nochmals hin zum Gärtner und sprach lange mit Ihm, dann rief sie
ihre Mädchen zusammen, sprach mit ihnen und zog heimwärts nach ihrem Heim;
der Gärtner hatte versprochen, zu kommen. In aller Eile wurde das Heim
geschmückt, noch manche Blume bekam einen anderen Platz und ein Korb der
allerschönsten Trauben wurde auf den Tisch gestellt. Hanny schaute inzwischen
immer den Weg entlang, endlich kam Er langsamen Schrittes, die Blumen rechts
und links betrachtend. Da eilte sie Ihm entgegen und ruhte einen Augenblick
wortlos an Seiner Brust. Dann sprach sie: »Vater, lieber Vater, weil Du nur
gekommen bist, tritt ein in Dein Haus, alle erwarten Dich mit größter
Sehnsucht.« Die Mädchen wundern sich, weil Hanny so vertraut mit Ihm ist, sie
richtet Ihm den Lehnstuhl, alle setzen sich im Halbkreis um Ihn, Hanny zu
Seinen Füßen. Nun erzählt Er von Seiner Freude über die Bewohner, lobt ihren
Eifer und ihre Liebe, dann die Blumen und die Früchte, denn sie seien das
rechte Abbild ihres Herzens und fragt, ob sie immer hier bleiben wollen oder
nach einem größeren Wirkungskreis wollten. Spricht
Hanny: »0 Du mein Vater, mein Heiland Du, Du gebotest mir zu schweigen vor
meinen Schwestern. Aber ich bringe es nicht fertig, da ich alle Sehnsucht
gestillt sehen möchte, ich kann nicht mehr ruhig sein, ihr Liebsten kommt
alle, kommt, es ist unser Vater Selbst, der unser Heim gewürdigt hat. Kommt,
begrüßt Ihn als unseren Vater und Erlöser und seid gewiß, Er wird euch nicht
hinwegstoßen.« Da drängen sich alle zu Ihm hin, Hanny war bei Seite getreten,
Er mußte sich einen Sturm von Liebe gefallen lassen. »Aber, Meine Kindlein,
nicht so stürmisch, wenn Ich euch nicht so lieben würde, wäre Ich nicht
gekommen. Nun ist eure Freude eine vollkommene und auch im Himmel ist Freude
über euch. Ihr dürfet aber nicht nachlassen, sondern müsset in euch Meine
Liebe immer mehr und mehr vollkommen machen. Ich könnte euch in einen Himmel
versetzen, dessen Schönheiten euch blenden würden, aber sie wären nicht das
Abbild eurer Liebe. Seid Mir getreu, seid aber auch euch getreu und seid
versichert, Ich werde euch immer lieben wie Meine Kinder. Habt ihr einen
Wunsch, saget ihn, jetzt bin Ich bei euch, sagt ihn, damit Ich ihn euch
erfüllen kann.« Hanny
tritt vor und spricht: »Lieber Vater und bester Heiland, lasse mich hier und
gib mir neue Kranke, die ich zubereiten kann für Dich und Dein Werk, meine
Schwestern aber lieben die Brüder bei Liebegott, könnten sie denen dort
Dienerinnen der Liebe, Deiner Liebe, sein und dort ihrer Reife
entgegengehen?« »Liebe Hanna, deine Bitte schlage ich nicht ab, es ist
vorerst noch eine Schule nötig durch Anna, aber warum erbittest du dir nichts
als nur schwere Arbeit? Dein Wunsch ist erfüllt, die Kranken sind auf dem
Wege zu dir und werden noch Platz in deinem Hause finden, welches nun noch
einmal so groß von innen sein wird.« »Ach, mein Vater, nun ist es gut, ich
bin so voller Freude, ich muß Dich nochmals umarmen, Du mußt Dir meine Freude
gefallen lassen, denn Du hast mich froh und überselig gemacht.« Als sie nun
den Herrn so recht an ihr Herz gedrückt und Ihn genug umarmt hatte, brachte
sie Ihm nochmals Trauben und bat Ihn, dieselben zu essen. Der
Vater aber sagte: »Kindlein, die Trauben reichen für alle, nun sollen sie
noch einmal so gut schmecken, Ich will eure Liebe lohnen.« Da wurden sie ganz
selig, ein Strahlen ging von ihnen aus, vor ihren Augen rollten sich
Begebenheiten ab. Nun wußten sie alle, daß nur durch ihren Leidensweg sie
diese Klarheit erlangen konnten. Die Trauben aber hatten einen Geschmack, der
unbeschreiblich ist, sie wollten in einen Jubel ausbrechen, aber der heilige
Vater sagte: »Kindlein, Kindlein, mäßiget euch, dies ist ja erst ein Anfang
eurer Seligkeit, nun gehet erst einmal hinaus, beschauet eure Gärten,
beschauet euer Haus, und dann erst sollt ihr Mir sagen, ob Ich nicht alles
wettgemacht habe, was das Erdenleben euch schuldig blieb.« Da eilten die
Mädchen hinaus, Hanny aber blieb, sie sagte: »Ich weiß, mein bester Vater,
daß Du Schönheiten über Schönheiten verschenken kannst, aber Du bist mir
doch lieber, darum bleibe ich hier, wenn Du fortgegangen bist zu den Armen
und Kranken habe ich übergenug Zeit und Gelegenheit, Dein Geschenk zu
bewundern. Schicke
recht viel Kranke zu mir, dies wird das größte Geschenk sein.« Die Mädchen
kamen hereingestürzt und sagten: »Hanny, Hanny, welch ein Wunder, wir kennen
unsere Gärten nicht mehr, ein ganz anderes Haus bewohnen wir jetzt, es ist
wenigstens zehnmal so groß.« »Das ist recht, dann können auch hundertmal so
viele und noch mehr Platz finden, unser lieber guter Vater Jesus und Heiland
wird es uns schon füllen, hoffentlich helft ihr alle mit.« Der Herr stand auf
und sagte: »Kindlein, es gibt nichts Heiligeres als das Leben, nun habt ihr
einen Vorgeschmack der Himmel bekommen, aber nicht immer kann es so bleiben, da
noch viel, viel des alten Ichgeistes aus euch herausgeschafft wurden muß. Das
beste Mittel ist die Liebe und Pflege der Armen und Verirrten,
je größer eure Liebe, je größer eure Kraft, je reifer eure Liebe wird, um so
größer wird eure Welt. Sehet, wie glücklich bin Ich unter Kindern der Liebe,
aber Meine Liebe treibt Mich zu den Armen, Kranken und Unerlösten, darum kann
Ich unter euch nicht bleiben, sondern muß euch wieder verlassen. Ihr aber
habt nun die Brücke zu Meinem Herzen geschlagen, indem ihr bedacht seid,
Freude und wieder Freude zu machen. Lasset nicht nach, wenn ihr glaubt, eure
Kräfte reichen nicht aus, dann rufet Mich, aber nicht mit dem Munde, sondern
mit dem Herzen. So nehmet hin Meinen Liebesegen, dir aber, Meine Hanna, soll
werden ein anderes Kleid, deiner inneren Liebe entsprechend. Seid in Meiner
Liebe glücklich und in Meinem Geiste noch tätiger, damit sich euch ganz der
Himmel erschließe.« Noch
einmal reichte Er jeder die Hand und ließ sich von Hanny hinausführen. Als
Hanny wieder zu den anderen kam, sagten sie: »Hanny, hast denn du dich noch
nicht angesehen, schaue dich doch an, du strahlst wie die Sonne.« »Ach,
Kinder, redet doch nicht davon, bald werdet ihr noch heller strahlen, wenn
ihr erst richtig lebendig in der Liebe geworden seid. Seid ihr nun endlich
zufrieden mit unserem Heiland Jesus?« »Ach, Hanny, wir wären nicht darauf
gekommen, wenn du uns nicht darauf geholfen hättest. Sag, wie hast denn du
es erfahren, daß Er unser Heiland Jesus ist?« »Ja, da ist nichts zu
erklären, ich konnte mein Herz nicht mehr zum Schweigen bringen. Seine Augen
verrieten, was Sein Mund verschweigen mußte. — Aber nun recht weise sein,
unser Jesus hat volles Vertrauen zu uns, wir wollen ganz in Seinem Geiste
bleiben und nicht so aus der Schule schwätzen. Wie Er uns nicht sagen konnte:
,Ich bin der Vater, euer Jesus', so dürfen wir auch zu keinem sagen; ,Es ist
der Herr', sondern ihre Herzen müssen Ihn aufnehmen, dann verrät es ihr
eigenes Herz. Wollen wir nun unser Haus besichtigen, ich ahne, daß wir neue
Ankömmlinge bekommen.« 09. Neue Aufgaben — neue Seligkeiten
Alle
gingen hinaus in den Garten, die Freude und das Entzücken wollte kein Ende
nehmen. Da sah Hanny Mutter Anna und Vater Hendrick kommen. Sie eilte rasch
hin und wurde von Anna herzlich umarmt. Anna sprach: »Hanny, ist nun alle
Sehnsucht gestillt? Die anderen sind nicht so glücklich wie du, denn ihre
Herzen haben Jesus immer noch nicht erkannt. Du aber wirst wieder vor große
Aufgaben gestellt werden, denn neue und ganz arme und verirrte Kranke sind in
deinem Hause untergebracht worden. Zwei Gottesboten erwarten dich, sie
möchten ihre Mission beenden.« »Wo denn, Mutter, ich habe keine gesehen!«
»Ja, mein Kind, in deinem Hause im oberen Stockwerk sind sie untergebracht.
Mit Liesa wirst du sie pflegen, bis sie soweit sind, daß sie in deinem Hause
gesunden können. Liesa hat schon Anweisung, dort kommt sie. Gehe nun in der
Heiligen Liebe Namen an dein Werk, dann wird es allen zum herrlichen Segen
gereichen.« Liesa
war da und sagte; »Hanny, ich darf mit dir zusammen arbeiten, hast du die
Kranken schon gesehen?« »Noch nicht, Liesa, aber wir wollen rasch zu ihnen
gehen, damit die Gottesboten ihrer Pflicht entbunden werden. Mutter Anna,
willst du nicht mit Vater Hendrick mitkommen?« »Jetzt noch nicht, Hanny, aber
bald sind wir da.« Die beiden Mädchen gingen eilenden Fußes ins Haus und
stiegen die Treppe hinan, die vorher nicht da war. Oben war ein kleiner
Vorraum. Hanny kam alles so bekannt vor, sie traten ein, öffneten die Türe,
betroffen schaute sie in den Saal, es ist als schwänden ihr die Sinne, sie
befand sich im oberen Saal des Schlosses Colditz. Liesa sprach ein paar
Worte, da kam Hanny wieder zu sich.—Zwei Engel verneigten sich vor ihr und
einer sprach: »Schwester im Herrn, unseres Gottes, die ewige Liebe ordnet an,
diese sechzig Kranken in dem Heim der Liebe unterzubringen. Es
ist geschehen nach des Herrn heiligem Willen; ein weiteres ist uns nicht
übergeben worden. Wir stehen vor einem Rätsel, wie ihr beiden die
gefährlichen Kranken meistern wollt, denn nur mit der uns eigenen Kraft und
Willensmacht ist es uns gelungen, unsere Pflicht zu erfüllen.« »Habet Dank,
ihr herrlichen Boten und Diener Gottes«, erwiderte Hanny, »es ist unser besonderer
Wunsch gewesen an den Herrn selbst, diese Kranken pflegen zu dürfen. Es sind
meine Schwestern, unter denen ich lebte. Wie die ewige Liebe Mittel fand,
mich gesunden zu lassen, so werden wir auch durch die Gnade des Herrn Mittel
finden ihres Heiles wegen. Sein Wille ist unser Wille und unser Werk soll
Sein Werk sein!« Da schrie eine Kranke auf, und ohne sich zu bedenken, eilte
Hanny hin, ohne mit dem Boten noch ein Wort zu wechseln. Sie sieht einen Mann
im weißen Mantel, denkt es ist ein Doktor, als sie aber ganz dort ist,
erkennt sie den Herrn. »Vater,
Du hier! Ich glaubte es sei ein Doktor.« »Schweige, Hanna, Ich will auch nur
der Doktor sein um aller willen, denn für dich und Liesa wird es zuviel
werden. Du wunderst dich, aus deiner schönen Welt hier in diesem öden,
traurigen Saal zu sein, aber bedenke, diese Kranken können deine schöne Welt
noch nicht ertragen, alles muß auf ihre Innenwelt zugeschnitten sein, denn
sonst sind sie nicht zu retten, oder bereuest du, Mich gebeten zu haben um
neue Kranke?« »0 nein, liebster Vater, nur erschrocken bin ich so, daß ich
schwach wurde, aber da Du nun hier bist, ist alles gut! Aber sag mir, mein
Vater, warum willst Du unerkannt als Doktor hier arbeiten?« »Hanna, es ist
der Kranken wegen, die fast unschuldig dieses Los ertragen mußten, wie auch
du es getragen hast; ist es Mir als Vater nicht heiligste Pflicht,
gutzumachen, was die Welt versäumte? Darum sei recht stille, dort kommt
Liesa.« Ach,
welche Aufregungen gab es unter den Kranken, sie litten furchtbar unter dem
Hunger, es bedurfte der größten Hingabe, aber nach und nach wurden sie doch
satt. Wie oft weinte Liesa, aber wenn der Doktor kam, lebte sie auf, auch die
Kranken hatten alle Angst verloren und unbändige Freude belebte sie, so Er
durch den Saal ging und sich von Hanny berichten ließ. Leider hielt die
Freude nicht lange an, der Doktor kam immer seltener. Nur im allergrößten
Trubel erschien Er und bald war wieder Ruhe. Liesa wollte mutlos werden,
darum fragte sie Hanny: »Wie kommt es, daß du so voller Hoffnung bist, nach
meiner Ansicht bleiben die Kranken bei der alten Leier, jetzt voller Freude
und dann voller Wut und Haß. Was nützt es mir, wenn sie weinen und bereuen,
um nachher um so schlimmer zu werden?« »Ach Liesa, warum so trüben Gedanken
nachhängen, haben wir nicht Grund genug zum Freuen? Jederzeit können wir
zurücktreten und diese Arbeit zurückgeben, aber ich denke gar nicht daran,
denn sie sind auch Kinder unseres heiligen Vaters und sie werden gesunden!« Spricht
Liesa: »Hanny, was hast du mit dem Doktor für Heimlichkeiten, ihr seid so
vertraut, warum kann ich nicht so sein wie du? Wenn Er da ist, da jubelt
alles in mir, alles sehe ich dann im rosigsten Licht, und wenn Er wieder weg
ist, ist mir, als wenn alle Freude vergangen wäre. Kannst du mir Aufschluß
geben?« »Doch, Liesa, ich könnte es, doch ich darf nicht: selbst mußt du dein
Herz durchforschen, dich durchprüfen und dein Herz sprechen lassen; so gern
ich dir helfen möchte, ich darf nicht.« »Ja warum nicht, sind wir nicht
Helfer anderer geworden, warum mir nicht?« »Weil du nicht mehr in der Seele,
sondern im Herzen krank bist; wende dich nur an den Doktor selbst und habe zu
Ihm das rechte kindliche Vertrauen.« Die Kranken schienen zum Leben zu
erwachen, das allerschwerste war überwunden, der Doktor ließ sich fast nicht
mehr sehen, da meinte Hanny zur Liesa: »Wir wollen einmal alle in den Garten
führen.« Voll
Freude ging es hinab nach dem Garten, und dort ließen sie die Kranken ganz
frei nach ihrer Lust sich bewegen. Da kommt Mutter Anna und Hendrick und alle
früheren Pfleglinge und bringen Körbe voll der schönsten Aprikosen. Liesa und
Hanny, sie sehen und hinspringen war eins, war das ein Freuen! Als aber dann
die Pfleglinge den Kranken die Aprikosen brachten, wollte der Jubel kein Ende
nehmen. Da war all die schwere Aufgabe vergessen. Auch Mutter Anna erzählte,
daß wieder so viele Unglückliche aufgenommen worden wären und in die Pflege
des Friedewald gekommen wären, es fehle an den rechten Helfern. Es sei wohl
vieles erreicht, aber die rechte Erbarmung und die erlösende Liebe sei immer
noch nicht zur hellen Glut entbrannt. »Ja, leider, gesteht Hanny ein und
warum? Weil der Heiland sie noch alle sucht, statt daß sie den Heiland
suchen!« Spricht Liesa: »Hanny, meinst du, daß ich den Heiland auch noch nicht
recht gefunden habe?« »Ja,
Liesa, solange Er dich sucht, hast du Ihn noch nicht so gefunden, wie es zu
der Erlösung der andern wichtig ist. Nicht die Liebe zum Heiland allein,
sondern Er in uns macht uns so fähig, daß wir wahre Helfer werden!« Spricht
Anna: »Hanny komm in meine Arme, für dieses Wort drücke ich dich an meine
Brust. So noch einen Kuß, nun bist du mir nicht mehr Kind, sondern Schwester
geworden. Du aber, Liesa, lasse dich nur von deinem Herzen leiten, siehe,
diese Pfleglinge der Hanny sind glücklicher denn du; denn das, was du
ersehnst, haben sie schon in aller Fülle.« »Mutter Anna, habe ich es an etwas
fehlen lassen?« »Nein, mein Kind, du hast alles Lob verdient, mit der ganzen
Kraft deiner Liebe hast du dich eingesetzt und hast doch etwas vergessen.
Frage dein Herz, es wird dir volle Antwort geben. Warum willst du das Größte
nicht wagen? Wer nicht wagt, gewinnt auch nichts!« Da kamen alle Kranken,
Mutter Anna kamen die Tränen in die Augen, als sie die zerfallenen Gesichter
sah, aus denen die Freude leuchtete. Da
sagte Hanny: »Aber Kinder, singt doch der Mutter Anna ein Lied!« Da sangen
sie: »Wenn der Heiland, wenn der Heiland als König erscheint und die Seinen,
und die Seinen um sich ganz vereint, oh, dann werden sie glänzen und selig
sein, denn der Heiland als König nennt sie Seine Kindelein.« Mutter Anna nahm
Abschied mit den Pfleglingen von Hanny und Liesa. Nachdem sie ihren Augen
entschwunden waren, rief Hanny alle zur Sammlung, um wieder nach ihrem Saal
zurückzukehren. Wie erstaunten Liesa und Hanny, die Gitter an den Fenstern
waren weg, der Saal viel schöner und größer, die Betten verschwunden, nur
Ruhestühle waren vorhanden, und statt langer Tafeln waren Tische und Stühle
da. Sagte Liesa: »Hanny, kannst du mir dieses erklären? Dieses ist doch ein
Wunder.« »Ja, Liesa, ein Wunder der Liebe, es bedeutet Fortschritt der
Kranken, paß auf, bald werden sie anfangen zu fragen.« 0
wie recht hatte Hanny, es wurde ein viel freieres und froheres Leben, das
Brot wurde immer besser und auch bessere Früchte wurden gebracht, was aber
wichtiger war, die Pfleglinge wurden ruhiger. Es kostete noch viel Mühe und
Geduld, alle zu überzeugen, daß sie gestorben waren und nicht mehr Kranke und
Blöde sind. Die Jüngeren begriffen eher und leichter als die älteren, aber
der größere Saal, die gitterfreien Fenster, die viel freiere Aussicht und die
bessere Kost waren doch Beweise von himmlischen Gütern, die nur durch die
Gnade Jesu gereicht wurden. So wurde aus dem Krankensaal ein Lehrsaal, eine
Schule, die nur dem Seelenheil galt. Da sagte Hanny zur Liesa: »Du könntest
einmal mit den Schwestern allein bleiben, ich möchte zu Mutter Anna und Vater
Hendrick. Eine Sehnsucht nach den beiden ist in mir, da möchte ich es nicht
aufschieben.« Liesa blieb nun allein, sie brauchte keine Angst zu haben, denn
von den Kranken war nichts mehr zu befürchten. Sie unterhielt sich mit
einigen, da kommt der Doktor in seinem weißen Mantel und begrüßt die Kranken
und Liesa in seiner gütigen Art. Liesa war erschrocken, ihr Herz zitterte mächtig,
sie konnte vor Aufregung fast nichts sagen. Er
aber fragte: »Liesa, warum fürchtest du dich vor Mir, habe ich schon einmal
Grund dazu gegeben?« »Es ist nicht Furcht oder Angst, ich möchte mich selbst
schelten, ich weiß nicht, was mit mir los ist, und nun muß auch noch Hanny
abwesend sein.« »Wäre es dir lieber, wenn Hanny hier wäre? Wie oft hast du
gedacht, Mich einmal allein zu haben, und nun es so weit ist, hast du Angst?«
»Ja, lieber Doktor, dies waren oft meine Gedanken, so ich als Geist Gedanken
haben kann; aber ich bin unfrei, und große, heilige Gedanken kommen mir
keine.« »Es ist auch nicht nötig, Liesa, vor allem muß deine Erkenntnis
wachsen, damit in dir dein Herzensboden ein völlig reiner und du zu einer
Trägerin wahren Gotteslebens werdest. Was hemmt dich denn in deiner
Entwicklung, hast du nicht alles, was dazu nötig wäre? Siehe,
die Hanna ist bedeutend freier, darum gelingt ihr auch mehr, und daß ihr
beide noch einmal die harte Schule durchlebtet, soll doch ganz eurer
Seligkeit dienen. Ich weiß, manchmal wolltest du mutlos werden und warum,
weil noch zuviel des Unerlösten in dir lebt. Hanna hat es leichter, da sie im
Erdenleben viel mehr abstreifen konnte denn du, aber selig, wahrhaft selig
sein ist erst möglich, wenn sich alles in dir dem wahren Leben zuneigt, einem
Leben, welches nur durch Liebe und Lieben zu erreichen ist.« »Dieses ist mir
bewußt, lieber Bruder, tausend Male wollte ich es schon erreichen, aber es
gelingt nicht, mir fehlt mein Heiland Jesus. Alle schönen Reden, aller Eifer
verliert an Kraft, weil ich noch nie die rechte Gnade hatte, Ihm zu begegnen,
Anders die Hanny, sie kann gar nicht genug Seine Liebe, Güte und Erbarmung
loben, es fängt an zu schmerzen. Ich liebe Ihn doch auch, warum bleibt Er
fern? Er
weiß doch, daß in meiner Brust nichts anderes lebt als nur Er allein und
wieder Er.« »Er weiß es, liebe Liesa, aber du liebst Ihn als Weib, und nicht
als Kind. Alles Sinnliche muß sich im Geiste himmmlischer Liebe verschmelzen,
wenn du Ihn nur als Vater, als Heiland, als deinen Gott und Herrn in dir
erkennst und aus diesem Erkennen heraus in eine brennende Liebe übergehst,
wird Er keine Minute zögern, Sich dir zu offenbaren. Darum begrabe deine
Mädchenliebe und lasse auferstehen die Kindesliebe, die nur den heiligen
Vater beglücken will. — Nun komm, Liesa, wir wollen den Schwestern noch etwas
Liebes sagen, sie sehnen sich nach einem Händedruck oder nach einem Wort von
Mir.« So war es auch. Verständnislos hörten sie das Gespräch, als aber der
gute Doktor recht liebe Worte sagte, die einen streichelte, die anderen an
die Brust drückte, anderen ein Scherzwort gab, wollte die Freude kein Ende
nehmen. »Aber
nun freut euch recht im Stillen, bald werdet ihr Großes erleben, wenn ihr
euch beschauen lernet und ganz gehorsam werdet und euch zwingt, daß das alte
übel nicht mehr durchbrechen kann. Wollet ihr das Herrliche erleben? Dann
folget Mir und glaubet Meinen Worten. Sie wollten Folge leisten, darum Liesa
folge auch du Meinen Worten, damit du ganz erstehest.« Liesa spricht weinend:
»Bruder, gehe nicht so von mir, wenn Du fort bist, ist alles finster, ich muß
mich dann erst wieder finden. Bleibe, bleibe, ich fühle es, denn Du bist mehr
als der Doktor, solche Liebe wie Du kann nur der gute Heiland haben! So meine
Liebe sündig ist, lasse es zu, Dich nur einmal recht innig zu lieben, dann
kann ich wenigstens von der Erinnerung leben und zehren.« »Dann komme, Liesa,
und liebe dich satt, Ich kenne keine sündige Liebe, nur eine verlangende.« Da
flog Liesa an Seine Brust und weinte vor Freude, als sie ruhiger wurde, sagte
sie: »Du bist es, nach dem mein Herz schrie, Du bist es, der meinem Sein
Licht und Leben gab, denn nur Du kannst der ewige Vater sein, weil von Dir
die selige Freude in mein Herz kam! 0 mein Vater, mein Heiland, Du bist mir
doch nicht gram, ich eine Sünderin und Du der Heilige! Laß es mich nicht
entgelten, daß ich mich so wenig in der Gewalt hatte, aber nun ist mir wohl.«
»Meine Liesa, sorge, daß du Mich mehr liebst, dann wird Mein Geist in dir
dein Führer und Leitstern sein. Wärest du eine Sünderin, wäre Ich nicht hier,
wo Ich bin, nimmt der Himmel seinen Anfang und Meine Kinder beleben ihn, nun
aber bleibe Mir getreu zum Heile aller!« »Ach mein Jesus, bleibe noch einige
Augenblicke und laß mich noch einmal ganz tief in Deine Augen schauen und nur
ein einzigesmal Deinen Mund küssen, dann ist alle Sehnsucht gestillt!« Da
umklammerte sie Ihn nochmals, drückte einen langen Kuß auf Seine Lippen,
legte ihre Hände auf Seine Schultern, sah Ihm lange in die Augen. und sprach:
»Mein Jesus, mein Vater von Ewigkeit zu Ewigkeit, jetzt bin ich befreit von
dem Druck, dessen ich mich nicht erwehren konnte, nun weiß ich, daß ich keine
Schuld mehr habe vor Dir. Verlange von mir den größten Dienst, mit Freuden
will ich ihn erfüllen, nun weiß ich, daß ich Dich nie mehr verlieren kann.«
»Liesa, meine Tochter, die Ich liebe, sind ganz frei, nie werde Ich einen
Dienst verlangen, aber bitten will Ich gern, daß sie sich Meiner Liebe,
Meiner Kräfte bedienen sollen, die Ich so gern spende zum Heil der Verirrten
und Verlorenen. Du hast in Meine Augen geschaut, lieber wäre Mir, so du In
Mein Herz geschaut hättest, denn dann hättest du Meine ewige Erbarmung
erlebt. Doch was du jetzt noch nicht kannst, wirst du vielleicht später
können. So will Ich dich besonders segnen zum Dank für deine Liebe, lasse
Mein Heilandsleben ganz in dir erstehen. Meine Gnade und Mein heiliger Friede
sei dein ewiger Teil. Amen.« 10. Liebe ohne Ende
Nun
war Er fort, ein Jubel war in ihr, nun wußte sie erst, was selig sein
bedeutet. Hanny freute sich, daß Liesa nun auch das Leben ergriffen hatte,
denn die Pfleglinge wurden viel liebevoller behandelt, und sie waren so
dankbar. Es ging nun hinaus in die Gärten, hinunter zu den anderen, die da
alle bemüht waren, Liebe zu erweisen mit Blumen und Früchten. Sie wurden
unterrichtet von den verschiedenen Arbeiten, die nur der Reinigung der
eigenen Seele dienten. Liesa, die in einem Liebesfeuer stand, war die eifrigste,
sie wollte nur ihrem Jesus Freude machen. Bei dem Umherwandern lernten die
Pfleglinge von den anderen viel, auch der große Egoismus hatte einer
geschwisterlichen Liebe Platz machen müssen. Als aber diese alle einem Zug
armer, ganz elender und verkommener Wesen begegneten, die Friedewald mit
seinen Brüdern in die liebende Fürsorge nahm, wuchs das Mitleid. Da keiner
helfen konnte, weinten sie und fragten Hanny, was da zu tun sei, es sei ja
kaum anzusehen, wie diese Menschen leiden. »Nichts
können wir für sie tun als nur beten, damit unsere Gebetskräfte sie umhüllen,
sie wissen ja nicht einmal, daß sie Verlorene und Verirrte sind. Friedewald
wird sie schon in Ordnung bringen, gut, daß sie uns nicht sehen, denn es
würde uns nicht gut gehen.« »Wie ist dieses möglich, haben sie doch auch
Augen wie wir?« »Ja, aber der heilige Vater hat Seine Ordnung so gestellt,
daß wir sie wohl schauen, aber sie uns nicht, da wir nicht in ihre Sphäre
getreten sind. Lieblose Wesen haben so gut wie keine Sphäre. Ist einmal Liebe
unser ganzes Ich geworden, dann reicht unsere Sphäre weit, sehr weit und
dieses macht uns fähiger, immer dienen zu können. Friedewald schaut uns, kann
aber nicht zu uns kommen, da sonst die Armen ohne Aufsicht wären, sie würden
viel Schaden anrichten.« »Aber Schwester Hanny ,das ist aber traurig, kann
denn der liebe Heiland nicht helfen?« »Doch, aber sie wollen noch keinen
Heiland, hier in der ewigen Welt gilt nur der eigene Wille.« »Das ist
merkwürdig, Friedewald kann ihnen ja auch helfen, warum der gute Heiland
nicht?« »Weil
Friedewald der Vermittler des Heilandes ist. Auch ihr wäret so elend, hattet
keinen Willen als nur das alte übel, was euch auf Erden zum
allerunglücklichsten Wesen machte, und wie froh seid ihr jetzt? Wenn aber
euer Wille und eure Liebe einmal ganz dem guten Heiland gehören wird, dann
werdet ihr noch tausendmale glücklicher sein und vielleicht auch Vermittler
werden, um arme elende und verlorene Wesen zu glücklichen Gotteskindern zu
machen.« »Schwester Hanny, sind wir so schlecht, weil der gute Heiland nicht
zu uns kommt oder weil wir noch die schlechten Kleider tragen?« »Es braucht
alles seine Zeit, für den Heiland Jesus ist keines zu schlecht oder zu
schmutzig, alle, alle genießen Seine Vater- und Heilandsliebe; aber die
Unfreiheit der Seele und des Geistes und das Unreine der Seele ist die
Schranke, die den Heiland trennt. Unerkannt, unsichtbar ist Er immer bei uns,
immer wartet Er, bis Er erkannt und geschaut wird. Sein
Herz ist voll Liebe und Erbarmung und voll des heißen Verlangens nach Seinen
Kindern, aber Er muß warten.« »Schwester Hanny«, spricht eine andere, »das
kann nicht sein, denn ich habe solche große Liebe zu Ihm und möchte alles
tun, wenn Er hier wäre, müßte Er es wissen.« »Er weiß es, Dora, siehe zum
Beweis gab Er für dich diesen Becher süßen Wein, da koste ihn, du darfst
trinken.« Da staunten alle, als sie den gefüllten Becher sahen. »Aber Dora,
nimm ihn hin, er ist zum Beweis Seiner Liebe!« Mit zwei Händen nimmt sie den
Becher, »von Ihm ist er, o mein guter Heiland, warum verbirgst Du Dich vor
mir, Du aber weißt es schon, daß ich Dich liebe.« Dora nimmt einen Schluck,
»o kostet nur einmal, welch ein herrlicher Geschmack. Hier, Hanny, aber nur
einen Schluck, damit er für alle reicht!« Es reichte für alle, ja er war noch
reichlich halb voll, da sagte Dora; »Hanny, darf ich den Becher behalten,
oder muß ich denselben wieder abgeben?« »Behalten darfst du ihn schon, aber
was willst du damit anfangen?« »Schwester Hanny, darf ich den Armen dort
einmal zum Kosten geben?« »Du darfst es, aber ich rate dir ab, der gute
Heiland hat deine Bereitwilligkeit gesehen, du hast mit den Schwestern
gekostet, aber nun trinket alle, damit euer Geist gestärkt werde, der Becher
wird nicht leer werden. Dann werden wir Friedewald bitten, sich den Becher zu
holen, wenn wir weiter ziehen, ist es dir recht?« Wirklich, es war so, der
Becher wurde nicht leer. Er
wurde jedesmal wieder voll, wenn er von einer Hand zur anderen ging. Den
Becher stellte man auf einen Haufen Unkraut und Hanny rief: »Friedewald, hier
ist ein Gruß der ewigen Liebe zu deiner Stärkung!« Da waren auf einmal alle
in schöne blaue Kleider gehüllt, die die Arme freiließen, auch das Aussehen
war das eines Gesunden. So eine Freude, so ein Jubel; mit Singen ging es
heimwärts. Unterwegs trafen sie Mutter Anna und Vater Hendrick. »Kommt mit
uns«, sagte Hanny schlicht, »es ist uns soviel Schönes gegeben, daß ihr alles
erfahren sollt.« Im Hause gab es wieder ein Staunen, die Treppe zum Oberstock
war viel breiter und aus weißem Marmor, dabei weich, als wenn es Teppiche
wären; im Saale aber war es wie unten, alle Wände waren mit großen Fenstern
versehen, so daß man die großen Gärten sehen konnte. Die Tische waren in
Kreuzform gerichtet und Blumen in Mengen von Schalen und Vasen standen darauf.
An einem Kopfende war eine Schale mit Gläsern. Als nun alle die
Herrlichkeiten anschauten, wobei Ausrufe des größten Entzückens laut wurden,
bemerkte Dora die Schale mit den Gläsern. »Ach schau, Schwester Hanny, meine
Musikgläser: Darf ich damit spielen?« Dabei griff sie auch schon nach den
Stäbchen und berührte die Gläser damit. Es
gab einen wunderbaren Klang, dann aber spielte Dora ein Lied (Hymne aus
Cavalleria Rusticana von Mascagni), so fein, so zart, niemand rührte sich von
der Stelle, so ruhig wurde es, bis sie geendet hatte. Da drängten alle hin
und wollten zusehen, aber Anna sagte: »Kinder, es gehört euch allen, Dora ist
eure Meisterin, sie wird euch manches Schöne bieten; doch Kinder bedenkt, es
soll nicht Zeitvertreib sein, sondern Erbauung. In der heutigen Stunde wurde
euch der Lohn Gerettete zu sein, die ewige Liebe schmückte euer Heim, Sie
schmückte euch mit hellen Kleidern und hat euch den anderen gleichgestellt;
aber nun gilt es, nicht nur Gerettete zu sein, sondern auch Retter zu werden.
Ihr sahet bei Bruder Friedewald Arme und fast Verlorene. Es ist ein
übergroßes Maß von Liebe, Geduld und Ausdauer nötig, um auch sie vergessen zu
machen die Erde, die mit ihrem Weltgeist den Stempel so furchtbar aufgedrückt
hat. Gerade
wie ihr im tiefsten Elend standet, aber nun mit hellen Augen eure Erlösung
schauet durch Jesum unseren Herrn, so sollen auch alle die Gnade erleben und
gerettet werden mit eurer Beihilfe, auf die der Herr Jesus, unser aller
Heiland und Vater, rechnet. Ihr wollet doch Seine Kinder sein?« Sie
versprachen es und wollten ganz dem Herrn zu Willen sein. »Dann kommt auch
bald zu mir und zu Vater Hendrick! Nun soll euer Sein und Leben in und durch
den Herrn sich entwickeln zu eurem und der anderen Heil.« Ein ganz anderes
Leben entwickelte sich nun im Haus und Garten der Hanny. Von oben bis unten
gar kein Unterschied mehr, nur eines war noch kein Gemeingut: daß der Gärtner
ihr ewiger Gott und Vater war. Gemeinsam wurde nun alle Arbeit gemacht und
auch gemeinsam alle Ruhe unternommen; es war direkt wunderbar, was alles
offenbar wurde durch den Geist. In einer solchen Ruhepause kam unerwartet der
Herr, für die meisten noch der Doktor. Im Nu wurde das Schönste und Beste aus
dem Garten gebracht. Der
Tisch, an dem Er Platz genommen hatte, glich einem Märchen von Blumen. Die
Pfleglinge, die da immer noch der Meinung waren, ihre Gesundheit danken sie
dem Doktor, hätten gern noch mehr ihre Dankbarkeit ausgedrückt, Aber Er
sagte: »Kinder, liebet Mich und alle die zu euch kommen, gleich welchen Standes
und seien es die Verirrtesten; alle, alle brauchen einen Erlöser und Retter.
Nicht hinwegwerfen sollt ihr eure Liebe, sondern ein Duft von wahrer
Glückseligkeit soll von euch ausgehen, der alles Böse und Schlechte
entkräftet und alles Falsche und Verkehrte zur Besserung bringt. Diese Liebe
ist Mein Leben, und in solcher Liebe möchte Ich in und unter euch leben, dann
lebet ihr auch in Mir. Da ging Dora hin und sagte: »Guter, guter Doktor, Du
lebst schon lange in uns, denn Du bist unsere stille Liebe, oft schwärmen wir
von Dir, mit Ausnahmen von Hanny und Liesa, denn für die bist Du der gute
Heiland Jesus. Ja,
Hanny und Liesa, da staunt ihr, daß wir das wissen, aber deswegen lieben wir
euch auch so unendlich viel, daß uns nichts mehr trennen könnte. Aber nun
möchte ich Dich bitten, lieber Doktor, verrate uns Deinen Namen, alle nennst
Du uns bei unseren Namen, bist zu allen gleich gut, und wir wissen nur, daß
Du der gute Doktor bist.« »Ja, Meine liebe Dora, mit Meinem Namen ist es so
eine Sache, alle, die Mich richtig erkannt haben, können denselben richtig
aussprechen, alle anderen aber nicht. Wir sind im großen, großen
Geisterreich; für ewig wird es nie ein Ende nehmen. Was nur mit dem Munde
nach dem Verstande ausgesprochen wird, gleicht einer großen Lüge, was aber
aus dem Herzen kommt und über die Lippen fließt, ist Wahrheit und Leben, je
nach dem Herzensstandpunkt. Darum soll Mein Name keine Lüge, sondern Wahrheit
und Leben sein, Alles Leben aber kommt von dem ewigen Urleben aus Gott,
welcher ewig ist. Sonach ist Gott und Leben eins, wie Liebe und Leben auch
eins ist. Hast du Mich verstanden Dora?« »Jetzt habe ich Dich verstanden,
darf ich Dir eine Antwort mit meinen Musikgläsern geben? Du
lächelst, also ja.« Nun setzte sich Dora an ihre Gläser, spielte und sang:
Machet hoch die Tür und weit das Tor, daß einziehen kann im Jubelchor der
König aller Könige. Wer aber ist es der da König ist und Dessen Herz voll
Liebe ist, der Heiland aller Heilande. So ziehe ein in unser Herz und führ
uns alle himmelwärts als Deine Kinder, Du Vater aller Väter. Da stand der
Vater auf und sprach: »Dora, dies ist die rechte Antwort, die aus deinem
Herzen kam, seid ihr nun alle mit der Antwort zufrieden?« Was nun folgte war
nicht zu beschreiben, ein Freudensturm, der nicht abebben wollte, da sagte
der Vater: »Kindlein, habt ihr Mich nun endlich erkannt? Wie oft weilte Ich
mit wundem Herzen bei euch, um euch ganz für Mich zu gewinnen. Nur Meiner
Liebe ist dieses möglich, die Ich nur allein zu geben vermag. Nun ihr endlich
Mich in euch aufgenommen habt, habt ihr auch Meine Liebe aufgenommen, und ihr
werdet nun erst selig sein. Daß
Hanna und Liesa Mich nicht verrieten, war Mein Wunsch, da Ich ganz frei
erkannt und geliebt sein will. Nun höret weiter, Meine Kindlein, endlich seid
ihr ganz dem Weltgeist entronnen, aber noch nicht ganz frei von ihm; darum
übet euch recht in der Liebe, wachset im Glauben und in der Demut, dann kann
Mein Geist in euch das Erlösungswerk vollenden und euch zubereiten zum Dienst
in Meinem Geiste. Unter den Menschen der Erde, die da gleich Tieren hausen
und sich gegenseitig vernichten, ist Meine Liebe nur noch ein matter
Schimmer, und ihre Rettung steht auf schwachen Füßen, was soll mit denen
werden, so sie in die Ewigkeit ankommen? Ich kann sie nicht empfangen; Meine
Engel werden sie nicht verstehen, da ihr Leben auf das ewige Gesetz gegründet
ist, darum bleiben Meine Kinder für das verantwortlich Werk nur noch übrig,
deren Zahl aber nicht groß ist, um die Millionen verirrter und verlorener
Menschenkinder heimzuführen in das ewige Vaterhaus. Könntet ihr auf die
Seligkeit, mit Mir zu leben, verzichten und euch entschließen wie Hanna und
Liesa, sich gern dem Heil- und Rettungswerk zu widmen?« Da
sagte Dora: »Vater, darf ich Dir die Antwort mit den Gläsern geben? Du lächelst!«
Da spielte sie und sang: 0 Jesus, mein Vater, mein Leben bist Du, ein Leben
voller Wonne und Glück. 0 Jesus, mein Heiland, mein Streben bist Du, ein
Streben voller Eifer und rechtem Geschick. 0 Jesus, mein Vater, Dein sei mein
Herz und Dein meine Liebe in mir. 0 nimm mich und führe mich ein in Dein Herz
von nun an gehöre ich nur Dir, nur Dir. Nimm meine Liebe, sie ist ja nun
Dein, ja ewig Dein, denn ich bin ja für ewig ganz Dein Kindelein, ganz und
für ewig Dein Kindelein. Amen. »Ist dies auch eure Antwort, Meine Kinder? Ja,
Ich lese sie auf eurem Herzensgrund geschrieben, nun will Ich euch auch
beglücken, weil ihr Mir solche große Freude gemacht habt.« Durch die weit
geöffnete Türe kamen zwei herrliche Engel in strahlenden Kleidern, der eine
brachte einen Krug und einen Kelch, der andere ein Tablett mit weißem Brot,
vor dem Herrn stellten sie alles hin, dann gingen sie an den Wandschrank und
entnahmen Gläser. Sie stellten vor jeden Stuhl ein Glas, verneigten sich und
stellten sich wieder an die Türe. Da
sagte der Herr: »Kommt, Kindlein, setzet euch in rechter Ordnung, Ich will
mit euch das Mahl der Liebe halten; kommt, Meine Getreuen, teilet aus das
Brot und den Wein, Ich will Mich heute sättigen am Kindertische, damit sie
ausreifen für den ewigen Vatertisch.« Nach dem Austeilen des Brotes und des
Weines blieben die Engel hinter dem Herrn stehen, dann sagte der Herr:
»Nehmet und esset, Meine geliebten Kinder, stärket euch an diesen Gaben,
damit dieselben eure Liehe, euren Mut stärken, damit ihr nicht schwach werdet
im heiligsten Werk Meiner Erbarmung.« War das ein Brot und ein Wein. Alles
bisher Genossene war ein Schatten gegen dieses Brot und das Wunderbare, es
wurde nicht alle, es blieb immer das gleich große Stück. Nur die Gläser
wurden leer, die aber von dem Krug nachgefüllt wurden, der auch nicht leer
wurde. So
blieben sie lange sitzen und hörten mit heiliger Andacht den sanften und
liebevollen Worten ihres heiligen Vaters zu. Nun sagte Er: »Kindlein,
äußerlich trenne Ich Mich von euch, innerlich bleiben wir Eins. Ihr, Hanna
und Liesa, verkörpert ganz Meine Liebe und Mein Leben, ihr anderen aber
verkörpert von nun an Brot und Wein zur Rettung aller. So kommt an Meine
Brust und empfanget den Lohn Meiner Vaterliebe!« Da waren alle angetan mit
weißen Kleidern, wie Hanny und Liesa schon trügen, und selig empfingen sie
die größte Wohltat ihres Lebens, sie durften empfangen das Leben an der Brust
des heiligen Vaters. So ging unter seligem Weinen der Vater von Seinen
Erlösten. Die Engel verneigten sich tief vor den Kindern. Der Krug und der
Kelch sowie das Tablett war als bleibende Erinnerung geblieben. 11. Leben in der Liebe
Ein
ganz, ganz neues Leben begann. Die Pflege des Gartens war die Hauptsache, um
immer und immer wieder Früchte und Blumen zu haben für die, die in ihrer Welt
beheimatet waren. Es löste unendliche Wonnen aus, wo sie nur Einkehr hielten.
Ihrer Liebe war alles möglich. Wenn aber Hanny von dem Heilande sprach, da
entzündeten sich die Herzen und die Sehnsucht wurde immer größer, auch einmal
Den zu schauen, der für sie so überreich sorgte. Dieses war der Zweck der
vielen Besuche, die die Erlösten machten. Nach jeder Rückkehr wurde eine
stille Ruhe, um immer mehr ihre Innenwelt für die Liebe zu weihen, die das
ewige Leben ist. Bei einer solchen Weihestunde kam ein herrlicher Bruder und
Hannys Großmutter. Ein
Strahl von Liebe und Seligkeit ging von beiden aus, als sie ihren Saal
betraten und den Segen über sie sprachen. Hanny erkannte sofort ihre
Großmutter und sprach; »Nun ist unsere Freude groß! Seid recht herzlich
willkommen im Geiste des liebenden Vaters und nehmet Platz, bleibet bei uns
eine ganze Zeit.« »Gern tun wir es, meine Hanna, auch meine Freude ist
vollkommen, da ich dich im Vaterhause geborgen weiß. Hast du alles Leid
überwunden? Möchtest du gern heimkehren in die Welt, von der du ausgegangen
bist?« »Meine Mutter, hier ist meine Welt, stündlich erwarte ich Arme und
Kranke, die unserer Liebe und Pflege bedürfen, hier darf ich schaffen, hier
wo der heilige Vater Selbst in hingebender Liebe und Geduld wirkte und
bewirkte, daß alle meine Schwestern nun Erlöste sind. Es wäre ein schlechter
Dank, so ich nach Seligkeiten strebte, die keine Seligkeiten sind, sondern
nur Herrlichkeiten.« »Meine
Johanna, ich danke dir für deine Hingabe an das Werk des heiligen Vaters, wir
sind nicht gekommen, um euch von hier fortzuholen, sondern um euch noch
tiefer hineinzuführen in das große Leben aus Gott unserem Herrn und heiligen
Vater. Nun möchte dieser Bruder in seiner Liebe euch dienen.« (Bodelschwingh)
Er spricht: »Geliebte Schwestern im Herrn, unserem geliebten Vater, unsere
Freude ist Seine Freude, unsere Seligkeit Seine Seligkeit und Seine Liebe
unser Leben; alle, die wir im heiligen Streben nur Diener und Priester Seiner
Liebe sind, erfahren auch die Kraft Seiner Liebe. Wie arm ist die große Welt
ohne diese Seine Liebe, wie gering alles Leid gegen das, was das Leben aus
Ihm gibt. Ihr alle wäret als Menschen zu beklagen, wie wenig hat man euch auf
den Zweck eures Lebens aufmerksam gemacht und warum? weil der Sinn alles
Lebens erst offenbar wird, wenn man das Leben richtig erkennt. Auch ich hatte
in meinem Erdenleben nur eine Aufgabe, für die Armen, den Ärmsten und den
Elendsten der Elenden eine Heimat zu schaffen, die alles Leid und Elend
mildern und vergessen machen soll. Es gelang freilich nicht immer, weil noch
zuviel das Menschliche uns beherrschte. Nun komme ich auf den Zweck meines
Besuches bei euch. An
euren Augen sehe ich den Glanz von Freude und von euren Herzen geht eine
Wonne aus, die aus Liebe das Größte schaffen möchte, aber gemach, meine
lieben Schwestern, eure Liebe ist noch Dankbarkeit, und diese eure
Dankbarkeit muß einem neuen Leben Platz machen in euch. Der herrliche Vater,
dessen Liebe ihr besitzet, möchte nicht eure Dankbarkeit, sondern euch ganz.
Alles, was in euch lebt, ist noch nicht ganz Sein Eigentum geworden.
Erschrecket nicht darum, weil ich es euch sage, sondern freuet euch, damit
auch das Beste vom Besten zum Besten werde. In allen Belehrungen von Engeln
und Dienern Seiner Macht und Herrlichkeit wird euch ein Weg geebnet, der euch
ganz zu Dienern Seiner Liebe machen soll. Aber wenn alles in euch zur
lebendigen Liebe wird, dann habt ihr Sein Licht in euch aufgenommen. Gerade
in Seinem Lichte wird alles offenbar. Vollkommen sollt ihr werden, wie unser
geliebter Vater und Heiland vollkommen ist. Eure
Sehnsucht ist der beste Beweis des Unvollkommenen in euch, die Erfüllung aber
ist nicht das Vollkommene, sondern nur ein Ausruhen, ein Stärken für die
Erreichung des vollkommenen Lebens. Wie wäret ihr selig, als der Herr, unser
geliebter Vater, unter euch weilte und euch allen diente, eure Heimat wurde
zum Himmel. Ihr fraget euch oft, warum ist wohl der Herr, unser guter Vater,
nicht immer bei uns, und neue Sehnsucht drängt zur Erfüllung, bei Ihm zu
sein; aber Er, der eure Sehnsucht kennt, hat auch ein Sehnen nach Seinen
geliebten Kindern. Habt ihr schon einmal gefragt, wie könnten wir die
Sehnsucht des Vaters stillen? Was euch kein Diener oder Engel sagen könnte,
kann ein von Seiner Liebe durchdrungenes Kind. Es will ganz den Vater
ersetzen, niemand soll oder darf Ihn vermissen. Wer
Sein Kind hört, wird auch den Vater hören, wer ganz in Seinem Heilandsleben
ersteht, wird auch den Heiland ersetzen können. Im rechten Heilandsgeist wird
das Leben des heiligen Vaters offenbar, und Er Selbst, als das Leben alles
Lebens, als die Liebe der Liebe wird immer wohnen in ihrem Heim, in ihren
Herzen. Das ganze All ist voll der herrlichsten Schöpfungen, aber Kinder, die
nur aus, in und durch Ihn leben, gibt es sehr wenige. Aufgaben, die nur durch
Seine Macht und Kraft erfüllt werden, erfreuen Ihn; aber so ein Kind, und sei
es noch so gering, in Seinem herrlichen Heilandsgeiste nur einen einzigen
Bruder oder Schwester an Seine heilige Brust legen kann, macht Ihn zum
glücklichsten aller Väter. Sehet, meine geliebten Schwestern, diese Liebe ist
und soll nicht ein Danken sein, sondern Leben, heiliges Leben, wie es vom
Kreuz von Golgatha herab sich senkte, ganz tief in die Brust des Menschen, um
aufzuerstehen als der Sohn Gottes, der nur eine Liebe hat, die Seines Vaters,
und der nur noch einen Geist in sich trägt, den, der von beiden ausgeht, um
die ewige und urewige Göttlichkeit zu beweisen, die sich aber nur offenbaren
kann nach dem Stand der Kindlein. Dieses hätte ich euch zu sagen. Mein
Vater in mir spricht: »Kindlein, Kindlein, alles, was noch lebt in euch,
lasset es Liebe werden. Große Aufgaben hat Meine Liebe euch zugedacht, weil
auf der Erde alles erstarrt in Finsternis und Nacht. Groß wird die Not, die
Kälte, Angst und Pein, ihr aber sollet als Meine Kinder und Helfer ihre
Erlöser sein. Amen. Amen. Amen.« Lange noch schwiegen alle, da sagte Hanny;
»Geliebte, eure Worte drangen tief in mein Herz und offenbarten mir wieder
eine neue Liebe des Herrn. Aber nun möchten wir euch erfreuen mit einem Trunk
des Liebeweines, den uns der heilige Vater schenkte und den wir nur denen
reichen, die uns mit dem heiligen Vater noch näher bekannt machen. So wollen
wir den Anfang machen und eure Worte betrachten als Seine Worte und eure
Liebe als des heiligen Vaters Liebe.« Spricht
der Bruder: »Johanna, jetzt erstehest du in Seinem Geist, lasse dich immer
tragen von diesem Seinem Heilandsleben, dann wird deine kommende Aufgabe dir
unendliche Wonnen bereiten.« Noch lange weilten die beiden unter ihnen,
besahen ihre Gärten und ihre Arbeiten und weit bis an die Grenzen gaben alle
das Geleit. Dann zogen sie heimwärts als die Glücklichsten aller Glücklichen.
Der ganze Saal war zu einer Feier zusammengekommen, denn liebe Freunde waren
zu Besuch gekommen, es herrschte eine Freude, wie sie auf Erden nie sein
kann. Der Höhepunkt der Feier aber war der, daß der heilige Vater Selbst kam
und allen auf das lieblichste dankte für die Liebe, die den Kranken und
Verlorenen galt. Der heilige Vater inmitten Seiner Kinder sagte: »Kindlein,
eure Fröhlichkeit tut Meinem Herzen wohl, ihr habt sie verdient, denn leicht
war die Arbeit nicht, die ihr an den Armen und Kranken. geleistet habt. Wer
aus euch entbunden sein will von diesem harten Dienst, den entbinde Ich
sofort und will ihm eine Wonne bereiten, aller Himmel würdig.« Spricht
Johanna: »Vater,, ich möchte hier bleiben und ganz in Deinem Sinne die
Sehnsucht erfüllen helfen, die in den Armen und Kranken so lebendig lebt.
Hier ist meine Heimat, wo ich durch Deine Gnade und Liebe und durch Deine
Kraft und Beihilfe glückliche und gesunde Schwestern Dir zur Freude
heranbilden durfte. Nur um eines bitte ich Dich, lieber Vater, komme öfter, unsere
Herzen verlangen nach Dir, Deine persönliche Gegenwart ist unsere größte
Seligkeit.« »Siehe, Johanna, deine Worte sind Mir teuer, weil sie aus deiner
Liebe kommen. Da du aber in Meinem Dienst verbleiben willst, will Ich dir
zwei Boten senden, die dich und Liesa zu Verirrten führen, damit ihr noch
eine größere Festigkeit erreicht. Ich könnte dich gleich einem Raphael stark
machen, es würde aber deine Freude schmälern. Ich könnte dich ausrüsten mit
Weisheit und Kraft, du würdest aber an Liebe verlieren, so lasse Ich dich,
wie du bist, und Ich weiß, du wirst in Meinem Erlösergeist verbleiben.« »Ach,
mein Vater, wie gut bist Du, könnte ich Dich noch inniger lieben! Ja, schicke
mir die Boten, aber lieber Vater, warum soll nur Liesa und nicht die drei anderen
mitkommen? Sie
lieben Dich vielleicht mehr als ich und sind in ihrem Eifer auch nicht
weniger denn ich.« »Johanna, jetzt noch nicht, ihre Liebe, ihr Eifer ist
groß, aber Mein Vaterauge sieht mehr denn du, es mag bei Meinen Worten
verbleiben um deiner selbst willen. Siehe, Mein Kind, groß ist die Schar um
dich, die in wirklicher Seligkeit lebt, aber es sind Schwestern, und die Zahl
der wirklichen Helfer ist gering.« »0 mein guter Vater, dann gib mir die
Gnade, für die irrenden Brüder tätig zu sein, denn, lieber Vater, im Grunde
bist Du es ja Selbst, der alles wirkt und schafft. 0 erfülle mich ganz mit
Deinem Geiste, aber nicht böse sein, lieber Vater, Du nimmst doch das Mahl
mit uns ein, nicht wie das letzte mal, wo Du uns so reich beglücktest und
dann warst Du verschwunden.« »Gern bleibe Ich, Meine Johanna, lasse nur das
Mahl richten, damit ihr aber nicht in Verlegenheit kommt, soll alles schon
bereit sein.« Es war auch so, in denkbar kürzester Zeit saßen alle an der
Festtafel. Dora
spielte ein Lied mit ihren Gläsern, allen war es, als wenn die Töne noch viel
herrlicher klängen. Schon segnet der Vater die Speisen, Brot und Wein und
herrliche Früchte, dann spricht Er: »Kindlein, nehmet auf in euer
Allerinnerstes ein jedes Wort, das Ich euch in dieser Stunde sage, dieses
Mahl ist wiederum ein Liebesmahl, das euch stärken und froher machen soll.
Denkt nicht, wir sind selig, weil alles Leid in Freude und aller Kummer in
Frohheit verwandelt ist durch Meine Gnade. Eure Seligkeit ist noch eine
geringe, es gibt noch tausendmal größere, aber ihr würdet sie auch nicht
ertragen können. Zu eurer größten Freude aber sage Ich euch: Ich bin gern
unter euch, und Mein Herz ist übervoll von Freude! Vergesset eure Pfleglinge
nicht, denn gar viele erwarten euch mit Sehnsucht, ihr wißt, wie bitter es
ist, ohne Liebe und ohne Freude dahinleben zu müssen. Wie ihr größere
Seligkeiten noch nicht ertragen könnet, ebenso könnt ihr auch keine
höllischen Zustände ertragen. Darum stärket euch, damit ihr mit größeren
Aufgaben betraut werden könnt. Der Feind hält große Ernte. Alle
glauben, weil Ich so geduldig und langmütig bin, Ich sei nicht mehr; aber
bitter und überaus schmerzlich wird das Erwachen sein. Ihr kennet Mich als
Liebe, als Vater und Heiland, aber jene werden Mich als Gott und als Richter
anerkennen müssen, und dieses lindert ihre Qualen nicht. Eure Aufgaben habt
ihr gut erfüllen können, denn nur solchen galt ja eure Liebe, die Erlösung
ersehnten. Werdet ihr auch solche liebend umgeben können, die Mich nicht
lieben, die Mich hassen? Ihr brauchet Mir keine Antwort zu geben, denn auf
dem Grund eurer Seele kann Ich die Antwort lesen. Darum schauet gern in euer
Inneres ob alles, auch das Geheimste, von Meinem Heilandsgeiste belebt ist.
Wenn eure Liebe der Meinen gleichen wird, dann sind euch alle Tore offen und
es fließen euch viel mehr Kräfte zu, doch nicht aus Meiner Macht, sondern aus
eurer eigenen Liebe. Sonnet euch in Meiner Liebe und in Meinem Lichte, damit
ihr bestrahlen könnet die Irrenden, wachset noch mehr in Meinem Geiste, damit
ihr helfen könnet, wo der Untergang droht. Mein
Segen aber verbleibe euch, damit ihr alle zum Segen werdet für die anderen.«
Nach irdischen Verhältnissen blieb der Herr drei Tage unter ihnen, dann sagte
Er: »Kindlein, jetzt trenne Ich Mich äußerlich von euch, innerlich kann Ich
Mich nicht von euch trennen, aber von nun an sollet ihr jederzeit euch in
euren Herzen mit Mir besprechen können; denn größere Aufgaben bedingen auch
größere Weisheit, größere Vorsicht und Klugheit und vor allem größere Sicherheit.
Alles sollt ihr euch aneignen, denn Ich schenke es euch nicht aufs Neue,
sondern weise nur darauf hin, daß dies längst in euch liegt. So kommt
nochmals an Meine Brust und lasset euch umarmen, damit es euch zur Stärkung
gereiche für euren Dienst an Meinem und nun auch eurem Werke.« 12. Bei den Verirrten
Alle begleiteten den heiligen Vater bis an das Tor,
dann kehrten sie aufs höchste beglückt bei Mutter Anna ein, die ihre Schwestern
mit himmlischer Freude begrüßte. Es gab so vieles zu erzählen von neu
Angekommenen, die durch harte Schrecken gehen mußten und nun endlich ein
Heimat fanden. Da meldeten sich zwei herrliche Engel bei Anna, um Liesa und
Hanny zu holen. Anna war beglückt, den beiden einen besonderen Segen geben zu
können und sagte: »Von hier aus, wo euer Eingang erfolgte, dürft ihr unter
sicherem Schutz in die Welt des Lebensfeindes ziehen, um die Not der Armen
und Verlorenen kennenzulernen, um den Geist zu erleben, der alle Wege
verrammte, auf daß euch nichts fremd bleibe. So ziehet hin, unsere Liebe
begleitet euch auf eurem Wege! Ihr aber, ihr herrlichen Brüder, stärket euch
mit einem Trunk von dem Wein, den diese Kinder mit ihrer Liebe kelterten um
des großen Werkes willen.« Nach dem Trunk sagte der eine Engel: »Ihr
Schwestern, unsere Herzen sind voll Freude, euch dienen zu dürfen. Es ist uns
größte Wonne, unter denen zu weilen, die der heilige Gott und Vater zuvor
noch umarmte, aber bleiben dürfen wir nicht, denn unser Wille ist das ewige
Gesetz der heiligen Ordnung. Wir sind Vollzieher des ewigen Gotteswillens und
dürfen nicht abweichen um der Ordnung willen. Nach der Rückkehr dürfen wir
eine kleine Zeit bei euch verweilen, doch jetzt gilt es, den Willen des Herrn
zu vollziehen.« Ein kurzer Abschied, dann gingen Johanna und Liesa mit den
beiden durch das Tor und blieben bald den Zurückbleibenden unsichtbar. In
allerkürzester Zeit gelangten die Vier in eine Millionenstadt; der Anblick
war von weitem schaurig, aber der Engel sagte: »Fürchtet euch nicht,
erschrecket über nichts. Was ihr hören und sehen werdet ist Eigentum des
Lebensfeindes, der uns gegenüber machtlos ist. Einen neuen Abschnitt eures
Lebens beginnet ihr. Ihr seid berufen, größere Aufgaben zu erfüllen, darum
läßt euch die ewige Liebe Zustände erleben, von denen ihr keine Ahnung habt.
Bis jetzt galt eure Liebe den Armen, Kranken und Verirrten, die ohne jede
Schuld in ihr trauriges Dasein kamen, jetzt aber kommen wir zu Verlorenen und
Verblendeten, die durch eigene Schuld in ihr Elend kamen und noch gar nicht
wissen, wie elend sie sind. Die Aufgaben, die zu erfüllen sind, sind aber
deswegen viel härter, weil wir mitten im Bereich des Lebensfeindes uns
befinden, durch die Macht und Gnade Gottes aber sind wir unüberwindlich. So
wollen wir im Namen des Herrn uns dieser Stadt nähern, doch zuvor wollen wir
uns mit diesen Mänteln umhüllen.« Alles ihres Glanzes beraubt, mit ernstem
Gesicht nahen sie sich mit langsamen Schritten einigen brennenden Häusern, wo
Menschen bemüht waren, das Feuer zu löschen. Es waren ihrer wenige, da die
Menge der Menschen sich in ihren Kellern befanden. Der Engel sprach: »Unsere
Blicke sollen weniger den Menschen gelten. Da wir Bewohner der geistigen Welt sind, gilt auch
unsere Arbeit den Seelen, die ihres Fleisches ledig sind, aber kaum wissen,
daß sie nicht mehr Mensch sind. Haltet euch fest an uns, wir treten jetzt in
die Sphäre der Erschlagenen.« Düster und grau ist alles um sie. Als sich die
Augen an das Dunkel gewöhnt haben, sehen sie viele Gestalten, die sich
bemühten, aus den Trümmern etwas zu retten. Große Flüche, laute Schreie
stoßen sie aus, während andere stumm in Schmerzen ausharren. Johanna spricht
leise zu dem Engel: »Können wir den armen Menschen nicht helfen? Sie müssen doch
furchtbare Schmerzen ausstehen.« »Noch nicht, liebes Schwesterlein, für
unsere Hilfe ist die Zeit noch fern, beachte nur alles um dich und fürchte
dich nicht, noch werden wir weder gesehen noch gehört. Diese wissen noch
nicht, daß sie gestorben sind, ihre Leiber liegen noch unter den Trümmern.
Jetzt sind einige von den Trümmern befreit, da brüllen sie nach den anderen,
diese brüllen auch, aber nach Hilfe. Schreit einer: »Seht nur, wie ihr loskommt, ich muß
erst einmal sehen, daß ich überhaupt herauskomme, ich habe brennenden Durst
und Hunger, es war eine Torheit, nichts in den Keller mitzunehmen.« Einige
waren ganz frei, da sagte einer: »Wo nur die anderen bleiben, uns aus den
Trümmern zu befreien? Da sehen Sie wieder, da haben wir organisiert und immer
bezahlt, jetzt wo wir Hilfe brauchen, sehen wir niemand. Wie lange müssen wir
denn eigentlich schon hier unten stecken? Meinem Hunger nach mindestens drei
Tage, wie haben wir geschuftet!« »Sie haben recht, Herr Nachbar, aber nun
heraus aus der Luft, es riecht wirklich wie im Grabe, ich hatte schon Angst,
gestorben zu sein.« »Ich auch, aber haben Sie nicht ein Feuerzeug oder eine
Lampe bei sich? Wenn es nur nicht so dunkel wäre, man kann sich nicht
erkennen. Nehmen wir uns bei der Hand, wir wollen den Ausgang suchen, es muß
sich doch ein Ausweg finden.« Sie stürzen über Trümmer und klettern über Schutt
und Asche, aber einen Ausweg finden sie nicht. Nun stoßen auch noch andere,
die sich befreien konnten, zu ihnen, aber Freude hatten sie keine. Einer
sagt: »Eine schöne Bescherung, wir sitzen in der Falle, wir kommen hier nicht
heraus. Man muß doch wissen, daß wir noch in unserem Keller sind! Wenn der
Hunger noch größer wird, kann es ja nett werden!« »Malen Sie den Teufel doch
nicht an die Wand, man wird uns schon vermissen, bis jetzt wurden alle
Verschütteten befreit, wir müssen eben warten.« Sie warten, aber nach einer
kleinen Weile spricht einer: »Teufel noch mal, seit Stunden sitzen wir hier,
aber nicht das Geringste ist zu vernehmen, daß man uns sucht, es ist rein zum
Verzweifeln; hat keiner etwas zu essen bei sich, der Hunger ist bald nicht
mehr zu ertragen!« »Es muß doch etwas geschehen.« »Was soll geschehen?
Nichts! Wir verrecken hier wie lebendig Begrabene, denn mindestens eine Woche
stecken wir schon hier unten. Es soll mir nur noch einer kommen, etwas zu
spenden, dem will ich aber heimleuchten; erst bauen wir unsere Häuser, rühmen
uns unserer sozialen Einrichtungen, rüsten auf zu einem Krieg mit unserem
Geld und sitzen zum Schluß gefangen wie eine Maus in der Falle.« »Schweigen Sie doch endlich, mit Meckern wird es
kaum anders, der Führer hat alles bestens organisiert, man wird uns
befreien.« Endlich haben sich alle befreit und sind beisammen. Statt sich zu
trösten, fragt einer: »Wo ist meine Frau, meine Kinder, hat sie jemand
bemerkt?« Er ruft, aber keine Antwort. Die anderen rufen auch nach ihren
Angehörigen, aber nichts regt sich. Sagt einer: »Es ist nicht zu verstehen,
wir müssen suchen und sie finden, es ist doch nicht möglich, in einem Keller
zu sein und sich verlieren. Bald ist der Raum abgesucht, abgetastet; nichts
finden sie, da sagt einer: »Das ist unheimlich, gerade zum Verrücktwerden,
man kann uns doch nicht vergessen haben, wir müssen einen Ausweg finden.«
Wieder suchen sie, endlich finden sie einen Riß in der Wand, wo sich einige
Steine herausnehmen lassen. Fieberhaft arbeiten sie, endlich mit der
allergrößten Mühe haben sie ein Loch durch die Wand, daß sie durchschlüpfen
können und finden wiederum nichts anderes als Trümmer. Es ist noch finsterer
geworden, die Aussicht herauszukommen, ist gering. Sie kauern zusammen, fluchen und verfluchen sich und
die anderen, da spricht einer: »Bereiten wir uns vor auf unser letztes
Stündlein, denn nur der Tod kann uns aus dieser Not erlösen.« »Ich will aber
noch nicht sterben, jetzt wo ich ein schönes Dasein habe, rede mir keiner vom
Sterben.« »Nun gut, reden wir vom Leben, aber davon werden wir nicht befreit,
wir müssen raus aus diesem Loch, aber wie? Sorgen Sie doch dafür, Sie
Lebensheld. Was verliere ich schon mit meinem Leben, es hat ja kaum gelohnt,
freilich, wer wie Sie immer gute Tage hatte, möchte gern sein Leben
behalten.« »Schweigen Sie doch bitte mit ihren Bemerkungen, es ist halt ein
Unglück, man wird uns befreien.« »Ja, man wird uns befreien, aber wann? Wer
weiß, wie viele es erwischt hat, wo sind die Frauen, die Kinder, die
Nachbarn? Vielleicht sind wir tot und leben doch fort, wie man uns früher
belehrte. Das wäre ein Unglück — tot und doch lebendig, kaum auszudenken!« »Wenn Sie doch den Mund halten würden, Sie
Stänkerer! Ist es nicht genug, im Finsteren zu sitzen und zu hungern?« »Was,
Stänkerer nennen Sie mich? Machen Sie, daß Sie fortkommen, oder es setzt
etwas ab, Sie eingebildeter Laffe, noch ein einziges Wort, und es schlägt
ein.« Der Mann erhebt sich und stößt dabei einen anderen. Es kommt zu einer
Rauferei und bald ist ein Knäuel fertig. Ein Stein löst sich, dann rutscht
der ganze Trümmerhaufen mit den sich gegenseitig Schlagenden in die Tiefe.
Lautes Schreien und Brüllen übertönt den Krach, den die rutschende Masse von
sich gibt, dann wird es ruhig. Die Menschen sitzen in einem Steinbruch,
suchen sich zurecht, wie es geht und finden endlich einen festen Platz mit
festem Boden. Etwas sicherer geworden, gehen sie auf Suche. Es ist finstere Nacht, immer hören sie jammernde
Menschen, finden dieselben auch, eine Begrüßung findet nicht statt, nur die
Frage: »Habt ihr etwas zu essen?« Es wird ungemütlich, hungernd und nun auch
frierend irren sie in dem Steinbruch, keiner vermag dem anderen zu sagen, wo
sie sind. Es kommen immer noch mehr dazu, so daß die Zahl schon eine große
ist. Einer ist dabei, der eine gute Stimme hat, er sagt: »Wie viele sind wir
denn eigentlich, es muß doch mit uns etwas geschehen sein, hat denn niemand
eine elektrische Lampe, um sich umzusehen?« »Ja, hier ist eine Lampe, sie ist
aber bald nieder, zur Not könnten wir ja den Ausgang finden.« Die Lampe
versagt schon beim ersten Aufblitzen, da flammt es hell auf, eine Gestalt
steht da und spricht: »Gebt euch keine Mühe, diesem eurem Gefängnis zu
entrinnen, ihr seid Gestorbene, eure Leiber liegen unter den Trümmern eures
großen Hauses und harren der Verwesung. Ich dürfte euch herausführen, wenn ihr bereit seid,
euch zu demütigen und alles das zu tun, was ich euch anrate, denn ich bin ein
Bote des ewigen Gottes.« Allgemeines Gelächter ertönt im Chor, dann spricht
der Eine mit der lauten Stimme: »Laß dich nicht auslachen, hast du noch mehr
solche Witze auf Lager?« »Wenn du es Witze nennst, so euch ein Weg zur
Rettung gezeigt wird, so will ich euch drei Worte zurufen: ,Jesus allein
hilft’!« Da wird das Gelächter noch größer, aber die Gestalt ist schon nicht
mehr da. Der Sprecher verhöhnt noch den Verschwundenen. Spricht einer: »War
das recht, einen der uns helfen will, auszulachen und es als Witz zu
bezeichnen, so man sagt, wir seien Gestorbene? Jedenfalls haben wir eine
Dummheit begangen, wir haben keinen Ausgang finden können, dieser aber kam
und ging.« Eine Stille folgte diesen Worten, sie werden von einem Schrecken
erfaßt, der unheimlich ist. Der Engel spricht: »Was wir jetzt erlebt haben,
war das Vorspiel, überlassen wir dieselben ihrem Schrecken, in einigen
Stunden wird sich das Bild ändern. Wir werden eine andere Schar beobachten,
die zu denen gehört.« Wieder ein Trümmerfeld von Asche und Schutt, viele
Wesen mit verhungerten Gesichtern kauern beisammen, da spricht einer: »Wenn
ich nur den Kerl erwischen könnte, der uns in dieses Sauleben brachte, sein
letztes Stündlein hätte geschlagen, es ist aber auch eine Gemeinheit uns zu
vergessen.« »Warum willst du nicht begreifen, wir seien gestorben«, spricht
ein anderer, »denn dieser Zustand ist ein ganz trauriger. Ich bin der
Meinung, wir lassen die Sorge um unser irdisches Sein und versuchen zu beten,
wie wir es als Kinder getan haben.« »Wenn du nichts besseres weißt, dann sei
recht hübsch ruhig, wir sind moderne Menschen und brauchen keine Gebete,
lasse also in Zukunft die Redereien.« Spricht ein anderer: »Was ist denn
dieses für ein Ton, wenn man in Not ist, kann jeder seinen Rat hören lassen,
wenn Sie so modern sind, dann bitte auch etwas anständiger sein.« Jetzt
kommen viele, viele andere; die Zahl ist nicht zu nennen wegen der
Dunkelheit. Einer aber spricht: »Endlich treffen wir jemanden, aber nun
schnell, suchen wir etwas zu essen oder zu trinken, um unseren Hunger und
Durst zu stillen. Ehe die anderen etwas erwidern konnten, haben sie
auch das kleinste Fleckchen durchstöbert, aber nichts gefunden, da werden sie
grob und fluchen, während die anderen sich in eine Ecke drängen und sich
nicht getrauen, nur ein Wort zu sagen. Wer ist denn hier alles beisammen, wir
müssen es wissen, sind noch lebende Menschen hier? Diese können wir nicht
gebrauchen zu unserem Vorhaben.« »Hier sind Menschen«, spricht der Moderne,
»wir sind von Trümmern eingeschlossen.« »Laß sehen, wer ihr seid! Ach seid
ihr Helden, nennt euch Menschen und seid doch nur Geister wie wir. Seid ihr
denn noch nicht kuriert von eurem Menschenwahn? Wo habt ihr denn euren
Verstand gelassen, in eurem Luftschutzkeller etwa? Da schaut her, viel über
hundert sind wir und haben bequem Platz. Wie groß war dein Keller, wo ist
deine Bequemlichkeit, die du dir schufst, wo sind deine Hausgenossen, du
eingebildeter hochmoderner Mensch du, na warte, bei uns wirst du Armut lernen
und Büßen, weil du immer von oben herab uns betrachtet hast; dich kenne ich
schon lange und nun sollst du uns dummes Volk kennenlernen!« »Auf solche Rede
gebe ich überhaupt gar keine Antwort ihr Grobiane, es ist traurig, euer
Menschentum zu verleugnen.« Ein großes Gelächter erfolgt, dann sagt einer von
den neuen: »Es nützt alles nichts mehr, gebt euch ruhig den Gedanken hin, ihr
seid gestorben. Kein Mensch, kein Gott vermag euch zu helfen; hier ist sich
jeder selbst der Nächste. Wie lange habe ich schon nichts mehr gegessen und
lebe immer noch, es ist manchmal fürchterlich, dieser Hunger, noch
fürchterlicher diese Finsternis; der nächste Schritt kann schon den Abgrund
bringen, da man nichts sieht.« »Deine Sprache ist viel vernünftiger, lieber
Mann, aber glaubst du es wirklich, daß es aus ist mit unserem Erdenleben? Ich
darf gar nicht daran denken, da bekomme ich den Schüttelfrost.« »Du mußt es
aber doch erleben, daß es so ist, gib auf alles acht, dann hast du bald die
Überzeugung.« Da kommt der frühere Schreier hin und brüllt: »Was habt ihr für
Heimlichkeiten? Nichts da, Im Geisterreich gibt es keine sogenannten
Besseren, da sind alle gleich; jetzt einmal heran, damit wir aus dem Loch
herauskommen!« Einige werden handgreiflich und ziehen die anderen hervor,
diese wehren sich, es kommt zu einer Schlägerei, wo sie sich die Kleider vom
Leibe reißen. Während dieser Schlägerei hat sich die graue Dunkelheit rötlich
gefärbt, so daß alles einen unheimlichen Eindruck macht. Spricht Johanna:
»Können wir den Armen nicht helfen? Sie leiden bestimmt große Qualen in dieser
Atmosphäre?« »Noch nicht, liebe Tochter des Herrn, wir sind ja auch nicht zum
Helfen hier, sondern um die Entwicklung derer zu schauen, die nie einen Gott
brauchten. Später, wenn meine Mission beendet ist, kannst und darfst du nach
deiner Liebe wirken. Aber nun aufgepaßt, jetzt wird es ernst. Neue Scharen
kommen. An ihren Gesichtern sieht man die Not, Entbehrung und Haß. Das
Geschrei hat sie angelockt, in ihren Händen tragen sie Keulen, die aber wie
Fackeln brennen und fürchterlichen Qualm verursachen. Es ist keineswegs
heller geworden, nur rötlicher. Sie stürzen sich auf die sich prügelnden und
schlagen mit ihren Keulen zu, so daß alle wie Erschlagene daliegen. Jeden
Winkel durchsuchen sie, finden aber nichts. Ihre Wut ist darum viel größer
geworden. Jetzt regen sich die wie tot Daliegenden. Da packen sie fest zu,
ziehen und zerren sie aus ihrem Loch heraus und stürzen sie in ein tieferes
und breiteres, aus dem stinkender Qualm aufsteigt. Immer weiter geht die
Suchaktion der Wahnsinnigen, jetzt finden sie auch die anderen, die in ihren
Trümmern auf Hilfe hofften. »Endlich«, spricht der eine, »seid ihr gekommen,
um uns zu befreien! Habt ihr etwas zu essen mitgebracht?« »Zu essen? Ihr werdet euch wundern, wo wir selbst
vor Hunger ausgebrannt sind, aber nun heraus aus eurem Paradies, jetzt zahlen
wir zurück, was ihr ein Leben lang uns schuldetet.« »Sie wehren sich, aber
mit den brennenden Fackeln werden sie getrieben, ihrer Kleidung beraubt und
vorwärts gestoßen, bis sie an dem Ort ihres Elends in die Tiefe gestoßen
werden.« Spricht Johanna: »Es ist bald nicht mehr mit anzusehen, wenn ich das
immer ansehen müßte, ich würde an dem Gott der Liebe zweifeln müssen. Darf
ich fragen, warum sich Gott so still verhält? Wenn ich daran denke, mit
wieviel Mühe wir gewonnen wurden, warum bei denen nicht?« »O Tochter des
Herrn, was du jetzt erlebst, war wohl die Hölle, das weitaus Schlimmere kommt
aber erst noch. Der ewige Gott weiß um alles, aber um diese doch noch zu
retten für das ewige Leben, muß Er diese Entwicklung geschehen lassen; denn
jene waren hartherzige Menschen, ihr Bauch war ihr Himmel und ihr Geldbeutel
ihr Gott. Die Bedrückten üben in ihrer blinden Wut nur aus, was sich in ihrem
Erdenleben als Haß angesammelt hat.« »Was
wird nun geschehen? Ihre Schreie gehen mir doch an das Herz. Als
ich noch in der Anstalt war, mußten wir auch manchmal manchen Schrei
hinnehmen, aber es waren Kranke.« »O
Tochter des Herrn, auch diese sind Kranke, alles was wir hier erleben, ist
Läuterung. Wären sie noch Menschen geblieben, wie sie es nach außen waren,
wäre ihre Schule eine viel leichtere gewesen, überhaupt darf bei Kindern des
Herrn nie der Gedanke kommen, daß je welche verlorengehen könnten; denn der
Herr, der Selbst Sein Leben zur Errettung aller hingab, legt alles Vertrauen
in die, die Seinen Geist sich zu eigen gemacht haben und rüstet sie aus mit
Kraft und Macht, je nach ihrer Liebe. Darum habt nur Geduld zum Freuen, denn
hinter einem jeden Diener Seiner Liebe stehen viele Helfer. Nun verharren wir
noch eine Weile, dann beginnt ein neuer Akt. Seid weiterhin ruhig, des Herrn
Wille ist unsere Stärke und unser Schutz.« Nun schauen die vier ganz in der
Nähe die vielen Unglücklichen. Was in ihren Augen wie ein Abgrund aussah, war
ein Schlammtümpel. Da die meisten ihrer Kleider entblößt waren, klebte der
schwarze Schlamm an ihrem Leibe und war nicht abzuwischen, so sehr sie sich
auch bemühten. Ihr Beginnen einsehend, schauten sie sich um und
trotz der Dunkelheit konnten Sie sich nun doch erkennen. Es waren ihrer
viele, auch Frauen waren darunter. »Wo sind wir nur hingeraten«, fragt einer
den anderen, »gibt es denn keinen Ausweg?« »Ich fürchte nein, denn nun bin
ich mir bewußt, daß ich kein Mensch mehr bin, sondern ein Verstorbener; denn
ein derartiges Unglück kann als Mensch nicht möglich sein. Erst ertönt die
Sirene, wir gehen in die Keller, wir hören Einschläge, dann ist auf einmal
alles ruhig, das Licht ist aus und nun Elend über Elend.« »Es ist unmöglich,
daß wir Tote sind, wir reden, wir fühlen Hunger und Durst und vor allem
Schmerz; nicht nur an Armen und Beinen, die gesund erscheinen, sondern an dem
ganzen Leib, es ist ja kaum zu ertragen, wenn nur Hilfe käme!« »Die haben wir
uns verscherzt, uns ist nicht mehr zu helfen, denn die Hand, die sich uns zur
Rettung bot, haben wir zurückgewiesen, sie als Witz hingestellt und
lächerlich gemacht. Was nun freilich werden wird, ist ganz ungewiß.« »O Gott, o Gott, welches Elend, tot und doch
lebendig, gesund und doch krank, vor Kälte fast erstarrend und innen Fieber
zum Verbrennen; wie lange wird dieses wohl dauern.« »Ewig, fürchte ich, denn
nun brauchen wir keine Beweise des Fortlebens nach dem Tode mehr, denn wir
leben ja und das Wie ist unser Zustand. Es handelt sich nun darum, daß wir
einig sind oder werden und uns einen Ausweg suchen. Die Geisterwelt hat keine
Schranken, es muß sich doch ein Weg aus dem Schlammloch finden.« Die anderen,
die diesen Diskurs hören, brechen in ein Lamentieren aus, so daß kein Wort
mehr zu verstehen war, da brüllt einer: »Ruhe, wir brauchen einen, der für
uns handelt und denkt, denn hier können wir für ewig nicht bleiben, das kann
auch Gott nicht wollen.« »Du hast recht, Kamerad, Gott wollte unser Unglück
nicht, aber wir wollten es und darum kann uns auch Gott nicht helfen. Als Mensch
waren wir zu modern, an Gott zu glauben und jetzt hat sich unsere moderne Art
bitter gerächt, ich halte eine Rettung für ausgeschlossen, eher glaube ich,
daß es schlimmer wird.« Allgemeines Schweigen, dann geht ein Heulen los, die
Frauen beschuldigen die Männer, die Männer werden grob und bald ist wieder
der größte Krach, der wiederum in Tätlichkeiten auszuarten droht. Da zerreißt
ein Blitz die Dunkelheit, alles ist erschrocken, ein Engel mit flammendem
Schwert steht vor ihnen und spricht: »Wenn euch an Rettung liegt, dann
demütigt euch und schafft erst einmal die Hölle aus euch heraus, versucht
gutzumachen, was ihr als Menschen an Schuld in euch aufgestapelt habt. Gott
ist gerecht, allen denen, die an Ihn glauben und nach Seinem Willen leben,
ist Er ein Vater und ein Heiland. Denen aber, die Ihn nie brauchten, ja
anderen noch den Glauben nahmen, ist Er ein unerbittlicher Richter, denen es
schwer werden wird, alle Schuld zu löschen. Meine Sendung an euch ist kein
Urteil, sondern eine Mahnung. Verharret ihr in diesem Geist, wird euch noch
Schlimmeres erwarten. Legt ihr aber euren Hochmut, eure Eigenliebe und euren
Stolz ab und sucht mit bittenden Herzen Jesus den Heiland, wird euch Hilfe
und Rettung werden, doch nicht Rettung aus eurer Not, sondern Rettung zum
ewigen Heile.« Verschwunden war die Engelsgestalt, wie vom Blitz erschlagen
lagen sie betäubt da, als sie aber wieder zum Bewußtsein kamen, ging ein
neues Elend los. Welche wollten sich bekehren, andere nannten es einen Spuk,
aber zu einem Resultat kamen sie nicht. Spricht der Engel: »Unsere Mission
ist beendet, diese brauchen noch eine Zeit der Gährung, dann finden sich
einige, die da wollen. Es wird schwer werden, die Einsichtigen von hier zu
trennen, weil die anderen es verhindern wollen. Werfet eure Umhüllung ab! Nun
sollen sie auch für Augenblicke uns schauen, wir aber eilen mit Schnelle
wieder zu eurem Heim, wo die anderen uns erwarten.« 13. Zu neuen Aufgaben bereit
Bald
waren sie wieder in ihrem herrlichen Heim. Hendrick und Mutter Anna mit noch
vielen ihrer Pfleglinge waren gekommen, um die beiden Engel noch eine kleine
Zeit in ihrer Mitte zu haben. Als Mutter Anna die beiden fragte: »Nun,
Kinder, was habt ihr uns denn Schönes mitgebracht«, weinten beide; dann sagte
Johanna: »Was wissen wir von der Welt der Geister, so gut wie nichts, hier
ist Frieden, Glück und ein Himmel; was würden die anderen geben, um nur ein
kleines Teilchen von unserer Liebe zu haben. O du guter Vater, wie muß die
Sehnsucht in Dir brennen, wenn Dein allgütig Auge die Verirrten sieht!
Riesengroß muß Dein Schmerz sein um die, die Deine Vaterliebe nicht wollen,
und Du gibst sie nicht auf.« Alle, alle schauen auf ihre Schwester, die immer
so eifrig, so freudig war und nun so übertraurig ist. Die
anderen verstehen sie nicht, da spricht Mutter Anna: »Wundert euch nicht,
denn sie sahen Dinge, für die es keine Worte gibt. Sie glaubten sich einst im
Elend, ein Paradies war es gegen die, bei denen sie weilen durften.« Spricht
der Engel: »Ihr Vielgeliebten, ihr lebet hier ein Leben, das man mit Recht
ein seliges nennen darf. Die Schönheiten eurer Welt, eures Himmels, sind der
Ausdruck eurer Liebe, die ihr durch die Gnade des Herrn erringen durftet. Ihr
wäret recht dankbar und habt wahrlich gute Arbeit geleistet. So wie ihr
wachsen durftet in der Liebe zum Herrn und euch bereichern könnet am Heilandsleben,
ebenso kann sich auch der Widerchrist bereichern; jedes Mittel ist ihm recht,
um in Selbstsucht, Haß und Herrschsucht zu wachsen. Es ist ein fürchterlicher
Kampf zwischen Licht und Finsternis, alle Kräfte sind mobilisiert, um Gott,
den heiligen Vater und Schöpfer aller Dinge, aus Seiner Liebe, Erbarmung und
Geduld zu bringen. Ja, des Lebensfeindes größter Wunsch ist es, Gott zu
Seiner höchsten Machtentfaltung zu bewegen, damit die Liebe und ihre Kräfte
ihre Macht und Hingabe verlieren. Wir
als Seine Diener und Willensträger vollziehen mit heiligem Ernst Seinen
Willen, wir wären bereit, allem Bösen und Gerichteten einen ewigen Untergang
zu bereiten, damit endlich aller Kampf aufhöre; aber der heilige Gott und
Vater aller Geister und Menschen spricht: »Die Liebe in Mir, die einst das
allergrößte Opfer brachte, um allen Verirrten und Verlorenen einen Weg zu
bahnen zur Errettung und Erlösung, will auch jetzt noch das größte Opfer
bringen, im Vertrauen auf Meine Kinder, und dem Feind die größte Rücksicht
entgegenbringen und seine Freiheit unangetastet lassen. In dem Augenblick, wo
Ich Meine Macht anwende, trenne Ich Mich von Meiner Liebe, und alle Opfer
wären umsonst gewesen. Aber solange Ich noch Kinder habe, die sich Meines
Liebes- und Heilandsgeistes bedienen, will Ich alles Gericht hinausschieben
und Mich ganz der Hoffnung hingeben, daß noch alles gewonnen werde.« Sehet,
ihr Vielgeliebten meines Herrn, vor dieser Sprache verstummen wir, und kein
Dienst ist zu gering, um euch zu unterstützen im Kampf mit den Gefallenen. Es
ist uns größte Wonne, euch zu stärken und zu stützen. Ihr würdet erschauern
vor Seligkeit, wenn ihr die erschauen könntet, die euch unsichtbar begleiten,
ja wie oft ist es der Herr selbst, der euch hilft, ohne daß ihr es ahnt. Aus
diesem ersehet ihr, wie groß das Vertrauen ist, welches der himmlische Vater
Seinen Kindern entgegenbringt, obwohl Er der allmächtige. Gott, Schöpfer
aller Himmel und Welten ist. Was heute eure beiden Schwestern sahen und
erlebten, ist ein ganz geringer Bruchteil dessen, was das Niedere und Falsche
gebiert; wie würden wohl eure Herzen verzagen, wenn ihr schauen würdet das
Böse und Falsche in ihrer Auswirkung. Wie
ihr erzogen werdet von einer Schönheit zur anderen, müsset ihr auch erzogen
werden, eine Hölle nach der anderen zu ertragen. Bei dem jetzigen Kampf
zwischen Licht und Finsternis ist die ganze Unendlichkeit mitbeteiligt, also
nicht nur eure Erde und ihre Sphären, sondern alles, weil es auf den Endsieg
zugehen soll. Fürchtet euch aber dessen nicht, der Herr ist die Liebe, die
Geduld und die ewige Erbarmung; die Erlösung aller ist Sein Ziel! Wohl könnte
die Erlösung einen rascheren Verlauf nehmen, indem die Weisheit Wege suchte,
die zur Erlösung führen; aber Er, der Herrliche und Vollkommene, will Seinen
Kindern das Letzte überlassen, damit der Lebensfeind nicht durch die Macht
des Herrn, sondern durch die Liebe Seiner Lieblinge überwunden werde, damit
er wieder der herrlichste Sohn Seiner Schöpfung werde. So freuet euch der
kommenden Arbeit, die euch freilich Geduld und Mühe kosten wird, aber um so
größer ist die Freude. Vor
kurzem war die Sehnsucht in euch, das Größte, den Herrn zu schauen und mit
Ihm zu verkehren, nun lasset noch eine größere Sehnsucht in euch wachsen,
allen denen Heiland und Erlöser zu werden, die Ihn noch nicht kennen und
durch die Macht des Feindes ohne Ihn leben müssen.« Mutter Anna führte die
Engel durch die großen Gärten, wobei viele hundert der seligen Kinder ihnen
folgten, Liesa und Johanna links und rechts der Engel. Vor dem schönsten
Hause stehen bleibend, sagte sie: „Bis hierher führte ich euch, nun mögen
euch die Kinder führen, denn diese Gegend ist durch ihre Liebe ihr Eigentum
geworden. Hier bin ich nur noch Schwester, jede Liebe, die ich hier erlebe,
ist mir heiligstes Geschenk, daß ich gern noch einmal das Erdenlos tragen
möchte.« Spricht der Engel: »O Tochter unseres heiligen Vaters, vor dieser
Sprache möchten wir uns verneigen, wir wissen, daß du das Erdenleben kennst,
wir kennen die Schule deines Erdenseins und auch deine Führung hier im
Geisterreiche; aber nahe vor der Vollendung nochmals diese Schulen durchleben
wollen, trägt ein Geheimnis in sich, welches unserer Weisheit doch noch
entgangen ist.« »Ja,
ihr lieben Freunde, es ist so, ein neuer Zug im Innersten macht sich
bemerkbar, da es doch gilt, Erlöser zu werden. Wie ihr eben alles so
schildertet, all die Auswirkung des Falschen und auch des Bösen, muß nicht
die Liebe neue Wege suchen, um endlich den Herrn zu erlösen? In allem
Gebundenen ist auch Sein Leben noch gebunden, in allen Verirrten und
Verlorenen ringt noch der geistige Bruder aus Gott. Wenn Er, der ewige und
heilige Gott und Vater als Erdensohn Sein Leben opferte, um den Weg zu ebnen
in das ewige Vaterhaus, soll da das Drängen im Innersten nicht ein Auffangen
des Sehnsuchtsgedankens sein, den noch der heilige Vater in Sich als
Geheimnis trägt? Ich war schon als Mensch der festen Überzeugung, daß Danken
Größeres vollbringt als das Bitten, auch weiterhin möchte ich danken, und
danken soll der Ansporn sein, nicht um Großes zu vollbringen, sondern etwas
heilig Herrliches. Ich, als Selige, wundere mich oft, daß ihr Engel und
herrlichen Diener Gottes diese Sprache nicht verstehen wollt.« »O
Tochter des Herrn, wir können unser Wesen nicht umwandeln, da uns gerade das
fehlt, was euch zum Kinde macht. Was wir sind, sind wir aus Ihm, aus Seiner
Gottheit, Macht und Weisheit, ihr aber seid Kinder Seiner Liebe, Gnade und
Erbarmung.« Spricht Johanna: »Dieses verstehe ich aber nicht recht, bin ich
nicht auch aus Seiner Gottheit hervorgegangen wie du, habe ich nicht auch
einstens ein herrliches Leben gehabt, ehe ich die Schule des Erdenlebens
durchlebte, und darf mich doch heute als Sein Kind betrachten? Der heilige
Vater hat es mir freigestellt, in meine frühere Welt zurückzukehren, wo es
kein Leid, keinen Schmerz und Enttäuschung gibt. Ich aber wollte lieber hier
unter den Verirrten und Verlorenen sein, und warum? Weil der Herr Selbst mit
Seiner ganzen Liebe hier weilt! Dort ist Er Gott, und hier ist Er Vater, dort
ist Er Licht, und hier ist Er Heiland, dort ist Er Sonne, und hier ist Er
Wärme, dort sind sie alle Empfangende aus Seiner Allmacht, und hier sind wir
die Gebenden aus Seiner Liebe, dort herrscht noch das Gesetz, hier ist aber
Seine Liebe unser Leben!« Tief
verneigt sich der Engel und spricht: »Vor dieser Sprache verneigen wir uns
gern, und alle unsere Macht steht wie ein Nichts vor uns. Wie gern würde ich
immer Diener bei euch sein! Du, Tochter meines Herrn, bist reicher denn ich,
obwohl ich Macht genug hätte, Himmel und Herrlichkeiten zu erschaffen, aber
aus der Kraft und Allmacht des Herrn nach Seinem heiligen Willen. Hier aber
ist ein Himmel erstanden pur aus eurer Liebe, und dieser ist euer Eigentum.«
»Ja, du treuer Engelsbote und Vertreter Gottes, des Schöpfers Himmels und der
Welten. Du hast recht gesagt, daß dieser Himmel unser Eigentum, ist«,
erwiderte Anna, »eines aber sage ich als Kind unseres Vaters noch dazu, daß
dieser unser Himmel auch Eigentum derer werden soll, die jetzt noch in Nacht
und Grauen leben. Darum sind wir Kinder geworden, um dem liebevollen Vater
Verlorene und Verirrte zurückzuholen, aber nicht aus Seiner göttlichen Macht,
sondern durch Seine heilige Liebe! So, nun ist genug gesprochen, nun ehret
unsere lieben Brüder, unsere Gäste, bereitet ein Freudenmahl! Alle
sollen daran teilnehmen!« So wurde es auch. Die beiden Engel konnten nicht
genug die Liebe rühmen, die das Fest der Liebe bereitete. Am schönsten aber
wurde es, als der heilige Vater Selbst im letzten Augenblick erschien und die
Kinder segnete. Mit den beiden Engeln nahm Er Abschied; die Engel wurden zu
anderen Diensten benötigt. So verging eine Zeit der Ruhe. 14. Aller Anfang ist schwer
Nachdenklich
spricht Hanny zu Liesa: »Die Zeit ist da, immer größer wird der Drang in mir,
nicht mehr länger zu warten. Vielleicht gelingt es uns, solche Arme und
Leidende der Hölle zu entreißen. Hier ist noch unendlich viel Raum, Arbeit
und untätige Liebe, daß wir es getrost wagen können, in die Welt des Todes zu
gehen. Schon öfter war ich in meinem irdischen Vaterhaus, durfte dort auch
Erfahrungen machen, aber nun weiß ich, die Zeit ist da!« Erwidert Liesa:
»Gern, aber allein?« »Nicht allein, der übergute Vater ist doch mit uns! Wir
nehmen Christa, Rosel und Lena mit, einen Krug Wasser und Brot.« Freudig
stimmten die anderen bei, und unter dem Segen der Mutter Anna verließen die Fünf
ihre schöne Heimstätte. Unterwegs gesellte sich ein lichter Mann zu ihnen,
der im Auftrage der ewigen Liebe ihnen zur Stütze mitgehen soll. »Nennet mich
Emil. Dich, Johanna, kenne ich schon lange von deinem Erdenleben her; wir
anderen werden uns schon verstehen.« »Bist du schon lange in der Welt der
Finsternis gewesen Bruder Emil?« »Länger
als ihr denkt, war ich ein Bewohner dieser Sphären. Nur dem Vater Jesus danke
ich meine Errettung. Darum bat ich flehentlich um Liebe für meine einstigen
Genossen.« »Dann kannst du ja unser Führer sein, denn auf einen Mann werden
die mehr Wert legen als auf unmündige Mädchen.« »Aber Johanna, nicht
unterschätzen! Deine Liebe ist der Antrieb, und der Geist in dir hat dich
mündig gemacht. Aber nun aufgepaßt, in wenig Augenblicken sind wir hier.« Es
wurde dunkel um sie. Sie waren sich ihrer Schnelligkeit noch nicht bewußt,
mit der sie eilten. Da kommen sie an ein Wirtshaus, in dem tüchtiger
Spektakel ist. Vorsichtig treten sie näher, noch werden sie nicht gesehen,
sie beobachten längere Zeit in Ruhe die sich Streitenden. Wüste Gesellen mit
haßgierigen Blicken, verängstigte Frauen mit stieren Blicken und durch und
durch zerrissenen und zerlumpten Kleidern am Leibe. Der Streit handelt sich
um Brot, die Frauen geben den Männern, die Männer aber den Frauen die Schuld,
bis der Streit in Tätlichkeiten ausartet. Da
tritt Johanna mit den anderen in die Sphäre und spricht mit lauter Stimme:
»Schämt ihr euch nicht, ihr Männer, eure Frauen zu schlagen; statt alle
Schuld bei euch zu suchen, schiebt ihr alle Schuld den Frauen zu und ladet
noch mehr Schuld auf euch!« Spricht einer mit ganz wildem Aussehen: „Ach,
sieh einer an, ihr zarten Täubchen, wie kommt ihr denn hier herein, und
gleich so grob. Tretet nur näher, in unserer Langeweile seid ihr ein ganz
schöner Zeitvertreib.« »Irre dich nicht, wir sind gekommen, euch die Hand zur
Hilfe anzubieten, denn ihr alle seid Verstorbene und ganz elende Wesen, denen
nur noch die helfende Hand des Heilandes Jesu helfen kann.« Da ging ein
Tumult los, sie wollten sich an den Mädchen vergreifen, aber als ob sie ein
glühendes Eisen angegriffen hätten, schrien sie auf und ließen sie
augenblicklich wieder los. Noch schrien die Angreifer, da drängten sich die
Frauen vor und sagten: »Ist es wahr, daß wir gestorben sind? Es ist über uns
ein Elend hereingebrochen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Wo
kommt ihr her?« »Wenn ihr alle recht ruhig und vernünftig seid, eure Wut- und
Haßgefühle in euch niederzwingt, kann ich reden, sonst nicht.« »Du bist ja
noch ein Mädchen, was wirst du uns wohl sagen können? Aber es bleibt uns ja
nichts anderes übrig, als dich anzuhören.“ „Die Männer hast du dir ja vom
Leibe halten können«, sagte eine mit vergrämtem Gesicht. Johanna: »Ihr Männer
und Frauen, ob ihr mir glaubet oder nicht, es ändert sich nichts an der
Tatsache, daß ihr, wie auch wir, Verstorbene sind; nur mit dem Unterschied,
wir sind in der Liebe des Heilandes Jesu Geborgene, während ihr Verlorene
seid. Euer Erdenleben war ohne Gott verbracht, dann kann es nicht anders
sein, als daß ihr hier im Elend hockt. Eines dürfet ihr glauben, daß ich auch
Elend kenne, und zwar durch eigenes Erleben. Mein Erdenleben war das
traurigste Los, das sich je ein Mensch erdenken kann, aber es war nicht meine
Schuld, darum erlebte ich auch nach meinem Leibestode hier im Geisterreich
die allergrößte Gnade Gottes, die ich auch mit beiden Händen ergriff. Euer
Erdenleben mag ein schönes gewesen sein, mir fehlen dafür die Begriffe, aber
für das, was ich an Schönem und Herrlichem in dieser geistigen Welt erlebte,
fehlen euch die Begriffe. Es
könnte mir gleich sein, ob ihr unsere schwache Liebe, die euch aus diesem
Elend führen möchte, annehmet oder nicht, denn es gilt ja nicht unsere,
sondern eure Seligkeit. Da aber der herrliche Heiland Jesus in Seiner Liebe
uns Rechte und Freiheiten einräumt, sind wir auf der Suche nach Verlorenen,
die wir in unsere herrliche Welt mitnehmen könnten, um aus ihnen glückliche
und selige Geister zu machen wie wir welche sind.« Ein Mann nähert sich und
spricht: »Eure Worte klingen verheißend, wie ich, seit ich in diesem
traurigen Winkel lebe, noch nicht gehört habe. Es wurde mir in unserem Leben
überhaupt viel verheißen, aber erfüllt hat sich noch nichts. Wie willst du
überhaupt beweisen, wir seien Verstorbene, da müßten wir doch davon wissen,
denn der Tod ist etwas überaus Schweres, ich habe ihn Zeit meines Lebens
gefürchtet.« »Deine Worte haben sich gesänftigt, darum kann ich auch weiter
mit dir reden, aber es wird wohl alles nichts nützen, wenn du und ihr alle
uns nicht glauben wollt. Beweise
eures Todes und des Lebens braucht ihr doch nicht, denn ihr seid ja der
Beweis. Wie lange habt ihr nichts gegessen und getrunken, wie lange keine
Notdurft verrichtet, wie lange habt ihr keinen Nacht- und Tageswechsel erlebt
oder jemals die Sonne oder den Mond gesehen? So blind wie ihr als Menschen
gegen Gott seid, so blind seid ihr auch gegen euch. Wir aber leben ein Sein
im Lichte, wir haben das beste Brot, das beste Wasser, ja auch Wein und die
besten Früchte, und noch nie ist es weniger geworden, eher mehr. Schauet euch
selbst an, was habt ihr an euren vergänglichen Leib wohl an Zeit und Mühe
verwendet, und wie sehet ihr jetzt aus? Wenn das keine Beweise sind, dann
saget, was ich euch beweisen soll?« »Ja, Mädchen, du bist ein ganz
raffiniertes Menschenkind oder ein Engel. Oft haben wir auch schon davon
gesprochen, aber wer kann uns Antwort geben? Ist nicht unser Leben ein ganz,
ganz schlimmer Traum, der kein Ende nehmen will, und warum Dingen nachgehen,
die unerreichbar sind? Was
du uns von dem schönen Leben erzählst, klingt ja ganz schön, ich habe mir
schon als Junge Luftschlösser gebaut, aber Luftblasen waren es; die
Wirklichkeit hat alles zerplatzt. Hättest uns lieber ein Brot mitbringen
können als Beweis, daß ihr überhaupt welches habt.« »Das Brot ist schon da,
aber wie wollt ihr das Brot verteilen, wenn euch die Gier und die Habsucht
derart erfaßt hat, um es allein zu besitzen. Schau, hier ist ein Brot, wer
welches mag, muß als Bittender kommen, ich versichere, es reicht für alle.«
Es entsteht ein Tumult. Einige wollen sich auf Johanna stürzen. Da öffnet
sich eine breite Kluft, der Dämpfe entsteigen. Sie erschrecken und weichen
zurück, nicht achtend, daß sie die anderen zertreten. Ein
Streit, eine Balgerei entsteht. Die Schwächeren können sich nicht mehr vom
Boden erheben. Schaudernd wollen sich die Mädchen zurückziehen, da spricht
Emil: »Bleibet, reichet mir eure Hände, nicht aufgeben, denn der Herr ist mit
uns.« Sie taten es. Da ging ein Leuchten von diesen sechsen aus, und in
diesem Licht hören sie alle mit ihrem Balgen auf und schauen wie gebannt.
Dann erhebt sich der frühere Redner und spricht: »Mädchen, du hast recht, wir
sind rettungslos verloren. Im Angesicht des Brotes und der Verheißung, es
reiche für alle, hat sich dein Wort erfüllt: die Gier und die Habsucht ist
unser Untergang. Nun glaube ich an ein Totsein für alle Welt, was wird unser
Los sein?« »Ewige Verdammnis, wenn ihr nicht die rettende Hand ergreift, die
euch helfen will. Mit jeder Tat, die ihr aus Habgier tut, verschlechtert ihr
eure Lage und euer Leben; würdet ihr Liebe gegen eure Mitmenschen aufbringen,
verbessertet ihr euer Leben. Aber hast du schon einen gesehen, der im Elend
war und der so dumm war und die rettende Hand zurückstieß?« »Nein,
Mädchen, denn sogar der Ertrinkende ergreift einen Strohhalm.« »Aber warum
wollet ihr nicht die Hand ergreifen, die sich euch bietet? Ich will es euch
sagen, weil ihr aufhören müßtet zu herrschen, weil ihr bittende, demütige und
bescheidene Wesen werden müßtet, und euer unbändiger Stolz läßt es nicht zu.«
Ein Wüterich brüllt: »Aufhören mit diesem Geschwafel, ihr habt uns gerade
noch gefehlt, wer weiß, was hinter euch steckt.« »Anton, jetzt hörst du auf
mit Brüllen! Ich vertraue mich euch an, ihr Mädchen und dir du lieb
aussehender Mann, helft mir die anderen beruhigen. Wenn ihr euch schützen
könnt, dann habt ihr auch Macht mir beizustehen.« »Schau, Robert, jetzt
wirst du wohl munter, hast wohl noch nicht genug von uns? Na warte nur, die
Larven werden nicht lange hierbleiben.« Über die Rede des Anton entrüsten
sich viele, aber sie haben Angst vor dem Wüterich. Spricht Robert: »Nur
sachte, Anton, daß du es weißt, deine Macht über uns ist gebrochen. Diese
Mädchen und der Mann haben volle Macht über uns, sonst wären sie nicht hier,
und du hättest dir den Schmerz vorhin ersparen können.« »Schweig,
sonst erlebst du etwas!« schreit Anton, aber Robert spricht: »Dein Schreien
macht unser Los nicht besser. Dort bei den sechsen winkt Brot und vielleicht
auch Erlösung aus diesem Elend. Wenn nur die Kluft nicht wäre, ich wäre schon
drüben bei euch.« Johanna: »Wenn es dein Ernst ist, dann bitte den Herrn und
ewigen Gott, denn Wesen wie ihr müssen bitten lernen! So euer Verlangen nach
Erlösung aus eurer Not hervorgeht, seid ihr noch nicht für das ewige Reich
geschaffen, darum bekehrt euch, d. h. kehret um auf dem Wege, der zum
Verderben führt. Eure Umkehr muß voller Ernst und heiligem Verlangen sein.«
Spricht Anton mit höhnischen und wegwerfenden Gebärden: »Robert, lasse dich
doch nicht am Narrenseil führen, wer weiß, was das für verkappte Gauner sind,
erst sollen wir gestorben sein, dann winken sie uns mit Brot und jetzt sollen
wir noch Betschwestern werden. Ein Mann tut das nicht, wir sind uns selbst
genug und brauchen niemanden, einmal muß doch die Nacht vergehen.« »Nein,
Anton, ich glaube dir nicht mehr, die lange, lange Zeit sehnen wir uns nach
anderen Verhältnissen. Wenn wir jetzt die Hilfe wegstoßen, dann hilft uns
keine Reue mehr. Wer von euch will sich mir anschließen und nach den Worten
des Mädchens mittun?« Anton wollte dazwischen fahren, aber Robert sagte:
»Schweig, jetzt sollen alle ihren freien Willen haben, vor allem keine
Gewalt, denn diese sind mächtiger.« Ganz wenige sagen: »Ich will mich dir
anschließen Robert, denn Anton ist nicht zu trauen.« »Dann laßt uns Bittende
werden. Unsere Sehnsucht nach Änderung war ja schon ein Bitten, aber nicht
das rechte. Wer aus euch kann denn noch beten? Keiner! O Gott, sind wir tief
gesunken, ist denn bei diesem Zustand noch eine Rettung möglich?« Johanna:
»Gewiß, denn bei Gott ist immer noch Rettung möglich. Er
wird keinen zurückstoßen, der als ehrlicher Bittender kommt.« Robert: »Hört
ihr, das Mädchen macht uns Mut; knien wir nieder: O Gott, wir sind große
Sünder, ja es ist klar, ohne Deine Hilfe bleiben wir Verlorene, sei uns allen
gnädig und barmherzig!« Betet eine Frau: »O Gott, mein Herz hat sich von Dir
abgewendet, wissend schied ich von Dir, weil die Welt mir mehr bot denn Du.
Jetzt sehe ich meine Torheit ein und bitte Dich, laß mich wieder zu Dir beten
und sei uns gnädig. Hilf uns, errette uns aus diesem Verderben, damit wir
wieder freie Menschen werden. Amen.« 15. Glücklich vollendet
Die
Dämpfe hörten auf, die Kluft schloß sich, Johanna ging hin und sagte: »Der
Herr läßt Milde walten und kommt euch durch mich entgegen, es fragt sich nun,
wollt ihr auch die Bedingungen erfüllen, die eure Umkehr ermöglichen? Es kann
auf keinen Fall euer Leben so weitergehen wie das Vergangene. Die Bedingung
ist: Liebe zu Gott und deinem Nächsten in aller Demut und Bescheidenheit,
alles andere kommt dann von selbst.« Robert: »Wir möchten, aber wir werden es
kaum können; denn Gott und die Nächsten lieben, ist ja das Gegenteil von dem,
was wir jetzt leben. Bescheidenheit ist mir immer fremd gewesen und demütig
sein, war nur für die Unteren das richtige. Du siehst, es wird sich kaum
ermöglichen.« Johanna lächelt und spricht: »Bedenket, daß ihr nicht mehr
hochtrabende Menschen seid, sondern arme bedauernswerte Wesen. In dem
Augenblick, wo ihr die rettende Hand zurückweiset, wird es mit euch viel
schlimmer werden. Ist
es denn gar so schwer, das zu verlassen, was euch bisher unglücklich machte,
oder verlangt ihr, daß der Herr eure Eigenliebe, Herrschsucht und Habgier
krönen soll und euch ein Paradies bereiten, wo ihr noch herrschen könnt? Nein
und tausendmal nein, das ewige Geisterreich ist die Fortsetzung eures
irdischen Lebens. Wie die Aussaat, so die Ernte. Was ihr hier habt, ist euer
eigenes Leben, und nun wir euch Hilfe und Errettung anbieten, werden sich die
Bedingungen kaum ermöglichen lassen? Was hast denn gerade du von deinen
Untergebenen gefordert? Ein Unmöglich gab es bei dir überhaupt nicht. Was du
einst fordertest, verlangt Gott von dir, ist dieses ungerecht? Ich will kein
Richter sein und euch die Rettung erschweren. Wir sind gekommen, euch zu
dienen, euch zu helfen, aus dem Drang heiliger Gottes- und Nächstenliebe. Ehe
wir diesen unseren seligen Stand erreichten, mußten wir viel, viel ablegen
und uns demütigen, bis der letzte Funke von Eigenliebe erloschen war; dafür
aber wurden wir gesegnete, frohe und selige Wesen. Nun entscheide dich und
ihr alle, die ihr meine Worte vernommen habt, hier heißt es entweder oder.«
Tritt die Frau vor, die so betete und spricht: »Ich will alles tun, was ihr
mich lehret, denn in diesem Leben ist eine Fortsetzung schlimmer als die
Hölle. Was du verlangst, ist eine Kleinigkeit gegen das, was man von uns
fordert. Wann ist einmal das Wort Liebe gefallen oder je gelebt worden, mich
ekelt diese Liebe, die die größte Schweinerei ist; denn hier ist man kein
Mensch, sondern Vieh. Ich will viel mehr tun als ihr verlangt, weil ich
heraus muß aus diesem Elend. Wer dieses Angebot zurückweist, ist mit
tausendfacher Blindheit geschlagen; lieber Magd bei den seligen Wesen als
Vieh bei den Unmenschen. Hier
bin ich, nehmt mich wie ich bin; ohne Klagen will ich euch dienen.« »Sei
willkommen im Namen des Herrn, der unsere Liebe ist, bald wirst du diese
Stunde segnen, aber was wird mit den anderen? Mit diesem Händedruck nehme ich
dich in unsere Gemeinschaft auf und sage dir, der Heiland ist auch für dich
am Kreuze gestorben und mit Seiner Liebe tilget Er auch alle deine Sünden und
Vergehen.« Robert, der alles beobachtete, kam zögernd und sprach: »Auch ich
will mich zu euch bekennen, denn nun mag ich nicht mehr länger hier bleiben,
wo Maria fehlt. Sie war die beste von allen und immer ruhig, und du, Maria,
bist mir doch nicht gram, weil ich oft so hart zu dir war?« »Wir wollen vom
Vergangenen nicht mehr reden, denn ein anderes Leben wird beginnen, und diese
Freunde werden uns bestimmt ein besseres Los bereiten als wie wir bisher
ertragen mußten.« Johanna:
»So ist es recht, seid voll Zuversicht und vor allem habt Vertrauen, aber
Robert, möchtest du die anderen nicht auffordern, sich uns anzuschließen?«
»Ich will es tun, ob es aber Zweck hat, ist fraglich, denn sie sind hart
verbissen.« »So nicht, an den Erfolg mußt du glauben, sonst erreichst du
nicht das Ziel. Furcht darfst du keine kennen, denn du stehst nun unter
unserem Schutz.« Spricht Robert, einige Schritte vorgehend: »Ihr habt aus dem
Munde dieses Mädchens gehört, was ich von euch wünsche, und ich bitte euch,
überlegt nicht lange und macht es mir nicht schwer, kommt mit zu einem besseren
Leben.« Anton: »Dir fehlt wohl dein Liebchen, weil du so rasch entschlossen
bist, na viel Vergnügen, ich lache mich tot, wenn ihr voll Reue wieder zurückkommt.
Macht euch bald schwach, denn euer Getue fehlt mir gerade noch.« Robert:
»Deine Worte tun nicht mehr weh, Anton. In mir ist ein besseres Verlangen
geworden im Angesicht der Seligen, aber ihr anderen, warum, warum laßt ihr
euch noch abhalten, hier ist nichts mehr zu erreichen, höchstens noch zu
verlieren.« Zögernd kommen noch
welche. Als
aber Johanna ihnen die Hände entgegenstreckt, beschleunigen sie ihre
Schritte. »Auch euch heiße ich willkommen im Namen des Herrn, bald werdet ihr
die Segnungen Seiner Liebe fühlen, dann danken und immer wieder danken. Aber
nun kommt, stillt euren Hunger und euren Durst, Brot ist da, es reicht für
alle, auch wenn es hundertmal so viele wären. Im Reiche der wahren Liebe
braucht keiner zu hungern oder zu frieren, die ewige Liebe sorgt für alles
und für alle. So nehmet hin das Brot, gebt jedem ein großes Stück. Und, o
Wunder, sofort ergänzt sich das Brot wieder in ihren Händen. Maria: »O sehet,
habt ihr denn solches schon einmal erlebt, das Brot in den Händen wächst? Es
ist wahrhaft ein Gottes wunder!« Johanna: »Redet nicht so viel, sondern esset
euch erst einmal richtig satt. Ich weiß auch, was Hunger ist, dann könnt ihr
reden.« Maria
beißt hinein, kaut mit vollen Backen, immer mehr ißt sie, aber das Brot wird
nicht weniger, da spricht sie: »Nun mag kommen was da will, zurück gehe ich
auf keinen Fall mehr, denn solches Brot habe ich noch nie gegessen, und ich
war eine Genießerin, dabei wird es nicht weniger! Jawohl, Anton, du
Erzbetrüger, hier wird deine Schande offenbar. Du hattest immer Worte, hier
aber ist Brot. Hier verkoste es, damit du endlich deinen großen Irrtum
einsiehst und die anderen in Ruhe läßt, denn von diesem Brot können alle
essen.« Anton will nicht, aber die Begierde der anderen ist so groß, daß Emil
dazwischen tritt und sagt: »Nur Ruhe und keine Gewalt, eure Schwester hat
aus Liebe euch ihr Brot angeboten, es war ihre erste Liebe nach ihrer Umkehr,
und ihr wollt es ihr entreißen? Ein Wort von mir, und die Erde tut sich auf,
wie ihr es schon erlebtet, Maria steht unter meinem Schutz, wehe wer ihr
etwas tut!« Alle, die so begierig waren, treten einen Schritt zurück und
waren eingeschüchtert. Maria spricht: »Es war Liebe von diesem Freund, er
hinderte euch, gemein zu werden. Aber deswegen sollt ihr das Brot nicht nur
verkosten, sondern einmal sattessen sollet ihr euch, darum nehmt es hin,
nehmt ruhig hin, je mehr ihr nehmt, desto größer das Gotteswunder.« Als
Maria von einem zum anderen geht, bekommt auch Robert Lust, sein Brot
auszuteilen und reicht es dem Anton hin. Dieser nimmt es, wirft es zu Boden
und tritt mit dem Fuße darauf. Darauf brüllt er auf, denn in dem Augenblick
war sein Fuß verbrannt. Die anderen nehmen gar keine Notiz, denn ihr
Verlangen war Brot und wieder Brot. Da klagt sich Robert an und spricht: »Was
habe ich getan, doch nichts anderes als Maria?« Johanna: »Doch, du hast
anders gehandelt, dir war nicht daran gelegen, deinem hungernden Bruder zu
dienen, sondern ihn zu schlagen. Es soll kein Vorwurf sein, aber du mußt
bedenken, hier im Reiche der Geister ist Wille und Tat so gut wie eins. Bei
allem Tun ist zu überlegen, aus welchem Geiste du handelst. Schaue Maria an,
ihr Gesicht strahlt, weil sie das erstemal wirklich aus reinem Geiste
handelte. Nun sehe zu, wie du deinem im Schmerze sich windenden Bruder helfen
kannst.« »Ja, was kann ich dabei tun?, denn sein Fuß ist ja verbrannt.« »Aber,
mein an Liebe armer Bruder, man muß doch versuchen zu helfen! Wenn der
Heiland Jesus so gedacht hätte wie du, gebe es kein Mittel und keinen Weg, um
erlöst zu werden. Um
dir aber zu zeigen, wie man es macht, will ich versuchen, dem armen Leidenden
zu helfen.« Sie tritt hin zu Anton, der vor Schmerz die Zähne zusammenbeißt
und Worte ausstößt, die einem Fluch gleichen, und sagt: »In diesem deinem
Geiste wird sich dein Zustand kaum bessern, eher verschlechtern, aber
trotzdem will ich versuchen, dir zu helfen. Da ich die Ursache bin von deinem
Wutausbruch, so gestatte doch, daß ich dein Bein anrühre.« Da Anton
Unverständliches murmelt, streicht sie mit der Hand am Bein entlang bis zum
Fuße und sagt: »Guter Heiland, erfülle mich mit Deiner Kraft, damit ich
lindern kann des Bruders Schmerz. Habe Du Dank für Deine Liebe und Gnade und
erweise Dich auch hier als die Liebe aller Liebe und als der Herr alles
Lebens, mein lieber Vater Jesus!« Der Schmerz war verschwunden, aber der Fuß
blieb verkohlt, da sagte Anton: »Ich kann dir nicht danken für die Wohltat,
da ich voller Wut und Haß bin; du tatest mir Gutes, obwohl ich dich
beleidigte.« »Mir liegt an dem Dank nichts, da ich von meinem Heiland so
reich belohnt bin, daß alle deine Liebe nur ein kleines Schimmerchen wäre;
aber daran liegt mir, daß auch du ein Glied unserer Gemeinschaft würdest. Schau,
wie diese das erstemal im Geisterreiche so richtig satt wurden. Ich brauche
nur zu fragen, wollt ihr mit uns gehen in ein Leben der Freude, der
Zufriedenheit? Ich kenne ihre Antwort. Sie lautet, ja! Nur du willst nicht.
Glaubst du, daß dieses Wirtshaus Realität ist? Und glaubst du, daß du Gott
dem Herrn etwas abtrotzen kannst? Denke ja nicht, daß Er, der Herr alles
Lebens, sich mit dir in einen Kampf einläßt, denn Er weiß, einmal mußt du und
alle doch zu Ihm kommen. Was aber dazwischen liegt, ist für dich unvorstellbar.
Deine innere Liebe gleicht deinem Leben und gibt den Ausschlag. Noch hattest
du Schwestern und Brüder, noch bist du in deinem irdischen Element, und deine
Welt ist voll davon. Bald wirst du verarmt und einsam sein, denn deine
Schwestern und Brüder haben sich entschlossen, unserem Ruf zu folgen. Schau
hin, wie sie sich anfreunden mit meinem herrlichen Bruder, der unser Führer
ist.« Robert,
an der Seite Johannas, spricht: .Anton, lasse dich nicht so lange bitten,
sehe es doch ein, daß diese es gut mit uns meinen, es geht doch einem
besseren Leben entgegen.« »Gehe mir aus den Augen, ich will nichts mehr
sehen! Rede kein Wort mehr, was weißt du von einem besseren Leben, der du
bisher nur schlechtes kanntest. Der Himmel kann sich freuen, der dich
aufnimmt. Wenn du ein paar Weiber hast, ist alles gut, du Weiberpatriot.«
Robert möchte auffahren, aber Johanna spricht: »Bleibe ruhig und überlasse
alles dem Herrn. Solange du noch gekränkt werden kannst, verrammelst du den
Weg, der zum Herrn führt, denn auch um deinetwillen ließ Er sich beleidigen
und anspucken, damit das Erlösungswerk ein vollkommenes werde.« Anton:
»Mädchen, wenn du nicht wärest, hätte ich ihn niedergeschlagen. Ich
warne dich, er wird eurer Gemeinschaft die größte Schande machen.« Johanna:
»Sorge dich um das nicht, denn was der Herr beginnt, führt Er auch herrlich
hinaus. Er hat Mittel genug, wo wir noch keine Ahnung haben. Aber trotzdem
bitte ich dich, mache wenigstens den Versuch und komme mit uns, zurück kannst
du jederzeit, so dein Inneres unbefriedigt bleibt.« Anton: »Mädel, du weißt
ja gar nicht, was du forderst. In einen Himmel paßt kein Teufel, nie kann ich
so eine Betschwester werden wie ihr. Wenn ich schon von weitem solche
Frömmler sehe, wird mir übel, nein, nein, ich passe nicht zu euch.« Johanna:
»Du hast eine ganz falsche Vorstellung von dem Leben, welches wir führen,
obwohl Jesus, unser Heiland und ewiger Vater, die Erfüllung unserer größten
Sehnsucht ist. Vom Beten und Frömmeln ist nicht die geringste Rede, sondern
unser Leben ist Leben des Dankes, ist arbeiten für andere, ist die einzig
große Aufgabe nur glücklich zu machen. Glaubst du wohl, wir sind gekommen,
dir und den anderen die Zeit totzuschlagen und uns zu weiden an eurem
Unglück? O
nein, euch zu helfen aus eurer Not, euch Wege zu zeigen, die ihr gehen sollt,
um auch Träger zu werden des Geistes, der andere glücklich machen will. Es
ist das letzte Wort, welches ich an dich richte, wer weiß, wann du wieder
einmal die Gnade erlebst, wo sich dir die rettende Heilandshand bietet. Jesus
der Herr ist wohl die Liebe aller Liebe, aber auf den Rücken wirft Er sie
keinem, sondern ein jeder muß nach ihr greifen und sie festhalten, was noch große
Anstrengung kostet, oder glaubst du, daß wir aus dem Elend sogleich in einen
Himmel gesetzt wurden? Wenn ich sage, komme mit uns, so können wir doch nicht
zusammenbleiben, denn euch erwartet Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit, aber
nicht für uns, sondern für euch, für dich und nur für dich.« Anton: »Mädchen,
ich glaube dir, daß du es gut meinst, aber es geht nicht, meine Welt ist eine
andere. Bis jetzt ließ ich nur für mich arbeiten, nun soll ich für andere
arbeiten, es wäre das pure Gegenteil.« Johanna:
»Jawohl, was wirst du aber tun, wenn du niemanden mehr hast, der für dich
arbeiten wird, denn alle, alle kommen mit uns, nur du bist der einzige der
nicht will; zwingen wird dich auch der ewige Gott nicht. Dieses ist mein
letztes Wort an dich, die Liebe Gottes tratest du mit Füßen, dein Eigenwille
war größer als der Hunger, wie wirst du dich sehnen nach dem Brot, welches du
in den Schmutz tratest. Wenn der rasende Hunger dich zur Umkehr zwingt, dann
wirst du beten, beten und wieder beten. Wem die Liebe nicht zusagt, muß sich
den ganzen heiligen Ernst gefallen lassen. Dein Wille geschehe jetzt und bis
in alle Ewigkeit. Maria, die jedes Wort mit hörte, sagte zu Johanna: „Ist es
wirklich soweit, daß er zurückbleiben will, da möchte ich doch lieber auch
bleiben, er hat uns auch manch Gutes getan.« Johanna: »Wenn du sehend wärest,
würde ich dich für dieses Wort umarmen, aber du bist noch blind. Einen
Blinden kann kein Blinder führen, werde erst sehend, dann will ich dich
wieder hieher führen. Du mußt viel, viel lernen, noch mehr arbeiten, denn im
Geisterreich wiegt ein Gedanke millionenschwerer als zu der Zeit, da du noch
Mensch warst. Als
Mensch standen dir Gnadenmittel zur Verfügung kraft deines Glaubens; hier
besitzt du nur das, was du mit herübergebracht hast und dieses ist sehr
wenig, überlassen wir den Bruder Anton nun sich selbst, denn ohne Demut kann
keiner durch das Tor des Lebens gehen. Eine Liebe wollen wir ihm noch
erweisen, den Krug wollen wir ihm hier lassen, denn ein Brot haben wir nicht
mehr. Euer Hunger ist gestillt, löscht euren Durst, den Rest lassen wir ihm
hier.« Emil, der inzwischen mit vielen schon gesprochen und manches erläutert
hat, kommt zu Johanna und spricht: »Möchtest du nicht an der Spitze gehen und
ich am Schlüsse, oder wie dachtest du?« »Bruder, geht im Namen des Herrn, ich
bleibe mit Maria am Schluß.« Christa ließ alle einen Schluck Wasser nehmen,
welches so gelobt wurde und doch nicht weniger wurde, dann übergab sie
Johanna den Krug. Johanna setzte den Krug dem Anton hin und sagte: »Hier ist
noch ein Trunk Wasser für deinen Durst als Beweis, daß wir ohne Haß von dir
gehen. Verschütte es ruhig, aber damit hast du dann auch dir die letzte
Möglichkeit einer Rettung genommen.« Endlich verließen sie das Wirtshaus. Der
Zug ging weiter, weiter über Trümmerhaufen, verwüstete Dörfer und traurig
dastehende Ruinen. Endlich wurde es heller und heller. Emil mit den Männern
voran, die Mädchen bei den Frauen, und endlich am Schluß Johanna mit Maria.
Endlos lang war der Weg, die Straße schien kein Ende zu nehmen, obwohl alle
Verwüstungen aufgehört hatten. Vor ihnen lag eine schöne Landschaft. Hunger
und Durst machten sich bei vielen bemerkbar, da blieb Emil stehen, er ließ
alle herankommen. Er nahm Abschied von dem Zug, vor allem von den Fünfen und
sagte: „Meine Schwestern und Brüder, harret in Geduld, bald schlägt eure
Erlösungsstunde. Mein Dienst ist bei euch zu Ende, ihr benötigt mich nicht
mehr, da ihr willig seid und wollet im Reich der Gnade würdige Bewohner
werden. Verzaget nicht, sondern vertrauet; nach dem Maße eurer Liebe und
Vertrauen wachset ihr in das Leben Gottes hinein. Die Gnade Gottes und die
Liebe des Heilandes sei euer ewiger Teil! 16. Vorbereitungen zur Erlösungstat
Verschwunden
war der herrliche Bruder. Nun begab sich Johanna mit Maria nach der Spitze.
In kurzer Zeit sahen sie ihre künftige Heimat, die nach außen recht dürftig
aussah. Mutter Anna und Hendrick waren die einzigen, die sie erwarteten, den
Zug herzlich willkommen hießen und sie in Hendricks Stube führten. Sie war
immer noch so einfach wie im Anfang, aber alle hatten Platz. Die Tafeln und
die Tische waren mit Früchten und Brot gedeckt, an denen sie nun auch ohne
alle Nötigung rasch Platz nahmen. Sie waren recht müde geworden, froh,
endlich ausruhen zu können und warteten der Dinge, die da kommen sollen.
Mutter Anna musterte alle, sprach zu dem einen oder dem anderen ein paar
Worte, während Hendrick schwieg. Reden war
nicht seine Sache. Durch Zureden sättigten sie sich alle und alle Müdigkeit
war verschwunden. Mutter Anna spricht: »Meine Lieben, ihr seid den Fünfen
gefolgt, habt die erste Stärkung erfahren in eurem neuen Heim und braucht
eine Bestimmung für euer künftiges Leben. Ehe ihr nun mit eigenen Augen euer
künftiges Heim beschauen sollt, möchte ich euch auch die Ordnung dieses
Hauses und Heimes klarmachen, nach der ihr euch einrichten müßt. Wer sich
nicht einordnen will und kann, schließt sich von selbst aus, auch ist es
jedem freigestellt, von dannen zu gehen, wenn er will. Ihr selbst traget ja
eure eigene Welt in euch und wisset es nicht. Es ist auch gut so, denn ihr
würdet erschrecken über die Verwahrlosung und das Raubzeug, das sich darin
aufhält. Ihr seid gleich wie wir Geister und seid Fremdlinge, ihr brauchet
vor allem Führung, Belehrung und Anweisung. Wir handeln im Geiste der ewigen
Ordnung und der erbarmenden Liebe. Hier wird
uns jeder zum Bruder und zur Schwester, niemand braucht Not zu leiden, nach
dem Maße eures geistigen Wachstums und der Erkenntnis gestaltet sich euer
Sein und Leben. Erhebet euch nun, damit ich euch euren Führer und eure
Bestimmung zeigen kann. Wer von euch Sehnsucht hat, sich mit mir oder Bruder
Hendrick auszusprechen, wird uns hier treffen. Wir sind vom Herrn Selbst als
Verwalter eingesetzt, bis der Herr dieses Heimes einzieht. Kommt im Namen des
Herrn Jesu, gesegnet sei euer Wille und eure Liebe.« Als sie hinaustreten,
erwartet sie Gotthold und begrüßt sie mit herzlichen Worten. Mutter Anna
spricht: »Dieses ist nun euer Freund, Bruder und Berater, sein Wort ist wie
das Wort des Herrn und sein Wille gleich dem Gotteswillen. So nimm, Bruder
Gotthold, diese Schar in deine Obhut. Habe
rechte Geduld und sei versichert, der Herr fügt alles in Seine Liebesordnung
ein.« Die fünf Schwestern nehmen Abschied und versprechen, sie bald zu
besuchen, da kommt Maria und spricht: »Ihr wollt uns verlassen? Darf ich
nicht mit euch gehen? Gerade du, Johanna, warst so gut und hast soviel Liebe
gebracht, und nun dürfen wir nicht mehr zusammen sein?« »Beruhige dich,
Maria, deine Welt ist noch nicht zubereitet für das Leben, ich hoffe aber,
daß du bald in dir wachsen wirst in dem Geist der ewigen Liebe. Sei getrost,
nur Gutes erwartet euch, so ihr Gutes wollt. Die ewige Liebe will ja euer
Bestes zu eurem Heil, nur wollen und müssen wir vertrauen, dann werdet ihr
alle nicht nur die Gnade Gottes, sondern auch die erbarmende Liebe des guten
Vaters und Heilandes erschauen. Ziehet hin in Frieden, euer Wille werde euch
zur Kraft zum Vollbringen.« Gotthold winkt und alle gehen ihm nach. Wie
freudig wurden die Fünf von ihren geliebten Schwestern empfangen. Sie wurden
umringt, bis sie endlich zur Ruhe kamen und alles erfuhren. Das Leben
nahm seinen Gang. Nach einiger Zeit sprach Johanna zu Liesa: »Wollen wir
nicht zu den Letzten gehen, die dem Bruder Gotthold übergeben worden sind?
Mein Herz ist immer bei ihnen.« »Auch mir geht es so, Johanna, immer denke
ich an Maria, die ja die erste war, sich uns anzuschließen, man müßte ihr
besonders dankbar sein.« »Dann komm, wir besuchen sie und bringen ihnen etwas
Freude, die Blumen stehen in bester Pracht.« Beide besorgen sich die
schönsten, und so gehen sie nach dem Bestimmungsort. Bald sehen sie schon von
weitem, wie sie tätig sind an ihrem neuen Heim, Gottholds Liebe wurde herrlich
belohnt. Sie gaben sich Mühe. Nicht Gotthold gab Anweisung, sondern sie
selbst mußten Beschlüsse fassen, nur korrigieren tat er, so wuchs Segen aus
der Wildnis, die von vielen gerodet wurde. Schon von weitem sah man die
Früchte ihrer Arbeit. Die beiden näherten sich, endlich wurden sie bemerkt
und mit Freuden begrüßt. Robert, der eigentlich, ohne es zu wollen, die Seele
des Ganzen war, sprach zu Maria: »Schau dort die lieblichen Mädchen, sie
kommen uns besuchen, hoffentlich freuen sie sich, denn gerade feierlich sehen
wir nicht aus.« Zögernd geht Maria hin zu den beiden und spricht: »Wie habe
ich mich nach euch gesehnt, nun seid ihr doch gekommen, leider können wir
euch nicht viel Schönes bieten, es ist zuviel Arbeit nötig.« »Maria, habe ich
nicht gesagt, ihr sollet Geduld haben? Kommt nur mit euch selbst in Ordnung,
ihr werdet Wunder über Wunder erleben. Pflanze
diese Blumen in deinen Garten, sie gedeihen auch in dieser Erde, nur Liebe
ist ihr Bedürfnis.« Auch Robert dankt mit übervollem Herzen den beiden und
führt sie dann in ihr künftiges Heim, welches nun im äußeren fertiggestellt
war. So blieben sie eine kleine Zeit, dann besprach Gotthold noch einiges mit
den beiden. Maria verließ die beiden nicht, da sagte sie: »Ich bin noch viel
zu gering der Gnade Gottes und viel zu unrein in eurer Gegenwart, aber um das
bitte ich euch, kommt recht bald wieder; ich fühle den Umschwung in mir, daß
ich bald freier werde von den Lastern des Irdischen, nur nicht so schwer
sollte es sein. Gotthold ist so voll Liebe zu uns, nie tadelt er unsere
Fehler und Sünden, sein Wort ist immer: ,Ich bin euch kein Richter, nur
Bruder.’ In dieser
Liebe läßt es sich gut arbeiten. Aber, Johanna, der Berg von Sünden wird
nicht kleiner, wenn ich mich ansehe, möchte ich mich vor mir selber schämen,
es kann doch nicht so fortgehen.« »Ach, Maria, denkst du vielleicht, bei uns
ist es besser gegangen? Was wir nicht vermochten, vollbrachte der Heiland.
Hast du dich schon so recht voll Sehnsucht an Ihn gewandt? Ohne Ihn wirst du
schwerlich zur rechten Himmelsruhe kommen, die in der ewigen Geisterwelt
Grundbedingung alles Wesens ist.« Maria: »Ja, hier sitzt der Haken, wie kann
ich mich an den Heiland wenden, den ich so treulos verlassen habe, ich
brauchte Ihn ja nicht, die Welt gab übergenug.« »Trotzdem, Maria, mußt du
dich immer mehr demütigen. Dein Herz muß dich in Sehnsucht und Verlangen
drängen, Ihm ganz zu gehören, dann wird dir leicht und was du noch an Sünden
und Fehlern an dir siehest, verschwindet durch Seine Gnade, Liebe und
Erbarmung. Versuche es nur, der herrliche Heiland Jesus hat noch keinen
Bittenden von sich gestoßen.« Ach wie
freuten sich die anderen, als Johanna und Liesa ihre Arbeit lobten. Sie
versprachen, noch eifriger zu sein und fragten, ob auch ihnen volle Vergebung
zuteil würde?« Johanna: »Aber, ihr Lieben, wenn euch der Herr zürnen würde,
glaubt ihr wohl, ihr wäret hier? Dem ewigen und heiligen Gott, dem
liebevollsten Vater ist es noch nie in den Sinn gekommen, euch zu strafen
oder zur Rechenschaft zu ziehen, denn alles, was ihr euch aufgebürdet habt,
müßt ihr auch selbst abtragen. So ihr aber recht demütig werdet, anfanget
euch zu lieben, kommt auch die Liebe euch auf halbem Wege entgegen und hilft
euch eure Bürde abtragen. Ist aber einer unter euch, der aus Liebe zum anderen
dessen Bürde mit auf sich nimmt, der kann erleben, daß er bald frei und ledig
wird durch die erbarmende Liebe und Gnade Jesu.« Herzlich nehmen die beiden
Abschied. Beim Gehen fragt noch Maria, ob der zurückgebliebene Anton noch
nicht gekommen wäre, sie vermisse ihn sehr. Johanna: »Maria, wenn dein Herz
dich drängt, bitte für ihn, schon in dem Verlangen, ihm helfen zu wollen,
gehst du auf den Wegen, die zum Heil führen. Sei getrost, bald, bald wirst du
dich freuen.« Liesa
sagte auf dem Heimweg: »Es ist erstaunlich, wie sie sich alle bemühen, Maria
hat mir am besten gefallen.« »Mir auch, Liesa, aber leider
haben sie noch nicht den Sinn erfaßt. Sie sind fleißig, um bald ein schönes
Daheim zu haben. Wann werden sie so weit sein, daß sie den anderen ein schönes
Daheim bieten möchten. Ich hoffte, Maria soweit zu finden, aber wir müssen
uns auch gedulden.« So verging eine Zeit der Ruhe. Johanna nahm den Ruf des
Vaters auf, Maria zu besuchen. Ohne Säumen ging sie nach deren angewiesener
Heimat, die in einfacher, schlichter Weise bewohnt wurde. Die Gärten wurden
nun hergerichtet. Es war eine harte Arbeit, aber sie machte Freude. Auch
schmeckte ihnen von einem zum ändern Male das Brot immer besser. Maria hatte
einen sinnenden Zug im Gesicht, in ihr war eine Wandlung vollzogen. Sie
betete, wenn auch allein, aber sie betete um den verlorenen Anton. Gotthold
blieb viel in ihrer Nähe, da Robert ihr Herzensleben hemmte. Da erschien
Johanna. 17. In der Hölle
Mit
den Worten: »Es ist soweit, Maria! Bist du bereit, deine Liebe in die Tat
umzusetzen?« wurde sie von Johanna begrüßt.
»O ja, aber wer kommt mit, wir beide können doch nicht so weit zu ihm
gehen?« »Maria, fürchte dich nicht, wer auf den Wegen der Liebe wandelt, ist
nicht allein, sondern wohlgehütet. Der übergute Heiland und ewige Vater weiß
um alles, auch um unsere Schwachheit und wird tausendfach unsere Liebe segnen
und deine Sehnsucht erfüllen.« Wenige Worte wurden mit Gotthold gesprochen,
dann gab er seine Erlaubnis und segnete die beiden. Mutter Anna erwartete die
beiden, nahm beide an ihr Herz und sagte: »Ziehet im Bewußtsein der
übergroßen Gnade Jesu. Segen über Segen sei euch, weil ihr den Verlorenen
heimholen wollt. Mit unserer ganzen Liebe werden wir euch begleiten.« So
schritten sie durch das Tor. Maria sagte: »Mir ist, als wenn alles viel
freundlicher aussieht, werden wir auch den Weg zu ihm finden?« »Maria,
nur der Herr ist unser Wegweiser, denn ohne Seiner ist alles verlorene Mühe.
Willst du, daß wir Erfolg haben, dann nur mit Jesus dem Herrn.« Ein Mann im
dunklen Gewand erwartete die beiden. Sofort erkannte sie den heiligen Vater,
hörte aber auch innerlich den Ruf: »Verrate Mich nicht.« Sie bezwang sich,
begrüßte Ihn mit ruhigen Worten und fragte: »Bist du gekommen, uns zu
begleiten?« Er sagte: »Die Liebe gebot Mir, euch beiden zu dienen, denn ohne
Schutz ist es gefährlich, in die tobende Hölle zu gehen. Verfügt über Mich,
Ich will Mich ganz eurem Willen fügen.« Johanna konnte vor überquellendem
Glück nicht reden, eine solche Herablassung war ihr doch noch nie
vorgekommen. Sie ergriff Seine Hände, drückte sie, jedes weitere Wort hätte
alles verraten. Mit einer Schnelligkeit waren sie an dem Ort der Verwüstung
angelangt. Eine graue Finsternis mit aufsteigenden Dämpfen machte diesen Ort
noch grauenvoller. »Wir
sind an Ort und Stelle«, sagte der Herr, »handelt nach eurer Liebe und
Weisheit, erschrecket über nichts, denn auch in der Hölle ist der Herr immer
noch Herr.« Johanna: »Du hast die Worte unseres Begleiters gehört, fürchte
dich nicht, uns kann nichts geschehen, denn Liebe hat scharfe Augen. Wir
wollen Anton suchen gehen.« In einem großen Trümmerfeld hörten sie ihn schon
von weitem toben. Er war immer allein, verfluchte sich, die ganze Welt und
vor allem sein unsterbliches Sein, welches ihm immer größeren Hunger und noch
größere Qualen bereitete. Nun treten die drei in seine Sphäre. Mit
wutverzerrtem Gesicht blickt er auf die Angekommenen. Er will einen Fluch
ausstoßen, aber Johanna sagt: »Der Friede des Herrn sei mit dir!« Da ergreift
Anton einen großen Stein und will ihn auf Johanna werfen, aber der Herr hebt
Seine Hand und spricht: »Halt ein, du Verblendeter, wenn du nicht auf ewig
die Gnade Gottes dir verscherzen willst! Mit dem Stein sollst du so lange
verwachsen sein, solange wir hier sind, und bis dein Haß sein Ende gefunden
haben wird; damit du uns aber nicht schädigen kannst, sollen deine Arme
kraftlos sein.« »Was
wollt ihr hier, ich habe euch nicht gerufen.« Johanna: »Wir sind von selbst
gekommen, um dich noch einmal einzuladen in unsere Gemeinschaft, wo
Bruderliebe oberstes Gesetz ist. Wir wissen um dein verlorenes Leben, kennen
dein übergroßes Elend und möchten dich vor dem ewigen Verderben retten.«
»Aber nun aus den Augen, wenn ich könnte, ich würde euch zermalmen.« Tritt
Maria hervor und spricht: »Anton, halt ein, du fluchst dir den Tod an den
Hals, willst denn du immer noch nicht begreifen, die anderen sind glücklich
und zufrieden mit ihrem Los. Wenn wir auch in keinem Himmel leben, aber ein
Paradies bauen wir uns mit Hilfe des Herrn und Seiner großen Gnade. Bis jetzt
ist es noch keinem in den Sinn gekommen, zurückzukehren zu dem alten
vergangenen Leben, weil wir alles haben, was zu unserem Erhalt nötig ist. Nur
ich bin nicht so recht glücklich, weil du mir fehlst.« »Schweig, ich will
nichts hören, ich glaube dir nicht, oder seid ihr gekommen, mich elender zu
machen?« Johanna:
»Dich elender zu machen ist nicht mehr nötig, da du schon elend genug bist;
du willst es nur nicht begreifen und hoffst auf einen guten Ausgang, ohne
dich von deinem Element zu trennen. Es wird aber nicht werden, da du als Herr
in deiner eigenen Welt auch den in dir ruhenden Gesetzen verpflichtet bist.
Wie deine Liebe, so dein Leben. Jeder, sei es wer es auch sei, muß durch die
Schule des Gehorsams gehen, keinem kann etwas anderes werden, als was seine
in ihm wohnende Liebe will. Noch ist es Zeit, deinen Haß in dir zu begraben,
noch kommt dir Jesus in Seiner rettenden Liebe entgegen, um dir zu zeigen die
Wege zum freien und wahren Leben. Verharrst du in diesem deinem jetzigen
Sein, verrammelst du dir mehr und mehr den Weg, der in die Freiheit und zum
rechten Leben führt. Oder willst du uns weismachen, daß dein jetziges Leben
ein wohlgefälliges und glückliches sei?« Anton schweigt. Er
möchte die drei abschütteln und kann nicht. Finstere Gedanken wühlen ihn auf,
aber er ist in allen Dingen ohnmächtig, die Arme versagen ihm den Dienst und
den schweren Stein muß er tragen, er wird immer schwerer und schwerer. Wie
auf ein inneres Geheiß schweigen Johanna und Maria und sehen auf den sich
schwer quälenden Anton. Endlich, nach einer für ihn unendlich langen Zeit,
spricht er zum Herrn: »Nimm wieder den Stein von mir, von mir habt ihr nichts
mehr zu befürchten, Du bist der Stärkere.« Der Herr: »Gut, daß du es
einsiehst, sei wieder frei und im Vollbesitz deiner Kraft, doch im
geringsten, wo du wortbrüchig wirst, mache Ich Gebrauch von Meiner Stärke.«
Anton legt den Stein behutsam nieder und spricht: »Mir ist nicht wohl in Deiner
Nähe, denn noch nie war ich des anderen Knecht; aber kann ich eigentlich
dafür, daß ich so bin? Man
hätte mich anders erziehen müssen.« »Glaubst du in deiner Verblendung, das
sei eine Entschuldigung? Du hast doch als Mensch alles besser gewußt, hast es
verstanden, deine Mitmenschen tributpflichtig zu machen. Auch hier in der
Geisterwelt hast du als Herrscher und Hochmutsgeist dich durchsetzen können,
bis endlich der Herr deine Ziele und deinen Sinn durchkreuzte. Oder glaubst
du, daß der ewige Gott auch dir zins- und tributpflichtig werden soll? Als
Mensch standest du auf Gottesboden und mißachtetest die Gebote der
Menschenliebe, jetzt, wo du deines Fleisches ledig bist, stehst du auf deinem
eigenen Boden und erntest, was du als Mensch gewollt hast. Dein Los war noch
ein erträgliches gewesen, weil die Fäden der Liebe dieses mutigen Weibes zu
dir verbunden sind, zerreiße sie nicht, denn überschrecklich wird das
Verderben über dich kommen. Noch bist du der Herr deiner selbst. Auch unter
der Gemeinschaft derer, die dich suchen, kannst du immer noch deine Freiheit
als dein höchstes Gut betrachten. Wenn
aber die Hölle dich ergreift, dann wirst du zum Knecht und Sklaven deiner in
dir geschaffenen Quälgeister, und die Aussicht auf eine Rettung wird immer
schwerer.« »Ich weiß gar nicht, was ihr wollt, laßt mich doch, wo ich bin,
ich habe keine Lust mit euch zu gehen, und wenn es mein Verderben ist, was
geht es euch an?« Der Herr: »Sehr viel, denn auch deine Erlösung gehört zum
großen Erlösungswerke.« »Da mag der ewige Gott und Herr warten, bis es mir
paßt, jetzt habe ich noch keine Lust«, erwidert der Verblendete. Aber der
Herr spricht: »So nehme das Verhängnis seinen Lauf, wir werden aber trotzdem
in der Nähe bleiben.« Johanna: »Vater, Du bist Liebe und ewige Erbarmung, ist
keine Rettung möglich? Brüder mit solchem Willen könnten Großes wirken in
Deiner Liebe.« »Ja, Johanna, du hast recht, wir geben ihn nicht auf, nur
unsichtbar sind wir ihm geworden. Nimm Maria an der Hand, sie soll sich nicht
fürchten, soll stark sein, denn wir brauchen auch sie zu dem großen Werke.
Schauen wir fest auf Anton.« Anton
sieht sich um, er ist wieder allein, er spricht: »Der reine Teufelsspuk, sie
sind verschwunden, sogar ohne Abschied, das nennen sie also Liebe; ich bin
froh, daß sie weg sind, unheimlich ist der Mensch, ich wollte sagen Geist,
geworden, na egal, ich habe meine Arme wieder und wehe dem, der mir in die
Quere kommt. Da gibt es einen fürchterlichen Krach, Feuer und Qualm
entströmen der Erde und verursachen tüchtige Hitze und Qualm, wohl an zehn
fürchterlich aussehende Männer umstehen den Anton und rufen, er solle kommen.
»Ich komme nicht«, ruft er, »macht, daß ihr weiterkommt, ich will nichts mit
euch zu tun haben, ihr Gesindel.« Spricht einer: »Macht ihn euch willfährig,
aber rasch, sonst wird er euch gefährlich.« Da springen sie auf und wollen
ihn fassen. Anton wehrt sich lange, aber endlich liegt er am Boden. Sie
binden ihm die Hände und Füße, dann tragen sie Steine zu einem Haufen, werfen
ihn hinauf, dann werfen sie noch mehr Steine auf ihn bis nur der Kopf
herausschaut, bringen Feuer, mit dem sie vertraut sein müssen, und erhitzen
den Steinhaufen. Immer geschäftiger werden sie und bringen dem Feuer neue
Nahrung, so daß die Flammen auch an seinem Kopf lecken. Laut brüllt er vor
Schmerz auf, die Fesseln sind wohl mitverbrannt, aber seine Kräfte sind hin.
Nun stöhnt er nur noch vor Schmerzen, er ist erledigt. Maria ergreift weinend
die Hände des Begleiters und spricht: »Du guter, starker Mann, es ist zuviel,
ich kann dieses nicht mehr mit ansehen, es ist doch unmöglich, daß es etwas
solches geben kann; hast du nicht die Macht, ihn von den Teufeln zu
befreien?« »Maria,
Ich hätte die Macht, aber Ich kann und darf es nicht. Ja, wenn Anton demütig
und bittend würde, so wäre dieses anders, denn hier im freien Reich der
Geister ist auch Gott an die urewigen Gesetze gebunden, übrigens, Maria,
schaue auf Johanna, wie sie ruhig ist, sie weiß, daß hinter diesem allem Tun
immer noch die Heilandsliebe Ausschau hält. Nur fremd ist dir dieses alles.
Wenn du aber das Leben wahrhaft ergriffen hast, wird dich auch das Licht der
Liebe genugsam erleuchten. Sei nur ruhig und warte der Dinge, die da kommen,
wir dürfen nie die Hoffnung aufgeben.« Die zehn Wüteriche umstehen den
Steinhaufen, das Feuer ist nieder, sein Unterleib ist nahezu verbrannt. An
den Armen ist überhaupt kein Fleisch mehr zu sehen, aber die Kraft in den
Armen kehrt zurück. Er schiebt die glühenden Steine zurück und will sich
befreien, da schreit der Anführer: »Paßt a t. .S er muß wieder gebunden
werden?« Da
sieht Anton den Anführer, erfaßt einen glühenden Stein und wirft ihn dem
Anführer an die Brust. Dieser bricht zusammen, die anderen rücken ab, sie
haben Furcht vor den Steinen bekommen. Als Anton sieht, daß er mit dem
Anführer allein ist, packt er ihn wie ein Bündel und wirft ihn auf die heißen
Steine. Er schaut sich an und erschrickt über sich selbst. Er setzt sich in
einen Winkel und schaut auf den Menschen, der sich von den Steinen erhoben
hatte. Dieser geht auf ihn zu und spricht: »Beinahe hättest du mir Schaden
zugefügt, es wäre für dich das größte Unglück gewesen, aber wir wollen uns
vertragen.« »Nein«, spricht Anton, »mit Gelichter deiner Art werde ich nie
verkehren, was tat ich dir, weil du mich so quältest?« »Deine Kräfte habe ich
herausgefordert, glaubst du, daß deine Kräfte zunehmen würden, wenn du nicht
erprobt würdest? Unser Führer sollst du werden, denn auf Erden geht es lustig
zu, der Tod hält reiche Ernte, da wollen wir uns unseren Anteil sichern.«
»Was«, brüllt Anton, »zum Führer und Räuberhauptmann wollt ihr mich haben!
Aber nun fort, sonst zermalme ich dich mit den Steinen, wenn ich nur einen
von euch erblicke, seid ihr der Steine sicher.« »Du wirst es schwer bereuen,
gut hätten wir es mit dir gehabt, aber wenn du nicht willst, geht es auch
ohne dich.« 18. Herrlicher Erfolg
Anton
war wieder allein. »Was nun, wie sehe ich bloß aus! Wenn nur der verfluchte
Schmerz nicht wäre und dieser rasende Durst. Wie wäre ich froh, wenn das
Mädel oder Maria mit einem Schluck Wasser hier wäre. Leer ist der Krug schon
lange, zerbrechen mag ich ihn nicht, ich will nur einmal schauen, vielleicht
sind noch einige Tropfen drin. Da steht der Krug. Laß dich nur noch einmal
anschauen, dann kannst auch du den Weg alles Fleisches gehen. Doch halt, was
ist das, es sind noch einige Tropfen darinnen.« Mit den knöchernen Fingern
tupft er hinein und kühlt sich die Zunge. Aber merkwürdig, es sind doch immer
noch einige Tropfen darinnen, und so leckt und leckt er immerzu, aber der
Durst wird immer gräßlicher. So spricht er weiter: »O du Krug in meiner Hand,
warum zertrümmere ich dich nicht, was ist mit dir los, daß du immer einen
feuchten Boden hast, ich kann wischen wie ich will, immer bringst du etwas
Feuchtigkeit auf. Ist es wahr, daß du ein Stück aus dem Paradiese bist, von
dem Maria sprach? Wo
werden sie jetzt sein, es muß eine verteufelt lange Zeit her sein, daß sie
hier waren, na egal, was war, kommt nicht mehr wieder.« Er beschäftigt sich
mit dem Krug und denkt über sein Elend nach. Maria spricht: »Du lieber, guter
Freund, könnte und dürfte ich ihm nur einen Krug Wasser bringen, ich glaube,
es ließe sich mit ihm reden.« »Du darfst es, Maria, aber warte noch eine
Weile, wo willst du so schnell Wasser herbringen in dieser Steinwüste?« »Du
hast recht, wollen wir nicht welches holen?« »Ist nicht nötig, Maria, wenn
Johanna den Krug in die Hand nimmt, wird er sofort voller Wasser sein, aber
Anton muß bitten lernen.« »Oh, da sieht es schlimm aus, so wie ich ihn kenne,
wird er nicht bitten.« »Er wird es, Maria, glaube es felsenfest, denn ohne
deinen Glauben wird er zu keiner Bitte kommen. Aber nun passe auf was
geschieht!« Anton tupft immer eifriger in den Krug, auf einmal rutscht er ihm
aus der Hand und liegt zerbrochen am Boden. Sprachlos schaut er auf das
Unglück und spricht: »Nun ist alle Hoffnung dahin, das Ende des Kruges ist
auch mein Ende, mir wird niemand glauben, daß der Krug ohne meinen Willen
zerbrochen ist, nun weiß ich nicht, was werden soll.« Der
Durst wird immer rasender, die Schmerzen immer größer, er legt sich hin und
leckt die Scherben ab, aber Kühlung wird ihm keine. Stöhnend spricht er: »O
ich Tor, im Paradiese könnt ich sein, nun ist alles aus, wenn ich nur sterben
könnte.« Nun bleibt er liegen und spricht noch: »Mag werden, was da will,
hier bleibe ich liegen bis der Tod kommt. O Gott, der ich Dich verachtet, laß
mich endlich sterben, sterben, sterben.« Aber kein Tod kommt, die Schmerzen
brennen noch ärger, er wühlt sich um und um, und die Zeit wird ihm zur
Ewigkeit, die Minute zur endlosen Qual. Lautlos geht Johanna hin, von ihren
Händen geht ein Leuchten aus, sie klaubt die Scherben auf, mit dem letzten
Scherben ist auch der Krug wieder heil und voll Wasser. Stumm reicht sie Maria
den vollen Krug, dann streicht sie mit beiden Händen über den stöhnenden
Anton. Im Nu richtet sich dieser auf und spricht: »Mädchen, dieses werde ich
dir nicht mehr vergessen, du hast mir die Schmerzen abgenommen, aber danken
kann ich dir nicht, ich bin am Ende.« - Johanna
aber sagt: »Ist auch nicht nötig zu danken, denn nicht ich tat dir die
Wohltat, sondern der Herr und Heiland Jesus. Er würde dir noch mehr tun, so
du recht demütig bitten würdest.« »Mädchen, ich habe rasenden Durst, kannst
du mir nicht einen einzigen Schluck Wasser bringen, der Krug ist ohne mein
Wollen zerbrochen.« »Anton, so weit reicht es bei mir nicht, aber bitte doch
den Herrn Jesus, Er hat noch keinem eine Bitte abgeschlagen, so sie aus
reinem Herzen kam.« »Ich würde bitten, so Er hier wäre, wenn du es vermagst,
bringe Ihn her, oder führe mich hin zu Ihm. Bist du allein hier, warum hast
du keine Angst?« »Ich bin allein und nicht allein, aber Maria und den Freund
kann ich dir bringen, sie sind schon da.« Anton: »Maria, bringst du mir
Wasser, laß mich trinken, ich verbrenne vor innerem Feuer!« Maria: »Du mußt
dich an unseren Führer wenden, ohne Seine Einwilligung tue ich es nicht, weil
es um dein Heil geht.« Anton
sieht den Herrn an, dann spricht er: »Ja, Du bist der Stärkere, mit Deinen
Armen möchte ich keine Bekanntschaft machen, aber Deine Augen sind gut; an
Dich solle ich mich wenden um einen Trunk.« »Wer da bittet, dem wird gegeben,
darum mag dir Maria den Krug geben, er ist voll des besten Wassers.« Schon
reicht Maria den Krug hin, den Anton hastig nimmt und trinkt, trinkt und
trinkt. Endlich ist der Brand gelöscht, dann spricht er: »Wer Du auch seiest,
nimm den Dank aus meinem Munde, denn etwas anderes habe ich nicht.« »Doch,
Anton, dich selbst kannst du noch geben, indem du die Liebe, die dich sucht,
nicht mit Füßen trittst. Viel Schmerz hättest du dir sparen können, wenn du
mit den anderen gegangen wärest. Sie sind versorgt und glücklich, weil es
aufwärts geht, während du inzwischen mit der Hölle Bekanntschaft gemacht
hast. Nun stehst du wiederum am Scheidewege. Wenn
Ich dir einen guten Rat gebe, so sei es der: verscherze dir die Liebe deiner
Schwester nicht, denn ohne sie wärest du ein Opfer deines Hasses geworden!«
»Du kannst recht haben, aber leider bin ich so dumm.« Maria nimmt den Krug und spricht: »Aber
Anton, du kommst doch mit uns zu den anderen, du wirst dann auch so froh und
voll der besten Hoffnungen und auch mein Sehnen ist es, dich geborgen zu
wissen.« »Wenn ich darf, jetzt bin ich dazu entschlossen, aber sehe mich an,
ich gehöre nicht mehr zu euch, ich bin ja von den Teufeln gezeichnet für das
ganze Leben.« Johanna: »Rede nicht so, sondern hebe deine Augen auf und suche
den Herrn und Heiland, der auch uns ein Helfer wurde. Du wirst bald alles
vergessen lernen, wenn du nur einmal mit Seiner Liebe und Erbarmung
Bekanntschaft gemacht hast.« »Du
magst recht haben, aber ihr wäret auch keine solchen Bösewichter, wie ich
einer bin.« »Rede nicht mehr davon, sondern komme, wir wollen diesen
traurigen Ort verlassen und uns ganz der Führung dieses Führers anvertrauen,
aber du mußt gern wollen.« »Ich will, denn schwerer wird die Zukunft nicht
sein als die vergangene Zeit war.« Der Herr spricht: »Maria, gehe mit deinem
Bruder voraus, wir folgen auf dem Fuße nach.« Maria nimmt Anton bei der Hand
und spricht: »Nun zieht Freude in mich ein, meine Sehnsucht wird erfüllt,
denn auch ich litt um deinetwillen, aber nun wird alles gut.« »Du hast mir
vergeben, Maria? Dann aber schnell fort.« Sie gehen durch die Trümmerstätten,
immer enger wird der Gang. Jetzt endlich treten sie ins Freie. Da werden sie
mit Fluchen und Schreien überfallen. Wohl an die zwanzig wild aussehende
Männer umzingeln die Vier. Einer packt den Anton beim Arm und will ihn von
Maria reißen. Da schlägt Anton zu, und dieser liegt stumm am Boden. Die
anderen brüllen vor Wut und greifen ihn an, aber Anton packt einen und wirft
ihn auf den Boden, da weichen die anderen zurück. »Schnell fort«, spricht
Anton, »hier ist es gefährlich!« Aber
Maria sagt: »Anton, willst du die Armen hier liegen lassen? Wir sind doch auf
dem Wege in das wahre Leben.« »Eigentlich hast du recht, aber sind sie nicht
unsere Feinde? Sie wollten mit uns doch nur Schlechtes.« »Tue Gutes dafür,
wir kommen weiter damit.« »Wenn du meinst, will ich ihn aufheben.« Schon
beugt er sich zu dem einen, hebt ihn auf und spricht: »Maria, hast du nicht
noch einen Schluck Wasser im Krug, ich will ihn damit beleben.« In diesem
Augenblick schlägt dieser die Augen auf. Anton hält ihm den Krug an den Mund
und dieser trinkt einige Schluck. Dann spricht er: »Ich wollte deinen
Untergang, du aber belebst mich mit frischem Wasser, du kannst nicht so
schlecht sein, wie man dich machte.« »Ach, rede nicht davon, Kamerad, sondern
komme mit uns. Wir wollen erst noch den anderen anschauen, vielleicht ist er
nicht so schlecht daran.« Es war auch so, nur ein Schluck Wasser tat Wunder,
aber vor Angst zitterte er noch mächtig. Sagte Anton: »Friert dich so sehr
oder hast du Schmerzen?« Spricht der Angeredete: »Ja, aber noch größere
Furcht, denn ich habe noch keinen guten Augenblick gehabt seit dem großen
Unglück.« Wie
die anderen sahen, daß Anton so besorgt war, kamen sie zögernd näher, einer
fragte: »Könnten wir auch einen Schluck Wasser bekommen, wir sind am
Verdursten. Die Luft ist hier so trocken und heiß, von dir hatten wir auch
eine andere Vorstellung.« »Wenn ihr nichts Schlechtes mehr wollt, dann kommt
her, dort dieser Mann kann mehr als ich, ich bin nur aus Barmherzigkeit
angenommen.« Da wagt sich einer hin zum Herrn und spricht: »Ist es wahr, daß
du etwas mehr sein könntest, wir sind Unglückliche, die nicht mehr wissen,
was sie aus Hunger und Durst tun.« Der Herr: »Wenn euer Verlangen nach Hilfe
ernstlich ist, eure Sehnsucht nach einem besseren Sein euch erfüllt, dann
seid ihr recht, so ihr zu Mir kommet, aber unter einer Bedingung, daß Wut und
Haß aus euch verschwinden. Ihr seid Geister und Bewohner der Geisterwelt und
keine Menschen mehr, alle Hilfe ist nutzlos, so nehmt erst einen Trunk aus
diesem Krug, alles weitere hängt nicht von Mir, sondern von euch ab.« Johanna
erhielt einen Wink, nahm von Maria den Krug und schon war er voll Wasser. Da
trank jeder, aber der Krug wurde nicht leer. Auch Anton erbat sich noch einen
Schluck, Johanna reichte ihn hin und sagte: »Die Liebe Jesu segne dir diesen
Trunk, damit er dir zum Heile gereiche.« Anton sah Johanna scharf an, er
zögerte mit dem Trinken, dann aber tat er einen langen Zug und sagte: »O du
Jesus, was mußt Du für ein Mensch gewesen sein, denn in diesem Krug war
bestimmt Wein, mir ist auf einmal viel wohler geworden. Nun dauert es mich,
daß ich diesen Krug ausgetrunken habe, er hätte denen auch gute Dienste
getan. Aber nun wollen wir uns nicht länger aufhalten, damit wir endlich aus
dem Loch herauskommen.« Maria: »Ja, Anton, das möchte ich auch, aber wo
willst du mit denen hin, dürfen wir denn diese mitnehmen?« Der Herr stand
sofort neben Maria und sagte: »Maria, sorge dich nicht, sondern lasse Johanna
reden, sie kennt den Herrn besser denn du, merke gut auf, denn alles
geschieht durch die große Heilandsliebe.« Johanna
hob die Hand, begrüßte sie mit den Worten: »Die Liebe Jesu läßt euch grüßen
und einladen in unsere Gemeinschaft, die nur der anderen Heil und Wohlergehen
will. Noch seid ihr fremd in dieser Welt, arm sind eure Herzen an Liebe, durch
mich läßt euch der Heiland einladen und Seine Hilfe anbieten. Sie lautet:
»Kommet mit uns in unsere Gemeinschaft. Freilich müsset ihr euer Leben von
Grund aus ändern, da ihr ohne jeden Glauben und Liebe und ohne Besitz von
geistigem Gut seid, aber es sind viele da, die euch gern helfen und euch
wahrer Bruder sein werden. Ich bin überzeugt, daß ich euch nicht enttäusche
und ihr die Stunde segnet, wo ihr mir Vertrauen entgegengebracht habt.« Tritt
Anton hervor und spricht: »Mädchen, rede nicht soviel, der Freund hier ist
Garantie, daß es mit dem Schlechten für uns ein Ende hat. Ihr
dürft mir glauben, lange, lange ist es her, seit sich meine Genossen von mir
trennten. Wie es mir erging, vermag kein Mensch zu schildern, sehet meinen
Körper, das hat die Hölle aus mir gemacht, sehet wie Maria strahlt, das hat
der Heiland Jesus aus ihr gemacht! Zu diesem Heiland wollen wir, ja müssen
wir, sonst gehen wir alle zusammen zu Grunde. Ich denke in eurem Sinn zu
reden, so ich zu dem Freunde sage: ,Sei Du unser Führer, wie Du den
Schwestern Führer warst. Verzeihe mir meine Beleidigungen, mit denen ich Dich
kränkte.’« Der Herr: »Siehe, Anton, so gefällst du Mir besser. Und da Ich
dich in deinem von der Hölle gezeichneten Zustand doch nicht mitnehmen kann,
so will Ich dich anrühren, du wirst zufrieden sein.« »Rühre
mich an, Du guter Engelsfreund, es ist mir ein Beweis, daß Du mir vergeben
hast, doch gestatte, daß ich dann wenigstens vor Dir knie.« Anton fiel auf
seine Knie, der Herr legte Seine Rechte auf sein Haupt und sagte: »Lasse die
Liebe dein Leben werden, dann wirst du auch den Heiland erfreuen, so sei
bekleidet!« Anton sah die Veränderung, er trug einen sauberen grauen Mantel
und sagte: »Habe tausend Dank, mit dem Eifer ich einst der Welt diente, mit
demselben Eifer werde ich von nun an Gott dienen, und dazu bitte ich Dich,
Herr Jesus, um Deine Vergebung und um Kraft. Amen. —« Die anderen schauten
die Veränderung, beschauten den Anton, die Johanna und den Herrn. Einer
sagte: »Wir wären Narren, so wir zurückblieben, wir kommen mit, wenn wir
dürfen.« Johanna sagte: »Ihr dürft, ihr seid geladen, verlieret keine Minute,
denn das Glück wartet auf euch, es heißt Jesus der gute Heiland.« So zogen
alle voll Hoffnung die Straße, die den Neuen unendlich lang erschien. Da ließ
der Herr den Zug halten und sagte allen hörbar zu Johanna: »Johanna, hier
verlasse Ich dich, das Ziel hast du vor Augen, Mein Dienst ist erfüllt. Sei
nicht traurig, rüstet alles zu einem großen Fest, damit alle das Wunder der
Erlöserliebe erkennen!« Ein Händedruck, verschwunden war der Herr, die
anderen fragten: »Wo ist Er hin?« Anton fragte: »Wer war dieser Freund?« Aber
Johanna sagte: »Fraget nicht, denn noch ist alles Neugierde in euch; in ganz
kurzer Zeit sind wir an unserem Bestimmungsort, der meine Heimat ist und die
eure werden wird. So kommt im Namen des Herrn, der die ewige Liebe ist !«
Endlich war das Ziel erreicht. Das Tor schien viel größer. Hendrick und Anna
erwarteten den Zug, öffneten die Türe und luden zur Einkehr. 19. Wachsende Erkenntnis
In
der großen Stube des Hendrick war gedeckt für die Ankommenden: Brot, Früchte
und Milch. Anna zeigte hin an die lange Tafel und sagte: »Seid herzlich
willkommen im Namen des Herrn Jesus! Stärket euch von dem langen Weg, der
euch hungrig und müde machte. Hier seid ihr wohlgeborgen. Esset vorerst und
trinket, die Liebe hat euch dieses bereitet.« Anton: »Habt Dank für den
Willkommensgruß und für die Liebesgabe. Wohl sind wir alle nicht würdig der großen
Liebe, aber ich glaube, so ich im Sinne der anderen rede und sage, wir wollen
eure Liebe nicht enttäuschen und unser wüstes und vergangenes Leben
vergessen.« »So ist es recht«, spricht Hendrick, »sättigt euch vorerst, dann
wollen wir weiterreden.« Das Mahl schmeckte allen gut, sie getrauten sich nur
nicht so recht heran, aber Anna sagte: »Nicht so zaudern, sondern frei
zugegriffen, das Brot wird nie alle werden, denn hier am Vatertische gibt es
für ewig keinen Mangel!« Nun waren sie satt, alle Müdigkeit war verschwunden,
da unterrichtete Anna die Neuen von der Ordnung, der sich jeder zu
unterordnen habe. »Du, Anton, sei der Führer deiner kleinen Gemeinde. Bruder
Gotthold wird dich in allem unterrichten, und neben deinen Brüdern errichtet
ihr euch ein Heim nach eurer Lust und Liebe.« Anton: »Ich möchte nicht Führer
sein, wenn es aber der Herr so will, da will ich der geringste Diener sein.
Aber wie kommt es, daß wir uns erst ein Heim errichten müssen, meines Wissens
steht ja geschrieben, daß der Herr Wohnung bereiten will.« »Ja, Anton, du
hast recht, für alle, die an Ihn glaubten und Seinen Willen taten, trifft
dieses auch zu; aber wo habt ihr die Frucht des Glaubens? Ihr müsset von vorn
anfangen, es bedarf vieler Arbeit, vieler Mühe, denn die Stätte, die euch zur
Wohnung wird, ist ja das getreue Abbild eurer Innenwelt. Ich will euch nicht
mutlos machen, sondern zum Trost euch mitteilen, daß gar viele Helfer da
sind, um euch zu dienen. Einen
Kummer aber muß ich dir machen, Maria bleibt bei Johanna. Auch sie muß erst
neugeboren werden, damit sie später ihren Platz ganz ausfüllen kann, wo sie
die ewige Liebe hinstellen wird. Keine Frage weiter, dort kommt Gotthold!
Machet euch bereit, nach eurem neuen Bestimmungsort zu gehen. Wer Sehnsucht
nach Aussprache hat, wir sind immer hier zu finden.« Gotthold tritt ein,
begrüßt alle auf das freundlichste und spricht: »Du bist der Bruder, den der
Herr bestimmt hat! Ich beglückwünsche dich zu diesem herrlichen Amt und
hoffe, du wirst deine Pflicht erfüllen.« Anton: »Du bist also Gotthold! Ich
bin entschlossen, den Willen des Herrn restlos zu erfüllen, aber du mußt mir
helfen, denn bis jetzt war ich ein Teufel.« Gotthold: »Wenn der Herr dich
berufen hat zu diesem herrlichen Dienst, dann hat Er auch einen Strich hinter
deine Vergangenheit gemacht. Das erste, was du nun zu tun hast ist das, daß
du auch einen Strich hinter dein und deiner Anvertrauten Leben machst. Mit
dem Eintritt in diese Welt hat ein neues Leben seinen Anfang genommen. Habt
rechte Geduld, zueinander rechtes Vertrauen und gar bald werdet ihr
überglücklich sein. Du, Johanna, nimmst Maria mit zu dir, aber bald kommst
du, uns zu besuchen.« So nehmen sie Abschied. Maria wäre gern mit Anton
gegangen, aber Anna sagte: »Kind, der Herr weiß um alles. Seine Vorsorge hat
nur deine Glückseligkeit im Auge, und du wirst in dem Neuen bald die anderen
vergessen. Amen.« Anna zog nun mit Johanna und Maria in ihr schönes Heim.
Hendrick aber begleitete die anderen nach ihrer neuen Wirkungsstätte. Wie
staunte Maria im Heim der Anna, sie wagte kaum sich zu rühren vor dieser
Schönheit, die sich ihren Augen bot, aber Anna sagte, sie erst in die Arme
nehmend: »Johanna, führe sie in dein Heim und sage allen Schwestern, daß das
Weihnachtsfest bei uns um so herrlicher gefeiert werden soll und alle mitfeiern
sollen, auch die, die jetzt bei uns Einkehr gehalten haben. Du, Maria,
erschrecke nicht vor den Schönheiten, die sich deinen Augen zeigen, denn in
dir liegen noch viel herrlichere. Sie können aber nur in der wahren Liebe
ausgeboren werden. Nun eilet, die anderen können die Ankunft gar nicht
erwarten.« Welche
Augen machte Maria, als sie durch die vielen Gärten gingen, sie kam aus dem
Staunen gar nicht heraus. »Ist das der Himmel, in dem wir sind?« fragte sie,
aber Johanna sagte: »Wenn es dir Himmel ist, ja, aber es gibt noch tausendmal
herrlichere Schönheiten, und dazu sind wir noch nicht reif. Denke aber ja
nicht, daß diese Blumen und Fruchtgärten so waren, o nein, wir haben sie erst
durch die Gnade und Liebe Jesu dazu gemacht. Dort ist unser Heim, die
Schwestern kommen schon geeilt, um uns zu begrüßen.« »O Johanna, in meinem
dunklen, schmutzigen Gewand muß ich mich doch schämen, warum sagtest du
nicht, daß alles so überherrlich ist?« »O lasse alles dieses, werde Liebe,
und du wirst noch heller glänzen als wir, aber nun paß auf, was du jetzt
erlebst!« Beide wurden umringt, niemand konnte etwas sagen, die Freude war
überwältigend, es war eine Freude, die die Erde fast nicht kennt. Ein Jubel
und im Jubel zogen sie ein in das Haus. Da prallte Maria zurück! »In diesem
Haus soll ich wohnen? Mir
nimmt es die Gedanken, hauchte sie.« Aber Johanna zog sie hin an die Tafel,
die die Liebe bereitet hatte. Johanna erzählte von dem Erlebten, schilderte
all das Traurige. Beweinte alle, weil die ewige Liebe so besorgt ist und
Selbst den Handlanger machte, um die Verirrten zu retten. Maria verstand
dieses alles nicht so recht, dann sagte Liesa: »Johanna, viele Kranke sind
wieder da, ich möchte nach oben gehen, ich werde da dringend gebraucht, ruhe
dich erst richtig aus, dann komme nach.« »Nein, Liesa«, ich und Maria kommen
mit, gehe nur voraus. »Nun, Maria, höre, willst du mit mir die Pflege der
Kranken mit übernehmen? Auch für dich würde es zum Segen gereichen.« »Ich
will, Johanna, lehre es mich, damit ich endlich ein brauchbares Geschöpf
werde.« »So nicht, Maria, die Liebe soll dich leiten, denn was nun kommt ist
Schule, harte Schule, du mußt vergessen die Liebe zur einstigen Welt,
veredeln in dir die Liebe zu den Männern und nur einen Willen dir aneignen, ein
Helfer zu werden wie Der, der dir ein Helfer wurde.« »Ich will es versuchen,
Johanna, verlaß mich nicht, ich kann nichts ohne deine Liebe.« »Dann komme!« Ein
Winken, ein Grüßen, dann gingen sie Hand in Hand eine Treppe höher. Als sie
in die geöffnete Tür eintreten, stehen beide still, ein Saal mit vielleicht
tausend Betten und vielen Tafeln und Bänken bot sich ihren Blicken, da kommt
Liesa und spricht: »Schau, Johanna, so viele waren es noch nicht, es sind
sehr Schwerkranke darunter, mit Sehnsucht erwarten wir dich. Und du bist
Maria, sei uns herzlich willkommen, die Liebe, die wir für dich in uns
fühlen, soll dir das Schwere tragen helfen, damit du bald frei und froh
wirst, Jesus mit dir!« Maria lernte nun Elend kennen, unermüdlich tat sie
Seite an Seite mit Johanna, was ihr geheißen wurde. Wenn es fast nicht mehr
ging, dann ging Johanna mit ihr in den Garten. Sie kehrten dann in sich ein,
was sie wieder mutig machte. Der herrliche Vater war gekommen, als Doktor in
einem weißen Mantel, von Bett zu Bett, von Tisch zu Tisch ging Er mit
Johanna; überall ein gütiges Wort sagend, oder ein Streicheln über das
zerzauste Haar. Da zog eine Welle von Freude durch den Saal, die
Freudenbezeigungen wollten kein Ende nehmen. Maria
schaute Ihn durchdringend an, mächtig zog es sie zu Ihm hin. Sie wehrte sich
dagegen, sie glaubte, es wäre die alte Leidenschaft, die sie zu den Männern
zog. Sie konnte nicht anders, sie ging hin zu Ihm und sagte: »Doktor,
verzeihe mir, ich muß einmal Deine Hände drücken, die unselige Leidenschaft
hat mich wieder ergriffen. Verzeihe mir, und wenn Du mich hinausstoßest, ich
kann nicht anders.« »Maria, nun bist du geheilt, hier hast du Meine beiden
Hände!« Da griff sie hin, wollte sie an ihr Herz drücken und gewahrte die
Nägelmale. Sie erschrak und schrie auf: »O was ist das, Du bist Jesus! O was
habe ich Unselige getan!« Sie sank nieder und weinte, benetzte mit ihren
Tränen Seine Füße, bemerkte aber die Nägelmale an Seinen Füßen nicht sofort.
Als sie sich ausgeweint hatte, sah sie auch an den Füßen die Nägelmale. Da
wollte sie entfliehen. Er aber hielt sie zurück und sagte: »Maria, wo willst
du hinfliehen? Alles
ist doch Mein Reich! Ich habe rechte Freude über dich. Zum Beweis Meiner
Freude sollst du auch ein anderes Kleid haben. Fahre fort, Meine Tochter,
mache dein Herz ganz frei, daß nur noch ein Sehnen dich erfüllt, ganz Liebe
zu werden, damit auch du zum Segen der Verirrten wirst.« »O Jesus, Du trägst
mir meinen Verrat nicht nach?« »Maria, was du tatest in deiner Blindheit,
hast du auch abbüßen müssen, da du aber deinem verlorenen Bruder den Weg
bahntest, hast du alles gutgemacht. Lerne fleißig in deiner jetzigen Schule,
dann ergreifst du auch Mein Leben, welches Liebe und Erbarmung ist. Denn nur
in Meinem Leben stehend, kannst du wachsen und ausreifen. Mein Friede sei
deine Stärke und Meine Liebe dein Leben. Amen.« Verschwunden war der Herr,
nach einer Weile sagte sie: »Ach, Johanna, wenn es am himmlischsten ist, dann
ist es auch zu Ende. Aber schau, ich habe ein blaues Kleid und einen weißen Mantel.
Doch
ich muß dich fragen, Johanna: wußtest du, daß der Doktor der Heiland Jesus
ist?« »Gewiß, Maria, aber in unserer Welt ist es anders als in der irdischen
Welt. Hier mußt du allein finden, damit dein Innenleben bereichert wird von
dem Göttlichen und Himmlischen. Bist du nun glücklich?« »Gewiß, aber ich
hätte mich anders benommen.« »Maria, wir spielen hier kein Theater, sondern
das Leben ist ein heiliger Ernst, wir nötigen zu nichts, sondern dein in dir
wohnender Geist muß dich drängen, sonst ist kein Wachstum möglich.« Viele,
viele Hände waren tätig für das kommende Weihnachtsfest, nun war der
Zeitpunkt da. Die Kranken waren soweit, daß sie keine Betten mehr benutzten.
Im Saale war alles wohnlicher und freundlicher geworden. Der Aufenthalt im
Freien machte alle zusammen viel froher. 20. Ein Fest im Geiste Jesu
Alle zogen nach Mutter
Annas Heim. Mit Erstaunen sahen sie eine große Arena mit zehntausend Plätzen.
In der Mitte eine Tribüne, worauf hundert und noch mehr Platz hatten.
Platzanweiser waren da. Johanna mit ihren Pfleglingen waren am südlichen Teil
untergebracht. Immer neue Scharen kamen, Bekannte und Unbekannte; ganz
reibungslos wurden alle placiert. Es war ein Freuen, ein stilles Hinnehmen
dieser Guttat, die eben die Erde noch nicht kennt. Viele schmückten die
Tribüne, in kürzester Zeit waren die Blumen der Mittelpunkt alles Schauens.
Um die Tribüne standen Tausende in glänzenden Gewändern mit Instrumenten.
Ihre Augen glänzten vor Freude. Nun kommt Mutter Anna mit einem herrlichen
Engel. Sofort beginnen die Instrumente. Was gespielt wird, kennt niemand,
aber die Töne ergreifen die Herzen aller. Dann spricht der Engel:
»Friede und Freude verbindet uns! Mein Gruß ist auch mein Dank an euch, die
ihr Kinder meines Herrn und Gottes seid. Mit wehem und wundem Herzen komme
ich von den Gefilden eurer einstigen Erde, wo man das Fest der Liebe zum Sieg
des Hasses macht. Meine Augen sahen Not, Not, Elend über Elend, mein Herz
aber fühlte noch größeres Leid, da die irregeleiteten Menschen denen die
Hände binden, die helfen und lindern möchten. Ich erbat mir die Erlaubnis vom
Herrn, bei euch das Fest zu verleben, denn auch ihr, die ihr noch
Erdgebundene seid, bedürft noch vieles, was euch erst nach und nach zu eigen
wird. Meine Worte gelten vor allem denen, die noch in dunklen Gewändern sind,
und zu euch spreche ich im Namen des Herrn: Seid euch bewußt, daß jedes Leben
seine Erfüllung braucht, werdet euch klar, daß nur euer eigener Wille und
Wollen das Fördernde ist in eurem jetzigen Dasein. Wenn an diesem heiligen
Tage, der in allen Himmeln gefeiert wird, ihr auch in Gemeinschaft mit
Seligen feiern könnet, ist es höchste Gnade und das größte Liebesgeschenk
unseres Gottes und heiligen Vaters. Ihr aber in weißen und glänzenden
Gewändern, ihr Geschmückten mit dem Preis der Liebe, überstrahlt alle und
alles mit der Liebe, die euer Leben ist. Euer Auge sei gerichtet auf die
Armen, euer Herz bleibe die Stätte, die den Gottentferntesten noch Zuflucht
bieten möchte. Euere Liebe ist auch für die Himmel nicht ohne Bedeutung
geblieben, darum sollet ihr auch von den Seligen, die euren Herzen
nahestehen, erfreut werden. Machet euch bereit für die himmlischen Gäste!«
Auf einmal war die Arena noch einmal so groß. Unzählige waren gekommen zu
ihren Lieben, um das Wunder der Liebe Gottes noch mehr zu offenbaren. Bei
Johanna war die Mutter Helene, die Freude des Wiedersehens ist
unaussprechlich. Die Musiker spielen
sanfte Weisen, auf die Tribüne werden die feinsten Früchte gebracht. Fanfaren
ertönen, ein Zug geschmückter junger Mädchen, geführt von einer strahlenden
Pflegerin, begeben sich auf die Tribüne und führen die Bethlehemsszene auf,
wo die Hirten den Neugeborenen suchen. Geführt von einem Engel spricht eine:
»O seliger Augenblick, wo meine Augen dürfen schauen, ein Kindlein, heut in
dieser Nacht geboren, der Du aus den Ewigkeiten in die Zeit geschritten kamst
und die Armen und Verirrten alle bei den Händen nahmst. Sei in allen Zeiten
mein Hirte und mein Held, laß mich gehen Deine Wege, wie es Dir nur gefällt.
O seliger Augenblick, als Kind in dieser Nacht geboren, hast mich zum Kind
gemacht, zum Heiland mich erkoren. Darf gehen in die Nacht, um alles zu
erhellen, mit Deinem Gnadenlicht Dich Selbst nun darzustellen. O wonnevoller
Gnadenakt, was Du uns bist geworden, laß mich Dein Wesen ganz erfassen, O
Jesus Du mein Vater, o komm und bleib bei uns, wie wir bei Dir verbleiben. O hört die Freudenkunde,
geboren einst als Kind, klang es aus Engelsmunde; doch jetzt ruf ich als Kind
in dieser Gnadenstunde: Du, Jesus, bist das Leben, das Heil für alle Welt,
willst ganz als Vater Dich hingeben, wo Kindesliebe Dich umhüllt. Hier diese
Gaben sind von Dir, laß midi sie nun austeilen, daß alle die, die nun hier
weilen, an Deiner Seite heilen. Nun gab sie ein Zeichen, rasch ergriffen die
geschmückten Mädchen die Früchte, welche in zierlichen Körbchen auf der
Tribüne ihrer Verteilung harrten. Schnell eilten sie zu den Anwesenden auf
den Plätzen. Lautlos und schnell ging die Verteilung der Früchte vor sich,
aber die Tribüne wurde nicht leer, je mehr abgeholt wurde, desto mehr wurden.
Die Körbchen gingen von Hand zu Hand, was herausgenommen wurde, ergänzte sich
von selbst. Auch in die Reihen der Dunkelgekleideten wurden die Früchte
getragen. Nun hatten sie alle dieses kostbare Geschenk in ihren Händen, da
wurde noch einmal allen eine Freude, der heilige Vater war sichtbar geworden!
Segnend hatte Er Seine Hände erhoben, dann sagte Er zu allen: »Eure Freude
ist auch Meine Freude, liebe Kindlein, es ist Meinem Vaterherzen höchstes
Glück, so Ich in euch Mein Leben wachsen sehe und Mein Heilandsgeist von euch
angeeignet wird. Ich komme von den
Stätten tiefsten Elends und möchte euch, die ihr in Meinem Heilandsgeiste
tätig seid, nochmals erinnern, daß kein Himmel und keine Schönheit der Himmel
Mein Herz so erfreuen kann wie ihr, die ihr nun dem Elend entrissen seid und
die wahre Freude und das rechte Leben zu eurem Glücke macht. Der Feind alles
Lebens glaubt den Sieg über alles Leben feiern zu können, er spottet über
Meine Heilandsliebe und rühmt sein Wesen, welches besser sei als Meine
Heilandsliebe. Hier nun, wie Ich in eure leuchtenden Augen schaue und eure
Herzensliebe wie brennende Kerzen strahlen, bin Ich entschädigt für all das
Weh, welches Mein Herz ergriffen hat im Trubel der finsteren und verirrten
Welt. O Kinder hört, Mein Herz
ist immer bei euch, der Strom Meiner Liebe und Kraft wird nie aufhören, euch
zu beleben, aber um eines bitte Ich euch, vergesset in eurem Glück die Armen
nicht! Genießet nun die Früchte, die Meine Liebe für euch schuf, sie sollen
der Ausdruck Meiner Liebe und des Dankes sein. Amen.« Obwohl alle am liebsten
zum Herrn geeilt wären, blieben sie doch ruhig und genossen die reine Frucht
der Vaterliebe. Dann fingen die Mädchen an zu singen, die Spielleute setzten
mit ihren Instrumenten ein. Bei diesem herrlichen Oratorium vergaßen alle,
daß sie einst auch im Elend geweilt hatten. Nach Stunden war das Fest
vorüber, die Seligen waren wieder in ihre Himmel zurückgekehrt. Sie nahmen den Ausdruck
der gehabten Freude mit, die Dagebliebenen waren überselig. So verloren sich
die Scharen und zogen in ihre schönen Heimstätten zurück. Gotthold blieb mit
seinen Pfleglingen geduldig, bis sie zu Vater Hendrick und Mutter Anna gehen
konnten, wo Johanna mit Maria, Liesa, Rosel, Christa und Lena schon waren.
Ihre Pfleglinge wurden durch andere, in ihre Heimstätte geführt, die der
herrliche Engel begleitete auf Geheiß des ewigen Vaters, der mit Hendrick in
Unterhaltung war. Zurück
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21. Die Liebe höret nimmer auf
Bei
Hendrick angekommen, war es Anton, der sich nicht halten konnte. Er eilte hin
zum Herrn und sagte: »Du lieber Freund, weil ich Dich nur einmal wiedersehe,
mein Herz verlangt danach, Dir zu danken und Dich zu bitten, mir zu
gestatten, daß ich Johanna und Maria, die ich fast nicht mehr kenne, auch
danken kann.« »Tue es, Anton, Ich bin unterrichtet von deiner Arbeit, deinem
Eifer, nur noch mehr Geduld mußt du haben und üben. Hier im Reiche der
Ewigkeit ist es eben anders als auf der Erde, denn wo du bist und stehst, ist
ja dein Reich, und wenn dir alles viel zu langsam geht, mußt du zur wahren
Liebe dich entschließen, dann werden Dir Helfer und auch Hilfe. Da
schau dir dieses Kunstwerk an, nur Liebe schuf es und in denkbar kürzester
Zeit, du würdest mit deinen Brüdern eine Ewigkeit dazu gebrauchen, oder gehe
mit deinen Brüdern dorthin, wo Johanna und Maria ihre Liebe ausüben, dann ist
dir vieles beantwortet, was an Fragen dich bewegt. Begrüße nun deine
Schwestern und stoße dich nicht an deinem Gewand, wenn Zeit und Stunde da
ist, wird auch ein lichteres Gewand deine Wesenheit bekunden.« Die Begrüßung
war eine herzliche, aber Anton war unfrei, er gewahrte die Kluft, die
zwischen ihm und den anderen war. Johanna sagte: Ȇber die Kluft baue eine
Brücke, sie heißt Liebe! Habe rechtes Vertrauen, bald wirst du das Wunder der
Liebe erleben. Es ist auch gestattet, uns zu besuchen; bis dahin gedulde
dich, auch deine Brüder möchten die Gnade ganz auskosten, hier bei Mutter
Anna eingekehrt zu sein.« Alle drängten hin zu Mutter Anna, diese sagte:
»Kommt, Kinder, auch bei mir müsset ihr einkehren, aber ihr dürft nicht
erschrecken über die Schönheiten.« So
ging sie voraus ins Haus, aber da getrauten sie sich nicht weiter. Da kam der
Herr mit Hendrick und sagte: »Aber nun kommet nur herein, ihr Freunde, denn
ihr seid ja eingeladen, stoßet euch an nichts, denn Grund hätte Mutter Anna,
sich an euch zu stoßen.« Da traten die Brüder näher, Anna lud zum großen
Tische ein, wo Wein, Brot und Früchte in durchsichtigen Goldgefäßen waren.
Anton war beklommen, aber der Herr nahm ihn an Seine Seite. Da saßen sie nun
wie die armen Sünder, da sagte der Herr: »Freuet euch der Gnade, an diesem
Tische zu sitzen, denn wer an diesem Tische gegessen und getrunken hat, hat
volle Vergebung erlangt. Wohl kann aus eurer Innenwelt alles Alte nicht so
schnell zu Neuem umgestaltet werden, aber erlebet ihr nicht, wie der Heiland
und die Vaterliebe euch hilft? Alle wie sie hier und draußen in den
herrlichen Auen wohnen, waren verirrte und zum Teil fast verlorene Menschen
und sind doch gerettet worden. Sie sind glücklich in ihrem Sein. Auch
ihr werdet es noch ganz und voll werden. Nun hinweg mit den trüben Gedanken,
voraus den Blick in die Zukunft und Hand ans Werk, es wird gelingen!« Mutter
Anna sagte: »Kinder, die Liebe höret nimmer auf, wiederum ist der Tisch für
euch alle gedeckt, genießet mit frohen und dankbaren Herzen, damit ihr ganz
froh und glücklich werdet. Lasset euch vom wahren Leben ergreifen, welches
uns geschenkt ist durch Jesum Christum. Seine Liebe und Sein Segen walte über
euch. Amen.« Johanna nahm das Brot und sagte, es dem Herrn reichend:
»Möchtest Du nicht mit mir von einem Brote genießen?« »Aber gern, Johanna,
wir alle werden von dem Brote genießen, sei versichert, es reicht für alle!«
Da brach der Herr ein Stück ab und gab die Hälfte dem Anton, zerbrach sie und
sagte: »Gib deinem Bruder die Hälfte weiter und so fort, es wird reichen!« So
geschah es, alle verkosteten und verkosteten wieder das Brot, es schmeckte
immer besser. Da
weinte Anton und sagte: »Freund, warum erleben die Menschen das Wunder nicht,
alle Sünde würde aufhören und nur nach dem Schöpfer und Geber dieses Brotes
fragen.« »Anton, so sagst du jetzt, ist das Wunder nicht täglich auf Erden
ersichtlich? Bringt die Erde nicht alles hervor, was den Menschen zu Nutz und
Frommen ist, und wie sieht es aus? Jetzt erkennst du die Gnade und bist
erstaunt über deine Frage, aber sie beweist, daß du Freude am Leben gewinnst.
Fahre nur fort in deinem Tun, nimm dir die rechte Liebe zum Antrieb, dann
wird es nicht lange dauern und du wirst froh.« »Gott gebe es«, sagte Anton,
»ich könnte es gebrauchen, ich kann nur so schlecht das Vergangene vergessen.
Wenn ich daran denke, daß ich das herrliche Brot mit Füßen trat, könnte ich
mich ohrfeigen.« »Habe Geduld, Anton, bald wirst du überwunden haben.« Anton:
»Das sagst Du, der Du vielleicht nie gesündigt hast! Ja, wenn ich nur einmal
mit dem Heiland Jesus reden könnte, vielleicht könnte Er mich heilen. Die
schwerste Arbeit suche ich mir stets aus, um vergessen zu können. So wir aber
etwas ruhen, wird die Erinnerung wieder lebendig. Die
Narben an meinem Fuß und Bein sind ja das Schandmal meiner großen Sünde.« Der
Herr: »Anton, du verkennst deine Lage, du weilst ja unter Seligen, speisest
jetzt am Vatertisch und kannst dich nicht aufschwingen zu der Freude, die in
allen Himmeln zu finden ist? Komm, Johanna, schenke uns von dem Wein, damit
er belebt zum Leben!« Johanna tat es. Der Herr reichte dem Anton einen vollen
Kelch des klarsten Weines sagend: »Lasse dein Leben Liebe werden«, trank
einige Schluck und sagte: »Trinke, und gib weiter, alle sollen wissen, der
Herr ist Liebe!« »Welch ein Geschenk, dieser Wein!«, sagte dann Mutter Anna;
»Kinder, nehmt noch diese Früchte und kommt und beschaut euch dieses
Paradies, welches die Liebe geboren hat.« Die Besucher legten die Scheu ab,
dann ging es hinaus unter Führung der Anna. Sie alle kamen aus dem Staunen
nicht heraus. Die Arena war verschwunden, an dieser Stelle war ein
allerschönster Blumenhain, welcher einen Duft verbreitete, für den es keinen
Ausdruck gibt. Aber Anna führte sie weiter, an größeren Blumen- und
Fruchtgärten vorbei. Im Hintergrund standen kleine weiße Häuschen, zwei
Bewohner grüßten und winkten. Als
sie nähertraten war die Freude groß. Johanna sprang ihnen entgegen und sagte:
»Vorsicht, den Herrn nicht verraten!« Die Besucher traten näher. Anna sagte:
»Kommt, tretet ein und schauet, was der Liebe möglich ist.« Anton aber sagte:
»Aber Freunde, ist es nicht zuviel verlangt, wir sind an dreißig und fünf
gehen kaum hinein? Da sagte der Herr: »Du irrst dich gewaltig, sagte nicht
Anna .schauet was der Liebe möglich ist!’« Tief verneigten sich die zwei
Bewohner dieses Hauses und nun erschraken die Besucher vor der Größe dieses
Raumes und der Schönheit, die sich ihren Blicken bot. Im Hintergrund dehnten
sich herrliche Gärten aus, in denen viele Menschen lustwandelten. Spricht
Anton: »Du lieber Freund, dieses geht nicht mit rechten Dingen zu, da bleibt
aller Verstand stehen, von außen die reinste Kirschenbude und von innen, na,
ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Der Herr aber sagte: »Anton, denke immer
daran, daß der Herr die größte Liebe ist!« Weiter ging es nach dem Haus der
Johanna. Freilich, dieses war etwas größer, aber schmuck und schneeweiß sah
es aus. Johanna sagte: »Tretet ein im Namen der Liebe und gesegnet sei euer
Eingang.« Im
Erdgeschoß hielten sie sich nicht lange auf, langsam hatten sie sich an die
Schönheiten gewöhnt, aber die Freundlichkeit der Bewohner, das Strahlen der
Augen übertrug sich auf sie, daß alle vergessen hatten, was sie bedrückte. So
nahmen sie hier Abschied und gingen nach oben. Dort bewegten sich die Kranken
frei, sie kamen näher und ihre Freude war groß, denn sie hatten ihren Doktor
erkannt. Die Freudenausbrüche, die Anton erlebte, packten sein ganzes Innere.
Was muß dieser Doktor für ein Mensch gewesen sein, daß die Herzen dieser
Blöden und Kranken Ihm so entgegenstrahlen und erst die Pflegerinnen, wie
leuchteten ihre Augen, es war eine Harmonie, die ihn ganz weich machte. Und
erst Maria, was war mit der los? Sie hatte ja nur noch Augen und Ohren für
den Doktor, sollte sie in den verliebt sein? Ich muß sie fragen, denkt er bei
sich, da dreht sich der Herr um und spricht: »Anton, warum verlierst du dich
wieder, wo du dich selbst noch nicht gefunden hast, sagte Ich nicht, daß du
immer daran denken sollst, der Herr ist die Liebe? Alles Denken aber muß mit
dem Herzen geschehen, sonst kommst du nicht zur Gewißheit!« Anton:
»Weißt du, lieber Freund, jedes Wort ist ein Rätsel, jeder Blick den man tut,
offenbart ein Geheimnis; es wird lange dauern, ehe ich klar sehe, aber um
eines bin ich reicher geworden, daß wir als Menschen die größten Dummköpfe
waren, und die Dummheit hängt sich hier noch an, als wenn sie und der Mensch
zusammengehörten. O lieber Freund, nimm mir meine Rede nicht übel, ich habe
mich in den Schönheiten dieser Welt wirklich verloren.« Der Herr: »Anton,
nicht in den Schönheiten, sondern in deiner Dummheit; aber nun mache Ernst im
Geiste der Liebe, denn alle die du hier siehst, wissen, daß die Liebe der
Grund und Urgrund des wahren Lebens ist, aber keine Liebe die genießen,
sondern schenken und helfen will.« An einer langen Tafel waren schöne große
Blumen, ihr Duft unsagbar, die Besucher trennten sich ungern. Da sagte
Johanna: »Nehmt ein jeder einen Strauß mit in euer Heim, pflanzet dieselben
in eure Gärten ein, dann verwelken sie nicht und bringen obendrein neue
schöne Blüten. Meine Mission ist nun erfüllt, bald hoffe ich, euch alle
besuchen zu können. Aber eins muß ich dir sagen, Anton, Maria kann noch nicht
mit dir gehen, denn dieses hängt nicht von uns, sondern vom Herrn ab. Nur Er
weiß um alles, wir aber nur das, was uns Sein Geist offenbart. Zieht hin in
Frieden. Du,
lieber Gotthold, wirst bald von deinem Schweigen entbunden werden und viel
reden müssen.« So trennten sich die Besucher von den Kranken und Pfleglingen.
Maria sagte zu Anton: »Anton, hier erlebe ich erst die wahre Liebe; sei
versichert, nur in dieser Liebe ist es möglich, für alle Ewigkeiten glücklich
zu werden. Glaube und hoffe, dann wird es dir gelingen, gleich uns den Geist
zu erfassen, der wahrhaft glücklich und selig macht. Wirf alles Vergangene
von dir und lebe ganz dem Geiste dieses dir nun bekannt gewordenen Lebens,
dann bist du daheim, wo der heilige Vater auf dich wartet. Die Liebe Jesu
wird dich stark machen!« Der Herr aber segnete die Dahinziehenden, die immer
und immer wieder winkten. 22. Der Liebe großes Wunder
Rastlos
arbeiteten die Mädchen. Maria hatte sich gefunden, ihr Herz glühte vor
Sehnsucht, so sie an die Stunde dachte, wo sie den Herrn erkannte. Eine heiße
Welle zog über ihr Herz, und endlich hatten ihre sinnlichen Regungen einer
heiligen Sehnsucht Platz gemacht. Mit übergroßer Sehnsucht wartete sie auf
den Herrn. In einer solchen Stunde sagte Johanna: »Maria, wollen wir nicht
einmal zu deinen Freunden gehen, ich fühle ihre Sehnsucht nach uns.« »Gern,
Johanna, aber lieber wäre mir, der gute Heiland wäre hier; ich habe ein
mächtiges Verlangen nach Ihm.« »Wenn dein Verlangen ganz aus der Liebe
geboren ist, dann, Maria, ist Er auch hier! Ist dieses Verlangen aber eine
Regung aus deiner Seele, dann übe Geduld, denn wisse, der Herr und heilige
Vater wird dir geben, was dir und den anderen zum Heile dient. Wir
wollen aber doch deinen und auch unseren Freunden eine rechte Freude machen.«
Ein Korb der schönsten Blumen und vieler schöner Früchte wurde gepackt, dann
machten sich die beiden, begleitet von dem Segen der anderen, auf den Weg.
Mutter Anna erwartete sie mit Freuden. Als sie kamen, führte sie die beiden
in ihr Heim, um sie noch einmal so recht zu erfreuen. Vor allem nahm sie noch
einmal Maria an ihre Brust und sagte: »Kind, fahre so fort im Eifer dieser
dir nun gewordenen Liebe, dann wird deine Sehnsucht den Grad erreicht haben,
wo sie volle Erfüllung bringt. Noch denkst du zu viel an dich, und die
Schönheiten verlieren an Glanz und Herrlichkeiten; gilt aber deine Sehnsucht
ganz dem Herrn um der anderen willen, umwebst du die dich umgebenden
Schönheiten mit deiner Liebe, und alles wird schöner werden. Denke
nicht, der Herr wird deine Sehnsucht stillen, so Er ganz bei dir ist, sondern
sei versichert, daß du erst wahrhaft glücklich bist, so du ganz in Seinem
Geiste Dienerin und Vertreterin Seiner heiligen Liebe geworden bist.« Reich
an Freude gingen beide vorbei an herrlichen Gärten und Häuschen. Wie viele
kamen geeilt, um nur ein paar Worte der rechten Freude und des Verstehens
auszutauschen, bis sie zu den Wohnstätten kamen, wo Gotthold mit den anderen
wirkte. Ein schönes Häuschen war entstanden mit einem großen Vorgarten.
Robert, der gerade anwesend war, sagte zu Anton: »Da schau, ein neuer Sonnenschein
kommt jetzt in dein und deiner Brüder. Haus, Maria und Johanna sind doch
gekommen.« Anton eilte hin und bewillkommnete beide. Am liebsten hätte er
Maria umarmt, aber die beiden trugen den Korb mit den Blumen und Früchten.
Voller Freude rief er Gotthold und die, die im großen Garten arbeiteten. War
das eine Freude, als Anton beide in ihr Häuschen führte. Er bat sie, recht
lange zu bleiben und von dem Freunde zu erzählen, der ihm die Möglichkeit
gab, mit den anderen ein neues Leben aufzubauen. Die Blumen wurden in Gefäße
getan, die Früchte in Schalen gelegt, da wurde die große Stube voll des
feinsten Wohlgeruches, so daß Anton sagte: »Ihr müsset noch etwas mitgebracht
haben, denn so lieblich können die Blumen unmöglich duften, ich fühle mich so
unendlich wohl wie noch nie in meinem Leben.« Johanna: »Du ahnst richtig,
lieber Anton, die Liebe, die wir fühlen und tragen in unseren Herzen würde
nur durch Worte geschmälert werden, darum sprechen die Blumen, was unser Mund
Verschweigen muß, aber nun führe du uns durch dein Reich, damit wir auch von
deiner Liebe erfahren und erschauen.« Tüchtig
ist hier gearbeitet worden, Johanna kargte mit ihrem Lob nicht, aber Anton
sagte: »Ich fühle in mir, daß wir alle anders geworden sind, aber schau, mein
früheres Leben lastet noch gewaltig auf mir. Ja, wenn ich alles herausreißen
und ungeschehen machen könnte, da wären die Aussichten gut, oder wenn dieser
gute Geistesfreund mit Seiner Kraft und Weisheit hier wäre, Er würde viel in
mir umstalten. Jetzt denke ich, endlich habe ich es erfaßt, im nächsten
Zeitabschnitt ist alles wieder beim alten. Maria fehlt mir.« Johanna: »Aber
Freund, seit wann reifen denn die Früchte an einem Tage, warum sehnst du dich
nach Maria, die selber noch die größten Anstrengungen machen muß, um
auszureifen in dem Geist, der wahres Leben bedeutet. Nur einen brauchst du,
der dir volle Stütze sein kann, Jesus, unseren guten Heiland. Was
wären wir ohne Seiner, was und wo wären wir geblieben, so Er nicht zu uns
gekommen wäre. Schaue nur Maria an, endlich ist es ihr gelungen, mit Hilfe
des herrlichen Heilandes frei zu werden von der unseligen Leidenschaft, die
in ihrer Seele lag. Seitdem ist auch die Schranke niedergerissen, die sie von
ihrem Heiland und Herrn trennte.« Anton: »Ich verstehe dich, Mädchen, mit
Gewalt will ich vergessen, gutmachen mein verpfuschtes Leben, ich ringe im
Gebet um die Freiwerdung und bin meinen Kameraden der beste Freund. Nie
tadelt mich Gotthold, aber ich stehe so entfernt vom Ziele, daß ich verzagen
möchte.« Johanna: »Lieber Freund, du erzählst mir nichts Neues, genau so
erging es mir, Maria und allen, allen, die in der Schule der Entwicklung
stehen. Wir alle kannten uns nicht, alles war auf das Äußere eingestellt und
wir ließen das Innere unbeachtet; das Äußere drückte unbarmherzig den Stempel
auf unsere Seele, welche hier unser Leib ist. Darum
gibt es nur eine Hilfe und eine Rettung, durch Jesus den guten Heiland.«
Anton: »Mädchen, das will ich ja, aber wie ist es denn möglich, ich habe ja
den Willen!« Johanna: »Alles, was du willst, daß man dir tue, tue anderen
zuvor! Noch ist zuviel des eigenen Willens in dir. Laß deinen Willen größte
Sehnsucht werden, deinen Brüdern nicht nur Freund und Kamerad, sondern wahrer
Bruder zu sein; dann durchbricht dein eigener in dir wohnender Geist die
Schranke und kann dem Heilandsgeiste Handlanger sein.« Anton ist bekümmert,
er schaut Maria an und spricht: »Maria, du liebst mich, würdest du auch so
sprechen wie Johanna? Es heißt, dich verlieren, denn deutlich sehe ich es, du
bist es, die in mir lebt.« Maria:
»Anton, ich habe den großen Schatz gefunden, durch den wir alle, auch du,
wahrhaftig selig werden können, es ist der Heiland Jesus. Solange noch etwas
in uns lebt, was sich nicht mit dieser Heilandsliebe deckt, ist die wahre
Seligkeit nicht zu erringen. Ich freue mich doch so sehr über euch alle, weil
ihr den Willen habt. Aber nun lasse auch die Liebe zu deinem Heiland wirkend
werden, aber nicht die sinnliche, sondern die himmlische, die nur geben und
wieder geben will. Ich weiß es aus Erfahrung, was es kostet, ich glaubte
auch, es wird nicht möglich sein, aber jetzt sage ich dir, es ist doch
gelungen. Und weißt du, wer mir dabei half? Jener gute Freund!« Johanna legte
ihre Hand auf Marias Mund und sagte: »Maria, die Brüder schauen so sehnsüchtig
auf die Früchte, willst du nicht austeilen? Bitte doch Anton, daß er alle
hereinrufen soll. Wir reden viel zu viel und doch fehlen noch welche, die
sich auch erfreuen wollen.« Anton schaut um sich, da greift er sich an den
Kopf und spricht: »Jetzt habe ich wirklich die anderen vergessen, du hast
recht Johanna, ich denke viel zu viel an mich.« Schnell ging er in den Garten
und rief alle laut zusammen. Wie
sie alle bei ihm waren, sagte er: »Kommt, die Liebe ist zu uns gekommen!« Nun
wollten sie alle hören, Anton aber sagte nur: »Kommt und sehet!« Wie die
Begrüßung vorübet war, sorgte Anton, daß alle Platz nahmen. Maria teilte die
Früchte aus; aber niemand getraute sich zu essen, sie sahen alle auf Anton
und warteten auf ein Wort von ihm. Johanna: »Anton, deine Brüder sind unfrei,
an was mag das liegen? Ihre Freude ist noch keine reine. Lasse doch in dir
den harten Zug zu Liebe werden, sei du Vorbild in der Liebe. Ihr aber, ihr
Brüder, leget alle Scheu ab, damit nicht nur euer Haus, sondern auch euer Inneres
zum Sonnenschein werde. Die Früchte in eurer Hand genießet in Freude, es sind
noch welche da, kommt, zögert nicht länger, wir haben sie nicht zum Anschauen
mitgebracht.« Anton schaute auf Johanna und Maria, dann nickte er den anderen
zu und biß in den Apfel, den er in der Hand hatte. Dann sagte er: »O welch
ein Geschenk, o Brüder, säumet nicht länger, esset, esset, wahrlich, da
vergißt man alle Sorgen.« Endlich
fingen die anderen auch zu essen an, da wurde erst die Freude zur Freude. Da
kam einer und fragte Johanna: »Könnten wir in unserem Garten doch auch einen
so herrlichen Baum pflanzen, der solche guten Früchte bringt, schon das
Anschauen ist eine Freude, geschweige das Essen!« Johanna: »Brüder, die Bäume
bringen die Früchte nach der Liebe, die wir in uns tragen, nicht die Bäume,
sondern alles was in unserem Garten wächst, gleicht unserer inneren Liebe. Es
ist nicht wie auf der Erde, wo sich alles nach den Gesetzen einordnen läßt
und muß. Hier im großen Geisterreich gibt es wohl auch Gesetze, aber die
Liebe gibt Erfüllung. Trachtet nach dem, was den anderen erfreuen kann, und
alles wird schöner und besser!« Anton: »Johanna, gibt es denn so etwas, daß
der Baum heute saure und später süße Früchte gibt?« Johanna: »Anton, warum
zweifelst du an der Herrlichkeit Gottes, die nur offenbar wird durch die
tätige Liebe? Hier nimm diese Blumen und pflanze sie, aber im Geiste wahrer
Bruderliebe, und das Wunder der Gottesliebe wird offenbar werden.« Anton:
»Wirklich? Dann werde ich es versuchen.« »Johanna: „Dann nimm die schönsten,
es sind unsere Himmelsschlüsselchen, die nie verwelken so sie in das Erdreich
kommen.« Anton:
»Johanna, würdest du mir dabei helfen?« Johanna: »Gern.« Die anderen blieben
zurück. Anton nahm die Blumen, ging nach seinem Garten und wollte die Blumen
einsetzen; da sagte Johanna: »Anton, so nicht, pflanze doch die Blumen in die
Gärten deiner Brüder, dann werden sie recht gedeihen, sei versichert, für
deinen Garten bleiben immer noch welche. Denkst du aber nur an deinen Garten,
dann reichen sie kaum für dich. Ich gehe inzwischen wieder zu Maria, sie
braucht mich.« Anton setzte nun die schönen großen Blumen in die Gärten
seiner Brüder, aber je mehr er einsetzte, sie wurden nicht weniger, eher
mehr. Da wunderte er sich über dieses Wunder. Sollte Johanna recht haben? Es
kam eine Freude über ihn, so daß er immer fleißiger arbeitete. Schon einige
Gärten waren bepflanzt, da kommt ein einsamer Mann daher, beschaut sich
rechts und links die Gärten, Anton denkt, wer mag das sein? Es
ist der erste fremde Mann, der in diese Nähe kommt. Da geht eine Erleuchtung
über ihn, das ist doch der fremde Freund, der ihm aus der Hölle half. Er eilt
mit den Blumen in der Hand hin und begrüßt ihn mit sichtlicher Freude. Da
spricht der fremde Freund: »Anton, warum bist du allein, wo sind deine
Freunde, haben sie dich verlassen?« »O nein, lieber Freund, im Hause sind
sie, wo Johanna und Maria zu Besuch gekommen sind. Ich wollte nur die Blumen
einpflanzen, die die beiden mitgebracht haben, damit unsere Gärten etwas
freundlicher werden.« »Da tatest du recht, komm, ich helfe dir dabei, damit
wir rasch fertig werden und zu den anderen kommen. Ich muß doch sehen, wie
ihr euch zu eurem Heile entwickelt habt.« »Es wäre schon schön, aber laß mich
die Blumen selber pflanzen, erstens möchte ich Johannas Rat befolgen und
zweitens macht es mir Freude, weil ich so ein großes Wunder erlebe.« »Wieso
Wunder? Im Geisterreich gibt es keine Wunder, Ich müßte doch davon wissen.«
»Nun, wenn das kein Wunder ist, wenn die Blumen nicht weniger werden, was
soll es denn dann sein? Die
verpflanzten Blumen geben ja zusammen einen großen Haufen, es war aber nur
ein Strauß!« »Anton, bleibe bei deiner Ansicht, aber nun laß mich dir doch
etwas helfen, schon darum, weil du Mir Freude machst. Komm, gib Mir die Hälfte,
Ich bin kein schlechter Gärtner, bald werden die Blumen gesetzt sein, und
dabei erzählst du Mir, wie es dir inzwischen ergangen ist.« »Weißt Du, guter
Freund, ich werde doch Johannas guten Rat befolgen und einen Strich hinter
das Vergangene machen, denn so ich es nochmals erzähle, zieht wieder
Bitterkeit in mich ein, denn ich bin trotz guten Willens nicht vorwärts
gekommen.« »Aber nicht doch, Anton, du siehst ja ganz gut aus, hast du denn
Not gelitten?« »Ja und nein, guter Mann, wie man es nimmt. Hunger
und Durst leiden wir hier nicht, auch die Arbeit geht vorwärts, aber hier
innen hapert es gewaltig, die Erdenschwere lastet noch zu sehr, Maria kann
ich nicht vergessen, sie fehlt mir.« Ganz eifrig ist nun der Mann geworden,
die Blumen flogen nur so in den Boden. Anton schwitzte, denn er wollte nicht
nachstehen. Endlich war noch ein Garten zu bepflanzen, da sagte der Freund:
»Anton, siehe, ich habe nur noch sieben Blumen, wie viele hast du noch?« »Nur
noch zwei, guter Mann, es schadet aber nichts, denn dieser Garten ist der
Meinige, die Hauptsache ist, daß den anderen ihre Gärten recht schön werden,
die Brüder sollen sich freuen!« »Anton, laß uns die Blumen mit recht viel
Liebe pflanzen, dann wirst du erst das wahre Wunder erleben!« 23. Ohne Liebe kein Gelingen
Rasch waren die Blumen gesetzt. Anton hoffte, die
Blumen würden sich vermehren wie in den anderen Gärten. Er war enttäuscht,
aber der Freund sagte: »Anton, warum hast du Schatten in deinen Augen, du
hofftest, die Blumen würden sich vermehren, warum bist du enttäuscht? Du
kannst doch später wieder aus den Samen neue ziehen und nach deiner Lust und
Freude die Blumenpracht vergrößern, oder tut es dir leid, daß du bei den
anderen freigebiger warst?« Anton nimmt die Hände des Freundes und spricht:
»Siehst Du, lieber Freund, wieder verfiel ich in den alten Fehler, es ist nur
gut, daß Du da bist, ich glaube, ich hätte die größte Dummheit gemacht und
von den Gärten der Brüder geholt, um nicht geringer dazustehen.« »Anton, Ich
glaube, du begehst die Dummheit, daß du deine Brüder falsch beurteilst, Ich
glaube eher, deine Brüder würden dich umsomehr lieben. Wie recht Ich habe,
wirst du erleben, wenn deine Brüder kommen. Dort kommen sie schon, wir haben länger gebraucht,
sie wollen dich holen.« Sie kamen alle, auch Johanna und Maria. Sie will sich
auf den Herrn stürzen, Johanna hält sie und spricht: »Halt, größte Vorsicht,
nichts verraten, du weißt, der Herr will von selbst erkannt sein.« Da staunen
die Brüder über ihre Gärten, von dem Mann nehmen sie weniger Notiz, aber
einer spricht doch zu Anton: »Bruder, Bruder, ich weiß nicht, was ich von dir
denken soll, mein Garten ist das reine Blumenwunder und der deine ist so
leer. Ich hatte immer eine kleine Furcht vor dir, aber von nun an will ich
dich lieben, weil du doch der Bessere bist!« Anton: »Rede nicht so, Paul,
bedanken wir uns bei Johanna und dem guten Freund, denn Er half ja dabei.«
Paul: »Ja, wer ist denn dieser Freund, ist es derselbe von dem du immer
soviel sprichst, wie heißt Er denn?« »Wenn ich das nur wüßte, Paul, nur das weiß ich, daß
wir Ihm zu größtem Dank verpflichtet sind, denn ohne Seiner säßen wir noch im
großen Elend. Wenn ich an das Fest und den Besucher denke, dachte ich
manchmal, so ein großer Engel möchte ich auch werden!» Paul: »Aber Anton,
warum fragst du Ihn nicht nach Stand und Namen, ich glaube kaum, daß Er dir
gram sein könnte.« Anton: »Er ist ein großer Arzt, Johannas Kranke leben
förmlich auf so Er kommt.« Paul: »Anton, ich glaube du bist ein großer
Dummerling, mir würde es nicht schwerfallen, Ihn zu fragen, ich werde es an
deiner Statt tun, ich habe großes Zutrauen zu Ihm.« Gotthold besprach sich mit dem Herrn, da kam Paul
und wollte das Gespräch belauschen, da sagte der Herr zu Paul: »Wolltest du
etwas von Mir? Ich bin zu allen gekommen, doch wisse, Neugier befriedige ich
nicht, Meine Liebe will euer ewiges Heil.« Paul: »Lieber Engelsfreund, Du
hast richtig geschaut, aber sieh, Anton liebt dich, weiß aber nicht, wer Du
bist. Ich möchte Anton helfen und Du kannst mir dabei behilflich sein; denn
ich habe großes Zutrauen zu Dir.« Der Herr: »Paul, es ist lobenswert von dir,
auch würde Ich dir gern dabei helfen, aber schau, warum kommt Anton nicht
selbst. Hier im ewigen Geisterreich kann nur das Eigentum werden und sein,
was ein jeder sich selbst erringt. Es würde ihm keinen Nutzen, eher Schaden
bringen, und was liegt an Meinem Namen? Wenn Ich dir Meinen Namen sage, bist
du immer noch derselbe, hast du Mich in dir erkannt und aufgenommen, sind wir
nach außen wohl zwei, aber innerlich eins. Solange dir Bruder Anton noch Anton ist, seid ihr
zwei, hast du ihn aber recht erkannt, kannst für alles einstehen, was er tut
in seiner Liebe oder Schwäche, dann bist du mit ihm eins, dann ist die Ebene
erreicht, wo du wahrhaft Gott erkennen und Ihn auch in dir aufnehmen kannst.
Hast du mich verstanden?« Paul: »Verstanden? Nein! Aber ich ahne Großes, und
es ist natürlich, so natürlich, als wenn es nichts Natürlicheres gebe; darf
ich ganz frei reden? Du sagst, wenn ich einstehe für meinen Bruder, dann ist
die Ebene erreicht; würdest Du, lieber Freund, auch für meine Dummheiten
einstehen?« Der Herr: »Aber gewiß! Denn wisse, Paul, Dummheiten, die in der
reinen Liebe gemacht werden, sind zu korrigieren, dann entsteht immer noch
etwas Herrliches. Denn wahre Liebe findet immer noch Mittel, alles in
das rechte Verhältnis einzuordnen.« Paul: »Ich danke Dir, aber nun die Probe,
erschrecke nicht, denn ich sage Dir, Du bist kein Engelsfreund und auch kein
Doktor, sondern der Herr Selbst! Und weil Du für meine Dummheiten einstehen
willst, so tue ich, zu was mich mein Herz drängt!« Er umfaßt den Herrn,
drückt einen Kuß auf Seine Stirne und spricht: »Nun ist mir wohl, und wenn
alles zusammenbricht!« Der Herr: »Bleibe in deinem Glauben, aber vergiß dabei
deine Brüder nicht! Nicht allen ist es gegeben, Mich im Sturme zu erobern, es
ist viel Geduld nötig, aber noch mehr Vertrauen. Verrate Mich nicht, aber
zeuge von Meiner Liebe und Meinem Verstehen. In Bruder Gotthold hast du eine
treue Stütze. Gehe wieder hin zu Anton, damit er auch in Ordnung kommt.« Als Paul wieder zu Anton kommt ist dieser
ungehalten, er spricht: »Paul, ich liebe solche Zärtlichkeiten nicht, die du
unserm Freund zugedacht hast, sie erinnern mich an meine elende Schwäche, mit
der ich nicht fertig werde, hast du nun erfahren, wer Er ist?« Paul:
»Bruderherz, ich brauche es nicht mehr zu wissen, da mir Seine Liebe offenbar
wurde. Hättest du Ihm, als Er dir die Blumen mit einsetzen half, so recht
gedankt, aber nicht mit dem Munde, sondern mit dem Herzen, dann wüßtest du
vielleicht mehr als ich. Eins sei dir gesagt, wenn der Freund sagen würde,
,Paul, gehe mit Mir’, ohne zu zögern ginge ich mit Ihm und sei es bis an das
Ende aller Welt.« Anton: »Paul, du bist ein Schwärmer, um mich ist alles
heiliger Ernst, nie mehr möchte ich Gott betrüben, denn ungesühnt ist noch
meine Schuld.« Paul: »Anton, du bist nicht nur ein Dummerling,
sondern ein großer Ochse, lebst schon wer weiß wie lange im Reich der Gnade
und gehst an der großen Liebe vorbei, die uns dauernd umweht, reiße dich
endlich zusammen und unterschätze deinen Wert nicht. Wären wir dem Herrn
nicht wertvoll, hätte Er uns nicht gesucht, würde der Herr uns noch als die
alten Sündenböcke anschauen, dann wäre dieser herrliche Freund nicht zu uns
gekommen. In diesem Freunde ist die erlösende Liebe bei uns eingekehrt, darum
Herz auf, Mund zu. Schlimmer wie es uns ergangen ist, kann es doch nicht mehr
gehen, die Blumen beweisen es doch, welch Wunder die Liebe ist.« Anton:
»Paul, ich wollte, du hättest recht.« Paul: »Ach was, recht, — glaube und
wage etwas! Was hast du in der Erdenwelt gewagt, und hier im Reiche der Liebe
bleibst du ein kleines Kind. Schau, wie sie alle lächeln über meine Rede, und
der gute Freund nickt mir zu, also kann es kein Fehler sein.« Johanna und
Maria, die die Gärten der anderen noch anschauten, treten nun hin zu Anton,
da spricht Maria: »Anton, herrlich sind die Gärten deiner Brüder, aber deiner
wird noch herrlicher werden, weil du den rechten Weg eingeschlagen hast. Nur
ist mir unverständlich, wie du es fertig gebracht hast.« Anton: »Maria, das hat der gute Freund mit Seiner
Beihilfe mitgetan, Blumen pflanzen muß Seine Spezialität sein, denn ich bin
kaum nachgekommen.« Maria: »Anton, bist du nun überzeugt, daß, vom Herrn
angefangen bis zu mir, die ich die geringste bin, alle dein und aller Heil
wollen? Ist dir noch nicht zum Bewußtsein gekommen, was eigentlich die Liebe
in ihrem Grundwesen ist und was sie will? Solange noch diese Unklarheiten in
dir bestehen, wirst du kaum in dir fertig werden. Ich weiß es, diese Liebe
ist das wahre Leben, ohne diese Liebe ist überhaupt in dieser Welt keine
Entwicklung zum freien Sein möglich; darum denke ich gar nicht mehr an mich,
sondern wie ich nur ganz Dienerin und Vertreterin dieser Liebe werden könnte.
Seit dieser Zeit gehe ich leicht und frei in ein
besseres Sein über und habe keine Wünsche mehr mit mir, sondern nur noch für
andere.« Anton: »Maria, wenn ich das könnte, nichts wünsche ich mir
sehnlicher!« Maria: »Anton, du hast doch den Anfang gemacht, indem du an
deinen Garten zuletzt dachtest.« Anton: »Nichts zu machen, Johanna mußte mich
erst dazu anhalten.« Maria: »Aber du tatest es doch und erfuhrest durch den
Besuch, was die Liebe zeitigt. Dieser Freund half dir, die Blumen wurden
nicht weniger, was willst denn du noch mehr?« Anton: »Maria, treibe mich
nicht in die Enge, ich bin eben noch der Starrkopf wie früher, dieses macht
mich unfroh.« Maria: »Anton, dann ist dir nicht zu helfen, wer blind und dumm
ist, mag es auch bleiben, denke aber ernstlich an das Heilandswort: ,Das
Himmelreich braucht Gewalt’, nicht Gewalt mit deinen Willenskräften, sondern
mit dem Herzen. Dein Bruder Paul war tausendmal klüger denn du, wenn du ihn
auch als Schwärmer tadelst, aber er steht an der geöffneten Pforte des
Lebens, während du die geöffnete Pforte nicht sehen willst. Mehr darf ich dir
nicht sagen, nun handle nach dem, was dein Herz begehrt.« Anton will sich
erregen, da sieht er auf den Herrn, der ihm zulächelt. Er geht langsam hin und spricht: »Freund, Du bist
nun der Einzige, der mich verstehen könnte. Immer redet man von Liebe, jetzt
wo ich sie brauche, versagen sie. Ich will niemand tadeln, aber es ist so,
das heißt Dich ausgenommen.« Der Herr: »Mein lieber Anton, Ich möchte deine
gute Meinung über Mich nicht verlieren, darum will Ich lieber schweigen; aber
was würdest du sagen, wenn man einem Kinde immer gute Ratschläge gibt und
dasselbe befolgt dieselben nicht. Du fragst dich jetzt, bin ich so ein Kind,
ich habe doch den besten Willen? Da sage Ich dir, da Ich das Leben kenne: es
wird noch lange dauern, bis du auf deinem eigenen Grund ein neues Leben
aufbauen kannst, statt auf dem Grund, den der Herr als Erlöser Selbst legte.
Dein Eifer ist vorbildlich, aber du wirst erlahmen in deinen Kräften, da du
sühnen willst deine Schuld. Ist des Heilandes Blut nicht auch für dich
geflossen, soll Sein Sterben am Kreuz dir nicht das Leben bringen?« Anton: »Lieber guter Freund, bringe mich mit dem
Heiland Jesus zusammen, damit ich Ihm meine Not mitteilen kann, hat Er
Tausenden geholfen, kann Er auch mir helfen.« Der Herr: »Anton, du hast von
der Hilfe des Herrn und Heilandes Jesu eine falsche Vorstellung, Er will ja
nicht angebettelt und um Hilfe angefleht sein, sondern Sein Geist soll
Eigentum eines jeden Menschen oder Geistes werden. Nach deiner Vorstellung
müßte Er dich aus deiner Welt in Seine Welt setzen. Hast du dir überlegt, daß
du nahe vierzig Jahre in der Gnadenwelt gelebt hast und hast glänzend
versagt? Du denkst bei dir, was konnte ich dafür, daß ich so erzogen wurde?
Da sage Ich dir: Du hast einen Verstand, der alles prüfen und erwägen, und
ein Herz, das wahrhaft empfinden konnte. Gottes Wort war dir gleichgültig,
auf sogenannte fromme Leute hattest du immer deinen Spott, aber deswegen hat
dich nie der Heiland Jesus fallen gelassen, und jetzt ist Er immer noch
bemüht, dich für Sein Reich und Seine Arbeit zu gewinnen.« Anton: »Freund,
was soll ich tun, sage es mit einfachen und klaren Worten.« Der Herr: »Anton, höre, als die Jünger ihren Meister
fragten, wer dereinst der größte in Seinem Reiche sein werde, sagte Er: ,Wer
unter euch der Geringste sein wird, wird der Größte sein.’ Daraus kannst du
ersehen, daß jeder Herrschgedanke und jede Neigung, die sich nicht mit dem Heilandsgedanken
verträgt, voll und ganz verschwinden muß.« Anton: »O weh, da liegt der Has’
im Pfeffer! Ehrlich gesagt, so weit bin ich noch nicht. Nun glaube ich Dir,
daß der Heiland Jesus mir nicht helfen kann.« Der Herr: »Doch, Anton, mit
Seiner Kraft wird Er dich stärken, mit Seiner Liebe kommt Er dir aufs neue
entgegen, du mußt es nur sehen wollen; dann wird alles viel leichter werden.
Aber nun zeige Mir auch dein Haus!« Anton: »Lieber Freund, nicht mein,
sondern unser Haus, aber nicht ich allein, sondern alle sollen dabei sein.«
Der Herr: »Anton, dieses freut Mich, sage deinen Brüdern, Ich möchte bei
ihnen einkehren.« 24. Blicke In die innere Welt
Das
war eine Freude, wie gern führten sie den Freund in ihr Haus. Bald war alles
besichtigt, der Freund kargte mit dem Lobe nicht, nur müßte alles Liebe
atmen, wie zum Beispiel diese Blumen und diese schönen Früchte. Anton: »Ja,
lieber Freund, unser Gotthold hat noch kein Wort darüber gesagt, für ihn war ja
alles richtig.« Der Herr: »Gewiß, du mußt aber bedenken, daß ihr freie
Geister seid und nicht nach Anweisungen und Befehlen schaffen sollt, sondern
ihr müsset es selbst finden und eurem freien Geist auch freie Bahn lassen!«
Sie nehmen alle an der Tafel Platz, da sagte Paul: »Ich möchte Dir gern von
den Früchten anbieten, die uns Johanna und Maria brachten, würdest Du diese
kleine Gabe ablehnen?« Der Herr: »Nein, Paul, aber warum willst du die
anderen ausschließen? Du mußt nur überzeugt sein, daß der Herr deine Liebe
segnet, daß sie für alle reichen!« Da nahm Paul die Schale und hielt sie dem
Herrn hin und teilte dann an alle aus. Die Früchte reichten; da sagte Anton:
»Du, Paul, ich hätte Angst gehabt vor der Blamage, wenn sie nicht gereicht
hätten.« Paul:
»Da wäre ich auch nicht zu Grunde gegangen, aber nun, wo wir die rechte Hilfe
haben, wird alles gelingen, nur eine Bitte hätte ich an Dich, Du lieber,
guter Freund, bleibe bei uns, es fängt an Tag zu werden, damit wir im Lichte
erkennen die Gnade, die Liebe und die Erbarmung, die Du uns offenbarst.« Der
Herr: »Paul, höre, Ich komme wieder, aber nicht so ihr Mich bittet, sondern
wenn eure Herzen weit offenstehen. Um aber euch allen den Beweis zu geben,
sage Ich euch, daß Ich euch alle liebe, und so esset diese schönen Früchte,
die unser Paul austeilte, laßt alles in euch Liebe werden!« Da
fingen alle an zu essen. Beim Geschmack kommt allen der Gedanke, dieses ist
Frucht aus den Himmeln, folglich ist auch der Herr nicht weit. Anton wurde
stille, in ihm arbeitete es tüchtig, eine Sehnsucht wurde in ihm lebendig,
diesen Freund zu halten. Die anderen wurden lebendiger und freier. Johanna
schilderte ihre Arbeiten, ihre Mühen und Freuden und weckte damit immer mehr
die Sehnsucht nach dem wahren Heiland, aber nicht genug, sie schilderte auch
die Sehnsucht des Herrn und Heilandes Jesu nach Seinen Kindern; da ja Er der
himmlische Vater Selbst ist. Sie schilderte das Erlebnis, wie sie in der
herrlichen Welt den Heiland suchte und die Antwort empfing, der Herr ist nicht
hier, sondern bei den Armen und Verlassenen, bis sich alle zu Ihm gefunden
haben. Da spricht Anton: »Lieber Freund, ist die Erzählung der Johanna pure
Wahrheit oder nur ein Erlebnis für sie allein?« Der Herr: »Wie du es nimmst,
lieber Anton, für Johanna ist es nicht nur ein Erlebnis, sondern auch
Wahrheit. Darum wurde sie eifriger, — bald wird ihr der schönste Lohn
werden!« Johanna
erwiderte: »Der herrlichste Lohn ist lieben und geliebt werden, in dieser
tätigen Liebe bin ich tätig und für ewig Sein Kind. Seine Vaterliebe
offenbart sich immer mehr und mehr und löst in uns Gedanken aus, die nach
Erfüllung streben. Maria, du verstehst mich, jetzt erlebst du die große
Seligkeit, die nur Liebe geben kann, ihr Brüder aber seid versichert, wenn
ihr euch durchringen könnt zu dem festen Entschluß, ganz Bruder zu sein, dann
seid ihr auch eingegangen in die Kindschaft Gottes, die ganz den Willen des
heiligen Vaters erfüllen will. O heiliger Vater, still das Sehnen und laß uns
werden in der Liebe groß, Deinen Heilandsgeist laß uns erleben, erleichtern
der Verirrten Los. Nicht an das eigene Glück mehr denken, denn Du bist unser
größtes Glück, gib, daß wir alles das verschenken, was unsere Lieb an Dir
erblickt. O
heiliger Vater, nimm den Dank entgegen, weil Du gedungen hast Dein Kind,
begleit es immerfort mit Deinem Segen, bis alle nun gewonnen sind für Deine
großen Vaterziele. Amen.« Die armen Brüder staunten, wie Johanna so frei
reden konnte. Anton ergriff die Hand Marias und sagte: »Maria, ich will
nichts versprechen, aber eins weiß ich, daß ich über den Berg bin. Kommt
recht bald wieder, ich fühle es, daß die Erlösungsstunde naht. Du, Johanna,
vergiß mich auch nicht, wenn du in größerer Seligkeit stehst, doch um diese
Liebe bitte ich dich, wenn du mit dem Herrn zusammenkommst, bitte für mich,
damit ich volle Vergebung erlange.« Johanna: »Mein noch armer Bruder, um was
du mich bittest, werde ich nicht tun, aber ich wage Größeres und sage dir:
Fahre fort in der Liebe zu deinen Brüdern, und weiter sage ich dir aus dem
Geiste meines herrlichen Jesusvaters, alle Schuld ist ausgelöscht und durch
Seine Liebe längst getilgt. Aber
nun streiche auch alle Schulden, die du noch siehst an all den anderen.
Heilig ist das Leben, heiliger noch als die Liebe, erfasse es, dann hast auch
du den Herrn erfaßt; weil Er ja das Leben Selbst ist. Lasse die Worte in
deinem Herzen Wahrheit werden und ausgelöscht ist alle Schuld für ewig.« Der
Herr reicht Anton die Hand und spricht: »Anton, Ich wollte dir dein Herz
erleichtern, aber Johanna ist Mir zuvorgekommen. Es liegt nun an dir, ob du
diese Verheißung als Wahrheit anerkennen willst und kannst. Mehr noch will
Ich tun, so höret alle Meine Brüder: Auch euch ist alle eure Schuld
gestrichen, die noch im Buche des Lebens stand, aber dafür liebet die Liebe
und lasset untereinander rechte brüderliche Liebe walten, die den anderen
ganz frei machen wird von dem, was euch noch anhaftet von dem irdisch
Herübergebrachten. Ich werde euch jetzt verlassen, aber Meine Liebe gehöret
euch, werdet frei und froh und bereitet euch vor für eure künftigen Aufgaben.
Als
die rechten Gotteskinder sollet ihr Erlöser werden durch Seine Kraft, Gnade
und Erbarmung. So segne Ich euch, und der Friede des Herrn sei euer Anteil!
Amen.« Der Herr und die beiden verabschiedeten sich von allen. Anton blieb im
Hintergrund und ging als letzter mit dem Herrn aus dem Hause. Die Brüder
begleiteten die Mädchen, Anton blieb mit dem Herrn zurück. Da fiel Anton dem
Herrn zu Füßen, drückte sein Gesicht an Seine Hände und sagte: »Herr und
Heiland, nun habe ich Dich erkannt! Ich sage nicht ,bleibe hier’, sondern ich
bitte Dich, komme recht bald wieder. Mit Früchten der Liebe will ich Dich
willkommen heißen. Nun, wo ich frei von aller Schuld bin, o Herr, gehöre ich
Dir ganz; mein Leben wird ein Danken sein! So ich aber wieder in den alten
Fehler verfalle, dann sei mir gnädig, und Deine Barmherzigkeit soll meine
Barmherzigkeit werden.« »Da sage Ich, Amen! Mein Anton, nun du Mich erkannt
hast, bleibe es beim alten. Deine
Liebe aber sei dir Wegweiser und Erfüllung!« Die anderen hatten das Fehlen
des Herrn und Antons bemerkt, darum warteten sie auf die beiden. Da sehen
sie, wie Anton vor dem Herrn kniet, und Paul sagt: »Endlich ist die Binde von
den Augen gefallen, schauet Brüder das Wunder der großen Heilandsliebe!«
Johanna: »Brüder, gehet wieder zurück in euer Haus und haltet Den fest, der
unseren Anton zum Kinde macht! Nun ist der Weg frei zum Leben, freuet euch,
wie wir uns freuen!« — Als die beiden in ihr Heim treten ist alles eine
Freude, aber Johanna sagte: »Liebe Herzen, nicht so laut, damit wir das
Kommen des Herrn nicht übersehen. Wir haben Schönes erlebt, aber noch
Schöneres werdet ihr erleben, wenn ihr ganz gesund seid. Werdet frei und froh
und uns gleich dienende Schwestern. Denn
daß ihr immer Pfleglinge bleiben sollt, ist doch euer Wille nicht. Wir waren
bei Brüdern, die an ihrer Verirrung im Erdenleben noch so schwer tragen, es
kostete viel, viel schwere Arbeit, sich all dessen zu entledigen, sie mußten
sich ein Heim erbauen, mußten, um Gärten zu erhalten, alles ausroden und
dauernd arbeiten, damit das Unkraut nicht alles überwuchere. Nun ist die
Hauptarbeit getan, sie können nicht mehr zurückverfallen in den Irrtum, da
der Heiland in ihre Mitte kam und Selbst den Grund zur wahren Seligkeit für ewig
gelegt hat. Auch zu euch wird Er kommen und euch zubereiten für Seine Liebe,
Sein heiliges Werk und Sein Leben.« Schmiegt sich eine an Johanna und
spricht: »Ach, Johanna, warum läßt uns denn der Heiland so lange warten,
warum dauert es denn bei uns so lange bis wir gesund werden?« »Aber
Frieda, weißt du nicht, daß dich der übergute Heiland über alles liebt? Keine
Sekunde würde Er zögern, dich und alle zu besuchen und gesund zu machen, aber
ihr würdet in eurer Entwicklung leiden. Siehe, die ewige, erbarmende Liebe
will ja euch allen helfen, darum ist alles so von Ihm geordnet, daß du das,
was dich und alle für ewig beseligen soll, aus Seiner Gnade erringen mußt.
Wohl ist Er für alle gestorben aus Seiner übergroßen Liebe heraus und hat
eine Erlösung gebracht, aber glauben mußt du können. Mußt mit allem, was Er
dir zugedacht, vollständig einverstanden sein. Er weiß um alles, nur das eine
will Er nicht wissen, wann du Ihm ganz gehören willst, dieses ersehnt und
erhofft Er nur!« Frieda: »Aber Johanna, da leidet doch der Herr und Heiland
gerade so wie wir, ist denn dieses möglich?« Johanna:
»Leider ist es so. Er, der Herr Himmels und der Erden, der Schöpfer und
Erhalter aller Dinge, hat den Menschen so herrlich gemacht, daß er gleich wie
ein Gott und Schöpfer neben Ihm und mit Ihm leben kann in größter Harmonie
und Seligkeit. Aber leider hat der Mensch in seiner eigenen Liebe den Boden
verlassen, auf dem er jederzeit mit Ihm verkehren kann, die Folgen werden
erst richtig erkannt, wenn der Mensch in die Ewigkeit eintritt. Darum üben
wir uns ja, kennen und ergründen zu wollen, was noch in uns lebt, was den
heiligen Vater abhält, uns zu besuchen und uns zu helfen.« Frieda: »O
Johanna, das ist schwer, sich selbst zu erkennen, ich erlebe es ja in mir, da
ich mich nie so verinnerlichen kann wie du und die anderen Schwestern.«
Johanna: »Du wirst es auch bald können, nur fest wollen mußt du. Dann darfst
du dich nicht ärgern, so du in dir Dinge erschauest, die dir nicht gefallen.«
Frieda:
»Aber Johanna, die grausigen Bilder können mich auch aufregen, ich bin doch
kein so schlechtes Menschenkind mehr und habe doch den Heiland so lieb.«
Johanna: »Komme du zur rechten Ruhe, dann wollen wir Hand in Hand uns in die
rechte Stille versetzen, sei versichert, du wirst viel lernen dabei.« Noch
mehrere wollten sich an dieser Verinnerlichung mit beteiligen. Da nahmen sie
sich bei den Händen und Johanna sagte: »Nun lasset die Außenwelt
verschwinden, kehrt in euch ein und habet genau acht, was sich ereignet. Mit
keinem Laut dürft ihr die Stille der anderen stören.« Nach irdischem Zeitmaß
brauchten sie zwei Stunden, dann sagte Johanna: »Erstehet wieder in eurer
Wirklichkeit! Du,
Frieda, erzähle nun, was du in dir geschaut hast. Ihr anderen höret zu, weil
ein jedes von euch etwas anderes erlebt hat. Es soll euch ein neuer Beweis
sein, wie verschieden die Innenwelt eines jeden und wie wichtig es für eure
Entwicklung ist.« Frieda: »Ich schloß die Augen. Ich fühlte den Strom aus
deiner Hand. Da sehe ich einen roten Stern auf mich zukommen, der immer
größer wird. Nach einer Weile erscheint, wo der Stern steht, ein Mann, der
trägt auf dem Rücken einen Huckepack, in der rechten Hand hat er einen
Stecken und kommt auf mich zu. Trotz der Mühe, mich zu erreichen, bleibt die
Entfernung gleich groß. Ich denke, der Mann geht auf mich zu und kommt doch
nicht näher, was ist denn eigentlich los. Der Mann gibt sich die größte Mühe,
aber er erreicht mich nicht. Endlich sieht er seine Erfolglosigkeit ein, da
bleibt er stehen, er sucht wahrscheinlich einen Stützpunkt um auszuruhen. Er
findet nichts trotz seines Umherschauens, erschaut auch nichts anderes als
Sand und einige Gras-flachen. Nach einer kleinen Weile kommen ganz kleine
Menschen, aber die sind gemein. Sie werfen dem Mann noch mehr auf seinen
Huckepack. Er
wehrt sich dagegen, aber die kleinen bösen Menschen lachen ihn aus und weg
sind sie. Nach einer Weile kommen wieder andere Menschen, gehen vorbei. Da
spricht der arme Mann: Helft mir doch einmal meine Last von meinem Rücken
herab, ich kann nicht mehr weiter. Da gehen sie hochmütig vorüber und lassen
den armen Mann stehen, sie haben ihm nicht einmal einen Blick gegönnt. Wieder
dauert es eine Weile, da kommt eine Mutter mit ihrem siebenjährigen Jungen.
Die sieht ihn, geht auf ihn zu und spricht: ,Ach Vater, du hast heute recht
schwer und viel auf deinem Rücken, wo willst du denn noch hin?’ Spricht der
arme Mann: ,Ich habe noch einen weiten Weg, mir fehlt nur eine Stütze, wo ich
meine Last einmal hinstellen kann, ich möchte einmal ausruhen, denn allein
bringe ich sie nicht wieder auf meinen Rücken, würdest du mir behilflich
sein?’ Die Mutter: ,Ei freilich, mein Bub kann nachher einen Wagen besorgen,
dann hast du sie los, er mag bis in das nächste Dorf mitgehen, oder willst du
eine kleine Zeit bei uns bleiben?’ Er
nickt nur. Sie hilft ihm die Last vom Rücken nehmen, da sieht sie, daß der
Rock durchgescheuert ist, und sagt: ,Aber guter Mann, so viel ladet man auch
nicht auf, das ist doch nicht nötig.’ Da sagt der arme Mann: ,Nicht ich,
sondern andere bürdeten mir diese Last auf; niemand nimmt mir etwas ab, ich
suche und suche und finde keinen, der mir hilft. Die Menschen sind blind und
taub und ohne fühlende Herzen.’ Da verschwand alles vor meinen Augen, nur die
Last war geblieben. Ich aber war begierig zu wissen, was eigentlich in diesem
Huckepack ist. Ich nahm einige Hüllen weg und, o Schreck, da waren allerhand
lebende Tiere. Der Pack wird zum Stall, da leben neben Schweinen Hunde und
Katzen und auch noch andere Tiere, vor denen man sich fürchtet, denn ich sah auch
einige Ratten. Da reiße ich aus und bin froh, daß es nur ein Erlebnis ist.«
Johanna: »Nun, Ida, erzähle du dein Erleben, aber ohne Scheu, denn wir sind
unter uns und verstehen uns alle.« Ida:
»Ach, Schwester Johanna, da ist wenig zu erzählen: Ich bin wieder zu Hause
und merkwürdig, Vater und Mutter sind nicht da. Natürlich suche ich mir etwas
zu essen und tue mir gütlich, denn ich habe gefunden, nach was ich Sehnsucht
hatte. Als ich so im besten Schmausen bin, kommen zwei kleine Nachbarskinder
und sehen mich so erwartungsvoll an. Ich nicke ihnen zu. Die beiden sagen
nichts, da streckt das Mädelchen mir die Hand bittend entgegen. Ich sage
dann: ,Gehet nur ruhig wieder nach Hause, ihr habt mehr zu essen als ich,
denn ich bin nur zu Besuch da.’ Da blicken mich die beiden so vorwurfsvoll
an. Ehe ich etwas denke, waren sie fort. Aber mir schmeckte es auf einmal
nicht mehr, ich wußte jetzt, da habe ich einen Fehler gemacht. Ich gehe
zurück ins Wohnzimmer. Da ist alles fremd, alles ist ganz anders, ich fühle mich
auf einmal verlassen und fange an zu weinen, renne hinaus, um Mutter zu
suchen, und erwache aus diesem Traum.« Johanna: »Ihr alle könnet Erlebnisse
erzählen, aber nicht deuten, was sie euch sagen wollen. Du, Frieda, kannst du
dir vorstellen, wer der Mann mit dem Huckepack war und dieser merkwürdige
Inhalt?« Frieda:
»Nein, liebste Schwester, noch nie sah ich den Mann in meinem Leben.«
Johanna: »Nun höre und erschrecke nicht, dieser Mann entspricht in deiner
Welt dem Herrn und Heiland Jesus, dem du durch deine verkehrten Begriffe
alles aufgebürdet hast. Die kleinen und bösen Menschen entsprechen deiner
Eigenliebe, die dem Herrn immer neue Lasten aufbürdet. Die hochmütigen
Menschen entsprechen deiner Liebe zur Welt, die nur an sich und nie an den
anderen denkt. Durch deinen Eintritt in unsere Gemeinschaft hast du der
großen Vaterliebe Raum gegeben, die sich in der Mutter mit dem Kinde
offenbart und den Herrn und Heiland entlastet. Und dadurch erhältst du
Einblicke, was in deiner Welt noch lebt.« Frieda: »Aber, Schwester Johanna,
dies ist doch schrecklich, ich weiß doch gar nichts davon, meine Welt oder
wie du schon oft sagtest, wäre ja schlimmer als ein Schweinestall.« Johanna:
»Ja, da hast du recht, du mußt aber bedenken, diese Bewohner sind nur
Entsprechungen, in Wirklichkeit liegen all die Neigungen dieser Menschen und
Tiere in dir und darum gilt es ringen, ringen und wieder ringen, daß der
Herr, damit Er ganz in uns wohnen kann, ein gereinigtes Haus vorfindet. Du,
Ida, bist bedeutend schlechter daran, denn dein Erlebnis bewies, daß du wohl
die Segnungen der Liebe bedenkenlos genießest, aber arm an Liebe bleibst. Daß
du dich in deiner Welt allein fühltest und ein Jammer über dich kommt, ist
dein Glück, denn noch ist die Gnadentüre offen, du brauchst nur hindurchzugehen.
Der Heiland wartet auf euch alle, Er ist da, wenn eure Liebe in jene Reife
eingetreten ist, ohne die Er zu uns allen nicht kommen kann.« Ida: »Schwester
Johanna, das ist hart, ich habe doch den Heiland so lieb, ich sehne mich ja
nach Ihm.« Johanna: »Ja, dieses weiß Er auch bestimmt, besser als du es Ihm
sagen kannst, aber es ist nicht die rechte Liebe, denn in den Nachbarskindern
ist Er ja als Bittender zu dir gekommen. Es ist dies kein Vorwurf oder Tadel,
sondern eine Lehre; nur durch die Lehre kannst du zur Wahrheit gelangen. Tust
du darnach, kommt dir dein eigener Geist zu Hilfe, der sich dauernd in dir
als Sehnsucht bekundet. Laßt es jetzt genug sein, wir gehen in unsere Gärten
und wollen schauen, was an Früchten reif geworden ist.« Maria machte allen
Freude, in ihr war der Geist lebendig, immer mehr und mehr drang sie ein in
die Tiefen ihrer Seele. Nach außen trug sie ihr geläutertes Wesen, daß alle
ihre Freude hatten. Die Pfleglinge waren soweit gesund und bald wird ein Bote
kommen, der diese Herzen anderweit unterbringen wird. Johanna hatte ein
Drängen des Herrn in sich; sie wußte, dies ist das Zeichen, daß eine neue
Aufgabe harret, darum wollte sie mit ihren Schwestern Anton besuchen. 25. Endlich fest verankert
Maria:
»Johanna, wie kannst du wissen, daß es mein geheimster Wunsch ist, Anton
wiederzusehen?« Johanna: »Aber Maria, weißt du noch nicht, daß, wenn zwei eins
geworden sind, sich nichts Fremdes mehr einschleichen kann? Der Herr
offenbart alle Dinge, auch diese, die meine Schwestern erfreuen oder
beglücken.« Über dreißig Schwestern, mit Blumen geschmückt und schönen
Früchten beladen, wandern, von Freude durchdrungen, nach Antons Heim.
Gotthold erwartet sie mit Freuden, denn von Anton konnte er nur Gutes melden.
Die Gärten prangten in einer Fülle, überall war die liebende und sorgende
Hand zu sehen. Anton war hocherfreut, er umarmte Johanna und Maria und sagte:
»Alles danke ich euch, ihr Lieben, nun gibt es keinen Rückfall mehr. Ich habe
mich durchgerungen mit der gnädigen Hilfe des Herrn, daß der Feind alles
Lebens in mir nicht mehr die Oberhand behält.« Johanna: »Lieber Anton, ich
habe gewußt, daß die Liebe den Sieg davonträgt, aber nun tapfer bleiben, wenn
Proben kommen!« Anton:
»Johanna, wenn ich dir sage, ich habe mich durchgerungen mit des Herrn Hilfe,
dann ist es auch so und bedarf keiner Probe mehr; denn was ich bin, bin ich
durch die Gnade des Herrn. Sein Opfer auf Golgatha war nicht umsonst, ich
gehöre Ihm ganz, mag kommen was da will, meine Brüder fassen die Liebe und
Gnade des Herrn ebenso auf. Wie wir uns freuen, Gerettete zu sein, dies wird
dir Gotthold bezeugen, der uns in nie ermüdender Liebe und Treue hineinführt
in das Wesen Gottes.« Johanna: »Anton, sei einmal ganz offen, würde dir für
ewig diese Arbeit, diese Freude behagen?« Anton: »Warum fragst du, Johanna,
haben wir nicht Grund genug, zu danken? Wir kennen keine Not, wir verstehen
uns, warum soll mir dieser Zustand nicht immer behagen?« Johanna: »Anton, ihr
seid Gerettete, seid glücklich, da ihr dem Elend entrissen seid; hast du
schon darüber nachgedacht, daß noch viele gerettet werden müssen? Beschaue
dir recht unsere Welt, wie viele könnten da noch das Glück und das wahre
Leben finden, aber an Rettern und Helfern fehlt es. Könntest du aus dir
heraus den Verirrten und Verlorenen ein Retter werden? Siehe, der Herr und
ewig gute Vater verzichtet auf den Dank aus deinem Munde, aber Er kann nicht
auf den Dank aus deinem Herzen verzichten.« Da ergreift Anton die Hand
Johannas und spricht: »Johanna, kann und darf ich dieses wirklich? Bedenke,
welch harter und brutaler Mensch ich war, werden sie mich nicht mit Schmach
und Schande bedecken?“ Johanna: »Aber Anton, sagtest du nicht, daß du dich
durchgerungen hast, was kümmert dich der Schmutz, es gilt ja Befreier zu
sein. Wer selbst im tiefsten Schmutz sich befand, kann am besten die Nöte
verstehen. Bedenke aber auch, ist der Herr nicht die erste und beste Hilfe?«
Anton: »Du hast recht, Johanna, ich danke dir für diesen Hinweis. Du
zeigst mir einen Weg, der mich wahrhaft zu einem Diener Seiner Liebe macht,
doch sag mir, Johanna, warum kommt denn der Herr nicht mehr zu uns, welchen
Fehler machen wir noch?« Johanna: »Aber im Geiste ist Er doch unter euch, was
will Er denn noch bei euch; ich denke, bei den Armen und Verirrten ist Seine
Anwesenheit wichtiger.« »Davon hat Gotthold noch kein Wort gesagt«, erwiderte
Anton, »aber es leuchtet mir ein, wie ein Blitzstrahl steht ein ganz anderes
Bild vor mir als das, welches ich mir über den Herrn machte. O Johanna, wie
es mich durchschauert, diese unergründliche Liebe, die nur den Armen und
Verirrten sucht. Heute hast du mir das Höchste gegeben, was eins dem anderen geben
kann und vermag. Dem
Herrn sei Lob und Dank!« Die Stunden eilen vorüber; in Freude schlagen ihre
Herzen, mit Liebe umweben sie das herrliche Bewußtsein: wir gehören zusammen!
Johanna: »Bruder Anton, stelle dem Herrn alles anheim, Maria mußte auch erst
ausreifen, den Zeitpunkt wies der Herr. Und nun auf Wiedersehen recht bald
bei uns im Heim der Liebe.« In ganz kurzer Zeit kommt Anton mit seinen
Brüdern. Bei Vater Hendrick und Mutter Anna ist die Einkehr. Es sind noch
viele Besucher da, unter anderen Friedewald mit seinem Weibe Hulda. Darob ist
eine große Freude, aber in ihrem Streben sind sie nicht ganz eins. Friedewald
ist zufrieden mit der ihm anvertrauten Aufgabe, Anton wünscht sich neue
Aufgaben. Mutter Anna, als Repräsentantin dieser herrlichen Welt, soll nun
neue Aufgaben stellen. Während
dieser Unterhaltung kommen Johanna, Maria, Liesa, Christa, Rosel und Lena.
Was an Liebe aufgeboten wird, ist kaum zu beschreiben. Mutter Annas Heim
glich einer Märchenwelt, während bei Vater Hendrick alles geblieben war. Es
war eine Feierstunde, die alle erlebten, da Mutter Anna die rechten Worte
fand, um den Heilandsgeist zu verkörpern, der wohl in vielen als Sehnsucht,
aber noch nicht als Eigentum lag. Mit diesen Worten endete sie ihre Rede:
»Große, ernste Zeiten mahnen uns, die wir geboren in der Gnade Jesu und in
Seiner Liebe Geborgene sind. Selig sind wir, aber um was werden wir gemahnt?
Frei und selbständig sollen wir werden und sein, nicht immer hoffen und
harren auf das Geheiß des Herrn. Ist nicht Sein Geist unser Geist und Seine
Liebe unser Leben geworden? Warum
wohl schweifen noch unsere Gedanken in die irdische Welt, die noch soviel
Unerlöstes, auch von uns, trägt? Siehe, mein Bruder Anton, in dir ist das
rechte Feuer, gleich einer Lawine möchtest du mit deiner in dir neu
gewordenen Liebe alles umwehen, aber du willst nicht ohne des Herrn Geheiß an
neue Aufgaben herantreten. Du, Friedewald, bist ruhiger, da deine Welt
begrenzt ist. Aber siehe, was dir noch unglaublich erscheint, ist dem Anton
eine neue Welt geworden. Der Herr hat Diener genug, um Welten zu gestalten,
die an Schönheiten einander übertreffen würden; aber durchgehet diese Himmel,
— selten ist der Herr dort zu Gaste. Darum des Herrn Sehnen nach Kindern, wo
Er zu Hause ist, wo kein Gesetz zu etwas verpflichtet, sondern die reine
Liebe Schöpferin ist, die immer neues ausgebiert. Schauet
euch alle dieses Heim an, Kindesliebe schuf Schönheiten, die ewig erfreuen
und nicht ermüden. In dem rechten Geiste ist auch der Herr zugegen, aber
nicht als Herr, sondern als liebender Vater, Helfer, Bruder und Freund. In
diesem Geiste sind wir Wächter unserer Welt, Beschützer und Helfer der uns
anvertrauten Seelen, aber auch Schöpfer neuer Liebesgedanken und Ideen, die
sich mit Fleiß auch verwirklichen lassen. In dieser unserer Gemeinschaft sind
über zwanzigtausend treue Herzen verbunden. Was gibt uns denn die Sicherheit
und Kraft, alles in des Herrn Geist zu vollbringen? Die
Gewißheit: Ich bin Sein Kind und stehe an Vaterstelle hier. Bedenket, daß
niemand den herrlichen Vater und Heiland vermissen soll, und ihr habt selbst
noch Sehnsucht nach Seinem persönlichen Kommen? Erstehet in wahrer
Bruderliebe, auf daß alle Herzen leuchten in Herrlichkeit, Klarheit und Kraft
zu aller Heil und Seligkeit und auch zur Seligkeit des heiligen Vaters.
Genießet alle Früchte nach eurer Lust und euer Herz wird euch die rechten
Wege zeigen, denn denket daran, warum ihr hierhergekommen seid, ihr möchtet
euch gegenseitig erfreuen!« Nun brechen sie auf, um im Heim der Liebe bei
Johanna und Maria Einkehr zu halten. Schon als sie von weitem das viel
größere Haus sehen, fragt Anton, wer dieses Haus erbaut habe. Aber Johanna
muß ihn belehren, daß es die ewige Liebe Selbst war und es Ihm nichts
ausmache, ob Er eins oder hundert Häuser im Nu herstelle. Da
schaut Anton ganz verdutzt zu Johanna und spricht: »Beim Herrn ist alles
möglich! Aber nun möchte ich wissen, warum wir bei größter Anstrengung unser
Haus bauen mußten?« Johanna: »Ja, es ist einmal so, wenn man arm und ohne
jeden Lebensgrund in diese Welt kommt, muß man eben nachholen, was man im
Erdenleben versäumt hat. Sei versichert, wenn du in deiner Liebe zehn oder
mehr Häuser brauchst, sind sie auch da. Was deine Liebe will, will auch der
Herr; stoße dich nie an etwas, sei es schön oder unschön, stelle dich ganz
auf Liebe ein und alles wird natürlich werden. So, nun sind wir hier, seid in
Seinem Namen herzlich willkommen!« Anton stutzt, alles ist viel schöner und
auch größer geworden, die vielen, vielen Menschen nehmen nur den kleinsten Teil
ein, da spricht Anton: »Sag, Johanna, seit wann hast denn du größer gebaut,
da gehen doch noch zehnmal so viele herein.« Johanna:
»Anton, ich habe gar nicht darauf geachtet, denn dieses ist mir bewußt, daß
der Herr niemals uns in Verlegenheit bringen will, so sich Kindesliebe etwas
wagt, was einem Engel unmöglich erscheint!« »Wieso«, fragt Anton, »sind Engel
nicht auch Willensträger des Herrn?« Johanna: »Jawohl, du hast recht, Kinder
aber sind Liebesträger jener Liebe, die das eigene Leben hingab, um allen
Rettung zu bringen und zu ermöglichen. Noch bist du dir des großen Elends gar
nicht bewußt, wenn aber das drängende Leben in dir ganz dein eigenes geworden
ist, dann vergißt du deine eigenen Wünsche und suchst im Geiste der
herrlichen Vater- und Heilandsliebe Leben zu spenden. Denke, was Mutter Anna
sagte: »Niemand soll den herrlichen Vater und Heiland vermissen durch unsere
Liebe und wir ersehnen noch selbst den Herrn, daß Er persönlich zu uns
komme?« — Siehe,
du hast an der Brust des Herrn geruht, dein ganzes Leben ist von Stunde an
ein neues, denn dein vergangenes hat der Herr auf Sein Konto gesetzt und nun
wartest du, daß Er komme und sage dir, was du längst weißt. Siehe, diese
vielen, vielen Herzen hängen in Dankbarkeit an uns, ihre Freude ist unsere Freude
und es fehlt noch viel, bis sie eingehen in den Geist, der ganz erlösen und
befreien will. Deine Brüder waren dankbare und willige Herzen. Würdest du dir
auch getrauen, die Widerspenstigen, die Kranken und Verirrten in den Geist
hineinzuführen, der sie zu freien Kindern machen wird? Wenn es dir gelingt,
dann, Bruder, dann bist du Sieger in der Liebe und ganz Diener und Vertreter
der Liebe geworden! Nun kommt und schauet, was die Liebe uns schenkte.
Wundert euch über nichts, seid euch stets bewußt, daß es in euch noch viel
herrlicher liegt!« Sie verkosteten einige Früchte, deren Wohlgeschmack die
Erde nicht kennt, dann gingen alle in die Gärten und Anlagen, die sie in die
größte Verwunderung setzten. Anton sagte in Gegenwart von Bruder Friedewald:
»Johanna, du hättest uns diese Freude nicht machen sollen, denn armselig ist
unser Heim, diesen Sinn für Schönheit bringen wir nicht auf.« Johanna:
»Aber, Bruder, achtest du die Liebe des Herrn so gering? Wir wollen nicht
Schönheiten schaffen, sondern erfreuen! So ist alles durch die Liebe des
Herrn und Seine Gnade von selbst geworden. Zu was brauchst du Sinn für
Schönheiten, wenn Liebe dein Bedürfnis ist? Liegt doch alles noch viel
herrlicher in dir.« Spricht Friedewald: »Es ist kaum zu glauben, wie Johanna
alles hinstellt. Wir stehen vor den größten Rätseln und wagen kaum zu denken
vor dieser gewaltigen Pracht und Größe.« Johanna: »Die Liebe des heiligen
Vaters, die uns alle zu Kindern machte, ist das Einfachste und Natürlichste,
was es nur gibt. Es ist nicht des Vaters Schuld, wenn du noch unfrei und
befangen bist, sondern deine eigene. Ringe dich zu dieser Freiheit durch, die
dich zum freien Kinde macht, alle Kräfte Gottes, Seine Weisheit stehen dir
doch zur Verfügung, nur die Liebe nicht, die mußt du in dir selbst finden.
Diese Liebe muß die Triebkraft sein von allem deinem Wollen und Wirken. In
dieser deiner Dankbarkeit bleibst du mehr Diener als Kind und deine Brüder
sind dir eben nur Brüder. Siehe, was ich dir sage, ist mein eigenes Leben,
denn in einem jeden Bruder sehe ich einen werdenden Heiland, der Millionen
verirrter Brüder ihrer wahren Bestimmung zuführen könnte. In einer jeden
Schwester eine Mutter, die unendliches Leben aus Gott ausgebären könnte.
Siehe, dazu brauche ich keine Reife in meiner Seele, sondern das Bewußtsein:
Ich bin Sein Kind! Sein Sterben am Kreuz ist meine Geburtsurkunde, Seine
Liebe das ewige Vermächtnis. Der Gedanke, ich könnte irren, kommt mir gar
nicht, weil Er selbst mir Seinen Geist gibt, aus dem ich handeln und wirken
soll. Sehet, liebe Brüder, nicht nur einmal sagte mir der Herr: Wenn du
willst, führe ich dich in deine Welt, die an Schönheiten das Herrlichste
darstellt, ich aber sagte, laß mich hier, mein Vater, hier ist mein Platz,
weil es Dein Leben zu verpflanzen gilt. Wenn Er als der Herr und ewige Vater
immer noch als Bittender von Herz zu Herz, von Seele zu Seele geht, was ist
da meine Pflicht als Kind?« 26. Von Seligkeit zu Seligkeit
Sie
kommen an kleinen Häusern vorüber. Friedewald hatte so etwas noch nicht
gesehen, da sagte er: »In einem so kleinen Häuschen muß es sich aber gut
ausruhen lassen inmitten der herrlichen Pracht!« Johanna: »Wir wollen einmal
so ein Heim besuchen, damit du auch die Wunder der Liebe erlebst, die so
unendlich ist.« »Wir alle«, spricht Friedewald, »da gehen doch kaum zehn Mann
hinein, und wir sind nahe tausend?« »Komm und sieh, Bruder, dort erwartet uns
schon der Bruder und die Schwester, die Eigentümer dieses Häuschens sind. Wundert
euch nicht, denn ihr stehet auf dem Boden reinster Gottesliebe!« Fast gebückt
gehen sie durch die schmale Tür, da stehen sie in einem Raum, der Tausende
faßt, es ist kein Raum, sondern eine Welt, in der viele, viele leben.
Friedewald: »Lasset uns wieder umkehren, diese Wunder erdrücken mich, vor
dieser Gottesliebe bleibe ich Staub und Asche!« Spricht der Besitzer dieses
Häuschens: »Seid tausendmal gegrüßt und willkommen ihr Schwestern und Brüder!
Bleibet, solange ihr wollet, und lasset uns sonnen in eurer Liebe, die uns so
große Freude bringt. Dich, Johanna, möchte ich am liebsten schelten, weil du
mir deine Schwestern noch keinmal brachtest.« »Die Zeit war noch nicht da,
Bruder Christian, es gab auch keine Gelegenheit, da andere unsere Liebe
benötigten, aber freue dich, heute ist die Frucht am Reifen!« »Dies
höre ich gern, Johanna, aber ich kann dir auch eine große Freude bereiten:
Dort im nächsten Haus ist ein guter Bekannter mit seinem Weibe eingezogen;
beide haben dich in deinem Erdenleben gut gekannt, und du hast manche Liebe
durch sie genossen.« »Dann muß ich sie sofort besuchen, denn um zu erfreuen
darf man nicht lange zögern!« »Schon recht so, aber vorerst bleibt ihr alle
hier. Mein Herz ist übervoll, daß ich alle an meine Brust drücken möchte, und
meine Auguste überlegt schon, wie sie euch alle mit Freuden überraschen
könnte.« Johanna aber spricht: »Nichts da! Heute sind wir die Bringenden. Meine
Schwestern haben in Überfülle vorgesorgt, manchen herrlichen Strauß
mitgebracht, die euch noch lange erfreuen sollen.« Da fingen Liesa, Christa,
Rosel und Lena an, mit den Blumen, die die Pfleglinge mitgebracht hatten, die
Ruhesitze zu schmücken und sangen dabei das Lied: ,O Liebe, goldner
Sonnenschein’. Alle waren ruhig und hörten sich den Gesang an. Durch diesen
Gesang wurden aber auch andere Bewohner dieses Hauses mit angelockt, und bald
herrschte die größte Freude. Anton wußte nicht, wie ihm geschah, Christian
und Auguste nahmen ihn in ihre Mitte und überredeten ihn noch mehr, diese
Welt noch besser in Augenschein zu nehmen. »Warum gerade mich«, sagte Anton,
»Friedewald ist bei weitem der Bessere.« »Nein,
Bruder, in dir ist ein loderndes Feuer, welches ich noch nähren möchte. Du
bist im Gähren, damit deine Liebe im Rahmen der Heilandsliebe bleibe, kannst
du ruhig Dinge sehen, die du auf keinen Fall kennst. Nur Friedewald und die
fünf Dienerinnen der Liebe sollen uns begleiten. Um die anderen brauchen wir
uns nicht zu sorgen, mein Weib hat die rechten Helfer zur Hand.« Anton sieht
auf Johanna, diese nickt, da fragt er, was mit Maria geschehe? Antwortete
Johanna: »Diese bleibt hier bei Christians Weib, da Bruder Christian nur uns
fünf bezeichnet hat, die mitkommen sollen.« Ohne viel zu reden, folgen sie
Christian durch schöne Anlagen und Gärten und Häuser. Dann kommen sie an eine
Einsiedlerklause an einsamer Stelle. Christian:
»Durch die Gnade des Herrn darf ich euch hierher bringen. Von außen klein und
unansehnlich, die Tür klein aber breit, aber innen wird sich euch vieles
offenbaren. Offnen wir im Namen des Herrn die Tür!« Die Eintretenden sehen
nichts als sieben Türen. Christian spricht: »Diese Klause hat sieben Türen.
Sie sind alle unverschlossen, aber ich möchte nicht, daß ihr die Türen von
selbst öffnet und die Räume betretet, da euch noch vieles fremd und unbekannt
ist. Ich will euer Führer sein, aber ihr müsset nicht reden, euch nicht
wundern und nicht erschrecken, nur sehen, hören und fühlen. Hier in Nr. l ist
vieles, was euch noch von der Erde bekannt ist, da werden wir am wenigsten
verweilen, kommt, tretet ein!« Es
war dunkel in dem Raum, aber es wird lichter und lichter. Da sehen sie eine
Stadt mit vielen, vielen Menschen, sie hasten und jagen, keiner hat Zeit.
Große Handelsgeschäfte und Handelshäuser werden sichtbar und über dieser
Stadt ist ein grauer Dunst. Christian: »Da schaut, wie sie in der Geisterwelt
noch gefangen sind, die armen, armen Menschen. Hier ist noch lange Zeit, bis
geholfen werden kann, denn dieser graue Dunst ist das Zeichen, daß sie noch
zufrieden sind. Folget mir in Nr. 2!« Auch
hier ist die Gegend dunkel, aber bald wird es heller. Es war ein Jahrmarkt
mit vielem, vielem Tingeltangel und vielen geputzten Menschen. Sie
belustigten sich, denn es war ja alles frei und kostete nichts, es war ein
Leben und Treiben und ein Spektakel, hundertmal schlimmer als auf der
Erdenwelt. Christian: »Auch hier ist jede Liebe vergeblich, denn dieses
Treiben ist ihr Leben. Gehen wir in Nr. 3!« Da war es schon heller, man
konnte die Gegend übersehen. Da waren in einer Reihe viele Kirchen. An einer
jeden Kirche waren Diener, die Vorübergehende, die reichlich vertreten waren,
einluden. »Wollen wir uns eine ansehen? Du, Bruder Anton, bestimme, in welche
wir treten sollen.« Anton: »Gehen wir in die dritte Kirche, weil es Zimmer
Nr. 3 ist.« Christian:
»Ich wußte es, daß du Nr. 3 wählst.« Voller Freude erhalten sie ein Traktat
von dem Diener, sie treten ein. Eine große Kirche nimmt sie auf, geschmückt
mit vielen Bildern und Spiegeln, die hohl, rund, lang und auch breit waren.
Nach jeder Richtung konnte man sich und auch andere beschauen, was mitunter
große Heiterkeit auslöste. Der Altar trug nur eine Zierde, ein brennendes
Licht. Christian: »Das einzige Gute in dieser Kirche ist das Licht. Setzen
wir uns in eine Reihe, wir wollen etwas verweilen.« Immer mehr Besucher
kommen, vor den Spiegeln stauen sich die Menschen. Eine Glocke ertönt, die
Besucher suchen in den Reihen Platz, da kommen auch Priester, angeputzt mit
bunten Talaren. Eine Orgel spielt ein unbekanntes Lied, ein Priester spricht
ein paar Worte, die nicht verstanden werden, dann verteilen die anderen
Priester Spiegel, die auf der Rückseite ein kleines Bildnis haben. Christian
spricht: »Kommt, wir brauchen ihre Spiegel nicht! Ablehnen wäre Beleidigung,
denn diese Priester können sehr erbost werden.« Sie
verlassen nun die Kirche und geben dem Diener das Traktat wieder zurück.
Christian sagt: »Hier wird nur der Eitelkeit gefröhnt, es wäre verfehlt,
wollte man hier diese Menschen bekehren. Gehen wir in Nr. 4!« Als sie
eintraten, befanden sie sich in einem großen Hause und in einem großen Saal.
An den Wänden hingen Bildnisse großer Männer, einige Bilder waren sogar mit
Schleifen geschmückt. Es waren viele Männer anwesend, es war eine Versammlung
großer Männer, die die Zustände auf der Erde kritisierten. Da gab es
erhitzte Gemüter, die einen waren beglückt, die anderen empört. Immer
stürmischer wurde die Konferenz. Da sah man, wie aus Menschenköpfen Tierköpfe
wurden. Nach einer schweren Debatte standen sich nur noch Bestien gegenüber,
die sich am liebsten zerrissen hätten.« Sagte Christian: »Kommt, hier können
nur starke Geister beruhigen. Bekehren geht sehr schwer vor sich, denn diese
sind eingefleischte Politiker, auch haben sie großen Anhang, die die Zustände
der Erde ausspionieren.« Spricht
Christian: »Da sind unsere Kranken doch viel vernünftigere Wesen, sie
behalten wenigstens ihr Menschenantlitz.« Christian öffnete Tür Nr. 5. Es ist
stockfinster, lange braucht es, ehe es soweit hell ist. Alle befinden sich
auf einem Friedhof. Es sind viele frische Gräber. Christian: »Hier kann ich
zu euch reden, weil wir weder gehört noch gesehen werden. Der Tod hält reiche
Ernte und fast alle, die hier begraben sind, weilen noch an und bei den
Gräbern. Hier ist ein großes Arbeitsfeld dienender Geister, die mit großem
Erfolg arbeiten, denn diese sind Opfer dieser Zeit, die für die Ewigkeit
nicht sorgten. Viele wissen noch gar nicht, daß sie gestorben sind und nehmen
darum auch die Wahrheit sehr schwer auf. Es dauert auch sehr lange, ehe denen
geholfen ist, da sie nicht bitten wollen. Nun kommt in Nr. 6. Hier muß große
Vorsicht walten.« Finsternis umgab sie. Christian nahm Antons Hand, die
anderen nahmen sich auch bei den Händen, so zog sie Christian nach sich. Vor
einem großen Grabe standen sie. Dieses
Grab hatte ein Fenster, durch das man hineinsehen konnte. Es war etwas
lichter geworden. Da ließ Christian alle nacheinander hineinsehen. Was sie
hier ersahen, war die Ausgeburt des stinkenden Hochmuts. Da sahen sie
aufgeblasene Menschen als Frösche, Affen, Pfauhähne und allerhand andere
Tiere. Ihre größte Wollust aber war, wenn sie mit scharfen Messern bei den
anderen im Fleische herumwühlen konnten. Christian legte den Finger an den
Mund, schweigend traten sie zurück, da spricht er: »Hier ist die Hölle in
ihrem Element, noch nie hat hier ein Engel mit Erfolg dienen können. Sie
werden durch Leiden und Qualen geläutert werden müssen. Nun wollen wir noch
Nr. 7 besuchen. Es dauert nur Augenblicke, aber es ist nichts für Mädchen,
darum wartet hier.« Christian winkt Anton und Friedewald an die geöffnete
Tür. Sie schauen in ein Zimmer, wo Menschen beiderlei Geschlechts beim
Schmausen waren. Anton sieht Christian an und spricht leise: »Ja, gibt es
denn so etwas? Die Männer essen Schamteile von Frauen und die Frauen solche von
Männern. Dabei schmatzen sie alle, als wenn es die beste Himmelsspeise wäre.«
»Schaue
nur weiter«, spricht Christian. Die Teller wurden leer. Da werden sie fast
wahnsinnig vor Wollust. Es kommt so weit, daß sie mit den Zähnen Fleisch von
den Geschlechtsteilen bei den anderen herausbeißen und mit größter Wollust
verzehren. »Kommt, es ist genug«, spricht Christian, »dieses ist das
Schlimmste; zu helfen ist hier gar nichts. Hier kann nur Krankheit und
Schmerz das Nötige tun, bis sie empfänglich werden für ein Wort des Lebens
der Liebe und Gnade Jesu.« Beim Heimwärtsgehen sagte Anton: »Bruder
Christian, ihr seid bestimmt erlöste und selige Bewohner dieser Welt, wie
kommt es, daß es in dieser deiner Welt noch solche höllische Wesen und Orte
gibt? Bei den ersten drei Türen möchte es noch gehen, aber bei den anderen?«
»Du hast recht gefragt, mein Bruder, siehe, was wir gesehen haben, liegt auch
noch in unserer Welt. Solange wir nicht vollkommen sind, ist auch die
Entwicklung nicht vollendet. Es
bedarf eben einer langen Entwicklung. Was ihr als Auswirkung sehet, liegt
noch als Same in euch. Gehen wir aber auf den Wegen des Herrn und suchen ganz
dem Heiland und Vater Jesu gleich zu werden, kann jener Same des Falschen und
Verkehrten nicht zur Auswirkung kommen. Es ist darum gut, daß wir immer
bewußter werden, all der Dinge, die in uns der Auferstehung harren. Was
in mir gebunden liegt, suche ich bei anderen zu lösen, was in mir leben soll,
wecke ich bei anderen, dazu gibt uns der Herr die Kraft und das Gelingen.« Als
sie wieder zurückkamen, war alles in der größten Freude und Harmonie. Da
fragte Maria die Johanna: »War es schön, Johanna?« Sie sagte: »Maria, wie
eine schwere Wolke liegt auf mir das Erlebnis. Wir müssen noch viel lernen,
viel Liebe uns aneignen, damit wir gerüstet sind vor den Todgeweihten.«
Maria: »Bist du traurig, Johanna, über das Erlebte, ich wollte, ich könnte
dir ganz Mithelferin sein!« Johanna: »Traurig, nein, aber wie traurig muß der
gute Vater sein, weil alle Seine Liebe so geringen Erfolg hatte. Wundern
wir uns nicht, wenn wir nicht gleich Erfolg haben; die Größe der Geduld des
Vaters ist von uns nicht zu begreifen. Wann werden wir endlich so weit sein,
daß wir Ihn ganz verstehen können!« Christian: »Johanna, die Ewigkeit wird uns
alles bringen, der Zug in uns, würdige Vertreter Seiner Liebe und Erbarmung
zu sein, schafft Kraft aus Seiner Kraft und Leben der Liebe aus Seinem
Liebeleben. Für euch, lieber Anton und Friedewald, seien die Erlebnisse nur
ein Schauen in euch, ein Beschauen eurer Liebe und ein Überprüfen, wie weit
ihr den Verlorenen nachgehen könnt. Bis jetzt konntest du, lieber Anton, dich
am Vatertische nähren durch Seine Gnade. Wenn du nun Bruder wirst, und sei es
wer es will, wird an deinem Tische zehren, den der himmlische Vater stets
decken wird. Siehe,
wie alle deine Brüder sich sättigen an meinem Tische, der mir pur Vatertisch
ist, und wenn Hunderttausende kämen, alle würden satt werden, wenn der Zug in
mir lebendig ist, ihnen allen wahrer Bruder zu sein. Davon hängt das Gelingen
ab. Wundere dich nicht, wenn deine Feinde die Ersten sind, die dir begegnen,
da sie von ihrem Haß getrieben werden, dich zu suchen. Aber die Liebe als das
einzige Mittel ist fähig, Überwinder zu sein und die Freude ist der
herrlichste Lohn. Du, Friedewald, wirst es leichter haben, du hattest weniger
Feinde, aber wen du dir zum Freunde machen kannst, wird ewig dein Eigentum
sein. Ziehet nun weiter, die ewige Liebe sei euer Leitstern. Die Gnade Jesu
sei bei euch und in euch immerdar!« Johanna sagte: »Bruder Anton, ziehe mit
deinen Brüdern an deinen Wirkungsort, warte nicht mehr auf den Ruf des
Vaters, sondern handle nach dem Zug in dir! Du,
Friedewald, komme du noch mit deiner Schwester Hulda zu dem Freund meines
irdischen Vaters, es wird dir bestimmt großen Segen bringen.« Friedewald
schickte seine Brüder nach ihrem Heim und versprach, recht bald nachzukommen,
da er noch Johanna begleiten wolle. Johanna schickte ihre Schwestern zu ihren
Pfleglingen, sie sollen rasch viele herrliche Blumen bringen, es gelte eine
große Freude zu machen. Wie der Wind eilten die Schwestern fort und in
wenigen Minuten waren sie wieder da, jede hatte einen tüchtigen Strauß der
schönsten Blumen. Johanna ging zwischen Friedewald und Hulda, so manche
Erinnerung wurde lebendig. Da kamen sie an Brunos und Mariens Heim. Auch
dieses war von außen klein, es paßte sich ganz den anderen an. Am Vorgarten
wurden sie erwartet. Herzlich
willkommen, kleine Hanny, sagte Bruno, Marie aber nahm sie in die Arme und
sagte: »Auf der Erde war es Mitleid, so wir dir Liebe entgegenbrachten, hier
aber ist es heilige Liebe, die unsere Herzen eint.« »Auch ich habe Freude,
euch besuchen zu können. Hier meine Schwestern und unsere Pfleglinge möchten
euch auch ihre Liebe bekunden, ihr habt doch nichts dagegen, wenn sie euch
euer schönes Heim noch etwas aus ihrer Liebe verschönern?« Marie: »Aber
freilich, Hanny, es ist ja nicht unsere, sondern auch des Herrn Freude.« In
wenigen Minuten war das Heim geschmückt, welches unaussprechlich schön war.
Auf vielen Säulen ruhte das Dach, eine jede Säule hatte eine andere Farbe. In
der Mitte war eine lange Tafel mit vielen Stühlen an den Wänden, rechts und
links waren herrliche Nischen, wo eine jede Nische wieder eine Welt für sich
war. Bruno: »Lasse alle an der Tafel Platz nehmen zu einem Gastmahl der
Liebe. Was
auf Erden uns heilige Pflicht war, ist uns hier größtes Bedürfnis. Wenn in
den Stunden der Ruhe manches Irdische wieder lebendig wird, zieht manchmal
Reue in mich ein, ich hätte noch mehr tun können; nun aber bin ich frei, alle
sollen in meinem Hause, welches auch das Haus meines Vaters ist, erfahren,
was der reinen Liebe möglich ist.« Johanna wollte den Schwestern Anweisungen
geben zum Platznehmen, aber Bruno sagte: »Lasse sie ganz frei sich bewegen,
ich werde sie freistellen.« So sagte er laut: »Ihr Schwestern, höret, die
Johanna mit ihren Schwestern sind meine, ihr aber seid des heiligen Vaters
Gäste; darum nehmet an der feierlich geschmückten Tafel Platz, die ihr
unbewußt dem herrlichen Vater geschmückt habt. Brüder und Schwestern in
meinem Hause werden euch bedienen. Wir sitzen dort in der Nische und können
alles übersehen. Ihr aber seid ganz frei und tut so, als wenn ihr ganz in
eurem eigenen Heim wäret.« Bruno
lud Johanna mit ihren Schwestern wie auch Friedewald und Hulda zum
Platznehmen in dieser Nische ein, die einem Feenpalast glich. Ein Tisch mit
zwölf Stühlen lud zum Sitzen ein. Nun kamen auch schon dienende Schwestern
mit Brot und Wein und allerfeinsten Kelchen. Als die Tafel gedeckt, die
Kelche alle gefüllt waren, nahmen die bedienenden Schwestern und Brüder mit
an der Tafel Platz. Bruno stand auf und sagte: »Ihr Kinder meines himmlischen
Vaters, ich konnte nicht jedes einzelne von euch begrüßen, ich wollte es auch
nicht, da nicht ich, sondern die ewige Liebe euch grüßen und danken will, daß
ihr endlich gekommen seid. Genießet das Brot, welches für die Feierstunde
geschenkt wurde und genießet den Wein, den Liebe schuf, auf daß beide, Brot
und Wein, Leben und Liebe in euch werden. Nehmet ein jedes sein Glas und
trinken wir auf das Wohl aller, die wir lieben.« Bruno
hob sein Glas und sagte: »Du, herrlicher Vater, segne uns und dieses Mahl,
damit wir ganz eins mit Dir werden. Amen.« Da tranken alle und griffen nach
dem Brot, welches so gut schmeckte, dann ging eine Freude durch die Reihen,
wie es auf Erden nicht möglich ist. Auch die in der Nische wurden voller
Freude, die Herzen wurden übervoll von Wonne und Seligkeit. Spricht
Friedewald: »Solche Freude habe ich noch nie erleben dürfen, es war bei uns
auch herrlich und schön, aber diese Freude ist eine andere, ich kann es gar
nicht fassen.« Bruno: »Ja, Friedewald, ich verstehe dich vollkommen, bei euch
bedurfte es Anlässe von außen, so ihr euch freuen und selig fühlen wolltet,
hier aber ist es Anregung von innen, die diese Freude und Seligkeit
hervorbringt. Was ihr Freude nennt, ist Frucht aus eurer Liebe, diese Freude
aber ist aus dem Herrn, der ganz in Seinem Geiste und auch persönlich unter
uns ist.« »Wo ist Er?« fragten alle wie aus einem Munde. Bruno und Marie
lächeln, sie wußten, daß der heilige Vater als Bruder Hannys Pfleglinge
bediente. Johanna
hatte Ihn bemerkt, aber Bruno sagte: »Dort, zwischen Frieda und Ida sitzt
Er!« Sie sind ganz ahnungslos die beiden, aber ihre Herzen brennen vor
Freude. Jetzt hatten alle Ihn bemerkt, darum sagte Bruno: »Nichts verraten!
Es ist des heiligen Vaters Liebeszug, unerkannt zu dienen. Kannst du dir
denken warum, liebe Hanny?« »Ich habe noch nicht darüber nachgedacht. Ist es
darum, daß Er die Liebe noch mehr wecken will?« Auch das mit, Hanny, aber
schau, dieses Heim ist so, daß auch der Feind mit seinen Spionen Gelegenheit
hat, mit scharfen Augen alles zu beobachten. So der heilige Vater die noch
Unmündigen und noch nicht restlos Ihm gehörenden mit Seiner Liebe
auszeichnet, dann wissen sie, diese sind für sie verloren, darum diese Freude
bei uns. Dort im feindlichen Lager ist Enttäuschung.« Auch diese Feierstunde
nahm ihr Ende. Aber der schönste Augenblick war der, wo der Herr denen in der
Nische den Wein kredenzte und auf ihre Bitten mit ihnen anstieß. Voll
seligsten Ahnungen führte Johanna ihre Lieben heimwärts. Auch Friedewald und
Hulda trennten sich mit dem Bewußtsein, ein neuer Abschnitt beginnt zu ihrem
und der anderen Heil. 27. Im Glutofen bewährt
Nach
einer ganz kurzen Zeit kam Anton allein in das Heim der Liebe. Er konnte
nicht anders, das Drängen in ihm war so mächtig, daß er Abschied von seinen
Lieben nahm und zu Hendrick und Mutter Anna eilte, wo er herzlich empfangen
wurde. Nach einem kurzen und seligen Verweilen drängte es ihn zu Johanna und
Maria. Diese wieder erwarteten ihn, da es ihnen der Herr offenbart hatte.
Ohne viel zu reden sagte Anton: »Johanna, mit mir ist es soweit, ich muß zu
meinen verirrten Brüdern und Schwestern, ihr Elend macht mich unfroh. Ich
fühle es, ich gehöre zu ihnen oder sie zu mir, würdest du mir helfen?« »Gern,
Anton, aber dann hast du nicht den Anteil an Freude, weil du ja fremde Hilfe
in Anspruch nimmst.« »Aber Johanna, ich will ja gar keinen Anteil, sondern,
daß sich die anderen in unserer Freude finden und freuen. Auch
kann ich dem Drängen nicht mehr länger widerstehen.« »Wenn dem so ist, Anton,
dann wollen wir nicht zögern, deine Liebe ist auch des Herrn Liebe. Es bedarf
keiner langen Vorbereitung, denn wir sind bereit. Aber diesmal geht ihr alle,
meine Schwestern, mit.« Dies war eine Freude, Liesa umarmte Johanna und
sagte: »Endlich gewürdigt zum größeren Werke, o Du herrlicher Jesus, wie gut
bist du!« Nach kurzem Abschied von allen Lieben, wie auch von Mutter Anna,
treten sie hinaus in die ihnen bekannte aber dunkle Welt. Sie eilen nach
Abend zu, wohin eine schlechte Straße führt. Johanna fragte: »Anton, hast du
ein bestimmtes Ziel oder willst du dich von deiner Liebe leiten lassen?«
Anton: »Johanna, zu meinen Freunden zieht es mich, die auch im Geisterreiche
leben und schon verstorben waren, ehe ich von der Erde gehen mußte.« Da
tritt ihnen ein Engel entgegen, grüßt herzlich und sagt: »Ich bin als Diener
euch beigegeben nach dem Willen des Herrn, ich stehe euch mit aller mir zu
Gebote stehenden Kraft und Macht zu Diensten, da dieser Bruder noch
unerfahren ist, ihr dürft nur anordnen, willig und gern diene ich euch.«
Johanna: »Wie dürfen wir dich nennen? Ich bin Johanna, dieser Bruder ist
Anton; Maria, Lena, Christa, Liesa und Rosel gehen das erstemal mit zu den
Unerlösten.« »Nennet mich Gotthard, auch ich bin gleich euch ein Diener der
Liebe, aber mein Wesen ist hart wie Gott.« »Dieses habe ich noch nie gehört,
daß Gott hart sein soll, ich kenne Ihn von der lieblichsten Seite.« »Auch du
wirst Ihn noch von dieser Seite kennen lernen, denn wo Gott nur Gott ist, ist
nur heiliger Ernst, heilige Ordnung und heilige Wahrheit, denn auch du hast
dieses erfahren müssen.« »Nun verstehe ich dich, Gotthard, dein Dienst mit
uns bindet uns für ewig zusammen.« Gotthard
sagte: »Umhänget euch mit diesen Mänteln, wir sind schon nahe dieser Sphären,
die kein Licht vertragen können. Du, Anton, brauchst keinen, da dein Kleid
noch von dunkler Farbe ist. Nun noch einen guten Rat, lieber Anton. Du bist
der Führer dieser Schar, wie du die uns Begegnenden behandelst, ist deine
eigene Sache, vor allem fürchte dich nicht und vertraue dem Herrn, der in
deiner Liebe unter uns ist. Ihr Schwestern seid ohne Furcht, denn ihr dürfet
zum Gelingen des heiligen Werkes mit beitragen. Fürchtet euch nicht, seid
stark im Glauben, auf daß dieses Werk gelinge. Ich darf nichts zum Gelingen
beitragen, sondern habe euch zu schützen nach dem Willen des Herrn.« Sie
kommen in bewohnte Gegenden. Es wird immer finsterer. Rötlicher Schein wie
von einer Feuersbrunst wird sichtbar. »Dort muß eine Stadt brennen«, spricht Anton, »dem Feuerschein nach ist es ein Riesenbran |