Aktualisiert am:
11.05.2007
AUGUSTINUS
BEKENNTNISSE (CONFESSIONES)
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Generiert von der elektronischen BKV von Gregor Emmenegger Text ohne Gewähr Text aus: Augustinus, Des heiligen Kirchenvaters
Aurelius Augustinus Bekenntinsse. Aus dem Lateinischen übersetzt von Dr.
Alfred Hofmann. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 18; Augustinus
Band VII) München 1914. Inhalt Erstes Buch - 1. Diese Lobpreisung Gottes ist auf
seine eigene Veranlassung zurückzuführen. 2. Gott, zu dem ich rufe,
ist in mir und ich in ihm. 3. Gott ist allenthalben so
mit seinem ganzen Wesen gegenwärtig, dass nichts ihn ganz Fassen kann. 4. Gottes Grösse und
Vollkommenheit ist unerklärlich. 5. Er fleht um die Liebe
Gottes und um Verzeihung der Sünden. 6. Er schildert seine
Kindheit und preist Gottes Vorsehung und Ewigkeit. 7. Auch die erste Kindheit
ist nicht frei von Sünde. 8. Augustinus erzählt, wie
er sprechen gelernt hat. 9. Gleich anderen Kindern
hasst er das Lernen, liebt das Spielen und Fürchtet die Schläge. 10. Der Hang zum Spiel und
die Vorliebe für das Theater verleidet ihm das Studium. 13. Augustinus' liebste
Studien. 14. Seine Abneigung gegen
das Griechische. 16. Tadel der herkömmlichen
Erziehungsweise. 19. Die Fehler des Kindes
sind auch die Fehler der späteren Jahre. 20. Augustinus dankt für das
Gute, das ihm schon in der Kindheit zuteil geworden. Zweites Buch - 1. Er erinnert sich seiner Jugend und
ihrer Fehler. 2. Das sechzehnte Lebensjahr
verfliesst in glühender Sinnlichkeit. 3. Die Pläne der Eltern
Augustins. 4. Augustinus berichtet von
einem Diebstahle, den er mit seinen Genossen begangen. 5. Niemand sündigt ohne
Grund. 9. Böse Gesellschaft führt
zum Verderben. Drittes Buch - 1. Augustinus
wird eine Beute der Liebe und jagt ihr nach. 2. Seine Leidenschaft für
das Theater. 4. Ciceros Hortensius
erweckt in ihm die Liebe zur Philosophie. 5. Die Heilige Schrift ist
ihm wegen ihrer Einfalt zuwider. 6. Er gerät in die Netze der
Manichäer. 7. Er huldigt der
Abgeschmacktheit des Manichäismus. Das lautere Gesetz des Allmächtigen. 9. Es ist ein Unterschied
zwischen Sünde und Sünde, zwischen Gottes Gericht und der Menschen Urteil. 10. Törichte Ansichten der
Manichäer über die Früchte. 11. Trauer seiner Mutter
über ihren Sohn und Ihr Traum. 12. Ein Bischof macht der
Mutter sichere Aussicht auf des Sohnes Bekehrung. Viertes Buch - 1. Die Dauer seines Irrtums. 2. Er lehrt die Rhetorik und
hat eine Geliebte; von der Vogelschau will er nichts wissen. 3. Ein erfahrener Greis
bringt ihn von der Astrologie, der er sich ergeben, ab. 6. Sein Schmerz über des
Freundes Tod. 7. Der Schmerz bringt ihn um
alle Ruhe und treibt ihn gar von Tagaste nach Karthago. 8. Zeit und Freundestrost
heilen seinen Schmerz. 9. Von menschlicher
Freundschaft. Glücklich, wer in Gott liebt. 10. Vergänglichkeit der
Geschöpfe. 11. Alles Geschaffene ist
unbeständig; Gott allein besteht in Ewigkeit. 14. Die Bücher über das
Schöne und Schickliche eignet er dem Hierius zu. Grund seiner Liebe zu ihm. 15. Im Sinnlichen befangen,
kann er das Geistige nicht fassen. Fünftes Buch - 1. Er schwingt sich zum Preise Gottes
auf. 2. Die Gottlosen können
Gottes Gegenwart nicht entfliehen und sollen sich darum zu ihm bekehren. 4. Die Erkenntnis Gottes
allein beseligt. 6. Faustus ist ein beredter,
aber der Freien Wissenschaften unkundiger Mann. 7. Er sagt sich von der
Sekte der Manichäer innerlich los. 8. Er geht gegen den Willen
seiner Mutter nach Rom. 9. Augustinus fällt in eine
sehr gefährliche Krankheit. 10. Seine Irrtümer vor
Annahme des Evangeliums. 12. Wie in Rom die Lehrer
von ihren Schülern hintergangen werden. 13. Er geht als Lehrer der
Beredsamkeit nach Mailand und kommt mit Ambrosius in Berührung. 14. Des Arnbrosius Vorträge
bewirken, dass er nach und nach seine Irrtümer preisgibt. Sechstes Buch - 1. Augustinus schwankt zwischen
Manichäismus und Katholizismus. 2. Gedächtnismahle an den
Gräbern der Märtyrer. 5. Autorität und
Notwendigkeit der Heiligen Schrift. 6. Die Zufriedenheit armer
Bettler ist besser als das Elend der Ehrgeizigen. 7. Er heilt den Alypius von
seiner Wut für Zirkusspiele. 9. Alypius wird als Dieb
ergriffen. 10. Untadelhaftigheit des
Alypius. Ankunft des Nebridius. 11. Voll innerer Unruhe
überlegt er, wie er sein Leben fernerhin einrichten soll. 12. Alypius und Augustinus
sind über Ehe und Ehelosigkeit verschiedener Ansicht. 13. Seine Mutter wirbt für
den Sohn um eine Braut. 14. Er und seine Freunde
denken daran, ein gemeinschaftliches Leben zu führen. 15. An die Stelle der
entlassenen Konkubine tritt eine andere. 16. Niemals verlässt ihn die
Furcht vor Tod und Gericht. 2. Widerlegung der Manichäer
durch Nebridius. 3. Die Ursache der Sünde
liegt im Freien Willen. 4. Gott muss über jedes
Verderben erhaben sein. 5. Weitere Erörterung der
Frage nach dem Bösen und seinem Ursprunge. 6. Augustinus verwirft die
Zukunftsdeutungen der Astrologen. 7. Die Frage nach dem
Ursprunge des Bösen verursacht ihm schwere Pein. 8. Gottes Barmherzigkeit
kommt ihm zu Hilfe. 10. Augustinus gewinnt einen
klaren Einblick in das Göttliche. 11. Wie die Geschöpfe sind
und nicht sind. 13. Alles Geschaffene lobt
den Schöpfer. 14. Dem vernünftigen
Menschen missfällt keines der Geschöpfe Gottes. 15. Wahrheit und Falschheit
in den Geschöpfen. 16. Alles Geschaffene ist
gut, wenn es auch nicht mit allem harmoniert. 17. Hindernisse auf dem Wege
der Erkenntnis des Göttlichen. 18. Christus der einzige Weg
zum Heile. 19. Seine Gedanken über die
Menschwerdung Christi. 20. Die Bücher der
Platoniker fördern seine Erkenntnis, aber auch seinen Hochmut. 21. Was Augustinus in der
Heiligen Schrift gefunden. 2. Über die Bekehrung des
Rhetors Victorinus. 3. Gott und die Engel haben
ihre größte Freude an der Bekehrung der Sünder. 4. Die Bekehrung
hervorragender Männer ist Grund zu grösserer Freude. 5. Die Begierlichkeit hält
Augustinus von der Bekehrung ab. 6. Ponticianus erzählt ihm
das Leben des Antonius. 7. Augustinus fühlt sich von
des Ponticianus Erzählung aufs mächtigste ergriffen. 8. Augustinus begibt sich in
den Garten. 9. Wie kommt es, dass die
Seele in ihren Befehlen an sich selbst Widerstand findet? 11. Der Kampf in ihm
zwischen Geist und Fleisch. 12. Augustinus vernimmt eine
unerklärbare Stimme und bekehrt sich daraufhin völlig. Neuntes Buch - 1. Er preist
Gottes Güte und bekennt sein Elend. 2. Er verschiebt die
Niederlegung seines Lehramtes bis zu den Herbstferien. 3. Verecundus überlässt ihm
sein Landgut. 5. Er befragt den Ambrosius
um passende Lektüre. 6. Augustinus wird in
Mailand mit Alypius und Adeodatus getauft. 8. Bekehrung des Evodius.
Tod seiner Mutter. Wie diese erzogen worden. 9. Weitere Schilderung der
ruhmwürdigen Sitten seiner Mutter. 10. Sein Gespräch mit der
Mutter vom Himmelreich. 11. Von der Verzückung und
dem Tode seiner Mutter. 12. Seine Trauer über den
Tod der Mutter. 13. Er betet Für die
dahingeschiedene Mutter. 2. Was heisst eigentlich:
Gott etwas bekennen? 3. Warum will er denn
bekennen, was er gegenwärtig ist? 4. Grosser Nutzen eines
solchen Bekenntnisses. 5. Der Mensch kennt sich
nicht vollständig. 6. Was liebt man an Gott?
Wie erkennt man ihn aus einen Geschöpfen? 7. Gott wird nicht mit
körperlichen Sinnen oder Kräften erkannt. 8. Von der Kraft und Macht
des Gedächtnisses. 9. Das Gedächtnis in
Hinsicht auf die Wissenschaften. 12. Das Gedächtnis in bezug
auf Zahl und Raum. 13. Auch der Erinnerung
erinnern wir uns. 14. Warum erinnern wir uns
an Freudiges oft nicht mit Freude? 15. Auch nicht Vorhandenes
hält das Gedächtnis lest. 16. Sogar das Vergessen ist
im Gedächtnisse. 21. Wie ist das glückselige
Leben im Gedächtnisse enthalten? 22. Wie ist das glückselige
Leben, und worin besteht es? 24. Er preist sich
glücklich, dass Gott in seinem Gedächtnis eine Stätte habe. 25. Welche Stätte hat Gott
im Gedächtnis inne? 27. Von der hinreissenden
Wirkung der Schönheit Gottes. 28. Von der Armseligkeit
dieses Lebens. 29. In Gott ruht Augustinus'
ganze Hoffnung. 30. Sein Verhalten gegenüber
den Versuchungen der Fleischeslust. 31. Sein Verhalten gegenüber
den Versuchungen von Hunger und Durst. 32. Sein Verhalten gegenüber
den Versuchungen des Geruchssinnes. 33. Sein Verhalten gegenüber
den Versuchungen des Gehörs. 34. Sein Verhalten gegenüber
den Versuchungen der Augenlust. 35. Sein Verhalten in bezug
auf die Neugier. 36. Sein Verhalten gegenüber
den Versuchungen der Hoffart des Lebens. 37. Vom Eindrucke, den
Menschenlob auf ihn macht. 38. Eitelkeit und Prahlerei
ist eine Gefahr auch für die Tugend. 40. Er hat Gott in sich und
den übrigen Dingen gefunden. 41. Von der dreifachen
Begierlichkeit. 43. Christus allein ist der
wahre Mittler. Elftes Buch - 1. Warum
bekennt er Gott, wenn dieser doch alles weiss? 2. Er fleht zu Gott um das
Verständnis der Heiligen Schrift. 3. Niemand versteht, was
Moses über die Schöpfung geschrieben, es sei denn, dass Gott ihn erleuchte. 4. Die Schöpfung verkündet
laut den Schöpfer. 5. Die Welt ist aus Nichts
erschaffen. 6. Wie hat Gott sein
"Es werde!" gesprochen? 7. Gottes Wort ist ewig in
Gott selbst. 8. Das ewige Wort Gottes ist
auch das Prinzip unserer Erkenntnis der Wahrheit. 9. Wie redet das Wort Gottes
zum Herzen? 10. Von dem Einwande, was
Gott vor der Schöpfung getan habe. 11. Widerlegung dieses
Einwandes: Gottes Ewigkeit ist der Begriff Zeit fremd. 12. Was hat Gott vor
Erschaffung der Welt getan? 13. Es gab auch keine Zeit,
bevor sie von Gott geschaffen wurde. 14. Von den drei
verschiedenen Zeiten. 16. Welche Zeit kann man messen
und welche nicht? 17. Wo ist Vergangenheit und
Zukunft? 18. Wie sind Vergangenheit
und Zukunft gegenwärtig? 19. Sein Staunen, wie wohl
Gott uns die Zukunft lehre. 20. Wie ist der Unterschied
in der Zeit zu bezeichnen? 21. Wie lässt sich die Zeit
messen? 22. Er bittet Gott um Lösung
dieses Rätsels. 24. Mittelst der Zeit messen
wir die Bewegung der Körper. 25. Er wendet sich abermals
an Gott. 26. Wie messen wir also die
Zeit? 27. Die Zeit wird in ihrer
Fortdauer in der Seele gemessen. 28. Das Zeitmass ist der
Geist. 29. Er will sich in Gott aus
der Zerstreuung ins Zeitliche sammeln. 30. Erneute Widerlegung des Einwandes,
was denn Gott vor der Schöpfung der Welt getan habe. 31. Wie erkennt Gott und wie
das Geschöpf? Zwölftes Buch - 1. Über die
Schwierigkeit der Erforschung der Weisheit. 2. Von dem zweifachen Himmel
und der zweifachen Erde. 3. Von der Finsternis über
dem Abgrund. 4. Was ist unter der
unsichtbaren, ungestalteten Erde zu verstehen? 5. Warum ist die gestaltlose
Materie so benannt worden? 6. Seine manichäischen
Ansichten und seine jetzigen über diesen Gegenstand. 8. Die ungestaltete Materie
ward aus dem Nichts, alles Sichtbare aber aus ihr geschaffen. 10. Augustinus bittet Gott
um Erleuchtung. 12. Für zwei geschaffene
Dinge gibt es keine Zeit. 13. Warum nennt die Heilige
Schrift für die Schöpfung keinen bestimmten Tag? 14. Tiefe der Heiligen
Schrift. 16. Er will nichts zu tun
haben mit denen, die der göttlichen Wahrheit ihr Ohr verschliessen. 17. Die Worte "Himmel
und Erde" können in verschiedenem Sinne aufgefasst werden. 20. Die Worte "Im
Anfange schuf Gott Himmel und Erde" lassen sich also wohl
verschiedentlich deuten. 23. Woher kommen die
Meinungsverschiedenheiten in der Schrifterklärung? 25. Er wendet sich gegen
die, welche die Erklärungen anderer kühn verwerfen. 26. Was für eine
Darstellungsweise geziemt der Heiligen Schrift? 27. Die Einfalt der
Darstellung entspricht ganz dem Charakter der Heiligen Schrift. 28. Über die verschiedene
Auflassung der Gelehrten von der Heiligen Schrift. 29. Primäre und sekundäre
Begriffe. 31. Moses hat seinen Worten
jeden wahren Sinn, den man darin linden kann, auch geben wollen. 32. In den wahren Sinn der
Heiligen Schrift führt nur der Heilige Geist ein. Dreizehntes Buch - 1.
Anrufung Gottes, dessen Güte ihm zuvorgekommen. 2. Alles, was ist, verdankt
sein Sein wie seine Vollendung der Güte Gottes. 3. Alles ist durch Gottes
Gnade. 4. Gott bedarf seiner
Schöpfung nicht. 5. Die ersten Worte der
Genesis lassen uns das Geheimnis der Dreieinigkeit erkennen. 6. Warum heisst es: Der
Geist schwebte über den Wassern? 7. Wirksamkeit des Heiligen
Geistes. 8. Der vernünftigen Kreatur
genügt nur Gott allein. 9. Weshalb heisst es allein
vom Heiligen Geiste, dass er über den Wassern schwebt? 11. Ein Bild der
Dreieinigkeit im Menschen. 12. Die Schöpfung der Welt
ist das Bild der Gründung der Kirche. 13. Auf Erden ist keine
vollkommene Erneuerung des Menschen denkbar. 14. Glaube und Hoffnung sind
unsere Stärke. 15. Allegorische Erklärung
der Begriffe Firmament und Wasser 16. Gott allein erkennt sich
vollkommen, wie er ist. 17. Allegorische Deutung von
Gen. 1, 9 und 11. 18. Allegorische Deutung von
Gen. 1, 14. 20. Allegorische Deutung der
kriechenden und Fliegenden Tiere in Gen. 1, 20. 21. Allegorische Deutung von
Gen. 1, 24. 22. Von der Erneuerung des
Sinnes nach Gen. 1, 26. 23. Worüber urteilt der
geistige Mensch? (Nach Gen. 1, 2). 24. Warum hat Gott den
Menschen, die Fische und die Vögel gesegnet und nicht auch die übrigen Tiere? 25. Allegorische Deutung von
Gen. 1, 29. 26. Freude und Nutzen sind
die Werke der Barmherzigkeit. 27. Bedeutung der Fische und
der Ungeheuer des Abgrundes. 28. Warum hat Gott gesagt,
dass alles, was er geschaffen habe, sehr gut sei? 30. Der Wahnwitz der
Manichäer. 31. Dem Frommen gefällt, was
Gott gefällt. 32. Überblick über die Werke
Gottes. 33. Kurze Wiederholung der
ganzen Schöpfungsgeschichte. 34. Allegorische Deutung des
Ganzen der Schöpfung. 36. Von dem siebenten Tage,
dem kein Abend folgt. 37. Von der Ruhe Gottes in
uns. 38. Gott und der Mensch
sehen die Dinge auf verschiedene Weise.
Erstes
Buch - 1. Diese
Lobpreisung Gottes ist auf seine eigene Veranlassung zurückzuführen.
"Gross bist du, o Herr, und überaus preiswürdig;
gross ist deine Stärke, und deiner Weisheit ist kein Ziel gesetzt". Und
dich will loben ein Mensch, ein winziger Teil deiner Schöpfung, ein Mensch,
der schwer trägt an der Bürde seiner Sterblichkeit, schwer trägt auch am
Zeugnis seiner Sünde und am Zeugnis, dass "du den Stolzen
widerstehest". Und dennoch will dich loben der Mensch, selbst ein Teil
deiner Schöpfung. Du selbst veranlasst ihn, in deinem Preis eine Wonne zu
suchen, denn geschaffen hast du uns im Hinblick auf dich, und unruhig ist
unser Herz, bis es ruhet in dir. Verleihe mir, o Herr, die rechte Erkenntnis
und Einsicht, ob man dich erst anrufen oder preisen, erst dich erkennen oder
anrufen muss! Aber wer ruft dich an, ohne dich zu kennen? Könnte er doch
leicht in seiner Unwissenheit einen anderen für dich anrufen! Oder wirst du
etwa angerufen, um erkannt werden? "Wie aber soll man den anrufen, an
den nicht geglaubt? Wie aber wird man glauben ohne Prediger?" „Loben
werden den Herrn, die ihn suchen" Denn wer sucht, der findet ihn, und
wer ihn findet, wird ihn preisen. So will ich dich denn suchen, o Herr, indem
ich dich anrufe, und dich anrufen, da ich an dich glaube; denn du bist uns
verkündet worden. Dich, o Herr, ruft an mein Glaube, den du mir gegeben, den
du mir eingehaucht hast durch die Menschwerdung deines Sohnes, durch das Amt
deines Predigers. 2. Gott, zu
dem ich rufe, ist in mir und ich in ihm.
Doch wie soll
ich meinen Gott anrufen, meinen Gott und meinen Herrn? Sicherlich werde ich
ihn in mich rufen, wenn ich ihn anrufe. Und wo gibt es eine Stätte in mir,
wohin mein Gott zu mir kommen soll? Wohin Gott kommen soll, Gott, der
geschaffen hat Himmel und Erde? So gibt es denn wirklich, Herr mein Gott,
etwas in mir, was dich fassen könnte? Aber fassen dich denn Himmel und Erde,
die du zusammen mit mir geschaffen hast? Oder muss, weil nichts Bestehendes,
ohne dich gedacht werden kann, dieses notwendigerweise dich fassen? Weil nun
auch ich dazu gehöre,. warum bitte ich dich, zu mir zu kommen, da ich doch
nicht bestände, wenn du nicht in mir wärest? Denn noch bin ich nicht in der
Unterwelt, und doch bist du ja auch dort! "Stiege ich auch hinab zur
Unterwelt, so bist du dort". So wäre ich also nicht, mein Gott, ich wäre
überhaupt nicht, wärest du nicht in mir. Oder richtiger: ich wäre nicht, wäre
ich nicht in dir, "aus dem, durch den, in dem alles ist". Gewiss,
auch so, o Herr! Wohin aber soll ich dich rufen, da ich in dir bin? Oder
woher solltest du in mich kommen? Denn wohin soll ich ausserhalb von Himmel
und Erde mich begeben, dass von dort mein Gott in mich komme, der da gesagt
hat: "Himmel und Erde erfülle ich"? 3. Gott ist
allenthalben so mit seinem ganzen Wesen gegenwärtig, dass nichts ihn ganz
Fassen kann.
Fassen dich
also Himmel und Erde, da du sie erfüllest? Oder erfüllst du sie, aber nicht
ganz, weil sie nicht fassen? Und wohin strömest du aus, was von dir noch
übrig bleibt, nachdem du Himmel und Erde erfüllt hast? Oder brauchst du, der
du alles umfassest nicht von etwas umschlossen zu werden, da du ja, was du
erfüllest, so erfüllest, dass du es auch umschliessest? Denn nicht geben
Gefässe, die von dir erfüllt sind, dir festen Halt; wenn sie auch brechen, du
wirst du nicht ausgegossen. Und wenn du dich auch über uns ausgiessest, so
liegst du doch nicht darnieder, sondern richtest uns auf; du wirst nicht
zerstreut, wohl aber sammelst du uns. Aber alles was du erfüllst, erfüllst du
mit deinem ganzen Wesen. Oder weil die Dinge dich nicht in deinem ganzen Wesen
erfassen könne erfassen sie da einen Teil von dir und zwar alle zugleich
denselben? Oder fasst jedes Ding einen besondern Teil, das grössere Ding
einen grösseren Teil, das kleine einen kleineren? So ist also ein Teil von
dir grösser, ein anderer kleiner? Oder bist du überall mit deinem ganzen
Wesen, und fasst doch kein Ding dich ganz? 4. Gottes
Grösse und Vollkommenheit ist unerklärlich.
Was also ist
mein Gott? Was anderes, frage ich, als Gott der Herr? Denn "wer ist Herr
ausser dem Herrn? Oder wer ist Gott ausser unserem Gott?" Höchster,
Bester, Mächtigster, Allmächtigster, Barmherzigster und Gerechtester,
Verborgenster und Allgegenwärtigster, Schönster und Gewaltigster, du
Beständiger und Unfassbarer, du Unwandelbarer, selbst alles wandelnd, nie
neu, nie alt, machst du doch alles neu "die Hochmütigen aber lässt du
alt werden, und sie wissen es nicht". Immerdar wirkend, bist du doch
immerdar in Ruhe; du sammelst ohne zu bedürfen; du trägst, erfüllest und
beschirmst, du schaffst und ernährst, vollendest, suchest, da dir doch nichts
fehlt. Du liebst ohne zu entbrennen, eiferst, ohne dich zu bekümmern, Reue
ohne Schmerz, du zürnst, doch in Ruhe; du änderst deine Werke, nie deinen
Ratschluss. Du nimmst auf, was du findest, ohne es doch je verloren zu haben;
niemals bedürftig, freust du dich des Gewinnes, niemals habgierig, verlangst
du doch Zinsen. Im Übermasse zahlt man dir, um dich zum Schuldner zu machen;
und doch wer besässe etwas, was nicht dir gehörte? Du bezahlst Schulden, bist
aber keinem schuldig; du lässest sie nach, verlierst aber nichts dadurch. Und
was habe ich nun damit gesagt, mein Gott, mein Leben, meine heilige
Süssigkeit; oder was kann ein anderer über dich reden, wenn er von dir redet?
Und dennoch, wehe denen, die von dir schweigen, da sie reden könnten, aber
stumm bleiben! 5. Er fleht um die Liebe Gottes und um Verzeihung der Sünden.
Wer wird mir
nun geben, dass ich Ruhe finde in dir? Wer wird mir geben, dass du einziehest
in mein Herz und es berauschest, auf dass ich mein Elend vergesse und dich,
mein einzig Gut, umfasse? Was bist du mir? Erbarme dich meiner, damit ich
davon reden kann! Was bin ich dir aber selbst, dass du von mir geliebt zu
werden verlangst und, wenn ich es unterlasse, mir zürnst und mit unendlichen
Qualen drohst? Ist das nicht allein schon grosse Pein, dich nicht zu lieben?
Wehe mir! Sage mir doch bei deiner Barmherzigkeit, Herr mein Gott, was du mir
bist! "Sage meiner Seele: Ich bin dein Heil!" Sprich vernehmlich zu
mir! Siehe, o Herr, die Ohren meines Herzens sind vor dir; öffne sie und
sprich zu meiner Seele: "Dein Heil bin ich". Nacheilen will ich
diesem Wort und so dich erfassen. Verhülle nicht vor mir dein Angesicht.
Sterben will ich, um nicht zu sterben, sondern es zu schauen. Zu enge ist das Haus meiner Seele, dass du
drin Einkehr halten könntest; so erweitere du es! Baufällig ist es; stelle du
es wieder her. Manche schadhafte Stellen daran werden deine Augen beleidigen;
ich weiss und gestehe es, Aber wer soll es reinigen? Oder zu wem ausser dir
will ich rufen: "Von meinen verborgenen Sünden reinige mich, o Herr, und
vor den fremden bewahre deinen Knecht", "Ich glaube, und darum rede
ich"? Herr, du weisst es. Habe ich nicht "vor dir meine Missetaten
wider mich bekannt, und hast du mir nicht verziehen meines Herzens
Bosheit"? Ich streite nicht im Gerichte mit dir, der du die Wahrheit
bist; auch will ich mich nicht selbst betrügen, auf dass nicht "meine
Ungerechtigkeit wider sich selbst lüge", Ich streite also nicht im
Gerichte mit dir; denn "wenn du aufmerken solltest auf unsere
Missetaten, Herr, Herr, wer könnte dann bestehen?". 6. Er
schildert seine Kindheit und preist Gottes Vorsehung und Ewigkeit.
Dennoch aber lass mich reden von deiner Barmherzigkeit, mich Staub und Asche, lass mich reden. Rede ich doch zu deiner Barmherzigkeit, nicht zu einem Menschen, der meiner spottet. Vielleicht spottest auch du noch meiner, aber wende dich zu mir, und du wirst dich meiner erbarmen. Denn was anders will ich sagen, Herr, als dass ich nicht weiss, woher ich hierher gekommen bin, in dieses soll ich nun sagen: sterbliche Leben oder lebendige Sterben? Ich weiss es nicht Es haben sich meiner angenommen die Tröstungen deiner Erbarmungen, wie ich es von meinen leiblichen Eltern erfahren habe, durch die du mich in der Zeit gebildet hast - denn ich selbst weiss es nicht. Es hat sich meiner angenommen die erquickende Muttermilch; doch haben sich nicht etwa meine Mutter oder meine Ammen die Brüste angefüllt, sondern du, o Herr, gabst mir durch sie die Nahrung der Säuglinge gemäss deiner Einrichtung und dem Reichtume, den du bis in den Grund aller Dinge verstreut hast. Du auch verliehest mir, dass ich nicht mehr wollte, als du gabst, und meinen Ernährerinnen, dass sie mir gern gaben, was du ihnen gegeben; denn nur aus eingepflanzter Zuneigung heraus wollten sie von dem Überflusse, den sie durch dich hatten, mir geben. Zum Gute nämlich wurde ihnen, was mir von ihnen zugute kam, in Wirklichkeit aber nicht von ihnen stammte, sondern nur durch sie mir gereicht wurde. Stammt doch von dir alles Gute, mein Gott, und von meinem Gotte all mein Heil. Später erst habe ich diese Wahrheit erfahren, als du sie mir zuriefst durch all die Gnaden, die du Leib und Seele erweisest. Damals verstand ich nämlich nur zu saugen und mich zu beruhigen, wenn es meinem Körper gut ging, zu weinen aber, wenn er Schmerz empfand, - sonst nichts. Danach begann
ich auch zu lächeln, zuerst im Schlafe, später auch im Wachen. So hat man mir
nämlich von mir erzählt, und ich glaube es, weil wir es ja an anderen Kindern
genau so sehen; auf mich selbst kann ich mich nicht erinnern. Dann empfand
ich allmählich, wo ich war, und wollte meine Wünsche denen kund tun, die sie
erfüllen konnten; aber ich konnte es nicht, weil meine Wünsche in meiner
Seele waren, jene Personen aber draussen und mit keinem ihrer Sinne in meine
Seele eindringen konnten. So setzte ich meine Glieder und meine Stimme in
Tätigkeit, indem ich Zeichen gab, um meine Wünsche anzudeuten, nur wenige,
und so gut es gerade ging; denn der Wirklichkeit entsprachen sie nicht. Und
wenn man mir nicht zu Willen war, entweder weil man mich nicht verstand oder
mir nicht schaden wollte, dann war ich sehr unwillig, dass die Grossen mir
nicht untertan sein, die Freien mir nicht gehorchen wollten, und ich rächte
mich an ihnen durch Weinen, So waren die Kinder, die ich kennen zu lernen
Gelegenheit hatte, und dass auch ich so gewesen bin, haben sie unbewusst mir
besser dargetan als meine kundigen Erzieher.
Und siehe, schon lange ist meine Kindheit
gestorben, ich aber lebe. Du aber, o Herr, der du immer lebst und in dem
nichts stirbt, da du ja vor dem Anbeginn der Geschlechter und vor jedem nur
denkbaren Uranfange der Zeit existierst und Gott bist und der Herr von allem,
was du erschaffen hast, da in dir die Ursachen all der unbeständigen Dinge
bestehen, in dir aller wandelbaren Dinge unwandelbare Urgründe ruhen, in
aller vernunftlosen und zeitlichen Dinge ewige Idee: - so sage mir auf meine
kniefälligen Bitten, mein Gott, sage, Erbarmer, deinem Knecht: ist meine
Kindheit erst einem anderen entschwundenen Lebensalter gefolgt? Ist es etwa
jenes, das ich im Leibe meiner Mutter zugebracht habe? Denn auch davon ist
mir einiges mitgeteilt worden, wie ich ja auch selbst schwangere Frauen
gesehen habe. Was aber war vor diesem Lebensabschnitte, meine Süssigkeit und
mein Gott? War ich damals schon irgendwo und irgendwer? Denn niemanden habe
ich, der mich darüber belehren könnte; nicht Vater und Mutter konnten es noch
die Erfahrung anderer noch meine Erinnerung. Oder lächelst du über mich, wenn
ich solche Fragen stelle, und heissest mich vielmehr, Grund der Dinge, die
ich weiss, dich zu loben und zu bekennen?
So lobpreise
ich dich, o Herr des Himmels und der Erde, und lobsinge dir für meinen
Lebensanfang und meine mir unbewusste Kinderzeit; hast du doch den Menschen
gegeben, von anderen aus Schlüsse auf sich selbst zu ziehen und sogar dem
Zeugnisse schwacher Weiber vieles, soweit es ihn angeht, zu glauben. Denn
auch in jener Zeit schon war ich und lebte ich, und schon am Ende des
Säuglingsalters suchte ich nach Zeichen, durch welche ich anderen meine
Empfindung geben wollte. Woher kam nun solch ein Lebewesen, wenn nicht von
dir, o Herr? Oder kann jemand der Künstler und Bildner seines eigenen Lebens
sein? Oder entspringt auch nur eine einzige Ader, durch die Sein und Leben
uns zuströmt, anderswoher als von dir o Herr, der du uns schaffst, dem Sein
und Leben nicht verschiedene Begriffe sind, weil für ihn höchstes Sein und
höchstes Leben gleichbedeutend ist? Du bist ja der höchste und veränderst
dich nicht; für dich geht nicht der heutige Tag vorüber, und doch vergeht er
in dir, weil in dir alle Dinge ihr Ziel haben. Diese können nicht ihre Bahnen
vorüberziehen, wenn du sie nicht umfasstest, und weil "deiner Jahre kein
Ende ist", so sind deine Jahre ein einziges Heute. Wie viele von unsren
und unsrer Vater Tagen haben schon dein Heute durchlaufen und von ihm ihr
Mass und ihre jeweilige Eigenart empfangen! So werden noch viele andere es
durchlaufen und Mass und Eigenart von ihm empfangen. Du aber bist immer
derselbe und wirst alles Morgige und darüber hinaus und alles Gestrige und
weiter zurück heute tun, ja hast es bereits getan. Was kann ich dafür, wenn
jemand das nicht einsieht? Doch freuen soll sich auch der, der spricht:
"Was ist das?" Freue er sich auch so, und möge er lieber alles
verlieren und dich finden als alles gewinnen und dich nicht finden. 7. Auch die
erste Kindheit ist nicht frei von Sünde.
Erhöre mich, o
Gott! Wehe über die Sünden der Menschen! Und so spricht ein Mensch, dessen du
dich erbarmst, da du ihn zwar, nicht aber die Sünde in ihm geschaffen hast.
Wer erinnert mich an die Sünden meiner Kindheit? Ist doch niemand vor dir
frei von Sünde, nicht einmal das Kind, das erst einen Tag auf der Erde lebt.
Wer ruft sie mir zurück? Doch wohl jedes kleine Menschenkind, an dem ich
sehe, wessen ich mich von mir nicht erinnern kann. Worin bestand also damals
meine Sünde? Etwa weil ich unter Tränen so heftig nach der Mutterbrust
begehrte? Und in der Tat - wenn ich es nun täte und zwar nicht nach den
Brüsten, wohl aber nach einer für mein fortgeschrittenes Alter passenden
Speise heftig verlangte, man würde mich mit vollem Rechte auslachen und
tadeln. Damals also tat ich Tadelnswertes; aber weil ich noch nicht auf die
Stimme eines Tadlers merken konnte, durfte ich weder nach Brauch noch nach
Vernunft getadelt werden. Denn mit den Jahren rotten wir schliesslich selbst
solche Unarten aus und legen sie ab. Und noch keinen habe ich gesehen, der
mit Bewusstsein Gutes wegwürfe, wenn er etwas reinigen wollte. Oder war das
auch gut in Anbetracht des Alters, weinend nach etwas zu begehren, was doch
nur zum Schaden hätte gegeben werden können, sich heftig zu entrüsten über
freie und erwachsene Menschen, wenn sie nicht zu Willen sein wollten, den
Eltern und vielen anderen klügeren Leuten, wenn sie nicht auf einen blossen
Wink hin zu Willen waren, nach Möglichkeit schaden zu wollen, weil man eben
einem Befehle, dessen Ausführung nur Verderben gebracht hätte, nicht
gehorcht? Wenn nun auch die Schwäche der kindlichen Glieder keinen Schaden
zufügen kann, so ist ihr Herz doch nicht von Schuld freizusprechen. Ich
selbst habe einmal so ein neidisches Kind gesehen; es konnte noch nicht sprechen
und sah doch schon blass vor Neid mit bitterbösem Blick nach seinem
Milchbruder. Wer kennt das nicht? Nun sagen freilich Mütter und Ammen, sie
könnten es durch weiss Gott was für Mittel später wieder gutmachen.
Jedenfalls kann doch von Unschuld gar keine Rede sein, wenn man, während der
Strom der Muttermilch überreichlich fliesst, den von der Teilnahme
ausschliesst, der ihrer im höchsten Masse bedarf und allein mit dieser
Nahrung sein Leben fristen kann. Aber man lässt derlei nachsichtig hingehen,
nicht als ob es gar nichts bedeutete oder geringfügig wäre, sondern weil es
sich mit den Jahren von selbst verliert. Der Beweis dafür ist einfach: man
lässt sich dergleichen nicht mehr ruhig gefallen, wenn man älter ist. Du also, mein Gott und Herr, der du dem
Kinde das Leben gabest und den Leib, den du, wie wir sehen mit vernünftigen
Sinnen ausgerüstet, durch Glieder wohl zusammengefügt, mit einem schönen
Äusseren geschmückt und für dessen Erhaltung in seiner Gesamtheit und
Unversehrtheit du alles, was der Leben spendende Geist unternimmt, bestimmt
hast, du heissest mich, dessentwegen dich loben, "dich bekennen und
deinem Namen lobsingen, Allerhöchster". Denn du bist der allmächtige und
gütige Gott, auch wenn du nur dieses allein getan hättest, was kein anderer
tun kann denn du, Einziger, der jegliches Mass bestimmt, Schönster, der du
alles schön gestaltest und alles nach deinem Gesetze ordnest. Diesen
Abschnitt also meines Lebens, Herr, in dem gelebt zu haben ich selbst mich
nicht erinnern kann, hinsichtlich dessen ich den Worten anderer Glauben
schenken muss, den ich vermutlich wie viele andere Kinder verbracht habe -
wiewohl das ein sehr zuverlässiger Schluss ist - diesen Abschnitt also möchte
ich meinem Leben in dieser Zeitlichkeit nicht gern hinzuzählen. Denn die
gleiche Finsternis völligen Vergessens umhüllt es wie das andere, das ich im
Mutterleibe zugebracht habe. Wenn nun das Wort des Psalmisten gilt, "in
Ungerechtigkeit bin ich empfangen, und in Sünden hat meine Mutter mich in
ihrem Schosse genährt", wo, ich flehe dich an, mein Gott, wo, o Herr,
bin ich, dein Sklave, wo oder wann bin ich ohne Schuld gewesen? Doch ich sehe
von jener Zeit ab: was kümmert sie mich schliesslich auch noch, wenn sogar
jede Spur von ihr verwischt ist? 8. Augustinus erzählt, wie er sprechen gelernt hat.
Bin ich nicht
aus der Kindheit herauf fortschreitend zum Knabenalter gelangt? Oder
vielmehr: ist nicht dieses selbst an mich herangelangt und hat die Kinderzeit
abgelöst? Und doch ist diese nicht verschwunden; wohin wäre sie denn
gegangen? Dennoch war sie nun nicht mehr; denn ich war nicht mehr ein
unmündiges Kind, sondern ein mit Sprache begabter Knabe. Dessen erinnere ich
mich; wie ich aber sprechen lernte, habe ich erst später erfahren. Meine
Lehrer waren nämlich nicht Erwachsene, die mir nach einer bestimmten Methode
die Worte darboten wie etwas später die Buchstaben; ich selbst war es vermöge
des Verstandes, den du mir gegeben hast, mein Gott, wenn ich durch Seufzen,
durch mannigfache Laute und verschiedene Bewegungen der Glieder die Gefühle
meines Herzens kundzutun suchte, damit man mir meinen Willen erfüllte, ich
aber dies weder in allein, was ich wollte, noch bei allen, bei denen ich es
wollte, vermochte. Ich erwog in meinem Gedächtnisse: wenn Erwachsene
irgendeinen Gegenstand nannten und im Anschlusse daran ihren Körper zu etwas
hinbewegten, so sah und begriff ich, dass sie mit diesen Lauten mir den
Gegenstand nannten, den sie mir zeigen wollten. Dass sie dies aber
beabsichtigten, ging aus den Bewegungen ihres Körpers hervor, jener
natürlichen Sprache aller Völker, die sich aus Mienenspiel, Winken mit den
Augen, den Gebärden der übrigen Glieder und dem Ton der Stimme zusammensetzt,
der die einzelnen Empfindungen der Seele anzeigt, wenn sie etwas erstrebt,
festhält, verschmäht oder flieht. So lernte ich denn nach und nach verstehen,
welche Dinge die einzelnen Worte bedeuteten, die ich in verschiedenen Sätzen
in verschiedenem Zusammenhang häufig hörte; mein Mund gewöhnte sich an jene
Zeichen, und ich konnte meine Wünsche durch sie ausdrücken. So tauschte ich
mit meiner Umgebung die Bezeichnungen für die gegenseitigen Wünsche aus und
trat in innigere Beziehung zur menschlichen Gemeinschaft, allerdings noch
abhängig von dem Willen der Eltern und der Anweisung der Erwachsenen. 9. Gleich anderen Kindern hasst er das Lernen, liebt das
Spielen und Fürchtet die Schläge.
Gott, mein
Gott, was für Jammer musste ich da erleben, welche Täuschungen wurden mir
zuteil, da man dem Knaben als Lebensregel vorzeichnete, denen zu gehorchen,
die mich zum Gehorsam ermahnten, damit ich auf dieser Erde glänzte und mich
in wortreichen Künsten auszeichnete, die nur dazu dienen, Ehre bei den
Menschen und trügerische Reichtümer zu gewinnen, Dann gab man mich in die
Schule, um die Buchstaben zu lernen, eine Kunst, deren Nutzen ich Ärmster
nicht begriff. Zeigte ich mich aber lässig im Unterrichte, so bekam ich
Schläge. Die Erwachsenen priesen diesen Entwicklungsgang, und viele, die vor
uns gelebt auf dieser Welt, hatten leidvolle Wege angelegt, die wir
durchlaufen mussten - doppelt mühevoll und schmerzlich für uns arme
Adamssöhne. Wir fanden aber auch o Herr, Menschen, die zu dir riefen, und wir
lernten von ihnen, indem wir soviel von dir begriffen wie uns möglich war: du
müsstest etwas Grosses sein und könntest uns, wenngleich unsern Sinnen nicht
wahrnehmbar, erhören und uns zu Hilfe kommen. So begann ich denn schon als
Knabe zu dir zu rufen, zu dir, "meine Hilfe und Zuflucht", und dich
anzurufen, sprengte ich die Bande meiner Zunge, und so klein ich war, flehte
ich doch mit nicht kleiner Inbrunst zu dir, dass ich nicht mehr in der Schule
Schläge bekäme. Und da du mich nicht erhörtest, "was mir zum Heile
gereichte", so lachten die Erwachsenen, darunter sogar meine Eltern, die
doch sicherlich mir kein Übel wünschten, über Schläge, die ich wenigstens
damals als ein grosses und schweres Übel empfand. Gibt es wohl, o Herr, einen so hochgemuten,
mit überaus grosser Inbrunst dir anhängenden Sinn, gibt es einen solchen,
sage ich (denn manchmal ist auch eine gewisse Stumpfheit die Ursache!), also
gibt es einen Menschen, frage ich, der mit so frommem Sinne dir anhinge und
hochherzig gesinnt wäre, dass er Foltern, Krallen und all die anderen
Marterwerkzeuge, vor denen gnädig sie zu bewahren alle Welt dich in grossen
Ängsten anfleht, ebenso so geringfügig erachtet, obwohl die, welche sie aufs
äusserste fürchten, seinem Herzen nahe stehen, wie unsere Eltern über die
Strafen lachten, welche die Lehrer über uns verhängten? Denn fürwahr, wir
fürchteten sie gerade so sehr und beteten ebenso sehr um ihre Abwendung,
sündigten aber trotzdem, indem wir weniger schrieben oder lasen oder an die
Studien dachten, als wir sollten. Denn es mangelte uns nicht, o Herr, an
Gedächtnis oder Verstand, die du uns in einem für jenes Alter hinreichenden
Masse gegeben, allein das Spiel erfreute uns, und uns straften solche, die
genau dasselbe trieben. Indessen die Possen bei den Erwachsenen heissen
Geschäfte; tun aber Knaben Ähnliches, so werden sie von ihnen bestraft, und
keiner empfindet Mitleid mit den Knaben oder mit jenen oder mit beiden.
Sollte wirklich ein gerechter Richter die Schläge, die ich als Knabe für mein
Ballspiel erhielt, ganz in der Ordnung finden, weil ich durch dieses Spiel
gehindert wurde, mir schneller die Kenntnisse anzueignen, mit denen ich
später ein weit hässlicheres Spiel treiben sollte? Oder tat etwa eben der,
von dem ich Schläge erhielt, etwas anderes, wenn ein gelehrter Kollege über
ihn in einer öffentlichen Disputation triumphierte und er dann heftiger von Galle
und Neid verzehrt wurde als ich, wenn ich im Wettstreite mit dem Balle meinem
Spielgenossen unterlag? 10. Der Hang zum Spiel und die Vorliebe für das Theater
verleidet ihm das Studium.
Und dennoch sündigte ich, Herr mein Gott, der du die ganze Natur schaffst und lenkst, die Sünde aber nur lenkst, Herr mein Gott, ich sündigte, indem ich gegen die Vorschriften meiner Eltern und Lehrer handelte, Denn ich hätte ja später einen guten Gebrauch von den Wissenschaften machen können, die ich erlernen sollte - unabhängig von der Absicht derer, die es verlangten. Und ich war nicht etwa ungehorsam, weil ich etwas Besseres erwählt hatte, sondern aus Hang zum Spielen, aus Begierde, stolze Siege davon zu tragen und meine Ohren durch lügenhafte Erzählungen kitzeln zu lassen, damit sie umso brennender juckten, während die gleiche Neugierde mehr und mehr aus meinen Augen nach den Schauspielen und dem Zeitvertreib der Erwachsenen hinfunkelte. Doch diejenigen, die sie veranstalteten, stehen in solchem Ansehen, dass wohl alle für ihre Kinder ein Gleiches wünschen; und gleichwohl haben diese Eltern nichts gegen die Züchtigung ihrer Kinder einzuwenden, wenn sie sich durch ähnliche Spiele von den Studien abhalten lassen, durch welche sie die Befähigung zur Veranstaltung jener Schauspiele erlangen sollen! Sieh, o Herr, voll Erbarmen auf diese Zustände herab und befreie uns, die wir dich anrufen, befreie auch jene, die dich noch nicht anrufen, damit sie dich anrufen und du sie befreiest! 11. Augustinus fällt in eine schwere Krankheit und verlangt in
ihrem Verlaufe nach der Taufe; nach seiner Genesung aber wird sie verschoben.
Schon als
Knabe hatte ich vom ewigen Leben vernommen, das uns versprochen worden ist durch
die Erniedrigung des Herrn unseres Gottes, der zu unserer Hoffart herabstieg;
und bereits vom Schosse meiner Mutter, deren ganzes Hoffen auf dich gerichtet
war, wurde ich mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnet und mit seinem Salze
gewürzt". Du sahest, o Herr, als ich noch im Knabenalter stand und eines
Tages infolge heftiger Magenschmerzen plötzlich in ein tödliches Fieber
verfiel, du sahest also, mein Gott, der du schon damals mein Hüter warst, mit
welch innerer Erschütterung und mit welchem Glauben ich von der Frömmigkeit
meiner Mutter und unser aller Mutter, deiner Kirche, die Taufe deines
Gesalbten, meines Herrn und Gottes, verlangte. Wohl hätte meine betrübte
leibliche Mutter, die noch mit viel grösserer Liebe mein ewiges Heil keuschen
Herzens in deinem Glauben geboren hätte, eilig dafür gesorgt, dass ich in die
heilbringenden Sakramente eingeweiht und im Bekenntnisse des Glaubens an
dich, Herr Jesus, abgewaschen würde zur Vergebung der Sünden, wäre ich nicht
plötzlich wieder gesund geworden. Meine Abwaschung wurde daher aufgeschoben;
denn sie meinten, dass ich bei längerem Leben notwendigerweise mit mehr
Sünden befleckt würde und ein sündenbeflecktes Leben nach dem Empfang jenes
Bades (der Wiedergeburt) nur noch grössere und gefahrvollere Verschuldung
verursacht hätte. So war ich denn bereits zum Glauben gelangt, wie meine
Mutter und das ganze Haus mit Ausnahme des Vaters allein; doch liess dieser
sein Interesse an mir nicht Oberhand gewinnen über die Frömmigkeit der
Mutter, dass er etwa, selbst ungläubig, auch mich nun verhindert hatte, an
Christus zu glauben. Denn das war ihr heisses Bemühen, dass du, mein Gott,
eher mein Vater seiest als er; und du standest ihr hierin bei, so dass sie
über den Gatten den Sieg gewann, dem sie, obgleich die bessere, dienstbar
war, weil sie auch hierin dir diente, deinem Befehle gemäss. Ich frage dich, mein Gott. - ich möchte es
nämlich wissen, wenn es auch dein Wille ist -, weshalb damals meine Taufe
verschoben wurde. Wurden mir zum Heile gleichsam die Zügel der Sünde
gelockert, oder wären sie besser nicht gelockert worden? Weshalb tönt es uns
auch jetzt noch immer wieder in den Ohren: "Lass ihn tun; er ist ja noch
nicht getauft"? Und doch sagen wir nicht, wenn es sich um die Gesundheit
des Körpers handelt: "Lass ihn nur noch mehr verwundet werden; er ist ja
noch nicht geheilt". Wieviel besser wäre es für mich gewesen, ich wäre
schnell geheilt worden, und mein und der Meinen Eifer hätten darauf ihr
Augenmerk gerichtet, dass das Heil meiner Seele, das du mir verliehen, nun
unter deinem Schutze sicher war. Besser fürwahr! Aber meine Mutter wusste,
wie grosse und wie viele Stürme der Versuchungen nach Ablauf des Knabenalters
noch über mich brausen würden, und wollte lieber den Stoff preisgeben, aus
dem ich später neu geformt werden konnte, als das Bildnis selbst. 12. Augustinus wird gezwungen, die Wissenschaften zu lernen;
durch Gottes Fürsorge gereicht es ihm zum Guten.
Gerade im
Knabenalter jedoch, das man nicht so sehr für mich wie die Jünglingszeit
fürchtete, liebte ich die Wissenschaften nicht und hasste den Zwang des
Unterrichts. Dennoch wurde ich dazu angehalten, und der Zwang tat mir gut,
aber ich tat nicht gut. Denn ich hätte nicht gelernt, wenn man mich nicht
dazu gezwungen hätte. Niemand aber handelt gut wider seinen Willen, mag auch
gut sein, was er tut. So handelten auch nicht die gut, die mich zwangen, aber
das Gute kam mir von dir, mein Gott. Denn als jene mich zu lernen zwangen,
hatten sie kein anderes Ziel für mich im Auge als die Sättigung unersättlicher
Gier nach reicher Armut und schimpflichem Ruhme. Du aber, "bei dem
unsere Haare gezählt sind", wandtest den Irrtum aller derer, die mich
zum Lernen anhielten, zu meinem Nutzen, meinen Irrtum aber, nicht lernen zu
wollen, zu meiner Strafe; ich verdiente sie wohl, ein so kleiner Knabe und
schon ein so grosser Sünder! So tatest du mir Gutes durch Jene, die nicht
Gutes taten, und durch meine eigenen Sünden vergaltest du mir gerecht. Denn
so hast du es befohlen, und es ist so, dass jeder ungeordnete Geist sich
selbst zur Strafe wird. 13. Augustinus' liebste Studien.
Weshalb ich
aber die griechische Sprache hasste, in der ich bereits als ganz kleiner
Knabe unterwiesen wurde, ist mir auch heute noch nicht völlig klar. Denn ich
hatte doch Freude am lateinischen Unterricht, zwar nicht an dem der
Elementarlehrer, wohl aber an dem der Grammatiker. Denn der
Elementarunterricht, Lesen, Schreiben und Rechnen, war mir genau so lästig
und peinlich wie der gesamte griechische. Woher stammte also meine Abneigung
gegen ihn wenn nicht aus meiner Sündhaftigkeit und Eitelkeit? "Fleisch
war ich und ein Hauch, der dahinfährt und nicht wiederkehrt". Denn jene
Elementarfächer waren praktischer und entschieden auch besser; durch sie
nämlich war es mir möglich, und ihnen verdanke ich es jetzt noch, dass ich
alles Geschriebene, was mir in die Hände fällt, lesen und alles, was ich
will, schreiben kann. Besser sicherlich als jener Unterricht, der mich zwang,
Bescheid zu wissen über die Irrfahrten eines Äneas und darüber meine Irrtümer
zu vergessen, den Tod einer Dido zu beweinen, die sich selbst getötet,
während ich Elender selbst trockenen Auges es ertrug, dass ich dabei dir,
mein Gott und mein Leben, abstarb. Was ist erbärmlicher als ein Armer, der
sich seiner selbst nicht erbarmt und den Tod der Dido, die Folge übergrosser
Liebe zu Äneas, beweint, aber nicht beweint seinen eigenen Tod, die Folge
mangelnder Liebe zu dir, Gott, du Licht meines Herzens, du Brot meiner Seele,
du Kraft, die meinen Geist und meine innersten Gedanken befruchtet? Ich
liebte dich nicht und "buhlte abgewandt von dir", und von allen
Seiten erscholl es dabei: "recht so, recht so". Denn die
Freundschaft dieser Welt ist gottentfremdete Buhlerei, und "recht so,
recht so" ruft man dazu, damit es für Schande gelte, wenn jemand nicht
so ist. Und hierüber weinte ich nicht, wohl aber weinte ich über Dido, dass
sie "geschieden, vom eigenen Stahle gefallen"; ja, ich verliess
dich und suchte dafür die letzten deiner Geschöpfe auf, Staub, der zum Staube
zurückkehrt. Und hinderte man mich am Lesen, so war ich betrübt, weil ich
nicht lesen sollte, was mich betrübte. Solchen Wahnsinn hält man für
ehrenvoller und nützlicher als den Elementarunterricht, in dem ich lesen und
schreiben lernte. Aber nun rufe in meiner Seele, mein Gott, und deine Wahrheit sage mir: so ist es nicht, so ist es nicht; wahrhaftig, jener erste Unterricht ist viel besser. Denn siehe, viel lieber will ich die Irrfahrten des Äneas und alles andere der Art vergessen als Schreiben und Lesen. Wohl decken Vorhänge die Eingänge der gelehrten Schulen, doch versinnbilden sie nicht den Wert der dahinter gelehrten Geheimnisse, sondern sind nur eine Verhüllung des Irrtums. Mögen nicht mehr gegen mich schreien, die ich nicht mehr fürchte, da ich dir, mein Gott, bekenne, was meine Seele begehrt, und Ruhe finde in der Verurteilung meiner bösen Wege, damit ich deine guten Wege lieben kann. Mögen nicht ihre Stimme gegen mich erheben Käufer und Verkäufer von Grammatiken; denn wenn ich ihnen die Frage vorlege, ob die Angabe des Dichters, Äneas sei einst nach Karthago gekommen, wahr sei, werden die Ungelehrten gestehen müssen, sie wüssten es nicht, die Gelehrten aber, es sei nicht wahr. Wenn ich dagegen frage, wie das Wort Äneas geschrieben wird, so werden alle, die das gelernt haben, die richtige Antwort geben entsprechend dem Übereinkommen oder dem Beschlusse, durch welchen die Menschen diese Zeichen untereinander festgesetzt haben. Ebenso wenn ich frage, was wohl ein grösserer Verlust für dieses Leben sei, Lesen und Schreiben zu vergessen oder jene Dichterfabeln, wer würde sich lange auf die richtige Antwort besinnen, wofern er noch nicht ganz auf sich vergessen hat? Also sündigte ich als Knabe, wenn ich jene Nichtigkeiten diesen nützlichen Wissenschaften vorzog oder richtiger sie hasste, jene aber liebte. Denn ein verhasstes Geleier war mir "eins und eins ist zwei; zwei und zwei ist vier", ein überaus süsses, nichtiges Schauspiel aber das hölzerne Ross, mit Bewaffneten angefüllt, der Brand Troias und "der eigene Schatten der Kreusa. 14. Seine
Abneigung gegen das Griechische.
Warum also
hasste ich die griechische Grammatik, wenn sie uns Ähnliches vortrug? Denn
auch Homer versteht es, solche Fabeln zusammenzuweben, und stellt in gar
anmutiger Weise Torheiten dar; und doch konnte ich als Knabe ihn nicht
leiden. Vermutlich ergeht es griechischen Knaben mit Vergil genau so, wenn
sie gezwungen werden, ihn so verstehen zu lernen wie ich den Homer. Die
Schwierigkeit nämlich, eine fremde Sprache von Grund aus zu erlernen, diese Schwierigkeit
vergällte mir jeden Genuss der schönen Literatur in griechischer Sprache. Ich
kannte ja noch kein einziges Wort jener Sprache, und heftig setzte man mir
mit Drohungen und Strafen zu, sie doch zu lernen. Zwar waren auch die
lateinischen Wörter mir einmal völlig unbekannt, und doch lernte ich sie
durch genaues Aufmerken ohne Angst und Qual unter den Liebkosungen der Ammen,
unter Scherzen und Lachen und fröhlichem Spiel. So lernte ich sie ohne jeden
strafenden Druck von irgendeiner Seite; nur mein eigenes Herz trieb mich,
das, was es dachte, zu offenbaren. Und auch das hätte ich nicht vermocht,
wenn ich nicht einige Worte gelernt hätte, nicht von Leuten, die mich lehren
wollten, sondern von solchen, die sie einfach gebrauchten; diesen wollte nun auch
ich meine Empfindungen kundtun. Das beweist genügend, dass die Wissbegierde
in ihrer Freiheit grösseren Einfluss auf die Erlernung dieser Dinge ausübt
als der Zwang mit seiner Furcht. Doch wird der Strom der Wissbegierde durch
Zwang in das Bett deiner Gesetze, o Gott, gebannt, deiner Gesetze von den
Zuchtruten der Lehrer angefangen bis zu den Prüfungen der Märtyrer; sie
vermögen heilsame Bitterkeit beizumischen, die uns zurückruft von der
verderblichen Lust, welche uns von dir getrennt hat. 15. Gebet zu Gott.
Erhöre, o
Herr, mein Gebet, dass meine Seele nicht erliege unter deiner Zucht und nicht
ermatte im Bekenntnisse deiner Erbarmungen, durch die du mich von all meinen
schlechten Wegen errettet hast, auf dass du mir süsser seiest als alle
Verlockungen, denen ich folgte, ich dich inbrünstig liebe, deine Hand mit
aller Kraft meines Herzens erfasse und du mich von aller Versuchung bis ans
Ende errettest. Denn siehe du, o Herr, "mein König und mein Gott",
deinem Dienste sei geweiht, was ich als Knabe Nützliches gelernt; dienen soll
dir, was ich rede und schreibe, lese und rechne. Denn als ich Nichtiges
lernte, nahmst du mich in deine Zucht und hast mir verziehen, da ich an
diesem Tande sündhaftes Wohlgefallen empfand. Wenn ich auch dabeiviel
nützliche Worte gelernt habe, so hätte ich sie doch auch bei minder Eitlem
lernen können; diesen sicherenWeg sollten die Knaben wandeln. 16. Tadel der herkömmlichen Erziehungsweise.
Aber wehe über
dich, du Strom menschlicher Gewohnheit! Wer widersteht dir, oder wann wirst
du endlich versiegen? Wie lange noch wirst du die Evaskinder in jenes
schreckliche Meer mit dir reissen, über das doch kaum die sicher gelangen,
welche das Schifflein der Kirche bestiegen? Warst du nicht schuld, dass ich
vom Donnerer Jupiter, der zugleich auch ein Ehebrecher war, las? Er könnte
nun zwar unmöglich beides sein, aber man hat es so auf der Bühne dargestellt,
damit der wahre Ehebruch mit vollerem Gewichte zur Nachahmung auffordere,
wenn ein falscher Donnergott selbst dazu verkuppelt. Doch wer von jenen
Lehrern im Rednermantel hört mit verständigem Ohr auf jenen Mann, aus dem
gleichen Staube geboren, wenn er sagt: "So erdichtete es Homer, der
damit Menschliches auf die Götter übertrug; o hätte er doch lieber Göttliches
auf uns übertragen"? Mit mehr Wahrheit jedoch könnte man sagen: wohl
erdichtete jener derlei, aber so, dass er lasterhaften Menschen göttliche
Eigenschaften beilegte, damit Schande nicht mehr als Schande gelte und der
Ehebrecher nicht verlorene Menschen, sondern die ewigen Götter nachzuahmen
scheine. Und doch, du höllischer Strom, wirft man in dich die Menschenkinder
hinein und Honorar dazu, damit sie derlei lernen; und etwas Grosses ist es,
wenn dies sogar öffentlich auf dem Forum vor sich geht, angesichts der
Gesetze, die ausser dem Honorar noch ein festes Gehalt zubilligen. Dann magst
du freilich an den Felsen anschlagen und den Ruf ertönen lassen: "Hier
lernt man Worte, hier erwirbt man Beredsamkeit, die überaus wichtig ist zur
Führung von Prozessen und zur Entwicklung der Gedanken". Also würden wir
sonst diese Worte nicht kennen, Goldregen, Schoss, Betrug, Himmelsgewölbe und
andere Worte, die ebendort vorkommen, wenn uns nicht Terenz in jenem Stücke
einen nichtsnutzigen Jüngling vorführte, der sich durch die Betrachtung eines
Wandgemäldes, welches darstellte, wie Jupiter dem Mythus zufolge einen
goldenen Regen in Danaes Schoss gesandt und diese dadurch berückt habe, den
Donnergott selbst zum Vorbild in seinem unzüchtigen Tun nimmt' Und man höre,
wie er sich gleichsam durch eine Stimme vom Himmel zur Wollust aufstacheln
lässt: "Und welch ein Gott ist das! Er, der mit gewaltigem Donner das
hohe Himmelsgewölbe erschüttert! Und ich Menschlein sollte das nicht tun?
Doch - ich habe es getan und gern". In keinem Falle nun lernt man durch
jene Schändlichkeiten diese Worte bequemer, wohl aber verleiten uns solche
Worte, solche Schändlichkeiten zuversichtlicher zu begehen. Doch klage ich
nicht die Worte an; es sind erlesene, kostbare Gefässe; wohl aber den Wein
des Irrtums, der uns darin von trunkenen Lehrern kredenzt wurde. Tranken wir
den nicht, so erhielten wir Schläge, ohne dass es eine Berufung an einen
nüchternen Richter gab. Und doch, mein Gott, vor dessen Angesicht ich jetzt
dieser Dinge in Frieden gedenke, ich habe gern diese Worte gelernt, ich Armer
hatte meine Freude daran und hiess deshalb ein Knabe, der zu den besten
Hoffnungen berechtigte. 17. Fortsetzung der Klagen über die Art und Weise, wie die Jugend
in den Wissenschaften unterrichtet wird.
Lass mich,
mein Gott, nunmehr auch etwas über meine Anlagen, dein Geschenk, sagen, wie
ich sie in meinem Wahnwitze missbraucht habe. Es wurde mir nämlich die
Aufgabe gestellt, die mich wegen der damit verbundenen ehrenden Belohnung
oder aber wegen der Schande und des Spottes nicht wenig beunruhigte: ich
sollte in einer Rede Junos Zorn und Schmerz, dass sie nicht könne "von
Italia fernhalten den teukrischen König" zum Ausdruck bringen; dabei
hatte ich die Juno niemals Derartiges sagen hören. Aber wir mussten den
Spuren dichterischer Einbildungen nachirren und die Verse der Dichter dem
Sinne nach in ungebundener Rede ausführen. Und dessen Rede erntete das
grösste Lob, der dem Charakter der dargestellten Person gemäss die Affekte
des Zornes und Schmerzes, wobei er die Gedanken in die entsprechenden Worte
kleidete, am treffendsten hervortreten liess. Was nützte mir nun dieses, o
wahres Leben, o mein Gott? Wozu der meiner Rede im Beisein vieler Mitschüler
und Altersgenossen gezollte Beifall? Ist das nicht alles Rauch und Nebel? Gab
es denn wirklich nichts anderes, meinen Geist und meine Sprache auszubilden?
Dein Lob, o Herr, dein Lob in deinen heiligen Schriften hätte die
Jugendtriebe meines Herzens aufrichten sollen; dann wären sie nicht nichtigen
Albernheiten zum Raube gefallen, eine leichte Beute der Vögel. Denn gefallene
Engel heischen mehr als ein Opfer. 18. Die Menschen halten zwar ängstlich auf Beobachtung der
Vorschriften der Grammatiker, aber nicht auf die der Gebote Gottes.
Kein Wunder
aber, dass ich mich so zu Eitelkeiten fortreissen liess und von dir, mein
Gott, mich abwandte. Sollte ich doch in Menschen mein Vorbild erblicken,
welche, wenn ihnen bei der Erzählung ihrer guten Handlungen ein Barbarismus
oder Solöcismus unterlief, infolge des sie treffenden Tadels in höchste
Bestürzung gerieten, dagegen sich rühmten und auch von anderen gepriesen
wurden, wenn sie von ihren Wollüsten in tadelloser, wohlgeordneter Sprache
mit rednerischer Fülle und in schöner Disposition berichteten. Dies siehst
du, o Herr, und schweigst, da du "langmütig und von grosser
Barmherzigkeit und Wahrheit bist". Wirst du etwa immer schweigen? Schon
jetzt entreisst du diesem so entsetzlichen Abgrunde die Seele, die dich sucht
und nach deinen Wonnen dürstet, und den, der in seinem Herzen zu dir spricht:
"Dein Antlitz habe ich gesucht; dein Antlitz, o Herr, will ich
suchen". Denn von deinem Antlitz fern sein heisst in dunklen
Leidenschaften sein. Denn nicht mit den Füssen und nach räumlichen Abständen
entfernt man sich von dir oder kehrt zu dir zurück. So hat auch nicht der
verlorene Sohn im Evangelium sich nach Pferden oder Wagen oder Schiffen
umgetan; auch ist er nicht mit sichtbarer Schwinge davongeflogen oder hat mit
gebogenem Knie den Weg zurückgelegt, um in fremdem Lande zu vergeuden, was du
ihm bei seiner Abreise gegeben hattest, liebevoller Vater, der du ihm noch
grössere Liebe erwiesest, da er in Armut zurückkehrte. Wollüstiges Begehren
also ist finsteres Begehren, und das heisst fern von deinem Antlitze
wandeln. Siehe, Herr, mein Gott, und sieh in deiner gewohnten Langmut, wie peinlich die Menschenkinder auf die Satzungen der Sprache und die Regeln der Buchstaben, die sie von anderen überkommen haben, achten, aber die von dir empfangenen steten Unterpfänder des ewigen Heiles vernachlässigen. Wenn also einer von jenen Hütern und Lehrern der Satzungen der Grammatik das Wort "Mensch" falsch ausspricht, so missfällt er den Menschen mehr, als wenn er gegen deine Gebote seinen Mitmenschen, obwohl er sein Bruder ist, hasste. Und doch ist nicht das Bewusstsein, einen Feind zu haben, so verderblich als der Hass, den man gegen ihn in sich trägt, und niemand fügt seinem Feinde, den er verfolgt schwereren Schaden zu als durch diese Feindseligkeit seinem eigenen Herzen. Und doch ist sicher die Kenntnis der Buchstaben nicht tiefer ins Herz geschrieben als jenes Bewusstsein, dass wir da einem andern tun, was wir selbst nicht leiden wollen. Wie bist du doch so geheimnisvoll, du grosser, einziger Gott, der du schweigend in den Höhen thronst und nach deinem unwandelbaren Gesetz mit Blindheit unerlaubte Leidenschaften strafst. Wenn ein Mensch, der nach dem Ruhme der Beredsamkeit strebt, umgeben von einer grossen Menschenmenge vor dem menschlichen Richter steht und nun gegen seinen Feind mit dem grimmigsten Hass losgeht, so hütet er sich mit ängstlicher Sorgfalt, etwa durch eine falsche Konstruktion Unkenntnis der Grammatik zu verraten; aber in der Wut seines Herzens einen Menschen aus der menschlichen Gesellschaft hinwegzureissen, davor schreckt er nicht zurück. 19. Die Fehler des Kindes sind auch die Fehler der späteren
Jahre.
Auf der
Schwelle solcher Sitten lag nun ich armer Knabe; und dieses Kampfplatzes
Ringkunst brachte es mit sich, dass ich mehr einen Barbarismus fürchtete als
den Neid gegenüber denen, die sich keinen solchen Sprachfehler zuschulden
kommen liessen, wenn ich deren beging. Ich erzähle dies und bekenne dir, mein
Gott, was mein Lob ausmachte bei denen, deren Wohlgefallen mir damals als
Beweis meiner ehrenvollen Lebensführung galt. Denn ich sah nicht den Schlund
der Schande, in den "ich geschleudert war, fern von deinen Augen".
Konnten sie etwas Hässlicheres sehen als mich, da ich sogar meiner Umgebung
missfiel, wenn ich aus Hang zum Spiel, in der Leidenschaft, Schauspiele zu
besuchen und in spielsüchtiger Unruhe nachzuahmen, den Erzieher, meine Lehrer
und Eltern durch unzählige Lügen hinterging? Auch bestahl ich Keller und
Tisch der Eltern, entweder aus persönlicher Naschhaftigkeit oder um mich
meinen Spielgenossen gefällig erweisen zu können und mir dadurch ihre
Spielgesellschaft, ihnen selbst zum Vergnügen, zu erkaufen. Im Spiele aber
erschlich ich mir häufig betrügerische Siege, selbst besiegt von eitler Gier
nach Auszeichnung. Nichts aber konnte ich bei anderen so wenig leiden und
tadelte ich heftiger, wenn ich sie ertappte, als das, was ich anderen tat;
wurde ich aber ertappt und getadelt, so raste ich lieber als dass ich
nachgab. Ist das noch kindliche Unschuld? Nein, o Herr, das nicht, ich flehe
dich an, mein Gott. Denn im Wesen bleibt es doch dasselbe, ob man als Knabe
Erzieher und Lehrer um Nüsse, Kugeln und Sperlinge oder als Mann Präfekten
und Könige um Geld, Landgüter und Sklaven betrügt - nur folgen später der
Rufe schwerere Strafen. Der Demut Bild hast du also, unser König, in der
kindlichen Gestalt uns vorgehalten, als du sagtest: "Ihrer ist das
Himmelreich". 20. Augustinus dankt für das Gute, das ihm schon in der Kindheit
zuteil geworden.
Und dennoch
Dank dir, o Herr, dir, dem erhabensten und besten Schöpfer und Lenker des
Weltalls, dir, unserm Gotte Dank, auch wenn ich nach deinem Willen nur das
Alter eines Knaben gelebt hätte. Denn auch damals lebte ich und existierte
und empfand und trug Sorge für die Unversehrtheit meines Herzens, des
Nachbildes der geheimnisvollen Einheit, die mich geschaffen. Mein inneres
Empfinden wache über die Gesundheit meiner Sinne, und selbst bei
geringfügigen Ursachen und beim Nachdenken über Unbedeutendes hatte ich meine
Freude an der Wahrheit. Betrug hasste ich, über ein treffliches Gedächtnis
verfügte ich, an Sprachfertigkeit nahm ich zu, Freundschaft tat mir wohl,
Schmerz, wegwerfende Behandlung, Unwissenheit floh ich. Was ist doch nicht
alles an so einem Lebewesen wunderbar und preiswürdig? Aber das alles sind
Geschenke meines Gottes, nicht ich habe sie mir gegeben: ewige Güter sind es,
die mein Ich ausmachen. Gut ist also auch der, der mich geschaffen; er selbst
ist mein Gut, und ihm juble ich zu wegen all der Güter, die er schon dem
Knaben verliehen. Darin bestand ja meine Sünde, dass ich nicht in ihm selbst,
sondern in seinen Geschöpfen mich und was es sonst an Freude, Grösse und
Wahrheit gibt, suchte; so musste ich in Schmerz, Beschämung und Irrtum
verwickelt werden. Dank dir, meine Süssigkeit, meine Ehre und meine
Zuversicht, Dank dir für deine Geschenke, mein Gott; aber erhalte sie mir
auch! Denn so wirst du auch mich erhalten, und deine Güter werden vermehrt
und vervollkommnet werden, und ich selbst werde bei dir sein, da ich ja auch
mein Sein dir verdanke. Zweites
Buch - 1. Er erinnert sich seiner Jugend und ihrer Fehler.
Ich will die schimpflichen Taten meiner Jünglingsjahre und die fleischlichen Verirrungen meiner Seele mir in die Erinnerung zurückrufen, nicht weil ich sie liebe, sondern damit ich dich, mein Gott, umso mehr liebe. Nur aus Liebe zu deiner Liebe tue ich es, wenn ich in der Bitterkeit des Wiedergedenkens jene überaus nichtswürdigen Wege noch einmal wandle, damit ich deine Süssigkeit schmecke, du nie trügende Süssigkeit, du glückselige, sichere Süssigkeit und mich sammle aus der Zerstreuung, in die ich Schritt um Schritt geraten bin da ich mich von dir, dem Einen, abwandte und in vieles verlor. Denn einst, in meiner Jugend, glühte ich vor Begierde, mich an den niedrigsten Genüssen zu sättigen; verwildern liess ich mich in wechselnden und lichtscheuen Liebeleien, so dass meine Schönheit schwand und ich zur Eiterbeule in deinen Augen wurde, während ich doch mir selbst gefiel und den Augen der Menschen zu gefallen bestrebt war. 2. Das sechzehnte Lebensjahr verfliesst in glühender
Sinnlichkeit.
Und was anderes erfreute mich da, als zu lieben und geliebt zu werden? Aber nicht Seelenbande im lichtvollen Reiche der Freundschaft hielten mich; nein, aus der sumpfigen Begierde des Fleisches und dem Strom der Sinnlichkeit stiegen Nebel auf, die mein Herz so umwölkten und verfinsterten, dass es nicht mehr den hellen Glanz der Liebe von der Dunkelheit der Sinnenlust unterscheiden konnte. Wirr wogte beides in mir, riss meine widerstandsunfähige Jugend durch die Abgründe der Leidenschaften und versenkte sie in einen Strudel von Schandtaten. Mächtig schwebte dein Zorn über mir, ohne dass ich es wusste. Taub war ich geworden infolge des Kettengeklirres meiner Sterblichkeit; das war die Strafe für die Hoffart meiner Seele. Doch immer weiter entfernte ich mich von dir, ohne dass du mir ein Ziel setztest; hin- und hergeschleudert wurde ich, ich schwelgte, ich zerfloss und wallte über in meinen sinnlichen Ausschweifungen, und du schwiegst dazu, o meine späte Freude! Damals schwiegst du, und immer weiter entfernte ich mich von dir, und immer neue Saaten der Schmerzen entsprossen ohne Frucht meiner stolzen Verworfenheit und ruhelosen Ermattung. Wer hätte auch meine Zerrissenheit endigen, wer dem flüchtigen Reiz, den jede neue Erscheinung hervorrief, ein festes Ziel setzen, wer ihrem süssen Zauber Einhalt tun sollen, dass die unruhigen Wogen meiner Jugendzeit im Hafen der Ehe sich brachen und ich mit dem Zwecke, Kinder zu erzeugen, so wie dein Gesetz, o Herr, es vorschreibt, zufrieden war? Du lässest ja unserem dem Tode verfallenen Geschlechfe Samen erwachsen, wie du auch mit sanfter Hand die Dornenqualen, die dein Paradies nicht kennt, milderst. Denn deine Allmacht ist nicht fern von uns, auch wenn wir von dir entfernt sind. Oder hätte ich wenigstens genauer auf die Stimme geachtet, die aus deinen Wolken drang: "Den Stachel des Fleisches werden solche haben; ich aber schone euer" und: |