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Die
Erlösung und die Liebetätigkeit
Gerd Kujoth 
„Durch diesen Leib“, sagt Jesus, „habe Ich alles Gericht und den Tod über
Mich genommen, und es muß dieser Leib dem Tode auf drei Tage gegeben werden,
damit eure Seelen fortan das ewige Leben haben mögen! Denn dieser Mein Leib ist
der Stellvertreter eurer Seelen; auf daß eure Seelen leben, muß er das Leben
lassen, und das von ihm gelassene Leben wird ewig zugute kommen euren Seelen.“
(3.GEJ 226,6-7) Jesus hat somit das Erlösungswerk vollbracht. Sind wir aber
dadurch schon erlöst? - Jesus sagt in der Neuoffenbarung: „Es heißt freilich
: ‘Es ist vollbracht!’ Aber was? - Mein eigener Kampf um euch; denn mehr
kann Ich nicht tun, als euer Schöpfer, Gott und Herr und das ewige Leben Selbst
euern Tod auf Mich nehmen! Ich habe für euch alles getan, was nur immer in der
göttlichen Möglichkeit steht; darum habe Ich Mein Werk um euch vollbracht. -
Aber tuet auch ihr darnach, daß dieses Werk in euch vollbracht wäre?“ (Ste
5,12+14)
Wir sind also nicht deshalb
schon erlöst, weil Jesus die Erlösung vollbracht hat, die in Seiner
Menschwerdung mit Seiner Erhöhung am Kreuz und Seiner Lehre besteht, (6.GEJ
239,5) sondern daß auch wir etwas dazu tun müssen, damit das Werk der
Erlösung in uns vollbracht wird. Aber was müssen wir tun? - Genügt es denn
nicht zu glauben? - Wir lesen doch in der Bibel: „Wer glaubt und getauft wird,
soll gerettet werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“ (Mark.
16,16) und: „Wer an Mich glaubt, hat ewiges Leben.“ (Joh. 6,47) Nach diesen
zwei Versen wäre also allein der Glaube die Bedingung, daß wir erlöst werden
und ewiges Leben haben. -
Wenn das aber so wäre,
dann müßte auch der Glaube an die Richtigkeit des Weges z.B. nach Rom, den uns
ein Wegkundiger erklärt hat, genügen, bereits dort zu sein. Wir sehen aus
diesem Beispiel, daß wir allein mit dem Glauben, den richtigen Weg zu kennen,
noch nicht an Ort und Stelle sind, wo wir hin wollen, sondern daß wir es auch
ins Werk setzen müssen, den Weg zu gehen oder zu fahren, um ans Ziel zu kommen.
Die genaue Kenntnis des Weges und der Glaube daran, daß es der richtige Weg
ist, sind wohl nötig, sonst würden wir uns verirren und nicht ans Ziel
gelangen, doch sie genügen nicht. Erst das Ins-Werk-Setzen oder die Tat nach
dem Glauben läßt uns das Gewollte vollbringen. (5.GEJ 121,5-13) Wenn im „großen
Evangelium Johannes“ vom Glauben die Rede ist, so wird der Glaube ganz
deutlich mit der Tat oder dem Handeln in Beziehung gebracht.
Da sagt Jesus: „Wer
Meinen Worten glaubt, der wird das ewige Leben haben; wer aber nicht glaubt, der
wird übergehen in den ewigen Tod! Denn Meine Worte sind nicht wie die eines
Menschen dieser Welt; sie sind Leben und geben Leben dem, der sie aufnimmt in
sein Herz und hernach handelt nach dem Laute der Worte und nach ihrem alles
belebenden Geiste.“ (2.GEJ 104,18) Warum aber ist in der Bibel so oft allein
vom Glauben die Rede, ohne daß von der Tat gesprochen wird und dem dann eine
Verheißung folgt, wie z.B. in dem Vers: „Wer an Mich glaubt - wie die Schrift
sagt -, aus seinem Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen?“ (Joh.
7,38) Das erklärt uns Jesus in der Neuoffenbarung: „Wenn Ich vom Glauben
sprach, so verstand Ich darunter allezeit den lebendigen, also mit Liebe
gepaarten Glauben; aber einen Glauben für sich allein verwarf Ich
allezeit.
Wie Ich aber hier sage: ‘Wer
an Mich glaubt, aus dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen!’,
da sage Ich soviel als: ‘Wer einen lebendigen, also mit Liebe gepaarten
Glauben hat, der wird in die Weisheit der Himmel eingeführt werden... Daß aber
auf den lediglichen Glauben gar kein Himmelsgrad verheißen ist, das lehrt euch
eure eigene Erfahrung! Denn ihr habt ja auch von Kindheit an geglaubt an Mich;
fraget euch aber selbst, wie viele Tropfen irgendeines lebendigen Wassers darum
aus euerm Leibe geflossen sind!... - Ich bin aber doch kein Lügner; Ich habe
auf den Glauben Ströme des lebendigen Wassers verheißen! Wo sind sie denn bei
euch Gläubigen?
Aus dieser eurer eigenen
Erfahrung aber könnet ihr ja hinreichend abnehmen, daß Ich im vorliegenden
Texte als die ewige Wahrheit und Weisheit Selbst unmöglich den alleinigen
Glauben habe verstehen können, sondern nur den allen Meinen Jüngern
wohlbekannten mit der Liebe zu Gott und dem Nächsten gepaarten! Denn der
alleinige Glaube für sich kann ebensowenig Ersprießliches zum ewigen Leben
wirken, als wie wenig ein Ehegatte mit und aus sich selbst Kinder zu zeugen
vermag. Wenn demnach irgendwo in Meinem Worte vom Glauben die Rede ist, da ist
derselbe allezeit also zu nehmen, als wenn ihr von einer Börse redet. Wer da
sagt: ‘Ich habe ihm meine Börse gegeben!’, da versteht sich das ‘gefüllt’
von selbst; denn mit einer leeren wird wohl niemanden in etwas gedient sein.
Also ist es auch der Fall mit dem Glauben, von Meiner Seite aus
betrachtet.
Ich verstehe darunter nie
den leeren, sondern allezeit den mit Liebe gefüllten.“ (Ste 34,21-30
gekürzt) Der alleinige Glaube, und sei er noch so wahr, ist ein toter Glaube.
Erst die Taten der Liebe machen den Glauben und mit ihm den ganzen Menschen
lebendig. Diese Erklärung über den lebendigen, mit Liebe erfüllten Glauben
finden wir auch in der Bibel, wenn auch nur an wenigen Stellen. Da sagt Paulus:
„In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas,
sondern der Glaube, der durch Liebe wirksam ist.“ (Gal. 5,6) Mit diesem Vers
sagt Paulus, was er unter Glauben versteht und wie er auch alle anderen Stellen,
in denen er vom Glauben sprach, verstanden haben will, nämlich, daß der Glaube
erst durch die Liebe eine Wirksamkeit erhält. Eine zweite Stelle finden wir im
Jakobusbrief.
Da heißt es: „Was hilft
es meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, dabei aber keine Werke hat?
Kann ihn denn der Glaube retten? Wenn es einem Bruder oder einer Schwester an
Kleidung und täglicher Nahrung gebricht und jemand von euch zu ihnen sagen
würde: ‘Gehet hin in Frieden, wärmet und sättiget euch’, ihr gäbet ihnen
aber nicht, was zur Befriedigung ihrer leiblichen Bedürfnisse erforderlich ist,
was hülfe ihnen das? So ist es auch mit dem Glauben: Wenn er keine Werke hat,
so ist er an und für sich tot.“ (Jak. 2,14-17) Diese Bibelstellen sind sehr
wichtig, weil sie die Liebe vor dem Glauben an die erste Stelle setzen und ihr
den Platz geben, der ihr gebührt, wie das auch Paulus im 1. Korintherbrief
geschrieben hat: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber
die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1.Kor. 13,13)
Glaube ohne Liebe ist noch
nicht viel wert und Liebe ohne Taten oder Werke ist keine echte Liebe. Trotzdem
wird diesen Bibelstellen von einem Großteil der Christen keine besondere
Beachtung geschenkt, sondern da wird z.B. dem Jakobus der Vers aus dem
Galaterbrief entgegengesetzt: „Da wir aber erkannt haben, daß der Mensch
nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus
Christus, so sind auch wir an Christus Jesus gläubig geworden, damit wir aus
dem Glauben an Christus gerechtfertigt würden, und nicht aus Gesetzeswerken,
weil aus Gesetzeswerken kein Fleisch gerechtfertigt wird.“ (Gal. 2,16)
Ist hier nicht ein
Widerspruch vorhanden zwischen dem, was Jakobus sagte, nämlich: „Der Glaube
ist tot ohne Werke“, und dem, was Paulus schrieb: „Wir sind aus dem Glauben
an Christus gerechtfertigt worden und nicht aus Gesetzeswerken?“ Nach Jakobus
sind unbedingt Werke erforderlich, während Paulus die Werke verwirft. - Dennoch
ist das kein Widerspruch, denn aus dem Zusammenhang der Texte geht hervor, daß
Jakobus mit dem Wort „Werk“ etwas ganz anderes meinte als Paulus, weshalb
dieser ja auch einmal von den Gesetzeswerken und ein anderes Mal von den guten
Werken sprach. Aus dem Zusammenhang geht hervor, daß Paulus mit den
Gesetzeswerken das Tun nach dem Gesetz meinte, das durch Mose gegeben
wurde.
Insbesondere meinte er
damit die religiösen Vorschriften der Juden, wie die Beschneidung, (Röm.
4,9-12 + Gal. 5,2-6) die Speisegebote (Gal. 2,11-16) und das Halten des Sabbats
und der Feste. (Gal. 4,10) Heute könnten auch die Taufe, das Abendmahl, das
Halten christlicher Feste und noch weitere religiöse Vorschriften, soweit sie
nur zeremonielle Handlungen sind, dazugezählt werden. Jakobus aber meinte mit
den Werken das, was Paulus mit den guten Werken bezeichnete, nämlich die Werke
der Liebe, denn er führte dabei das Beispiel an, daß man einem Armen das ihnen
Nötige zum Leben geben soll. Mit den Werken meinte Jakobus also die Tätigkeit
nach der Liebe oder die Liebtätigkeit, die Ausführung dessen, was wir
glauben.
Und wir glauben, daß Gott
unser Vater, der in Jesus zu uns auf die Erde kam, die Liebe ist, und daß die
Liebe zu Ihm und zum Nächsten Sein Wille und Sein einziges Gebot für uns ist.
Diesen Glauben zu haben ist gut, aber erst die Tat danach zählt und führt uns
zur Erlösung. „Wenn der Mensch ungezweifelt zu glauben anfängt“, sagt
Jesus, „und durch sein Tun nach der Lehre den Glauben lebendig macht, dann
erst entfaltet sich das Reich Gottes im Menschen.“ (9.GEJ 72,11) „Willst du
aber erkennen, du eitler Mensch“, schreibt Jakobus, „daß der Glaube ohne
Werke fruchtlos ist? Wurde nicht Abraham, unser Vater, durch Werke
gerechtfertigt, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar darbrachte?
Da siehst du doch, daß der
Glaube zusammen mit seinen Werken wirksam war und daß der Glaube durch die
Werke vollkommen wurde; und so erfüllte sich die Schrift, die da spricht: ‘Abraham
hat Gott geglaubt, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet’, und er ist
‘Freund Gottes’ genannt worden. Da seht ihr, daß der Mensch durch Werke
gerechtfertigt wird und nicht durch den Glauben allein.“ (Jak. 2,20-24) Wenn
nun Paulus auch schreibt: „Abraham aber glaubte Gott, und das wurde ihm zur
Gerechtigkeit angerechnet“, und dabei die Werke verwirft, (Röm. 4,2-5) so
meinte er damit auch den Glauben und das Tun, denn wenn Abraham seinen Sohn
nicht auf den Opferaltar gelegt hätte, so wäre sein Glaube nutzlos
gewesen.
Die Werke aber, durch die
Abraham nicht hätte gerechtfertigt werden können und die Paulus verwirft,
bezieht er auf die Beschneidung und schreibt, daß Abraham zu der Zeit noch
nicht beschnitten war. (Röm. 4,9-12) Deshalb ist er auch nicht durch das
Gesetzeswerk der Beschneidung gerechtfertigt worden, auch nicht durch den
Glauben allein, sondern erst durch sein Tun nach dem Glauben, also durch das
Werk. Jesus sagt: „Darum bin Ich aber in die Welt gekommen, um durch Meine
Lehre und durch Meine Taten jedermann das Mittel in die Hand zu geben, mit
welchem er mit leichter Mühe die Welt besiegen kann“ (2.GEJ 138,2) und: „Es
wird die Erlösung für den Menschen nur dann eine wahre und wirksame sein, so
er die dazu angezeigten Mittel ganz genau und getreu anwenden wird.“ (5.GEJ
204,10)
Wenn die Erlösung nicht
nur in Jesu Menschwerdung und Seinen Taten besteht, sondern auch in Seiner
Lehre, so bedeutet das, daß wir, um erlöst zu werden, auch etwas dazu tun
müssen, nämlich Seine Lehre befolgen. Jesus hat durch Seine Taten die Brücke
erbaut, die von der Materie zum Geist führt. Wir müssen sie aber auch
benützen und darüber gehen, und das Darübergehen ist die Befolgung Seiner
Lehre. Wovon sollen wir aber nun erlöst werden? - Wir hörten bereits, daß wir
vom Tode, von der Welt und von der Materie erlöst werden sollen. Auch unser
Fleisch ist Materie und durch unser Fleisch sind wir mit der Materie und der
materiellen Welt verbunden.
Welt, Materie und Fleisch
haben deshalb hier ein und dieselbe Bedeutung. Was aber ist die Welt, die
Materie oder das Fleisch? - Paulus schreibt: „Die Gesinnung des Fleisches ist
der Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Friede, darum, weil die
Gesinnung des Fleisches Feindschaft wider Gott ist“ (Röm. 8,6-7) und: „Wandelt
im Geist, so werdet ihr die Lüste des Fleisches nicht vollbringen. Denn das
Fleisch gelüstet wider den Geist und den Geist wider das Fleisch; diese
widerstreben einander.“ (Gal. 5,16-17) Er gibt die Werke des Fleisches an mit:
„Ehebruch, Unzucht, Unreinigkeit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei,
Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Ehrgeiz, Zwietracht, Spaltungen, Neid,
Mord, Trunkenheit, Gelage und dergleichen.“ (Gal. 5,19-21)
In der Neuoffenbarung
heißt es im gleichen Sinne: „Solange ihr da seid Diener der Welt und eures
Fleisches, solange auch seid ihr an das Joch des knechtlichen Gehorsams
gespannt! Wenn ihr aber werdet Diener Meiner Liebe sein, dann auch werdet ihr
befreit sein von jeglichem Joche und werdet eben dadurch sein vollkommene Herren
eures Lebens; denn die Liebe wird und kann euch allein nur völlig frei machen.“
(2.HG 137,13) Was ist nun die Welt, die Materie oder das Fleisch etwas anders
als die Eigenliebe oder noch deutlicher gesprochen: die Sucht nach uns selbst
und die Frucht der Selbstsucht der Tod? Somit sollen wir aber auch von nichts
anderem als von unserer eigenen Selbstsucht erlöst werden und das Mittel dazu
ist die Befolgung der Lehre Jesu, die in ihrem Kern im genau Entgegengesetzten
der Selbstsucht besteht, nämlich in der Gottes- und Nächstenliebe.
In der Bibel lesen wir: „Ein
jeder gute Baum bringt gute Früchte, der faule Baum aber bringt schlechte
Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler
Baum kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeder Baum, der nicht gute Frucht
bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum sollt ihr sie an ihren
Früchten erkennen. Nicht jeder, der zu Mir sagt: ‘Herr, Herr’, wird in das
Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen Meines Vaters im Himmel tut. Viele
werden an jenem Tage zu Mir sagen: ‘Herr, Herr, haben wir nicht in Deinem
Namen geweissagt und in Deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in Deinem Namen
viele Taten vollbracht?’ Und dann werde Ich ihnen bezeugen: Ich habe euch nie
gekannt; weichet von Mir, ihr Übeltäter!“ (Matth. 7,17-23) - Warum verwirft
hier Jesus die in Seinem Namen Tätigen und nennt sie sogar Übeltäter,
wo
Er doch sonst zur Tat und
Nachfolge aufruft? - Die Herr-Herr-Sager sind wohl gläubig, aber Jesus muß zu
ihnen sagen: „Es ist nicht genug, daß da jemand glaubt, daß Ich Christus,
der Gesalbte Gottes bin, sondern er muß auch tun, was Ich gelehrt habe, sonst
nützt ihm der Glaube nichts; denn ohne die Werke ist der stärkste Glaube tot
und gibt keiner Seele das ewige Leben.“ (6.GEJ 163,7) Zwar zählen die
Herr-Herr-Sager ihre Taten auf und berufen sich sogar auf ihre in Jesu Namen
vollbrachten Taten, aber sie haben ihre Werke nicht so vollbracht, wie es Jesus
gewollt hat. Zu ihnen sagt Jesus: „Die aber zu Mir nur wohl ‘Herr, Herr!’
rufen, ihre Hauptsorge aber pur weltlichen Dingen zuwenden und nur so nebenbei
nach dem trachten werden, was des Reiches Gottes ist, zu denen werde Ich sagen:
‘Was rufet ihr Weltlinge Mich, und was schreiet ihr? Mein Herz hat euch noch
nicht erkannt.“ (9.GEJ 57,9)
Tätig sind viele, aber mit
Tätigsein allein ist es nicht getan, sondern wir müssen aus Liebe tätig sein.
Das sagt auch der Evangelist Johannes in der „Geistigen Sonne“: „Gott
sieht nicht auf das alleinige Werk, sondern allein auf die Liebe. Geht das Werk
aus der Liebe hervor, dann hat es vor Gott einen Wert; geht es aber nur aus der
alleinigen Weisheit hervor, dann hat es entweder keinen Wert, oder nur insoweit
einen, inwieweit die Liebe damit im Spiele war.“ (2.GS 63,15) - Den äußeren
Werken muß die innere Liebe zugrunde liegen. Die guten Früchte sind die aus
Liebe vollbrachten Werke. Und wie man die guten Früchte nicht unbedingt an
ihrer äußeren Erscheinung, sondern an ihrer Süßigkeit erkennt, - eine Frucht
kann trotz des guten Aussehens sauer schmecken - so erkennt man die Taten der
Liebe auch nicht unbedingt an den äußerlich vollbrachten Werken, auch wenn sie
manchmal noch so gut zu sein scheinen, sondern an der inneren Herzensliebe, die
den Werken zugrunde liegt. Diese innere Liebe ist das Gute an den
Früchten.
Das sind die Früchte des
Geistes, wie Paulus sie aufzählt: „Liebe, Freude, Friede, Geduld,
Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit.“ (von den
Werken des Fleisches) (Gal. 5.22) Das sind die wahren Werke nach dem Willen
Jesu. Nun könnte aber jemand sagen, wenn nur die innere Liebe das Entscheidende
ist, so müßte es dann ja auch genügen, wenn jemand zu seinen Nächsten
freundlich ist und ein mitleidiges Herz für in irgendeine Not geratene Menschen
hätte. Aber Jakobus schreibt, daß man den Armen nicht nur wünschen soll,
wessen sie bedürfen, sondern es ihnen auch geben muß. (Jak. 2,15-16) Die
innere Liebe allein genügt ebenfalls nicht, sie muß mit Werken verbunden sein,
aber sie ist die entscheidende Grundlage für die äußeren Werke. Deshalb sagt
Jesus: „Es ist bei weitem nicht genug, zu sagen: ‘Ich liebe meine Nächsten
und bin ihnen sehr freundlich!’
Die wahre und vor Gott
allein gültige Liebe muß in Werken bestehen, wenn die Nächsten derselben
bedürfen, geistig oder leiblich.“ (3.GEJ 207,14) Doch wenn jemand einem Not
leidenden Menschen helfen will, er aber die Tat nicht ausführen kann, so gilt
der gute Wille vor Gott genau so viel wie die Tat. Jesus gibt uns dazu zwei
Beispiele und sagt: „Es gibt ja noch viele, die den besten Willen haben, etwas
recht Gutes zu tun und auszuführen, aber es fehlen ihnen total die Mittel und
die äußeren Kräfte und Geschicklichkeiten, die dazu doch so notwendig wie die
Augen zum Sehen sind. Nun, in solchen Fällen gilt bei Mir der gute Wille stets
soviel wie die Tat selbst. Sieh, wenn zum Beispiel jemand ins Wasser fiele, und
du sähest dies!
Nun möchtest du dem
Unglücklichen wohl gerne helfen, - aber du weißt es, daß du des Schwimmens
völlig unkundig bist. Springst du dem Hineingefallenen nach, so werdet ihr
beide von der Flut begraben; könntst du aber sehr gut schwimmen, da würdest du
sicher ohne weiteres dem Unglücklichen nachspringen und ihn retten. Weil du
aber durchaus nicht schwimmen kannst, so springst du dem Unglücklichen trotz
des besten Rettungswillens dennoch nicht nach, sondern suchst schnell jemanden,
der den Unglücklichen noch retten möchte! Sieh, da gilt der gute Wille soviel
als das vollbrachte Werk selbst; und das gilt für tausend und abermals tausend
Fälle, wo bei Mir der alleinige gute Wille fürs Werk angenommen wird.
Noch ein Beispiel will Ich
dir geben! Sieh, du hättest den besten Willen, einem sehr Armen, der zu dir
kam, zu helfen, hättest aber selbst kein Vermögen, und doch möchtest du dem
Armen helfen nach allen nur denkbaren Kräften! Da du aber selbst kein Vermögen
hast, so gehst du doch zu einem und dem andern Vermögenden hin und bittest nach
allen Kräften um eine rechte Hilfe für deinen Armen, bekommst sie aber der
Hartherzigkeit der Reichen wegen nicht und mußt den Armen ohne Unterstützung
weiterziehen lassen, weinst ihm nach und empfiehlst ihn Gott dem Herrn. Sieh, da
ist dein Wille dann ebensoviel als die vollbrachte Tat selbst!“ (3.GEJ
171,8-12) - Wir sehen aus diesen Beispielen, daß ein Helfenwollen nicht immer
in die Tat umgesetzt werden kann und trotzdem als eine Tat der Liebe gilt. Doch
muß so gut wie möglich zu Helfen versucht worden sein, damit Gott den guten
Willen für das vollbrachte Werk ansehen kann. Paulus schreibt: „Christus ist
des Gesetzes Ende.“ (Röm. 10,4)
Aber Jesus sagte: „Ihr
sollt nicht wähnen, daß Ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten
aufzulösen! Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ (Matth.
5,17) - Liegt hier denn nicht ein Widerspruch vor, wenn Paulus das Gesetz
aufhebt und Jesus sagt, Er löse es nicht auf, sondern erfülle es? Paulus
schreibt: „Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden, da wir dem gestorben
sind, worin wir festgehalten wurden, so daß wir dienen im neuen Wesen des
Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.“ (Röm. 7,6) Das alte Wesen
des Buchstabens ist die alleinige Haltung zeremonieller religiöser Gebräuche.
Das sind die Gesetzeswerke, die Paulus verwirft. Das neue Wesen des Geistes aber
ist das alleinige Gebot der Gottes- und Nächstenliebe und ist das Gesetz
Christi, (Gal. 6,2) denn „an diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und
die Propheten.“ (Matth. 22,40) „Wer den andern liebt“, schreibt Paulus,
„hat das Gesetz erfüllt“, (Röm. 13,8) denn „so ist nun die Liebe des
Gesetzes Erfüllung.“ (Röm. 13,10)
Jesus hat das Gesetz
erfüllt durch ein totales Leben in der Liebe. Dadurch „hat Christus uns
losgekauft von dem Fluche des Gesetzes.“ (Gal. 3,13) Doch der alleinige Glaube
daran, daß Christus das für uns getan hat, genügt nicht, wir müssen Ihm auch
nachfolgen (Matth. 16,24) und ebenfalls das Gesetz durch die Liebe erfüllen.
Dann sind wir vom Fluche des Gesetzes frei und brauchen keine äußeren
zeremoniellen Gesetzeswerke mehr verrichten, weshalb auch Jesus im „großen
Evangelium“ sagte: „Ich nehme von nun an alles Äußere weg.“ (5.GEJ
132,7) Wie dann unser religiöses Leben aussieht, erläutert Er folgendermaßen:
„Des Menschen Herz wird sein der lebendige Tempel des wahren, einigen und
einzigen Gottes, und die werktätige Liebe wird sein der allein wahre
Gottesdienst, und die Liebe zu Gott wird sein Dessen ganz allein wahre Anbetung!“
(5.GEJ 132,4) -
Zwischen Jesus und Paulus
liegt also kein Widerspruch vor, denn durch das Leben in der Liebe erfüllen wir
das ganze Gesetz, womit das äußere Gesetz ein Ende genommen hat und es bedarf
da weder eines aus Stein erbauten Tempels, noch irgendwelcher zeremoniellen
gottesdienstlichen Handlungen mehr. In der Haushaltung Gottes sagt uns der
himmlische Vater: „Wahrlich, wahrlich sage Ich dir: Wer Mich liebt, der betet
Mich im Geiste an, und wer Meine Gebote hält, der ist’s, der Mich in der
Wahrheit verehrt! Meine Gebote aber kann niemand halten als nur derjenige, der
Mich liebt; der Mich aber liebt, hat kein Gebot mehr als dieses, daß er Mich
liebt und Mein lebendiges Wort, welches das wahre, ewige Leben ist.“ (1.HG
1,4)
Wer Jesus liebt, hat kein
Gebot mehr als das der Liebe. Das ist die Freiheit der Kinder Gottes, (Röm.
8,21) von der Paulus schreibt, daß sie über den Geboten, über dem Gesetz
stehen. Werden wir vom Geist Gottes geleitet, so sind wir nicht unter dem
Gesetz, (Gal. 5,18) „wiewohl ich nicht ohne göttliches Gesetz lebe, sondern
in dem Gesetz Christi“, (1.Kor. 9,21) schreibt Paulus weiter, „denn des
Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem
Gesetz der Sünde und des Todes.“ (Röm. 8,2) - Wir leben in Christus Jesus,
wenn wir das Gesetz Christi oder des Geistes erfüllen. Von diesem Gesetz oder
Gebot schreibt Johannes: „Das ist Sein Gebot, daß wir glauben an den Namen
Seines Sohnes Jesus Christus und einander lieben, nach dem Gebot, das Er uns
gegeben hat. Und wer Seine Gebote hält, der bleibt in Ihm und Er in ihm; und
daran erkennen wir, daß Er in uns bleibt: an dem Geiste, den Er uns gegeben
hat.“ (1.Joh. 3,23-24) -
Dann sind wir frei. Aber
Paulus warnt vor einem falschen Freiheitsverständnis, indem er sagt: „Ihr,
meine Brüder, seid zur Freiheit berufen; nur machet die Freiheit nicht zu einem
Vorwand für das Fleisch, sondern durch die Liebe dienet einander. Denn das
ganze Gesetz wird in einem Worte erfüllt, in dem: ‘Du sollst deinen Nächsten
lieben wie dich selbst.’“ (Gal. 5,13-14) Wenn uns nun Paulus aufruft, durch
die Liebe einander zu dienen, so sind das die gleichen Werke, wie sie Jakobus
meinte, daß ohne sie der Glaube tot ist. „Was soll Ich denn von einer Sekte
sagen“, sagt Jesus in der Neuoffenbarung, „die nichts als den Glauben lehrt
und die Werke verwirft? Da ist, wie ihr zu sagen pflegt, Taufe und Chrisam
verdorben; denn es steht doch laut und offen geschrieben, daß ein Glaube ohne
die Werke tot ist, und Ich Selbst habe offenkundig und zu öfteren Malen gesagt:
‘Seid nicht eitle Hörer, sondern Täter Meines Wortes!’
Dadurch ist ja offenbar
angezeigt, daß der Glaube allein nichts nützt, sondern das Werk.“ (EM 73,6)
„Also ist Mir auch eine solche Kirche lieber, wo doch noch etwas geschieht,
als wie eine, wo nichts geschieht; denn es ist besser, jemandem ein Stück Brot
zu geben, als tausend Pläne für Armenversorgung zu machen und dem Armen aber
dennoch nichts zu geben, wenn er zu einem solchen Plänemacher kommt. Pläne
sind schon recht; aber das Geben muß auch dabei sein; - sonst ist der Glaube
wieder ohne Werke, bei dem die arme Menschheit zu Hunderten verhungert. Wer aber
recht leben will, der kann es in jeder Kirche; denn eine Hauptregel ist: Prüfet
alles, und das Gute davon behaltet! Wenn ihr ein Kind gebadet habt, so schüttet
bloß das Badewasser weg, das Kind aber behaltet, - und das Kind ist die
Liebe!
Ich sage zu niemandem:
werde ein Katholik oder werde ein Protestant oder werde ein Grieche, sondern:
was einer ist, das bleibe er, - wenn er will. Sei er aber was er wolle, so sei
er ein werktätiger Christ, und das im Geiste und in der Wahrheit; denn jeder
kann, wenn er es will, das reine Wort Gottes haben. Ich bin nicht wie ein
Patriarch und bin nicht wie ein Papst und bin nicht wie ein
Generalsuperintendent und nicht wie ein Bischof, - sondern Ich bin wie ein
überaus guter und gerechtester Vater allen Meinen Kindern und habe nur Freude
daran, wenn sie tätig sind und wetteifern in der Liebe, aber nicht daran, daß
sie einander ‘Narren’ schelten und ein jeder aus ihnen der Weiseste und
Unfehlbarste sein will - mit lauter Räsonieren, aber dabei nichts tut. Mein
Reich ist ein Reich der höchsten Tatkraft, aber kein Reich eines müßigen,
naseweisen Faulenzertums; denn Ich sagte zu den Aposteln nicht: ‘Bleibet
daheim, denket, brütet und grübelt über Meine Lehre nach!’, sondern: ‘Gehet
hinaus in alle Welt!’ Dasselbe sage Ich auch zu allen Seligen.
Da heißt es tätig sein;
denn immer ist die Ernte größer als die Zahl der Arbeiter. Darum ist es auch
besser, in irgendeiner Ordnung tätig zu sein, als bloß allein des reinsten
Glaubens zu sein. Und tätig sein nach Meiner Lehre ist dann sicher unendlich
besser, als die ganze Bibel auswendig zu wissen und zu glauben.“ (EM 73,12-18)
„Der bloße Glaubensmensch ist dem gleich, der sein Talent vergrub. Wenn aber
jemand aus der Schrift nur wenig weiß, aber darnach tut, der ist dem gleich,
der über das wenige eine treue Haushaltung führte und dann über vieles
gesetzt wird.“ (EM 73,19)
Es heißt in der Bibel: „Ein
Jeder nun, der diese Meine Worte hört und sie tut, ist einem klugen Manne zu
vergleichen, der sein Haus auf den Felsen baute.“ (Matth. 7,24) „So aber
jemand Meine Worte hört, aber sodann nicht danach tut und handelt“, sagt
Jesus im „großen Evangelium“, „den wird Mein Wort nicht lebendig machen,
sondern ihm nur dienen zum Gerichte und zum Tode. Ist das auch schon nicht Mein
Wille also, sondern nur Gottes ewige Ordnung, so kann Ich ihm aber dennoch nicht
helfen, dieweil er nur sich selbst helfen soll. Denn so jemand Hungerndem eine
Speise gereicht wird, und er ißt sie nicht, sondern betrachtet sie bloß, so
ist da der Speisegeber nicht schuld, wenn der Hungernde dabei verhungert und
stirbt, sondern offenbar der Hungernde selbst, dieweil er keine Speise zu sich
nehmen wollte.
Und ebenalso steht es mit
dem, dem Ich Mein Wort als das wahrste Brot aus den Himmeln vorsetze, der es
aber bloß anhört und nicht danach tätig werden will. Darum sei niemand ein
purer Hörer, sondern auch ein Täter Meines Wortes, so wird er dadurch
wahrhaftest gesättigt werden mit dem Brote aus den Himmeln in seiner Seele und
wird fürder nimmer sehen, fühlen und schmecken einen Tod, da er sonach selbst
ganz zum Leben aus Gott geworden ist.“ (5.GEJ 218,10-11) Nun schreibt aber
Paulus: „Die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem
Herrn.“ (Röm. 6,23) - Heißt das nicht, daß wir nichts zur Erringung des
ewigen Lebens dazutun können und wir es nur als eine Gabe aus der Gnade Gottes
geschenkt bekommen?
Ja, das ewige Leben ist
eine Gnadengabe Gottes, aber diese Gnadengabe geht allein aus der Liebe hervor,
die ein Mensch zum Herrn hat (BM 80,18) und diese wiederum ist ohne die Tat der
Nächstenliebe nicht möglich. Der Preis, der auf einen Wettlauf hin verteilt
wird, (1.Kor. 9,24) ist eine Gnadengabe, aber nur der Erste erhält ihn. (JJ
191,20) Nur wer in der ersten Liebe steht und die ersten Werke tut, (Offb.
2,4-5) erhält diese Gnade. Daß aber das ewige Leben die Gnadengabe Gottes ist,
schließt nicht aus, daß wir dafür auch etwas tun müssen, um es zu erlangen,
denn Gott will sich keine Müßiggänger heranziehen! „Was sich der Mensch mit
seinen ihm verliehenen Kräften nicht selbsttätig verschafft“, sagt Jesus,
„das kann und darf ihm auch Gott nicht verschaffen, ohne ihn zu richten!
Das Leben ist ein Tun und
kein Müßigstehen der Kräfte, durch die das Leben bedingt ist, und so muß das
Leben auch durch die gleichfort währende Tätigkeit der sämtlichen Kräfte
desselben sogar für ewig erhalten werden; denn in dem Sich-zur-Ruhe-Legen
waltet kein bleibend Leben. Das gewisse Wohlgefühl, das euch die Ruhe beut, ist
nichts als ein teilweiser Tod der zum Leben erforderlichen Kräfte; wer dann
stets mehr und mehr an der tatlosen Ruhe, besonders der geistigen Lebenskräfte,
ein behagliches Wohlgefallen findet, der schiebt sich dadurch eben auch stets
mehr dem wirklichen Tode in die Arme, aus denen ihn auch kein Gott gar zu leicht
mehr befreien wird! Ja, es gibt auch eine rechte Ruhe voll Lebens; aber die ist
in Gott und ist für jeden Menschen ein unnennbar beseligendes Gefühl der
Zufriedenheit, nach dem Willen Gottes tätig zu sein.
Dieses beseligendste
Zufriedenheitsgefühl und die klarste Erkenntnis, wahrhaft nach der Ordnung
Gottes gehandelt zu haben, ist die bewußte rechte Ruhe in Gott, die allein voll
Lebens ist, weil voll Tatkraft und Handlung danach. Jede andere Ruhe, die in
einem Aufhören der Lebenskräfte besteht, aber ist, wie schon gesagt, ein
wahrer Tod insoweit, als inwieweit die verschiedenen Lebenskräfte sich der
Tätigkeit entzogen haben und dieselbe nicht wieder ergreifen.“ (1.GEJ
220,6+8-11) Paulus schreibt nun aber: „Alle haben gesündigt und ermangeln der
Herrlichkeit Gottes, so daß sie gerechtfertigt werden ohne Verdienst, durch
Seine Gnade, mittels der Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ (Röm.
3,23-24) -
Wenn wir nicht nur glauben,
sondern auch Werke der Liebe tun müssen, um in die Herrlichkeit Gottes eingehen
zu können, haben wir uns dann nicht am Ende den Himmel verdient? Ist es dann
nicht unsere Leistung gewesen und unser Verdienst, wenn wir etwas erreichten? -
Und doch sagt Paulus: „Wir werden ohne Verdienst gerechtfertigt, durch Seine
Gnade.“ Wie ist das zu verstehen? Zu dieser Frage gibt uns Jesus im großen
Evangelium folgendes Gleichnis: „Wenn ein Landmann seinen Acker bebaut, so
düngt er ihn, ackert dann das Erdreich mit dem Pfluge auf, streut das
Weizenkorn in die Furchen und eggt es darauf ein, und er hat dann bis zur Ernte
nichts mehr zu tun. Ist darauf die Ernte des Landmanns pures Verdienst und Werk,
oder ist sie nicht vielmehr in allem Mein Werk und Verdienst?
Wer schuf ihm das kräftige
Ochsenpaar für seinen Pflug? Wer gab ihm Holz und Eisen, wer das Samenkorn mit
dem lebendigen Keime? Wer legte in diesen zahllos viele neue Keime und Körner?
Wessen war das alles erwärmende und belebende Licht der Sonne? Wer sandte den
fruchtbaren Tau und Regen? Wer gab den wachsenden und reifenden Halmen das
Gedeihen und wer war am Ende dem Landmanne selbst das Leben, die Kraft, die
Sinne, die Vernunft und den Verstand? Wenn ihr nur dieses Bild so ein wenig
tiefer überdenket, so wird es euch doch klar werden, wie höchst wenig als Werk
und Verdienst bei der Bestellung des Ackers auf den Landmann entfällt?!
Ganz bei klarem Licht
betrachtet wohl beinahe gar nichts, - und doch mag dieser sagen: 'Sehet, das
habe ich alles meinem Fleiße zu verdanken!' Aber daran denkt er kaum, wer der
alleinige Hauptbearbeiter des Weizenackers war! Sollte er nicht vielmehr in
seinem Herzen sagen und bekennen: ‘Herr, du großer, guter und heiliger Vater
im Himmel, ich danke Dir für solche Deine Sorge! Denn alles das war, ist und
wird sein allzeit nur Dein Werk; ich war dabei ein fauler und völlig unnützer
Knecht!’? Wenn sich aber das schon bei einer materiellen Arbeit wohl geziemt,
um wieviel mehr geziemt sich das dann erst zu sagen und zu bekennen von seiten
eines Menschen, dem Ich seinen geistigen Lebensacker mit allem und jedem
bearbeiten helfe, wobei er schon eigentlich nichts anderes zu tun hat, als an
Mich zu glauben und dann Meinen göttlichen Willen als ein purstes Geschenk aus
Mir sich also anzueignen, als wäre er so ganz sein, obwohl er im Grunde des
Grundes dennoch pur Mein ist!
Wenn solch ein Mensch in
dem Vollbesitze Meines Willens dann alles vermag und große Dinge und Werke
verrichten kann, wessen ist dann das Hauptverdienst?“ (8.GEJ 19,10-12)
Natürlich Jesu Hauptverdienst. Doch wenn auch die Hauptarbeit Jesus leistet, so
heißt das aber nicht, daß der Landmann nur wenig Arbeit hätte, er muß im
Gegenteil, auch wenn sein Anteil im Verhältnis zu dem, was die ewige Liebe tut,
verschwindend gering ist, doch vollen Einsatz leisten. Jesus gibt uns Seinen
Willen als Geschenk, aber Er legt uns das Geschenk nicht einfach in die Hand,
sondern wir müssen es uns aneignen. Jesus kann und darf nicht alle Arbeit zu
unserem Heil leisten, sonst könnte sich das ewige Leben in uns nicht frei
entfalten und wir würden zu puren Maschinen. Jesus sagt: „Meine Allmacht kann
und darf da nichts zu tun haben, wo sich in Meinen Kindern ein freies Leben
entfalten soll.
Da kann Ich Selbst jemandem
nicht mehr tun, als ihr euch untereinander. Ich gebe euch den Acker, den Pflug,
den Weizen, und bestelle die Schnitter; aber arbeiten müßt ihr dann selbst!
Und arbeitet ihr recht, und gebricht es euch irgend an der nötigen Kraft, so
wisset ihr nun schon, daß Ich euch damit allzeit ausrüsten werde, so ihr Mich
darum angehen werdet in euren Herzen, und ihr werdet dann mit erneuter Kraft gut
zu arbeiten haben; aber für euch arbeiten kann und darf Ich ewig nicht! Und
würde Ich das, so hättet ihr für die Freiheit und Selbständigkeit eures
Lebens keinen Nutzen; denn da wäret ihr pure Maschinen, aber ewig keine freien,
aus sich heraus lebenden, denkenden und handelnden Menschen!“ (4.GEJ 101,9)
„Ein rechtes Verdienst vor Mir hat nur der, der in Meinem Namen Liebe wirkt
nach Meiner Lehre… Wer aus Liebe zu Mir in Meinem Namen seinem Nächsten etwas
Gutes tut, der hat das wahre Verdienst eines Arbeiters auf Meinem Acker vor Mir
und wird dafür seinen Lohn ernten. Denn was ihr in Meinem Namen den Armen tun
werdet, das werde Ich stets also ansehen, als hättet ihr das Mir getan.“
(6.GEJ 142,12-13)
Arbeiten müssen wir. Aber
auch wenn wir gut gearbeitet haben, so können wir uns die Arbeit aber doch
nicht als Gesamtverdienst anrechnen. „So ihr euch Meinem erkannten Willen frei
unterwerfet und nach demselben handelt“, sagt Jesus, „so handelt da ja nicht
ihr selbst, sondern Mein Wille in euch, der allein gut ist! Wie habt ihr dann
ein Verdienst des Handelns wegen? Seht, da habt ihr kein Verdienst, - aber wohl
darin, daß ihr euren bösen Weltwillen Meinem allein guten Willen untergeordnet
habt und dadurch mit Mir eins geworden seid durch die Hilfe eures Glaubens.“
(6.GEJ 143,10) Unser Verdienst besteht nur darin, daß wir unseren Willen dem
Willen Jesu untergeordnet und in die Tat umgesetzt haben. Jesus sagt: „Zum
Verdienste wird nur gerechnet, zu leben nach dem Worte in aller Liebe, Geduld,
Sanftmut, allem Glauben und Vertrauen, aller Selbstverleugnung und duldsamer
Ertragung von allerlei Kreuz und mancherlei Leiden, damit dadurch das Herz
vollkommen rein werde von allen Schlacken der Welt.“ (1.Hg Seite 411,11)
Wir haben zwar einen
Verdienst, wie jeder einzelne Soldat eines Heeres einen Verdienst am Sieg über
den Feind hat, wenn er gut gekämpft hat, aber dennoch kann sich kein Soldat den
Sieg selbst zuschreiben, sondern nur dem Feldherrn, denn nach seinen Plänen und
Befehlen hat er gekämpft. So können auch wir uns den Sieg über die Welt nicht
selbst zuschreiben, wenn wir ihn vollständig errungen haben werden, denn der
Sieger ist allzeit Jesus, nach dessen Lehre, unter dessen Führung und mit
dessen Hilfe wir den Sieg erringen. Er sagt: „Ich bin, und das einzig und
allein, ein Feldherr des Lebens gegen alles, was dem Leben ein Feind ist. Wer da
unter Meinen Geboten und nach Meinen Plänen kämpft, der wird auch gegen die
vielen Lebensfeinde leicht zu kämpfen haben und sie auch leicht besiegen; wer
sich aber ohne Mich und nach seinem eigenen Verstande und Willen in den Kampf
mit den vielen Feinden des Lebens einlassen wird, der wird gefangen und dann arg
zugerichtet werden.
Ist er aber einmal in der
harten Gefangenschaft, wer wird ihn dann aus derselben erlösen, wo er seine
ärgsten Lebensfeinde nur in sich selbst zu suchen und zu bekämpfen hat?! So
aber jemand an Meiner Seite leicht den Sieg über gar viele Feinde erkämpft, so
ist dann der Sieg ja doch nur Mein Werk; denn er konnte den Sieg ja doch nicht
anders als nur durch die genaue Befolgung Meines Willens, Planes und Rates
erkämpfen. Ist der erkämpfte Sieg aber Mein Werk, so ist er auch Mein Ruhm und
Verdienst!“ (8.GEJ 19,7-8) Wenn wir schließlich von unserer Selbstsucht und
unserem Hochmut, das heißt von der Welt oder der Materie erlöst sind und in
die Herrlichkeit Gottes eingehen, so war das nicht unser, sondern Jesu Werk und
Verdienst.
Und Er rät uns: „Was ihr
aber immer tuet, das tuet stets in Meinem Namen; denn ohne Mich vermöget ihr
nichts Wirksames zum Heile eurer Seelen zu tun! Und wenn ihr am Ende schon alles
getan habt, was euch zur Erlangung des wahren, ewigen Lebens zu tun geboten und
angeraten ist, dann saget und bekennet in euch wie auch vor der Welt, daß ihr
faule und unnütze Knechte gewesen seid!“ (8.GEJ 19,1) „Wir haben getan, was
wir zu tun schuldig waren!“ (Luk. 17,10) Durch Jesu Erlösungswerk stehen wir
ewig in Seiner Schuld und können nur tun, was wir zu tun schuldig sind. Jesus
hat nicht nur die Erlösung am Kreuz für uns vollbracht, sondern Er führt uns
auch soweit, bis die Erlösung auch in uns vollbracht ist. Die Erlösung ist
Sein Werk. Nur den geringsten Teil, das Wollen und das Handeln nach Seiner
Lehre, müssen wir dazu beitragen, damit wir nicht Automaten werden, sondern
freie Gotteskinder.
Paulus sagt aber nun
wieder: „Vollendet eure Rettung mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der
in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt nach Seinem
Wohlgefallen.“ (Phil. 2,12-13) - Ist das nicht ein Widerspruch zu dem was wir
bisher hörten? Wirkt nun auch noch der geringe Anteil, den wir leisten sollen,
nämlich unser Wollen und Handeln nach Jesu Lehre, Gott in uns? Brauchen wir nun
doch nichts selbst zu tun? Jesus sagt: „Wo ein Mensch den erkannten Willen
Gottes tut, da tut er nicht nach seinem eigenen Willen, sondern nach dem Willen
Gottes; was aber der Wille Gottes tut im Menschen oder im schon reinen Engel,
das ist dann sicher nicht ein Werk pur des Menschen oder eines Engels, sondern
ein Werk dessen, wessen der Wille ist, nach dem ein Werk vollbracht ward. Des
Menschen Werk zu seinem Heile ist dabei nur das, daß er aus Liebe und wahrer
Ehrfurcht vor Gott den erkannten Willen Gottes mit seinem Willen völlig zu
seinem Willen gemacht hat und dann nach demselben handelt.
Aber von da an wirkt nicht
mehr des Menschen Wille, sondern der Wille Gottes alles Gute im Menschen, und so
ist dann das Gute im Menschen auch nur ein Werk Gottes, was der rechte und wahre
Mensch in seiner rechten Demut anzuerkennen hat. Schreibt sich aber ein Mensch
ein gutes Werk als sein eigenes Verdienst zu, so zeigt er dadurch schon, daß er
weder sich und noch weniger Gott je wahrhaft erkannt hat und darum noch ferne
vom Reiche Gottes ist.“ (8.GEJ 19,2-3) Unser Werk ist nur das, daß wir den
erkannten Willen Gottes so weit zu unserem Willen gemacht haben, daß wir nicht
mehr mit Paulus sagen müssen: „Das Wollen ist zwar bei mir vorhanden, aber
das Vollbringen des Guten gelingt mir nicht!“ (Röm. 7,18) Aber von da an sind
unsere Handlungen nicht mehr unser Werk, sondern Gottes Werk, weil wir das gute
Werk nach Seinem Willen getan haben und Er es deshalb war, der es in Wahrheit
durch uns vollbracht hat.
Jesus sagt: „Der Mensch
wird zwar nur durch Gott und in Gott selig, aber nur insoweit, als er durch sein
eigenes Wollen den Willen Gottes zu dem seinigen gemacht hat und in seinem
Selbstbewußtsein gewisserart eins mit Gott geworden ist. Wenn aber Gott dem
Menschen seinen freien Willen hinwegnähme und dafür durch Seine Allmacht
Seinen eigenen Willen in des Menschen Herz setzte, so wäre der Mensch so gut
wie für und in sich völlig tot, da nur der aufgedrungene allmächtige Wille
Gottes den Menschen belebte... Gott aber hat den Menschen erschaffen und hat ihn
belebt und also eingerichtet, daß er sich nach und nach selbst entfalten kann
und muß.“ (7.GEJ 62,9) Gott kann dem Menschen den freien Willen nicht
hinwegnehmen, denn dann wäre er nur eine Maschine. Aber der Mensch kann
freiwillig sein eigenes Wollen dem göttlichen Willen mehr und mehr
unterstellen.
Auf diese Weise wirkt dann
Gottes Wille durch den Menschen, ohne daß der Mensch durch einen aufgedrungenen
allmächtigen Willen Gottes seine Freiheit verlöre. So hat das auch Paulus
gemeint als er schrieb: „Gott wirkt in euch das Wollen und das Vollbringen“,
nicht daß der Mensch nichts aus eigenem Antrieb tun solle, denn im gleichen
Vers ruft er dazu auf: „Vollendet eure Rettung mit Furcht und Zittern.“ In
der „Haushaltung Gottes“ sagt es der himmlische Vater ganz klar: „Wenn
jemand tut Meinen Willen, der tue es immerhin, als täte er solches aus eigener
Kraft, freilich wohl stets im Volltrauen auf Meine kräftige Unterstützung.
Wenn er aber irgend etwas vollzogen hat nach Meinem Willen, so muß er sich
alsogleich lebendigst erinnern, daß er nichts, sondern nur alles Ich durch ihn
vollzogen habe! Wer solches lebendig in sich erkennen wird, der auch wird vor
Mir gerechtfertigt sein durch diese seine demütige Erkenntnis.
Wer aber die Taten sich
selbst zuschreiben wird, der wird einst vor Mir auch eine unendlich schwere
Rechenschaft zu bestehen haben, bei welcher schwerlich je eine vollgültige
Probe herauskommen wird, - außer, wenn solch ein Rechner noch frühzeitig genug
wird zur Rechentafel der Demut seine Zuflucht nehmen und wird auf dieser Tafel
offenbarlichst bekennen, daß er vor Mir der größte Schuldner ist!“ (2.HG
235,15-17) Ums Tun und um die Werke kommen wir also nicht herum, aber es muß
uns bewußt sein, daß alle guten Werke, die wir nach Gottes Willen vollbracht
haben, Seine Werke sind, die Er durch uns, d.h. durch unser Tun vollbracht hat.
Was aber ist mit den bösen Werken? Sind die auch Gottes Werk? - Dazu sagt
Jesus: „Wenn der Mensch wider den erkannten Willen Gottes Böses tut, so ist
die Tat nicht ein Werk Gottes, sondern des Menschen völlig eigene Tat; denn da
hat der Mensch seinen eigenen freien Willen nicht dem erkannten Willen Gottes
untergeordnet, sondern demselben nur allzeit widerstrebt, und es kann von ihm
füglich gesagt werden, daß seine bösen Taten völlig sein eigen sind.
Aber eben darum hat der
Mensch durch den großen Mißbrauch seines freien Willens sich selbst gerichtet
und in seiner Blindheit sich dadurch unglücklich gemacht.“ (8.GEJ 19,5) Die
selbstsüchtigen und bösen Werke sind also allein die Werke der Menschen. Die
guten Werke des Menschen sind nur die, daß er seinen menschlichen Willen dem
Willen Gottes unterstellt hat. Und nach den guten oder bösen Werken werden wir
gerichtet, schreibt Paulus: „Nach deinem verstockten und unbußfertigen Herzen
häufst du dir selbst den Zorn auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des
gerechten Gerichtes Gottes, welcher einem jeglichen vergelten wird nach seinen
Werken; denen nämlich, die mit Ausdauer im Wirken des Guten Herrlichkeit, Ehre
und Unsterblichkeit erstreben, ewiges Leben; ...Trübsal und Angst über jede
Menschenseele, die das Böse vollbringt!“ (Röm. 2,6-7+9)
Wenn das Entscheidende die
Tat ist, so kann es gar nicht anders sein, daß wir nicht nach unserem Glauben
gerichtet werden, sondern nach unseren Taten oder Werken. Jesus sagt in den „Himmelsgaben“:
„Denn ein jeder Mensch wird nach seinen Werken ...sein ganz eigenes Gericht
finden!“ (2.Hg Seite 260,13) Die gleiche Aussage finden wir auch noch an
mehreren Stellen in der Bibel, in denen Jesus sagt: „Ich will euch vergelten,
einem jeden nach seinen Werken.“ (Offb. 2,23), (Offb. 20,12-13), (Offb.
22,12), (Matth. 16,27), (Röm. 2,5-11, 2.Kor. 5,10)Werken.“ (Offb. 2,23), (Offb.
22,12), (Matth. 16,27)
Quellenverzeichnis
GEJ Das große Evangelium Johannes, Jakob Lorber, 10 Bände
HG Die Haushaltung Gottes, Jakob Lorber, 3 Bände
JJ Die Jugend Jesu, Jakob Lorber, 1996
GS Die geistige Sonne, Jakob Lorber, 2 Bände
BM Bischof Martin, Jakob Lorber
Hg Himmelsgaben, Jakob Lorber, 2 Bände
EM Erde und Mond, Jakob Lorber 1953
Ste Schrifttexterklärungen, Jakob Lorber, 1958 Lorber Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen
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