Das inwendige Gottesreich

 

(Vortrag von Georg Riehle 1955, Dresden)

 (in Kurzschrift stenographiert und später in Reinschrift geschrieben)

  1. Das inwendige Gottesreich

Solange der Mensch die Gottesbotschaft von außen hört, hat er sein Ziel zwar vor Augen, aber dann muß er sich dieses Ziel erst erkämpfen. Doch was er innerlich erlebt, ist schon Ziel. – Jetzt ist die Zeit da, wo sich erfüllt:

„Ich will Mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, sie sollen mein Volk sein, und Ich will ihr Gott sein.“ (vergleiche hierzu Jeremia 31,3)

Nicht mehr soll es heißen: „Gehe zu Meinem Knecht, gehe zu Meiner Magd: siehe hier, siehe da ist der Herr! Alle sollen IHN erschauen in sich selbst.“ – (Hiob 19,26)

Das ist die große Zeit heute, die größte Zeit, die angebrochen ist, wo die Tore geöffnet sind für das heilige Vaterherz in jedem Menschenherzen. Die Verbindung zu Ihm kann der Mensch herstellen.  (vergleiche hierzu 3.GEJ;241,1-4)

Von Gott aus ist sie jetzt eröffnet durch Menschen, die nur das Ziel im Auge haben das Jesus verkörpert hat. Wir sind alle Kinder eines Vaters, jeder Mensch ist ein Teilchen Meines Lebens und Ich bin ein Teilchen seines Lebens.

Ein Mensch, der seinen Vater gefunden und erkannt hat, hat keine Fragen mehr, aber ein Bedürfnis, mit seines Nächsten Gesinnung eins zu werden.

Das gesprochene Wort hat in dieser Zeit nicht mehr genug Durchschlagskraft. Von allen Kanzeln herab rauscht das Evangelium, und doch hat es keine Wirkung. –

Aber die Liebe hat Wirkung, und wenn man durch sie nur das Vertrauen gewinnt zu einem Menschen und von einem Menschen! –

In der Gegenwart eines liebenden Menschen fühlt man sich frei. Doch wenn ich einem Menschen gegenübertrete mit meiner Gesinnung im Vordergrund, und es ist nicht seine Gesinnung, und sein Verlangen, fühlt er sich unfrei.

Aber in der Liebe fühlt er sich frei, durch sie soll sich auch der große Gegner und Gegenspieler frei fühlen.

 

2. Der göttliche Lebenskeim im Menschen

Einst, in Maria nahm Er Fleisch und Blut an und suchte Fleisch und Blut auf dieser Erde –

und heute sucht Er Licht, Liebe und Leben im Menschen. –

Gewiß, wir sagen, das können wir uns nicht selbst geben, und das ist auch wahr. –

Wir können es uns nicht geben, aber es liegt als Keim in der Tiefe unserer Seele verborgen. Und wie das Weizenkorn im Acker sich entfalten will zur goldenen Ähre, so will sich dieser göttliche Lebenskeim im Acker unserer Seele entfalten. –

Was sich hier entfaltet ist dann das Eigentum des Menschen und hinter diesem Menschen steht Gott als Vater, als ewige Liebe, als herrlicher Schöpfer, als der Liebevollste und Demütigste wird Er offenbar.

Man spricht von einem Gott Abrahams, Isaks und Jakobs, man spricht von einem Gott Moses und man spricht von einem Gott Jesus. –

Es gibt doch nur einen Gott, wie kann man dann sprechen von einem Gott Abrahams, Isaks und Jakobs, von einem Gott Moses usw.? –

Weil der Geist in der Seele den Gottesbegriff nur binden (befestigen) konnte in der Form, wie die Seele in ihrer Gesinnung gestaltet war. – Alle Glocken sind aus einem Erz, und (doch) jede hat einen anderen Klang. Der Gott Jesus, das Gottesleben durch die Seele Jesu, das war der wahrhaftige Gott, weil in dem Menschen Jesus Christus kein Stäubchen Selbstisches, Menschliches vorhanden war! –

Es war in Ihm kein Blut aus dem Blute der vergänglichen Welt. So konnte sich in Jesus das Blut seines ewigen Gottesgeistes ergießen, der Tempel war gereinigt, die Seele war geheiligt. Denn wenn der Geist sich mit unserer Seele verbindet, so gibt ihm die Seele die Form. Das ist das Heilige – die Seele gibt dem Geist die Form. –

Die Seele kann den Geist in die höchste Herrlichkeit erheben, kann ihm Raum geben, daß er sich erheben kann, sie kann ihn auf der anderen Seite auch erniedrigen. – Warum ist das so?

Ehe die Gedanken Gottes nach außen gestellt werden, die ihren Ursprung hatten im Leben Gottes, ehe das Leben Gottes sich in Schöpfungswerken äußerte, sprach die Liebe in Gott:

„Wenn Ich Meine herrlichen Gedanken jetzt aus Mir hinausstelle in die unendlichen Räume und sie leben dort als persönliche, individuelle, von Mir geschiedene Funken Meines Gotteslebens, dann bin Ich ein herrlicher Schöpfer, aber Ich stehe über allen Meinen Werken. Wenn Ich aber Meine Gedanken in Geschöpfe hineinlege als Lebenskeime und befähige sie und gebe ihnen Pflege, daß sie diese Meine Gedanken verkörpern, dann bin Ich nicht nur Schöpfer, dann bin Ich Vater, dann kann Ich noch mehr sein: Liebender und Geliebter der von Mir Geschaffenen.“ –

Damit macht sich Gott von der Entwicklung Seiner ebenbildlichen Geschöpfe abhängig! – Unter ihnen war Luzifer der Erste, neben ihm die sieben Ur-Erzengel.

(Michael, Uriel, Gabriel, Raphael, Anael, Urifiel, Zarariel)

Von ihnen war nun die Entfaltung Seines göttlichen Lebens abhängig. –

Er wollte nicht als Erhöhter über seinen Geschöpfen stehen. Er wollte als Heiliger Vater bei ihnen stehen. Er wollte sich sonnen in der Liebe, aus der alle geboren waren. –

Denn Sich Selbst konnte Er nicht Wonne sein. –

Niemand kann sich selbst lieben zum ewigen Leben. Wer die Liebe hat, hat, was er benötigt, auch an Weisheit. Was er braucht mit dem Wachstum der Liebe, fällt ihm zu.

Gibt es etwas Herrlicheres, als in seinem lieben Himmlischen Vater die Liebe erkannt und gefunden zu haben? –

Erkannt zu haben, daß ich mich an Ihn wenden kann als einem Freund, als Bräutigam und Braut, als Kind, als Mitheiland? – Er ist mir alles das, was ich für Ihn sein will und was ich für Ihn tun will.

 

3. Urgeheimnisse

Ich habe manchmal große Fragen in mir, aber sie werden mir nicht gelöst. Ja, sagt mir der Geist, wenn Zeit und Stunde kommt, wirst du sie alle beantwortet finden in dir selbst. –

Es ist doch alles in uns. Es existiert kein Lebendiges, kein Stäubchen in der Schöpfung, das nicht in uns vorhanden ist. –

Ist doch der Mensch die äußere Form und die Zusammenfassung der materiellen Schöpfung. Der Geistmensch ist die Zusammenfassung aller Gesinnungen, der Himmelsmensch die Zusammenfassung aller Engelskräfte und der Gottmensch das ewig gleiche Leben des Vaters selbst. –

Aber dann gibt es noch ein Leben, das Letzte, das ist der Heilige Geist! –

Zwischen dem Heiligen Geist und dem göttlichen Geist ist ein Unterschied. Der göttliche Geist ist die Erleuchtung der Menschenseele, aber der Heilige Geist ist die Frucht der Verschmelzung durch die Liebe mit dem Herzen des Vaters. (vergleiche hierzu 2.HG;72,8 – 74,30) –

Diesen Heilige Geist kann auch Gott nicht geben. Er ist bedingt durch das Wachstum Seiner Freunde. Was ein Geschöpf Ihm nicht nachfühlt, das ist auch für Ihn, den herrlichen Vater, nicht da. –

Er will nicht der Alleinige sein, der von den Urtiefen Seiner unendlichen Herrlichen und Heiligen Liebe alles beglückte. Erst mit dem Kinde wird Er reicher Vater. –

Mit dem Kinde wächst der Vater. Durch das Kind findet der Vater erst, was auch Ihm noch verdeckt ist. Könnt ihr glauben, ihr lieben Freunde, daß der Vater sich selbst nicht kennt in aller Tiefe?

Der Jüngling erkennt nur voll, was in ihm ruht, wenn er die liebende Braut gefunden hat. –

Es wird ein Motiv in uns sein, das uns antreibt zum Wachsen. Auch wenn wir freie Geister sein werden, wird nie ein Lebensstillstand eintreten. Wohl gibt es niedrige und hohe Berge. Wer an den Stufen eines niedrigen Berges steht, strebt hinauf zur Spitze. Und wer auf dem Gipfel ist, sieht wieder einen Berg. Er steht wieder am Fuße eines höheren Berges. So sind sich die Geister zwar nicht gleich im Wachstum, aber sie gleichen sich im Streben und Verlangen.

Im neuen Himmel kann keine Überhebung und kein Fall mehr eintreten, weil alle sich gleich sind in der Erziehung, alle gleich in der Liebe, alle  gleich im Verlangen und doch ungleich in ihrer Reife. So regen sie sich gegenseitig an.

Jedes Leben wird erst dann Leben, wenn es die Kraft, die es besitzt, für den Menschen einsetzt. Auch unser Himmlischer Vater will nicht Leben für sich allein. Er findet Erfüllung erst darin, daß lebensreife Geschöpfe erstehen, die Verlangen haben nach Seinem Ewigen Heiligtume.

 

4. LIEBE, des Gesetzes Erfüllung.

Der Gedanke ist das Einfließen in der geistigen Welt. Er ist die Wurzel des Wortes.

„Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung“. – (vergleiche Paulus in Röm.13,10)

Jesus mußte zu seinen Jüngern sagen: „Wahrlich, Ich sage euch, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in Mein Reich eingehen.“ –

Die Kinder kannten keine Gesetze, sie fühlten sich heimisch und wohl auf den Knien des Heilandes. Sie haben Ihn geherzt, geküßt und umringt von allen Seiten, sie haben Seine Größe besiegt. – Wer war denn der Sieger am Kreuze? – Seine Liebe. –

Die Welt, die verneinenden Kräfte trachteten die Liebe zu schwächen. Wäre es ihnen gelungen, hätten sie der Gottheit eine Niederlage beigebracht, dann hätte die Schöpfung ihren Ewigkeitsgrund verloren. Aber die Liebe blieb Sieger. Zum zusammengebrochenen Heiland kam Simon von Kyrene und nahm das Kreuz auf sich. „Wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm“, spricht die Schrift. –

So wisset, die Liebe liegt in jedem Menschen, wie das Samenkorn im Acker. Aber das Samenkorn im Acker kann sich nicht entfalten ohne Sonne, ohne Wärme und Feuchtigkeit.

 

5. Der neue Mensch

Wenn Jesus von Sich sprach, sprach Er aus der Verschmelzung mit seinem Gottesleben, und wenn wir verschmolzen sind mit dem Gottesleben, werden wir nicht anders sprechen. –

Was Jesus lehrte und sprach, sind Früchte vom Menschheitsbaume! – Jesus ist das Bild  eines in der göttlichen Ordnung wandelnden Menschen. – Darum ist Er (der Gottmensch gewordene Mensch) Mein Wort. –

Solange ich noch nicht in der Reife stehe, daß mich dieses mein, mir von Gott zugedachtes, Wort nähren kann, bahnt mir mein Himmlischer Vater Wege, die ich mir als vollkommener Mensch (dereinst?) selbst bahnen soll. – Er stellt uns als unvollkommene Menschen schon auf göttliche Wege!

Er hat der Menschheit den Entwicklungsgang zu Gotteserkenntnis abgekürzt. – Das ist das Große und Heilige. –

Wenn die Menschen alle zurückgekehrt sein werden und ihre Reife erreicht haben, werden sie handeln wie Jesus. Und dann beginnt erst eigentlich die neue Schöpfung – beginnen die Werke mit den gottähnlich gewordenen Menschen. –

Die alte Schöpfung wird vergehen, auch wenn noch Ewigkeiten verrinnen werden, bis sich die Ursonnen aufgelöst haben, bis sie ihre Geister freigegeben haben. –

Die ganze materielle Schöpfung ist ein großer Friedhof, wo die Geister alle, gebunden durch Gesetze, in den Gräbern ihres materiellen Seins ruhen und der Auferstehung harren, der Auferstehung durch die Sonne der Sonnen, durch ihr Licht und ihre Wärme. –

Was in der geistigen Welt Weisheit ist, wurde in der materiellen Welt Licht, und was in der geistigen Welt Liebe ist, wurde in der materiellen Welt Wärme.

In der materiellen Welt ist noch keine Reife für das Gottesleben. Die Geister sind hier alle gebunden als Teile von Luzifer, in seiner von göttlichen Grundsetzen getrennten Selbständigkeit, und darum auch alle losgelöst von der Wurzel der Gottheit. –

Oh. hier sind noch Tiefen. Ewigkeitsschulen liegen hinter uns, bis unsere Seele reif wurde, das Gottesleben aufzunehmen. Diese Ewigkeitsschulen werden wir dereinst mit unseren Augen sehen. Wir werden jeden kleinsten Abschnitt unseres Weges erkennen und werden uns an die Brust schlagen und sagen: „Du großer Gott, Du hast mich umsorgt, als hättest Du in der ganzen Schöpfung nur mich allein.“ –

So sorgt die ewige Liebe und alle Kreatur kann dieses sagen! –

Siehe, diese Blume spricht: "So wie Der, Der mich und dich erschaffen hat, dich ausgestattet hat, hat Er auch mich ausgestattet. Mir konnte Er nicht mehr geben als die Schönheit, aber dir konnte Er die Lebensfülle geben, aufzunehmen und zu verstehen Sein Heiliges Herz. Doch auch ich werde dereinst dort landen, wo du landest, wieder im Herzen Gottes, aber nicht mehr als kleine Kreatur – nein – als eigenes, selbständiges Leben aus Deinem Herzensleben, Du großer Schöpfer.

Auf solchen Wegen macht Gott, unser Himmlischer Vater, Sich selbst frei. –

Alles, was gebunden war und was genährt wurde von seiner Allmacht, geht der Auferstehung entgegen, der Freiheit. So wird letzten Endes wieder der große EINE Schöpfungsmensch dastehen, der gottähnliche Mensch, die erfüllte Sehnsucht der Ewigen Liebe, oder das Gefäß für die Heilige Liebe, oder die Braut für die Ewige Liebe.  

Das wird die Erfüllung sein – der neue Mensch! –

 

6. Wo wir stehen, soll ein Heiland sein.

Ach, es gibt Gedanken, die man nicht in Worte fassen kann, liebe Geschwister. Aber das eine, was uns not tut, verstehen wir alle, in Jesus den ewigen herrlichen Vater zu erkennen. Und wenn wir Ihn erkannt haben, als den heiligen Vater, als Den, Der alles leitet, ohne Den sich nichts vollzieht und nichts geschehen kann, dann sind Seine Worte auch Richtschnur für unser Leben. Dann weiß jeder, wie er sich zu verhalten hat. –

Mit wenigen Worten ausgedrückt: wo wir stehen, soll ein Heiland stehen, wo wir stehen soll eine leuchtende, wärmende Sonne für unsere Umgebung aufgegangen sein. Das andere kommt von selbst. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und Seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles Übrige zufallen. Sieht man den Zeitgeist an, erscheint er manchmal, als habe der Himmlische Vater Seine Augen geschlossen vor dieser Erde, wenn man die jungen Menschen ansieht, wie sie aufwachsen, wie sie gebildet werden.

Soll unser Himmlischer Vater Zwang anwenden zum Triumph des Lichtengels, des Lichtträgers? Ich sah ihn (Luzifer) einmal in einem Gesicht vor dem Vater stehen. Und er sprach zu seinem Gott und Vater: „Ich werde Dich dann zwingen, von Deiner Allmacht Gebrauch zu machen.“ – Der Zwang drohte zu Adams Zeiten, wie die Schrift spricht: „Und Gott reute es, daß Er den Menschen geschaffen hatte." (1.Mose 6,6) Und es kam die Sintflut, wo (nach der NO durch Jakob Lorber) – der liebe Vater so bitterlich weinte, als Er die Arche verschloß.

Wieder drohte der Zwang im Garten Gethsemane und jetzt droht erneut der Zwang für diese Zeit, Geschwisterherzen. Darum ist unser Leben so heilig. – Wenn der Himmlische Vater keinen empfänglichen Menschen mehr für das Heiligtum Seiner Liebe hat, dann vergreist die Erde, dann kann sie nicht mehr bestehen. –

Sie kann nur bestehen durch die Lebensverbindung zwischen Mensch und Gott, und wenn es nur einer ihrer Bewohner ist, der diese Lebensverbindung verwirklicht. –

Denn in der materiellen Schöpfung ist der Menschenmund Gottes Mund, das Menschenauge Gottes Auge. – Laßt uns eintreten dafür, daß das Licht des Geistes siegt. –

Ein einziger Mensch kann die Vernichtung aufhalten. –

Wir sollen mit der Verschmelzung  mit der Jesusgesinnung das Granitufer sein, an die die Sünden dieser Welt zerschellen. –

Das ist unsere heilige große Aufgabe, die Aufgabe des Gottmenschen im Menschen!

 

7. Wir warten auf den Gottmenschen im Menschen.

Vor ungefähr zwanzig Jahren sah ich in einer Dienstagsstunde das Bild der ringenden Erde. Ich war den Tag über in meiner Arbeit gewesen und hatte dort meine Pflicht erfüllt.

Als eben Feierabend war, erhielt ich großen Besuch. Sieben Brüder aus Senftenberg (in Sachsen/Oberlausitz) waren mit den Rädern im Regen nach Dresden gekommen, sie waren durch und durch naß. Was konnte ich tun?

Ich gab ihnen trockene Sachen, inzwischen hatten wir Feuer gemacht, noch mehr Freunde waren dazu gekommen, ich kochte Kakao und reichte Brot.

Nun war es acht Uhr, die Stunde sollte beginnen, ich sollte in der Stunde sprechen und war mit meinen Kräften völlig am Ende. Mein Herz sandte eine innige Bitte zum himmlischen Vater. Ein paar hundert Menschen waren versammelt, der ganze Saal war voll und ich leer und erschöpft. Mein Schwager sang mit seinen Sängern ein Eingangslied. Oh, sagte ich zu ihm: Max, singe noch ein Lied mit deinen Sängern! –

Ich wußte wohl, es geht auch ohne mich, ihr lieben Freunde, aber ich wollte doch auch mit der letzten Kraft meinem Heiland zur Verfügung stehen, da, in dem Augenblick, als mein Schwager mit den Sängern die letzte Strophe sang, stand vor meiner Seele ein Bild: Ich sah die ganze Erde greifbar vor mir. Auf ihr war ein einziges Völkerringen, von Nord bis Süd, von Ost bis West, wohin ich schaute. Aber um die Erde herum gelagert ein Gürtel von Engeln Gottes, als Wächter, die alles Geschehen bewachten. –

Ich wandte mich im Geist zu den Engeln: „Ihr Diener meines Himmlischen Vaters, wie könnt ihr dieses Ringen mit ansehen, ohne zu helfen? – Ich weiß doch, daß euer Hauch mächtiger ist, als all diese sich bekämpfenden Kräfte hier.“ 

Da trat der Engel, der mir zunächst war, auf mich zu und verneigte sich. Ich sagte: „Warum verneigst du dich vor einem unvollkommenen Menschen?“ – „Ich verneige mich vor der Liebe meines Gottes zu euch Menschen und vor dem göttlichen Lebensfunken, den eure Brust einschließt. Du hast mich gefragt, warum wir nicht eingreifen? –

 

„Wir warten auf den Gottmenschen im Menschen!"

 

Nun war ich nicht mehr leer. Das Thema für diese Stunde war gegeben. Sie wurde gewaltig und weihevoll. „Warten auf den Gottmenschen im Menschen!“ –

Wer ist dieser Gottmensch? –

Wer aus Büchern schöpft, der ist es nicht, der holt sich erst Klarheit. –

Ist das der Gottmensch, den die Engel lehren, oder den vielleicht Gott, Jesus persönlich lehrt? –

Nein, ein Gottmensch ist der, der sein Menschliches (Ich) auf den Altar der Nächstenliebe gelegt hat, dessen Ich verbrennt im Heiligen Feuer der Liebe zu seinem ewigen Vater. Wenn das Menschliche und Ichhafte aufhört, dann kann der Geist den Gottmenschen zeitigen.

Den gottverbundenen Menschen, der vollendet, was Jesus angefangen hat, (nämlich) das Werk der ewigen Liebe.

Wir brauchen also nicht Kanzeln, wir brauchen keine Katheder, wir brauchen nicht Wunderkräfte, wir brauchen nur die Liebe, die uns mit Gott verbindet!

Und die Kanzeln, die diese Wahrheit verkünden, betreten dann die Engel Gottes und sie tragen die Kräfte, die frei geworden sind, dahin, wo sie wirksam werden sollen.

Darum, was sich an göttlichen Leben durch den Menschen vollzieht, ist Speise für die ganze Schöpfung, ist Speise auch für die Erzengel. –

Was der Erzengel ist, ist er aus Gott, was aber der Erzengel wird aus einem gottverbundenen Menschen erhebt ihn zu einem freien, selbständigen Liebeleben, zu einem Kindesleben der Kinder Gottes.

Was kein Auge je gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die Ihn lieben (1. Korinther 2, 9).

Denn die höchste Seligkeit fühle ich in mir durch das, was ich meinem Nächsten tun kann.

 

8. Erziehungsschule Erdenleben.

Nichts geschieht ohne Seine Zulassung. Alle Dunkelheiten in mir sind noch Unvollkommenheiten meiner Seele, sind noch Schatten und Wolkengebilde in meiner Seele, weil in ihr die Lebenssonne, der Geist seinen Lichtglanz und seine Wärme noch nicht entfalten kann. Ist es nicht so? – Und doch, solange wir die Körperform tragen, die Gott geweiht hat, durch die Er das höchste Werk Seiner Liebe vollbracht hat, sind wir geheiligt, sind alle Türen geöffnet.

In dieser Form hat die Ewige Liebe noch Gelegenheit, uns zu Sich zu rufen, leider oftmals – was nicht im Plane der Ewigen Liebe liegt – durch Krankheit, Unglücksfälle und Leiden. Denn im Erdenleben werden wir so gepflegt, daß unser ganzes Leben ein Ersterben alles Menschlichen mit sich bringt, damit, wenn unsere Stunde kommt, nichts Sterbliches mehr da ist, und jeder Tag bringt ein Ersterben, jeder Tag erfordert ein Stückchen von meinem Ich. Wenn du die höchste Reife erreicht hast auf dieser Erde – das Vaterauge dringt doch bis in den Kern deines Lebens – dann ist auch die Stunde deines Ablebens da. –

„Ist Gott für mich, wer mag wider mich sein?“ – In Seinem ganzen Königreich ist alles recht, ist alles gleich, gebt unserem Gott die Ehre! Der uns ein scharfes Denken gegeben hat, muß auch unserem scharfen Denken entsprechen, muß denen die größte Fürsorge angedeihen lassen, denen Er dieses Denken verliehen hat, daß sie nicht etwas finden an Ihm, das er vergessen hatte. –

 

9. Bist du die Liebe?

Ich habe es erlebt im Felde, im ersten Weltkrieg. Vier Jahre im Kriege draußen, Heimweh und Krankheit hatten mich auf einen toten Punkt gebracht. Mein Leib verweigerte die Nahrung, ich konnte nicht mehr weiter. In diesem Zustande suchte ich dort in Rußland die Einsamkeit. In unserem kleinen Dörfchen war eine zerschossene Kirche, in ihrem Raum waren neue Bettgestelle gezimmert als Schlafstellen für Kameraden. Hier, an diesem Ort, sagte ich mir, sind Kinder getauft, sind Ehen eingesegnet worden, hier wurden Gebete zu Gott geschickt, in dieser Ruine bin ich auf meine Knie gefallen. Im Raume lagen nur Steine zerstreut, kein Altar war mehr da, aber der Ort war noch zu sehen, wo er gestanden hatte. Dort kniete ich nieder: "Mein lieber Himmlischer Vater, Du bist die Liebe?"

Da, in der Stille wurde auch meine Seele still, und ich rang mich durch: „Ja, Du bist die Liebe, nur ich weiß noch nicht, warum Du mich so führst!“

Ich stand auf, war gekräftigt, war wieder ausgesöhnt mit meiner Lage und hatte wieder den Weg zu meinem ewig herrlichen Vater gefunden. Ich wußte wieder, daß Er die Liebe ist, daß Er mich nicht vergessen hat. Und ich danke Ihm für diese Stunde heute noch, denn in solchen Stunden hat man gelernt.

 

10. Das Leid als Erzieher

Dann im zweiten Weltkrieg. Ich stand vor den Trümmern meines Schaffenswerkes. Abends stand unsere Werkstatt noch – früh war sie ein glimmender Aschenhaufen. (13/14.2.1945)

Oh, ich dachte an Hiob: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt!“ Es fiel mir nicht schwer darüber hinwegzukommen, daß das Schaffenswerk ein Trümmerhaufen und ich arm geworden war. Aber wie jetzt aus dem Trümmerhaufen etwas aufbauen?

Mit der Werkstatt war auch das elterliche Haus zerstört. Dort wohnten vier Familien meiner Brüder. Sie sollten jetzt nicht sagen: „Unser Onkel hat nur für das Göttliche gelebt, aber er hat sich nicht um unser Leid, um unsere Not gekümmert.“

So setzte ich mich mit meinem Bruder in Verbindung. „Gustav, ich werde meine besten Sachen verkaufen, kaufe du dafür Zement und Kalk und wir durchsuchten die Trümmer und führen aus den guten Ziegelsteinen die Mauer wieder in die Höhe.“

Für Überdachung wird sich auch noch Rat finden, damit ein Sohn meines Bruders das Handwerk, auf das mein Vater sich in redlichem Bemühen eine Existenz aufgebaut hat, das ich selbst ein Leben lang ausgeübt habe, wieder zum Segen anderer Menschen weiterführen kann. Und die Liebe half mir. Wir brachten den Bau wieder in die Höhe, doch waren keine Fenster und Türen da, die elektrischen Leitungen waren soweit nicht zerstört und unbrauchbar – abmontiert und gestohlen worden.

Und doch kam es nach ein paar Jahren so weit, daß die Familien wieder eine Wohnung hatten und glücklich darin leben konnten, wenn auch primitiv.

Alte Türen und Fenster waren zusammengekauft, aber schön zusammengefügt, die Zimmer sauber gestrichen.

Oh, ihr glaubt nicht, wie mein Herz beseelt ist von der Liebe Gottes. Aber die Liebe Gottes läßt auch zu, daß der Mensch seine letzte Kraft aus sich herausholt und einsetzt.

Der Vater will sein Kind nicht leiden sehen, nein, der Himmlische Vater will Seine endlose Liebe herausholen aus dem Kinde und weiß, welches Erleben dazu gehört, daß diese Seine Liebe frei wird in uns, ihr lieben Freunde. Bereite mir alle Himmel, mein Himmlischer Vater, komme persönlich hierher, daß ich Dein Antlitz sehen kann - Du beglückst mich nur äußerlich, aber nicht bis in den Grund meines Lebens.

Gib mir aber Kraft, daß ich Dir einen Himmel bereite!

Hast Du Dir keinen anderen Himmel geschaffen, als Dein Leben von Ewigkeit her dienend einzusetzen und zuletzt noch abzuschließen am Kreuze, da gibt es auch für mich, Dein werdendes Kind, keinen anderen Himmel als Dein Glück.

Zeige mir Augenblicke, in denen ich Augenblicke lang Dich glücklich gemacht habe, dann bin auch ich glücklich. Und findest Du keinen Augenblick, wo ich Dich glücklich gemacht habe, dann belasse mich noch auf dieser Erde, wenn ich nur noch ein Schäflein aus dem Dornengestrüpp befreie, damit es sich wieder auf Deiner grünen Weide nähren kann, ein Schäflein nur, dann ist es genug. Haben wir mitgeholfen, Ihm einen Menschen zurückzubringen, ihr lieben Freunde, so haben wir Ihm ein Stückchen Seines Herzens wieder ein-verleibt.

 

 

11. Mit den Mitmenschen gehen!

Man muß mit dem Gemüt eines Mitmenschen mitgehen. Ich rede nicht vom Leiden, ich rede von der Liebe, von der unendlichen Liebe, meine lieben Freunde! –

Die Liebe unseres Himmlischen Vaters kann einen Schiffbrüchigen auf einem Strohhalm erhalten, wenn Sie es will. Aber das Leben festigt sich nur durch Erfahrungen, Überzeugungen gewinnen wir nur durch die Erfahrung. Und ich sage es immer wieder, und mag es noch so dunkel erscheinen vor unseren Augen, als schliefe die ewige Liebe: Nein, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. Er ist bedacht bei Tag und Nacht, für uns zu sorgen, für unser Ewiges, für unser Unsterbliches. Er will uns das höchste Ziel hier erschließen, und das höchste Ziel ist, in Seine Fußstapfen zu treten.

Es gibt kein herrlicheres Himmelreich, als Seine Lebenskräfte einzusetzen in den Dienst der Nächstenliebe. Und es gibt keinen höheren Himmel, als gelebt zu haben für die Liebe. Dies sättigt die Seele voll und ganz. Sie hat dann kein Verlangen mehr, ihr Durst, ihr Hunger ist ewig gestillt.

Als wir beschlossen haben, noch einmal zu euch zu kommen, habe ich jeden Abend und jeden Morgen gebetet: „Lieber Himmlischer Vater, nur Dein heiliger Wille geschehe. Willst Du es nicht, dann mache Du es selbst unmöglich und willst Du es, dann wirst Du mir auch die Kraft geben dafür.“ –

Ich bin nicht mit den Gedanken zu euch gekommen euch etwas zu bringen, nein, nur mit dem Gedanken, mich in eurer Mitte zu verschenken, und mit dem Bewußtsein heimzuziehen: Wir sind gegangen, doch unser Leben ist geblieben. –

Solange noch ein Heilandsleben über diese Erde geht, ist nicht nur die Erde gesichert, ist die ganze Schöpfung gesichert. Da ist der Fortgang des Erlösungswerkes gewahrt, ihr lieben Freunde, denn es heißt: „Alles, was ihr den Vater bittet in Meinen Namen, das wird Er euch geben.“ –

Was heißt in meinen Namen? – Es heißt: Im Vater Selbst, in Seinem Geiste, oh, in Seiner heiligen Christusgesinnung. Was ist das Höhere, Jesus ins Auge zu sehen oder Jesus ins Herz zu blicken? – Ihm ins Herz zu blicken, Ihn in deinem Herzen zu tragen und dann deinen Jesus in deinem Bruder, in deiner Schwester zu suchen und Ihn anzubeten in ihnen durch deine Liebe, daß du dich beseelt fühlst, für sie einzutreten, sei es im Gebet, sei es in dem großen Wunsche: Möchten sie doch alle entwachsen dieser Erde mit ihren Unvollkommenheiten, möchten sie alle dem heiligen Leben der ewigen Liebe reif gegenüberstehen, das sich die lieblichen Worte erfüllen: "Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe!" Hätte Er uns Gaben verliehen, Kranke gesund zu machen, alle Elementarkräfte zu beherrschen, so würde uns dies nichts nützen. Das könnte uns nur aufhalten, ihr lieben Freunde. Nur eines tut not: Das seine Worte meine Worte werden! Das ist nicht Gesetzes-Sinn, das ist dann mein eigenes Lebensgesetz!

 

12. Der ewigen Jugend entgegen.

Ich bin heute selbst ein lebendiges Wunder vor euch, Gestern hat hier mein Freund Armin mich herausgetragen aus dem Zug, ich habe keinen Schritt gehen können. In Leipzig auf dem Bahnhof beim Umsteigen hat er mich gesucht, ich habe gezittert wie Espenlaub.

Ich wollte ihm entgegengehen und konnte nicht, keinen Schritt hätte ich gehen können.

Und heute so ein frischer Mensch, jung, lebensfroh, kraftvoll, der Welt aufgetan. An den Stunden, in denen mir der Vater Gelegenheit gibt, mich hinzugeben, fühle ich mich (mit 83) wie ein Jüngling von 18 Jahren. So erlebe ich es und kann es euch sagen: Mit dem reifen Alter schreiten wir der ewigen Jugend entgegen. –

Ist es nicht wunderbar, wenn die Geisterwelt sieht, er ist noch ein Mensch und spricht nicht wie ein Mensch? Ist das nicht ein großes Wunder? Ist es nicht ein Zeugnis der Ewigen Liebe Gottes? Ist dann nicht die Zeit erfüllt, wo sie alle zur Hochzeit geladen werden, auch die kein hochzeitliches Kleid anhaben?

Ist es nicht schön, Mensch unter Menschen zu sein und zugleich seinem Nächsten sein Ziel vor Augen zu stellen?

Und hier ist man immer noch Mensch. Oh, das Menschliche ist oftmals der Dämpfer für die Seele, damit sie wieder Kraft findet zum neuen Aufflug, sonst könnte das göttliche Leben in ihr sie auflösen. Aber das Menschliche hält uns verbunden mit der Erde. Ich will lieber Mensch sein mit dem geringsten Menschen, als ein Bewohner höchster Himmel, in welchem meine Mitmenschen nicht weilen können. So auch Jesus. –

Er wollte lieber Mensch sein unter Menschen, als der ewige Heiland und Unnahbare. –

Er wollte in dem Bewußtsein leben, Seiner geliebten Menschheit zu dienen – so sind meine Empfindungen.

Wenn ich einem Menschen ins Auge blicke, sagt mir seines Auges Blick, daß ich es diesem treuen Blicke schuldig bin, mit dem Heilandsleben eins zu werden, damit der Blick ein gesegneter bleibe bis in alle Ewigkeiten.

 

13. Das größte Wunder

Wie kann der Wunsch eines Menschen dem Wunsche Gottes vorausgehen? Ewig nie! Jede Wundertat, die sonst unser Heiland vollbracht hat, hat er mit Schmerz vollbracht.

Und die letzte Träne am Grabe des Lazarus – und Jesus weinte – galt nicht dem Tod von Lazarus, nein, Seinen Freunden, Seinem Bethanien und den Worten: Herr, wärest Du hier gewesen, so wäre unser Bruder nicht gestorben!" – Darüber weinte Er!

Wissen wir denn nicht, warum die Hölle mobil ist auf Erden? Daran sind wir schuld.

Nur unser frei gewordenes Gottesleben schafft Ordnung. Was sich verbergen konnte von Anfang der Völker an, kann sich nicht mehr verbergen. Der Geist schafft Ordnung. –

Wo falscher Grund ist, hebt er ihn aus, meine lieben Freunde. Der Geist wird auch noch die erkrankten Völker unserer Erden gesund machen. –

Die Entwicklung vollzieht sich durch das Göttliche Leben. Unser lieber Vater könnte die Geister nicht glücklich machen, die erweckt werden durch Zeichen und Wunder. –

Das größte Zeichen und Wunder ist die lichtvolle Erkenntnis eines Jeden, zu sehen, wo er steht. Und wenn die Menschen erkennen, wo sie stehen, wird sich auch das Verlangen in ihnen äußern, frei zu werden. Die Stühle, die Katheder, die Kanzeln unserer Welt, sie werden wie Feuer werden, wer nicht aus dem Geiste spricht, wird unruhig werden auf dem Platz, auf dem er steht.

Man fragte mich einmal: "lieber Bruder, wer ist rein vor Gott?" – Wenn man solche Fragen an mich stellt, wage ich natürlich nicht, sie aus mir selbst heraus zu beantworten, da gehe ich zu meinem Heiland: "Erschließe Du den Licht– und Lebensstrom in mir, auf daß ich die Frage beantworte, wie Du sie beantwortest hättest." –

Ihr müßt wissen, wenn ich aus dem Himmlischen Vater spreche, so spreche ich nicht als sogenanntes Werkzeug, beeinflußt durch einen Engel, einen Geist außer mir. Nein, ich spreche aus meinem eigenen Innenleben, denn unser eigenes inneres Leben ist göttlich, meine lieben Freunde! – Was wir von Werkzeugen (Medien) und Brüdern hören und alles, was ihr mit Augen und Ohren aufnehmt, ist nur Weg, aber nicht Wahrheit und auch noch nicht Leben. – Wahrheit ist das, was ich in mir als Wahrheit erkenne. –

Und ich staunte auf jene Frage: „Wer ist rein vor Gott?" und ich empfing die Antwort:

„Rein vor Gott ist nicht einmal der reinste Engel.“ – Aber ein Mensch, der in den Unvollkommenheiten und Fehlern seiner Mitmenschen nur Wunden sieht und beseelt ist von dem Verlangen, diese Wunden zu heilen, der ist rein vor Gott.

 

14. Richtet nicht.

Dann wurde ich wieder einmal gefragt: Es steht doch geschrieben in der Bibel: "Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen". – Was bedeutet das? –

Das ist auch eine tiefe, heilige und ernste Frage, meine lieben Freunde. –

Ach, das Gericht schaffen wir uns selbst. Wenn ich meine Nächsten richte, gehe ich meinem eigenen Gericht entgegen. Wenn ich aber nur Wunden sehe und davon beseelt bin, noch den von Meinem Vater weitest entfernten, meinen Feind, meinen Gegner an meine Brust drücken zu dürfen, dann ist kein Gericht in mir. Dann heißt es: Hättet ihr Sünden soviel wie Sterne am Himmel, wie des Sandes am Meere und wie des Grases auf der Erde, so wird die Liebe sie dennoch tilgen ganz und gar.

In der Schrift drückt es Jesus so aus: "Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden und mit welchem Maß ihr messet, werdet ihr gemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr das Balkens in deinem Auge?“

Darum steht auch geschrieben: "Dem Reinen ist alles rein." –

Rein sind wir Menschen nicht, aber doch sind wir rein, so wir der Liebe Raum geben in uns, denn vor der Liebe ist alles rein. Vor der Liebe ist alles in ewiger Ordnung, meine lieben Freunde! Und wenn es auch nach außen noch nicht zu erkennen ist, der Mensch, den wir liebhaben, ist in unserer Welt eingeschlossen, der geht nie verloren.

Einmal kommt die Stunde, wo auch er in unserer Welt erwächst in dem Stand, in den uns die Ewige Liebe gebracht hat. Das erlebe ich oft, wir alle erleben das! –

Wie viele verschiedenartigste Sphären erlebe ich! Genau nach dem Maße unserer Liebe, genau bis an die Grenzen unserer Liebe führen die Engel die Geistwesen in unsere Welt. Geistwesen mit Eigenschaften die unsere Liebe noch nicht aufnehmen, noch nicht zudecken kann, haben in unserer Welt noch keinen Zugang.

 

15. Jesu Erlösertat

Durch den Menschen Jesus ist eigentlich das Erlösungswerk schon vollbracht, aber wenn die Wirkungen nur ausgehen würden von diesem Menschen Jesus, ohne unser eigenes, inneres Wachstum, verlören wir die Kindschaft und Er die Vatereigenschaft. Darum ist das Erlösungswerk durch Ihn nur im Prinzip vollbracht. –

Und Sein Prinzip muß aufs neue Fleisch werden auf dieser Erde, und wenn es nur in einem einzigen Menschen ist! –

Darum konnte keine andere Lehre gegeben werden als die: "Liebet euch untereinander, wie Ich euch geliebt habe, auf daß auch ihr euch untereinander liebhabet. Dabei wird jedermann erkennen, daß ihr Meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt." –

Oh, bedenket es, die Erlösungskräfte sind in ihrer Wirkung abhängig von dem Reifezustand in der Seele der Menschen!

Darum kann eine Seele, die nicht eins ist mit dem Geist und durch ihren Geist nicht das Göttliche findet, niemals ein Gefäß werden für die Erlöserkraft der Ewigen Gottesliebe.

Unser lieber himmlische Vater ist der Herr aller Äonen, durch Seine Liebe steht Er über allen Geschöpfen, und doch respektiert Er den ersten Geist, der Träger Seiner Gedanken wurde, den Lichtträger, und Er greift diejenigen nicht an mit Seiner Macht, an welchen dieser erste Geist noch einen Anteil hat. –

Wir sagen: Der Vater vermag alles, der Vater soll kommen und soll uns Erlöserkraft schenken. Doch die Erlöserkraft liegt als Keim in uns, meine lieben Geschwister. –

Darum wurde der Vater Mensch und zeigte uns den Weg zu unserer hohen und heiligen Bestimmung, Träger Seiner Gedanken zu werden, Erreger zu werden, die in die Tiefen Seines Gottesherzen hineindringen und im Gottesherzen die Quellen freimachen.

Denn unendliche Quellen sind noch verschlossen im Herzen unseres Ewigen Vaters, die nicht eher hervorquellen können, bis Verlangen nach ihnen vorhanden ist. –

Zu seinen Jüngern, die überzeugt waren von der Göttlichkeit Ihres Meisters, sagte Er, nicht ohne Wehmut im Herzen: "Ich habe Euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen", und Er gab ihnen die Verheißung: Wenn aber der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in aller Wahrheit leiten, nämlich in die Tiefen Seines unendlichen Liebegeheimnisses.

Aber welcher Mensch bringt das Maß der Selbstverleugnung auf, daß sich das Heiligste und Schönste des Gottesherzens für ihn erschließen könnte? –

Den Schlüssel zu Seinem Herzen hat kein Fürstenengel, kein Erzengel, kein Cherub und Seraph, den Schlüssel zum Herzen Gottes hat nur der IHN über alles liebende Mensch.

"Ich will dir des Himmelsreiches Schlüssel geben. Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein", spricht Er zu Petrus. –

 

16. Die große Bestimmung des Menschen  

Ich habe manchmal Lichtmomente, daß ich aufschreien möchte aus Ehrfurcht vor der göttlichen Liebe, wie lieb Er einen Menschen hat und was Ihm ein Mensch ist. Und wenn ich mit geistigen Augen die Größe des Menschen sehe, kein Stäubchen kreist in den unendlichen Räumen, das nicht schon mit den Menschen verbunden ist.

Was ist denn die ganze Schöpfung? Sie ist ein einziger großer Mensch. –

Betrachtet den Bau des sterblichen Menschen: er hat die Fassungskraft, seinen Gott aufzunehmen, seinen Gott zu erkennen, zunächst von außen und damit er Ihn erkennen kann, ist ihm die Denkkraft des Gehirns geschenkt. –

Auf dem Wege des Denkens und Erkennens findet er zu seinem Gott durch das ewige Wort. Hat er ihn dann gefunden durch das ewige Wort, so tritt der äußere Mensch in Verbindung mit dem Geistmenschen.

Auch der Geistmensch besteht entsprechend aus unendlichen Einzelteilchen wie der materielle Mensch. Und wenn der materielle Mensch den Geistmenschen gefunden hat, dann steht er im Lichte der Ewigen Wahrheit, dann kennt er sich und kennt sein Ziel.

Und siehe, dann enthüllt sich in ihm der Himmelsmensch, der lockt und mahnt ihn, sein herrliches Licht, das ihm jetzt gegeben ist, nicht als Höchstes zu betrachten, sondern nur als Leuchter auf seiner großen Lebensbahn. –

Folgt der Mensch diesem Lockruf, so tritt er in Verbindung mit dem Himmelsmenschen.

Aus so unzählbar vielen Atomen unser äußerer Mensch besteht, aus entsprechend vielen persönlichen Engelsgeistern besteht der Himmelsmensch.

In der Verschmerzung mit ihm steht der Mensch als König im Engelsheer des Himmelsmenschen, er steht da als der Weg für die Engel zum Herzen Gottes, in ewiger Ungebundenheit und Freiheit. Und zuletzt geht der Weg vom Himmelsmenschen über die Demut zum Gottmenschen – das heißt – zur Lebensvereinigung mit unserem einzigen herrlichen Vater, Der alles in den Menschen hineingelegt hat. Dann steht Er hinter ihm durch Seine unendliche Liebe, mit einem Herzen voll Liebe, und der Vater zieht ihn, damit der Mensch groß sei in seiner Macht, aber noch größer in seiner Demut und in seiner Liebe. – Dann ist es vollbracht. –

Die große Verschmelzung des Menschen vollzieht sich mit Gott. –

Und damit beginnt erst die neue Schöpfung. Das liegt versinnbildlicht in der Auferweckung des Lazarus. Lazarus lag viele Tage im Grabe. Er war der Berufene und mit allen Fähigkeiten ausgestattete Mensch.

Im Menschen suchte Gott Seinen Freund, Seinen Heiland, Seine Bruder. So groß war die Liebe Gottes zu ihm. Wo ist ein Mensch, der der Liebe Raum gibt und etwas zurück halten möchte für seine eigene Person?

Ein Mensch, der unter dem Einfluß der Liebe steht, möchte die ganze Schöpfung besitzen, um beglücken zu können. Das sagt mit schon meine Liebe, die nur ein Atomteilchen ist von der Liebe meines Himmlischen Vaters.

Aus diesem meinem Erleben weiß ich, unser himmlischer Vater nennt nichts Sein eigen – auch zurückgekehrt in Sein Reich, auf Seinen Thron, nennt Er nichts Sein eigen. –

Alles ist für die Liebe da. Und nur was dem Kinde zu eigen geworden ist und in ihm in freier Liebe den Vater zurückgebracht wird, wird wieder Sein Eigentum.

Lazarus lag erstorben im Grabe.

Und Martha spricht: "Herr, er stinket schon." Das ist unsere Verstandesauffassung. Wie kann ein sündiger Mensch, wie kann ein gefallener Mensch, wie kann ein von Gott entfernter Mensch, begraben im Morast dieser Welt, eine göttliche Auferstehung erleben? –

Und Maria spricht: "Meister, wärest Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben!" Da weint der Heiland. Er weint nicht über den verstorbenen Lazarus. Er weint über das erstorbene Leben in Seinen Freunden, die Er doch gelehrt hatte. –

"Muß Ich denn überall sein mit Meiner äußeren Person, erwacht noch kein Kind, das Mich als ewiges Leben gefunden hat in sich selbst?"

Nun kommt der große Augenblick dort am Grabe, das große Werk, worin uns das größte Vermächtnis offenbar wird, das uns zugedacht ist von Seiner unendlichen Liebe: "Vater, ich danke Dir, daß Du mich erhört hast. Lazarus komme hervor!" – Und Lazarus ersteht. –

Doch von nun an soll jeder seinen erstorbenen Lazarus selbst in sich erwecken.

Damit ist der Weg erschlossen zur Verschmelzung mit dem göttlichen Leben.

Bedenket, was das heißt, seinen Lazarus erwecken, den Geistmenschen, den Himmelsmenschen, den Gottmenschen!

Darum mit wenigen Worten gesagt: Die Erde ist eine Götterschule, meine lieben Freunde, und trügen wir nicht eine höhere Kraft in uns, uns über alles Niedere und Böse zu erheben, würde die Erde nicht ein Konzentrationspunkt der Hölle sein. –

  Die Erde kann ein Konzentrationspunkt der Hölle sein, denn ihre Bewohner sind befähigt, die Hölle frei zu machen und zu erlösen.

 

Euer Bruder Georg Riehle


Aktualisiert am: 21.02.2010 - Home