Der Hochmut, der Grund einer jeden Sünde
 
  Gerd Kujoth Druckerfreundliche Version

Was ist Demut?
Über die Demut bekommt man in christlichen Predigten nicht allzuviel zu hören. Die Demut ist so etwas Erniedrigendes, mit der sich fast niemand gerne beschäftigen möchte. Um diese Abneigung gegenüber der Demut zu überwinden, müßte ihre herausragende Wichtig- keit erkannt werden. Das kommt in der Bibel zu wenig zum Ausdruck, obwohl in ihr so manche Verse über die Demut enthalten sind. In der Neuoffenbarung jedoch wird die Wichtigkeit und besonders die grundlegende Stellung der Demut ganz deutlich hervor- gehoben. Was aber ist die Demut? - Demut heißt Dienmut und ist die Gesinnung des Dienens. 

Die Demut ist somit der Mut, Gott und dem Nächsten Dienste zu verrichten. Ein unterster Diener muß gehorchen. Er darf keine Befehle erteilen, sondern empfängt Befehle und muß sie ausführen. Je mehr aber ein Befehlsempfänger hochmütig ist, um so mehr fühlt er sich gedrückt und erniedrigt. Dem möchten die Menschen ausweichen und streben deshalb danach, selbständig und unabhängig zu werden oder doch wenigstens eine höhere Stellung einzunehmen. Deswegen dient der Diener auch nicht freiwillig, sondern ge- zwungen, weil er seinen Lebensunterhalt verdienen muß. Er ist deshalb nicht wahrhaft demütig, lieber würde er der Herr sein, damit er tun könnte nach seinem Gutdünken. Aber der himmlische Vater hat das alles in dieser Erdenschule so eingerichtet, damit ein jeder Mensch sich zum Dienen aufraffen muß, wenn auch zunächst gezwungenermaßen. Die Nachfolger Jesu sollen jedoch die Demut freiwillig ausüben und aus Liebe dem Nächsten Dienste verrichten oder sie sollen doch wenigstens, wenn sie gezwungen dienen, voll ergeben in Gottes Führung sein.

Aber die Demut ist noch mehr. Sie ist auch das Erdulden von Demütigungen, die in allerlei Not und Leid bestehen, wie Beleidigung, Verfolgung, Armut, Krankheit und Schmerz. Die Demut ist aber nicht nur eine Tat, wie Dienste zu verrichten und Demütigungen zu erdulden, sondern sie ist auch ein Gefühl. Es ist sogar das Dienen und das Demütigungen- Erdulden erst wahre Demut, wenn der Wille zum Dienen und das Erdulden der Demü- tigungen aus dem Demutsgefühl hervorgeht. Ohne das Demutsgefühl wird ein Mensch, der gedemütigt wurde, voll Ärger oder gar Zorn, den sich aber viele äußerlich nicht anmerken lassen. Was aber ist das Demutsgefühl? – Das Demutsgefühl ist das Gefühl des Sich- geringer-Haltens als alle anderen. Jesus sagt: „Keiner dünke sich zu sein über den andern! Ihr alle seid gleich Brüder; aber der sich am geringsten zu sein dünkt und will aller andern Knecht und Diener sein, der ist unter allen dennoch der Meiste und der Höchste!“ (2.GEJ 159,8)


Warum Demut?
Aber warum will denn Gott Seine Geschöpfe so demütig haben? Die Menschen fühlen sich doch viel leichter und erhabener, wenn sie keine untergeordneten Dienste verrichten müssen, sondern eine höhere Stellung einnehmen und Befehle erteilen können. Und sie fühlen sich ganz besonders gut und frei, wenn sie selbständig und unabhängig sind und sie niemandem gehorsam sein müssen. - Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir auf den Zweck der Demut zu sprechen kommen. Keine Gemeinschaft verschiedenster Menschen kann bestehen, wenn jeder nur Befehle erteilen und niemand gehorchen will. Dann wäre ja auch niemand da, der die Anordnungen der Herrschenden ausführen würde. Auf der Erde funktionieren die Volksgemeinschaften nur, weil die Anordnungen der Herrschenden hauptsächlich mit Zwangsmaßnahmen durchgesetzt werden. 

Fallen die Zwangsmaßnahmen weg, machen alle, was sie wollen und es entsteht eine Unordnung. Im Himmel dagegen entsteht keine Unordnung, trotz der höchsten Freiheit, die dort herrscht. Zwangsmaßnahmen sind im Himmel aber undenkbar. An ihre Stelle treten die Liebe und die Demut vor Gott und den Nächsten. Wenn es Gott möglich gewesen wäre, das Herrschen als das Ziel des Lebens einzusetzen, so hätte Er es auch so eingerichtet, daß ein jeder Mensch ein erster Herrscher sein könnte. Gott aber sah es von Ewigkeit her, daß keine Gemeinschaft aus lauter unbeschränkten Herrschern funktionieren kann, sondern nur gerade umgekehrt. „Wäre im hochmutsvollen Herrschen über die andern des Lebens Ausbildung bedungen“, sagt Jesus, „so würde von Mir sicher eine solche Ordnung getroffen sein, daß ein jeder Mensch irgendein unbeschränktes Recht zum  Herrschen hätte. Doch das ist Meiner ewigen Ordnung zuwider.“ (4.GEJ 95,2) 

Deshalb hat Er die Demut, den Mut zum Dienen, als „das eigentlichste Grundfundament allen Lebens“ eingesetzt. (2.HG 12,15)Am Baum des Lebens entsprechen die Wurzeln der Demut, der Stamm entspricht der Liebe und die Äste, Zweige und Blätter entsprechen der Wahrheit und der Weisheit. Wie aus den Wurzeln der Stamm hervorwächst, so wächst aus der Demut die Liebe hervor. Und wie aus dem Stamm die Äste und Zweige hervorwachsen, so wächst aus der Liebe die Wahrheit oder das Licht hervor. (Fl 12,17) Ohne die Demut gibt es kein Wachstum am Baum des Lebens, wie auch ein Baum ohne die Wurzeln nicht wachsen, sondern absterben würde. Nur in dem Maße, wie wir in der Demut fortschreiten, schreiten wir auch in der Lebensvollendung fort. Die rechte Demut ist der Same fürs ewige Leben in Gott! Sie ist der Anfang der reinen Liebe, – die Liebe aber das ewige Leben selbst! (2.HG 207,23-24)


Jesus als Vorbild der Demut
Wenn die Demut das Grundfundament allen Lebens ist, so muß der himmlische Vater Selbst der Demütigste sein, denn Er ist der Grund von allem. Jesus sagte: „Lernet von Mir, denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ (Matth. 11,29) Die Größe Seiner Demut zeigte Er uns dadurch, daß Er, der unendliche Gott, nur als einfacher Mensch in einem Stall geboren werden wollte, unter Seinen Geschöpfen gleich ihnen lebte und Sich von ihnen demütigen ließ, bis zum ehrlosen Tod am Kreuz. 

„Und siehe, Ich euer aller Schöpfer und Vater“, sagt Jesus, „wollte vor euch ein schwaches Menschenkind werden mit allem Zurückhalte Meiner ewigen und unendlichen göttlichen Herrlichkeit, auf daß ihr durch dieses über alles demütige Beispiel an eurem alten Herrschgeist einen Ekel bekommen sollet! Aber nein! Gerade in dieser Zeit aller Zeiten, in der Sich der Herr aller Herrlichkeit unter alle Menschen erniedrigt hat, um sie alle in solcher Seiner Niedrigkeit zu gewinnen, wollen die Menschen am meisten Herren sein und herrschen!“ (JJ 236,32-34) Jesus hat uns vorgelebt, wie auch wir als Seine Nachfolger in der Demut leben und uns demütigen lassen sollen, aber wie schwer fällt den Kindern Gottes gerade dies. „Nehmet euch alle an Mir ein Beispiel!“ sagt Jesus, „Ich bin der Herr über alles im Himmel und auf Erden, in Mir ist alle Macht, Gewalt und Kraft, und dennoch bin Ich von ganzem Herzen voll Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld, Güte und Barmherzig- keit. Seid ihr alle desgleichen, und man wird daraus wohl erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid!“ (10.GEJ 90,4)


Das Hoheits- und das Demutsgefühl
Wenn Jesus sagte, daß wir alle Ihm gleich sein sollen und daß wir von Ihm lernen sollen, so heißt das, daß niemand von Anfang an voll Liebe, Demut, Sanftmut und Geduld ist. Selbst die erstgeschaffenen Geister mußten diese Eigenschaften erst in ihrer freien Selbständigkeit erlernen. Denn in allen geschaffenen Wesen begegneten sich schon vom Anfang ihres Seins an zwei Gefühle, die gegeneinander um die Herrschaft kämpften. Erstens das Hoheitsgefühl, in dem sich das Wesen Gott gleich fühlt, wenn es erkennt, daß es mit göttlichen Eigenschaften ausgestattet ist, weshalb es sich bewußt wird, daß das Urlicht Gottes in ihm ist und zweitens das Demuts- oder Abhängigkeitsgefühl, in dem sich das Wesen aus dem Schöpfer hervorgegangen fühlt, weil es sich bewußt ist, zeitlich einen Anfang gehabt zu haben. 

Das erste Gefühl stellt das Geschöpf unbedingt dem Schöpfer gleich, wie aus sich hervorgehend und völlig unabhängig von dem ewigen Urgrunde; das zweite aber muß sich dennoch als ein von und aus dem ewigen Urgrunde hervorgerufenes und somit vom Haupturgrunde sehr abhängiges Geschöpf ansehen. Dieses zweite, demütigende Gefühl muß aber das erste Hoheitsgefühl ebenfalls zu einem Demutsgefühle machen, was unumgänglich notwendig ist für das freie Geschöpf, denn solange das Hoheitsgefühl nicht die Demut zur Grundlage hat, kann sich daraus größter Hochmut entwickeln. Das Hoheitsgefühl aber will sich nicht demütigen lassen und streitet ganz gewaltig gegen solch eine Erniedrigung und will das Demutsgefühl erdrücken. 

Durch solchen Kampf aber entsteht dann Groll und am Ende Haß gegen den Urgrund allen Seins und aus dem gegen das niedere Demuts- oder Abhängigkeitsgefühl. Ist das Demuts- gefühl erdrückt, erlahmt das Hoheitsgefühl, es verfinstert sich und wird zu Hochmut. Das Urlicht im geschaffenen Wesen wird dann zu Nacht und Finsternis. In dieser geistigen Finsternis erkennt das Wesen dann kaum mehr das Urlicht in sich und entfernt sich blind und dabei dennoch selbständig vom Urgrunde seines Seins und Werdens und erkennt diesen nicht mehr in seiner Verblendung. (1.GEJ 1,16-20)Diese Vorgänge, die uns im 1. Band des „großen Evangeliums“, Kapitel 1 geschildert sind, spielen sich in allen geschaffenen Wesen ab. 

In den urgeschaffenen Geistern siegte bei einem Teil von ihnen das Hoheitsgefühl, und sie fielen dadurch von Gott ab. „Im Anfange war der Größte mir der Nächste“, sagte Jesus, „dieser aber erhob sich und wollte Mir gleich sein und wollte Mich übertreffen und entfernte sich darum von Mir. Darum aber baute Ich dann Himmel und Erde und gab die Ordnung, daß nur das Geringe Mir am nächsten sein soll! Nun aber erwählte Ich für Mich alle Niedrigkeit der Welt; und es werden darum nur die die Größten sein bei Mir, die gleich Mir in der Welt wie in sich selbst die Geringsten und Niedrigsten sind.“ (JJ 114,15-18) Wer Gott gegenüber demütig ist, der anerkennt seine völlige Abhängigkeit von Ihm und seine völlige Nichtigkeit vor Ihm. Der größte der Engel wollte von Gott unabhängig sein. 

Er wollte selbst Gott sein und herrschen. Dadurch siegte in ihm das Hoheitsgefühl, das zu größtem Hochmut wurde. Das Licht in ihm erlosch und er fiel in die Finsternis. Mit ihm fiel eine große Schar der Geister, die durch ihn erschaffen wurden. Die Rückführung der Geister suchte er in seinem noch ungebrochenen Hochmut dadurch zu verhindern, indem er das erste Menschenpaar überredete, Gott ungehorsam zu werden. Sie würden dann nicht nur nicht des Todes sterben, sondern könnten darüber hinaus sogar Gott gleich werden. Er versuchte also in dem ersten Menschenpaar das Hoheitsgefühl zu stärken, was ihm auch zunächst gelang. 

Sie wurden ungehorsam und fielen, und so blieb Gott nichts anderes übrig, als Selbst auf die Erde zu kommen, um die Demut vorzuleben. Er nahm Knechtsgestalt an, erniedrigte Sich Selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Kreuzestod. (Phil. 2,7-8) Durch Seinen Gehorsam machte Er den Ungehorsam Adams wieder gut und durch Seine Selbsterniedrigung besiegte Er Satanas Hochmut. Nun sind nicht mehr die größten geschaffenen Geister bei Gott die Nächsten, sondern die gleich Ihm in der Welt und in sich selbst die Geringsten und Niedrigsten sind.


Es gibt im Grunde nur eine Sünde
Wie der Grund des geistigen Lebens die Demut ist, so ist der Hochmut der Grund und die Mutter aller Sünden. „Es gibt vor Mir“, sagt Jesus, „im Grunde des Grundes nur so ganz eigentlich eine einzige Sünde, welche die Mutter aller anderen Sünden ist, und diese Sünde heißt: Hochmut! Aus dem Hochmute aber geht dann alles andere, was nur immer Sünde heißt, hervor – als da ist die Selbstsucht, Herrschlust, Eigenliebe, Neid, Geiz, Wucher, Betrug, Dieberei, Raub, Zorn, Mord, Trägheit zur rechten Arbeit, der süße Müßiggang auf Kosten der unhochmütigen Arbeiter, Hang zum Wohlleben und Großtun, Geilheit des Fleisches, Unzucht, Hurerei, Gottesvergessenheit und endlich wohl auch oft eine gänzliche Gottlosigkeit und mit dieser der vollste Ungehorsam gegen alle Gesetze, mögen sie göttlichen oder bloß politischen Ursprunges sein. 

Betrachtet jede dieser aufgezählten Hauptsünden für sich ganz analytisch, und ihr werdet am Grunde einer jeden den Hochmut ersehen. Wer dann aller seiner vermeintlichen tausend Sünden wie mit einem Schlage los sein will, der sehe allein darauf, daß er seines wie immer gearteten Hochmutes ledig werde, so wird er auch ledig sein aller seiner anderen Sünden. Denn viele Sünden sind ohne Hochmut gar nicht denkbar, und das darum, weil er der alleinige Grund dieser Sünden ist. Sünden aber, die ohne Hochmut begangen werden, sind keine Sünden, weil sie den Grund zur Sünde nicht in sich bergen.“ (3.Hi. Seite 477, 29-32)„Denn so ihr Sünden hättet, so viel, als es da gibt des Grases auf der Erde und des Sandes an den weiten Ufern des Meeres, und hättet aber dabei keine Spur von einem Hochmute, so wären alle diese Sünden wie gar keine vor Mir! 

Denn wo kein Hochmut ist, da ist die Liebe, die in sich birgt alle Demut; Liebe und Demut aber tilgen alle Fehler und Sünden, so ihrer noch so viele wären, – denn Liebe und Demut töten alle Sünden! – Aber so nur ein Atom des Hochmutes hinter den anderen Sünden steckt, die die Menschen begehen in der Zeit der Probe ihrer Freiwerdung, so belebt dieses Atom alle Sünden, ja sogar die kleinsten. Und solche Geister werden einst, wie auch schon hier, sehr gewaltig zu kämpfen haben, um auch nur eines Atoms des Hochmutes loszu- werden.“ (3.Hi. Seite 487, 84) Wer Sünden begangen hat, so zahlreich wie der Sand an den Ufern des Meeres, der kann alle diese Sünden mit einem Schlag loswerden, wenn er das letzte Atom, d.h. das letzte kleinste Teilchen Hochmut, das diesen Sünden zugrunde lag, aus sich herausgeschafft hat. 

Viele Sünden sind ohne Hochmut gar nicht denkbar, während andere auch ohne Hochmut ausgeführt werden können. Wenn solch eine Sünde wirklich einmal ohne Hochmut begangen wird, was sicher selten vorkommt, so ist sie dann aber so gut wie keine Sünde, denn nur der Hochmut macht eine Sünde groß. Führt aber ein völlig Demütiger, der keinerlei Hochmut in sich hat, eine Tat aus und sähe diese Tat vor den Menschen auch so aus, als wäre sie eine Sünde, der hat vor Gott keine Sünde begangen. Denn wer völlig demütig ist, der handelt nicht mehr selbstsüchtig, sondern aus wahrer Liebe. Kisehel, einer der Urväter der Menschheit, demütigte sich bis auf den Grund, so daß selbst das kleinste Teilchen Hochmut in ihm erstarb. In dieser Demut ergriff er alsbald den himmlischen Vater in der Liebe seines Herzens, worauf Dieser ihm alle seine Sünden auf ewig vertilgte. (1.HG 176-179)

In der Kundgabe „Das große Morgenrot“, im 3. Band „Himmelsgaben“ und auch in „Erde und Mond“, Kapitel 61 bis 65, gibt uns der himmlische Vater ein großes Licht an die Hand, mit dem sich ein jeder ganz scharf durch und durch erleuchten lassen kann, ob er noch einen kleinen oder auch größeren Hochmut in sich hat. In diesem Licht beschreibt der himmlische Vater verschiedene Lebenssituationen und die Reaktionen der Menschen darauf, wenn ihnen Hochmut zugrunde liegt. Da kann sich dann ein jeder prüfen, ob er sich in der gleichen Situation nicht genauso verhalten würde. Es ist nämlich nicht so einfach, an sich selbst festzustellen, wo man noch hochmütig ist. Mit diesem Licht aber kann ein jeder in seine Lebenswinkel und Herzenskammern hineinleuchten und sorgfältigst nachspüren, ob er nicht irgendwo etwas antrifft, was mit dem Hochmute irgendeine Ähnlichkeit haben könnte. 

Wer etwas hochmutähnliches in seinem Inneren aufgespürt hat, der verabscheue es augenblicklich und strebe alsbald mit allen Kräften danach, daß er seines noch so gering scheinenden Hochmutes loswerde, sonst könnte dieser mit der Zeit zu wachsen anfangen und den sonst edlen Menschen geistig zugrunde richten. (3.Hi. Seite 478,34) Denn: „Der Weg zum Himmel ist ein gar enger,“ sagt Jesus, „und ist belegt mit allerlei Dornen. Das größte Dornenhindernis aber ist und bleibt der Hochmut und die ganze Legion seiner Abarten.“ (6.GEJ 236,11)


Die Herrschlust
Da ist zunächst die Herrschlust. Da wollen die Menschen lieber befehlen als gehorchen und streben deshalb danach, ihren Mitmenschen gegenüber eine höhere Stellung einzunehmen. Eine herrschende Position zu haben, bringt so manche weltliche Vorteile mit sich, die aber zumeist geistige Nachteile nach sich ziehen. Denn durch das Herrschen wird der Mensch nur allzuleicht hochmütig, das heißt: Es kommt leicht ein Hochgefühl in sein Gemüt, das ihn sich als einen höheren und besseren Menschen als alle anderen fühlen läßt. „Versuche du“, sagt Jesus, „einem ärmsten Bettler eine Königskrone aufzusetzen, und du wirst dich  alsbald überzeugen, wie seine frühere Demut und Geduld mit mehr denn Blitzesschnelle verdampft sein wird! Und es ist darum sehr gut, daß es sehr wenige Könige und sehr viele demütige Bettler gibt.“ (4.GEJ 83,2) Durch Herrschen und Befehlen wird der Hochmut am meisten geübt und gefördert. 

Je mehr jemand in seiner Position zu sagen hat, um so gefährdeter ist er, herrschlustig und damit hochmütig zu werden. Wohl nur selten kann sich jemand, der eine mehr oder weniger herrschende und vor der Welt glänzende Stellung einnimmt, davon freihalten. Er muß sich sehr in acht nehmen, daß er nicht von der Erhabenheit des hohen Amtes in der Person mitgerissen wird, wo er dann sehr stolz und hochmütig würde und sich für einen besseren Menschen als die anderen hielte. (3.GEJ 165,15) „Ein jeder Herrscher“, sagt Jesus, „wenn noch so gerecht, kann auf der Welt unmöglich das Hohe seines Standes in den Staub der Demut herabziehen. Er muß sich wie ein Gott förmlich anbeten lassen, ansonst er kein rechter Herrscher wäre. Das Reich Gottes aber kann nur von denen in Besitz genommen werden, die sich bis in die letzte und kleinste Lebensfiber gedemütigt haben. Wer auf der Welt eine nur geringe Stellung einnahm, dem ist es auch ein leichtes, in der Demut Tiefe hinabzusteigen. 

Aber nicht so für den, der den höchsten Gipfel menschlicher Würde und Größe in der Welt eingenommen hat. Wer am Meer wohnt, der hat nur wenige Schritte, und er befindet sich am Ufer der Segnungen des niederen Meeres. Wer sich aber noch auf einer höchsten Bergspitze befindet, wird bedeutend länger brauchen, bis er zum Strande des Meeres hinabgelangt. Die Herrscher befinden sich geistig auf solchen Höhen. Es braucht da mehr, um ans Meer zu kommen, als bei denen, die schon am Meer wohnen. David war ein König ganz nach dem Herzen Gottes, denn er war gut und recht. Und doch mußte er in der 
Geisterwelt mehrere hundert Jahre harren, bis die völlige Erlösung zu ihm kam.“ (d.h. bis aller Königsstolz vergangen war) (2.RB 211,6-8)


Die Rangsucht
Der Herrschlust liegt die Rangsucht zugrunde, bei der ein Mensch einen höheren Rang anstrebt, als ihn seine Mitmenschen besitzen. „Diese Rangsucht“, sagt Jesus, „ist der eigentliche Hauptteufel bei den Menschen und ist mit dem Satan schon fast homogen.“ (EM 63,1) Anlagen dazu bemerkt man schon bei den Kindern wenn sich eines vor dem andern hervortun will, denn schon einem Kinde gefällt es, wenn ihm von den übrigen gehuldigt wird. Besonders stark ist dieser Trieb beim weiblichen Geschlechte zu Hause. Da wird das Mädchen sich sehr bald schön finden und sich zu putzen anfangen, und wird schon in jungen Jahren gefallsüchtig. Alle sollen sie als die Schönste anerkennen. Diese sehr oft bei den Jungfräuleins auftauchende Eitelkeit ist nichts anderes als ein recht gesundes Samenkorn des Hochmutes. (5.GEJ 10,12)

„Bei den Knaben...“, sagt Jesus, „will ein jeder der Stärkere sein und mit seiner Kraft seinen Kameraden total besiegen und wird ihm auch womöglich ohne Gnade und Pardon mit seinen Händen und Füßen darüber nicht selten einen nahe mörderischen Beweis liefern, um nur als der Stärkste und deswegen der Gefürchtetste in der Knabengesellschaft dazustehen. Bei solchen Anlässen merkt man die Gegenwart des satanisch-bösen Rang- dämons gar leicht schon bei den Kindern.“ (EM 63,4-5) Und wenn dieser Dämon nicht sogleich bekämpft wird, so wird aus solch einem Mädchen am Ende gar eine Hure und aus dem Knaben ein Grobian, Raufer und überhaupt ein Mensch, dem nichts mehr als nur er sich selbst heilig ist. 

„Sie wissen bald alles besser als ein anderer, verstehen alles besser, und ihr Urteil muß das richtigste sein, bloß weil sie es von sich gegeben haben. Wer sich einem solchen Urteile nicht unterziehen will, der ist im glimpflichsten Falle ein Esel; in einem etwas mehr demonstrativen Falle aber wird er geprügelt. Das liegt alles an der Ranglust, nach der ein jeder der Vorzüglichere sein will, und wenn er auch wirklich der Allerletzte wäre... Dieser allerböseste Teufel im menschlichen Fleische ist die Quelle alles Übels unter dem menschlichen Geschlechte und ist vollkommen gleichartig mit der untersten und tiefsten Hölle, denn in ihm sind alle Übel vereinigt.“ (EM 63,8+10-11) 

Ohne rangsüchtige Menschen hätte es nie einen Krieg gegeben. (EM 63,12) Kein anderes Laster kann so viele in sein Verderben ziehen wie dieses. Ein einziger Mensch kann Millionen mit hineinziehen und seinem Rangsuchtsdämon unterstellen. Jesus erklärt uns in Erde und Mond, wie das zustande kommt. Er sagt: „Ein Mensch, der sehr viel dieses Dämons in sich hat, wird sich bald Unterwürflinge bilden, anfangs unter dem Namen ‘Freunde’, aber diese Freunde werden aus lauter Freundschaft das tun müssen, was ihr gebietender Hauptfreund will, und das darum, weil er sie in seinen rangsüchtigen Dämon hinein gezogen hat. Diese seine Freunde werden wieder Freunde wählen und in den nämlichen Dämon hineinziehen, in den sie selbst hineingezogen wurden. 

Dadurch aber wird der Haupträdelsführer schon ein Oberhaupt, und weil die Sache gut geht, so fängt er an zu gebieten, und sein Dämon wird bald Tausende in sein Garn ziehen, und sie alle werden tanzen, wie er pfeift. So entstehen dann Dynastien. Da steht einer an der Spitze, diktiert und gibt Gesetze, wie sie ihm nur seine Laune gebietet, und Tausende müssen sie befolgen, ob unter blutigen Tränen, ob willig oder nicht willig, das ist gleich; denn wo einmal eine Macht sich zu einem Knäuel vereinigt hat, da scheitert jeder  spezielle Widerstand, und Vernunft, Verstand und Weisheit müssen weichen, wo tyrannischer Despotismus den Thron bestiegen hat. Beliebt es dem Tyrannen, seine 
Untertanen blind zu haben, – er darf nur gebieten, daß ihnen die Augen ausgestochen werden. Und seine Helfershelfer, vom gleichen Dämon beseelt, tun ja alles, was der Gebieter wünscht. 

Aber es geschieht den Menschen recht, daß Tyrannen über sie herrschen; wenn sie gerade auch keine Tyrannen sind, so sind sie doch wenigstens hartnäckige Despoten, die aber ebenso wie der Tyrann den pünktlichsten Gehorsam fordern, den leisesten Widerspruch als eine Majestätsbeleidigung erklären und ihn – wenn nicht mit dem Tode, so doch  wenigstens mit einem zeitweiligen, schweren Kerker bestrafen. Aber, wie gesagt, es geschieht den Menschen recht, daß es so ist. (EM 63, 12-13)Wo liegt nun die Ursache, daß sich die Rangsucht unter den Menschen so sehr ausbreiten konnte? – Weil die Menschen das größte Wohlgefallen daran haben, eine hohe Stellung einnehmen zu können und diese auch für ihre Kinder erstreben. 

Jesus sagt dazu: „Die Menschen selbst haben Gott auf die Seite und ihren eigenen Hoch- mutsdämon auf den Thron gesetzt, und was sie einst taten, das tun sie noch; denn überall sorgen die Eltern ja bei ihren Kindern, daß sie etwas Besseres und Höheres werden als sie selbst. Der einfache Bauer, wenn er auch seinen Wunsch nicht ausführen kann, so hat er ihn doch wenigstens im Herzen, demzufolge sein Sohn ein großer Herr und seine Tochter, wenn sie nur irgend ein weicheres Gesicht hat, wenigsten eine Bürgersfrau in einer Stadt oder das Weib irgend eines Landbeamten werden möchte. Ein Schuster ist weit entfernt, seine Kinder sein Handwerk lernen zu lassen; und hat er eine etwas mehr schöne als häßliche Tochter, da wäre es keinem seines Handwerkes zu raten, sie zum Weibe zu  verlangen, weil sie leicht eine Beamtenfrau, wenn nicht noch mehr werden kann. 

Der Schuhmacherssohn muß natürlich studieren und dann je mehr desto besser werden. Ist die Tochter eines solchen Toren wirklich eine Rätin geworden und der Sohn etwa gar ein Kriminalaktuar, dann darf es der Vater ja nicht gar zu keck weg mehr wagen, sich seinen hochgestellten Kindern mit aufgesetztem Hute zu nahen. Es kränkt ihn zwar sehr, und er weint oft gar bittere Tränen, daß ihn seine Kinder nicht mehr kennen wollen; aber es geschieht ihm recht. Warum war er ein solcher Esel und hatte Freude daran, sich statt zwei Stützen für sein Alter nur zwei Tyrannen heranzubilden?!“ (EM 63, 14) „Wer läßt denn die Kinder studieren? Die Eltern. - Warum? Damit die Kinder etwas werden sollen. - Und was sollen die Kinder werden? 

Ganz natürlich, wenn es möglich ist allezeit mehr als die Eltern; denn überall heißt es: ‘Ich lasse meinen Sohn studieren, auf daß er einst entweder ein Geistlicher oder ein Staatsbeamter werden möchte, und wenn er es zu einem Hofrate oder gar zu einem  Minister bringen könnte oder als Geistlicher womöglich zu einem Bischofe, so wäre es mir wohl am liebsten.’ Also spricht das Gemüt eines Vaters, und ebenso das Herz einer Mutter. Aber daß ein Vater sagen möchte: ‘Ich lasse meine Kinder nur darum studieren, daß sie sich recht nützliche Kenntnisse sammeln sollen, um dann mit weisem Vorteil das zu sein, was ich selber bin oder auch etwas Geringeres, aber gut und recht!’, das wird nicht leichtlich gehört werden, noch weniger Mein Wort: ‘Wer unter euch der Erste sein will, der sei der Letzte und euer aller Knecht.’ 

Das habe Ich geboten und siehe, kaum ein Bettler befolgt dieses Gebot; aber was der Satan befiehlt durch seinen Dämon, nach dem rennt klein und groß, Kind und Greis. Daher geschieht aber der Welt auch zehnmal und hundertmal recht, daß sie mit Schwert und Feuer tyrannisiert wird; denn sie hat ja selbst das größte Wohlgefallen daran. Hört auf, aus den Kindern Tyrannen zu erziehen, und werdet selbst lieber die Letzten als die Ersten, dann werden die Tyrannen auf den Thronen bald allein dastehen; und weil ihr tief drunten stehen werdet, so werden auch sie tief herab von ihrer Höhe steigen müssen, um nicht auf selber verlassen zugrunde zu gehen.“ (EM 63,16-18) 

„Wie tun aber die Menschen – so ein Vater, so eine Mutter? – Sagen sie nicht: Siehe, mein Sohn, du bist von besserer Geburt! Dir taugt die gemeine Dirne nicht zum Weibe, nimm dir eine Ebenbürtige! Und du, meine Tochter, was hast du mit diesem Manne niederen und dürftigen Standes zu tun? Siehe, es gibt Edle und Reiche, für die deine Hand und dein Herz geschaffen. – Was meinst du wohl, geht diese Klassifikation Mich, den Werkmeister, oder den Menschen, die alle gleich Mein Werk sind, an? – Ich meine, das Urteil trifft Mich! Die Folge davon wird sein eine große Musterung über dem Grabe; denn Ich als der ewig unendlich Vollkommenste kann es doch nicht über Mich nehmen, daß Mich Meine Werke also als unvollkommen schelten durch solche Urteile. 

Darum sage Ich dir: Willst du auf der Erde des Himmels Vollkommenstes schauen, so schaue das Allergeringste an, – denn das Höchste auf der Erde wird drüben das Unterste und Elendeste sein. Willst du einen Maßstab haben, der dir dein Maß in Meinem Reiche zeigen kann, dann suche, wer dir gleichkommt – welchen Hauses Tochter soll dein Sohn nehmen dereinst, und von welchem Gewichte solle der Mann für deine Tochter sein? – Frage dich aber streng im Herzen, so wirst du es ganz genau finden, wieviel dir noch übrigbleibt vor dem Innersten Meines Reiches. Denn da ist es nicht genug zu sagen, siehe, mir sind alle Menschen gleich, und der Niederste ist meinem Herzen am nächsten, sondern das muß lebendige Wahrheit sein im Geiste, umseelt mit dem festesten Willen; dann auch ist Mein Reich im Menschen lebendig.

Aber wo noch wie immer gestaltete Grade über den Wert des Menschen (wohlverstanden Menschen und nicht Räuber, Hurer, Ehebrecher, Diebe, Geizhälse, Totschläger und dergleichen, die nicht Menschen, sondern Teufel sind) im Herzen auftauchen, wo sich die Natur noch dagegen sträubt, da ist Mein Reich um noch ebenso viele Grade entfernt, als um wie viele Grade sich jemand bei sich aus was immer für Rücksichten für besser und vorzüglicher hält. Bis jemand nicht die allerunterste Stufe in allen Außeninteressen seines Herzens wird erreicht haben, wird er in Mein Reich nicht eingehen können; denn Ich habe 
Mir Selbst das Niedrigste erwählet!“ (3.Hi. Seite 218,3-7) „Wenn demnach die Menschheit samt und sämtlich herabstiege auf den Grund der Demut, da mag dann der Fürst mit Laternen seinesgleichen und seine Hoheitsanerkennung bei selben suchen, und er wird sie so wenig finden als geschliffene Diamanten in einem Flußschottergerölle. 

Sehet, das ist der Weg zur Glückseligkeit hier und jenseits; dadurch kann Menschheit und Fürst gebessert werden, - nicht aber durch Widerspenstigkeit, und noch weniger durch allerlei meuterische Aufstände gegen eine geordnete Macht.“ (EM 63,25-26) „Wer andere bessern will, der bessere zuerst sich und lebe gerecht, – so werden die anderen ihm nachfolgen, wenn sie den Vorteil ersehen werden... Aber leider ist jedes Übel leichter als dieses auszurotten, und das darum, weil die Menschen selbst das größte Wohlgefallen daran haben; und ein jeder will lieber ein hochgeehrter Herr als im wahren Sinne des Wortes ein untergebenster Knecht und Diener sein.“ (EM 63,27+29) Nicht nur ein großer Herrscher, auch ein kleinerer Amtsinhaber muß sich sehr in acht nehmen, daß er nicht stolz und hochmütig wird. 

Die Autorität eines Amtes springt gar leicht auf den Amtsinhaber über. Jesus sagt: „Wer von euch Menschen aber ein Amt hat, der bilde sich darauf ja nichts ein als Mensch,“ (3.Hi. Seite 490,97) denn es gibt Beamte, „die gewöhnlich auf ihre Amtswürde ein so großes Gewicht legen, daß sie die anderen, ihnen untergeordneten Menschen nicht selten für nahe weniger als nichts betrachten.“ (3.Hi. Seite 481,48) „Ich will, daß ihr euch wegen eines Amtes nicht auch in euer Person über die anderen Menschen erheben sollet! Wohl sollt ihr allzeit euer Amt treu, gut und gerecht handhaben, - aber dabei niemals auch nur einen Augenblick vergessen, daß die, über welche ihr ein gutes Amt ausübt, vollkommen euch ebenbürtig und somit eure Brüder sind! Die wahre Nächstenliebe aber lehrt euch solches von selbst aus der wahren Liebe, die ihr als Kindlein zu Mir habt.

Wenn es nötig ist, da lasset das Ansehen und die Ehre eures Amtes walten; aber ihr selbst seid voll Demut und Liebe, so wird euer Gericht über eure verirrten Brüder und Schwestern stets ein nach Meiner Ordnung gerechtes sein! Ich sage dir: Wer da nicht abläßt vom kleinsten Stäubchen Hochmutes, dem wird in der Folge Mein Reich nicht geoffenbart werden im Geiste, und er wird nicht eher hineinkommen, als bis er das letzte Stäubchen Hochmutes wird aus sich geschafft haben!“ (3.GEJ 165,8-11) Es ist schwer, ein hohes Amt zu haben und dabei dennoch im Herzen demütig zu sein. Nur des Herrn Gnade und große Erbarmung kann einen Amtsinhaber inmitten seines irdischen Ansehens auf dem Standpunkt der Ordnung der Himmel, also der Demut, erhalten. (3.GEJ 165,16) 

Zu Cyrenius, der seinem Amt einmal den Rücken kehren wollte, um allein nach der Lehre Jesu zu leben, sagte Jesus: „Du kannst auch bleiben, was und wer du bist, und stehst dem vor, dem du vorgestellt bist; aber nicht zu deinem Ansehen, sondern zum vielseitigen Nutzen der Menschen. Wer recht demütig ist und voll der reinen, uneigennützigen Liebe zu Gott dem Vater und zu allen Menschen und hat stets das rege Bestreben, allen Menschen, so möglich, zu dienen in der Ordnung Gottes, der schwimmt ganz wohlbehalten und  bestverwahrt über die sonst gar so leicht todbringenden Fluten aller Weltsünden hinweg.“ (3.GEJ 13,3+10) „Du kannst nicht dafür, daß ein römisches Reich dereinst entstanden ist. Nun ist es einmal da, und du kannst es nicht zunichte machen! 

Das Reich aber hat dennoch gute Gesetze, die zur Aufrechterhaltung einer Ordnung und zur Demütigung der Menschen recht wohl taugen. Dünkst du dich ein Herr zu sein, der über dem Gesetze steht und darum eine Krone tragen kann, so bist du auf dem falschen Wege  für dich, wennschon nicht gegenüber den Menschen, die das Gesetz, das einmal sank- tioniert ist, sowieso tragen müssen mit allen seinen Vor- und Nachteilen. Stellst du dich aber auch unter das Gesetz und betrachtest dich bloß als den vom Staate und von der Notwendigkeit aufgestellten Leiter und Ausfolger desselben, so stehst du am rechten Standpunkt!“ (3.GEJ 14,2) 

Nicht nur durch das Ausüben einer höheren Position kann sich ein Mensch für vorzüglicher halten und damit hochmütig werden, auch die Reichen stehen in dieser Gefahr. Sie dünken sich meist um so viel mehr wert, wie sie reicher sind als andere Menschen und schauen verächtlich auf die Armen herab. Nicht daß niemand reich sein dürfe, Lazarus war reich und doch nicht hochmütig, weil er nach der Lehre Jesu lebte, denn er brauchte den Reichtum hauptsächlich nicht für sich, sondern verwaltete ihn für die Armen. „Saget auch nicht,“ sagt Jesus, „dies Haus, dieser Grund und dieses Vermögen gehört mir. In meinem Hause bin ich der Herr, und auf meinem Grunde habe ich zu schaffen. – Seht, in solchen Äußerungen steckt eine große Portion Hochmut! 

Wahrlich, die also denken, reden und handeln, bei denen werde Ich nimmer Einzug halten, weil sie nicht Mich als den Herrn, dem allein alles wahrhaftigst und vollkommenst zu eigen ist, sondern nur sich als den Herrn ihrer ihnen von Mir nur auf eine sehr kurze Zeit geliehenen Sache ansehen.“ (3.Hi. Seite 491,102)Wird ein reicher Mensch in seiner Pracht voll des Hochmutes, so begeht er eine mächtige Sünde gegen seine eigene Seele und gegen den göttlichen Geist in ihm und verdirbt sich und alle seine Nachkommen, die sich dann schon von der Geburt an für viel besser als alle anderen halten. (3.GEJ 14,11-12) „Eben darum“, sagt Jesus, „ist die Armut auf dieser Erde so überwiegend groß vor der Wohlhabenheit der Menschen, um dadurch den Hochmut gleichfort am scharfen Zügel zu haben!“ (4.GEJ 83,2) 

„Die Armut ist zwar eine gar große Plage für die Menschen, aber sie trägt den edlen Keim der Demut und wahren Bescheidenheit in sich und sie wird darum auch stets unter den Menschen verbleiben.“ (4.GEJ 79,3) Es gibt noch viele andere Gelegenheiten und Situationen, in denen sich ein Mensch für vorzüglicher als alle anderen halten kann, wodurch er dann sehr stolz und hochmütig wird. „Wenn jemand recht viel gelernt hat“, sagt Jesus, „und hat seinen Verstand mit recht tüchtigen Wissenschaften ausgerüstet, so daß andere, ungelehrte Menschen im Fache des Wissens als bare Nullen gegen ihn sich verhalten, und wenn es nun einem Ungelehrten einfiele, dem Hochgelehrten gegenüber zu behaupten, daß er auch etwas verstehe und es sogar eine Schande wäre, so jemand, der... zwanzig Jahre nichts als studiert hat und sich mit Wissenschaften über Wissen- schaften beschäftigte, nicht mehr verstünde als einer, der dazu weder Vermögen noch Gelegenheit hatte, – ja da wäre es aus beim Herrn Doktor! 

Der würde so einem naseweisen Lümmel ganz kurios begegnen und ihm zeigen, ob er das Recht habe, ihm gegenüber solch impertinente Bemerkungen zu machen. Seht, das ist schon wieder Hochmut, der aus dem Herrn Doktor statt des Segens nur einen Fluch für die arme Menschheit zieht. Wieviel Gutes könnte ein demütiger Gelehrter stiften, und wie gesegnet wären alle seine Arbeiten, die er mit Mir zum Frommen der armen Menschheit vollführte! Wie würde er wahrhaft geschätzt, geliebt und gesucht sein! Ja, je weniger er aus sich machte, desto mehr würden die anderen aus ihm machen. – Aber nein, der Hochmut als Eigendünkel der meisten Gelehrten versengt und verbrennt all das Edle und Gute, das aus ihnen hätte hervorgehen können, da er sie, je älter und größer er (der Hochmut) wird, für die arme und bedürftige Menschheit ganz unzugänglich macht.“ (3.Hi. Seite 480,45-481,47) 

„Also gibt es noch ferner wirklich recht gute Menschen, die das Glück haben, mit recht guten und schönen Kindern begabt zu sein. Auf diese Kinder, besonders so sie schon erwachsen sind, bilden sie sich aber dann schon einen solchen Fleck ein, daß es gerade aus ist. Solche Kinder finden dann nach der starken Einbildung ihrer Eltern schon kaum wo ihresgleichen. Sind die Eltern, was sehr oft der Fall ist, auch noch recht wohlhabend dazu, dann haben sie natürlich einen desto größeren Wert. Aber solche Überschätzung der Kinder ist nicht Meiner Ordnung gemäß und daher Mir nicht im geringsten wohlgefällig; denn die rechte Liebe der Eltern zu ihren Kindern solle sein wie ein rechtes Licht und die Liebe zu den armen Kindern anderer, armer Eltern wie ein großer Feuerbrand, dann wird sie sich Meines allzeitigen und ewigen Wohlgefallens und Segens zu erfreuen haben. Aber solch eine Liebe, wie sie oben gezeigt wurde, ist Mir sehr zuwider, daher Ich sie auch 
nie segnen werde weder hier noch dort.“ (3.Hi. Seite 489,95-96) 

Ein hochmütiger Mensch ist auch sehr ehrsüchtig und erwartet von den anderen Menschen, gelobt zu werden oder Beifall zu bekommen. Wird diese Erwartung nicht erfüllt oder wird er sogar kritisiert, so ist er zutiefst gekränkt. Jesus sagt: „Wer von sich selbst in was immer eine zu gute Meinung hat, der verlangt, daß auch andere von ihm das meinen sollen. Nun aber setzen wir den Fall – der sich leider nur gar zu oft ergibt –, daß andere solch eine ihre eigenen Fähigkeiten überwiegende Vortrefflichkeit anerkennen und sehr beloben, so wird dann der vortreffliche A noch lobbegieriger. Er wendet bald alles an, um seine Vortrefflichkeit noch mehr zu heben. Es gelingt ihm, er wird ein Virtuose, will 
dann schon viel mehr Weihrauch. Man streut ihm Blumen und Kränze. Er fühlt sich als eine Art Gott, wird am Ende selbst von Bewunderung über sich, sozusagen, ganz hingerissen. Und wenn dann aber etwa doch jemand so keck wäre und sagte zu ihm: „Freund! Du überschätzest dich, es ist nicht soviel an dem, was du bist und leistest. 

Siehe, einige interessierte Lobhudler und Weihrauchstreuer haben dich mit ihrem ganz leeren Lobgequake trunken und verwirrt gemacht, und du warst so uneinsichtig und nahmst ein glänzendes wertloses Geflitter für bares gediegenes Gold an. Werde aber nun nüchtern und beschaue deine vermeinte außerordentliche Vortrefflichkeit mit klaren Augen, und du wirst finden, daß daran neun Zehntel rein zu verwerfen sind. Auf solch eine recht weise Belehrung wird dann der vortreffliche A erbost und wird dem recht weisen Belehrer auf eine Art übers Maul fahren, wie man zu sagen pflegt, daß sich dieser für alle Zeiten den Gusto wird vergehen lassen, ihm je wieder einmal mit einer weisen Belehrung zu kommen. – Und seht, so wuchert dann der Hochmut fort und verzehrt endlich alles Edle, was sonst der Geist vermöge seiner besseren und ausgezeichneteren Talente hätte zum Frommen vieler schwächer begabter Menschen zustande bringen können.“ (3.Hi. Seite 479,42-44) Wer sich vor den Menschen rechtfertigt, sucht, wenn auch zumeist unbewußt, ihr Lob. Jesus sagt: „Suchet, sei es in was immer, nie die Ehre der Welt; denn diese ist eine Pest für Seele und Geist, und ihre Folgen kommen früher oder später, die Erde verheerend, zum Vorschein.“ (3.Hi. Seite 481,52)


Wo man den Hochmut nicht vermutet
Nicht alle Menschen sind Inhaber einer herrschenden Position, nicht alle haben einen besonders guten Beruf, es sind auch nicht alle reich und die meisten haben keine herausragende Fähigkeit, mit der sie vor den anderen Menschen glänzen können. Da sollten sie doch eigentlich demütig sein. Sie werden auch, indem sie in dieser Welt klein sind, von Gott in der Demut gehalten. Sie sind dadurch auch viel demütiger, als wenn sie in der Welt groß gewesen wären. Aber völlig demütig sind sie dadurch zumeist noch nicht, denn wenn sie es auch in der Wirklichkeit nicht sind, so wünscht sich aber doch so mancher in seinem Herzen, ein Großer zu sein. Sie stellen sich in ihrer Phantasie vor, wie das wäre, wenn sie ein Herrscher wären. 

Oder sie stellen sich vor, reich zu sein und malen sich in ihrer Phantasie aus, was sie sich alles anschaffen würden, wenn sie genug Geld hätten. Oder sie malen sich aus, sie hätten eine herausragende Fähigkeit, wegen der ihnen von anderen Menschen zugejubelt wird. Und manch einer, der von seinem Vorgesetzten gedemütigt worden ist, kostet es so richtig aus, wenn er sich vorstellt, wie er seinen Chef demütigen kann. - Das ist alles noch Hochmut, der zwar nicht in der Tat ausgeführt wird, sich aber doch noch im Herzen befindet. Auch der Eifersucht liegt der Hochmut zugrunde, denn ein Eifersüchtiger hält sich im Grunde für mehr wert als den anderen, auf den er eifersüchtig ist und erwartet deshalb von der, die er sehr liebt, am meisten wiedergeliebt zu werden. Ein völlig demütiger Mensch ist mit allem zufrieden. 

Würde sich der Eifersüchtige völlig demütigen, so wäre er nicht mehr eifersüchtig, sondern würde es mit Geduld ertragen, so er von dem ihm lieben Menschen weniger wiedergeliebt würde und diese den anderen mehr liebte. „Lachet auch nicht zu gewaltig über so manche Dummheit der Schwachen“, sagt Jesus, „denn auch in einem solchen Lachen liegt der eigene Hochmut versteckt und erbittert das Herz des Ausgelachten oft mehr als eine ganz ernste Rüge. Also seid auch keine Freunde von den sogenannten Bonmots (geistreiche witzige Worte) und anderen beißenden Reden und Bemerkungen, wodurch bestimmte Menschen heruntergemacht werden. Denn darin liegt auch wieder Hochmut als ein Grundübel aller Übel.“ (3.Hi. Seite 490,99) 

Es zeugt auch ganz und gar nicht von Demut, wenn über einen anderen in einer ihn herabsetzenden Weise gesprochen wird. Da erlebt jemand, oder er hört es von anderen, wie sich ein Mitmensch unrecht oder lieblos verhalten hat und erzählt das Dritten weiter. Da stellt sich dann der Erzähler nicht unter, sondern über den Beschuldigten und macht ihn, manchmal auch zu Unrecht, hinter seinem Rücken schlecht und das ist weder Liebe noch Demut.


Der geistige Hochmut
Unter den religiösen Menschen kommt der geistige Hochmut recht oft vor. Das ist ein ihn erhebendes Besserseinsgefühl, das sich in das Herz einschleicht, wenn ein Mensch z.B. tiefe göttliche Weisheiten von sich geben kann oder wenn er schon einige Siege über die Sünde errungen hat oder wenn er meint, in der Heiligung oder Wiedergeburt schon weit fortgeschritten zu sein. „Es würde aber jemand sein“, sagt Jesus, „der sonst gerecht wäre und niemand zu ihm sagen könnte: Siehe, dieser und jener Sünden hast du dich schuldig gemacht, – aber er täte sich darauf viel zugute und achtete sich für viel besser als jene, die er als grobe Sünder erkennt. Wahrlich, da nützete ihm alle seine Gerechtigkeit nichts. Denn da er sich auf seine Gerechtigkeit und Unbescholtenheit etwas zugute täte, so wäre er schon vom Hochmute befangen und somit vor Mir schlechter als einer, der sein Leben lang – aber natürlich ohne allen Hochmut – in seinem Fleische gesündigt hätte, was an und für sich wohl auch eine starke Sünde ist, aber selbst mit dem geringsten Hochmute in gar keinem Vergleiche steht.“ (3.Hi. Seite 478,33) 

Das sollten wir uns fest einprägen: Der geringste Hochmut ist bei weitem schlechter als jede andere Sünde für sich allein genommen, ohne den Hochmut. Wenn z. B. jemand eine Fleischessünde begeht, ohne dabei nur im geringsten hochmütig zu sein, der hat wohl gesündigt, aber nach der Sünde ekelt es ihn vor ihr und er ist wieder rein wie zuvor. Wen die Sünde demütig gemacht hat, der ist rein vor Gott, wen aber die Sünde zum Hochmut treibt und in ihm verbleibt, der ist ein Sünder. (2.GEJ 209,4-210,17) Wie leicht sich Menschen, die sich der fleischlichen Sünden enthalten können, über diejenigen erheben, die das nicht können oder wollen, zeigt uns Jesus an einem Beispiel und sagt: „Manche Menschen beiderlei Geschlechts haben gewisserart von Geburt an ein züchtigeres Fleisch und enthalten sich demnach auch um vieles leichter von all den sinnlichen Gelüsten des Fleisches. 

Diese Menschen triumphieren dann aber gewöhnlich nicht über sich selbst, sondern hauptsächlich über ihre Nebenmenschen, deren Natur nicht aus so keuschen Sub- stantialspezifiken zusammengesetzt ist. – Diese also um vieles leichter keusch lebenden Menschen aber verachten dann gewöhnlich diejenigen, die es wirklich einen großen Kampf kostet, um sich der fleischlichen Werke zu enthalten. Ja, solche Menschen können oft beim besten Willen nicht das in die Ausführung bringen, was den andern ein leichtes ist. Wenn nun solche sich der fleischlichen Werke leicht enthaltenden Menschen über die in diesem Punkte Schwachen sich lustig machen, sie schmähen, oft verfluchen und ihnen die Hölle an den Hals schleudern, da sie sich natürlich für besser und  unfehl- barer halten als ihre schwächeren Brüder und Schwestern, – da verfallen solche fleischlich ohne ihr beson- deres Verdienst Reineren schon dem Hochmute und sind dadurch schon bei weitem größere Sünder in sich selbst als ihre schwachen Nebenmenschen.“ (3.Hi. Seite 479,40-41) 

Den Schwachen, die sich wohl auch der fleischlichen Werke enthalten wollen, denen es aber trotz eines großen Kampfes lange Zeit hindurch nicht gelungen ist, sind oftmals wieder in die Sünde zurückgefallen. Das hat sie demütig gemacht, weshalb sie vor Gott bei weitem besser dastehen als die auf ihre fleischliche Reinheit stolz gewordenen. Dem himmlischen Vater ist ein Sünder, der in seiner Schwäche gegen seine Sünden gekämpft und am Ende doch gesiegt hat, wegen seiner größeren Demut ums Tausendfache lieber, als ein Gerechter, der sich stark wähnt, weil ihm der Sieg ein leichtes war. Wer einen leichten Sieg errungen hat, ist stolz auf seine Stärke, wer aber viel gesündigt und erst nach schweren Kämpfen gesiegt hat, der ist demütig, denn er hat keinen Grund, stolz zu sein. 

Deshalb verläßt der himmlische Vater als der gute Hirte lieber 99 gerechte Schafe, um das hundertste zu suchen, das verloren gegangen ist. Den verlorenen Sohn haben seine Fehler und Sünden demütig gemacht, so daß er nur noch Tagelöhner im Hause seines Vaters sein wollte. Wer auf seine vermeintliche noch so große Gerechtigkeit wie der Pharisäer, der im Tempel betete, nur im geringsten stolz ist, ist bei weitem schlechter als ein großer Sünder, der durch seine Sünden, wie der Zöllner, demütig geworden ist. (2.Hi. Seite 189,5-18) Maria, die Leibesmutter Jesu sagte: „Das gerechte Leben ist nicht unser, son- dern des Herrn, und ist eine Gnade! Wer da aus sich gerecht zu leben glaubt, der lebt vor Gott sicher am wenigsten gerecht; wer aber stets seine Schuld vor Gott bekennt, der ist es, der da gerecht lebt vor Gott.“ (JJ 6,28-29) 

Wer ein gewisses Kraftgefühl in sich verspürt und sich für stark genug fühlt, aus eigener Kraft siegreich in geistiger Hinsicht fortschreiten zu können, der hat die rechte Demut noch nicht in sich. Jesus sagt: „Dieses Kraftgefühl ist aber oft nichts anderes als ein geistiger Hochmut, der sich vorgedrungen vor anderen Menschenbrüdern fühlt und daher etwas Außergewöhnliches leisten möchte zur eigenen Eitelkeitsbefriedigung oder auch aus Bewunderungssucht vor anderen. Hütet euch daher vor diesen Trieben; denn Meine Anhänger sollen arm im Geiste sein, wie ihr wisset, damit sie eben alles von Mir erhalten und Gott wahrhaft schauen können! Die aber, welche sich geistig reich wähnen, das sind eben die, welche meinen, Vollendete zu sein, mit ihrer Selbstüberwindung prunken und voll des geistigen Hochmutes werden.“ (11.GEJ 51,10)

Der Gefahr des geistigen Hochmutes sind besonders die Menschen ausgesetzt, die Schauungen haben oder prophetische Worte bekommen, denn ein gewisses 
prophetisches Hochgefühl kann gar leicht zu einem Hochmütlein werden. (5.GEJ 141,6) Diese meinen oftmals, besonders weit fortgeschritten zu sein, doch haben diese Fähigkeiten sehr oft natürliche Ursachen, ohne daß eine große Fortgeschrittenheit in der Wiedergeburt vorhanden ist. Thomas von Kempen sagt: „Glaube nicht, irgendwie fort- geschritten zu sein, wenn du dich nicht als der Mindeste von allen fühlst.“ (NCh) Damit Paulus sich nicht der hohen Offenbarungen, die er vom Herrn bekam, überheben konnte, wurde ihm ein Pfahl ins Fleisch gegeben. Denn: „Was ist wohl leichter, als sich in einem hohen (von Gott gegebenen) Amte zu überheben und sich für besser zu halten denn alle seine Brüder, denen ein solches Amt nicht zuteil ward? 

Was aber ist für des Menschen Geist wohl auch gefährlicher als eben solch eine gar leicht mögliche Überhebung?! Darum also war es auch für Paulus und jeden seines Amtes nötig, eine beständige Mahnung im Fleische zu haben.“ (2.Hi. Seite 190,11-12) Paulus aber bat den Herrn dreimal, daß Er ihn von dieser Probe befreien solle. Da sprach Jesus zu ihm: „Laß dir an Meiner Gnade genügen, denn Meine Kraft wird in der Schwachheit vollendet.“ Daraufhin sprach Paulus: „Also will ich mich am liebsten meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Mißhandlungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2.Kor. 12,9-10) 

„Warum denn also? – Weil Paulus wohl wußte“, sagt Jesus, „daß Ich dem Schwachen und dadurch Demütigen stets näher bin als einem Starken oder sich wenigstens törichterweise für stark Wähnenden!“ (2.Hi. Seite 190,14) „Wen der Herr aber berufen hat,“ sagt Henoch, „vor den Brüdern von Seiner unendlichen Liebe zu zeugen, der zeuge immerhin, aber stets in der allerhöchsten Demut seines eigenen Herzens, stets eingedenk, daß man nur ein allernutzlosester Diener ist, den der Herr nur gar zu leicht rathalten kann! Wehe aber dem, der darob glauben würde, er sei mehr denn seine Brüder, oder der Herr habe seiner nötig; wahrlich, ein solcher Frevler wird seinem eigenen Gerichte nicht entrinnen!“ (1.HG 83,17-18) „Wer da predigt, der sei geringer denn alle seine Brüder, so wird er zeugen, daß er wahrhaft ein Diener der Liebe ist! 

Wer das Wort des Herrn aus dem Munde eines Bruders vernimmt, der danke dem Herrn für die unaussprechliche Gnade; der Prediger aber bedenke bei sich, daß er der Allerun- würdigste ist, und halte jeden seiner Brüder für besser denn sich, so wird er sein Herz bewahren vor dem Hochmute, welcher ist des Todes Vater!“ (1.HG 83,20-21)


Das Ehrgefühl
Es kann ein Mensch, der sich um Demut bemüht, schon recht viel Hochmut abgelegt haben und hat doch noch nicht den Grund der Demut erreicht. Der Grund der Demut oder des Hochmutes liegt bei jedem Menschen in seiner Ehre. Jesus sagt: „Es läßt sich aber der Hochmut der Menschen nirgends in einem so hohen Grade merken als gerade dort, wo es sich um die Vergebung des vermeintlichen Standesansehens handelt. Ich könnte eine Million und abermals eine volle Million Menschen vorführen, die sogar recht sanft, liebreich, mildtätig und voll Gerechtigkeit sind. Ja, ihr Gerechtigkeitssinn geht oft so weit, daß sie es für ein großes Verbrechen hielten, jemanden auch nur um eine Sperrnadel Wertes zu hintergehen; aber nur bei der Ehre ihres Standes darf sie beileibe niemand angreifen – dann ist es aus!“ (3.Hi. Seite 488,85-86) 

Wessen Herz noch voll Hochmutes ist, der wird nach einem demütigenden Stoß alsbald in Zorn geraten (Fl. 9,26) und nach Vergeltung oder Rache sinnen. Wessen Herz aber nur noch wenig des Hochmutes in sich hat, der wird seinem Beleidiger wohl vergeben. „Vergeben sie (aber)“, sagt Jesus, „aus einer Art Großmut dem Betaster ihrer Ehre auch sozusagen ganz und gar, so bleibt aber dennoch etwas zurück, das dem Betaster ihrer Ehre heimlich denn doch gemerkt wird. Und wäre er auch ehedem des Hauses bester Freund gewesen und hätte die an ihrer Ehre Gekränkten auch tausendmal um Vergebung gebeten, so wird er aber dennoch nimmermehr ganz imstande sein, jenen Fleck vollkommen auszulöschen, den er entweder durch eine Unbesonnenheit oder auch im Wege früherer zu intimer Vertrautheit dem Hause zugefügt hatte.

Man will zwar darüber ganz hinausgehen und tun, als wäre da nie etwas vorgefallen, aber dessenungeachtet wird man im Reden doch kürzer gefaßt. Man macht sich nicht mehr soviel daraus, so der Freund auch längere Zeit nicht ins Haus kam. Man erkundigt sich seltener nach seinem Befinden und dergleichen mehr.Worin liegt aber da der Grund von solch einem Benehmen? Sehet, daran sind bloß drei Atome Hochmutes schuld, und diese drei Atome genügen, daß Ich bei solchen Menschen, mögen sie sonst auch von einer sehr schätzbaren Art sein, so lange nicht werde einziehen können, als bis nicht das letzte Atomchen Hochmutes aus ihren Herzen weichen wird.“ (3.Hi. Seite 488,87-89) Hinter jeder Beleidigung, sowohl von Seiten des Beleidigers als auch von Seiten des sich beleidigt fühlenden, steckt der Hochmut. (3.HG 103,4) 

Derbe Zurechtweisungen sind nie ganz in der Ordnung, weil sie im Hintergrund nicht die 
Liebe, sondern einen versteckten Hochmut haben. (3.GEJ 59,2) Dazu gehört auch, jemandem ins Gesicht zu sagen, er sei hochmütig. Ebenso ist auch derjenige noch nicht vom Hochmut befreit, der auf eine Zurechtweisung sehr empfindlich reagiert und den schon eine Kleinigkeit beleidigt. Ein völlig demütiger Mensch aber vergibt sofort, ja er nimmt von vornherein nie irgend etwas von seinen Mitmenschen als eine Beleidigung an.„Ja“, sagt da jemand, „soll ein Mensch denn gar kein Ehrgefühl haben (und jede 
Beleidigung schweigend erdulden)?“ „O ja,“ sagt Jesus, „der Mensch kann allerdings ein Ehrgefühl haben, aber das muß von der edelsten Art sein! Hat dich irgendein noch schwachgeistiger Mensch (jemand, der in der Liebe und Demut noch schwach ist) beleidigt, so werde ihm darum nicht gram, sondern gehe hin und sage zu ihm: ,Freund, mich kannst du mit nichts beleidigen; denn ich liebe dich und alle Menschen! 

Die mir fluchen, die segne ich, und die mir Übles tun, denen tue ich nach allen meinen Kräften nur Gutes! Aber es ist nicht fein, daß ein Mensch den andern beleidigt; darum unterlasse das für die Folge zu deinem höchst eigenen Heile! Denn du könntest bei deiner stets wachsenden Beleidigungssucht einmal an einen kommen, der dir die Sache sehr übelnähme und dir dann große und gewiß sehr unliebsame Ungelegenheiten bereiten könnte, und du müßtest es dann nur dir selbst zuschreiben, daß dir Unangenehmes begegnet ist!‘ Werdet ihr mit einem, der euch beleidigt hat, ohne den geringsten Groll im Herzen also reden, so habt ihr das edle und göttliche Ehrgefühl in eurem Herzen 
vollkommen gerechtfertigt. 

Sowie ihr aber darob noch so eine Art kleinen Grolles in euch merket und werdet auf den Menschen bitter und unfreundlich, so ist das noch eine Folge eines kleinen, in eurer Seele verborgenen Hochmutes, der allein nochlange gut genügt, die Vereinigung eurer Seelen mit Meinem Lichtgeiste in euch zu verhindern.“ (5.GEJ 125,5-6) Ein Atom Hochmut genügt, die Wiedergeburt des Geistes in der Seele zu verhindern. Wird ein Mensch in seiner Ehre gekränkt, und er empfindet gegenüber dem Beleidiger seiner Ehre schon von Anfang an keinen Groll in seinem Herzen und kann über ihn nur Gutes denken und reden und kann ihm Gutes tun, wenn sich ihm die Gelegenheit bietet, (3.GEJ 8,6) so ist er wahrhaft demütig. 

Wir haben nun durch das neue Wort des himmlischen Vaters gesehen, was alles Hochmut ist und welchen Wert die Demut vor Ihm hat. Wir sind bestürzt, daß wir noch so manchen Hochmut an uns selbst entdeckt haben und können nur bitten: „Jesus, Du unser lieber Vater, der Du den Hochmütigen widerstehst, den Demütigen aber Gnade verleihst, vertreibe allen Hochmut aus meinem Herzen, damit ich zu den geistlich Armen, zu den Demütigen gehören darf. Laß mich willig in Deine Schule gehen, die mich wahrhaft demütig machen kann. Laß mich ein Nichts werden, damit Du mir alles sein kannst. Amen.“




Quellenverzeichnis

GEJ Das große Evangelium Johannes, Jakob Lorber, 10 Bände, 1981-1986
11.GEJ Das große Evangelium Johannes, Leopold Engel, 1987
HG Die Haushaltung Gottes, Jakob Lorber, 3 Bände, 1981
RB Von der Hölle bis zum Himmel, (Robert Blum) Jakob Lorber, 1963
JJ Die Jugend Jesu, Jakob Lorber, 1996
Hi. Himmelsgaben, Jakob Lorber, 3 Bände, 1935 und 1993
EM Erde und Mond, 1953
Fl. Die Fliege, Jakob Lorber, 1979
Lorber-Verlag, 74308 Bietigheim-Bissingen
NCh Die Nachfolge Christi, Thomas von Kempen


 


Aktualisiert am: 02.12.2008 - Home